Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Von Zwergen und Raben

von Alex B
GeschichteAllgemein / P16
Bilbo Beutlin Lindir OC (Own Character) Thorin Eichenschild
05.05.2020
24.11.2020
21
74.615
18
Alle Kapitel
39 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
01.08.2020 4.378
 
Liebe Leser,

verzeiht die Pause seit dem letzten Kapitel, doch ab und an brauche auch ich eine Auszeit von der Bachelorarbeit, der Arbeit, den Alltagstücken und was einen sonst so plagt. Da kam mir eine Woche Familien-Besuch-Urlaub gerade recht und brachte tatsächlich die erhoffte Erholung, so dass ich mich nun guten Gewissens auch wieder unserer Geschichte hier widmen kann.

Mein Dank gilt dabei wie immer meiner lieben fairness, die mir nicht nur mit ihren Reviews zur Seite steht und mich ermuntert. :)

Nun wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen. Ich hoffe, ihr vermisst Thorin noch nicht genauso sehr wie Diȃ...
______________________________________________________________________________________________________

Kapitel 12

„Schneller schlagen, schneller schlagen“, schrie die Elster neben mir immer wieder während ich versuchte, meine Flügel halbwegs synchron zu bewegen und vom Rand des Brunnens abzuheben. Doch so sehr ich mich auch anstrengte, ich hob nicht ab. So sehr meine Flügel auch schmerzten, ich flog nicht. Ich schnappte bald nach Luft, doch ich dachte nicht daran, aufzugeben. Mit offenem Schnabel, zerzaustem Gefieder und kaum mehr fähig, die Flügel auch nur anzulegen, lag ich nach einigen Stunden erschöpft und am Ende meiner Kräfte auf dem Brunnenrand. Das Geschwätz der Elster, die mich abwechselnd anspornte und zu Pausen zu überreden versuchte, war irgendwann verstummt. Als ich die Stille bemerkte, sah ich mich um, doch die Elster hatte mich verlassen. Und so hatte ich weiter meine Muskulatur in den Flügeln strapaziert, bis ich einen scharfen Schmerz spürte und schließlich der Erschöpfung erlegen war. Meine Gedanken kreisten ununterbrochen um Thorin, den ich dringend einholen musste. Wer sollte seinen Weg auskundschaften und ihn vor Gefahren warnen, wenn nicht ich? Wer würde seinen gemurmelten Gedanken und Sorgen lauschen? Wer könnte seine Alpträume besser verscheuchen als ich?
„Was machst du denn“, wurde ich mit Vorwurf und Sorge angesprochen. Ich hob müde den Kopf und entdeckte Lindir, der mich offenbar wie angekündigt abholte. Er schüttelte leicht den Kopf als er die Hände unter meinen Körper schob, mich hochhob und musterte.
„Ich muss ihn einholen“, krächzte ich leise. „Thorin –“
„Thorin wird warten müssen“, schnitt Lindir mir das Wort ab und sah mich streng an. „Du wirst ihn nie einholen, wenn du dich selbst bis zum Tode forderst.“
„Aber ich muss zu ihm“, versuchte ich mich zu rechtfertigen.
„Und ich sage dir erneut, dass du ihn nie erreichen wirst, wenn du dich übernimmst. Dein rechter Flügel ist bereits überbeansprucht, dabei bist du noch nicht einmal geflogen. Was, glaubst du, geschieht mit einem Raben, der nicht fliegen kann?“
„Er ist tot“, gab ich knapp zurück, was ich bereits als Küken gelernt hatte.
„Er ist tot“, wiederholte Lindir. „Also sei nicht so töricht zu glauben, dass du an einem Tag erreichen kannst, wofür du als Küken Wochen gebraucht hast. Du brauchst Zeit, also nimm sie dir, statt Verletzungen zu provozieren und hier länger festzusitzen.“
Ich wollte ihm antworten, irgendwelche Widerworte geben, doch ich war zu müde, um mich mit dem Elb zu streiten, der mich durch Bruchtal trug und bald neben dem Korb absetzte, der mir als Nest diente. Gierig stillte ich meinen Durst und badete in der großen Schüssel, ehe Lindir mir ein Schälchen mit geschnittenem Gemüse, Obst und Nüssen überließ. Einen Augenblick besah ich mir mein Abendessen als meine Gedanken erneut zu Thorin wanderten. Ich vermisste die Abende mit ihm und die geteilten Mahlzeiten.
„Iss“, lud Lindir mich ein und setzte sich zu mir, um ebenfalls zu essen. Nun, er war nicht Thorin (er war ihm in keiner Weise auch nur annähernd ähnlich, um genau zu sein), doch ich war dankbar für seine Mühen und seine Gesellschaft.

