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Von Zwergen und Raben

von Alex B
GeschichteAllgemein / P16
Bilbo Beutlin Lindir OC (Own Character) Thorin Eichenschild
05.05.2020
24.11.2020
21
74.615
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29.09.2020 3.750
 
Hallo meine Lieben!

Verzeiht die längere Pause, es ist einfach so viel los bei mir. Viel passiert, viel zu planen und zu organisieren. Da kamen unser Zwergenkönig und seine gefiederte Begleitung leider ein wenig zu kurz. Doch nun geht die Reise endlich weiter ...nun ja, genau genommen gibt es kleine Verschnaufpause, doch wer wird denn so kleinlich sein?)

Meinen Dank an meine beiden treuen Review-Schreiberinnen, ihr seid die besten! Ich hoffe, ihr bekommt bald Gesellschaft und ich kann weitere Kommentare beantworten, denn das ist schließlich die halbe Miete. :)


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Kapitel 17

Ich schreckte aus dem Schlaf als ich ein Geräusch von draußen hörte. Ein Zischen, ein Krachen, ein dumpfer Aufschlag und ein Klappern. Es waren immer dieselben Geräusche, die sich wiederholten, und die ich schnell zuordnen konnte: Jemand hackte Holz. Erleichtert darüber, dass wohl keine Gefahr drohte, setzte sich mich auf und streckte die Flügel. Mein Blick fiel auf Thorin neben mir, der zwar reglos dalag, aber nicht mehr schlief. Offenbar hatten die Geräusche auch ihn geweckt, denn er lauschte ihnen und setzte sich schließlich leise auf als ich auf das Fensterbrett flog und vorsichtig hinaussah.
„Ich sehe niemanden“, berichtete ich leise. „Vermutlich ist er hinter dem Haus.“
„Vermutlich“, stimmte Thorin mir zu und stand auf, um ebenfalls aus dem Fenster zu sehen, wich jedoch ebenso wie ich zurück als eine Hummel, die beinah so groß war wie ich selbst, mit einem tiefen Summen und Brummen der Flügelschläge durch das Fenster ins Haus flog.
„Was ist das für ein Zauber?!“
„Dieser Ort ist unnatürlich! Alles daran!“
„Unsinn“, beschied Gandalf und beendete so das aufkommende Durcheinander als die Zwerge einer nach dem anderen erwachten und der riesigen Hummel auswichen. Nach einiger Diskussion und wildem Gerede wollte Gandalf unserem unfreiwilligen Gastgeber gegenübertreten. Auf sein Zeichen hin sollten die Zwerge jeweils zu zweit aus dem Haus treten und Beorn, der noch immer Holz zu hacken schien, vorgestellt werden (abgesehen von Bombur, der, da musste ich Gandalf zustimmen und Bombur selbst entsprechend nicken, für zwei zählte und daher allein vortreten sollte). Kaum, dass Gandalf in Begleitung von Bilbo aus dem Haus getreten waren, bezog Bofur Stellung am Fenster, um von dort Gandalf zu beobachten und auf sein Zeichen zu achten. Aufgeregt berichtete er, was vor sich ging, und interpretierte munter drauf los und ins Blaue ratend Gandalfs Gebaren.
„Welches Zeichen habt ihr vereinbart“, fragte ich Thorin leise, der bereits einen Moment lang ergeben die Augen schloss und tief durchatmete als Bofur bereits die ersten Zwerge losschickte. Ich krächzte kurz amüsiert, denn er bestätigte so prompt meine Vermutung: Gandalf hatte nicht präzisiert, wie dieses Zeichen aussehen sollte, das er geben wollte.

„Los, los, los“, scheuchte Bofur kurz darauf die nächsten vor die Tür. Ich hörte Thorin leise seufzen und nahm meinen Platz auf seiner Schulter ein. Er warf mir einen Blick zu, schwieg jedoch. Ich spürte die Anspannung, unter der er stand, denn seine Freunde und Vettern diesem riesigen Mann, der sie letzte Nacht noch als gigantischer Bär gejagt hatte, gegenüberzustellen und darauf zu vertrauen, dass Gandalf die passenden diplomatischen Worte fand und die Zwerge nicht wie so oft wegen des kleinsten Missverständnisses aus der Haut fuhren, ließ ihn (und wer konnte es ihm verübeln?) alles andere als in sich ruhen. Ich grub die Krallen in Thorins Schulter und zwinkerte ihm zu als er mich ansah.
Von draußen war neben Gandalf, der nach und nach die Zwerge vorstellte, Beorns überraschtes, zunehmend ungläubiges und wohl auch ein wenig gereiztes Brummen zu hören. Offenbar mochte er keinen unangekündigten Besuch. Und auch keine Zwerge.
„Los“, schickte Bofur daraufhin die letzten Zwerge los und stolperte ebenso zur Tür hinaus. Thorin folgte ihnen langsam und bedächtig, hielt dem Blick des deutlich überrumpelten Gestaltwandlers, der seine Axt zur Verteidigung erhoben hatte, mühelos stand und zeigte keinerlei Anzeichen irgendeiner Gemütsregung bis –
„Du“, knurrte Beorn plötzlich und verstärkte den Griff um seine Axt als er mich auf Thorins Schulter erblickte. Dieser hatte die Arme vor der Brust verschränkt und musterte sein Gegenüber aufmerksam. Ein unruhiges Raunen war unter den Zwergen zu vernehmen.
„Oh ja“, bemerkte Gandalf mit einem nervösen kleinen Lachen und stellte Thorin vor, als hätte er ihn völlig vergessen und sei ein gewöhnlicher reisender Zwerg.
„Der Zwerg interessiert mich nicht“, gab Beorn zurück und trat einen Schritt auf seine ungebetenen Gäste zu. Ich bemerkte aus dem Augenwinkel, wie Dwalin bereits die Hand um eine seiner Äxte schloss und einen Blick zu Thorin warf, der am anderen Ende der aufgereihten Zwerge stand, Dwalins Blick nur kurz erwiderte, nun ebenfalls langsam zu seinem Schwert griff und Beorn nicht mehr aus den Augen ließ.

„Wer bist du, dass du es wagst, mich anzugreifen“, verlangte dieser nun zu wissen.
„Mein Name ist Diȃ“, antwortete ich noch immer auf Thorins Schulter sitzend, der mir einen kurzen Seitenblick zuwarf. Beorn sah mich einen Moment ungläubig an als er mich klar und deutlich sprechen hörte. Auch, wenn er die Sprache der Tiere verstand (schließlich war er zur Hälfte Bär, nicht wahr?), hatte er wohl nicht damit gerechnet.
„Was hast du mit diesen Zwergen zu schaffen?“
Ich schwieg einen Moment und überlegte hastig, was ich darauf antworten sollte, ohne dass Beorn mich und die Zwerge für verrückt hielt. Die Geschichte mit meinem Zwergen-Dasein und dem Brunnen in Bruchtal kam also nicht in Frage. Ich entschied mich daher für das, woran ich mich erinnerte. Wer weiß, in welche wirren Aussagen ich mich sonst verstricken würde, die Beorn mir als Lügen vorwerfen könnte.
„Thorin fand mich als Jungvogel, eine Katze hatte mich verletzt. Ich stehe in seiner Schuld.“
„Du bist lange kein Jungvogel mehr, möchte ich behaupten. Was hält dich noch immer an der Seite dieses Zwerges?“
Erneut schwieg ich und warf einen hilfesuchenden Blick zu Thorin. Was sollte ich diesem riesigen Mann vor uns darauf antworten? Die unglaubliche Geschichte, die ich selbst kaum glauben konnte und nach der ich die zukünftige Königin unter dem Berge war? Dass Thorin mich daher nicht mehr aus den Augen lassen würde, um für meine Sicherheit zu sorgen? Dass uns seit unserer ersten Begegnung etwas verband, das keiner von uns beschreiben konnte, uns getrennte Wege jedoch undenkbar erscheinen ließ? Dass ich, obwohl ich als Rabe wohl kaum in der Lage war, so zu empfinden (was dafürsprach, dass besagte unglaubliche Geschichte einen Funken Wahrheit enthielt), ein Leben ohne Thorin als nicht lebenswert erachtete? Dass ich mein Leben für seins geben würde?

„Sprich“, forderte Beorn, des Wartens offenbar überdrüssig.
„Nun“, begann ich und versuchte Zeit zu gewinnen, um nach einer angemessenen Antwort zu suchen. „Ich stand in seiner Schuld und habe mich an seine Gesellschaft gewöhnt. Ich begleite ihn schon zu lange, als dass sich unsere Wege trennen könnten.“
Beorn musterte mich eingehend und ließ mich unter seinem durchdringenden Blick unbehaglich auf Thorins Schulter herumtapsen. Die Stille, die sich zwischen den Anwesenden ausgebreitet hatte, wurde zunehmend unangenehm und beinah unerträglich.
„Diȃ, sagtest du, sei dein Name“, fragte Beorn nach, ohne auf meine Worte einzugehen.
„Ja, das sagte ich. Ich gehöre zu Carcs Volk“, fühlte ich mich gezwungen zu ergänzen.
„Ich habe von dir gehört“, gab Beorn erneut ohne weitere Beachtung meiner Worte zurück, ließ die Axt sinken und ihren scharf geschliffenen Kopf auf das Gras zu seinen Füßen treffen, um sich auf ihren Stiel zu stützen. Ein wenig erleichtert atmete ich auf und bemerkte anhand von Thorins Bewegungen, dass er die Hand vom Schwertgriff nahm und sich immerhin genug entspannte, um die Arme wieder vor der Brust zu verschränken (also gar nicht, nur war er nicht mehr gewillt, sich diesem Hünen vor uns entgegen zu stellen).

Kurze Zeit später hatte Beorn die Zwerge, Bilbo und Gandalf in sein Haus eingeladen und stellte sich als freundlicher, großzügiger Gastgeber heraus, der höchst interessiert den Geschichten lauschte, die Gandalf über die Reise der Zwerge erzählte. Ich fragte mich das ein oder andere Mal, woher er all das wusste (er war nicht einmal bei all diesen Begebenheiten anwesend gewesen), doch ich wagte nicht, danach zu fragen. Besonders den Erzählungen über die erlebten Auseinandersetzungen mit den Orks schienen Beorns Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, doch ich wagte auch ihn nicht nach dem Grund dafür zu fragen. Mir waren längst die alten, von Rost besetzten eisernen Fesseln an seinen Handgelenken aufgefallen, die scheinbar eine ebenso inzwischen rostige Kette zusammengehalten hatte. Ihre Überreste hingen noch von den Handschellen, die sichtliche Narben in Beorn Unterarme geschnitten und gescheuert hatten. Ich fragte mich, wie ein so großer und starker Kerl wie er in Ketten gelegt werden konnte, doch ich stellte auch diese Frage nicht. Wer wusste schon, wie er reagieren würde, und ich wollte ihn keinesfalls erzürnen und dem Bären erneut gegenüberstehen.
Stattdessen hatte ich mich auf der Lehne des Stuhls, auf dem Thorin nun saß, niedergelassen, vertilgte munter sämtliche Leckereien von Beorns reich gedeckter Tafel, die er mir vor den Schnabel hielt (egal, ob Brot, Käse, Fleisch, Nüsse oder Früchte) und lauschte Gandalfs Erzählungen, Beorns Nachfragen und Gedanken zu unseren Zusammentreffen mit den Orks (er befand diese als äußerst dumm).
„Das klingt ja alles sehr…abenteuerlich“, stellte Beorn schließlich fest. „Abenteuerlich, gefährlich und einfältig. Es ist nicht klug, sich mit solch abscheulichen Kreaturen wie Orks einzulassen, wenn man nicht den Kopf verlieren will.“
„Er wird den Kopf verlieren, wenn er uns belehren will“, knurrte Dwalin, der neben Thorin saß und sich mit einem Murren und verschränkten Armen wieder zurücklehnte als dieser ihn ermahnte, seine Waffen zu zügeln und den Gestaltwandler sprechen zu lassen. Dass er seinen Freund ebenso flüsternd zurückhielt, wie dieser ihn angesprochen hatte, verriet mir allerdings, dass Thorin Dwalins Meinung durchaus teilte.

Bevor ich mir jedoch Gedanken darüber machen konnte, ob ich deswegen beunruhigt sein sollte, sprach Beorn mich an.
„Du bist also der Rabe, von dem ich gehört habe. Ich habe viele Vögel darüber sprechen hören, sie hätten einen Raben gesehen, der stets in Begleitung eines Zwerges ist.“
„Nun, wohl eher umgekehrt“, merkte ich an und sah Beorn aufmerksam an als er fortfuhr.
„Sie erzählen sich, dass du für ihn den Weg auskundschaftest, ihn vor Gefahren warnst, auf Wild aufmerksam machst und auch nachts oft über ihn wachst. Das klingt mir nicht nach dem Dasein eines Raben, sondern nach dem eines abgerichteten Haustiers. Eines Gefangenen.“
Ich plusterte mich bei diesen Worten auf und raschelte aufgebracht mit den Federn. Was erlaubte dieser Kerl sich? Was berechtigte ihn dazu, ein Urteil über mein Leben an Thorins Seite zu fällen? Ich wollte bereits zu meiner und Thorins Verteidigung ausholen, als –
„Du bist kein gewöhnlicher Rabe, sagen sie. Einer von Carcs Volk, wie du selbst sagst, fähig die Worte der Menschen, Zwerge und Elben zu verstehen und auszusprechen. Das ist für dein Volk nicht weiter ungewöhnlich, wenn wir ehrlich sind. Also muss es noch etwas anderes geben. Etwas anderes als ein Vorkommnis vor vielen Jahren, das dich an Eichenschild bindet. Etwas, das du nicht preisgeben willst.“
Er musterte mich nachdenklich, doch ich starrte nur stumm zurück. Dieser Bären-Mann schien gescheiter als er aussah, wachsam, aufmerksam und intelligent. Sein Blick bohrte sich in meinen und ich ertappte mich dabei, wie ich in die Mitte der Stuhllehne wanderte, um hinter Thorins Kopf Schutz davor zu suchen. Wie viel wusste Beorn wirklich? Und woher?
„Die Hintergründe für unseren gemeinsamen Weg sollen nicht Teil Eurer Belange sein“, entschied Thorin und richtete sich auf dem Stuhl auf, so dass ich aus Beorns Blickfeld verschwand und er nun Thorin eine Weile schweigend ansah.
„Wie Ihr meint“, gab er sich schließlich gleichgültig, auch wenn er zweifellos noch immer an einer Antwort interessiert war. Statt jedoch weiter nachzufragen, wandte er sich um, griff zu einem riesigen Krug und füllte die leeren Becher der Zwerge. Ich lugte vorsichtig über Thorins Schulter und schmiegte flüchtig den Kopf an seine Wange als er mir über den Bauch strich. Ich wich seiner Hand schließlich aus und schnappte sanft danach, denn mir behagte es ganz und gar nicht, derlei Zuneigung zu zeigen, während dieser riesige Kerl von einem Gestaltwandler, der mir zu sehr an mir und meiner Geschichte interessiert schien, Thorin und mich immer wieder beobachtete.

„Mir gefällt das nicht, Thorin“, brummte Dwalin beim Abendessen. „Er starrt dich immer wieder an, fragt nach dem Band zwischen dir und Diȃ.“
„Nein, mir auch nicht“, gab Thorin leise zurück und musterte Beorn seinerseits. Ich war Thorin den ganzen Tag kaum von der Seite gewichen, denn auch ich hatte die Blicke bemerkt und hatte versucht, den Fragen zu entkommen. Es beunruhigte mich, dass unser Gastgeber, der sich wirklich vorbildlich um den unstillbaren Hunger der Zwerge kümmerte, so ein Interesse an meinem Wesen und meiner Verbindung zu Thorin zu haben schien. Dieser reichte mir wie bei auch beim Frühstück immer wieder einen Happen von seinem Teller, den ich hungrig verschlang. (Ich möchte an dieser Stelle erwähnen, dass ich nicht wie ein Küken den Schnabel aufriss und nach mehr verlangte und schrie. Ich saß lediglich auf der Stuhllehne, ließ Thorin in Ruhe sein Abendessen zu sich nehmen und nahm dankbar an, was er mir davon anbot. Nun, zugegeben, ab und an sah ich doch betont interessiert auf seinen Teller, wenn er gerade zu einem besonderen Leckerbissen griff…)
„Ich schätze, er traut uns nicht“, überlegte ich laut. „Ich glaube nicht, dass er schon einmal einen Raben getroffen hat, der einen Zwerg über hundertfünfzig Jahre lang begleitet hat und ihm nach wie vor nicht von der Seite weicht. Er beobachtet, wie wir miteinander umgehen. Das blinde Vertrauen, das gegenseitige Verstehen ohne Worte, die Nähe und Zuneigung, die wir beim anderen suchen und finden“, versuchte ich zu erklären.
„Hmm“, machte Thorin, die Stirn nachdenklich in Falten gelegt und sich am Bart kratzend.
„Da könnte was dran sein“, stimmte Dwalin mir zu. „Es ist außergewöhnlich und befremdlich anzusehen, wenn man eure lange gemeinsame Geschichte nicht kennt.“
„Ich werde sie nicht mit diesem Gestaltwandler teilen“, entschied Thorin entschlossen.
„Dann werde ich es tun“, verkündete ich und erntete zunächst einen überraschten, dann einen ungnädigen Blick von Thorin. Ich legte den Kopf ein wenig schief, doch er sah mich nur eindringlich an und schüttelte langsam den Kopf, als könnte er es mir verbieten.
„Wir brauchen seine Hilfe, Thorin. Wir haben keine Vorräte, keine wärmenden Decken. Und wie unser weiterer Weg aussieht, wissen wir auch nicht. Vielleicht leiht er euch seine Ponys, damit ihr schneller vorankommt“, gab ich zu bedenken und hielt den mich regelrecht durchbohrenden blauen Augen nur kurz stand.

Bevor Thorin sich Gegenargumente überlegen konnte, stieß ich mich von der Stuhllehne ab und landete auf dem Fensterbrett neben Beorn, der soeben ein neues Fass Bier anstach. Er sah mich an und hielt einen Augenblick inne, widmete sich dann jedoch wieder dem Fass.
„Wollt Ihr noch immer wissen, was Thorin Eichenschild und mich verbindet“, fragte ich als ich ihm ein wenig zugesehen hatte und er zu einem riesigen Schinken und einem großen Messer griff. Auch wenn Beorn Tiere jeder Art schätzte und liebte, war mir der Anblick des scharfen, glänzenden Metalls in seiner Hand nicht geheuer und ließ mich zurückweichen.
„Es interessiert mich sehr“, gab Beorn zu und schnitt den Schinken in noch immer große Stücke, über die die Zwerge sich sicher freuen würden. „Aber Eichenschild ist nicht gewillt, diese Geschichte zu teilen, wie es scheint. Er hängt an dir, lässt dich kaum aus den Augen und wacht ständig über dich als könntest du plötzlich verschwinden. Und du weichst ihm ebenso wenig von der Seite. Da muss mehr sein als dass er dich vor Ewigkeiten vor den Fängen einer Katze gerettet hat. Etwas, das über das Rationale hinausgeht.“
Beorn warf mir einen abschätzenden Blick zu, stellte zwei große Teller voll Schinken auf den Tisch (die Zwerge machten sich natürlich gleich freudig darüber her und ich hoffte, dass Thorin mir trotz seinem Missfallen an meiner Entscheidung ein Stück davon beiseitelegte) und sah mich an die Arbeitsfläche der Küche gelehnt aufmerksam an.
„Ihr habt Recht“, bestätigte ich schließlich seine Vermutung. „Unsere Geschichte geht offenbar weiter zurück, auch wenn ich selbst es kaum verstehen und glauben kann.“
Beorn legte fragend die Stirn in Falten und wandte sich mir zu als ich anfing ihm die Geschichte zu erzählen, die Thorin mir einige Tage zuvor über Bruchtal, einen gewissen Brunnen und die Zeit vor Smaugs Angriff auf den Einsamen Berg erzählt hatte.

Beorn unterbrach mich kein einziges Mal, hörte nur aufmerksam zu und fragte am Ende meiner Erzählung lediglich, ob ich wüsste, wie unglaublich und doch einleuchtend das alles klang. Sein Blick hatte von neugierig zu ungläubig, zweifelnd, verstehend und wieder zurück zu zweifelnd und ungläubig gewechselt, ehe er ihn nachdenklich auf Thorin ruhen ließ. Dieser spürte das auf ihn gerichtete Augenpaar und starrte einen Moment zurück, wandte sich dann jedoch wieder Dwalins üblichem Gebrumme und den darin enthaltenen Beschwerden, Vermutungen, Warnungen und Kommentaren über dies und jenem zu.
„Ein ungewöhnlicher Rabe, in der Tat“, brummte Beorn neben mir. „Eine Elster in Bruchtal scheint eine hohe Meinung von dir zu haben. Ihre Erzählungen über deinen starken Willen und deine Kraft, deinen unbändigen Wunsch, an Eichenschilds Seite zurückzukehren, haben mich lange vor eurer Ankunft hier erreicht. Ihre Verwandten sind ein schnatterndes und tratschendes Volk, aber sie tragen nicht nur beunruhigende Gerüchte über Orks und Warge, die aus dem Norden kommen, weiter.“
Er lächelte als ich verlegen mit den Füßen scharrte und mit den Federn raschelte. Mir fiel nur eine Elster in Bruchtal ein, die all das hätte erzählen können und es bis zu Beorn hatte verbreiten lassen können, und ich war nicht sicher, ob ich wissen wollte, wer auf diese Weise noch von einem Raben gehört hatte, der alles daran setzte, einen Zwerg einzuholen und an dessen Seite zurückzukehren. Nun, Azog und seinem Gesindel stinkender Orks war ich bereits bekannt und solange dieser mich nicht zu fassen bekam, würde ich nicht als Druckmittel dienen. Wer sonst hätte Interesse daran, Thorin in irgendeiner Weise zu erpressen, ihm zu schaden oder ihn leiden zu sehen?

„Was bedeutet dir Eichenschild? Was ist er für dich?“
Ich sah Beorn überrascht an, denn mit solchen Fragen hatte ich nicht gerechnet. Ich dachte einen Moment darüber nach und versuchte, die richtigen Worte zu finden, entschied mich jedoch schnell dafür, einfach das zu antworten, was mir in den Sinn kam.
„Alles“, gab ich daher im Brustton der Überzeugung zurück. „Thorin ist für mich Freund, Gefährte und Zuhause zugleich. Ich fühle mich wohl und sicher bei ihm. Ich –“
Weiter sprach ich nicht, denn was mir in den Sinn kam, war nicht Teil des Wesens eines Raben. Wir fühlten nicht wie die Zwerge, Menschen und Elben, und dennoch schien es mir die einzige Erklärung und das einzig passende Wort für das, was Thorin und mich verband.
„Ich liebe ihn“, fügte ich schließlich leise hinzu und ignorierte den ungläubigen Blick, den Beorn mir zuwarf. Auch er befand es keinesfalls als für einen Raben üblich, von solchen Gefühlen zu sprechen (wenn sie denn überhaupt von Gefühlen sprachen).
„Ein wirklich ungewöhnlicher Rabe“, murmelte er. „Ich ahnte schon, dass du so etwas sagen würdest. Deine Vergangenheit, so unglaublich das alles auch klingen mag, scheint noch immer ein Teil von dir zu sein. Wärst du noch immer diese Zwergin, wärst du sicher eine große Königin geworden, auf die Eichenschild stolz gewesen wäre.“
„Danke“, brachte ich heiser hervor, denn die Vorstellung davon, wie Thorins Leben (und meins) möglicherweise verlaufen wäre, wenn Smaug nicht gewesen wäre, bescherte mir einen Kloß im Hals.
Er hätte glücklich sein können.
Wir hätten glücklich sein können.

„Du bist im Vogelreich bekannt, auch wenn kaum jemand deinen Namen kennt. Selbst die großen Adler erzählen sich von dir. Du sollst ziemlich vorlaut zu ihnen gesprochen haben.“
„Das stimmt wohl“, gab ich kleinlaut noch nicht ganz aus meinen Gedanken zurückgekehrt zu und krächzte leise als Beorn auflachte.
„Du bist ein wahrlich besonderes Geschöpf. Es gehört viel Mut dazu, den Zorn der Adler zu riskieren und mich in meiner Bärengestalt anzugreifen. Und du tust es nicht einmal zu deiner eigenen Verteidigung, sondern für einen Zwerg. Ich schätze Zwerge nicht sonderlich. Sie sind gierig und blind für das Wohl anderer, die sie als geringer erachten. Doch dich scheinen sie zu schätzen. Ich habe gesehen, welchen Respekt sie dir entgegenbringen. Nun, wenn man deinen Erzählungen glauben kann, sollten sie das wohl auch.“
„Thorins Sorge galt mir bereits als er mich fand. Er hat mich über einhundertfünfzig Jahre lang versorgt, sich um mich gekümmert und meine Gesellschaft geschätzt.“
„Ist das so“, fragte Beorn nach und musterte Thorin einen Moment abschätzend. „Vielleicht habe ich die Zwerge falsch eingeschätzt und es sind nicht alle so blind. Diese hier scheinen mir anständige Burschen zu sein, auch wenn sie mir die Vorräte für zwei Jahre verschlingen und wahrlich keinerlei Tischmanieren haben.“
„Hungrig sind sie alle, das stimmt. Doch es sind freundliche, herzliche und treue Gefährten an der Seite ihres Königs, die ihre Heimat zurückerobern wollen. Sie wollen nichts Böses, niemanden berauben und sind dankbar für jede Hilfe, die ihnen entgegengebracht wird.“
Beorn schwieg einen Moment als denke er übe meine Worte nach und läge jedes einzelne auf die Goldwaage, um deren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Statt etwas zu erwidern, sammelte er leere Teller vom Tisch ein, stapelte sie auf der Küchenanrichte und füllte erneut die leeren Becher, die ihm schnell entgegengestreckt wurden. Ich beobachtete wie Ori einen Moment zögerte und unter dem Blick Beorns immer kleiner wurde.
„Verzeiht“, brachte der junge Zwerg schließlich heraus. „Ist noch etwas übrig?“
Beorn füllte stumm den ihm hingehaltenen Becher und nickte Ori kurz zu als dieser sich höflich bedankte. Mein Blick glitt zu Thorin, der die Szene ebenfalls beobachtet hatte und mich nun ansah, als könnte er aus meinen Augen lesen, worüber der Gestaltwandler und ich gesprochen hatten. Ich starrte ihn lediglich stumm an, sah zu Ori und wieder zurück zu Thorin, der daraufhin ebenfalls seinen Becher hob als Beorn neben ihm am Tischende angelangt war und nickte diesem dankend zu als er seinen nun gefüllten Becher abstellte.

„Du hast wohl Recht“, sagte Beorn als er sich wieder zu mir gesellte. „Trotzdem, ich mag Zwerge nicht. Diese mögen eine Ausnahme sein, doch das ändert nichts an ihrem mangelnden Benehmen und der Gier ihres Volkes.“
Das zunehmende Brummen in Beorns Stimme ließ mich angespannt immer wieder Blicke zu Thorin werfen, der sich, alarmiert durch meine Unruhe, langsam im Stuhl aufrichtete und die Augen nicht mehr von Beorn ließ, um beim ersten Anzeichen einer Bedrohung für mich einzuschreiten und notfalls anzugreifen. Ich streckte einen Flügel und schüttelte das Gefieder auf. Ein Zeichen an Thorin, dass er abwarten sollte, und das er nach all den Jahren, die ich ohne Worte meinerseits an seiner Seite verbracht hatte, sogleich verstand.
„Dennoch“, fuhr Beorn fort und wandte sich nun Thorin zu, der ihn noch immer argwöhnisch und abschätzend musterte. „Orks hasse ich mehr. Was braucht ihr?“
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