Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Von Zwergen und Raben

von Alex B
GeschichteAllgemein / P16
Bilbo Beutlin Lindir OC (Own Character) Thorin Eichenschild
05.05.2020
24.11.2020
21
74.615
18
Alle Kapitel
39 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
19.07.2020 3.617
 
Kapitel 11

Panisch und zunehmend verzweifelt schlug ich um mich, tauchte wieder auf und versuchte den Händen zu entkommen, die mich gepackt hatten, meine Flügel an meinen Körper gedrückt, und mich so wehrlos machten.
„Loslassen“, schimpfte ich. „Loslassen! Hilfe!“
„Ganz ruhig, ich werde dir nichts tun. Lass mich dich aus dem Wasser bringen und dir einen Schlafplatz suchen. Du bist sicher müde und hungrig.“
Ich wandte den Kopf und musterte den Sprecher. Langes braunes Haar, spitze Ohren, ein Gesicht ohne jeglichen Makel und Anzeichen von Alter…wie war ich nur in die Fänge eines Elben geraten? Wo war ich hier? Und, was viel wichtiger war, wo war Thorin?
„Lebt wohl“, hörte ich eine andere, offenbar weibliche Stimme sagen und entdeckte eine Elbin mit goldblondem Haar, die mich anlächelte. Ich antwortete nicht. Zum einen war ich zu verwirrt, fühlte mich seltsam benommen und hatte Angst, zum anderen hatte der Elb, der mich noch immer sicher in den Händen hielt, bereits mit mir den Hof verlassen.

„Kenne ich Euch nicht“, fragte ich den Elb und musterte ihn. Er kam mir wage bekannt vor.
„Nun“, begann er und schien sich eines Besseren zu besinnen. „Ich habe Euch auf dem Felsen in der kargen Ebene aufgelesen, als Ihr verletzt, erschöpft und von Eichenschild und seiner Gemeinschaft getrennt wart.“
Thorin! Ich sah mich um, wand mich in den Händen des Elben und versuchte mit den Flügeln zu schlagen, doch hatte kaum Kraft darin. Ich strampelte schließlich verzweifelt, fügte dem Elb ein paar Kratzer an den Unterarmen zu und bemerkte erstaunt, wie kraftvoll meine Beine zu sein schienen. Der Elb verzog kaum merklich und nur für den Bruchteil einer Sekunde das Gesicht, verstärkte den Griff um mich und ging unbeeindruckt weiter.
„Nun stell dich doch nicht so an“, kommentierte er kopfschüttelnd mein Gestrampel.
„Ich kann mich nicht erinnern, Euch das Du angeboten zu haben“, gab ich zurück, „Elb.“
„Das sind jetzt Nebensächlichkeiten“, befand er, öffnete eine Tür und schloss sie hinter sich wieder. Kurz darauf setzte er mich auf einem kleinen Tisch ab. Endlich! Ich schlug mit den Flügeln und wollte die Flucht ergreifen, doch ich kam kaum vom Fleck.
„Vorsicht“, rief der Elb, fing mich auf ehe ich vom Tisch fiel und setzte mich wieder darauf ab.
„Was habt Ihr mit mir gemacht? Warum kann ich nicht fliegen? Und warum habe ich Schenkel wie eine Mastpute“, empörte ich mich zunehmend hysterisch, stieß Schreie aus und schlug demonstrativ und aufgebracht mit den Flügeln. Allerdings nicht lange, denn es erschien mir seit meiner Kükenzeit nicht mehr so anstrengend.
„Ihr habt viel durchgemacht“, antwortete der Elb. Sein Blick ruhte auf mir und ich glaubte, Bedauern und Mitleid darin zu erkennen. Bemitleidet von einem Elb…was war geschehen?
„Was meint Ihr damit“, fragte ich und musterte ihn aufmerksam.
