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Von Zwergen und Raben

von Alex B
GeschichteAllgemein / P16
Bilbo Beutlin Lindir OC (Own Character) Thorin Eichenschild
05.05.2020
24.11.2020
21
74.615
18
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11.10.2020 2.902
 
Shamukh meine lieben Lesenden,

die Reise zum Erebor geht (endlich) weiter. Bitte verzeiht, dass das neue Kapitel nicht allzu lang ist, doch neben Umzugsstress, entzündeten Augen und dem üblichen Wahnsinn habe ich meine übliche Schreibzeit eher mit geschlossenen Augen verbracht. Ich bin froh, euch wenigstens eine kleine weitere Etappe auf Diȃs und Thorins Weg mitnehmen zu können.
In diesem Sinne und getreu dem Motto "In der Kürze liegt die Würze.": Viel Spaß! :)

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Kapitel 18

„Lasst die Ponys frei und schickt sie zu ihrem Herrn zurück“, rief Gandalf und ich konnte nicht verhindern, dass er trotz seines lauten Ausrufs wie ein grummeliger alter Mann auf mich wirkte, der zum tausendsten Mal in seinen Bart nuschelte, dass man ihn doch endlich in Ruhe lassen und nicht mit unwichtigen Belangen behelligen sollte. Leise äußerte ich meinen spontanen Eindruck, so dass nur Thorin mich hören konnte. Zumindest hoffte ich das, denn dieser Zauberer, seine Absichten und sein Wissen über Dinge und Geschehnisse, die uns allen unbekannt blieben und über die er uns womöglich auch nie aufzuklären gedachte, waren mir noch immer ein Mysterium, das ich von Zeit zu Zeit misstrauisch beäugte. Wie viel dieser vermeintlich alte, teils geradezu zerbrechlich wirkende Mann mit seinem Stock tatsächlich bemerkte und wahrnahm, konnte ich nicht einmal erahnen. Doch er schien mich dieses Mal tatsächlich nicht gehört zu haben, denn er beachtete mich nicht einmal. Thorin hingegen lachte leise auf und warf einen Blick zu Gandalf, ehe er dem Pony, das ihn zum Rand des Düsterwaldes getragen hatte, das Gepäck abnahm. Ich wartete auf dessen Kruppe sitzend darauf, dass die Reise weiterging.

Besagter Herr, zu dem die Zwerge ihre geliehenen Tiere zurückschicken sollten, hatte uns den ganzen Weg über nicht aus den Augen gelassen. Zwar hatte er stets Abstand gehalten, doch er schien nicht sicher zu sein, ob er den Zwergen wirklich trauen konnte und er seine Ponys je wiedersehen würde. So war Beorn bis zum Rand des Waldes als der riesige Bär, dessen Gestalt er annehmen konnte, hinter uns her getapst und ließ sich nun auf einem Hügel nieder, um das Geschehen zu beobachten. Die Zwerge hatten ihn nicht bemerkt, bis Bilbo sie auf einen Schatten und Bewegungen im Dunkeln aufmerksam gemacht hatte. Unruhe war im Lager ausgebrochen als die Zwerge sich zunehmend in Rage redeten („Alles nicht natürlich!“, „Er wird uns fressen!“, „Wir sollten ihn zuerst töten!“ und derlei Sätze waren gefallen), ehe Thorin sie zur Ruhe gerufen hatte. Ich hatte Beorn bereits kurz nach unserem Aufbruch von seinem Haus entdeckt als er der Spur der Ponys und so auch der Zwerge gefolgt war und war zu ihm geflogen, doch er hatte nur gebrummt und geschnauft. Auf Thorins Arm sitzend hatte ich diesem von unserem friedlichen Verfolger berichtet und Beorn fortan immer wieder beobachtet, doch er hielt den immer selben Abstand. Gandalf hingegen hatte (natürlich) gewusst, dass Beorn uns folgte, und lobte Bilbos Aufmerksamkeit. Der Hobbit wirkte daraufhin ein wenig verlegen, denn manche Zwerge schienen dadurch beleidigt, dass Gandalf sie offenbar für einfältig und leichtsinnig hielt.

