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Von Zwergen und Raben

von Alex B
GeschichteAllgemein / P16
Bilbo Beutlin Lindir OC (Own Character) Thorin Eichenschild
05.05.2020
24.11.2020
21
74.615
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14.08.2020 3.964
 
Kapitel 13

Den Blick auf den Horizont gerichtet flog ich nach Osten und hielt auf die Gebirgskette der Nebelberge zu, die sich bald von kleinen zu großen Felsbrocken und schließlich gewaltigen Bergen vor mir auftürmte. Auch wenn Bruchtal am Fuße der Berge lag, kam mir der Weg bis zu ihren schroffen Ausläufern unendlich weit vor. Ob es an meiner noch immer nicht ganz wieder hergestellten Ausdauer oder meiner sehnlichen Hoffnung lag, konnte ich nicht sagen. Nach drei Tagen des Fliegens und Suchens schwand diese jedoch langsam, denn ich hatte keine Ahnung, welchen Weg Thorin und die Zwerge (und der Hobbit) genommen hatten, um auf die andere Seite der Berge zu gelangen. Hatten sie sie überquert? Waren sie weiter nach Norden gezogen, um sie zu um gehen? Hatten sie es gewagt, den Weg durch die Minen Morias zu nehmen? Ich schüttelte mich bei der bloßen Vorstellung daran. Nicht nur, weil es ein wahrlich gefährliches Unternehmen war, sondern auch, weil ich nicht einmal ansatzweise den Wunsch verspürte, meilenweit unter den Bergen nach Thorin zu suchen, den ich, sollte er tatsächlich diesen Weg eingeschlagen haben, womöglich nicht mehr lebendig auffinden würde. Wenn ich ihn denn überhaupt finden würde.

Nachdem ich die Umgebung abgesucht und für sicher genug befunden hatte, ließ ich mich erschöpft auf einem Felsen nieder. Ich war durstig und hungrig, doch hier gab es wenig, um Durst und Hunger zu stillen. Ich musste dringend Wasser finden ehe meine Kräfte mich verließen oder Orks mich fanden. Letzte Nacht hatte ich viele von ihnen gesehen, als sie aus den Höhlen in den Bergen gekommen waren, und war froh gewesen, einen Schlafplatz in einer verborgenen Felsspalte entdeckt zu haben. Trotzdem hatte ich mein rasendes Herz gespürt, denn wenn mich eine dieser widerlichen Kreaturen entdeckte, wäre mein Schicksal besiegelt und mein Leben beendet. So blieb ich still und reglos an den Fels gepresst sitzen und versuchte, mich genug auszuruhen, um am folgenden Tag weiterzufliegen, aber genug zu wachen, um nicht überrumpelt zu werden. Entsprechend müde war ich schließlich am Morgen aufgebrochen, um meine Reise und Suche fortzusetzen. Meine Gedanken spielten mir immer wieder Szenen vor, was Thorin widerfahren sein könnte, und ließen mir keinen Moment der Ruhe. Immer wieder ermahnte ich mich selbst zur Vernunft, atmete tief durch und suchte die Gegend ab.
Doch ich sah nichts und niemanden, fand keine Spur, die auf die Zwerge oder den Hobbit hindeutete, und stellte zunehmend resigniert fest, dass ich sie verloren hatte und nicht wiederfinden würde. Jedenfalls nicht, solange ich im Nebelgebirge verweilte. So flog ich weiter nach Osten, zwischen Tälern und Schluchten entlang, bis die Berge kleiner wurden und die Vegetation zunahm.

Ich hatte mich für die Nacht in eine hohe Kiefer begeben, um zu ruhen, als mein Blick zusammen mit meinen Gedanken über das Gebirge nach Westen wanderte. Zurück in die Richtung, aus der ich gekommen war. Zurück an den Ort, der mir so friedlich vorgekommen war, dass ich überlegt hatte, dort zu bleiben. Zurück zu Lindir, der mich sicher freudig wieder bei sich aufnehmen und meine Gesellschaft schätzen würde. Einen Moment lang verweilte mein Geist bei dem Elb, der mir ein Freund geworden war, und wünschte, er wäre mit mir gekommen, um mir beizustehen und Mut zu machen.
Den Kopf unter den Flügel geschoben versuchte ich mir vorzustellen, was er wohl sagen würde, wäre er hier und würde beobachten, dass mich die Zuversicht verließ.
„Ist dir Eichenschilds Schicksal plötzlich gleichgültig“, hörte ich ihn in meinen Gedanken.
„Natürlich nicht“, gab ich zurück, „aber wie soll ich ihn jemals wiederfinden?“
„Du bist ein Rabe, oder? Ein Vogel von Durins Volk und mit dem Zwerg verbunden. Suche gründlicher! Nutze deine Sinne! Sieh gegen die Sonne, lausche der Stille, fühle die Taubheit, rieche und schmecke, was du nicht vor dir hast.“
„Ich habe auch ein Rätsel für dich. Was hat spitze Ohren und gibt nutzlose Ratschläge?“
Ich raschelte leise mit den Flügeln, amüsiert über mein eigenes Selbstgespräch und von Wehmut gepackt, als mir mein Geist selbst Lindirs Lachen als Reaktion schenkte.
„Wenn du sie als so nutzlos erachtest, solltest du den Gedanken eines anderen lauschen.“
„Was meinst du damit“, fragte ich irritiert und setzte mich etwas auf als erwartete ich, dass Lindir unter mir vor dem Baum stand und tatsächlich mit mir sprach.
„Du bist auf deiner Reise nicht allein, Craban. Bitte um Hilfe, wenn du sie benötigst. Frage nach Hinweisen und Spuren“, hörte ich ihn auf mich einreden.
„Aber hier ist doch niemand“, rief ich verzweifelt und erstarrte als ich meinen eigenen Schrei von den Bäumen und Felsen wiederhallen hörte. Es kam keine Antwort. Ich war allein.
„Hier ist doch niemand“, wiederholte ich leise, schob den Kopf zurück unter den Flügel und versuchte die Einsamkeit und Verzweiflung sowie die Angst zu ignorieren, ehe ich immer wieder hochschreckend mehr schlecht als recht der Müdigkeit nachgab.

„Thorin“, keuchte ich und sah mich mit vor Hoffnung aufgeregt klopfendem Herzen um. Ich entdeckte ihn nirgends, ich war nach wie vor allein im Geäst einer Kiefer. Als ich mir dessen bewusst wurde, nahm die Anspannung langsam wieder ab und machte der zurückkommenden Verzweiflung Platz. Im Versuch mich zu sammeln schloss ich die Augen. Ich begriff langsam, dass ich nur geträumt und mein Verstand mir einen Streich gespielt hatte. Dass ich mir so sehr gewünscht hatte, Thorin zu finden, dass ich glaubte, ihn lächelnd vor mir zu sehen. Dass ich meinte, ihn an meinen Schwingen ziehen zu spüren. Dass ich mir einbildete, seine Stimme zu hören. Mit dieser ernüchternden Erkenntnis machte ich mich auf dem Ast möglichst klein und hoffte, der Welt, die mich von Thorin fern hielt, noch einen Moment im Schlaf zu entkommen.

Als die Sonne die ersten Strahlen auf mein Gefieder warf und meine unruhige Nacht beendete, ich mich ausgiebig gestreckt, ein Frühstück gesucht und meine Federn geputzt hatte, dachte ich über das gestrige Gespräch mit Lindir nach. Ich war mir nicht sicher, ob es wirklich ein Selbstgespräch gewesen war, denn ich hatte seine Stimme so klar gehört, als hätte er neben mir gestanden. Hatten die Elben Möglichkeiten, über große Entfernungen Kontakt zum Geist eines anderen aufzunehmen und zu kommunizieren? Ich wusste es nicht, aber ich traute es ihnen zu und beschloss, Lindir bei Gelegenheit danach zu fragen.
„Sieh gegen die Sonne, lausche der Stille, fühle die Taubheit, rieche und schmecke, was du nicht vor dir hast“, wiederholte ich nachdenklich den rätselhaften Hinweis meines Freundes. Ich wandte mich gen Osten und sah in die Sonne. Ich lauschte, doch Vögel, Insekten und das Rascheln der Blätter im Wind durchbrachen die Stille. Ich horchte in mich hinein und konzentrierte mich auf meine Gefühle, doch obwohl mich der Mut und die Zuversicht verließen, betäubten mich die Sorge und Verzweiflung nicht. Ich streckte den Schnabel in den Wind, doch es roch nur nach den Kiefern, ein paar Wild- und Wiesenkräutern, dem unbeschreiblichen Geruch einer Wiese im Sonnenschein und einem Fuchs. Nichts Ungewöhnliches und nichts, das mir weiterhalf. Vor mich hin fluchend plusterte ich mich auf. „Tolle Ratschläge, Elb“, murrte ich und machte meinem Unmut Luft. Mir dessen bewusst, dass mir meine Wut ebenso wenig nützte und mich Thorin nicht näherbringen würde, fasste ich schließlich einen Entschluss. Ich würde die Ausläufer auf dieser Seite des Gebirges nach den Zwergen absuchen, schließlich mussten sie irgendwann irgendwo ankommen, ob sie nun einen Weg über die Berge hinweg oder drunter durch gefunden hatten. Ich hatte bereits die Flügel ausgebreitet und war bereit, mich auf den Weg zu machen, als mir ein weiterer Gedanke kam: Wenn sie nun drum gegangen waren…?
„Unsinn“, beschloss ich, „Thorin würde keinen meilenweiten Umweg einschlagen, also sind sie keinesfalls im Süden. Er wird eine Möglichkeit gefunden haben, die ihn auf dem möglichst direkten Weg zum Berg bringt.“
Und hatte er den Weg nicht bereits geplant und ihn mir vor Bilbos Haustür auf der Karte gezeigt? Im Norden um das Gebirge herum, vorbei am verräterischen Elbenkönig…so oder so ähnlich waren seine Worte doch gewesen.
„Gen Norden also“, entschied ich und schüttelte den Kopf darüber, dass ich mich mit mir selbst beriet und unterhielt. Offenbar brauchte ich dringend Gesellschaft und einen Erfolg, und wenn es nur die kleinste Spur war, ehe ich den Verstand verlor.

Als ich mich an einem Rehkadaver und den dort bereits heimischen Maden und Käfern gütlich getan hatte und froh war, so ein Festschmaus mein Abendessen nennen zu können, legte ich eine Pause in einer der vielen Kiefern ein. Müde und sattgefressen schloss ich immer wieder kurz die Augen und döste bald ein. Es war schließlich bereits spät am Tage (oder früh am Abend) und die Sonne ging langsam unter.
Ein Geräusch ließ mich bald aufschrecken und angestrengt lauschen. Ein Heulen, das schnell beantwortet wurde, und eindeutig auf eine Meute Warge schließen ließ. Einen Moment lang saß ich regungslos auf dem Ast und war froh, weit genug oben zu sitzen, dass mich diese hässlichen, stinkenden Bestien weder bemerken, geschweige denn erreichen würden. Ich lauschte auf weitere Geräusche, doch es war bis auf das Summen und Zirpen einiger Insekten unnatürlich still. Sämtliche Tiere hatten sich bereits versteckt und hofften, dass die Warge (oder eher deren Reiter) es auf etwas anderes abgesehen hatten. Ich hatte diesen Gedanken kaum zu Ende gedacht, als mir ein weiterer, viel furchtbarer kam: Wenn die Warge nicht Jagd auf Hirsche oder kleinere Tiere machten…was jagten sie dann? Oder eher (und ich hoffte, dass ich mir diese Frage umsonst stellte) wen? Unruhig, mit klopfendem Herzen und doch auch auf eine makabere Art froh, offenbar auf der richtigen Spur zu sein, wandte ich mich dem Heulen und Knurren zu. Welchen Gefahren Thorin auch seit seinem heimlichen Verschwinden aus Bruchtal ausgesetzt war, diese würde ich mit ihm durchstehen. Jedenfalls hoffte ich das, denn wer wusste schon, wen die Orks sonst noch alles verfolgten oder ob sie ein nahegelegenes Dorf überfielen?

In gleichmäßiger Geschwindigkeit, in der ich gewöhnlich lange Strecken zurücklegte, flog ich auf das Heulen zu, das ich nicht einzuholen schien. Offenbar bewegten sich die Warge durch den Wald, so dass ich nun diejenige war, die sie verfolgte. Um sie nicht zu verlieren und womöglich zu spät bei den Zwergen zu sein (nicht, dass ich es mit einem Ork oder gar einem Warg hätte aufnehmen können), schlug ich kräftiger mit den Flügeln und zog das Tempo an. Ich musste bald verschnaufen und war im Nachhinein sicher, dass es genau so hatte sein sollen, denn ohne diese kleine Pause, in der ich mit offenem Schnabel nach Atem rang, wären wichtige Informationen wörtlich an mit vorübergeflogen.
„Adler holen! Adler holen! Gefahr! Adler holen!“
Ich sah auf und folgte der Motte, die mit flirrenden Flügelschlägen geradezu lautlos an mir vorbeiflatterte, mit den Augen. Skeptisch sah ich den Falter an, denn ich hatte nie einen sprechen gehört. Ob sie eine besondere Art war oder aus Leibeskräften schrie (was kräftig war, bedachte man das Verhältnis zwischen ihrer Körpergröße und der Lautstärke ihrer Rufe), konnte ich nicht sagen. Auch nicht, was es mit den Adlern auf sich hatte.
„Adler holen! Adler holen!“
„Die Adler? Warum willst du die Adler holen“, fragte ich schließlich neugierig.
„Gefahr! Gefahr!“
„Du meinst die Warge?“ Langsam ging ich den Ast entlang und folgte so dem Flug der Motte.
„Ja! Gefahr! Adler holen!“
„Wo sind die Warge? Reiten Orks auf ihnen? Verfolgen sie jemanden?“
„Adler holen! Adler holen!“
„Ja, hol die Adler“, gab ich ungeduldig zurück. Ich hatte keine Ahnung, wie gescheit oder dumm Motten waren oder ob sie nur wenige Worte beherrschten. Oder ob sie sich schlicht und einfach nur ein paar Worte merken konnten und sie immer und immer wieder wiederholen mussten, um sie nicht zu vergessen. Ich versuchte mein Glück erneut.
„Wer schickt dich? Wer ist in Gefahr?“
„Gefahr! Gefahr! Adler holen! Grauer Zauberer schickt mich Adler holen!“
„Gandalf“, schlussfolgerte ich, gleichzeitig voller Erleichterung und Sorge.
„Ja! Ja! Gefahr! Adler holen! Zauberer und Zwerge retten!“
„Thorin“, keuchte ich und sah in die Richtung, aus der die Motte kam. Das Heulen war verstummt, dafür war das unverkennbare Knurren und Bellen während eines Kampfes zu hören, das durch die Bergwand verstärkt an meine Ohren drang. Ohne weiter auf die Motte zu achten, stieß ich mich vom Ast ab und flog, so schnell mich meine Flügel trugen, um Thorin, den Zwergen, Bilbo und Gandalf zu Hilfe zu eilen.

Ich fand die Warge am Rande einer Klippe um drei hohe Kiefern springen, von denen schließlich leuchtende Kugeln herabfielen und das trockene Gras und Gebüsch zu ihren Wurzeln lichterloh brennen ließen. Irritiert, jedoch den Zauberer hinter diesem Spiel vermutend, versuchte ich ihn in den Baumwipfeln zu entdecken. Bevor ich jemanden erkannte, hörte ich das unverkennbare Jubeln der Zwerge als ein entsetztes Jaulen ertönte und ein Feuerball in den Wald raste. Offenbar hatte der Pelz eines Warges Feuer gefangen. Ihr Jubel währte allerdings nicht lange, es schlug schnell in hektische Rufe und Schreie um. Die Kiefern, in deren Ästen sie saßen, verloren durch den kargen Boden und die Versuche der Warge, an ihnen hinaufzuspringen, den Halt und fielen entwurzelt eine nach der anderen um. Ich eilte noch immer auf die Klippe zu und entdeckte die Zwerge, wenn ich sie auch noch nicht genau erkennen konnte, die von einem Baum zum nächsten sprangen und schließlich in der dritten Kiefer über dem Abgrund hingen.
„Thorin“, schrie ich, meine Stimme vor Angst eine Spur zu hoch und zu schrill. Ich wusste, dass er mich nicht hören konnte und ich ihm nicht helfen konnte. Niemand konnte den Zwergen jetzt noch helfen, wenn die Motte nicht bereits die Adler erreicht hatte und diese zu ihrer Hilfe eilten. Sie konnten nur auf der Kiefer ausharren, bis das Feuer sie erreichte oder erlosch und die Warge sie holen würden oder der Baum gar die Klippe hinabstürzte. Ich stieß einen erneuten Schrei aus als Dori und der junge Ori den Halt verloren und nun in der Luft baumelten (Ori klammerte sich an Doris Fuß, dieser wiederum an Gandalfs knorrigen Stab). Ehe ich mir weiter um die beiden Gedanken machen konnte, zog eine Bewegung am Stamm der Kiefer meine Aufmerksamkeit auf sich.

„Thorin“, rief ich als ich ihn erkannte und sah entsetzt dabei zu, wie er allein den Orks und Wargen entgegentrat. Das Elbenschwert, das er im Trollhort gefunden hatte, glänzte im Schein der lodernden Flammen glutrot. Noch während ich meine Gedanken, die vor Angst um Thorin einen Moment regelrecht gelähmt waren, darauf lenkte, ausladender mit den Flügeln zu schlagen und so womöglich noch an Geschwindigkeit zuzulegen, rannte Thorin mit erhobenem Schwert auf den bleichen Ork zu. Den Eichenschild, der ihm seinen Beinamen gab, hielt er dabei schützend vor sich. Ich hatte Azog erst in dem Moment erkannt, in dem er seinen weißen Warg von dem Felsen, auf dem er gestanden hatte, springen ließ. Direkt auf Thorin zu, der nicht den Hauch einer Chance hatte, auszuweichen.
„Thorin“, schrie ich voller Angst als der Warg ihm entgegensprang und ihn zu Boden riss. Auch, wenn Thorin schnell wieder aufstand, konnte er dem Schlag, den Azog ihm versetzte, nicht entkommen, und ging erneut zu Boden. Verzweifelt stieß ich immer wieder Schreie aus und hoffte, den Ork ablenken zu können, doch er reagierte überhaupt nicht. Ich hatte Thorin fast erreicht, nur noch wenige Meter trennten mich von der Klippe.

„Thorin! Nein“, hörte ich Dwalin rufen und schrie voller Entsetzen auf, als der Warg das Maul öffnete. Ich hörte Thorins Schmerzensschreie als sich die Zähne des Wargs immer wieder in sein Fleisch bohrten. In der schwindenden Hoffnung, nur in einem meiner schlimmsten Alpträume gefangen zu sein, und ohne darüber nachzudenken, hielt ich im Sturzflug auf den Kopf des Wargs zu. Ich würde ihm das hässliche Gesicht zerkratzen, ihm die Augen auspicken und seine Leber fressen, wenn er abgeschlachtet war. Mit wildem Geschrei und wütenden Flüchen hackte ich mit dem Schnabel nach dem Kopf des Wargs, flatterte um ihn herum und hielt schließlich mit ausgestreckten Krallen auf Azogs Gesicht zu. Immer wieder wich ich seinen Schlägen nach mir aus und versuchte ihn zu erreichen, ihn davon abzulenken, dass sein Ziel eigentlich ein anderes war. Der Warg machte einen Satz zurück und brüllte wütend als Thorin ihm das Schwert ins Gesicht schlug, den das Untier von sich schleuderte, so dass er einige Meter durch die Luft flog und auf einem Felsen aufkam.
„Thorin!“
Ich ließ von Azog ab und wandte mich Thorin zu, der sich kaum rührte und versuchte nach dem Aufprall auf den Rücken genug Luft in seine Lungen zu bekommen. Ich landete neben ihm, musterte ihn besorgt und suchte seinen Blick, der unstet umherwanderte. Er war benommen, drehte nur ein wenig den Kopf und versuchte unter schmerzgeplagtem Stöhnen und Keuchen die Kontrolle über seinen Körper wiederzuerlangen.
„Thorin“, sprach ich ihn an und trat in sein Blickfeld als er den Kopf etwas zur Seite drehte.
„Was…tust du hier“, brachte er hervor, offenbar alles andere als erfreut, mich zu sehen.
Bevor ich antworten konnte, hörte ich Azog etwas sagen, das ich nicht verstand. Ich sah auf und beobachtete, wie ein Ork von seinem Warg sprang, ein Schwert in der Hand. Er hielt auf Thorin und mich zu und ich verstand schlagartig, wie sein Befehl lautete.
„Steh auf“, befahl ich Thorin regelrecht und flatterte auf seine andere Seite, „schnell!“
Während der Ork näher kam, plusterte ich mich auf und schlug mit den Flügeln, schrie ihm entgegen und dachte nicht im Traum daran, ihn an Thorin heranzulassen.
„Ver –“, begann Thorin und stöhnte erneut unterdrückt auf, „verschwinde!“
„Nein“, gab ich entschlossen zurück und hielt die Flügel erhoben, als ob ich Thorin so schützen könnte. Natürlich konnte ich allein nichts gegen einen Ork ausrichten, doch ich war verzweifelt genug, es zu versuchen und mich ihm in den Weg zu stellen. Mein Versuch wurde jäh vereitelt, denn der Ork trat nach mir und ließ mich auffliegen, um dem Tritt zu entkommen. Daraufhin schlug er nach mir und beförderte mich kurzerhand gegen den Fels. Einen Moment lang nahm ich nichts wahr, was über Schmerzen hinausging. Ich sah, hörte und fühlte nichts weiter. Als ich mich orientierungslos und mühsam aufrappelte und meine Augen Thorin wiederfanden, erhob der Ork sein Schwert und zielte auf den Hals des Zwerges.

Ich wollte nicht zusehen, wie er zuschlug, und allein die Vorstellung brachte mir solche Übelkeit, dass ich befürchtete, mein Inneres würde sich nach außen kehren. Ich konnte nicht einfach zusehen und es durfte nicht sein Ende sein! Nicht so, nicht hier und schon gar nicht jetzt! Mein Herz zerriss als Thorin verzweifelt versuchte, sein Schwert zu erreichen, und sich zu verteidigen. Ein erschrockenes Krächzen entkam mir als der Ork plötzlich quiekend und grunzend zu Boden ging. Ich brauchte einen Moment, um zu erkennen und zu begreifen, was geschehen war: Ausgerechnet Bilbo, der Hobbit ohne jegliche Kampferfahrung und der seinem Garten, seinem Sessel, seinem Bett und sogar seinem Taschentuch hinterherweinte, hatte sich auf den Ork gestürzt, der beinah doppelt so groß war wie er selbst, und ihn unter wütendem Gebrüll regelrecht abgestochen. Immer wieder war das kleine, kurze Schwert durch die ledrige, dreckige Haut des Orks gefahren, bis er sich nicht mehr rührte.
Die Erleichterung, die ich verspürt hatte, als mir bewusst wurde, dass Thorin dem Tod entkommen war, schwand genauso schnell, wie sie gekommen war. Wie sollte Bilbo, der sich schützend vor Thorin gestellt hatte und wild mit dem Schwert herumfuchtelte, allein gegen eine Meute Orks und ihre Warge antreten? Ich versuchte zu ihm zu fliegen, doch mehr als ein schiefes, taumelndes Flattern war mir kaum möglich. Die Schmerzen so gut es ging ignorierend, hüpfte ich zu Bilbo, der jede noch so kleine Hilfe gebrauchen konnte. Kurz wandte ich mich zu Thorin um, doch er rührte sich nicht, war entweder bewusstlos oder –
Den Gedanken beiseiteschiebend, ehe mich Panik überkam, drehte ich ihm den Rücken zu. Die Warge, die nun auf uns zukamen, bleckten bereits knurrend die Zähne. Gerade als ich dachte, dass dies wohl unser Ende sein würde, griffen Fíli und Kíli dicht gefolgt von Dwalin mit wütendem Kampfgeschrei von unserer Rechten aus an. Bilbo stürzte sich kurz darauf ebenso ins Gefecht, fand sich jedoch schnell am Boden wieder und krabbelte rückwärts zu Thorin (der sich immer noch nicht rührte) und mir. Entsetzt sah er dem Warg entgegen, der auf uns zukam, die Lefzen hochgezogen und die scharfen Zähne entblößt.
„He, du hässliches Vieh“, schrie ich und schlug mit den Flügeln. „Hier bin ich!“
Der Warg wandte den Kopf und knurrte nun mich an, hielt einen Moment inne als überlege er, ob der Hobbit oder ich die leichtere Beute wären. Bevor er sich entscheiden konnte, war er verschwunden. Verwirrt starrte ich auf die Stelle, an der eben noch der ziemlich sicherere Tod auf vier Pfoten gestanden hatte. Ein markanter Schrei ließ mich aufsehen und beinah vor Erleichterung jubeln, als ich begriff, was geschehen war. Die Motte hatte ihren Auftrag ausgeführt und die Adler zu Hilfe geholt. Einer von ihnen hatte den Warg gegriffen und in den Abgrund fallen lassen. Einer nach dem anderen schoss heran und ließ einen Warg nach dem anderen die Flucht ergreifen oder in die Tiefe stürzen. Ich hörte Ori und Dori aufschreien und sah erschrocken zur Kiefer, die über den Abgrund ragte. Hinter ihr stieg ein Adler auf, die beiden Zwerge auf dem Rücken tragend (etwas, das Dori offenbar reichlich beängstigend fand, denn er schrie erneut auf und klammerte sich an Ori).

Ich wandte mich zu Thorin um, der sich noch immer nicht wieder rührte, und versuchte den wachsenden Kloß im Hals runterzuschlucken, der mir zunehmend die Kehle zuschnürte.
„Thorin“, sprach ich ihn mit zitternder Stimme an und befürchtete das Schlimmste, das ich einfach nicht wahrhaben wollte. Ich musterte ihn, versuchte irgendein Anzeichen dafür zu finden, dass er noch lebte. Atmete er? Wenn, dann so schwach, dass ich es nicht wahrnahm. Immer wieder sprach ich ihn an, schnappte nach dem silbernen Schmuck in seinem Haar und pickte zunehmend verzweifelt auf seiner Schulter herum.
„Thorin“, schrie ich schließlich aus Leibeskräften, als ob ihn das zurückbringen würde. Stattdessen fegte mich ein Adler mit seinem kräftigen Flügelschlag zur Seite und schob vorsichtig die Krallen unter Thorins leblosen Körper, schloss die Klaue um ihn und erhob sich mit ihm in die Lüfte. Der Eichenschild, den Thorin nur noch wegen der Schlingen darin trug, verlor den Halt an seinem Arm und fiel klappernd auf den Fels.
„He“, schrie ich dem Adler nach, „warte! Wo fliegst du hin? Der Schild! Du hast den Schild vergessen! Warte doch! Nicht so schnell!“
Ich erhielt keine Antwort, der Adler beachtete mich gar nicht. Als ich mich daraufhin nach Hilfe umsah, bemerkte ich, dass keiner mehr da war, der mir hätte helfen können. Offenbar hatten die Adler die Zwerge, Bilbo und Gandalf mitgenommen. Hastig flatterte ich auf Thorins Eichenschild, ergriff eine der Schlingen und schlug mit den Flügeln. Ich bekam ihn nicht angehoben, der war einfach zu schwer. Fluchend stieß ich einen Schrei aus und sah auf. Die Adler waren offenbar verdammt schnell (nun, sie waren ja auch riesengroß) und wurden immer kleiner. Erneut versuchte ich, den Eichenschild anzuheben. Erneut vergebens. Ich sah in den Himmel und musste feststellen, dass die Adler bereits weit vorausgeflogen waren. Ich krächzte fluchend, nahm die Verfolgung auf und hoffte, sie nicht zu verlieren und erneut nach Thorin suchen zu müssen. Der Eichenschild blieb auf dem Fels zurück.

„Wartet“, rief ich immer wieder (was verschenkte Kraft war, denn sie waren so weit voraus, dass sie mich unmöglich hören konnten) und kämpfte gegen die Erschöpfung an. Ich musste sie einholen! Bei dem Gedanken an Thorins momentanen Zustand überkamen mich erdrückende Sorge und unbändige Angst. Ich machte mir zunehmend Vorwürfe, nicht rechtzeitig bei ihm gewesen zu sein, um ihn vor den Wargen zu warnen. Wenn er tot war –
Ich wagte nicht, den Gedanken weiter zu verfolgen und mir vorzustellen, was dann wäre.
Eine Welt ohne Thorin war keine Welt, in der ich leben wollte.
Ein Leben ohne ihn keins, das ich führen konnte. Und ich wollte es auch nicht.
Ich folgte ihm und würde ihm immer folgen, wohin er auch ging.
Selbst in den Tod.
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