„Woran könnt Ihr Euch erinnern“, fragte er zurück, zog einen Stuhl heran und setzte sich. Unsicher raschelte ich mit den Flügeln und tapste auf der Stelle. Jetzt machte es sich dieses Spitzohr, dessen Namen ich nicht einmal kannte (und der mir, wenn ich ehrlich war, auch egal war), auch noch für einen Plausch gemütlich! Was glaubt er denn, was ich zu erzählen hatte? Und wieviel davon ich preisgeben würde?
„An den Angriff der Orks am Waldrand. An die Warge, die den brauen Zauberer und seine Kaninchen verfolgt haben, und dass ich in einer unerwarteten Kurve von seinem Gefährt fiel. Kennt Ihr den Zauberer? Habt Ihr einmal beobachtet, wie der Kerl seinen Schlitten lenkt? Ein Wunder, dass er dabei noch nicht zu Schaden gekommen ist“, beklagte ich mich über Radagasts waghalsige und rasante Weise, durch die Gegend zu preschen. Der Elb gluckste amüsiert als ich mich bei der Erinnerung empört aufplusterte und nickte leicht.
„Ich habe Radagast am folgenden Tag getroffen. Wir haben die Warge, die ihn verfolgten, getötet. Er sagte mir, dass er Euch verloren hätte und dass Eichenschild Euch sicher vermissen würde. Also habe ich nach Euch gesucht, schließlich wart Ihr verletzt und wärt einer weiteren Horde Orks hilflos ausgeliefert gewesen.“
„Und das veranlasste Euch dazu, nach mir zu suchen? Warum?“
„Nun, zum einen bin ich ein Elb“, begann er seine Erklärung mit dem Offensichtlichen. Als ob mir das nicht bewusst wäre! Beleidigt stellte ich erneut die Federn auf.
„Ich bin mit der Natur verbunden. Auch wenn manche meines Volkes eine große Liebe für Bäume hegen, zu ihnen singen und so aus ihnen Behausungen, Brücken und Treppen wachsen lassen, liegt mir doch mehr am Wohl verschiedenster Tiere. In diesem Punkt bin ich Radagast gar nicht so unähnlich, auch wenn ich kein Interesse an seinen seltsamen Pilzen und berauschenden Kräutern habe.“ Bevor ich es verhindern konnte, krächzte ich leise vor Erheiterung. Der Elb lächelte zurück und musterte mich flüchtig.
„Zum anderen“, fuhr er fort, „lautete Herr Elronds Befehl, Thorin Eichenschild und seiner Gefolgschaft solle hier Rast und Gastfreundschaft gewährt werden. Es kamen zwar dreizehn Zwerge, ein Hobbit und der graue Zauberer unbeschadet hier an, doch seine Gefolgschaft war offensichtlich nicht vollständig. Er hat sich wahrlich große Sorgen um Euch gemacht.“
Der Blick des Elben lag erdrückend auf mir, beobachtete jede kleine Bewegung von mir als würde er gespannt auf etwas warten. Ich senkte schließlich betreten den Blick als die Erinnerung an das Wiedersehen mit Thorin verschwommen in mein Bewusstsein zurückkehrte und schließlich klarer wurde. Die Anzeichen des fehlenden Schlafes und der ihn beherrschenden Sorge und Trauer, die einer unheimlichen Erleichterung wichen.
„Ja“, gab ich leise zurück, „ich weiß. Ich sorge mich ebenso um ihn. Ich begleite ihn schon seit vielen Jahren, wir haben eine lange gemeinsame Geschichte.“
Ich hob den Blick, um den Elb anzusehen, und legte abschätzend den Kopf schief als ich seine hochgezogene Augenbraue bemerkte. Einen Augenblick verharrte er so regungslos ehe sein Gesicht wieder ein leichtes Lächeln überzog als hätte er nie einen anderen Gesichtsausdruck gehabt. Ich war nicht sicher, ob ich seine Gedanken dazu hören wollte. Was sollte ein Elb auch schon Freundliches zu sagen haben?

„Erinnert Ihr Euch daran, was nach Eurem Sturz von Radagasts Gefährt geschah?“
„Nachdem einige der Warge versucht hatten, mich in der Luft zu zerfleischen, und Ihr und Eure Reiter erschienen waren, habe ich nach Thorin gesucht.“
„Ein wahrlich mühseliges Unterfangen, kann ich mir denken, wenn man gewohnt ist, die Welt aus der Luft zu betrachten und schließlich an den Boden gefesselt ist.“
„Ich bin doch nicht auf dem Boden herumgelaufen“, begehrte ich auf. „Ich bin ein Rabe, Raben fliegen. Natürlich habe ich ihn aus der Luft gesucht!“
„Ihr seid trotz des verletzten Flügels geflogen? Als ich Euch fand, habt Ihr nicht einmal die kurze Distanz zwischen dem Felsen und meinem Arm zurücklegen können. Ihr hattet kaum Kontrolle über Eure Flügel und seid gegen mich geprallt wie ein geworfener Stein. Auch hier konntet Ihr nur mühsam fliegen.“
„Thorin war in Gefahr“, erklärte ich schlicht, „und brauchte meine Hilfe. Ich konnte ihn nicht seinem Schicksal überlassen, das könnte und werde ich nie. Ich war immer an seiner Seite, dort gehöre ich hin. Er würde mich ebenso wenig im Stich lassen wie ich ihn.“
„Tatsächlich? Verzeiht die Frage, aber warum ist er dann ohne Euch aufgebrochen?“
Ich starrte den Elb an. Fassungslos und ungläubig, das konnte er schließlich nicht ernst meinen. Und doch…warum war Thorin nicht hier bei mir, sondern dieser (zugegeben, freundliche) Elb, der mich nun mitleidig ansah. Die Zwerge waren weitergezogen. Nun, sie waren mir gegenüber ohnehin misstrauisch gewesen. Und auf einen Hobbit konnte ich auch verzichten. Und was Thorin anging – Er war fort, hatte seinen Weg ohne mich fortgesetzt und mich in diesem Elbennest zurückgelassen. Ich konnte mich an keinen Abschied erinnern. Genau genommen konnte mich an die letzten Tage gar nicht erinnern. Was war geschehen? Warum hatte Thorin Bruchtal ohne mich verlassen, ohne dass ich mich an eine Erklärung oder einen ausgemachten Treffpunkt erinnern könnte? Ich hatte nicht gedacht, dass er seine Worte wahrmachen und mich zurücklassen würde.
Thorin war fort.
Und ich allein.
Es schnürte mir die Kehle zu und zerriss mir das Herz, jagte eiskalte Schauer durch mich hindurch und ließ mich unwillkürlich die Federn aufstellen. Zu weiteren Reaktionen war ich nicht fähig, ich starrte den Elb nur weiterhin bis ins Mark erschüttert an.

Er seufzte leise und sah mich mitfühlend an, schien zu überlegen.
„Er hatte sicher gute Gründe für sein Handeln“, versuchte er mich zu trösten. „Ihr konntet Ihn nicht begleiten, Ihr könnt noch immer nicht wieder richtig fliegen. Ich bin sicher, er erwartet Euch an seiner Seite, sobald Ihr sie erreichen könnt.“
Ich antwortete nicht, starrte nur in Gedanken versunken und zwischen unbändiger Wut, tiefer Trauer, betäubender Ohnmacht, beklemmender Bezweiflung und der Suche nach Gründen zu Thorins Verteidigung schwankend vor mich hin. Der Elb war aufgestanden, lief im Raum umher und stellte schließlich einen Korb neben mich auf den Tisch. Erst als er mich sanft in dessen Richtung schob, erwachte ich etwas aus meiner Starre und schlug mit den Flügeln, um die Hände des Elben loszuwerden. Dann besah ich mir, was dieser dort abgestellt hatte. Der Korb war mit Heu gefüllt, ein wenig Laub war darauf verteilt und ich entdeckte Stängel mit lilafarbenen Blüten, die den ihnen typischen Geruch verbreiteten. Ich schüttelte mich prompt.
„Stimmt etwas nicht“, fragte der Elb und sah mich aufmerksam an.
„Nein, nein“, gab ich schnell zurück, um nicht undankbar zu erscheinen. Ich schätzte seine Mühe, mir ein bequemes und warmes Nest zu bereiten und war ihm dankbar dafür.
„Ihr mögt keinen Lavendel“, bemerkte er als ich erneut die Blüten musterte.
„Nicht besonders“, gab ich zu, „aber ich danke Euch.“
„Er wird Euch helfen, zu schlafen. Wenn Ihr Euch dennoch an ihm stört, könnte Ihr ihn bei Eurem Nestbau entfernen. Doch nun solltet Ihr Euch ausruhen.“
Ich wollte widersprechen, schließlich dämmerte es bereits, doch gerade als ich etwas sagen wollte, befiel mich eine bleierne Müdigkeit. Etwas träge kletterte ich in den Korb, drehte mich ein paar Mal und schob das Laub ein wenig zurecht, setzte mich und machte es mir gemütlich. Das Heu war weich und wärmte mich schnell, das Laub umgab mich und gab mir ein Gefühl der Sicherheit. Und ich musste zugeben, dass der Lavendel seine beruhigende Wirkung schnell zeigte und meine Gedanken lähmte. Den Kopf bereits halb unter den Flügel geschoben blinzelte ich den Elb an, der soeben ein Schälchen voll Wasser neben meinem Nest abstellte und sich bereits wieder abwandte.
„Danke, Lindir“, brachte ich undeutlich hervor und fragte mich nicht einmal, woher ich seinen Namen kannte und warum ich ihn so selbstverständlich bei selbigem nannte. Das breite erfreute Lächeln, das er mir daraufhin schenkte, passte kaum zu der höflichen kleinen Verbeugung, die er andeutete.
„Keine Ursache. Schlaf nun“, hörte ich seine Antwort ehe ich einschlief.

Ich erwachte langsam als ich dem angeberischen Lied einer Amsel lauschte, über das sich bald eine Elster zeternd beklagte. Um noch ein wenig Schlaf bemüht, schob ich den Kopf weiter unter meinen Flügel und grub mich tiefer in das Heu, auf dem ich schlief.
„Guten Morgen“, hörte ich da jemanden sagen und öffnete ein Auge. Ich entdeckte Lindir, der offenbar frisches Wasser neben mein Nest gestellt hatte und eine weitere Schüssel füllte. Ich streckte mich, stand auf, schlug mit den Flügeln und schüttelte die Federn aus.
„Guten Tag“, gab ich mit Blick auf den Sonnenstand zurück. Lindir lachte leise.
„Ich wollte dich nicht wecken, der Schlaf schien dir gut zu tun.“
„Danke. Der Lavendel scheint mir gut zu bekommen. Aber er stinkt trotzdem“, stichelte ich ein wenig und stutzte über die Art, wie ich mit dem Elb sprach. Es schien mir zu vertraut.
„Ich sagte doch, dass er dir helfen wird, zu schlafen. Und ich bleibe auch dabei, dass du ihn herauszupfen kannst, wenn er dich stört. Ich kann dir kein richtiges Nest bauen, ich bin kein Rabe. Ich weiß nicht, was für dich bequem ist.“
„Es ist bereits sehr bequem. Ich danke dir“, sagte ich und meinte es auch so. Auch wenn das Heu Wärme spendete, hätte ich alle Nester Mittelerdes dafür gegeben, mich wieder im Pelzkragen von Thorins Mantel vergraben und an seinen Hals geschmiegt schlafen zu können. Auch wenn der Lavendel eine beruhigende Wirkung hatte, würde mich doch nichts so sehr in Sicherheit wiegen und so ein Wohlbefinden mit sich bringen wie Thorin selbst.
„Gern geschehen“, riss Lindir mich aus meinen Gedanken und nahm am Tisch Platz, zog ein paar Pergamentblätter hervor, tauchte einen großen Federkiel in ein Tintenfass und fing an zu schreiben. Ich legte den Kopf schief, aber des Lesens war ich einfach nicht mächtig. Stattdessen widmete ich mich dem Wasser, trank aus dem kleinen Schälchen und badete schließlich in der größeren Schüssel und putzte akribisch mein Gefieder.
„Lass uns etwas essen, du hast sicher Hunger. Ich befürchte allerdings, dass ich dir immer noch kein Fleisch anbieten kann“, schlug Lindir nach meinem Morgenbad vor.
„Was“, tat ich entsetzt, „und das nennst du Gastfreundschaft?“
„Du kannst dir deine Insekten und Würmer allein fangen“, grinste er und bot mir den Arm an, auf dem ich wie selbstverständlich Platz nahm. Aufmerksam sah ich mich um als Lindir mich zur Küche trug, mich dort auf einer Stuhllehne Platz nehmen ließ und Obst und Gemüse zusammentrug. Er schnitt ein paar Äpfel klein und legt eine Handvoll Nüsse dazu, setzte sich dann mit einer Schüssel voll Grünzeug zu mir und begann zu essen. Ich machte mich hungrig über Äpfel und Nüsse her und beseitigte ein paar Überreste des Apfels aus meinen Federn ehe wir die Küche wieder verließen. Wir hatten kaum ein Wort gesprochen seit wir Lindirs Gemächer verlassen hatten, doch das störte ihn offenbar genauso wenig wie mich.
Wieder auf seinem Unterarm sitzend fand ich mich kurz darauf an dem großen Brunnen wieder, der sein Wasser direkt aus einem der Wasserfälle bekam und in dem die Zwerge sich noch vor ein paar Tagen vergnügt abgekühlt hatten. Ich spürte einen Stich in der Brust als mir wieder schmerzlich bewusstwurde, dass sie ohne mich weitergezogen waren. Dass Thorin mich zurückgelassen hatte.

„Nun denn“, lenkte Lindir mich prompt von meinem aufkommenden Selbstmitleid ab, ließ mich auf dem Brunnenrand Platz nehmen und trat ein paar Schritte zurück. Ich musterte ihn einen Moment und war nicht sicher, ob ich die Entschlossenheit in seinem Blick gutheißen sollte und ob mir gefallen würde, was in seinem Kopf vor sich ging.
„Ich weiß, der Gedanke schmerzt dich, aber Eichenschild hat dich aus einem Grund zurückgelassen“, begann er und ich plusterte mich auf als mich die Wut und Enttäuschung erneut ergriffen. Ich wollte nicht daran erinnert werden. Ich wollte nicht daran denken. Ich wollte seinen Namen nicht hören. Und ich wollte erst recht nicht belehrt werden! Lindir hob beschwichtigend eine Hand und ich krächzte mürrisch als er es wagte, zu lächeln.
„Du kannst nicht fliegen“, erklärte er als würde er seine neueste Erkenntnis kundtun, „also kannst du ihm auch nicht folgen. Er kann dich nicht die ganze Zeit tragen, dich auf einen Baum setzen, wenn er angegriffen wird, und dich anschließend wieder herunterholen.“
Ich raschelte mit den Flügeln und tappte ein wenig auf der Stelle, empört darüber, dass der Elb mich offenbar für ein dummes Küken hielt, dem man alles erklären musste.
„Trotzdem gehörst du an seine Seite, das lässt sich nicht bestreiten. Um ihn einzuholen und ihm folgen zu können, musst du fliegen. Deine Flügel sind schwach, deine Muskeln untrainiert und deine Beine dafür zu bemuskelt.“
„Seit wann verstehst du etwas vom Fliegen“, fauchte ich und schlug demonstrativ mit den Flügeln. Allerdings nicht lange, denn ich hob nicht einmal annähernd ab und wollte ihm nicht zugestehen, dass er Recht hatte, auch wenn das zweifellos der Fall war.
„Wahrlich nicht so viel wie du“, gab Lindir zu, „doch ich kenne das Gefühl, jemandem nicht folgen zu können, den man –“ Er brach mitten im Satz ab, seine Miene plötzlich eine emotionslose Maske als er sich schwungvoll umdrehte und seine Robe dabei um seinen Körper wehte als hätte er einen kleinen Wirbelwind ausgelöst. Ich sah ihn neugierig an, wagte jedoch nicht, ihn darauf anzusprechen und nachzufragen. Stattdessen beobachtete ich, wie Lindir den Abstand zwischen uns vergrößerte und sich wieder zu mir umwandte.
„Wie dem auch sei, du wirst ein wenig Übung brauchen, ehe du dich wieder in die Lüfte schwingen und dich von den Strömungen tragen lassen kannst. Für den Anfang werden wir hier an deinen Muskeln arbeiten. Wenn du dich in der Luft halten kannst, arbeiten wir an deiner Ausdauer und Kraft, schließlich wird der Wind nicht immer in deinem Rücken sein.“
„Das dauert viel zu lange“, bemerkte ich entsetzt. Ich musste schnellstmöglich Thorin und die anderen einholen und hatte keine Zeit für lange Übungen. Es musste einen anderen Weg geben, zu ihnen aufzuschließen. Waren diese Muskeln an den Beinen denn zu nichts nütze?
„Worauf warten wir dann noch“, fragte Lindir und sah mich herausfordernd an. Ich erkannte wieder dieselbe Entschlossenheit in seinen Augen, die kurz darauf auch mich erfasste.
„Fangen wir an“, entschied ich, stieß mich vom Brunnen ab und hielt auf Lindir zu. Ich schlug hastig und unkoordiniert mit den Flügeln, bemühte mich in der Luft zu bleiben…und lag nach nicht einmal zwei Metern auf dem Steinboden, flatterte erneut los und hätte vor Wut über mein Unvermögen am liebsten geschrien. Doch die Blöße gab ich mir einem Elb gegenüber nicht, auch wenn dieser nur regungslos bei meinen kläglichen Versuchen zusah.

Als ich schließlich sichtlich abgekämpft und vor Anstrengung schneller atmend vor Lindir auf dem Boden saß und trotzig zu ihm aufsah, schüttelte er mit einem kleinen Seufzen den Kopf, hob mich vorsichtig vom Boden auf und setzte mich etwa einen halben Meter vor dem Brunnen wieder ab. Er nahm auf dem Rand Platz und schien zu überlegen.
„Vielleicht sollten wir mit kleineren Strecken anfangen“, schlug er vor. „Ich denke, der Weg auf den Brunnenrand reicht für den Anfang.“
Beleidigt und zu stolz zuzugeben, dass mir selbst dies beinah unmöglich erschien, plusterte ich mich auf (ja, ich überschätzte mich und war nicht nur eitel, sondern auch angeberisch). Lindir beeindruckte das nicht im Geringsten, er sah mich nur auffordernd an. Und so visierte ich die Kante an, breitete die Flügel aus und schlug erneut unkoordiniert wie ein Jungvogel damit, hopste auf den Brunnen zu, um Schwung zu holen und schaffte es mehr schlecht als recht ans Ziel. Ich landete mit dem Bauch an der Kante und purzelte auf den Rand und wäre auf dessen anderer Seite beinah ins Wasser gefallen, hätte Lindir mich nicht gebremst.
„Danke“, sagte ich leise und fing an zu verstehen, dass ich nicht nur ein schlechter Flieger war, sondern tatsächlich flugunfähig. Und dass dies, hätte Thorin mich nicht zurückgelassen, früher oder später mein Todesurteil gewesen wäre. Bestürzt und mit einem schlechten Gewissen, ihm vor kurzem noch Vorwürfe gemacht und ihm gegrollt zu haben, ließ ich den Kopf und die Flügel hängen. Er hatte mich nicht in Bruchtal gelassen, weil er meiner überdrüssig war oder er mich von sich stieß. Es war kein Akt der Gleichgültigkeit gegenüber meinem Schicksal, sondern ein Zeichen seiner Zuneigung mir gegenüber. Ich war noch hier, weil ihm etwas an mir lag und er mich in Sicherheit wissen wollte.
Ich war noch hier, weil er das getan hatte, was er immer getan hatte und wohl immer tun würde: Mein Wohl und das seines Volkes über sein eigenes stellen.

„Nun lass den Kopf nicht hängen“, versuchte Lindir mich aufzumuntern und schien mein Verhalten dem Misserfolg zuzuschreiben. „Übe weiter! Du wirst sehen, bald fällt es dir leichter. Verzeih, doch ich habe Aufgaben zu erfüllen. Ich werde zur Abendzeit nach dir sehen und dich zum Essen abholen. Werde nicht zu übermütig, der Brunnen ist tief genug, dass du ertrinken könntest“, warnte er mich, wünschte mir viel Erfolg und ließ mich allein.
Ich saß eine Weile stumm auf dem Brunnenrand und überlegte, wie ich diese Übungen beschleunigen konnte. Ohne auch nur den Ansatz einer Idee wandte ich mich dem Wasser zu und starrte mein Spiegelbild an, das sich in dem vom Wasserfall bewegten Nass immer wieder in Wellen brach und damit ebenso aufgewühlt aussah, wie ich mich fühlte.
„He! He!“
Ich sah auf und beobachtete die Elster, die neben mir landete. Die schwarzen Federn ihres schwarz-weißen Gefieders glänzten und schimmerten in verschiedenen Blau- und Grüntönen. Kein Wunder, dass diese Vögel so eitle Geschöpfe waren.
„He“, sprach sie mich erneut an, „bist du verletzt?“
„Das war ich“, gab ich zurück. „Es geht mir besser, doch ich kann nicht fliegen.“
„Hab ich gesehen, he! Du musst mit beiden Flügeln schlagen“, erklärte sie und schlug langsam mit beiden Flügeln gleichzeitig. Ich bewunderte einen Augenblick lang ihre Bewegungen und konnte nur erahnen, welche Kraft in den Muskeln steckte, die bei mir so kläglich vorhanden waren. Natürlich verlor ich kein Wort darüber, sondern versuchte die Flügelschläge der Elster zu imitieren. Es kam mir vertraut vor, fühlte sich natürlich an.
„Ja, ja“, rief die Elster, „genau so, he! Schneller schlagen, schneller schlagen!“
Ich tat, was sie sagte, und war bitter enttäuscht, dass ich keuchend aufgeben musste. Ich hatte das Gefühl, einen Moment lang leichter zu sein und abzugeben, doch das konnte ich mir in meiner verzweifelten Hoffnung auch eingebildet haben.
„Ja, ja“, sagte die Elster erneut und musterte mich. „Anstrengend, he? Bist wohl viel gelaufen und Fliegen nicht mehr gewöhnt. Aber du bist ein Vogel, du musst fliegen!“
„Ja“, gab ich knapp zurück. Die Elster sagte schließlich nichts, was ich nicht längst wusste. Ich schlug daher nur erneut mit den Flügeln. Zuerst langsam, dann immer schneller.
„Weiter, weiter“, rief die Elster und schlug ebenfalls mit den Flügeln. Ich keuchte bereits, doch dachte nicht daran, aufzugeben. Die Zwerge gaben niemals auf. Sie hatten ihre Heimat verloren, ihren Stand und ihre Reichtümer, viele sogar ihre Familien. Trotzdem wichen sie vor nichts und niemandem zurück, bestritten jeden Weg und stellten sich jeder Gefahr. Sie folgten ihrem König, der kein Königreich regierte und trotz seiner Furcht vor der Drachenkrankheit den Berg zurückerobern wollte.

Sie folgten Thorin.

Und ich würde dasselbe tun.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast