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Von Zwergen und Raben

von Alex B
GeschichteAllgemein / P16
Bilbo Beutlin Lindir OC (Own Character) Thorin Eichenschild
05.05.2020
24.11.2020
21
74.615
18
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13.09.2020 3.557
 
Hallo meine Lieben!

Hier das späte Wort zum Sonntag, wie immer mit liebem Dank an meine zwei fleißigen Review-Schreiberinnen Hopfenbraut und Fairness, für deren Geschichten ich an dieser Stelle ein wenig Werbung machen möchte. ;)
Ich freue mich jedes Mal über eure Kommentare und würde mich natürlich auch über weitere freuen, so kurz sie auch sein mögen.

Viel Spaß mit der neuen Reiseetappe unserer Zwerge, unseres Hobbits (der zukünftig definitiv ein wenig mehr Aufmerksamkeit erfahren wird), des Zauberers (den scheinbar jeder mindestens ein wenig seltsam zu finden scheint) und natürlich unserer gefiederten Heldin!  


Kapitel 16

Die Sonne war bereits untergegangen und die Suche nach einem Rastplatz für die Nacht wurde soeben auf einer kleinen Lichtung für beendet erklärt, als mir ein Geräusch das Blut in den Adern gefrieren und es kurz darauf in doppelter Geschwindigkeit durch diese hindurchschießen ließ. Das letzte Mal, dass ich dieses Heulen gehört hatte, war ich nach der Begegnung der Zwerge mit den Orks und ihren Wargen krank vor Sorge gewesen, Thorin für immer verloren zu haben. Die Anspannung und Angst, die mich auch nun überkamen, ließen mich die Federn aufstellen und von Thorins Schulter aus den Weg ein kurzes Stück zurückfliegen, um von einem Baum aus Ausschau zu halten. Noch waren sie ein gutes Stück entfernt, doch wenn die Zwerge stehen blieben, würden sie sie schnell eingeholt haben.
„Wir müssen weiter“, rief ich ihnen daher zu als ich zu ihnen zurückflog.
„Wie nah sind sie“, fragte Thorin und schob bereits Bombur an, damit dieser weiterlief.
„Wenn wir rasten, holen sie uns schneller ein, als uns lieb ist. Lauft schon! Nicht stehen bleiben“, trieb ich sie zur Eile an und flog ihnen in Abständen hinterher, um ihren Vorsprung abzuschätzen und die Orks und ihre Warge zu beobachten. Bis spät in die Nacht berichtete ich Thorin über ihr Vorankommen, den möglichen weiteren Weg und ihre Verfolger. Die Zwerge rangen bald nach Atem und ich war immer wieder überrascht, welche Ausdauer dieser alte Zausel von einem Zauberer zu haben schien. Ich hatte mich schließlich ebenso außer Puste auf Thorins Schulter niedergelassen und hoffte, die nächsten fünf Stunden keinen Flügelschlag machen zu müssen. Er strich mir flüchtig über das Gefieder, ich war selbst für das übliche Schnabelklickern und Krächzen zu erschöpft. Als Bilbo, der eindeutig nicht begeistert von der Idee war, dazu auserkoren wurde aufgrund seiner Funktion als Meisterdieb und damit verbundenen Fähigkeiten, sich lautlos und ungesehen zu bewegen, meine Aufgabe zu übernehmen und nach unseren Verfolgern zu sehen, dämmerte es bereits. Während die Zwerge warteten und wie immer, wenn sie nicht gerade aßen, sangen oder Waffen schwangen, anfingen zu streiten, seufzte Thorin gereizt.
„Reg dich nicht auf, du kennst sie doch. Sie sind erschöpft, hungrig, des Laufens müde und der Tod ist ihnen ständig auf den Fersen.“
„Ich weiß“, brummte Thorin leise zurück. „Man sollte meinen, sie hätten sich daran gewöhnt.“
„Wenn sie es hätten, hättest du als ihr König versagt. Aber sie kennen ein anderes Leben, weil sie dir in die Blauen Berge gefolgt sind und sie auf der langen Reise nicht aufgegeben und für sie gekämpft hast. Weil du Erebor für sie zurückerobern und ihnen ihre Heimat zurückgeben willst. Sie glauben an dich, Thorin. Sie glauben an ihren König. Und sie haben die Hoffnung auf ein Leben ohne ständigen Hunger, Erschöpfung und dem Davonlaufen vor dem Tod nicht aufgegeben, sonst wären sie nicht hier.“
Thorin antwortete eine Weile nicht, er schien kaum auf meine Worte zu reagieren. Erst als ich leise krächzte und den Kopf schief legte, sah er mich an. Ein kurzes dankbares Lächeln huschte über sein Gesicht ehe er mir zunickte. Er wollte gerade etwas erwidern als Bilbo still und leise plötzlich wieder in unserer Mitte erschien und berichtete, was er gesehen hatte. Gerade als er sagte, dass da noch etwas anderes sei als die Orks, erklang ein furchteinflößendes Brüllen. Ich tippte auf einen Bären, aber was es auch war…es klang, als sei es den Zwergen viel zu nah. Unruhig tapste ich auf Thorins Schulter hin und her.

Ich gab schließlich dem Drang nach und flog trotz der schmerzenden Muskeln in meinen Flügeln los, um erneut Ausschau zu halten und zu ergründen, was uns noch auf dem Fuß folgte. Es dauerte nicht lange, bis ich meine Vermutung bestätigt sah: Ein riesiger Bär, dessen Schnauze ein paar deutliche Narben von längst vergangenen Kämpfen zierten, stapfte soeben den Hügel hinunter, den die Zwerge vor kurzer Zeit hinabgerannt waren. Die Nase abwechselnd am Boden und in der Luft schnaufte und brummte das monströse Tier immerzu, brüllte offenkundig verärgert über jene, die in sein Land eingedrungen waren. Ich beobachtete, wie er den Kopf in die Richtung wandte, in die die Zwerge gelaufen waren, und schließlich immer wieder unheimliche Laute von sich gebend auf sie zu stapfte. Eilig flog ich zurück und bekam so gerade noch mit, dass Gandalf sie dazu aufforderte, die Beine in die Hand zu nehmen und (schon wieder) um ihr Leben zu rennen. Ich stieß einen Warnschrei aus als der Bär daraufhin aus dem Unterholz brach, wütend brüllte und den Zwergen hinterherjagte. Bombur hatte sich, nun offensichtlich starr vor Entsetzen, noch immer nicht vom Fleck bewegt, doch gerade als ich ihm irgendetwas an den Kopf werfen wollte, dass den fetten Zwerg zum Laufen bewegte, machte er auf dem Absatz kehrt, überholte im Sprint seines Lebens einen seiner ungläubig dreinblickenden Kumpanen nach dem anderen und war bald an der Spitze des Zuges. Sie rannten auf ein großes Haus zu, wahrscheinlich ein Gutshof, wenn man den Geruch der verschiedenen Tiere bedachte. Es brannte Licht, Rauch stieg aus dem Kamin auf und ich hoffte, dass wer auch immer dort lebte einer Horde (hungriger, erschöpfter, entsprechend übellauniger und unvorstellbar stinkender) Zwerge vorübergehend Obdach gewehrte und Gastfreundschaft schenkte.
„Dreh dich nicht um“, rief ich Ori zu, der verängstigt einen Blick über die Schulter warf. Der riesige Bär hatte bedenklich aufgeholt und die Zwerge, die bereits das Haus erreicht hatten, versuchten zunehmend verzweifelt die Tür aufzubrechen. Die traten und schlugen dagegen, beschimpften sich gegenseitig für ihr Unvermögen und traten schließlich beiseite, als Thorin sich einen Weg zur Tür bahnte, den Balken hochhob und neben sich auf den Boden fallen ließ und schließlich die Tür aufstieß (zugegeben, manchmal waren Zwerge nicht die intelligentesten Wesen dieser Welt, wie manch einem sicher schon aufgefallen ist). Erleichtert, dass die meisten bereits vor diesem Untier sicher zu sein schienen, flog ich über die Köpfe der Nachzügler hinweg und landete auf dem Rand des Strohdaches.

„Schließt die Tür“, riefen sich die Zwerge schließlich gegenseitig zu und stemmten sich dagegen als der Bär bereits die Schnauze durch den Türspalt gesteckt hatte, noch immer wütend brüllte und versuchte, einen der Zwerge zwischen die scharfen Zähne zu bekommen.
„He du“, rief ich vom Dach aus, „du stinkendes, haariges Ungetüm!“
„Was hat sie da gesagt“, empörte sich Gloin, der der Tür am nächsten stand und sich offenbar angesprochen fühlte. Seine Empörung ging im allgemeinen Geschrei unter.
„Hier drüben bin ich“, versuchte ich erneut den Bären abzulenken als ich am Boden eine große Eichel entdeckt hatte und sie ihm nun auf den Kopf fallen ließ. Das Tier schnaubte empört und sah auf als ich ihm immer wieder entgegenschrie, wandte sich aber schnell wieder ab. Offenbar befand er einen Raben nicht weiter beachtenswert.
Die Zwerge, die noch immer wild durcheinanderriefen und sich gegenseitig von der Tür wegschubsten wollten, um sie zu schließen, schubsten sich in ihrem Eifer jedoch immer wieder beinah nach draußen. Sie hatten die verdammte Tür trotz der kurzen Ablenkung des Bären noch immer nicht geschlossen, so dass dieser nun wieder versuchte, ins Innere des Hauses zu gelangen, Kopf und Pfoten durch den Türspalt geschoben.
„Bist du so verweichlicht, dass du die Nacht nicht im Freien verbringen kannst? Bist du zu fett, zu faul oder zu dumm, dir einen Fisch zu fangen, dass du versuchst die Vorräte zu plündern? Du bist sicher auch zu langsam, um einen Raben zu fangen.“
Erneut sah der Bär auf, brüllte mir aufgebracht entgegen und schlug schließlich mit der gewaltigen Tatze nach mir, als ich immer wieder um seinen Kopf flog und mit dem Schnabel nach ihm hackte. Mehr als einmal entkam ich nur knapp einem tödlichen Prankenhieb.
„Diȃ“, hörte ich Thorin nach mir rufen. Ich stieg mit ein paar kräftigen Flügelschlägel außer Reichweite des Bären in die Luft empor und sah zur Tür, die nur noch einen schmalen Spalt breit geöffnet war, durch den ich gerade einmal die Hälfte von Thorins Gesicht entdeckte. Kurz darauf raste ich auf den Türspalt zu, der Bär setzte mir rasend vor Wut nach. Ich hörte seine Pranken auf dem Boden donnern, hörte ihn prusten und schnaufen und ein letztes wütendes Brüllen dicht hinter mir als ich die Flügel anlegte und durch den schmalen Spalt zwischen Tür und Türrahmen schoss.

Mit der Wucht meines ganzes Gewichtes und der Geschwindigkeit meines Fluchtfluges traf ich wie der Pfeil einer Armbrust auf ein weiches und doch festes Hindernis, das dem „Uffff“ nach zu urteilen, das es von sich gab, meinen Flug wohl mit der Magengrube oder dem Brustkorb aufgegangen hatte. Gleichzeitig schlossen sich zwei große, warme Hände um mich, rau und von schwerer Arbeit und dem Umgang mit dem Schwert oder der Axt gezeichnet wie wohl alle Zwergenhände. Ein paar Momente später, in denen ich begriff, dass der Bär tatsächlich auf der anderen Seite der Tür und alle Zwerge plus Bilbo und Gandalf unversehrt waren, ich mit offenem Schnabel nach Luft schnappte und ein paar kleineren Federn dabei zusah, wie sie gen Boden segelten (dieser ganze Stress würde mich noch etliche Federn kosten!), sah ich auf, um zu sehen, wer mich gefangen hatte und mich zu bedanken. Meine Augen trafen auf ein paar dunkelbraune, in denen die Sorge, die darin lag, völlig fehl am Platz schien, und die mich aufmerksam musterten.
„Danke, Kíli“, brachte ich müde heraus und legte erschöpft den Kopf auf sein Handgelenk.
„Keine Ursache. Ich hätte nicht gedacht, dass du dich als lebender Rammbock eignest. Ich habe morgen sicher einen Bluterguss am Bauch. Du bist ganz schön schwer.“
„Kíli“, ermahnte Dwalin den jungen Zwerg. „Achte auf deine Worte!“
„Ist schon gut“, beruhigte ich diesen ehe er zu einer Strafpredigt ausholen konnte und hob den Kopf als Kíli mich vorsichtig in ein anderes Paar Hände übergab, das mir nur allzu vertraut war. Ich krächzte heiser, bekam ein kurzes kleines Lächeln dafür und fand mich schließlich auf Thorins Schulter wieder als Gandalf erklärte, was es mit dem Bären auf sich hatte. Ich sah ihn ebenso ungläubig an wie die Zwerge als er uns eröffnete, dass dieses Monstrum von einem Bären, das uns eben noch umbringen wollte, ein Gestaltwandler war, der nicht nur ein riesiger Bär, sondern auch ein großer Mensch sein konnte. Und dass eben dieser Gestaltwandler unser Gastgeber war. Ich wechselte einen Blick mit Thorin und wir waren uns einig, dass uns diese Neuigkeit keineswegs gefiel. Trotzdem blieb uns keine andere Wahl als das Haus nach Vorräten zu durchsuchen und hier die Nacht zu verbringen, wenn wir nicht doch noch von diesem Bären gefressen werden wollten.

Nach einem reichhaltigen Abendessen, das sich die Zwerge aus den Vorräten des Gestaltwandlers, dessen Namen Gandalf zufolge Beorn war, zusammengestellt hatten, hatte ich mich auf einen der Dachbalken zurückgezogen, um mein Gefieder zu putzen und mich abseits des Getümmels ein wenig auszuruhen. Es dauerte nicht lange bis sich die Zwerge im Stroh ausgestreckt hatten und mehr oder minder laut schnarchten. Manch einer rauchte noch seine Pfeife zu Ende, andere sprachen leise miteinander. Ich ließ den Blick ein wenig schweifen und entdeckte Bilbo und Gandalf, die noch am Tisch saßen und sich leise unterhielten, jeder genüsslich rauchend. Thorin saß ein wenig abseits von ihnen mit Dwalin zusammen, der wie so oft vor sich hin brummte, was Thorin nur ab und an mit ein einem zustimmenden „Hmhm“ oder ein paar Worten kommentierte. Ich krächzte eine leise Begrüßung und brachte Thorin das übliche Schnabelklicken entgegen als ich auf der Stuhllehne zu Thorins Rechten und somit gegenüber Dwalin Platz genommen hatte. Dwalin lächelte mich kurz freundlich an und prostete mir mit seinem Bierkrug zu.
„Ihr habt wahrlich Mut, Diȃ“, bemerkte er. Ich beäugte ihn skeptisch.
„Seit wann sprichst du mich denn so förmlich an?“
„Nun, im Gegensatz zu manch kindsköpfigem Jungzwerg weiß ich mich der Gemahlin meines Königs gegenüber zu artikulieren.“
Ich starrte Dwalin an. Eine solche Wortwahl war ich von dem stets brummelnden Zwerg, so treu und gutherzig er auch sein mochte, wahrlich nicht gewohnt. Dessen Blick folgend entdeckte ich Kíli, der sich soeben auf den Rücken drehte, dabei Arme und Beine von sich streckte und seinen Bruder aus dem Schlaf schrecken ließ, als seine Hand in dessen Gesicht landete. Fíli murrte, schob unsanft Kílis Hand weg und wandte ihm den Rücken zu. Kíli ließ sich davon nicht stören, er schnarchte gemütlich weiter. Dwalin schüttelte missbilligend den Kopf als ich ihn wieder ansah, offenbar gedachte er, den beiden demnächst ein paar Manieren beizubringen. Wie er das anstellen wollte, stellte ich mir lieber nicht vor. Unsicher ob Dwalins plötzlicher Förmlichkeit mir gegenüber sah ich Hilfe suchend zu Thorin, doch den schien der Anblick seiner Neffen noch immer zu amüsieren.
„Dwalin“, begann ich schließlich, „ich bin noch immer nur ein Rabe an Thorins Seite. Egal, wer ich einst war und für einige sein mag. Bitte, behandle mich wie eine Freundin, so wie du Thorin auch als einen Freund ansiehst. Ich werde nie als Zwergin auf dem Thron an seiner Seite sitzen, also sprich nicht mit mir, als würde ich zukünftig eine Krone tragen. Sonst wirft man dir noch vor, ebenso den Verstand verloren zu haben.“
Ich wandte den Kopf als Thorin sich aufrichtete und begegnete seinem Blick, der wie so oft, seit ich ihn nach meinem Aufenthalt in Bruchtal eingeholt hatte, den immer selben Schmerz und die tiefe Sehnsucht zeigte, die ich noch immer nicht ganz verstand. Thorin hatte mir noch immer nicht erzählt, was tatsächlich in Bruchtal vorgefallen war, dass er, Dwalin und Balin davon überzeugt waren, dass ich einst Thorins Gemahlin gewesen war.
 
„Nun gut“, unterbrach Dwalin meine Grübeleien darüber. „Wenn du das wünschst… Ich werde zu Bett gehen, der Tag war lang. Gute Nacht.“
„Gute Nacht“, wünschte ich ihm ebenso. Thorin nickte ihm nur kurz zu und seufzte tief als das Rascheln des Strohs bereits verklungen war und Dwalin offenbar einen Schlafplatz gefunden hatte. Ich sah ihn aufmerksam an, doch er begegnete meinem Blick zur kurz.
„Sieh mich nicht so an“, bat er müde. „Ich weiß, dass ich es dir versprochen habe, und daran halte ich fest. Aber bitte, nicht heute Abend. Ich bin müde und du sicher ebenso.“
„Wie lange willst du mich noch vertrösten? Bis wir am Einsamen Berg sind und Smaug deine Erzählung ergänzen kann, indem er sich an deinem Schmerz und deiner Wut ergötzt und genüsslich davon berichtet, wie Zwergenfleisch schmeckt?“
„Du bist grausam“, bemerkte Thorin und verzog gequält das Gesicht.
„Das bist du auch, wenn du mich noch länger im Ungewissen lässt. Was hat es mit dieser Zwergin auf sich, dass mich plötzlich alle so zuvorkommend behandeln und glauben, ich sei ihre Königin? Die Frau an deiner Seite. Was soll das alles bedeuten? Warum überwiegen der Schmerz und die Sehnsucht in deinen Blicken und lassen dein Lächeln verblassen, wenn du mich ansiehst? Bitte, Thorin“, fügte ich meinen Fragen hinzu als er sich bereits erhob, um der Konfrontation mit meinen Fragen, seinen Gefühlen und Erinnerungen und meiner Ungläubigkeit und Skepsis zu entgehen. „Bitte, erklär es mir.“
Thorin hielt inne und starrte auf die Tischplatte vor sich, schloss schließlich die Augen als ihn eine Anspannung überkam, die mich an einen bevorstehenden Wutausbruch erinnerte. Böses ahnend trat ich vorsichtshalber ein wenig zurück als er begann mit den Zähnen zu knirschen und die Hände zu Fäusten ballte. Er atmete tief durch und sah mich schließlich an. Ich wich einen weiteren Schritt zurück, denn der Blick, mit dem er mich bedachte, hatte nichts von dem Schmerz und der Sehnsucht, die sonst darin lagen. Auch fand ich keinerlei Zuneigung, geschweige denn die Liebe, die er mir wenige Tage zuvor noch entgegengebracht hatte, darin. Er war regelrecht emotionslos. Kalt. Abweisend. Gleichgültig.
„Du willst es wirklich wissen“, fragte Thorin noch einmal nach und nickte leicht als ich zustimmte. Er schob den Stuhl zurück und wandte sich mit einem Kopfnicken, ihm zu folgen, vom Tisch ab. Ich sah ihm einen Moment nach als er sich fernab der schlafenden Zwerge unter ein Fenster ins Stroh setzte und machte es mir kurz darauf auf seinem angewinkelten Knie bequem, um ihm zuzuhören.

Als Thorin geendet hatte, starrte ich ihn sprach- und fassungslos an. Ich hatte ihn nicht ein einziges Mal unterbrochen als er von der Goldschmiedin in Erebor erzählt und geschwärmt hatte, mit der er sich immer wieder getroffen und die er schließlich in aller Heimlichkeit geheiratet hatte. Ich hatte keinen Ton von mir gegeben als er von den Geschehnissen und dem Brunnen in Bruchtal berichtet hatte. Ich hatte nicht nachgefragt, wie es sein konnte, dass ein von der Zwergin geschmiedeter Ring, den er in Auftrag gegeben hatte und der schließlich ihr Ehering gewesen war, eben diese Zwergin nach ihrem schrecklichen Tod (über den zu sprechen Thorin noch immer schwerfiel) in Rabengestalt hatte zurückschicken können. Und wie es sein konnte, dass ich dieser Rabe sein könnte, und ich mich doch an nichts von alldem, was Thorin mit erzählte, erinnern konnte.
Mir kamen zwei mögliche Erklärungen für all das. Die erste Möglichkeit war, dass all das stimmte und ich als Rabe einfach nicht in der Lage war, die Erinnerungen meines vorherigen Daseins zu behalten (ob nun aus rein biologischer Sicht, aufgrund des Zaubers oder als seelischer Schutzmechanismus, der all das verdrängte).
Die zweite Möglichkeit, von der ich langsam nicht mehr gänzlich überzeugt war, war eine deutlich einfacherer Erklärung: Thorin war schlicht und einfach vor Schmerz, Kummer und Sehnsucht verrückt geworden.

„Ich weiß, wie sich das anhört“, stimmte Thorin meinen Gedanken schließlich zu. „Aber selbst Herr Elrond hat bemerkt, dass du besonders und kein gewöhnlicher Rabe bist. Nun ja, ein Elb sollte das wohl auch bemerken. Ich bilde mir das nicht ein, Diȃ. Ich gebe zu, dass ich es auch nur schwer glauben konnte, doch als ich dein Spiegelbild im Wasser dieses Brunnens sah und du schließlich vor mir standest…ich dachte, es wär ein Traum. Ich hatte Angst, daraus aufzuwachen und wieder diese Leere zu spüren, die mich seit damals ständig begleitet. Die mich verschlingt, seit ich dich im Feuer sterben sah. Ich wollte dich nicht erneut verlieren. Ich kann und darf dich nicht erneut verlieren! Deshalb habe ich dich in Bruchtal zurückgelassen. Du hättest die langen Märsche nicht überstanden, hättest nicht die Kraft für solch eine Hetzjagd gehabt, wie wir sie gerade hinter uns haben, und hättest dich nicht verteidigen können. Du wärst dort sicher und willkommen gewesen, bis ich dich nach Hause geholt hätte, wo du an meiner Seite als Königin unter dem Berge geherrscht hättest.“
Thorin seufzte tief, rieb sich flüchtig übers Gesicht und sah mich auf eine Reaktion hoffend an. Wie ein tobender Sturm das Meer zerwühlt, brachen die Gefühle wie Wellen in der Brandung über ihn hinweg und spiegelten sich in seinen Augen wieder. Ich verlor mich einen Moment in dem mir entgegenschlagenden Schmerz, der Müdigkeit, der stillen Hoffnung und bedingungslosen Liebe, die auch in seiner Stimme mitgeschwungen hatte, als er von der Zwergin gesprochen hatte. Ich musterte ihn, mein Blick blieb an einer der silbernen Perlen hängen, die die geflochtenen Strähnen in seinem Haar zusammenhielten. Thorin folgte meinem Blick und erzählte lächelnd von dessen Ursprung.
„Nun, wenn ich sie geschmiedet haben soll, erklärt das vielleicht meine heutige Affinität.“
„Vielleicht“, stimmte Thorin mir amüsiert glucksend zu ehe sein Blick wieder ernst wurde.
„Wir sollten zusehen, dass wir noch ein wenig Schlaf bekommen. Du kannst mir morgen erzählen, wie es dir in Bruchtal ergangen ist und wie deine Suche nach mir verlief. Bisher fanden wir keine Zeit dazu, obwohl es mich doch sehr interessiert. Doch nun… Du hast sicher einiges, worüber du nachdenken musst. Es war doch ziemlich viel auf einmal.“
„Allerdings“, gab ich zurück und flog auf das Fensterbrett als Thorin seinen Worten Taten folgen ließ, von der Wand wegrutschte und es sich im Stroh bequem machte.
„Verzeih mir, dass ich dich womöglich um deinen Schlaf gebracht habe, aber ich bin nach wie vor der Ansicht, dass du es wissen solltest. Ich kann verstehen, wenn du nun glaubst, ich hätte den Verstand verloren, und du deiner Wege ziehen willst.“

Ich sah Thorin verdutzt an, denn wie er auf die Idee kam, ich könnte mich trotz dieser unglaublichen Geschichte einfach so von ihm lossagen, konnte ich mir ebenso erklären wie das, was er mir gerade versucht hatte, verständlich zu machen. Er wich meinem Blick aus, die Vorstellung gefiel ihm keineswegs. Und dass ich dies bemerkte, noch viel weniger. Statt etwas darauf zu erwidern flatterte ich vom Fensterbrett und landete neben ihm im Stroh, stakste an seine Seite und schob ein paar Strohhalme hin und her. Kurz darauf machte ich es mir an Thorins Halsbeuge geschmiegt bequem und gab das für ihn bestimmte Schnabelklicken von mir als er mit einem kleinen erleichterten Aufatmen vorsichtig seine Wange an meine Flügel lehnte. Ich hatte kaum den Kopf auf Thorins Schlüsselbein abgelegt als mich eine tiefe Ruhe überkam und die Müdigkeit mich gnadenlos in den Schlaf riss.

„Hurun ganat, Amrâlimê“, hörte ich Thorin noch flüstern. Schlaf gut, meine Liebe.
„Gamut nanun, Uzbad undu 'Urd“, brachte ich noch heraus ehe ich einschlief.
Gute Nacht, König unter dem Berge.
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