„Sieht nicht gerade einladend aus“, bemerkte Kíli als er neben Thorin trat und zum Waldrand sah. Ich folgte seinem Blick und stellte unwillkürlich die Federn auf. Hohe Baumwipfel, die von der Sonne angestrahlt hellgrün leuchten sollten, gab es hier nicht. Die Blätterdecke dieses Waldes war dunkelgrün und dicht, kaum ein helles Blatt war zu sehen und wenn es welche gab, wirkten sie unnatürlich und fehl am Platz. Als wären sie der Makel in dem ganzen unwirklichen Bild, das sich vor uns erstreckte. Weder zur einen noch zur anderen Seite war ein Ende in Sicht, so dass der kürzeste Weg tatsächlich durch das Grün vor uns zu führen schien. Dicke, tief hängende Äste, bewuchert von Efeu und Misteln, bildeten zusammen mit irgendwelchen Sträuchern, die mir unbekannt vorkamen, ein undurchdringliches Dickicht und schienen sich gierig dem Licht entgegenzustrecken, das ihre eigenen Schatten nährte. Der Wald schien alles Hell zu verschlingen, das ihn berührte, und ich warf einen unsicheren Blick zu Thorin, der bereits unwillig die Zähne zusammenbiss.
„Es ist nur ein Wald“, brummte er schließlich und trat durch das hohe Gras auf eben diesen Wald zu, auch wenn ihm die Aussicht, ihn zu durchqueren, ebenso wenig gefiel. Gandalf war bereits hinter den ersten Bäumen verschwunden und stürmte plötzlich zwischen ihnen hervor, hastete zurück zu dem Pferd, das Beorn ihm gegeben hatte, und verschwand daraufhin ohne eine weitere Erklärung, die irgendeiner von uns nachvollziehen konnte.
„Hat ihn etwa ein Eichhörnchen angeknurrt“, fragte ich sarkastisch, denn was die letzten Male alles geschehen war, wenn der Zauberer die Zwerge verlassen hatte, wollte ich mir nicht allzu bewusst ins Gedächtnis rufen.
„Vorwärts! Und bleibt auf dem Pfad“, entschied Thorin, ohne auf meine Bemerkung einzugehen, und betrat entschlossen den Wald. Die Zwerge folgten ihm im Gänsemarsch, tuschelten leise und ermahnten sich gegenseitig, den Pfad nicht zu verlassen.

„Nichts“, berichtete ich missmutig als ich nach einigen kurzen Erkundungsflügen wieder auf Thorin Schulter landete. „Ich komme kaum durch das Blätterdach, um zu sehen, wo der Wald endet. Ich finde euch kaum wieder, wenn ich bis in die Wipfel fliege. Und ich kann kaum weiter sehen als ihr hier unten. Tut mir leid, Thorin. Ich bin dir keine Hilfe.“
Thorin schüttelte leicht den Kopf und strich über mein Gefieder.
„Mach dir keine Vorwürfe, dieser Wald ist krank und unnatürlich. Es gibt kein Licht, keine Luft, keinen sicheren Weg hindurch. Ich bin froh, dich wieder an meiner Seite zu wissen, und nicht irgendwo in diesem verseuchten Dickicht. Auch, wenn uns deine Augen und deine Flügel hier nicht nützen, so kannst du mir doch beistehen.“
„Das werde ich“, versprach ich und schnappte nach der silbernen Perle, die er grinsend aus meiner Reichweite brachte, ehe er sich wieder auf den Weg vor sich konzentrierte. Dwalin war stehen geblieben und klopfte mit dem Stiel seiner Axt auf den Boden. Dumpf hallte der Aufprall vom Waldboden wieder, doch als Dwalin sich ein wenig umwandte, war der Klang von Holz auf Stein unverkennbar. Thorin nickte seinem Freund und Vetter zu, der daraufhin dem von Laub verborgenen gepflasterten, vermutlich wörtlich steinalten Elbenweg folgte.

Ich weiß nicht, wie lange wir durch den Wald irrten. Ob es Stunden, Tage oder Wochen waren, doch es schienen ganze Unendlichkeiten zu sein. Welche Ereignisse in welcher Reihenfolge stattgefunden hatten, kann ich demnach auch kaum mit Sicherheit sagen. Wann Thorin auf den weißen Hirsch geschossen hatte. Wann wir die zerfallene Brücke erreicht hatten und die Zwerge und Bilbo den Fluss an hinüberwuchernden Ästen und Sumpfgestrüpp überquert hatten. Kein Luftzug, kein Windhauch hatte mein Gefieder gestreift. Das immer gleiche gedämpfte Licht hatte mich jedes Zeitgefühl und die Orientierung verlieren lassen. Immer wieder hatte ich versucht, durch das Dickicht zu fliegen, doch ich fand keinen Weg hinauf. Das Blätterdach war dicht und von Misteln und anderem Gestrüpp durchzogen, so dass ich mich hoffnungslos verfangen hätte, hätte ich auch nur versucht, mich hindurch zu kämpfen. Und so verlor ich neben Zeitgefühl und Orientierung auch zunehmend den Mut, diesen Wald jemals wieder zu verlassen.

Doch mir erging es nicht allein so: Die Zwerge wurden zunehmend mürrischer (eine verblüffende Tatsache, wenn wir mal ehrlich sind) und zänkischer, redeten zunehmend wirres Zeug und schienen demnach auch den Verstand zu verlieren. Auf einem Ast sitzend beobachtete ich die unter mir vorüberziehenden Zwerge und Bilbo. Dieser sah sich bald ungläubig über die Schulter um, kniff immer wieder die Augen zusammen und schüttelte den Kopf als würde er etwas sehen, das es sicher nicht geben konnte. Ob er halluzinierte? Gut möglich, denn ich hielt mich von den Zwergen lieber fern, seit ich ungläubig mit angesehen hatte, wie Fílis Bartzöpfe sich vor meinen Augen in saftig aussehende, dicke Maden verwandelt hatten. Ich war bereits drauf und dran gewesen, nach ihnen zu schnappen, hatte die Flügel erhoben, um mich auf Fílis Bart zu stürzen. Seine an Thorin gerichteten Worte („Sie sieht mich an, als wär‘ ich was zu Essen!“) nahm ich nur am Rande wahr.
„Essen“, wiederholte ich stattdessen und fixierte eine der vermeintlichen Maden.
„Diȃ“, hörte ich Thorins Stimme dumpf wie durch einen Sturm hindurch. „DIȂ!“
Ich stutzte ob Thorins erschrockenem und doch herrischem Ausruf und blinzelte ein paar Mal als sei ich aus dem Schlaf gerissen worden. Ich saß nicht mehr auf Thorins Schulter, wo ich mich bis vor wenigen Sekunden noch wähnte. Stattdessen klammerte ich mich an Fílis Kragen, die Flügel ausgebreitet, mit denen ich Fílis wirren Haaren nach zu urteilen offenbar heftig geschlagen hatte. Er sah mich entgeistert an, atmete schwer und hatte ebenso wie ich innegehalten. Einen Arm hatte er schützend vor sein Gesicht gehalten, mit der anderen Hand hatte er mich fest im Genick gepackt. Ich wollte mich bereits darüber empören als ich bemerkte, dass ich etwas im Schnabel hatte, und mir siedend heiß wieder die Maden einfielen, die ich glaubte, gesehen zu haben. Verlegen und erschrocken von mir selbst öffnete ich den Schnabel und ließ von Fílis Bart ab, stieß mich mit dem Versuch einer gemurmelten Entschuldigung von seiner Brust ab sobald er mich wieder freigegeben hatte und fürchtete, mir würden vor Scham die Federn ausfallen, die Fíli sich nicht bereits von der Kleidung klopfte und aus seinen Haaren und seinem Bart zupfte.
„Verdammtes Vieh! Ist sie denn verrückt geworden“, hörte ich den jungen Zwerg schimpfen.
„Das sind wir hier doch langsam alle“, bemerkte Kíli, der sich die Schrammen im Gesicht seines Bruders besah. Offenbar hatte ich ihn wahrlich von Sinnen mit Krallen und Schnabel attackiert und war trotz des furchtbar schlechten Gewissens froh, ihn nicht schlimmer verletzt oder gar nach seinen Augen gehackt zu haben.
„Aber du musst zugeben, dass deine Zöpfchen hier wie ein paar dicke Maden aussehen.“
Kíli lachte als Fíli ihn daraufhin murrend von sich stieß, an ihm vorbeistapfte und seinen Weg fortsetzte, ohne ihn oder sonst jemanden nur eines Blickes zu würdigen.
„Was ist denn in sie gefahren? Sie hat uns noch nie angegriffen“, wandte Kíli sich nun an Thorin. Er murmelte eine Antwort, die ich nicht verstand, bückte sich und sah sich nach mir um. Ich wich seinem Blick aus und beobachtete stattdessen, wie er die rabenschwarze Schwungfeder, die ich offenbar verloren hatte, unter seinem Wams verschwinden ließ.

Mit einem verwirrten und entschuldigenden Krächzen und unter den Blicken der ebenso verwirrten und erschrockenen Zwerge war ich auf den nächsten Ast geflogen und seitdem nicht auf Thorins Schulter zurückgekehrt. Ich war noch immer hungrig und durstig, denn es schien kein Leben in diesem Wald zu sein und das Wasser war ungenießbar. Der einzige, der davon nichts mitbekam, war Bombur. Nun fragt ihr euch sicher, wie ausgerechnet Bombur nichts von mangelnder Nahrung bemerken kann. Die Erklärung dafür liegt ihn besagtem Wasser: Er war hineingefallen und schlief seitdem tief und fest, schnarchte gemütlich vor sich hin während vier seiner Freunde ihn durch den Wald schleppten. Wenn ich ehrlich war, beneidete ich ihn ein wenig darum, das alles einfach zu verschlafen, machte mir aber gleichzeitig Sorgen, ob er je wieder aufwachen würde.

Die Diskussion der Zwerge über einen gefundenen Tabakbeutel, der offenbar Bofur gehörte, lenkte meine Aufmerksamkeit zurück ins Hier und Jetzt. Bilbo hatte schließlich bemerkt, dass wir im Kreis herumliefen. Ich hatte es befürchtet, wir hatten den Weg verloren.
„Wenn ich nicht bald Wind auf meiner Haut spüre, sterbe ich“, knurrte Thorin und sah hinauf in die Baumwipfel, die weder Licht noch den ersehnten Wind hindurchließen.
„Führt denn kein Weg aus diesem verdammten Wald“, brüllte Thorin schließlich und ließ mich erschrocken mit den Flügeln schlagen. Wenn er die Nerven verlor, würden die Zwerge erstrecht die Zuversicht verlieren und sich in ihrer Verzweiflung und andauernden Anspannung irgendwann womöglich gegenseitig erschlagen. Bevor der aufkommende Streit in ein handfestes Gemenge ausarten konnte, stieß ich ein paar Schreie aus, um die Zwerge auf mich aufmerksam zu machen so voneinander abzulenken. Und ich war überrascht, dass dieser Trick doch immer wieder so gut funktionierte.
„Beruhigt euch“, bat ich die Zwerge schließlich. „Ich weiß, ihr seid müde und erschöpft, sehnt euch nach frischer Luft und Sonnenlicht. So geht es uns allen, und doch sitzen wir hier mitten in diesem verfluchten Wald! Ohne Zeitgefühl und Orientierung. Ohne zu wissen, ob wir in die richtige Richtung gehen und noch der Sonne gen Osten folgen.“
„Die Sonne“, hörte ich Bilbo nachdenklich wiederholen, ging aber nicht darauf ein.
„Wir müssen weiter! In irgendeine Richtung, nur nicht zurück und nicht stehen bleiben. Wir sind so weit gekommen, haben schon so viel überstanden…“
„Diȃ hat Recht“, kam Dwalin mir zu Hilfe als mir die aufmunternden Worte bereits ausgingen. „Hoch mit euch! Es geht weiter! Los, vorwärts!“
Er scheuchte die Zwerge weiter voran, die nun wieder ein wenig klarer bei Verstand zu sein schienen, wenn auch noch immer unvorstellbar schlecht gelaunt. Ich wechselte einen Blick mit Thorin, doch bei dem gefährlichen Blitzen, das mir aus seinen Augen begegnete, wagte ich nicht, zu ihm zu fliegen. Ich sah den Zwergen einen Moment nach und wollte ihnen soeben folgen und ein paar Äste vorausfliegen, als ich ein leises Rufen vernahm. Irritiert sah ich mich um, konnte aber niemanden entdecken. Und wer sollte mitten in diesem verdammten Wald auch irgendetwas rufen, wenn nicht die Zwerge oder –

„Bilbo“, fragte ich unsicher, ließ den Blick über die voranschreitenden Zwerge gleiten und sah den Weg zurück als ich den Hobbit nicht unter ihnen entdeckte. Ein leises Rascheln und das Knacksen von Zweigen ließen mich schließlich den Blick ins Blätterdach heben. Und tatsächlich, dort oben bewegte sich etwas und rief nach Thorin, Balin, Bofur, Kíli und Fíli.
„Bilbo“, rief ich zurück und suchte einen Weg zu ihm, flog von Ast zu Ast weiter nach oben und sah ihn forschend an als ich zwar seinen Körper fand, sein Kopf jedoch offenbar auf der anderen Seite der Baumwipfel zu finden war. Ich krächzte leise und blinzelte geblendet als Bilbo kurz darauf ein paar Äste beiseiteschob und mich das Licht der untergehenden Sonne traf. Im Gegensatz zum Lichtmangel im Düsterwald, der seinen Namen wahrlich verdient hatte, erschien mir der Sonnenuntergang wie die gleißende Mittagssonne.
„Die Sonne“, rief ich erleichtert und zugleich ungläubig. „Thorin! Die Sonne!“
Aufgeregt suchte ich mir einen Weg zu Bilbo, um seinen bereits geschaffenen Weg an die Luft zu nutzen, drängte mich an ihm vorbei und nahm auf dem dichten Blätterwerk Platz. Einen Moment schloss ich die Augen und genoss die Wärme der letzten Sonnenstrahlen, den leichten Wind in meinen Daunen und streckte die Flügel, schlug ein paar Mal kräftig mit ihnen und stellte fest, dass ich mich seit langem zum ersten Mal wieder richtig wach und regelrecht lebendig fühlte. Ich drehte den Kopf hin und her und sah mich um. Der Wald schien sich endlos in alle Richtungen zu erstrecken und die Zwerge mittendrin umherzuirren.

„Warte hier, ich bin gleich zurück“, trug ich Bilbo auf und erhob mich mit ein paar kräftigen Flügelschlägen in die Luft, um einen besseren Überblick zu bekommen. Ich war nach nur wenigen Metern an Höhe und Flugstrecke zu der Erkenntnis gekommen, dass der Wald sich keineswegs unendlich in alle Richtungen erstreckte, sondern der Baum, auf dem Bilbo noch immer stand und auf mich wartete, lediglich in einer Senke stand und er so nicht über die Ränder des Tals sehen konnte. Der Waldrand blieb ihm so verborgen, obwohl er tatsächlich näher war als ich zu hoffen gewagt hatte. Mit deutlich leichterem Herzen kehrte ich zu Bilbo zurück, der ebenso erleichtert und fröhlich wirkte, wie ich mich fühlte.
„Sieh nur! Dort drüben! Der Einsame Berg! Wir sind fast da“, rief er aufgeregt und ich wandte mich, kaum dass ich gelandet war, in die Richtung, in die er wies. Obwohl ich mich nicht erinnern konnte, jemals dort gewesen zu sein, und mir nur die Geschichten über Erebor, die riesigen Hallen und die unermesslichen Schätze aus Gold und Edelsteinen bekannt waren (schließlich hatte ich sie mein Leben lang immer wieder gehört, wenn Thorin mir oder seinen Neffen davon erzählt oder in Erinnerungen versunken vom Zwergenkönigreich geschwärmt hatte), blieb mein Blick eine Weile ehrfürchtig an dem in der Ferne hoch über den Horizont und die Baumkronen aufragenden einzelnen Berg hängen, der weitab von Gebirgsketten wirkte als wollten selbst die Nebel- und Eisenberge nichts mit der Bestie in seinem Innern zu schaffen haben und hätten ihn deshalb von ihrer Seite verbannt. Wäre er ein Tier gewesen, das in Rudeln, Herden, Schwärmen oder sonstigen halbwegs sozialen Gefügen lebte, hätte ich ihn bemitleidet. Oder je nach Zustand, Größe und anderer Interessenten vermutlich gefressen.

„Was ist das“, riss Bilbo mich aus meinen Gedanken und meinen Blick vom einsamen Berg los. Er hatte immer wieder versucht, Thorin und die anderen auf ihn und das, was er hier oben sah, aufmerksam zu machen, doch sie schienen ihn (und mich offenbar auch) völlig vergessen und ihren Weg in irgendeine Richtung fortgesetzt zu haben. Nun sah er alarmiert und deutlich ängstlich auf das, was vor uns geschah: Die Baumwipfel bewegten sich immer wieder, die Blätter rauschten, zischten, raschelten und flüsterten wie Vorboten eines nahenden Unheils, Äste und Zweige knackten immer lauter als sich etwas schnell und keineswegs darauf bedacht, sich anzuschleichen, auf uns zu bewegte. Mir kam prompt Radagast in den Sinn, doch der jagte auf einem von Kaninchen gezogenen Schlitten durch einen anderen Wald und würde wohl kaum die Baumkronen derartig zum Wanken bringen.
„Was es auch ist, es scheint groß und hat keine Angst, entdeckt zu werden.“
„Und was könnte das sein“, fragte Bilbo mit leicht zittriger Stimme.
„Ich weiß es nicht“, gestand ich. „Aber wir sollten nicht warten, bis es uns erreicht. Schnell! Runter vom Baum! Wir müssen die Zwerge finden, bevor es jemand oder etwas anderes tut!“
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