Die nächsten Tage verbrachte ich mit Flugstunden bei der Elster, die mir zwar ein wenig einfältig und eitel erschien, mir jedoch mit mehr oder weniger gutem Rat zur Seite stand. In den Pausen, die ich schließlich doch ab und an einlegen musste, erzählte sie mir von ihrem Gatten und ihren Küken, denen sie erst kürzlich das Fliegen beigebracht hatte und die nun auf eigenen Schwingen vom Wind getragen die Welt erkundeten. Und da sie, wie es ihrer Art eigen ist, erschreckend gut über alles informiert zu sein schien, was es an Gerüchten und Klatsch aufzuschnappen ging, fragte ich sie wiederholt, ob in letzter Zeit Zwerge in der Nähe von Bruchtal gesichtet worden waren. Anfangs hatte sie, offenbar froh über einen Zuhörer, munter erzählt, dass erst kürzlich welche in Bruchtal gewesen waren. Auf meine erneuten Nachfragen reagierte sie jedoch bald skeptisch.
„Was hast du immer mit den Zwergen, he“, hatte sie gefragt und mich gemustert.
„Ich folge einem von ihnen. Er hat mich hier zurückgelassen, als ich verletzt war. Nun muss ich ihn wieder einholen und wissen, wo er ist.“
„Einem Zwerg folgen? Weil sie Gold haben? Edelsteine? Ja, ja! Glänzende Steine!“
Dabei hatte sie aufgeregt mit den Flügeln geschlagen und war herumgehüpft als wäre sie auf den noch glühenden Holzscheiten eines Lagerfeuers gelandet. Ich stimmte ihren Fragen zu, denn meine Verbindung zu Thorin zu erklären schien vor allem einer Elster gegenüber schwierig. Hinzu kam, dass ich mir selbst kaum erklären konnte, warum ich ihm, seit er mich vor der Katze gerettet hatte, nicht mehr von der Seite wich.
„Glänzende Steine“, hatte die Elster seufzend meine Gedanken unterbrochen. „Schöne Steine. Rot und grün und blau und weiß. Schöne glänzende Steine.“
„Wenn ich die Zwerge gefunden habe und wir uns wiedersehen, werde ich dafür sorgen, dass du welche bekommst. Als Dank für deine Hilfe“, hatte ich versprochen und verlegen gekrächzt als die Elster freudig auf mich zu gehüpft war und in einer Geste der Vertrautheit das Gefieder in meinem Nacken geputzt hatte. Kurz darauf war sie aufgeregt kreischend verschwunden und ich hatte mich wieder dem Flug auf den Brunnenrand gewidmet.

„Du machst Fortschritte“, bemerkte Lindir eines Abends als ich von einem Baum zum nächsten und einer Stuhllehne zur anderen flog. Es waren kurze Strecken, die mich bereits anstrengten, doch sie fielen mir von Tag zu Tag leichter. Ich hatte mich inzwischen daran gewöhnt mit Lindir zu frühstücken und zu Abend zu essen, den Tag über allein oder in Gesellschaft der Elster meine Flugkünste zu verbessern und abends mit Lindir durch Bruchtal zu wandern. Anfangs hatte ich dabei auf seinem Arm gesessen, doch mit den Fortschritten beim Fliegen legte ich auch bei unseren Spaziergängen bald immer wieder ein Stück des Weges in der Luft zurück. Auf einem Fenstersims, einem Balkongeländer oder einem Baum sitzend wartete ich, dass Lindir zu mir aufschloss, um mich wieder auf seinen Arm zu setzen und nach einem langen Tag auszuruhen.
„Deine Kraft scheint zurückzukehren, doch wie steht es um deine Ausdauer“, fragte Lindir bei einem unserer abendlichen Spaziergänge. Er stand auf dem Balkon, auf dem einst Bilbo ins Tal gesehen hatte, und sah zu mir hinunter. Ich saß auf dem Geländer, raschelte mit den Flügeln und funkelte Lindir kurz an. Auch, wenn ich den Elb inzwischen als einen Freund betrachtete, änderte das noch lange nichts an meinem Stolz.
„Raben sind ausdauernde Flieger“, gab ich etwas patzig zurück.
„Pff“, gab Lindir mit einem Glucksen von sich, „das glaube ich erst, wenn ich es sehe.“
„Das wirst du, Spitzohr“, sprang ich prompt auf seine Provokation an.
„Tatsächlich“, fragte er unbeeindruckt und zog eine Augenbraue hoch. „In zwölf Monden?“
Ich wandte mich dem Tal zu, murrte deutlich gereizt, stieß mich vom Geländer ab und schrie erschrocken auf als ich zwar abhob, kurz darauf jedoch zurückgehalten wurde.
„Beruhige dich“, sagte Lindir ruhig. „Du lässt dich zu leicht provozieren. Du musst lernen, dich und deine Gefühle zu kontrollieren, bevor sie dich oder jemanden, der dir lieb ist, ins Unglück stürzen. Du warst drauf und dran dich bei starken seitlichen Böen ins Tal zu stürzen. Und das nur, weil ich nach deiner Ausdauer gefragt habe. Du bist leichtsinnig, Craban.“
„Belehre mich nicht über Windböen und Gefühle“, gab ich erbost zurück. „Da ich nun wieder fliegen kann, werde ich meine Ausdauer auch auf der Suche nach Thorin verbessern können. Ich habe schon zu viel Zeit verloren.“
„Ich verstehe immer noch nicht, warum sich ein Rabe so sehr nach einem Zwerg sehnt. Einem grobschlächtigen, grimmigen, bärtigen, hässlichen, alten Zwerg.“
„Du bist doch nur neidisch, weil du gut und gerne tausend Jahre älter bist und dir immer noch kein Bart gewachsen ist. Oder ist er dir bereits statt des Haupthaares ausgefallen?“
Lindir starrte mich einen Moment sprachlos an, was mich glucksen und schließlich lachen ließ (nun gut, es war ein amüsiertes leises Gekrächze und schließlich ein paar schallende Schreie, wenn man es genau nahm und die Gedanken eines Raben nicht verstand). Es dauerte nur wenige Augenblicke, da hörte ich auch Lindir lachen.
„Du solltest dich von der Elster fernhalten, sie ist offenbar kein besonders guter Umgang.“
„Das würden die meisten Zwerge auch von dir behaupten.“
„Nicht, wenn sie wüssten, wie aufopferungsvoll ich mich um dich flugunfähiges Rabentier gekümmert habe und noch immer kümmere“, warf Lindir mit erhobenem Zeigefinger ein, grinste jedoch noch immer und ließ mich wieder auf dem Geländer Platz nehmen.
„Vermutlich hast du recht, aber das würde nichts an ihrer Abneigung ändern.“
„Nein, wohl eher nicht. Dafür sind sie wohl einfach zu stur.“

