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Von Zwergen und Raben

von Alex B
GeschichteAllgemein / P16
Bilbo Beutlin Lindir OC (Own Character) Thorin Eichenschild
05.05.2020
24.11.2020
21
74.615
18
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39 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
25.08.2020 6.746
 
Auch dieses Mal gilt mein Dank den Verfassern der tollen Reviews, den vielen Klicks, neuen Favoriten-Einträgen und Empfehlungen.
Dieses Kapitel bringt nicht nur einen Charakter ins Spiel, der bisher nebensächlich war, sondern ist gleichzeitig ein kleines Dankeschön an meine liebe fairness52, der ich nicht nur regelmäßige Reviews, sondern auch ein offenes Ohr für mein Gemaule und Gemecker sowie den ein oder anderen Austausch unter Verrückten (schönen Dank auch, Mr. Armitage...) verdanke. :)

Viel Spaß beim Lesen, hier noch eine kleine Warnung: Es wird kitschig! :D
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Kapitel 14

Ich eilte noch immer hinter Thorin her als ich die Adler in der Ferne einen nach dem anderen auf einem alleinstehenden hohen Felsen landen sah. Kurz darauf kamen sie mir auch schon entgegen und ich wurde von der unter ihren Flügelschlägen verdrängten Luft ergriffen.
„He“, empörte ich mich, „Vorsicht! Wollt ihr mich umbringen?“
„Ein Rabe“, bemerkte ein offensichtlich junger Adler als er auf meinen Schrei hin nach unten sah und mich entdeckte. Er war deutlich kleiner als die anderen, aber dennoch gewaltig. Ich fluchte vor mich hin, stieß den ein oder anderen wütenden Schrei und Krächzer aus.
„Gehörst du zu Eichenschild“, fragte der Adler und nutzte einen Aufwind, um über mir weite Kreise zu ziehen. Seine Sippe setzte ihren Weg fort und wirbelte mich das ein oder andere Mal wie ein totes Blatt durch die Luft, so dass ich Mühe hatte, nicht abzustürzen.
„Ja“, gab ich patzig zurück, „aber nicht mehr lange, wenn ihr so rücksichtslos mit den Flügeln schlagt, dass ich Gefahr laufe, in den Luftwirbeln in den Tod zu stürzen. Der Himmel gehört euch nicht allein, also benehmt euch gefälligst auch so.“
Einer der größeren Adler stieß einen Schrei aus und ließ mich vor Schreck in den Sturzflug gehen, bis ich ein Lachen hörte. Unsicher setzte ich meinen Weg fort, ohne auf die Erde zuzurasen. Natürlich war es äußerst gefährlich, Vögel zu provozieren, die größer waren als man selbst. Und diese gewaltigen, stolzen Adler, für die ich nicht mehr als eine große Fliege mit Federn war, würden sicher nicht lange brauchen, um mir ein Ende zu bereiten.
„Du weilst offenbar schon lange in der Gesellschaft der Zwerge, wenn es dir so sehr an Benehmen und Respekt mangelt. Wir sind die Großen Adler, Hüter über alle Tiere Mittelerdes. Du solltest dich geehrt fühlen, uns zu begegnen.“
Ich murmelte eine Entschuldigung, noch immer auf den Felsen zufliegend. Die Adler, die nicht nur unheimlich groß, sondern auch unheimlich schnell waren, waren bis auf den jungen und den größten, der nun sprach, bereits verschwunden. Und ich? Ich sah zwar den Felsen, war aber zu weit weg, um Bewegungen oder gar Personen zu erkennen. So flog ich müde weiter, die beiden Adler gemütlich in der Luftströmung schwebend über mir.
„Bring sie zu ihrem Herrn, Ramir. Sie ist sichtlich erschöpft und angeschlagen vom Kampf, in den sie sich so mutig gestürzt hat, als wäre sie eine von uns. Sie verdient jede Hilfe und wir werden ihr jede zuteilkommen lassen, die wir anbieten können. Deine Treue ist bewundernswert, Rabenfrau, auch wenn sich mir der Grund dafür nicht erschließen mag. Ihr seid wahrlich kein gewöhnlicher Rabe und Eichenschild kann sich glücklich schätzen, Euch an seiner Seite zu haben. Fahrt wohl, wohin Eure Fahrt auch führt, bis Ihr heil wieder in Eurem Horst landet!“
„Möge der Wind unter Euren Schwingen Euch dorthin tragen, wo die Sonne segelt und der Mond wandert“, erwiderte ich die Abschiedsfloskel der Adler. Meine Mutter hatte mir und meinen Geschwistern als Küken oft von ihnen erzählt und mich die Worte gelehrt. Wahrscheinlich würde sie sich vor Scham winden und mir jede Feder einzeln ausreißen, wenn sie wüsste, wie respektlos ich mit den Geistern der Wächter gesprochen hatte.

Bevor ich länger darüber nachdenken konnte, hörte ich erneut einen Adlerschrei, auf den ich panisch antwortete, als mich eine riesige Klaue vorsichtig umschloss. Beinah wäre ich vor Schreck in Ohnmacht gefallen, ein weiterer Schrei blieb mir wegen der rasenden Geschwindigkeit, mit der der Adler die Distanz zum Felsen zurücklegte, im Halse stecken.
„Wie heißt du“, fragte der junge Adler. Ramir, wenn ich richtig gehört hatte.
„Ich, ähm“, begann ich und überlegte. Meinen Rabennamen konnte er vermutlich auch nicht aussprechen. Thorins Kosenamen auf Khuzdul, die er für mich hatte, wollte ich ihm nicht als meinen Namen nennen. So wollte ich sicher nicht von jemand anderem, schon gar nicht von einem monströsen Adler, genannt werden. Lindir hatte mich ‚Rabe‘ auf Sindarin genannt, was mir auch nicht passend erschien. Es schien, als hätte ich keinen Namen, der eindeutig mich als Individuum bezeichnete. Ich seufzte leise, noch immer auf der Suche nach einer Antwort, die ich Ramir auf seine Frage geben konnte.
„Du wirst doch einen Namen haben“, bemerkte er und senkte den Kopf, um mich skeptisch zu beäugen. Ich saß sicher auf der mittleren Zehe seiner linken Klaue, die er locker und vorsichtig um mich geschlossen hatte, und sah zu ihm hoch.
„Sicher habe ich den“, entgegnete ich und versuchte ihm mein Problem darzulegen. Er schwieg einen Moment und ich war nicht sicher, ob er mir überhaupt zugehört hatte.
„Hat Eichenschild dir nie einen Namen gegeben, mit dem er dich ruft? Was ist mit dem Elb?“
„Nein, Thorin hat mir lediglich Kosenamen gegeben.“
„Seltsame Beziehung zwischen einem Tier und seinem Herrn“, stellte Ramir fest.
„Er ist nicht mein Herr. Ich folge ihm freiwillig und bin froh über die Freundschaft, die er mir entgegenbringt. Ich bin kein zahmes Haustier“, versuchte ich ihm glaubhaft zu machen
„Und der Elb nannte dich nur Rabe in seiner Sprache?“
„Ja“, stimmte ich zu ehe ich stutzte. Hatte er nicht bei meinem Abschied etwas anderes gesagt? Etwas über die Königin unter dem Berge? Ich dachte darüber nach und spürte die Wut und die Hitze, die die Eifersucht mit sich brachte, als ich meinen Platz an Thorins Seite bedroht sah. Gleich darauf schüttelte ich mich und damit den Gedanken ab, denn es gab niemanden an Thorins Seite, der mir in irgendeiner Hinsicht gefährlich werden konnte. Es gab keine Zwergin, die er begehrte. Es gab keine Königin unter dem Berge.
„Ich glaube, er nannte mich Diȃ, als wir uns Lebewohl sagten“, überlegte ich laut.
„Diȃ“, wiederholte Ramir. Er hatte den Felsen, den ich schließlich als Carrock erkannte hatte, beinah erreicht und ging in einen Sinkflug über. Ich setzte mich etwas auf und sah vorsichtig an seiner Klaue vorbei auf das, was vor uns lag. Der Wind zerzauste mein Gefieder und ließ mich immer wieder blinzeln, so dass ich mich tief duckte und an Ramir schmiegte.
„Diȃ“, sagte er erneut, „das gefällt mir. So werde ich dich nennen, bis Eichenschild dir einen anderen Namen gibt oder du unter einem anderem bekannt bist. Doch nun trennen sich unsere Wege bereits, ich werde dich auf dem Stein dort absetzen. Lebe wohl, Diȃ. Fahre wohl, wohin deine Fahrt auch führt, bis du heil wieder in deinem Horst landest!“
„Möge der Wind unter deinen Schwingen dich dorthin tragen, wo die Sonne segelt und der Mond wandert. Lebe wohl, Ramir. Ich danke dir.“

Kurz darauf fand ich mich auf dem großen Stein wieder, den Ramir angesprochen hatte, und sah ihm einen kurzen Moment nach ehe ich mich umsah. Ich begegnete den Blicken der Zwerge, die von verblüfft über erleichtert und mürrisch bis skeptisch reichten. Sie alle wirkten müde und unheimlich besorgt und ich folgte ihrem Blick, denn dem Augenpaar, das ich suchte, war ich noch nicht begegnet. Ich entdeckte Gandalf, der am Boden kniete, und Bilbo, der abseits der Zwerge und ihnen gegenüberstand. Zwischen ihnen, noch immer regungs- und leblos, lag offenbar Thorin, von dem ich von meiner Position aus lediglich die Stiefel und einen Teil des zerschrammten Gesichts sehen konnte.
„Thorin“, sprach ich ihn mit zittriger Stimme an und versuchte die Angst daraus zu verbannen. Ich zuckte zusammen als ich unerwartet eine leichte Berührung am Rücken spürte, sah auf und entdeckte Dwalin. Er hatte die Zähne zusammengebissen, sein Gesicht zeigte deutlich den Schmerz und die Trauer, die auch mich zu ergreifen drohte.
„Er ist schwer verletzt“, brummte Dwalin mir leise zu. „Es steht nicht gut um ihn.“
Ich antwortete nicht. Ich konnte nicht, die Nachricht über Thorins Befinden schnürte mir die Kehle zu. Trotzdem war ich Dwalin dankbar, dass er sich meiner annahm und mich nicht im Ungewissen ließ. Dass er einen Schritt auf mich zu gemacht hatte. Dass er mir beistand.
Ich hörte Gandalf etwas murmeln, doch ich konnte nicht sehen, was er tat. Ich atmete nur ebenso erleichtert auf wie die Zwerge als Thorin kurz darauf die Augen aufschlug und tief Luft holte. Ich hörte ihn Gandalf etwas fragen, dessen Antwort nach hatte er sich wohl nach dem Befinden des Hobbits erkundigt. Dwalin neben mir dankte Durin und stapfte prompt auf seinen König und Freund zu, um ihm auf die Beine zu helfen. Kaum, dass er stand, befreite Thorin sich energisch aus den helfenden Händen an seinen Armen und wandte sich dem Hobbit zu, dem das erleichterte und freudige Grinsen sogleich verging als Thorin langsam auf ihn zuging, ihn anherrschte und zurechtwies.
„Du! Was hast du getan? Das hätte dich das Leben kosten können! Habe ich nicht gesagt, du wärst eine Last? Dass du in der Wildnis nicht überlebst? Dass du niemals zu uns gehören wirst? Ich habe mich noch nie so getäuscht. In meinem ganzen Leben.“
Hatte ich eben noch zunehmend befürchtet, Thorin würde Bilbo am liebsten in den Abgrund stoßen, war ich nun umso überraschter und erfreuter, als er den Hobbit fest umarmte. Ich hörte die Zwerge sich zujubeln und erhaschte einen Blick auf Gandalfs zufriedenes Grinsen.
„Verzeih meine Zweifel an dir“, bat Thorin den Hobbit und ich lauschte Bilbos Worten über seine eigenen Zweifel. Der Hobbit verzieh dem sturen, misstrauischen Zwerg ohne Zögern.

Ich krächzte leise und raschelte unbehaglich mit den Flügeln als Thorin sich zu mir umwandte, sein Blick jedoch keine Freunde zeigte. Stattdessen begegneten mir zunächst Überraschung und Ungläubigkeit, denen gleich darauf Trauer, Schmerz und Wut folgten.
„Was tust du hier“, fragte er, seine Stimme ein gefährlich leises Knurren.
„Ich bin dir gefolgt, wie ich es immer getan habe“, antwortete ich wahrheitsgemäß.
„Ich hab dich in Bruchtal zurückgelassen“, begann er.
„Ja, und das nehme ich dir noch immer übel! Nun ja, ein wenig. Lindir hat –“
„Ich ließ dich nicht grundlos zurück! Du wärst dort sicher gewesen, bis ich nach dir hätte schicken lassen! Wenn Smaug tot und der Berg zurückerobert worden wäre, hätte ich dich zu mir geholt. An meine Seite, wo du als Kö –“
Er brach mitten im Wort ab, die Zwerge, Bilbo und ich starrten ihn an. Gandalf, den ich hinter Thorin entdeckte, der inzwischen vor mir stand, stützte sich gespannt auf seinen Stock.
„Warum bist du nicht dort geblieben, wo du sicher gewesen wärst? Dieser Elb schien sich gerne um dich zu kümmern“, verlangte er mit einer Spur von Eifersucht und verzweifeltem Unverständnis in der Stimme zu wissen. Ich sah ihn stumm an, denn mit solch einem Wiedersehen hatte ich wahrlich nicht gerechnet. Thorin seufzte und rieb sich über die Augen, kniff sich kurz an die Nasenwurzel und verzog mit einem leisen unterdrückten Stöhnen das Gesicht. Der Kampf gegen Azog und dessen Warg hatte ihm reichlich Blessuren in Form von Schrammen, Schnitten und Prellungen zugefügt, von den Bisswunden des Wargs ganz zu schweigen. Als er mich wieder ansah, legte ich den Kopf ein wenig schief und musterte ihn.
„Lindir hat sich gut um mich gekümmert“, antworte ich schließlich und ignorierte die anderen Zwerge, Bilbo und Gandalf, die meine Antwort nicht hörten (obwohl ich mir bei letzterem nie wirklich sicher war). „Aber das ist jetzt nicht wichtig. Natürlich bin ich dir gefolgt. Thorin, ich würde dir überallhin folgen! Ich sorge mich um dich, bangte jeden Tag, ob ich dich lebend wiedersehen würde. Ob ich dich wiederfinden würde, wusste nicht wo ich überhaupt suchen sollte. Ich könnte dich nie allein ziehen lassen, selbst wenn ich es wollte, was sicher nie geschehen wird. Ich verstehe nichts von den Gefühlen, die Zwerge, Menschen und Elben empfinden können. Ich verstehe auch nicht, nach welchen Kriterien ihr eure Partner aussucht, wenn nicht nach der Kraft und einem vor Gesundheit glänzenden Federkleid. Aber ich habe vielen Liedern und Geschichten gelauscht, habe beobachtet, wie Menschen und Zwerge miteinander umgehen, wenn sie sich lieben.“
Ich wich seinem Blick einen Moment verlegen aus als ich bemerkte, was ich da sagte. Er sah mich überrascht an, die Wut war aus seinem Gesicht gewichen. Stattdessen entdeckte ich ein leichtes ahnendes Lächeln, das seine Augen leuchten ließ.

„Thorin“, versuchte ich Zeit zu schinden und die richtigen Worte zu finden. „Ich kenne dich sehr gut und ich bin schon seit vielen Jahren an deiner Seite. Ich folge dir bedingungslos, nehme deine Launen hin und ertrage sie zumeist, ohne zu klagen. Ich kenne deine Gedanken, deine Träume, deine Ängste, deine Hoffnungen und Befürchtungen. Ich weiß, was dich zur Weißglut bringt und was dich beruhigt, was du verabscheust und schätzt. Ich kenne dich wie eine Feder meines Gefieders. Von dir zurückgelassen zu werden war das furchtbarste, was du mir je angetan hast und je hättest antun können. Wenn du mich nicht mehr an deiner Seite wissen willst, soll es so sein. Ich werde versuchen, deinen Wunsch zu akzeptieren und mich von dir fernzuhalten. Aber verlange nicht von mir, nicht mehr über dich zu wachen und dich zu warnen, wenn Gefahr droht. Sollte dir etwas zustoßen, könnte ich es mir nie verzeihen, nicht bei dir gewesen zu sein. Dass Azogs Warg –“
Ich stockte, die Erinnerung daran, die erneut aufwallende Angst um Thorin, nahmen mir die Stimme und die Luft. Der Gedanke daran, ihn erneut nicht warnen zu können und um sein Leben zu bangen, war unerträglich. Ich schüttelte mich und versuchte, mich wieder auf die blauen Augen zu konzentrieren, die noch immer auf mir lagen und mich mit einer Wärme bedachten, die sich augenblicklich von meinem Herzen aus in meinen Körper ausbreitete.
„Ich kann dich nicht allein lassen. Ich will nicht von dir getrennt sein. Also schick mich bitte nicht weg und lass mich nicht zurück, auch wenn du es für sicherer erachtest. Das wäre mein Ende, Thorin Eichenschild.“
Ich sah zu Boden, holte tief Luft und wappnete mich für das, was ich Thorin schon die ganze Zeit sagen wollte. Ich hatte keine Ahnung, wie ich das anstellen sollte (schließlich wäre ich sonst nicht in so einen elendigen Monolog verfallen), doch ich verstand plötzlich, warum es den Zwergen und Menschen und vielleicht auch Elben so schwerfiel.

„Was ich eigentlich sagen wollte“, begann ich erneut und sah Thorin fest in die Augen. Und vergaß prompt, dass ich etwas sagen wollte. Erst als er fragend eine Augenbraue hochzog, suchte ich meine Stimme wieder und war froh, dass ich sie auch wiederfand.
„Ich weiß nicht, was in Bruchtal geschehen ist, doch mir ist dort etwas klar geworden. Was mich an dich bindet, ist nicht die Treue eines Haustiers seinem Herrn gegenüber. Auch nicht das Pflichtgefühl, mich dafür zu revanchieren, dass du mich eins gerettet hast, oder dass ich nicht weiß, wo ich sonst hin soll. Ich will nirgends anders sein als an deiner Seite und ich werde nie etwas anderes wollen. Ich bin nicht sicher, ob ich aufgrund meiner Natur so empfinden kann, doch wenn ich an all die Geschichten und Lieder denke, bin ich ziemlich sicher, dass es nichts anderes sein kann, das mich stetig zu dir zieht.“
„Was ist? Hat sie was gesehen“, unterbrach Dwalin meinen Versuch Thorin zu erklären, was ich fühlte, und nahm mir prompt ein wenig den Mut. Thorins Miene verdunkelte sich für den Bruchteil einer Sekunde als er die Hand hob und so Schweigen gebot.
„Bitte, fahre fort“, bat Thorin mich beinah flüsternd. Ich sah ihn unsicher an und war einen Moment sprachlos als ich in seinem Blick erkannte, was ich in Worte zu fassen versuchte.
„Ich…ich glaube, es ist Liebe, die mich an dich bindet.“
Thorin atmete auf (ich hatte nicht einmal bemerkt, dass er die Luft angehalten hatte) und grinste mich erleichtert an. Er hielt mir den Arm hin, auf dem ich etwas unsicher ob seiner Reaktion Platz nahm. Ich war froh, dass er mich nicht zurückschickte oder gar verstieß, sondern ich stattdessen meinen Platz bei ihm einnehmen durfte. Er hob den Arm bis er mir in die Augen sehen konnte. Einen Moment starrten wir uns stumm an ehe ich seine Hand auf meinem Rücken spürte und er mich sanft an sich drückte. Ich spürte, wie er den Kopf drehte, und kurz darauf eine Berührung an meinem Kopf. Thorin atmete tief durch und seufzte leise. Ich spürte sein Herz neben meinem schlagen.

„Du liegst nicht ganz richtig, aber auch nicht gänzlich falsch“, sagte er so leise, dass nur ich ihn hören konnte. Ich erstarrte ob seiner Worte. Was sollte das nun wieder bedeuten?
„Wenn du dich nicht daran erinnern kannst, was in Bruchtal geschah, werde ich versuchen, es dir bald zu erklären. Doch jetzt solltest du nur ein paar Dinge wissen und ich bitte dich, sie niemals zu vergessen, auch wenn sie dich vorerst verwirren werden. Was auch immer dieser Berg mit all seinem Gold für eine Macht über mich haben wird, es wird niemals etwas daran ändern. Hast du das verstanden?“
„Ja“, versicherte ich ihm, obwohl ich zweifelte, dass mir gefiel, was er gleich sagen würde.
„Versprich mir, dass du es nie vergessen wirst“, forderte er und ließ mich los, hielt mich jedoch weiterhin auf Augenhöhe, so dass wir uns ansehen konnten. Ich starrte in die Tiefen seiner blauen Augen, die keine andere Antwort zuließen.
„Ich verspreche es.“
„Dein Name ist Diȃ, Tochter von Thefin und Firȃ.“
„Meine Eltern hießen –“
„Bitte, lass mich ausreden.“
„Verzeih.“
„Ich habe dich in Bruchtal zurückgelassen, weil du dort wieder die wurdest, die du einst warst. Ich verstieß dich nicht, das würde ich niemals übers Herz bringen. Ich ließ dich aus Liebe zurück. Damit du als die nach Hause kommen konntest, die du bist: Meine mir angetraute Frau und somit Herrscherin über Durins Volk, Königin unter dem Berge.“
Ich starrte ihn ungläubig an, warf einen Hilfe suchenden Blick zu Dwalin, der schräg hinter Thorin stand und offenbar trotz Thorins leisem Flüstern jedes Wort verstanden hatte. Er seufzte leise und schüttelt bedauernd den Kopf. Ich fragte mich, ob er befürchtete, Thorin hätte eine schwere Gehirnerschütterung und erzählte deshalb wirres Zeug, oder ob er darüber den Kopf schüttelte, dass Thorin mir letztlich die Wahrheit gesagt hatte.
„Das ist doch Blödsinn“, kommentierte ich seine Erzählung schließlich und wartete darauf, dass er lachte und über sich über meine Reaktion amüsierte. Doch er schloss nur einen Moment die Augen und sackte kraftlos ein wenig in sich zusammen ehe er mich traurig ansah und leicht den Kopf schüttelte.
„Ich verstehe deinen Unglauben, ich wollte es auch nicht wahrhaben. Ich werde an meinem Versprechen festhalten und es dir bald erklären. Oder es wenigstens versuchen. Doch nun haben wir wichtigeres zu tun. Zuerst müssen wir von diesem Felsen herunter.“

Verwirrt und ernsthaft an Thorins (und meinem) Verstand zweifelnd fand ich mich kurz darauf wieder auf dem Stein wieder. Dass die Zwerge ehrfürchtig auf den in der Ferne aufragenden Einsamen Berg sahen, nahm ich nur wage wahr. Vielmehr beschäftigte mich die Frage, ob Thorin sich so eine Geschichte wirklich hätte ausdenken können. Und wenn dem so war, warum hatte Lindir mich mit demselben Namen und demselben Titel verabschiedet? Doch wie sollte das möglich sein? Wie konnte es sein, dass meine Eltern Zwerge waren, die in Erebor lebten? Warum hatte ich nicht den Hauch einer Ahnung oder Erinnerung? Wie konnte es sein, dass ich Königin unter dem Berge war (wenn ich es denn war)? Wie lange wusste Thorin davon? Wie kam er auf den Gedanken, dass ich die Frau an seiner Seite sein könnte? Warum hatte er nie etwas gesagt? Warum wusste ich nicht einmal, dass es eine Frau an seiner Seite gegeben hatte? Wenn er beim Angriff des Drachen noch so jung und noch nicht einmal im heiratsfähigen Alter gewesen war, wie konnte er dann geheiratet haben? Warum erinnerte ich mich an nichts davon? Was war in Bruchtal geschehen?
In meine verworrenen Gedanken vertieft und zunehmend vom kalten Griff der Angst ergriffen, bemerkte ich die Gestalt vor mir erst, als sie mich ansprach.

„Diȃ“, brummte sie mir entgegen und ich sah in traurige Augen, die mich bemitleideten.
„Dwalin“, erwiderte ich und legte den Kopf ein wenig schief, sah ihn fragend an.
„Es tut mir so leid. Er hätte dir nichts sagen dürfen, dich nicht ins Chaos stürzen dürfen.“
„Du kennst Thorin“, nahm ich diesen prompt in Schutz und sah ihm nach als er begann, einem Pfad den Carrock hinab zu folgen. Einen kurzen Moment verspürte ich einen gewissen Stolz, dass Thorin, obwohl verletzt und nur Dank Gandalfs Magie dem Tod entkommen, vorweg ging und die Zwerge anführte, die ihm blind zu vertrauen schienen und treu folgten. Er war eben, der er war. Der König von Durins Volk.
„Ja“, unterbrach Dwalin meine Gedanken und bot mir, offensichtlich ein wenig unsicher, den Arm an. Sein Zögern amüsierte mich, denn ich hegte keinerlei Groll gegen den kahlköpfigen, ständig murrenden Zwerg, der sein Leben für seinen König geben würde, ganz ohne jedes Zögern. Genau genommen mochte ich ihn sogar und vertraute ihm. Nie würde er gegen Thorins Wohl handeln, nie seinen Freund verraten. Warum also sollte er mir etwas antun, wenn er die Auswirkungen, die eine Trennung von mir auf Thorin hatte, doch kannte? Was mich jedoch verunsicherte, war das plötzliche Interesse des Zwerges an mir, denn bisher hatte er mich schlichtweg geduldet und regelrecht ignoriert, so wie ich ihm keine große Beachtung geschenkt hatte. Ich schätzte ihn lediglich für seine Treue und Freundschaft zu Thorin und wusste, dass dessen Sicherheit für Dwalin ebenso oberste Priorität hatte wie für mich. Trotzdem flatterte ich, müde von der Suche, dem Kampf, der Verfolgung der Adler und der Angst, die ich um Thorin ausgestanden hatte, auf seinen Arm, drehte mich darauf soweit um, dass ich sehen konnte, wohin er ging, und fragte mich prompt, warum Thorin sich von mir abgewandt hatte und ich nicht auf seinem Arm oder seiner Schulter saß.
„Er ist stur wie die meisten von uns, wenn nicht sogar noch schlimmer. Er hat viel Leid, Schmerz und Verlust erleiden müssen. Das hat sichtliche Spuren bei ihm hinterlassen, wie sie bei jedem sichtbar gewesen wären, und ihn über die Jahre verändert. Er mag kalt und hartherzig, unnahbar und auf manche gar arrogant und überheblich oder selbstverliebt wirken, aber das ist er nicht.“
„Ich weiß“, stimmte ich Dwalins Worten zu. „Er verbirgt seine Gefühle, um sich und die seinen zu schützen. Um keine Schwäche preiszugeben und nicht erneut den Schmerz des Verlustes ertragen zu müssen. Er sorgt sich dennoch um seine Freunde und sein Volk.“
„Und um seine Königin“, brummte Dwalin und folgte seinen Freunden den Felsen hinunter. Er hielt ein wenig Abstand zu ihnen, sprach leise mit mir, um das Mysterium, das ich für die anderen war, zu wahren und Thorins Worte an mich nicht zu verraten.
„Wie kann das sein“, fragte ich als mich die immer gleichen tausend Fragen davon abhielten, einen klaren Gedanken zu fassen und auch nur eine davon zu beantworten.
„Das sollte Thorin dir selbst erklären“, wich er meiner Frage aus. „Aber ich kann dir erzählen, woran ich mich erinnere, wenn ich an den Namen denke, den du trägst.“
„Diȃ“, erinnerte ich mich und sah Dwalin neugierig an. Er nickte und schien in Gedanken, setzte mich auf einem Felsvorsprung ab, um einen unwegsamen Teil des Abstiegs sicher zu bestreiten und ließ mich schließlich wieder auf seinem Arm Platz nehmen.

„Erzähl mir von ihr“, bat ich den grob wirkenden und doch wahrlich gutherzigen Zwerg.
„Wo fange ich da an“, überlegte er laut. „Wie soll ich eine unbeschreibliche Zwergenfrau beschreiben, noch dazu ihr selbst gegenüber?“
„Lass das nicht Thorin hören“, gluckste ich, amüsiert über Dwalins offensichtliches Schwärmen für die Frau, die auch er offenbar in mir sah.
„Oh, keine Sorge! Nie würde ich es wagen, ihm etwas streitig zu machen. Schon gar nicht seine Frau, für deren Schutz ich ebenso sorgen werde wie für seinen.“
Ich sah ihn verblüfft an, denn mit solch einem entschlossenen Schwur hatte ich wahrlich nicht gerechnet. Schon gar nicht, da ich selbst in mir nichts anderes sah als einen Raben.
„Sie war Schmiedin, hat Schmuck aus Gold und Silber hergestellt. Ihre Arbeiten waren wunderschön…filigran, einzigartig und mit solch einer Hingabe gefertigt, dass man sich die Ringe, Armreifen, Ketten und selbst Haarspangen ewig hätte ansehen können. Sie liebte ihr Handwerk und war obendrein begabt. Sie bekam bald eigene Aufträge, auch aus dem Königshaus. Thorin selbst hat, soweit ich mich erinnern kann, einst einen Ring bei ihr in Auftrag gegeben. Ich weiß noch, dass ich ihn zur Schmiede begleitete und er auf dem Weg dorthin mit einem tiefblauen Saphir herumspielte. Ein wirklich edler Stein, ohne jegliche Einschlüsse oder Makel, glattgeschliffen und poliert. Er wollte ihn in einen Ring einfassen lassen, überlegte immer wieder, ob Gelbgold, Weißgold, beides oder Silber. Auf jeden Fall sollte irgendwie ein Rabe, das Tier unseres Volkes, damit verbunden sein. Ich habe ihn selten so voll freudiger Aufregung erlebt, ich musste ihn immer wieder dazu ermahnen, sich nicht wie ein Zwergling zu benehmen, sondern wie der Zwergenprinz, der er war. Es fiel ihm wirklich nicht leicht, das kann ich dir sagen“, gluckste Dwalin bei der Erinnerung daran. Ich hörte ihm gespannt zu und versuchte mir den Thorin, den Dwalin mir beschrieb, vorzustellen.
„Ich hatte Diȃ bereits einige Male getroffen, mit ihr gesprochen und ihr Handwerk bewundert. Als Thorin mit seinen ungenauen Vorstellungen den Ring in Auftrag gab, hatte sie sich noch während er versuchte seine Wünsche zu äußern bereits einen Kohlestift und Papier genommen. Er hatte noch gar nicht ausgesprochen, als sie ihm bereits die erste Skizze entgegenhielt. Es war erstaunlich, sie schien genau zu wissen, was er dachte und was ihm gefiel. Thorin war offenbar zufrieden mit ihrer Idee, er hatte nur kurz auf die Skizze gesehen, genickt und nach der voraussichtlichen Dauer der Anfertigung sowie dem Preis für ihre Arbeit gefragt. Inzwischen ist mir klar, dass sie wohl schon lange wusste, was in seinem Kopf und erstrecht in seinem Herzen vor sich ging. Sie kannte ihn offenbar besser als sie es zeigte, und er sie ebenso. Nun, heute weiß ich, warum.“

Dwalin lächelte und sah mich wissend an. Ich antwortete nicht, was hätte ich auch sagen sollen? Ich konnte mir noch immer nicht vorstellen, dass dies einmal mein Leben gewesen sein soll. Dass ich einst eine Zwergin gewesen war und Thorins Herz gewonnen hatte.
„Ehrlich gesagt“, fuhr Dwalin fort und gluckste leise, „das erklärt ziemlich viel. Zum Beispiel, warum er in letzter Sekunde zum Schwertkampf erschien und noch gar nicht richtig wach zu sein schien. Von wegen schlechte Träume, Diplomatie, über Karten brüten oder was er sonst für Ausreden hatte! Oder warum er aus der Kaserne verschwand, kaum dass das Training für beendet erklärt war. Aber vor allem erklärt es seine häufige geistige Abwesenheit, das ständige Lächeln und Leuchten in seinen Augen. Er war schlicht und einfach bis in die Spitzen seines kümmerlichen Bartes verliebt.“
Ich raschelte ein wenig mit den Flügeln als Dwalin auflachte (was mir noch ungewohnter und seltener vorkam als Thorins Lachen) und versuchte das Gehörte zu verarbeiten. Zum einen keimte erneut Eifersucht in mir heran. Diese Goldschmiedin schien Thorin die Welt bedeutet zu haben, wenn er seine Pflichten vernachlässigt hatte, um bei ihr zu sein. Er schien glücklich gewesen zu sein und sie von Herzen geliebt zu haben. Ich fühlte mich unwohl bei dem Gedanken, ihm nie auch nur annähernd so nahe stehen zu können. Ich war keine Zwergin, was konnte ich ihm schon bieten? Erkundungsflüge, Botschaften überbringen, meine Augen und Ohren, um ihn rechtzeitig zu warnen. Nichts, was jeder andere Rabe nicht auch könnte. Nichts, was mich unersetzbar und unentbehrlich machte. Und erst recht nichts, was eine Zwergin ihm geben könnte. Zum anderen hoffte ich, dass Thorin dennoch sein Glück finden würde. Egal wo, egal mit welcher Zwergin (nun, fast egal), egal wie. Ich wollte ihn nicht teilen, doch würde es wohl müssen, wenn ich ihm und seinem künftigen Glück nicht im Wege stehen wollte. Es machte mich schlicht weg wahnsinnig.
„Was schaust du so bedrückt drein und lässt die Flügel hängen?“
Ich hob den Kopf, um Dwalin anzusehen, der mich aufmerksam musterte.
„Ich bin froh, dass Thorins Los nicht schon immer so ein schweres gewesen ist. Dass er Liebe erfahren und sein Glück gefunden hatte. Und es tut mir leid, dass er beides im Feuer verlor“, log ich munter drauf los. Dwalin zog ungläubig die Augenbrauen hoch. Ich seufzte.
„Ich bin ein Rabe, Dwalin. Egal, wer ich vielleicht einmal war, ich werde es nie wieder sein. Ich bin nicht die, für die du mich hältst. Das kann nicht sein. Ich erinnere mich nicht an ein Leben vor diesem, an eine Goldschmiede oder Erebor. Und auch nicht an das, was Thorin und mich einst verbunden haben soll.“
„Und doch quält es dich, dass dem so ist. Es raubt dir die Ruhe, dass du dich nicht erinnerst und Thorin dich nicht als das sieht, was du nun bist.“
„Ich fürchte, dass es nicht das Gold ist, das ihn den Verstand kostet“, gab ich zu.
„Ja“, brummte Dwalin leise, „das fürchten wir wohl alle. Dennoch, ich habe dich in Bruchtal gesehen, als du den Körper des Raben verlassen hast. Als du wieder…nun ja, mehr wie du warst. Ich gebe zu, auch ich dachte lange, dass Thorin einfach nur wahnsinnig in einen Vogel vernarrt war. Doch als ich dich sah…als ich die Blicke zwischen dir und Thorin sah, seinen inneren Kampf zwischen seiner Pflicht seinem Volk gegenüber und dem innigen Wunsch dich bei sich zu haben beobachtete…als er erzählte, was er in diesem Brunnen gesehen und was der Elb ihm gesagt hatte…“

Er seufzte tief und unterbrach seine Erklärung, um an der Felswand hinab zu klettern. Ich wartete auf der Kante des Felsens sitzend darauf, wieder auf seinem Arm Platz zu nehmen, und ließ den Blick über die anderen Zwerge und Bilbo schweifen. Ich spürte bereits die ganze Zeit immer wieder, dass mich jemand beobachtete, und war nicht überrascht, als mir ein nur allzu vertrautes Paar blauer Augen begegnete. Ich musterte ihn, ließ den Blick abschätzend über die Schrammen und Schnitte in seinem Gesicht wandern und antwortete auf das kleine beruhigende Lächeln mit dem für ihn bestimmten Schnabelklicken.
„Diese Blicke meinte ich“, hörte ich Dwalin einige Meter unter mir brummen und sah zu ihm hinunter. Er schmunzelte ein wenig vor sich hin, hob den linken Arm und machte eine übertrieben elegante Handbewegung mit der Rechten, um mich wieder auf meinen vorherigen Platz einzuladen. Ich krächzte leise, stieß mich vom Felsen ab und landete auf Dwalins Arm. Nicht, ohne ihm mit dem Flügel kräftig über das Gesicht zu wischen.
„He“, rief er aus und schob mich etwas weg, „wofür war das denn?“
„Für deinen Kommentar“, gab ich zurück, amüsiert über seinen Gesichtsausdruck.
„Wenn es doch aber der Wahrheit entspricht“, verteidigte sich Dwalin. „Auch wenn du dich nicht an dein Leben in Erebor erinnern magst, ich erinnere mich an dich. Balin ebenso und Thorin erst recht. Wir standen uns nicht sehr nahe, muss ich gestehen, doch das lag keinesfalls daran, dass wir nicht miteinander auskamen. Wir hatten einfach kaum Gelegenheit, einander kennen und schätzen zu lernen. Ich denke, die einzige Gemeinsamkeit, die uns damals verband, war unsere Liebe zum damals stürmischen, manchmal zu unbekümmerten Prinzen und die Sorge um sein Wohlergehen. Du weißt, dass ich Thorin gegenüber immer ein treuer Freund war und sein werde. Und ich hoffe, dass ich auch dir, seiner Frau und somit meiner Königin, ein solcher sein werde.“
„Die ganze Unterhaltung für ein Freundschaftsangebot und einen Treueeid? Meine Freundschaft hast du allein wegen deiner Treue zu Thorin und die vielen Male, die du ihm vermutlich schon das Leben gerettet hast. Und dafür danke ich dir.“
„Nun, nein“, widersprach Dwalin, „nicht nur dafür. Ich hoffe, dass du dich eines Tages daran erinnerst, wer du warst und bist. Du magst wie ein Rabe aussehen, doch du liebst Thorin noch immer genauso. Warum sonst bist du all die Jahre bei ihm geblieben? Warum sonst lasst ihr einander kaum aus den Augen und vergeht vor Kummer, wenn ihr nicht bei einander sein könnt? Ich bin weder blind noch dumm. Thorin würde alles aufgeben, um dich zu beschützen und bei dir zu sein, und jeden töten, der sich ihm dabei in den Weg stellt. Du bist seine Frau, deren Tod ihn unsagbar hat leiden lassen, und die zu ihm zurückgekehrt ist.“
„Glaubst du das wirklich“, unterbrach ich ihn in seinem aufwallenden Redefluss und sah ihn ungläubig an. Wie oft hatte ich das nun schon gehört? Und wie oft musste ich es noch hören, um es zu glauben und begreifen zu können? Gab es wirklich ein anderes Leben, das einen nach dem Tod erwartete? Oder war ich nur ein Rabe und der Zauber bestand darin, dass mich plötzlich alle für die Königin unter dem Berge hielten, von deren Existenz kaum jemand wusste und die nie gekrönt worden war? War es ein Versuch, Thorin vom Berg fernzuhalten?

„Ich weiß nicht recht“, meinte Dwalin schließlich nachdenklich. „aber ich weiß, was ich gesehen habe, auch wenn es mir unglaublich erscheint. Und was ich gesehen habe, war nicht Diȃ, wie ich sie einst kannte, aber sie war es dennoch. Sie war schlanker als sie es als Zwergin war, zierlicher. Und sie trug keinen Bart. Trotzdem war sie ebenso schön, hatte dieselben Augen und Gesichtszüge, dieselbe warme Stimme mit dem kleinen Lachen darin, das sie einem sofort sympathisch machte.“
Ich musterte Dwalin als er mit einem kleinen Lächeln offenbar in Erinnerungen versank.
„Du hattest sie wohl sehr gern“, erkannte ich plötzlich, was in dem grob und schlecht gelaunt wirkenden Zwerg vor sich ging. Er seufzte leise und knirschte mit den Zähnen. Eine Geste, die ich von Thorin kannte, und die bei wohl auch bei seinem Freund auf Unsicherheit, Wut oder Grübeln schließen ließ. Ich krächzte leise, um ihn an meine Worte zu erinnern.
„Hmhm“, brummte er zustimmend und schloss einen kurzen Moment die Augen. „Sie schien immer die richtigen Worte zu finden, Licht in den dunkelsten Tunneln zu sehen oder es selbst zu entzünden, das Gute in allem Bösen zu entdecken. Ich weiß nicht, wie oft Thorin sich nach dem Kampftraining über irgendetwas den Kopf zerbrach, nur um morgens gelassen mit einer Lösung anzukommen. Egal, ob es schwierige Handelspartner oder die Ansprüche und Aufträge seines Großvaters waren. Sie hatte scheinbar für alles eine Lösung und wäre eine großartige Königin gewesen.“
Ich raschelte unbehaglich mit den Flügeln ob Dwalins Schwärmerei und warf einen Blick zu Thorin, der gerade Balin über ein paar unwegsame Felsbrocken führte.
„Klingt, als wäre sie das gewesen“, stimmte ich zu und wartete, dass Dwalin fortfuhr.
„Auch, wenn wir uns nicht sehr nahe standen, denke ich, dass wir gute Freunde hätten werden können, sofern es die Etikette zugelassen hätte. Ich hätte gerne mehr über die Zwergin gewusst, die Thorin so in ihren Bann gezogen und ihn in sich hat ruhen lassen. Die ihm bereits als Königin zur Seite stand, ehe sie diese war.“
„Wahrscheinlich hast du recht. Mein vielleicht früheres Leben hin oder her, meine Freundschaft ist dir gewiss, Dwalin, Fundins Sohn.“
Ich begegnete seinem überraschten Blick, der sich schnell in ein leichtes Lächeln wandelte.

„Diȃ“, hörte ich Thorin rufen und wandte den Kopf, um ihn anzusehen. Er deute mit dem Kopf auf den Weg als er sich umdrehte und bedeutete mir so, zu ihm zu kommen und ihm zu folgen. Ich tapste auf Dwalins Arm herum, um Thorins Ruf zu folgen.
„Selbst, wenn du nicht daran glaubst, wer du einst warst“, bemerkte Dwalin, „reagierst du doch erstaunlich plötzlich, wenn Thorin deinen Namen ruft.“
Ich sah Dwalin an (wenn ich gekonnt hätte, hätte ich ihm einen bösen Blick zugeworfen), der mir zum vorübergehenden Abschied zunickte, und hörte ihn noch lachen als ich ihm auch für diesen Kommentar mit dem Flügel über das Gesicht wischte und über die Zwerge und Gandalf hinweg zu Thorin flog. Bilbo sah auf als ich ihn grüßte und hob grüßend die Hand, ein freudiges Grinsen im Gesicht. Offenbar war er nicht nur erleichtert, die Orks und Warge sowie den Flug mit den Adlern überlebt zu haben, sondern auch endlich von Thorin als vollwertiges Mitglied der Gemeinschaft anerkannt zu werden.
Ich landete schließlich auf Thorins Schulter und begrüßte ihn mit dem üblichen Schnabelklicken und Krächzen. Er warf mir lächelnd einen Blick zu, strich sacht über das Gefieder an meinem Bauch und zog schließlich mit einem Grinsen an meinen Schwingen. Ich revanchierte mich wie üblich und schnappte nach der silbernen Perle in seinem Haar.
„Verzeih mir, dass ich dich zurückließ, Amrâlimê“, bat er leise. „Ich wollte dich in Sicherheit wissen, du hättest uns so nicht begleiten können. Ich bedaure, dass du dich für diesen Körper entschieden hast, doch ich denke, ich verstehe deine Gründe dafür. Ich bin einem irrsinnigen Traum, einem unerfüllbaren Wunsch hinterhergejagt, ohne daran zu denken oder auch nur in Betracht zu ziehen, dich zu fragen, was du dir wünschst. Ich war selbstsüchtig und egoistisch, habe nur an mein eigenes verlorenes Glück gedacht. Ich war blind für das, was ich hatte, und wollte das, was ich nicht haben konnte. Du warst immer an meiner Seite, in diesem Leben und dem vorherigen, wenn auch auf andere Art und Weise. Ich bin froh, dass du für uns entschieden hast und wieder an meiner Seite bist. Ohne dich bin ich doch ziemlich verloren, musste ich feststellen. Du ahnst ja gar nicht, was uns alles widerfahren ist, während du in Bruchtal weiltest.“
„Schlimmer als Azog und seine Abscheulinge? Schlimmer, als dass du dich ihnen allein stellst, während deine Freunde auf einem Baum über einer Klippe festhängen? Schlimmer, als dass ein Warg die Zähne in deinem Fleisch versenkt und dich wie eine tote Maus durch die Luft schleudert? Schlimmer, als dass –“
„Beruhige dich“, unterbrach Thorin mich als ich zunehmend aufgebracht Schreie ausstieß.
„Ich habe gesehen, wie ein Warg dich im Maul hielt! Wie ein Ork das Schwert über deinem Hals erhob während du wehr- und hilflos dalagst und dein Schwert nicht erreichen konntest! Wie du das Bewusstsein verloren hast und dich nicht mehr rührtest! Ich dachte, du wärst tot. Ich dachte, ich hätte dich verloren.“
„Das hast du nicht“, sprach Thorin ruhig und hielt mich sanft an seine Wange gedrückt als ich den Kopf daran rieb, um mich zu vergewissern, dass es ihm gut ging. Er seufzte leise.
„Es geht mir gut, nur ein paar Kratzer und Prellungen. Nichts, was nicht wieder heilen würde. Nun schau nicht so skeptisch“, forderte er mit leisem Lachen als ich den Kopf schief legte.
„Ich hatte solche Angst um dich“, gestand ich leise.
„Ich weiß. Die hatte ich um dich ebenso. Was hast du dir bloß dabei gedacht, dich vor mich zu stellen und einen Warg abwehren zu wollen?“
„Nichts“, antwortete ich prompt. „Ich fürchte, ich habe gar nicht gedacht.“
„Den Eindruck hatte ich auch“, brummte er und zog erneut an meiner Schwinge. „Dass es leichtsinnig war und du nicht den Hauch einer Chance gehabt hättest, brauche ich wohl nicht erwähnen. Aber ich bin froh, dass du in dem Moment bei mir warst, der mein letzter hätte sein können. Ich hätte es mir nicht verziehen, dich nicht noch einmal gesehen zu haben.“
„Sag so etwas nicht. Ich werde immer an deiner Seite sein. Du weißt, ich kann nicht anders.“
„Dann sind wir schon zwei“, bemerkte Thorin mit einem Lächeln, das ich bisher nicht bei ihm gesehen hatte. Es erreichte tatsächlich seine Augen und ließ sie strahlen. Ich starrte ihn an als er die Hände um mich schloss und mich von seiner Schulter hob. Mir entkam ein verlegenes Krächzen, gefolgt von dem üblichen Schnabelklicken als seine Lippen sacht meinen Kopf berührten. Sein Lächeln wurde zu einem Grinsen als ich vorsichtig nach seinen Fingern schnappte. Er drehte mich in seinen Händen um, so dass ich auf den Weg vor uns sah. Der Weg den Carrock hinunter hatten die Zwerge noch lange nicht hinter sich.
„Raben müssen fliegen“, sagte Thorin leise und warf mich in die Luft. Ich flog ein paar Mal über seinen Kopf hinweg und begegnete seinem Blick, der mir folgte. Noch immer lag dieses Lächeln auf Thorins Gesicht. Ich entdeckte Dwalin als ich über die kletternde Gemeinschaft flog und dachte an das, was er mir erzählt hatte. Und langsam verstand ich Thorins Lächeln.

Er war glücklich, auch wenn ich nicht mehr die Zwergin war, die ich wohl einst gewesen war.
Er war dankbar, dass ich mein Leben für ihn riskierte hatte.
Er war froh, dass ich gegen seinen Wunsch gehandelt und ihm gefolgt war.
Und ich war all das, weil Thorin, egal welche Gestalt ich hatte, mir sein Herz im Tausch gegen meines gegeben hatte.
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