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Von Zwergen und Raben

von Alex B
GeschichteAllgemein / P16
Bilbo Beutlin Lindir OC (Own Character) Thorin Eichenschild
05.05.2020
24.11.2020
21
74.615
18
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Dieses Kapitel
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06.09.2020 5.837
 
Shamukh, meine Lieben!

Hier kommt mein Wort zum Sonntag (nun ja, viele Worte zum Sonntag). Langsam, aber sicher, geht die Reise unserer Zwerge und deren Hobbit weiter. Ich danke wie immer meinen fleißigen Review-Schreiberinnen fairness52 und hopfenbraut, die mir das Gefühl geben, dass tatsächlich jemand meine Geschichte hier gespannt verfolgt. :)

Viel Spaß beim Lesen und einen schönen Sonntag!

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Kapitel 15

Die nächste Tag verlief im Grunde wie üblich: Die Zwerge wanderten und murrten und schnauften ob der Anstrengung (obwohl ich gestehen muss, dass ich nicht sicher war, ob es nicht allein Bombur war, der laut genug für alle schnaufte). Ich flog immer wieder voraus, um den Weg vor ihnen zu erkunden, und zurück, um Thorin zu berichten, wie nah Azog und sein Gesindel ihnen auf den Fersen waren. Zum Abendessen saß ich auf Thorins angewinkeltem Knie und nahm hungrig jeden Happen entgegen, den er mir schmunzelnd vor den Schnabel hielt. Sobald ich es mir für die Nacht auf seiner Schulter bequem gemacht hatte, in den Pelz seines Mantels vergraben und an seinen Hals geschmiegt, erzählte er mir, was ihm und den anderen seit ihrem Aufbruch aus Bruchtal widerfahren war. Er erzählte von den Steinriesen hoch oben im Gebirge, die sich wörtlich die steinharten Schädel eingeschlagen hatten. Wie er befürchtet hatte, die Hälfte seiner Männer zwischen den Felsen zerquetscht und zerschmettert aufzufinden (sie hatten offenbar auf dem Bein eines Riesen gestanden, der bald darauf zu Boden gegangen war). Wie froh sie über die trockene Höhle gewesen waren, in der sie schließlich Schutz vor dem Regen und den tobenden Steinriesen gesucht hatten. Von dem Gespräch zwischen Bilbo und Bofur, das er (seiner Aussage nach zufällig) belauscht hatte und dem schlechten Gewissen, das er dem Hobbit gegenüber nun hin und wieder verspürte. Von dem Orkstollen, in dem sie letztlich gelandet waren und der ihr Ende gewesen wäre, wäre nicht Gandalf wie aus dem Nichts zu ihrer Rettung erschienen. Und schließlich von dem ungläubigen Entsetzen, das ihn ergriffen hatte, als sie alle auf der Kiefer über dem Abgrund hingen und er Azog erblickt hatte.

Ich lauschte gespannt seinen Worten und konnte nicht verhindern, dass mich an der ein oder anderen Stelle seiner Erzählung Angst und Sorge überkamen und ich die Krallen in Thorins Mantel grub. Er sah mich jedes Mal mit einem kleinen Lächeln und strich mir beruhigend über das Gefieder, versicherte mir immer wieder, dass es ihm gut ging.

Ich schob bald den Kopf unter meinen linken Flügel, denn auch wenn ich Thorin gerne zuhörte und seine Stimme etwas in mir auslöste, dass ich auch nach all den Jahren noch immer nicht verstand, geschweige denn erklären konnte, überfiel mich schnell der Schlaf.
„Hurun ganat“, brummte Thorin leise und lehnte den Kopf an den Baumstamm zurück, an dem er saß. Ich schreckte leicht hoch, denn ich war bereits halb eingeschlafen.
„Hmm“, brummte ich zurück und blinzelte ihn müde an. „Willst du wirklich im Sitzen schlafen? Ich werde einen anderen Schlafplatz finden. Der Baum hat viele geschützte Äste.“
„Nein“, entgegnete Thorin als ich mich bereits erhob. „Bleib, bitte. Bleib bei mir.“
Ich sah ihn abschätzend an, begutachtete wie bereits so oft an diesem Abend besorgt die Schrammen und Schnitte in seinem Gesicht. Dass er Schlaf brauchte, stand außer Frage. Sicher würde er diesen auch finden, wenn er an einem Baum lehnte, doch er wäre nicht halb so erholsam wie der, den er haben würde, wenn er sich hinlegen würde.
„Du solltest dich hinlegen“, bemerkte ich daher und flatterte auf den Boden neben ihm. „Ich finde schon einen Schlafplatz, doch du solltest dich richtig ausruhen.“
„Ich schlafe am besten, wenn ich dich in meiner Nähe weiß“, gestand Thorin leise.
„Ich werde nicht wegfliegen“, versprach ich und fing an um ihn herum ein paar Zweige und Steine einzusammeln und wegzuwerfen. „Nun leg dich schlafen.“

Thorin seufzte ergeben, suchte eine halbwegs bequeme Schlafposition und bedachte mich mit einem Blick, der wohl finster sein sollte, jedoch von einem amüsierten Funkeln in seinen Augen und einem Lächeln, das um seine Mundwinkel spielte, nicht einmal annähernd wirkte.
„Zufrieden“, brummte Thorin und zog die Decke höher, in die er sich gewickelt hatte. Ich krächzte leise, sortierte einen weiteren Zweig aus, den ich bestimmt in den Wald warf.
„Du brauchst mir kein Nest zu bauen“, gluckste der Zwergenkönig da amüsiert und lachte leise auf als ihn der nächste Zweig prompt an der Schulter traf.
„Schlaf“, wiederholte ich meine Aufforderung und setzte mich dicht neben ihn. Er schloss schließlich die Augen, noch immer leise lächelnd. Ich lauschte seinen Atemzügen, die bald ruhiger wurden, und versuchte ein überraschtes Krächzen zu unterdrücken als er kurz aus dem Schlaf schreckte, sich leise seufzend wieder der Müdigkeit ergab…und regelrecht besitzergreifend den Arm um mich schloss als wäre ich die Puppe eines kleinen Mädchens. Ich fand mich zwischen seiner Brust und seinem Unterarm wieder, seine Finger berührten kaum merklich das Gefieder an meiner Brust. Eine Zeit lang rührte ich mich nicht, traute mich nicht einmal tief Luft zu holen. Vorsichtig hob ich schließlich den Kopf, um Thorin anzusehen. Er schlief offenbar wieder, die leicht zusammengezogenen Augenbrauen zeigten die Anspannung, die ständig auf ihm lag. Welche Erinnerungen und Sorgen ihn dieses Mal plagten und um einen ruhigen Schlaf brachten, wusste ich nicht. Ebenso wenig wusste ich, woher das Lied kam, das ich nun leise und nur für ihn hörbar in Gedanken summte. Doch woher auch immer es kam, die Anspannung schien langsam von Thorin abzufallen. Seine Gesichtszüge entspannten sich sichtlich als er in einen ruhigeren Schlaf glitt.

Mit einem kleinen Seufzen sah ich mich im Nachtlager der Zwerge um, entdeckte Dwalin, der an dem kleinen Feuer die erste Wache übernahm, und begegnete seinem Blick. Ich war nicht sicher, ob er Mitleid, Freude, Amüsement oder Trauer zeigte, denn seine Emotionen schienen ständig zu wechseln. Ich wartete eine Weile ab bis ich sicher war, dass Thorin wirklich schlief, und befreite mich vorsichtig aus seinem losen Griff. Er murrte prompt, rührte sich aber nicht. Nach einem weiteren abschätzenden Blick flog ich auf den untersten Ast des Baumes, unter dem Thorin schlief, und schob den Kopf unter den Flügel. Doch wie üblich, wenn Thorin weit in die Tiefen seiner Träume abgedriftet war, ruhte ich mehr als dass ich wirklich schlief, um über ihn zu wachen. Das kleinste ungewöhnliche Geräusch ließ mich mindestens ein Auge öffnen (Bomburs gewaltiges Schnarchen ausgeschlossen, das ließ einen gar nicht erst die Augen schließen) und den Blick im Lager umherschweifen lassen. Dass Dwalin immer mal leise brummend seine Position veränderte, das leise Rascheln des Laubs unter seinen Stiefeln, wenn er einen Kontrollgang machte, störte mich dagegen nicht im Geringsten. Die Wachablösung registrierte ich durch die geflüsterten Worte zwischen Dwalin und Bofur, der gähnte, sich streckte, Dwalin seine Decke überließ und nun selbst am Feuer Platz nahm. Auch das Surren der Insekten, die Rufe der ein oder anderen Eule und das aufbrausende und verstummende Flüstern des Windes in den Blättern nahm ich als normal und ungefährlich wahr und versetzten mich keineswegs in Alarmbereitschaft.

Was mich letztlich aufschrecken ließ, war ein plötzliches tiefes Luftholen unter mir, gefolgt von raschelndem Laub und einem kaum hörbaren Knarzen des Leders an seiner Kleidung. Thorin saß jäh aus dem Schlaf gerissen kerzengerade da und sah sich zunehmend suchend um. Bevor er einen Blick in die Äste des Baumes werfen konnte, streckte ich mich, breitete die Flügel aus, landete kurz darauf vor ihm und sah ihn fragend an.
„Was ist“, fragte ich und musterte ihn aufmerksam. „Was verfolgt dich dieses Mal?“
„Das Übliche“, gab er leise Antwort als er mich mit sichtlicher Erleichterung entdeckt hatte, rieb sich über das Gesicht und verzog es kurz darauf, als er die Schmerzen ihn an die Spuren des letzten Kampfes gegen Azog erinnerten.
„Es ist nichts“, versuchte ich ihn zu beruhigen. „Es ist alles ruhig, Bofur hat Dwalin bereits zur Wache abgelöst und ich saß die ganze Zeit direkt über dir im Baum.“
Thorin lächelte leicht, blinzelte mich müde an und legte sich offensichtlich unter Schmerzen vorsichtig wieder hin, um noch ein paar Stunden Schlaf zu finden.
„Schlaf weiter, Thorin. Ich werde schon aufpassen, dass dich das Laub nicht frisst.“
Er lachte lautlos auf, hielt dann jedoch die Luft an. Offenbar hatte er größere Schmerzen, als er zugeben wollte, und hatte sie den ganzen bisherigen Abstieg vom Carrock verschwiegen. Ich musterte ihn besorgt und überlegte, Gandalf oder Oin zu wecken.
„Es ist nichts“, wiederholte er meine Worte und seufzte als ich ihn nur anstarrte. Mir entging ohnehin kaum etwas, das um Thorin herum geschah, und zu erkennen, wann er log, war eine meiner leichtesten Übungen. Auch, wenn es meiner Beruhigung dienen sollte.
„Gute Nacht“, wünschte ich ihm schließlich erneut. „Ich werde vom Baum aus Wache halten.“
„Warte“, bat er als ich bereits die Flügel ausgebreitet hatte und sämtliche Muskeln zum Abflug angespannt hatte. Ich sah ihn fragend an, sein Blick lag nachdenklich auf mir.
„Du hast vorhin ein Lied gesummt. Woher kennst du das?“
„Ich weiß nicht“, musste ich zu seiner offensichtlichen Enttäuschung gestehen. Es kam mir einfach in den Sinn als hätte ich es schon immer gekannt. Die Melodie schien mir so vertraut wie meine Schwingen, die Töne hallten in mir wieder wie Thorins an mich gerichtete Worte. Und doch war nichts davon greifbar, konnte ich nichts davon beschreiben. Sobald ich mich darauf konzentrierte, den Ursprung dieser Melodie zu finden, schien sie zu verblassen und mir zu entgleiten. Es war wie ein Gedanke, der sich verflüchtigte, sobald man ihn verfolgen wollte. Wie ein dichter Nebel, der einen umgab und den man doch nicht fassen konnte. Wie eine verblasste Erinnerung an alte Tage, zu denen die Details fehlen.

„Sing es noch mal“, forderte Thorin mich auf. Ich tapste unsicher von einem Fuß auf den anderen. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er mir tatsächlich zuhören würde und auch noch eine Melodie in meinen Versuchen eines stummen Singens zu erkennen. Ehrlich gesagt, es wunderte mich, dass er nicht in schallendes Gelächter ausgebrochen war. Ich war schließlich kein Singvogel und wusste nur zu gut, was meine Art unter Gesang verstand.

„Bitte“, setzte Thorin schließlich sanfter nach und starrte mich regelrecht nieder bis ich schlussendlich nachgab. Leise, selbst für mich kaum hörbar und den Blick auf den Boden gerichtet, begann ich schließlich die Melodie zu summen, die mir vor Stunden dabei half, Thorin in einen ruhigeren Schlaf zu begleiten. Doch mir fielen nur einzelne Phrasen, wenige zusammenhängende Töne ein (der ungreifbare Gedanke eben, nicht wahr?), und so stammelte ich mich mehr als peinlich berührt von Strophe zu Strophe. Oder eher von Ton zu Ton, denn selbst die, die mir im Geiste einfielen, gab ich zum Großteil schief von mir.
Umso überraschter sah ich daher auf, als ich ein weiteres Summen vernahm. Ein weitaus tieferes, das mich die Federn aufstellen ließ und das die Melodie wiedergab, die ich die ganze Zeit gesucht hatte. Mit einem warmen Lächeln im Gesicht hatte Thorin die wenigen Töne aufgegriffen, die ich von mir gegeben hatte, und ließ das mir unbekannte und doch so vertraute Lied in mir wiederhallen und Saiten anschlagen, die mich unwillkürlich dazu brachten, ihm ein Schnabelklicken zu schenken und (nach ein paar Hopsern auf ihn zu) den Kopf an seiner geschundenen Wange zu reiben. Er lachte leise und strich über mein Gefieder, sah mich liebevoll an als er die Worte flüsterte:

„Schmück meine Schwingen mit wunderbaren Dingen
Flüst‘re leise zu dir in der Nacht
Leg‘ dir in die Hand, zu zeigen was ich fand
Als ich war auf der Suche nach dem Meer“ *


Ich starrte Thorin reglos an und hatte das Gefühl, dem Meer in seinen Augen zu begegnen. Eine Weile sprach keiner von uns ein Wort, wir sahen uns lediglich an, jeder in seine Gedanken versunken. Vor meinem inneren Auge sah ich eine Lichtung, auf der ein deutlich jüngerer Thorin in den Nachthimmel sah, sich umwandte und mir mit einem strahlenden Grinsen entgegentrat. So schnell, wie das Bild gekommen war, war es auch wieder verschwunden. Es hinterließ eine ebenso neblige, unfassbare und unbegreifliche Spur wie die Melodie des Liedes, das Thorin soeben angesungen hatte. Und es machte mir Angst.
„Diȃ“, sprach Thorin mich an. Ich erkannte die Sehnsucht und den Schmerz in seinen Augen, die ihn jedes Mal nach den häufigen Alpträumen vom Überfall des Drachen auf Erebor überkamen. Die ihn immer überkamen, wenn er im Schlaf von der Zwergin sprach, die er im Feuer verloren hatte, und aus seinen Träumen aufschreckte. Die seinen Blick erfüllt hatten, als ich am vorherigen Abend aus Bruchtal zu ihm aufgeschlossen hatte. Ich stutze, denn dieser Blick hatte wohl eindeutig mir gegolten.
„Was ist in Bruchtal geschehen“, wollte ich daher wissen, auch wenn ich mich vor der Antwort und dem, was sie aus mir (und Thorin) machen würde, fürchtete.
„Nun“, begann Thorin und schien unsicher, ob er mir diese Frage tatsächlich wahrheitsgemäß beantworten wollte und sollte. Ich unterbrach ihn jedoch bereits.
„Nicht jetzt“, bestimmte ich. „Du solltest versuchen noch ein wenig zu schlafen. Ich werde dasselbe tun. Wir reden morgen oder wann immer sich die Gelegenheit dazu bieten mag.“
Ohne seine Antwort abzuwarten flog ich zurück auf den Baum, wandte ihm den Rücken zu und starrte in den Wald. Ich war verwirrt, verängstigt und versuchte noch immer, die Gedanken zu ordnen, die ich nicht greifen konnte.

„Zeit, aufzustehen“, hörte ich Dwalin in die Runde rufen und blinzelte müde. Ich hatte den Rest der Nacht zum Großteil mit Grübeleien verbracht und hatte immer wieder Thorin beobachtet, der (zumindest für seine Verhältnisse) ruhig geschlafen hatte. Konnte es sein, dass ich oder ein Teil von mir diese Zwergin war, von der er gesprochen hatte? Er schien sich so sicher zu sein, dass ich mich um seinen Verstand sorgte, zwergische Sturheit hin oder her. Doch als Dwalin ebenso von ihr erzählte, war ich mir nicht mehr so sicher, dass all das ein aus seinen Träumen und Sehnsüchten entsprungenes Hirngespinst war. Ob ich nun etwas mit dieser Zwergin gemein hatte oder nicht, für Thorin war sie offenbar alles gewesen. Und auch Dwalin hatte sie offenbar gemocht, dass er mit einem Lächeln von ihr sprach.
Ich streckte mich schließlich, krächzte leise und landete auf Thorins Schulter als er Orcrist um seine Hüfte gebunden hatte und von Bilbo mit einem dankbaren Lächeln das Frühstück entgegennahm. Er warf mir einen kurzen Blick zu als ich ihn wie üblich begrüßte.
„Guten Morgen, Amrâlimê“, erwiderte er meinen Gruß und zog an meinen Schwingen, setzte sich ans Feuer und teilte wie üblich sein Frühstück mit mir. Uns gegenüber saßen seine Neffen Fíli und Kíli, die ihn (und vor allem mich) argwöhnisch beobachteten.
„Was hast du bloß für einen Narren an diesem Rabenvieh gefressen“, bemerkte Fíli, dem Thorins innige Beziehung zu mir lediglich als Zwergling gefallen hatte. Wie oft hatte ich ein wachsames Auge auf die beiden Brüder gehabt, wenn Thorin und Dís sich anderen Dingen widmen mussten? Wie oft hatte Thorin mich ausgesandt, sie zu suchen, weil sie wieder einmal sorglos durch die Blauen Berge gezogen waren, um Abenteuer zu erleben? Wie oft hatte ich sie durch das kleine Tal gejagt, wenn sie fröhlich jauchzend und lachend vor mir davongerannt waren und ich ihrer Aufforderung, sie zu fangen, letztlich nachgekommen war? Wie oft hatten sie versucht, mir das wenige Gemüse auf ihren Tellern anzudrehen? Wie oft hatte ich sie getröstet, als ihre kurzen Beinchen sie noch nicht weit tragen konnten und sie einfach an Ort und Stelle auf den Boden geplumpst waren, sich den Kopf gestoßen hatten oder hatte ein neues tiefrotes Herbstblatt gesucht, wenn der Wind es fortgeweht oder kleine Zwergenhände es kaputt gespielt hatten?

Die einzige Begebenheit, deren Vorkommnis ich mit Gewissheit zählen konnte, war die, als sie mich in einem unachtsamen Moment, in dem ich nach all dem Trubel auf einer Stuhllehne eingenickt war, geschnappt hatten. Dekoriert mit Papierfetzen, die in meinem Gefieder klebten, und ein paar angeschnittenen Schwingen (um sie „hübsch zu machen“), hatten sie mich, die ich kurz vor einem Herzinfarkt und am Ende meiner Kräfte von den Versuchen mich zu wehren war (Fíli hatten die vielen Schrammen und Wunden an seinen Händen, die ich ihm mit Krallen und Schnabel zugefügt hatte, nicht im Geringsten beeindruckt), feierlich an Thorin übergeben. Dieser hatte erst mich, dann seine Neffen sprachlos und ungläubig angesehen, fand letztendlich seine Stimme wieder, um seine Neffen außer sich vor Wut in Grund und Boden zu brüllen, und war schließlich in einem Tobsuchtanfall von der kleinen Feier (lediglich Dís, ihre Söhne, sowie Dwalin und Balin waren anwesend gewesen) seines eigenen Geburtstags gestürmt. Ich weiß nicht, wie lange ich noch Klebstoffreste in den Daunen hatte, obwohl Thorin versucht hatte, mich regelrecht Feder für Feder davon zu befreien. Zudem flog ich ein paar Tage lang mehr schlecht als recht, denn die fehlenden Spitzen meiner Schwingen machten sich natürlich bemerkbar. Allerdings befand ich mein dadurch häufigeres Sitzen auf Thorins Schulter als angemessene Entschädigung. Es geschah genau ein einziges Mal, dass Fíli und Kíli sich an mir vergriffen. Nach der Standpauke ihres Lebens hatten sie mich nur noch selten und unter vorsichtigen Seitenblicken zu ihrem Onkel dazu aufgefordert sie zu fangen und hielten sich bald gänzlich von mir fern. Ob dieses Vorkommnis tatsächlich der alleinige Grund dafür war, sie Dís Unmut über Thorins Bindung zu einem Raben aufgeschnappt hatten oder es einfach daran lag, dass sie älter wurden, kann ich nicht sagen. Und auch wenn ich es mir nicht anmerken ließ, es schmerzte mich, dass die beiden jungen Zwerge mich nun mieden.

„Zügle deine Zunge, Fíli“, knurrte Thorin und warf ihm einen warnenden Blick zu.
„Ich verstehe es einfach nicht, Onkel“, begann dieser sich zu rechtfertigen. „So lange ich mich erinnern kann, bist du in Begleitung dieses Vogels. Wie kann es sein, dass ein Rabe so steinalt wird? Das ist doch nicht natürlich!“
„Nein, sicher nicht“, gab Thorin ihm Recht. Seine Mundwinkel zuckten verdächtig.
„Dann erklär es mir! Du bist so versessen auf seine Gesellschaft. Du schläfst und isst nicht, wenn du von ihm getrennt bist. Du bist ständig um sein Befinden besorgt. Du hättest unser aller Leben riskiert, um dein Federvieh bei dir zu behalten, als Azog uns in der Ebene bei Bruchtal einholte! Thorin, das kann so nicht weitergehen!“
„Sei still“, polterte dieser nun los. „Du hast keine Ahnung, wovon du da sprichst!“
„Weil du uns nichts erzählst“, brüllte Fíli nun seinen Vorwurf zurück. „Erklär uns, was es mit dem Raben auf sich hat! Warum er ständig in deiner Nähe ist und du ihn ansiehst als wär er die schönste Zwergin in den ganzen Ered Luin!“
Thorin starrte seinen Neffen an, verlor eine Weile lang kein Wort. Ich traute mich nicht, auch nur ein leises Krächzen von mir zu geben oder mich zu bewegen, und so sah ich nur gespannt zwischen Thorin und seinen Neffen hin und her, die ihn nun auffordernd und gespannt ansahen. Fíli verschränkte stur die Arme vor der Brust.
„Erzähl es ihnen“, versuchte ich Thorin zu ermuntern. „Sonst werde ich es tun.“
„Nein“, gab Thorin leise zurück. „Du wirst ihnen überhaupt nichts sagen.“
„Jetzt hört er das Vieh auch noch sprechen“, beklagte sich Fíli zunehmend am Rande seiner gespannten Nerven und warf die Arme in die Luft. Ich konnte mir vorstellen, wie er sich fühlte, all die Jahre ahnungslos gewesen zu sein und noch immer keine Antworten auf seine Fragen bekommen zu haben. Natürlich konnte ich verstehen, warum Thorin nie ein Wort über mich verloren hatte, ob nun über mein zwergisches oder mein jetziges Dasein (von letzterem wusste er schließlich selbst erst seit geraumer Zeit). Doch all diese Zwerge hier, vor allem seine Neffen, hatten ein Recht darauf zu erfahren, wer unerkannt mit ihnen reiste. Es würde ihnen helfen, ihren König zu verstehen. Und dieser könnte einen Teil seiner Sorgen ablegen, wenn statt einem gleich mehrere Augenpaare auf mich achteten (als ob ich nicht gut auf mich selbst aufpassen könnte…).

Ich sah ebenso überrascht auf wie Thorin, Fíli und Kíli, als Dwalin neben seinen Freund und König trat, mir respektvoll zunickte und ohne ein Wort zu sagen einfach blieb, wo er war.
„Was sollte das denn“, ergriff nun auch Kíli das Wort und deutete zwischen Dwalin und mir hin und her, offenbar auf dessen Kopfnicken anspielend.
„Man wird doch noch einen Morgengruß beantworten dürfen“, gab der große kahlköpfige Zwerg zurück und log dem Prinzen somit offenbar völlig ungeniert ins Gesicht, denn ich hatte kein einziges Wort an ihn gerichtet. „Wo sind denn deine Manieren, Junge?“
„Beantworten? Willst du damit sagen, du hörst ihn auch sprechen?“
Kíli trat neugierig einen Schritt näher, wurde jedoch jäh von seinem Bruder gepackt und zurückgezogen, der nun auch Dwalin musterte als sei er verrückt geworden.
„Weg von ihnen! Dieser Wahnsinn ist offenbar ansteckend!“
„Red keinen Schwachsinn“, brummte Dwalin und verschränkte die massigen Arme vor der Brust. „Sie könnte ebenso zu dir oder jemand anderem sprechen, wenn sie wollte.“
„Sie?!“ Fíli schien zunehmend überfordert, Kíli hingegen starb womöglich bald vor Neugier.
„Ja“, bestätigte Dwalin schlicht. „Sie ist eine Raben-Dame. Oder…momentan jedenfalls. Wie auch immer, du solltest ihr mehr Respekt entgegenbringen!“
„Weil sie“, spuckte Fíli ihm regelrecht entgegen, „das Haustier meines Onkels ist?“
„Weil sie“, gab Thorin nun mit derselben Betonung, jedoch eine Spur zu ruhig zurück, „kein einfacher Rabe ist, sondern meine Gemahlin und somit deine Königin.“

Für einige Sekunden, die mir wie Stunden vorkamen, sagte niemand ein Wort. Es war ungewöhnlich still unter den Zwergen geworden, selbst Bombur hatte beim Kauen seines Frühstücks innegehalten und starrte wie alle anderen Thorin an. Während ich bereits kurz davor war, das Wort an alle zu richten, um Thorin und Dwalin nicht länger als verrückt gelten zu lassen, gab Fíli ein ersticktes Glucksen von sich ehe er lauthals lachte.
„Deine Gemahlin und Königin“, wiederholte er und bog sich vor Lachen. „Ehrlich, Onkel, das war ein guter Witz! Du willst doch nicht ernsthaft, dass ich das glaube, oder?“
„Fíli“, begann Thorin nun mit drohendem Unterton, wurde jedoch prompt unterbrochen.
„Hast du das gehört, Kíli? Ein Rabe, der ständig um seinen Kopf schwirrt und offenbar seinen Geist vernebelt, soll unsere Tante und Königin sein. Unser Onkel hat ganz offensichtlich den Verstand verloren, noch ehe wir am Einsamen Berg sind!“
„Ich…ähm“, fand Kíli stotternd seine Sprache wieder. Er starrte mich noch immer an. Ich erwiderte seinen Blick ruhig, zwinkerte ihm schließlich zu und legte den Kopf schief.
„Kíli, komm schon! Nun lach endlich, das war doch nur ein Witz!“
„Nein, Junge“, mischte Balin sich mit ruhiger Stimme ein. „Erinnerst du dich an die Dame, die in Bruchtal an unserer Tafel saß? Wo war der Rabe in dieser Zeit? Und hatte ihr Haar nicht dasselbe tiefe Schwarz wie ihre Federn? Ihre Augen nicht ein ähnliches dunkles Braun? Ich erinnere mich an die Zwergin von damals. Sie sah nicht genauso aus wie die Frau in Bruchtal, natürlich nicht…an dieser war wenig Zwergisches, wenn man von ihrer Größe und der stämmigen Figur absieht…und doch war es, als stünde sie vor mir.“
„Fängst du auch noch mit dem Unfug an“, bemerkte Fíli zunehmend verzweifelt über so viel geistige Umnachtung, die ihm hier zu begegnen schien.
„Wie heißt du“, kam es plötzlich von Kíli, der mich noch immer unsicher musterte.

„Mein Name ist Diȃ“, gab ich für alle hörbar zurück und ignorierte die Reaktionen der Anwesenden. Bombur verschluckte sich an dem Würstchen, das noch immer unzerkaut in seinem Mund gewesen war. Bofur klopfte ihm geistesabwesend auf den Rücken, Bifur drosch regelrecht auf diesen ein. Ori hatte seinen Teller fallen lassen, Dori schnappte hektisch nach Luft. Oin putzte hastig seinen Trichter und hoffte wohl, sich verhört zu haben. Gloin war vor Schreck hintenüber von dem Stein gekippt, auf dem er gesessen hatte. Bilbo hatte beim Stopfen seiner Pfeife innegehalten und sah fragend zu Gandalf, der unbeeindruckt weiterhin vor sich hin rauchte und Bilbo breit anlächelte. Balin musterte die anderen mit einem kleinen amüsierten Lächeln, das er unter seinem langen weißen Bart zu verstecken versuchte. Dwalin stand noch immer wie in Stein gehauen neben Thorin und zwinkerte mir zu als sich unsere Blicke trafen. Kíli schien noch immer abzuschätzen, ob er all das glauben sollte oder er sich nun auch schon einbildete, Stimmen zu hören. Fíli waren sämtliche Gesichtszüge und wenig Farbe entglitten. Auf Thorins Gesicht schlich sich ein kleines Lächeln als er an einer meiner Schwingen zog, was einen nur halb ernst gemeinten Tadel darstellte. Erst als Nori, der mit ein wenig Feuerholz und zwei Kaninchen zurückkam, nach einem kurzen Stutzen ob des offensichtlich ulkigen Bildes, das sich ihm bot, fragte, was denn hier los sei und was er verpasst hatte, brach der Tumult los. Alle sprachen wild durcheinander, bombardierten Thorin und mich mit Fragen bis ich nervös mit den Flügeln schlug und versuchte, mir Luft und Platz zu verschaffen.

„Genug“, schrie ich schließlich von Thorins Schulter aus und war überrascht, dass tatsächlich augenblicklich Ruhe herrschte. Ich warf einen Blick zu Thorin, der sich möglichst unauffällig das rechte Ohr rieb. Ich sah ihn entschuldigend an, doch er sagte nichts.
„Bitte, beruhigt euch“, wandte ich mich an die Zwerge. „Ich werde versuchen, euch eure Fragen zu beantworten. Doch bitte, lasst uns zuerst frühstücken. Ich sterbe sonst vor Hunger und ich bin sicher, dass es einigen von euch genauso geht.“
Wie zur Bestätigung hörte ich laut Kílis Magen knurren, was er mit dem für ihn typischen entwaffnenden Grinsen entschuldigte. Dwalin klopfte ihm lachend auf die Schulter.
„Kílis Magen stimmt dir offenbar zu“, bemerkte Thorin amüsiert glucksend. „Nun denn, meine Freunde. Lasst uns speisen, ehe wir den weiteren Abstieg von diesem verdammten Felsen in Angriff nehmen. Unser Weg wird uns –“
„Thorin“, unterbrach ich ihn, „spar dir deine Rede bitte für einen anderen Zeitpunkt, in dem wir ausnahmsweise mal nicht vor Hunger umkommen.“
Unter lautem Gelächter der Zwerge stieß ich mich von seiner Schulter ab und flog zu Bofur, der bereits die Kaninchen häutete und mir ein paar kleine Stücken Fleisch zuwarf ehe er sich daran machte, das Frühstück für die Zwerge, den Hobbit und den Zauberer zuzubereiten. Er erklärte mir dabei jeden Handgriff und warum es wichtig war, das Fleisch erst hoch über dem Feuer zu garen ehe man es tiefer hängte (andernfalls verbrennt das Fleisch außen während es innen noch roh ist). Ich fragte mich allerdings, ob er seine Unterhaltung nicht doch eher für ein Selbstgespräch hielt, denn ich unterbrach seinen ewigen Redeschwall nicht.

Ob die Zwerge mich ohne eine ausführliche Erklärung bereits akzeptierten oder mir lediglich Thorin zuliebe freundlicher begegneten, konnte ich nicht sagen, doch ich war froh darüber. Trotzdem fürchtete ich ihre Fragen und wusste nicht, wie ich ihnen meine Geschichte (die ich selbst kaum glauben konnte) glaubhaft erzählen sollte. Doch selbst, wenn sie Zweifel hatten, wen sie vor sich hatten, waren sie höflich und freundlich, boten mir hier und da einen Happen ihres Frühstücks an oder versuchten gar ein paar Worte mit mir zu wechseln.
So sprach Ori, dem gegenüber ich immer das Gefühl hatte, ihn beschützen zu müssen, mit mir über das Wetter, ob der Wind oben in der Luft auch so stark war wie hier unten und ob ich nicht ab und zu nach ein paar Beeren Ausschau halten könnte, die möge er doch so gern. Ich versprach, daran zu denken und die Augen offen zu halten.
Mit Bombur hatte ich zwar kein Wort gewechselt, doch er hatte mir (die Backen selbst bis in die hinterste Ecke vollgestopft) ein kleines Stückchen Brot abgegeben. Das war, wie ich fand, ein großes Zugeständnis und Entgegenkommen. Wie oft teilte er schon sein Essen?

Selbst Kíli wechselte einige Worte mit mir als ich wie jedes Mal nach dem Essen mein Gefieder putzte. Er hatte sich zu mir gesetzt, mich dabei unsicher angelächelt und schließlich begonnen seine Pfeile zu kontrollieren. Ich sah ihm stumm dabei zu bis er das Wort ergriff.
„Nimm es ihm nicht übel“, begann er. „Fíli, meine ich. Er sorgt sich um Thorin, seine Zuneigung zu dir ist ihm unverständlich. Wir haben schon als Zwerglinge von der Gefahr, die von Gold ausgeht, gehört. Vor allem, wenn ein Drache darauf gelegen hat. Ich schätze, er wähnt Thorin tatsächlich bereits dem Wahnsinn verfallen. Wenn auch einem anderen, schließlich bist du nicht aus Gold. Auch wenn er ihm nacheifert und wir beide versuchen, ihn zufrieden zu stellen und seinen wahrlich nicht gerade niedrig gesteckten Ansprüchen an uns und vor allem Fíli als Thronerben gerecht zu werden, hofft er natürlich, dass seine Zeit als König unter dem Berge noch in weiter Ferne liegt. Ich denke, es macht ihm schlicht und einfach Angst, dass Thorin sich wegen eines Raben so verhält, wie er sich eben verhält.“
Kíli steckte den letzten Pfeil zurück in den Köcher, seufzte leise und sah mich nachdenklich an, legte den Kopf ein wenig schief und fing bald an zunehmend zu grinsen.
„Ich erinnere mich nur zu gut an seinen Wutausbruch als Fíli und ich dir die Federn gestutzt und dich über und über mit Papierschnipseln beklebt hatten. Das gab aber auch ein Theater! Ich habe Thorin vorher und auch seitdem nie so außer sich erlebt. Dabei fanden wir unsere Idee, seinen Raben ein wenig hübsch zu machen und ihm ein neues Aussehen zu verleihen, damals tatsächlich genial und waren unheimlich stolz, dass uns so etwas eingefallen ist.“
Ich plusterte mich bereits auf und öffnete den Schnabel, um ihm meine Meinung dazu entgegen zu schleudern, als er abwehrend die Hände hob und leise lachte.

„Zu unserer Verteidigung: Wir waren jung und ziemlich lausbübisch. Und wir dachten, dass man für einen Widder oder ein Pony neues Zaumzeug oder einen Sattel geschenkt bekommt, oder eben auch Satteltaschen. Nun, das alles gibt es für Raben nicht. Und wir haben immerhin so weit gedacht, dass wir uns einig waren, dass du aufgrund des zusätzlichen Gewichtes nicht mehr würdest fliegen können, wenn wir dich mit Edelsteinen bekleben würden. Dass du auch die Spitzen deiner Schwingen brauchst, konnten wir ja nicht ahnen! Ich meine, wie alt waren wir damals? Ich glaube, ich war fünf oder sechs.“
Ich starrte ihn fassungslos an. Sie hatten mich ursprünglich mit Edelsteinen bekleben wollen?! Nun, eine schöne Idee, zugegeben…aber doch nicht bei einem lebendigen Raben oder sonst einem Tier! Ich wollte mir gar nicht vorstellen, wie Thorin darauf reagiert hätte.
„Da war die Idee mit dem Papier doch irgendwie…nun ja, gescheiter, findest du nicht?“
„Das kann ich nicht unbedingt bestätigen“, entgegnete ich. Kíli lachte mich an und zuckte mit den Schultern, stand auf und klopfte sich das Laub von Hose und Mantel.
„Wie dem auch sei, es ist nicht mehr zu ändern. Ich hoffe, du verzeihst mir meine kindliche Dummheit. Ich habe immer gern Fangen mit dir gespielt. Fíli ebenso, auch wenn er es jetzt wohl nicht mehr zugeben würde. Ich fühlte mich immer sicherer, wenn du über uns hinweg geflogen bist und auf uns aufgepasst hast. Genau genommen fühle ich mich auch heute sicherer, wenn du ein wachsames Auge auf uns hast. Ich kann zwar nicht glauben, dass es stimmt, was du, Thorin und Balin und Dwalin über diese Zwergin sagen…Thorin verheiratet, das kann ich mir irgendwie nicht vorstellen. Er hat nie auch nur den Hauch von Interesse an den Zwerginnen in den Ered Luin gezeigt. Nun, vielleicht lag das tatsächlich an dieser Zwergin“, überlegte er laut und zuckte ratlos mit den Schultern.
„Aber selbst, wenn dem so wäre, wie soll es dann möglich sein, dass sie du bist…oder dass du sie bist. Das verstehe ich einfach nicht.“
„Damit bist du nicht allein, Kíli“, seufzte ich und beobachtete das Treiben im Lager als die Zwerge zusammenpackten und sich für den restlichen Abstieg vom Carrock vorbereiteten.
„Ich denke, das kann keiner von uns wirklich begreifen. Ich selbst kann es auch kaum glauben, ich erinnere mich nicht an ein Dasein als Zwergin in Erebor. Aber all das solltest du Thorin heute Abend fragen, die anderen wollen es sicher auch erfahren.“
Kíli nickte zustimmend, legte den Köcher um und schulterte seinen Bogen.

„Es ist schön, sich mit dir unterhalten zu können. Doch es ist mindestens genauso unheimlich zu wissen, dass du womöglich die ganze Zeit sprechen konntest und jedes Wort verstanden hast, das in deiner Gegenwart gesprochen wurde.“
„Ich habe eure Sprache erst mit der Zeit gelernt“, erklärte ich kurz. „Und ich verstand einzelne Begriffe lange bevor ich sie selbst äußern konnte. Doch nun pack deine Sachen zusammen, wir sollten aufbrechen. Danke für deine Gesellschaft.“
„Ich danke dir“, entgegnete Kíli, „für deine Treue meinem Onkel gegenüber und deine wachsamen Augen und Ohren. Du hast meinen Bruder und mich vor vielen Dummheiten und Gefahren bewahrt. Nur die eine konntest du nicht verhindern.“
Er grinste frech als ich mich erneut aufplusterte, denn ich wusste genau, was er meinte.
„Kíli, wir brechen auf“, trieb Fíli seinen Bruder zur Eile an. „Weg von dem Raben!“
„Gib ihm Zeit“, bat Kíli mich als ich von einem Fuß auf den anderen trat. Die eiskalte Schulter und unübersehbar abweisende Art seines Bruders verletzten mich, denn ich hatte sicher Nichts falsch gemacht (jedenfalls nicht, so weit ich mich erinnern konnte). Auch, wenn Kíli mir einen Einblick in dessen Gedanken gegeben hatte und ich seine Sorgen und die Angst vor der Verantwortung, ein ganzes Volk und Königreich zu regieren, sollte sein Onkel dem Wahnsinn verfallen dazu nicht länger in der Lage sein, verstehen konnte, war es nicht mein Verschulden oder meine Absicht, dass Thorins Priorität bei meinem Wohlergehen lag. Dass er in Bruchtal verweilt war, obwohl die Zeit drängte. Dass er mich in diesen Brunnen getaucht und mich in eine andere Gestalt gezwungen hatte.

Als die Zwerge den Abstieg fortsetzten und ich ihnen voraus den Weg erkundete, stellten sie mir immer wieder Fragen. Was siehst du, holen die Orks auf, wie groß ist unser Vorsprung, siehst du Häuser, siehst du Wild, ist der Weg vor uns frei von Geröll, ist ein Flusslauf oder Bach in der Nähe, was war das für ein Geräusch, Irgendwas auf Khuzdul, das ich nicht verstand (daher bin ich auch nicht sicher, ob es tatsächlich mit galt). Gandalf brummte und murmelte vor sich hin, wenn er sich nicht gerade mit Bilbo unterhielt. Dwalin schüttelte immer wieder die Augen verdrehend den Kopf über seine Freunde und Verwandten bis Thorin ihm mit einem amüsierten Grinsen eine Hand auf die Schulter legte.
„Lass sie“, sagte er noch immer grinsend. „So kann Diȃ sich gleich daran gewöhnen, wie es ist, wenn das Volk tausend Anfragen, Anliegen und Belange gleichzeitig äußert.“
„Solltest du es vergessen haben“, mischte ich mich ein und landete auf Thorins Schulter. „Ich bin schon ein paar Jahre an deiner Seite und kenne dein Gejammer darüber, wie ungerecht das Leben als König ist, wenn jedes Problem des Volkes das eigene wird.“
„Ein wahrlich unvorstellbar grausames und unzumutbares Konzept“, gluckste Dwalin.
Thorin brummte ob der Verschwörung Dwalins und meiner Selbst gegen ihn und stapfte weiter den schmalen Pfad entlang, der kaum eine solche Bezeichnung verdiente. Dwalin hinter ihm ließ ein leises brummendes Lachen verlauten als ich wieder meiner Aufgabe nachging und die Umgebung erkundete.

Der Einzige, der auch am Fuß des Carrock angekommen keinen Schritt auf mich zugegangen war, geschweige denn mit mir sprach und mich abgesehen von finsteren Blicken ignorierte, war Fíli.


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* Vorlage hierfür war "Why so lonely" von Kari Rueslåtten, dessen Refrain ich so übersetzt habe, dass sowohl Sinn als auch Melodie halbwegs erhalten bleiben (zumindest hoffe ich das :D ).
Hier der Link zum Reinhören: https://www.youtube.com/watch?v=wA8l8QM0gow
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