Ich antwortete nicht, denn ich kannte den Ursprung von Thorins Abneigung gegen Elben. Einst waren sie Verbündete, auch wenn sie auch damals schon keine großen Sympathien füreinander hegten. Als Thorins Großvater Thror dem König des Waldreichreiches jedoch die Edelsteine aus Sternenlicht versagte, bereitete dieser den Angriff auf Erebor vor. Seine Streitmacht erreichte den Berg kurz nach Smaug, dem der Elbenkönig seine Krieger nicht zum Fraß vorwerfen wollte. Thorin erblickte die elbische Armee, doch statt seinem Volk zu Hilfe zu eilen, trat sie den Rückzug an und wandte sich von den fliehenden Zwergen ab. In ihrer größten Not verwehrten die Elben (oder eher besagter Elbenkönig, doch das machte für Thorin kaum einen Unterschied) den Zwergen Zuflucht, Verpflegung und jedwede Unterstützung. Es wunderte mich nicht, dass er auch Herrn Elrond in Bruchtal nicht um Hilfe ersuchen wollte und Elben misstrauisch und voller Abneigung gegenüberstand. Trotzdem war er dankbar für die Hilfe und Gastfreundschaft, die ihm in Bruchtal zuteil geworden war. Und auch wenn er es nicht laut aussprechen würde (schon gar nicht, wenn die anderen Zwerge zugegen waren), hatte ich den Verdacht, dass Bruchtal selbst ihn in den Bann gezogen hatte. Warum sonst hätte er sich entgegen seiner vorherigen Einwände so lange hier aufgehalten?

„Nun, wenn du glaubst, dass du bereit für lange Strecken bist, werden wir uns deiner Ausdauer widmen. Doch erst morgen, für heute ist es genug. Wir sollten zu Abend essen und zu Bett gehen“, kehrte Lindir zum ursprünglichen Thema zurück und trat den Weg zur Küche an. Nach dem üblichen Abendessen, das ich langsam nicht mehr sehen konnte, und dem Putzen meines Gefieders machte ich es mir in dem Korb bequem, den Lindir mir als Schlafplatz gegeben hatte. Inzwischen hatte ich das Heu und das Laub mit einer gemütlichen Kuhle versehen, einzelne Halme miteinander verflochten und so ein vorübergehendes Nest gebaut. An den Lavendel hatte ich mich inzwischen gewöhnt, er beruhigte meine Gedanken und half mir so in den Schlaf zu finden. Davon abgesehen wollte ich Lindirs Mühen nicht mit Undankbarkeit beantworten. Während ich ein paar Heuhalme sortierte und darauf wartete, mich noch ein wenig mit meinem Freund unterhalten zu können, beobachtete ich ihn immer wieder ein wenig.
„Was schreibst du da auf“, fragte ich schließlich neugierig und musterte das Pergament.
„Ich mache Aufzeichnungen über die Geschehnisse unserer Zeit, notiere Ereignisse und besondere Gegebenheiten. Bruchtal verfügt über viele Chroniken der vergangenen und dieses Zeitalters, ich helfe Herrn Elrond dabei, sie fortzuführen. Doch diese Aufzeichnungen hier beinhalten vor allem meine eigenen Erlebnisse sowie Gedanken darüber.“
„Warum hältst du sie auf Pergament fest? Fürchtest du, dich eines Tages nicht mehr daran zu erinnern? Welche Ereignisse des heutigen Tages hast du beschrieben?“
„Du bist sehr neugierig, Craban“, bemerkte Lindir und warf mir einen mahnenden Blick zu. Ich raschelte verlegen mit den Flügeln und legte den Kopf ein wenig schief, denn ich wollte trotzdem wissen, welche heutigen Erlebnisse er erwähnenswert fand.
„Natürlich fürchte ich das Vergessen nicht, doch ich bin kein Elb von hohem Rang, an den sich mein Volk, geschweige denn andere Völker, erinnern werden. Auch fürchte ich das Vergessenwerden nicht, ich möchte lediglich das Leben eines einfachen Elben dokumentieren. Wenn mein Volk zu den Grauen Anfurten aufbricht und über das Meer segelt, werden in der Geschichte Mittelerdes keine Aufzeichnungen über das Leben unseres Volkes existieren. Nur über gewonnene und verlorene Schlachten wird berichtet werden, wenn denn jemand übrigbleibt, um daran Interesse zu finden und es noch Schriften darüber gibt. Sollte dies der Fall sein, was ich sehr hoffe, werden diese Aufzeichnungen hier ein Beweis dafür sein, dass wir Elben nicht nur ein Gerücht oder eine alte Legende sind.“
Er lächelte leicht, tauchte die Feder erneut ins Tintenfass und setzte seine Arbeit fort. Ich beobachtete wie der Federkiel feine schwarze Linien auf dem Pergament hinterließ und folgte den schwungvollen Bewegungen mit den Augen. Während Lindir eine Weile schrieb und lediglich das leise Kratzen der Feder und das noch leisere Klirren des Kiels am Tintenfass zu hören war, dachte ich über seine Worte nach. Er hielt einen Teil seines Lebens und das seines Volkes für zukünftige Generationen fest, verewigte das friedliche alltägliche Leben der Elben für eine Zeit, in der es in Mittelerde keine mehr geben würde. Mich überkam ein Gefühl der Trauer, denn ich konnte mir eine Welt ohne Elben (und meine eigene ohne Lindir) kaum vorstellen. Sie waren Teil dieser Welt und dass sie diese verlassen würden, wollte und konnte ich einfach nicht glauben. Gleichzeitig bewunderte ich Lindir für seine Arbeit als Chronist, auch wenn ich keine Ahnung hatte, was genau er da schrieb.

„Darf ich dich etwas fragen“, sprach ich ihn schließlich an als er sich sein Verfasstes wie üblich noch einmal durchlas. Er hob den Blick und erwiderte meinen Blick fragend.
„Sicher“, gab er zurück, legte das Pergament ab und schraubte das Tintenfass zu.
„Du sagtest einmal, du wüsstest, wie es ist, jemandem nicht folgen zu können. Was meintest du damit? Wem konntest du nicht folgen? Was ist passiert?“
Einen Moment lang war ich nicht sicher, ob Lindir meine Fragen überhaupt verstanden hatte, denn er starrte auf einen Punkt auf dem Tisch, an dem er saß. Doch dann holte er tief Luft und ließ sie mit einem Seufzen wieder aus seinen Lungen entweichen.
„Ich kenne das Gefühl, zurückgelassen zu werden, während alle, die einem lieb sind, in den Krieg ziehen. Als die freien Völker Mittelerdes gegen Sauron und seine Streitmacht zogen, blieb ich in Bruchtal zurück und konnte nur hoffen und beten, dass sie wiederkehren würden. Dass sie siegen würden und ich nicht den Weg über das Meer antreten müsste. Nun, gesiegt haben sie, wie du weißt, und das dritte Zeitalter brach an. Viele kehrten nach Bruchtal zurück und ich war froh, sie wiederzusehen. Viele waren verletzt, doch keiner kehrte wieder, wie er gegangen war. Der Krieg verändert einen, ob man es will und sich eingestehen will oder nicht. Er verändert Elben, Zwerge und Menschen, sicherlich auch Hobbits und Raben. Jedes Lebewesen, das in der Lage ist zu fühlen. Doch es fehlten auch viele geliebte Gesichter unter denen, die Bruchtal lebend wieder erreichten.“
Lindir schwieg einen Moment und ich wartete gespannt und mit einem unguten Gefühl darauf, dass er weitersprach. Wen hatte er verloren? Einen Freund? Ein Familienmitglied? Seine Liebe? Ich wechselte unbehaglich meine Position ehe ich ihn ansprach.
„Wessen Gesicht hattest du vermisst und nicht wiedergesehen?“
Erneut holte Lindir tief Luft, hielt sie einen Moment an und schluckte ehe er ausatmete und auf das Pergament vor sich starrte. Kurz darauf hob er den Blick und sah mich an. Ich starrte zurück, spürte die Trauer, die ihn auch nach fast dreitausend Jahren noch überkam.
„Das meines Bruders“, antwortete er schließlich leise. „Ich war noch zu jung, um in den Krieg zu ziehen. Zu unerfahren mit Pfeil und Bogen und mit dem Schwert. Ich war noch fast ein Kind, hatte erst mit dem Schwertkampf begonnen und nur ein Übungsschwert aus Holz geführt. Mein Bruder Bírcidan hatte mir oft zugesehen. Ich erinnere mich daran, wie er über mich gelacht hatte, als ich ihn von Übermut gepackt angriff und über sein mir gestelltes Bein stolperte bis ich gegen eine Säule prallte. Mein nächster Angriff war natürlich noch unüberlegter, Bírcidan war zudem weitaus erfahrener als ich. Ich schaffte es nie, ihn mit dem Holz auch nur zu streifen und bewunderte ihn dafür. Ich eiferte ihm nach, er hatte stets ein Auge auf mich, wenn ich in den Bäumen herumkletterte und Vogelnester beobachtete.“

Ich lauschte Lindirs Erzählungen und Erinnerungen. Die Trauer wich bald aus seinem Gesicht und wich einem warmen Lächeln, das auch mich hätte lächeln lassen, wenn ich denn zu einem Lächeln fähig gewesen wäre. Er schwieg bald, doch ich konnte die Emotionen von seinem Gesicht ablesen, als sein Gedächtnis ihm offenbar immer mehr Erinnerungen an seinen im Krieg gefallenen Bruder schenkte.
„Ich bin sicher, er war froh, dass du ihm nicht folgen konntest“, sagte ich schließlich.
„Ja, das denke ich auch. Und ich bin ebenso froh, nicht auf dem Schlachtfeld gestanden zu haben. Trotzdem wollte ich ihn nicht allein ziehen lassen, er war schließlich mein Bruder und ich habe ihn stets bewundert. Ich konnte ihm damals nicht in den Krieg folgen…und letztlich hat er mich nicht nur in Bruchtal, sondern auch im Leben allein zurückgelassen.“
„Du bist nicht allein“, hoffte ich ihn zu trösten. „Alle hier haben Verluste erlitten, Brüder, Väter und Freunde verloren und auf dem Schlachtfeld sterben sehen. Den Zwergen ergeht es genauso: Der Drache nahm vielen das Leben und geliebte Freunde und Familienmitglieder. Viele weitere fielen in der Schlacht von Azanulbizar. Azog schlug König Thror, Thorins Großvater, den Kopf von den Schultern. Thrain verschwand spurlos, niemand weiß ob er noch lebt. Thorin hat all das mit ansehen müssen“, fügte ich leiser hinzu.
Ich seufzte leise und ließ den Kopf etwas hängen. Obwohl ich weder Thror noch Thrain kaum gekannt hatte, fühlte ich den Schmerz, den Thorin erlitten hatte. Spürte die Wut und Verzweiflung, die lähmende Hilflosigkeit, die ihn noch heute in seinen Träumen heimsuchte.
„Ihr seid euch wohl ähnlicher, als ihr denkt“, bemerkte ich und hob den Blick, um Lindir anzusehen. Er öffnete den Mund als wollte er etwas sagen, schüttelte leicht den Kopf, schien mit sich zu ringen und wandte sich abrupt ab.
„Vielleicht sind wir das“, stimmte er mir zu. „Ich habe niemanden durch ein Feuer verloren und bin zum Glück nie auf einen Drachen gestoßen, doch eine neu gewonnene Freundin wurde mir durch die Macht des Wassers genommen.“
„Das tut mir leid“, bekundete ich mein ehrliches Bedauern. Lindir hingegen warf mir einen Blick zu, den ich nicht deuten konnte. Er musterte mich flüchtig, nickte kurz und machte sich fertig für die Nacht. Ich hatte bereits den Kopf unter den Flügel geschoben.
„Gute Nacht, Lindir“, wünschte ich ihm schläfrig.
„Gute Nacht, Craban“, erwiderte er und ich hörte, wie er sich umdrehte.
Ich musste wirklich einen Namen finden, den Zwerge und Elben aussprechen konnten, sodass sie mich nicht ‚Rabe‘ in ihren eigenen Sprachen nannten…

„Wo bleibst du denn“, rief Lindir mir von seinem Pferd aus zu und sah über die Schulter. Ich stieß mich von dem Felsen ab, auf dem ich saß, und flog hinter ihm her über die Ebene, in der er mich vor wenigen Wochen aufgelesen hatte. Meine Flügelschläge waren gleichmäßig und kräftig, meine Bewegungen flüssig. Ich flog, wie ich immer geflogen war, wenn auch noch nicht so ausdauernd und etwas langsamer. Und so landete ich bald wieder auf einem Felsen und versuchte mit offenem Schnabel genug Luft in meine Lungen zu bekommen. Lindir hatte Kehrt gemacht als er mich nicht mehr in der Luft und stattdessen auf dem Felsen entdeckte, stieg ab und bot mir Wasser aus dem Schlauch an, den er vorsorglich mitgenommen hatte. Durstig trank ich aus seiner Hand und bedankte mich als ich seinen Blick bemerkte, der lächelnd auf mir ruhte.
„Nun, Craban“, sagte er beiläufig, „so beachtenswert ist deine Ausdauer wahrlich nicht.“
„Wir können ja tauschen. Mal sehen, ob du immer noch so von oben herab mit mir sprichst, wenn ich auf deinem Pferd reite und du mir hinterherfliegst.“
Er lachte über meine beleidigte Reaktion und trank ebenfalls einen paar Schluck Wasser ehe er dem Pferd etwas anbot. Ich sah mich in der Ebene um und ließ den Blick zum Waldrand schweifen, der im Licht der späten Nachmittagssonne in seinem satten Grün leuchtete. Dorthin, wo ich mich von Thorin getrennt und mit Radagast gegangen war.
„Er fehlt dir, nicht wahr“, erriet Lindir meine Gedanken und Gefühle.
„So sehr, dass es schmerzt“, gab ich leise zurück und verweilte noch einen Moment in Gedanken bei Thorin. Ich hatte keine Ahnung, wo er war. Wie es ihm ging. Ob er noch lebte.
„Du wirst ihn wiedersehen“, prophezeite Lindir mir und stieg wieder aufs Pferd. „Und ich werde dir dabei helfen, so gut ich kann. Doch zuerst arbeiten wir weiter an deiner Ausdauer. Also komm, erheb dich in die Lüfte, Craban!“
Damit wendete er sein Pferd, das kurz darauf erneut schnaubend in den Galopp überging und Lindir über die Ebene trug. Ich streckte die Flügel, wappnete mich für einen weiteren Flug bis ans Ende meiner Kräfte und folgte meinem Freund.

Es dauerte eine weitere Woche, bis ich Lindir mit einem triumphierenden Schrei bei unserem Training überholen konnte. Er sah auf und lachte mich an.
„Weiter, Craban! Weiter“, spornte er mich an und trieb sein Pferd zur Eile. Ich stieß einen weiteren Schrei aus und schlug ausladender und kräftiger mit den Flügeln, erinnerte mich daran, wie ich einst Thorin entgegengeeilt war, um ihn vor am Weg lauernden Orks zu warnen. Thorin…der Gedanke an ihn brachte auch die Sorge und Sehnsucht zurück, die unerschütterliche und bedingungslose Liebe, die ich ihm entgegenbrachte. Ich musste ihn einholen. Ich musste ihn finden. Ich musste wissen, dass er lebte und wohlauf war.
„Warte“, hörte ich Lindir und sah mich nach ihm um. Ich hatte ihn ein gutes Stück hinter mir gelassen und hatte zudem an Höhe gewonnen, ohne dass es mir bewusst war.
„Der Gedanke an Eichenschild scheint dich regelrecht zu beflügeln“, bemerkte der Elb schmunzelnd als er sein Pferd durchparierte und das Tier im Schritt zu Atem kommen ließ.
„Ich muss ihn finden, Lindir. Ich bin bereits zu lange hier. Was, wenn ihm etwas –“
„Ich bin sicher, es geht ihm gut. Wäre ihm etwas zugestoßen, hätten wir davon erfahren. Schließlich wäre der Hobbit sicher nach Hause zurückgekehrt und Mithrandir hätte ihn begleitet. Nun komm, es dämmert bereits. Wir sollten zurückkehren.“
Er hob einen Arm als ich in den Sinkflug ging und ließ mich darauf Platz nehmen. Einen Moment verschnaufte ich dort, stieß mich jedoch bald wieder von Lindirs Arm ab und flog zurück nach Bruchtal, zog dabei Kreise über Lindir und sah immer wieder gen Osten.
Irgendwo dort draußen musste er sein. Sicher erwartete er jeden Tag meine Ankunft an seiner Seite, mein Gewicht auf seiner Schulter und vermisste das nur für ihn bestimmten Schnabelklickern, wie ich das für mich bestimmte Lächeln vermisste.

„Hier trennen sich unsere Wege“, sagte Lindir den Morgen darauf und sah mit einem traurigen Lächeln auf mich herab. Er hatte mich an den Waldrand begleitet, sein Pferd zupfte hinter ihm ein paar trockene Grashalme.
„Du wirst mir fehlen, mein Freund“, antworte ich ehrlich und trat näher an die Kante des Felsens, auf dem ich saß. Dass mir einmal ein Elb so nahestehen würde, hätte ich nie für möglich gehalten. Dass ich froh und dankbar war, ihn meinen Freund nennen zu dürfen, hätte ich nie erwartet. Und obwohl mich jede Faser meines Körpers und jeder Gedanke gen Osten zu Thorin trieb, fiel mir der Abschied von Lindir, der sich so aufopfernd um mich gekümmert hatte, mich ermutigt und wahrlich an meine Grenzen getrieben hatte, um mir meinen sehnlichsten Wunsch zu erfüllen, viel schwerer, als ich zugeben wollte.
„Ich danke dir für deine Hilfe und werde sie sicher nie vergessen. Solltest du einmal die meine benötigen, zögere nicht, danach zu bitten“, sagte ich und zwinkerte ihm zu.
„Es war mir eine Ehre, dem Raben Thorin Eichenschilds beizustehen.“
„Hör auf, so geschwollen zu reden, Elb. Bis du ausgesprochen hast, was du eigentlich sagen willst, steht selbst die karge Ebene hier in voller Blüte. Komm näher“, forderte ich ihn auf und warte, dass er näher an den Felsen trat. Ich breitete die Flügel aus und landete kurz darauf auf seiner Schulter. Fragend sah er mich an, denn er wusste genauso gut wie ich und jeder Zwerg in Thorins Reihen, dass ich nie auf einer anderen Schulter gesessen hatte als auf der des Zwergenkönigs. Es war sein Privileg, mich so nah bei sich zu haben, und das würde ich ihm sicher nicht absprechen. Doch in diesem Moment des Abschieds von Lindir, der mir ein wahrlich guter Freund geworden war, schien mir dies die einzige Möglichkeit, ihm das Ausmaß meiner Dankbarkeit und Verbundenheit auszudrücken.
„Ich hoffe, Eichenschild ist weit genug weg“, bemerkte Lindir, unsicher ob meiner momentanen Position. „Er wäre sicher nicht erfreut.“
„Er wäre auch nicht erfreut zu wissen, dass ich einen Elb meinen Freund nenne.“
„Nein, das wäre er sicher nicht. Doch nun flieg! Suche deinen König und bewahre ihn vor Gefahren, wie du es immer getan hast. Verzeih ihm seine Sturheit und seiner Fehler, die er aus Liebe zu dir beging. Du wirst mir immer willkommen sein und einen Platz in Bruchtal finden, wenn du ihn suchst. Ich hoffe, dass wir uns wiedersehen, Craban.“
„Das hoffe ich auch“, antwortete ich, ohne weiter auf seine Worte einzugehen, und schmiegte den Kopf an seine Wange. Lindir strich sanft über mein Gefieder, legte die Hände um mich und hob mich auf Augenhöhe. Einen Moment sah er mich an.
„Möge die Macht der Valar dich beschützen und die Sterne über dich wachen“, gab er mir seinen Segen mit auf den Weg und lehnte seine Stirn an meine. Ich krächzte leise, berührte mich diese Geste doch zutiefst und erschwerte den Abschied noch. Als er mich ansah, lächelte er mich ein wenig wehmütig an. Ihm schien der Abschied ebenso schwer zu fallen, doch bevor ich noch etwas sagen konnte, warf er mich in die Luft und schenkte mir so einen erleichterten Abflug. Ein paar Mal flog ich noch im Kreis, ehe ich mich nach Osten wandte.
„Leb wohl, Lindir“, rief ich noch und stieß voller Vorfreude auf das Wiedersehen mit Thorin einen Schrei aus. Ich verstand gerade noch, was Lindir noch leise erwiderte.
„Lebe wohl, Diȃ, Königin unter dem Berge.“
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast