Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Von Zwergen und Raben

von Alex B
GeschichteAllgemein / P16 / Gen
Bilbo Beutlin Lindir OC (Own Character) Thorin Eichenschild
05.05.2020
11.05.2021
25
86.778
23
Alle Kapitel
48 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
07.05.2020 3.310
 
Kapitel 2

„Ich sag euch, Männer: Mit dem Federvieh stimmt etwas nicht. Da stimmt etwas ganz und gar nicht.“
„Es ist verhext. Ganz sicher!“
„Es scheint etwas zu wissen. Etwas, das uns verborgen bleibt.“
„Ein Zauber liegt auf dem Raben. Ein böser Zauber, der Thorins Geist verwirrt.“
„Es ist nur ein Rabe“, versuchte Balin seine Vettern und Freunde zu beruhigen, warf jedoch einen ebenso skeptischen Blick auf mich. Einige Tage waren sie nun schon unterwegs, hatten das Auenland verlassen und schlugen sich durch wildes, unbewohntes Land Richtung Osten. Sie hatten das Nachtlager aufgeschlagen, ein kleines Feuer brannte und manch einer hatte sich bereits zum Schlafen hingelegt. Oder stellte Vermutungen über mein Wesen an.
Thorin hatte einige Abende damit zugebracht, ein paar Schritte abseits der anderen in die Ferne zu sehen, rastlos auf und ab zu gehen und vor sich hin zu murmeln. Wenn er innehielt, dann nur, um wieder in die Ferne nach Osten zu starren oder mich nachdenklich anzusehen. Ich folgte ihm mit den Augen, versuchte zu verstehen, worüber er in seinen Selbstgesprächen brütete und starrte ihn ebenso an wie er mich. Die anderen Zwerge munkelten bereits, er sei nicht ganz bei Sinnen, sich mit einem Vogel zu unterhalten.
„Ein Rabe, dessen Gesellschaft er mehr schätzt als die seiner Sippe“, bemerkte Fíli mit den üblichen Furchen auf der Stirn und warf mir einen finsteren Blick zu.
„Und du siehst deine Position als Thronfolger durch einen Raben bedroht“, fragte Kíli glucksend und wich dem Schlag gegen seinen Arm aus.
„Ich sage es noch einmal: Es ist nur ein Rabe“, wiederholte Balin und sah die jungen Zwerge mahnend an. Dann ruhte sein Blick besorgt auf Thorin und mir und verriet, dass er sich dessen selbst nicht ganz gewiss war.
„Was war das“, fragte der Hobbit, der uns begleitete, als ein schreckliches Schreien und Quieken ertönte, und sah sich ängstlich um.
„Orks.“
Thorin horchte ebenso alarmiert auf und nickte leicht in meine Richtung. Ich verstand und streckte die Flügel aus, um mich umzusehen.
„Sei vorsichtig“, mahnte er und schnaubte leise als ich ihm zur Antwort den Flügel an den Kopf schlug. Ich kreiste einmal über ihm, begegnete seinem Blick und flog davon.

Es dauerte nicht lange, bis ich etwas entdeckte. Doch es waren nicht die Orks, die ich gesucht hatte. Diese hier waren größer, ritten auf Wargen – riesigen wolfähnlichen Kreaturen, überaus hässlich und mit tödlichen Reißzähnen bewaffnet - und beobachteten die Zwerge aus einiger Entfernung, gaben kaum einen Laut von sich. Ich landete auf einer Kiefer und sah auf die Meute hinab. Und hätte beinah einen entsetzten Schrei von mir gegeben, als ich erkannte, wer sich unter ihnen befand und sie anführte, doch mir blieb jedes Krächzen im Halse stecken. Ein bleicher Ork, die linke Hand, die Thorin ihm einst vom Körper getrennt hatte, durch eine Art Metall-Klaue ersetzt: Azog. Der bleiche Ork aus den Geschichten.  
Ich rührte mich nicht, um kein Geräusch und auf mich aufmerksam zu machen. Und doch musste ich Thorin warnen, so schnell es ging. Vorsichtig balancierte ich auf dem Ast, um eine bessere Sicht auf die Orks unter mir zu haben. Sie sprachen, doch ich verstand nicht viel. Die dunkle Sprache war mir fremd, ich kannte nur wenige Worte. Es ging um die Zwerge, die in der Nähe rasteten, so viel verstand ich. Ich stieß mich vom Ast ab, um zu den ihnen zurückzukehren und sie vor dem zu warnen, was sie beobachtete. Ich konnte nicht abwarten bis Azog sich entschied, seinen Erzfeind anzugreifen.
Ich hatte die Orks kaum hinter mir gelassen, als etwas an mir vorbeizischte. Ich schrie erschrocken auf, schlug schnell mit den Flügeln und versuchte zu entkommen. Dem nächsten Pfeil wich ich mit einem Schlenker nach links aus. Und flog damit in die mir gestellte Falle, denn kurz darauf traf mich ein scharfer Schmerz am Flügel.
    Als ich zu den Zwergen zurückkehrte, standen alle ehrfürchtig vor Thorin. Balin hatte offenbar wieder eine heldenhafte Geschichte erzählt, aber das war angesichts der Lage, in der ich mich befand, und der Gefahr, die den Zwergen drohte, völlig belanglos. Ich hielt auf Thorin zu, stieß hektische Schreie aus und versuchte, mich trotz der Schmerzen, die die Wunde in meinem Flügel mir bereitete, in der Luft zu halten. Ich konnte wohl von Glück reden, dass der Pfeil mir nur einen tiefen Schnitt zugefügt und mich nicht durchbohrt hatte. Thorin fuhr herum als er mich hörte, suchte den Himmel nach mir ab und hastete mir entgegen, die Hände zum Himmel erhoben, um mich aufzufangen.
„Fangt ihn auf“, brüllte er den anderen zu, die nun, die Hände über den Köpfen, eilig durcheinanderliefen, sich gegenseitig des Anrempelns und im Weg Stehens beschuldigten und schließlich übereinander stolperten. Ein wahrlich amüsantes Schauspiel, wenn nicht -

Schmerzen waren das erste, das ich wieder wahrnahm. Das ungeliebte Geschaukel eines Ponys. Schließlich Wärme, die mich umgab, und das Vibrieren, das man bei tiefen Tönen in der Brust spürte. Ich krächzte schwach und heiser, kaum hörbar.
„Durin sei Dank“, hörte ich eine vertraute Stimme erleichtert ausatmen. Ich öffnete leicht die Augen, nur um direkt in Thorins zu sehen. Ich blinzelte und sah mich um, kam langsam wieder zu mir und erinnerte mich zunehmend, was passiert war. Ein Blick auf den schmerzenden Flügel zeigte, dass die Wunde versorgt und der Flügel an meinen Körper gebunden worden, um ihn zu schonen und mich am Fliegen zu hindern. Ich schimpfe darüber, denn ein Rabe musste fliegen.
„Sitz still oder ich lass dich hier“, murrte Thorin, „du kannst nicht fliegen, du bist verletzt.“
Ich funkelte ihn an, er starrte stur auf mich hinab. Ich lag auf seinem Bein, das Sattelhorn bewahrte mich vor einem Sturz. Ebenso wie seine Hände, die über mir die Zügel hielten. Er schüttelte leise seufzend den Kopf als ich mich richtig hinsetzte und hüllte mich mehr in seinen Mantel. Er lächelte sanft als ich ihn wieder ansah, dann wurde seine Miene ernst.
„Was hast du gesehen?“
Ich krächzte aufgeregt, sprang auf und wäre fast vom Pony gefallen, hätte Thorin nicht die Zügel losgelassen und mich mit beiden Händen gepackt. Er hob mich auf Augenhöhe.
„Ruhig, mein Freund. Niemand wird dir etwas antun, solange ich hier bin. Nun sage mir, was ist passiert“, sagte er ruhig während ich in die Tiefen seiner Augen starrte. Dort gefangen, unfähig etwas von mir zu geben, sah ich ihn einfach nur an und hoffte, dass er die Sorge und Angst bemerkte, die mich überkam. Ich wusste nicht, ob er verstand, aber er wirkte beunruhigt als er mich wieder auf seinen Oberschenkel setzte und in seinen Mantel hüllte.
„Raben sind die Vögel unseres Volkes“, hörte ich Balin sagen, der zu Thorin aufgeschlossen hatte, „jemand, der sich dessen gewiss ist, muss ihn entdeckt haben.“
„Ja. Aber kein Ork ist gescheit genug, einen Raben als einen unserer Kundschafter zu erkennen. Sie müssen aus Freude am Töten geschossen haben.“
„Es gibt einen Ork, der dies wissen könnte. Und er würde sich an deinem Verlust erfreuen“, gab Balin zu bedenken, „ich denke, du weißt, wen ich meine.“
„Azog ist vernichtet“, zischte Thorin, „er starb vor langer Zeit.“
Balins Blick wanderte zu mir als Thorin diese Möglichkeit augenblicklich ausschloss. Ich schrie ob seiner Sturheit, diese Tatsache zu erkennen, und schimpfte über seine Blindheit. Thorin zog die Stirn in Falten und knurrte unwirsch als ich mit den Flügeln schlug.
„Sitz endlich still! Ich werde wegen nichts und niemandem anhalten. Nicht einmal deinetwegen“, drohte er und legte abermals die Hände um mich, um mich vor einem Sturz zu bewahren, und hob mich wieder auf Augenhöhe. Ich erwiderte seinen mahnenden Blick, funkelte ihn an, beruhigte mich bei seiner Berührung jedoch bald wieder und gab nur noch ein leises Krächzen von mir. Er setzte mich vor sich auf den Sattel.
„Was sagt denn der Rabe, dass du so ein Gesicht machst“, fragte Kíli grinsend und trabte vorbei, um vorauszureiten und meine Aufgabe des Kundschaftens zu übernehmen.
„Wie geht es ihm“, hörte ich eine Stimme hinter mir und drehte den Kopf. Ich entdeckte den Hobbit, der sich auf seinem Pony nach vorn beugte, um mich anzusehen.
„Er lebt“, gab Thorin knapp Auskunft.
„Das ist gut“, bemerkte der Hobbit, „warum wurde er angegriffen? Er ist doch nur ein gewöhnlicher Rabe, oder nicht? Warum sollte jemand einen Raben angreifen?“
„Nichts an ihm ist gewöhnlich“, entgegnete Thorin und strich sacht über meinen Rücken. „Gar nichts, Meister Beutlin. Er ist ein besonderes Tier, intelligent und wachsam. Seine Aufmerksamkeit hat mich vor vielen Gefahren bewahrt, sein Schrei mich oft gewarnt. Und er ist an Loyalität nicht zu übertreffen, er begleitet mich seit vielen Jahren.“
„Ihr habt Recht. Ein außergewöhnlicher Vogel“, stimmte Meister Beutlin zu. Ich sah ihn unsicher lächeln als Thorin unvermittelt sein Pony anhielt und den Hobbit finster ansah. Dieser reagierte mit deutlicher Unsicherheit und fragendem Blick.
„Ich schwöre Euch, Meister Beutlin“, begann Thorin leise und doch deutlich, „Ihr werdet Eure Bücher und Euren Sessel nicht wiedersehen, solltet ihr ihm Leid zufügen.“
Bevor der Hobbit antworten konnte, trabte Thorin an und ließ ihn mitten im Tross zurück. Ich schimpfte über das Geschaukel, schlug trotz Schmerzen immer wieder mit den Flügeln, um das Gleichgewicht zu halten. Dass Thorin nicht allzu viel für den Hobbit übrighatte, war kein Geheimnis. Und er machte wahrlich keinen Hehl daraus.

Die Tage vergingen, der Weg erschien mir unerträglich weit und die Welt so groß. Die Ponys kamen zwar schneller voran als es die Zwerge zu Fuß täten, doch das war nichts im Vergleich zur Geschwindigkeit des Fliegens, das ich gewohnt war. Einzig die Nähe, Fürsorge und Wärme, die Thorin mir in diesen Tagen entgegenbrachte, seine sanften Worte und das Lächeln, das seine Mundwinkel umspielte, wenn sich unsere Blicke trafen, ließen mich meine Misere vergessen und etwas Gutes darin finden.
So saß ich eines Abends auf seiner Stiefelspitze während er aß, was auch immer Bombur
– der dickste Zwerg, den ich je gesehen habe – dieses Mal zubereitet hatte, und beobachtete ihn. Löffel um Löffel leerte er die Suppe, wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und sah mich fragend an als ich ihn leise ankrächzte. Er schmunzelte nur.
„Bombur“, rief er und hielt diesem die Schüssel hin, um eine zweite Portion zu bekommen. Ich hüpfte auf sein Schienbein, kämpfte einen Moment um Gleichgewicht und wanderte sein Bein hinauf bis zu seinem Knie. Vorsichtig stellte er das Bein auf und lächelte, als er mir einen Bissen Suppenfleisch hinhielt. Hungrig schnappte ich danach und schlang es hinunter, sah ihn wieder an. Thorin grinste, fischte immer wieder Fleisch, Gemüse und Wurzeln aus der Schüssel und teilte sein Abendessen mit mir. Er hob mich schließlich auf seine Schulter, wo ich mich nach der Säuberung meines Gefieders niederließ, um in seine Halsbeuge geschmiegt zu schlafen. Er erzählte mir leise zum wohl tausendsten Mal von Erebors Hallen, seinem unermesslichen Reichtum und den großen Festen, die einst dort gefeiert wurden, und ich blinzelte bald.
„Hurun ganat“, wünschte Thorin mir leise einen geruhsamen Schlaf als er bemerkte, dass ich mich kaum noch wach halten konnte. Ich streckte den gesunden Flügen, strich so mit den Schwingen über seine Schulter und seinen Nacken und schloss die Augen.
Mein Schlaf wurde noch ehe er mich richtig übermannt hatte jäh unterbrochen als Kíli und Fíli, die die Ponys bewachen sollten, heraneilten und von Trollen sprachen. Ich sah mich um, konnte jedoch von meiner niedrigen Position aus nichts entdecken. Stattdessen krächzte ich kurz erschrocken auf als Thorin mich packte, aufsprang und die Zwerge zu den Waffen rief, ehe er mich auf seinen Satteltaschen absetzte und selbst zu Schwert und Schild griff. Kurz darauf war ich allein, krächzte unsicher und sah mich um. Ich war zu nah am Boden, dies war kein sicherer Ort für mich. Ein Rabe, der nicht fliegen kann, ist ein toter Rabe.

Die ganze Nacht wartete ich auf die Rückkehr der Zwerge und des Hobbits und sah daher voller Erwartung auf als ich Schritte hörte. Ich erkannte den Zauberer, der sich im verlassenen Lager umsah, ehe er mich entdeckte und zu mir hinübereilte.
„Sag mir, was ist geschehen“, fragte er und beugte sich zu mir hinunter. Ich legte den Kopf schief und musterte ihn ebenso, krächzte ein paar Mal. Und der alte Mann schien zu verstehen, was ich gehört und gesehen hatte. Er fuhr herum und eilte davon, sein Umhang wehte hinter ihm her als er zwischen den Büschen und Bäumen verschwand. Ich stieß ein paar Schreie aus. Klagend, dass ich zum Warten verurteilt wurde. Klagend, dass ich Thorin nicht helfen konnte. Hoffend, dass der Zauberer ihn fand. Hoffend, dass mein Herr wohlauf war und zu mir zurückkehrte.

Bevor ich sie sehen konnte, hörte ich sie: Die Zwerge kamen ins Lager zurück. Ihre Stimmung schien ausgelassen, ich hörte sie sich etwas zurufen und Gelächter. Erleichtert krächzte ich auf, spürte die Anspannung von mir fallen als ich erkannte, dass offenbar niemand verletzt war. Und entdeckte endlich Thorin, der grinsend neben dem Hobbit herlief und ihm auf die Schulter klopfte, ehe er sich an den Zauberer wandte. Ich stieß einen Schrei aus, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen, denn mit dem Zauberer würde er auch später noch reden können. Mich davon zu überzeugen, dass er unverletzt war, war wichtiger. Thorin sah auf, atmete erleichtert aus und grinste kurz, vergaß sein Gespräch mit dem Zauberer und eilte durch das Lager auf mich zu. Er schloss vorsichtig die Hände um mich und hob mich hoch. Ich bedachte ihn mit dem üblichen liebevollen leisen Gekrächze und Schnabelklickern, dass ich nur für ihn übrighatte, und sah ihm in die Augen.
„Es geht mir gut“, brummte er, so dass ich die Federn aufstellte.
„Ah“, hörte ich den Zauberer sagen, der hinter Thorin stand und mit einem breiten Lächeln auf mich hinabsah. „Dieser Rabe ist wahrhaftig ein außergewöhnlicher Gefährte, Thorin.“
„Ja“, stimmte dieser zu, brachte mich näher an sein Gesicht und lächelte breit, „das ist er.“
Ich schnappte nach seinen Haaren, wollte ihm mein Missfallen darüber, dass er mich die ganze Nacht verletzt und wehrlos, krank vor Angst und Sorge zurückgelassen hatte, deutlich machen. Aber er verstand nicht, sah mich nur weiterhin an. Ich krächzte ihm weiterhin leise zu als er mir über das Gefieder strich und mich schließlich wieder auf die Satteltasche setzte, ein leichtes Lächeln auf den Lippen.
„Balin“, rief er den alten, gutmütigen Zwerg zu sich, „wie steht es um seinen Flügel?“
Balin stapfte zu uns hinüber, löste den Verband und besah sich die Wunde, bewegte vorsichtig meinen Flügel, studierte meine Bewegungen.
„Ich denke“, begann er und lachte auf als ich mit den Flügeln schlug und demonstrativ vor seinem Gesicht herumflatterte ehe ich ins Wanken geriet und Thorin mich aus der Luft griff, damit ich nicht abstürzte. „Ich denke, er wird bald wieder fliegen.“
Thorin brummte zufrieden, legte Balin eine Hand auf die Schulter, um stumm seinen Dank auszudrücken, und packte schließlich ein paar Habseligkeiten zusammen.

„Es ist ungewöhnlich für Trolle, sich so fernab des Gebirges aufzuhalten.“
„Dann muss es in der Nähe einen Trollhort geben. Nehmt mit, was ihr tragen könnt! Unnötigen Ballast lasst hier! Beeilt euch!“
Die Zwerge bewaffneten sich, nahmen mit, was sie tragen konnten, und machten sich auf die Suche nach dem Trollhort. Ich saß auf Thorins Schulter und beobachtete die Umgebung, konnte jedoch nichts entdecken, das auf eine Gefahr hinwies. Trotzdem sah Thorin mich immer wieder aufmerksam an, vertraute auf meine frühen Warnungen. Die Suche nach der Behausung der Trolle fand am Rande des Waldes schnell ihr Ende und ich sah die Zwerge einen nach dem anderen in einer Höhle verschwinden, wo sie allerlei Wertvolles fanden. Ich protestierte als Thorin auf den Eingang zuging, denn auf der Erde zu sein, war bereits schlimm genug. Auch noch darunter zu sein, war eine grauenvolle Vorstellung, die ich für nichts in der Welt Realität werden lassen wollte.
„Verzeih mir“, bat Thorin mit einem schiefen Lächeln, setzte mich auf einem niedrigen Ast ab und betrat den Trollhort. Ich hörte die Zwerge sprechen, vernahm ab und an Worte des Zauberers, hörte das bekannte Geräusch von Schwertern, die gezogen wurden. Aufmerksam sah ich zum Höhleneingang, doch es drang kein Kampfgeschrei oder Waffenklirren zu mir. Sie unterhielten sich weiter wie bisher. Dafür erregte etwas Anderes mein Interesse. Es raschelte im Gebüsch, der Boden vibrierte kaum merklich. Etwas näherte sich schnell und kam direkt auf die Gemeinschaft zu, die gerade wieder aus der Höhle trat. Ich stieß einen Warnschrei aus, Thorin zog augenblicklich das Schwert, das er aus dem Trollhort mitgenommen hatte, und sah in die Richtung, in die ich starrte. Die Zwerge zogen ebenfalls ihre Waffen, Kíli spannte den Bogen. Ich spürte die Anspannung, die in der Luft lag und die das Ungewisse mit sich brachte. Kurz darauf preschte etwas aus dem Gebüsch und kam vor den Zwergen zum Halt, stieß dabei gegen den jungen Baum, auf dem ich saß, so dass ich ins Wanken geriet und eilig mit den Flügeln schlug.

„Radagast“, bemerkte Gandalf erfreut und erleichtert zugleich und begrüßte den anderen Zauberer, der auf einem von Kaninchen gezogenen Schlitten durch den Wald gejagt war. Ich warf ihm meine Beschwerde darüber, mich beinah vom Baum gestoßen zu haben, entgegen.
„Entschuldige“, erwiderte er, „aber das hier ist wichtiger als du.“
Empört plusterte ich mich auf und warf auf Unterstützung hoffend einen Blick zu Thorin. Dieser musterte den braunen Zauberer und ging langsam zu mir hinüber, um mich wieder auf meinen Platz auf seiner Schulter zu lassen. Während ich mich weiterhin aufplusterte und Thorin mir zur Beruhigung leicht über das Gefieder strich, sprach Radagast von einer dunklen Macht, Spinnen, und Dingen, die ich nicht verstand. Ein Heulen in der Nähe ließ alle zusammenzucken und sich hektisch umsehen: Warge, ganz in der Nähe. Ihre Anwesenheit hatte die Ponys in Panik davonlaufen lassen. Die Zwerge würden ihnen zu Fuß niemals entkommen können, das wussten sie genauso gut wie ich und die Zauberer. Radagast sprach davon, sie abzulenken und von den Zwergen wegzulocken.
„Thorin! Gib ihm den Raben“, rief Gandalf und lief bereits los.
„Nein“, gab Thorin schlicht zurück. Ich grub die Krallen tiefer in seinen Mantel, denn ich dachte nicht daran, mich von ihm zu trennen und ihn seinem Schicksal zu überlassen.
„Sei kein Narr“, polterte der Zauberer, „er kann immer noch nicht wieder fliegen.“
„Dann trage ich ihn! Ich werde ihn nicht irgendeinem Waldschrat überlassen, dessen Geist von Pilzen und Pfeifenkraut vergiftet ist.“
„Gib schon her“, mischte Radagast sich ein und streckte bereits die Hände nach mir aus. Ich stieß einen Schrei aus und schlug mit dem Flügel, um ihm zu entkommen. Thorin brachte mich mit einem Schritt zur Seite aus der Reichweite des Zauberers, der nun mit einer meiner Schwungfedern in der Hand vor ihm stand.
„Man bewahre mich vor der Sturheit der Zwerge“, schimpfe Gandalf, „wir haben keine Zeit! Dein Starrsinn wir uns alle das Leben kosten. Jetzt überlass Radagast den Raben, Thorin!“
Thorins Augen huschten zwischen den beiden Zauberern hin und her, das Schwert noch immer in der Hand und zur Verteidigung erhoben. Das Heulen der Warge kam näher.
„Onkel“, versuchte nun Fíli ihn zu überzeugen, „stellst du einen Raben wirklich über uns alle? Dein Volk? Deine Sippe? Deine eigenen Neffen?“
„Thorin“, schloss Balin sich den Überzeugungsversuchen an, „wir alle wissen um deine Verbundenheit zu diesem Raben. Aber ich bitte dich, trenne dich von ihm. Um unser aller willen und Überleben! Thorin – “
Weiter kam er nicht, denn ich hatte mich von Thorins Schulter abgestoßen und fiel eher, als dass ich schwankend flog, zum Schlitten des braunen Zauberers. Nach einer holprigen Landung wandte ich mich zu Thorin um und sah ihm in die Augen. Er starrte mich an, Unverständnis und Schmerz in seinen Augen, und schüttelte den Kopf.
„Nein“, hauchte er und sah mich bittend an.
„Lauf“, brachte ich heraus als die Kaninchen bereits losrannten, um die Orks auf ihren Wargen von der Spur der Zwerge abzulenken und in die falsche Richtung zu führen.

Thorin, der meine ausgerissene Schwungfeder aufgehoben hatte und in seiner geballten Faust hielt, während er Radagast hinterher sah, und schließlich um sein Leben rannte, war das letzte, das ich sah, ehe er mein Blickfeld verließ.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast