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Von Zwergen und Raben

von Alex B
GeschichteAllgemein / P16
Bilbo Beutlin Lindir OC (Own Character) Thorin Eichenschild
05.05.2020
24.11.2020
21
74.615
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05.07.2020 3.307
 
Kapitel 10

Ich erwachte mehrmals in der Nacht. Zuerst, weil mich ein Windhauch frösteln ließ. Das zweite Mal (und dutzende Male mehr), weil ich mich nicht ungehindert umdrehen konnte. Und schließlich, weil mir zu warm war.
Thorin war mit mir durch Bruchtal spaziert als die anderen Zwerge noch ins Abendessen vertieft waren (und das dauerte stets eine Weile, wie ich aus Erfahrung wusste), hatte mir bis spät nach Sonnenuntergang von gemeinsamen Erinnerungen erzählt, die mir entfallen waren. Und war schließlich neben mir eingeschlafen. Ich hatte ihn während meiner ungewollten Wachphasen immer wieder beobachtet. Er wirkte so entspannt wie lange nicht mehr, schlief ruhig und offenbar ohne schreckliche Alpträume, die ihn sonst dazu verleiteten, sich von einer Seite auf die andere zu wälzen.
So froh ich auch war, dass Thorin zur Ruhe kam, war es trotzdem ihm zu verdanken, dass ich es nicht tat: Er nahm mir die Decke weg, wenn er sich auf die andere Seite drehte. Er hielt mich fest umschlungen und verhinderte so, dass ich mich umdrehen konnte. Nicht, dass ich mich beklagen wollte, aber ich sehnte mich nach einem ungestörten Schlafplatz und ließ den Blick durch das dunkle Zimmer wandern. Der Stützbalken des Daches ließ gerade genug Platz, um es sich bequem zu machen. Wenn man denn dorthin gelangte. Wenn man denn Federn hatte und fliegen konnte. Wenn man denn in seinem gewohnten Körper war.
Trotz der Erklärung Elronds war ich noch keinen Deut näher an der Erkenntnis, wer und was ich wirklich war und erst recht nicht, wie ich wieder in mein gewohntes rabenschwarzes Federkleid kam.

Ich atmete leise auf als Thorin mir schließlich den Rücken kehrte und stand vorsichtig auf, schlüpfte in eins der Gewänder, die mir von den Elben gegeben wurden, und verließ barfuß und beinah lautlos das Zimmer. Meine Gedanken kreisten um den Brunnen wie Adler auf einer warmen Luftströmung, wanderten auf der Suche nach einer Lösung von einer unglaublichen Erklärung des Elbenfürsten zur anderen wie Bienen von Blüte zu Blüte. Und doch war die einzige Erkenntnis, die mir kam, dass ich in dieser Nacht keinen Schlaf mehr finden würde. Und dass ich, wenn ich nicht bald eine Möglichkeit fand, wieder zu dem Ich zu werden, das ich die letzten etwa einhundertsiebzig Jahre war, den Verstand verlieren würde. Nun, das waren wohl zwei Erkenntnisse. Drei, wenn man meine Entdeckung des Sarkasmus mitzählen möchte.

Und so schlich ich ziellos durch Bruchtal, darauf bedacht Dwalin und Fíli, die umgeben von den anderen Zwergen (inzwischen schlafenden und zum Teil ohrenbetäubend laut schnarchend) noch immer am Feuer saßen und sich leise unterhielten.
„Thorin hat sich verändert, seit diese Frau aufgetaucht ist“, hörte ich Fíli murren. „Er ist regelrecht besessen, weicht ihr nicht von der Seite und scheint unsere Mission völlig vergessen zu haben. Wir können nicht noch länger hier verweilen, wir müssen den Berg erreichen! Diese Obsession mit dem Rabenvieh war schon Besorgnis erregend, doch was dieses Weib mit ihm anstellt –“
„Zügle deine Zunge“, knurrte Dwalin zurück und funkelte Fíli finster an. „Du sprichst von Dingen, die du nicht verstehst. Achte auf deine Wortwahl, wenn du von deinem König und seiner Königin sprichst, Junge!“
„Seiner Königin“, wiederholte Fíli und blinzelte den Älteren fragend an, die Stirn in Falten.
„Dinge, die du nicht verstehst“, wiederholte Dwalin und beendete damit das Gespräch.
Ich schluckte ob der gehörten Worte. Fílis offensichtliche Ablehnung meiner Anwesenheit und der Aufmerksamkeit, die Thorin mir entgegenbrachte, überraschten mich nicht. Im Gegenteil, ich konnte den jungen Prinzen sogar verstehen. Er sorgte sich um seinen Onkel, so wie ich es nur allzu oft tat, und ich war froh, immerhin dies mit Fíli zu teilen. Als Dwalin jedoch zu einer knappen Verteidigung für Thorins Verhalten ansetzte, war ich nicht sicher, ob ich entsetzt oder dankbar sein sollte. Thorins Erzählungen zufolge hatte Dwalin ihn das ein oder andere Mal zur Schmiede begleitet, ja sogar selbst meine Arbeit bewundert. Wir schienen uns gekannt und aus demselben Grund vertraut zu haben, aus dem Fíli und ich etwas gemeinsam hatten: Wir sorgten uns um Thorin, seine Grübeleien und dass die Drachenkrankheit auch von ihm Besitz ergreifen würde.

Ich verließ das Feuer und die Zwerge, stieg langsam eine Treppe hinauf und hielt inne, als ich erneut Stimmen hörte. Eine schien zu Elrond zu gehören, die andere zu Gandalf. Dann sprach jemand, dessen Stimme mir unbekannt vorkam, und schließlich eine Frau. Neugierig erklomm ich vorsichtig weiter die Stufen und blieb stehen, als ich die kleine Versammlung entdeckte. Die Frau wandte sich um und sah genau in meine Richtung. Ich starrte sie an. Goldblondes, langes Jahr fiel in sanften Wellen über ihren Rücken und das lange, elegante Gewandt, die für Elben typischen strahlendblauen Augen über hohen Wangenknochen lagen aufmerksam auf mir.
„Es ist unhöflich, zu lauschen“, hörte ich sie sagen, ohne dass sie den Mund öffnete.
„V-verzeiht, Herrin! Ich…ging spazieren“, versuchte ich mich gedanklich zu rechtfertigen.
„Ihr seid keine Zwergin“, stellte sie fest als sie mich musterte.
„Nein. Doch. Ich meine, nein, aber –“ Ich seufzte. Wie sollte ich darauf antworten?
„Was seid ihr“, fragte sie schließlich, ließ den Blick zu den anderen Versammelten schweifen, um den Fokus ihrer Aufmerksamkeit zu verbergen (obwohl ich vermutete, dass sie nicht die einzige war, die meine Anwesenheit bemerkt hatte).
„Ich“, begann ich und zuckte unsicher mit den Schultern. „Nun, ich war eine Zwergin. Ich kam im Drachenfeuer um, als Smaug den Erebor angriff. Meine Seele lebte dann in einem Raben weiter bis Thorin mich in diesen Brunnen getaucht hat.“
Ich fand, dass diese Erklärung einer völlig fremden Elbenfrau gegenüber ausreichend war.
„Ihr gehört also zu Thorin Eichenschilds Gemeinschaft“, stellte sie fest. „Der Brunnen, von dem Ihr sprecht…wisst Ihr, was er bewirkt?“
„Ja. Herr Elrond hat es uns erklärt. Auch, warum ich ausgerechnet als Rabe zu Thorin zurückkehrte und noch immer als ein solcher lebe.“
Die Elbin musterte mich stumm und schien über meine Worte nachzudenken.
„Ihr habt ein Versprechen auf einen Saphir, den Stein der Treue und Unsterblichkeit, gegeben. Euer Leben ist an das des Zwerges gebunden“, sagte sie ruhig. Ich starrte sie überrascht an und fragte mich, ob sie der Magie mächtig war. Woher sonst hätte sie dies wissen können? Sie lächelte leicht als könnte sie meine Gedanken wie ein Buch lesen.
„Das ist es“, bestätigte ich schließlich. „Doch das wusste ich bis zum gestrigen Tage nicht. Ich hatte keinerlei Ahnung und auch keine Erinnerung an mein früheres Dasein.“
„Ihr werdet Thorin Eichenschild zum Berg begleiten und an seiner Seite über das Königreich Erebor herrschen. Eichenschild war sehr jung als der Drache kam, viele Jahre trennten ihn davon, eine Gemahlin zu wählen. Wie kann es sein, dass Ihr ihm das Eheversprechen gabt, noch ehe ihr das für Zwerge übliche heiratsfähige Alter erreicht hattet?“
„Es war keine offizielle Hochzeit“, gab ich leise zu und merkte, dass ich rot wurde. Die Elbin schmunzelte und bedachte mich mit einem wissenden Blick.
„Ich habe nun erfahren, wer Ihr seid, Königin unter dem Berge. Aber noch nicht, was.“
„Wie ich bereits sagte, ich war eine Zwergin, aber –“
„Was ihr wart, war nicht meine Frage. Was seid ihr jetzt? Eine Zwergin, die ihren Gemahl begleitet und das Königreich zurückfordert? Eine Frau, die ihrem Ehegatten zuliebe in diesem Körper bleibt? Gebunden an die Schwerkraft, die sie am Boden hält. Dazu gezwungen, zu Fuß zu gehen und den Wind nur in ihren Haaren zu spüren.“
„Ich bin ein Rabe, warum sollte ich –“
„Ah“, machte die Elbin, „da habt Ihr Eure Antwort. Aber wie ein Rabe seht ihr nicht aus.“
„Ich weiß“, begehrte ich auf, „aber mir will sich einfach kein Weg offenbaren, der mich wieder zu dem macht, was ich bin. Ich will wieder fliegen, den Wind unter meinen Schwingen spüren. Ich habe genug von diesem plumpen und schweren Körper.“
„Es gibt einen Weg. Doch stellt Euch vorher folgende Fragen: Seid Ihr bereit, die Erinnerung an Euer früheres Dasein als Zwergin erneut zu vergessen? Seid Ihr bereit, Thorin Eichenschild erneut die Wunde seines größten Verlustes zuzufügen? Er wird Euch nicht vergessen und sich an Eure Verwandlung erinnern. Könnt Ihr Euer Wohl über das Thorin Eichenschilds stellen und ihm den Schmerz wiederholt zumuten?“

Ich öffnete den Mund, um zu antworten, schloss ihn jedoch wieder, ohne dass ein Ton über meine Lippen gekommen war. Ich schluckte und senkte den Blick, wusste ich die Antwort auf all diese Fragen doch, ohne darüber nachdenken zu müssen: Nein, ich konnte es nicht. Ich wollte nicht erneut für Thorins Qual verantwortlich sein, auch wenn er es war, der mich nun in diesen Schlamassel gebracht hatte. Seine Absicht war sicher keine schlechte gewesen, seine Motive entsprangen schließlich den Gefühlen, die er mir gegenüber hegte (und seiner Verzweiflung, seinem Leid, seiner Einsamkeit, seinem Schmerz, seiner Selbstsucht…).

„Was tust du hier“, hörte ich eine bekannte Stimme verwundert fragen und fuhr herum. Vor mir stand Lindir, der mich skeptisch von oben bis unten musterte ehe sich sein Blick in meinen bohrte. Wir waren inzwischen genug miteinander vertraut, um auf Höflichkeitsfloskeln und entsprechende Anreden zu verzichten (immerhin hatte er mich nackt auf dem Boden liegend aufgefunden und mich bei den meisten meiner unsicheren Schritte begleitet). Doch er schien keine Antwort zu erwarten (vielleicht vermutete er auch, dass sie ohnehin unglaubwürdig ausfallen und meine Erklärung gelogen sein würde), trat an mir vorbei und unterbrach die kleine Versammlung ohne jegliches Zögern.
„Mein Herr! Die Zwerge“, sprach er Elrond an und zog aller Augen auf sich. „Sie sind fort.“
„Was?!“
Nun, so geistreich war mein Verstand offenbar trotz der menschenähnlichen Gestalt doch nicht ausgestattet, dass ich derartig plump, fassungslos, laut und selbst in meinen eigenen Ohren etwas zu schrill mit diesem Aufschrei auf mich aufmerksam machte. Nicht, dass mich die Anwesenden nicht ohnehin gemerkt hätten, schließlich war die eine Hälfte von ihnen elbischer Natur, die andere Hälfte bestand aus Zauberern. Wobei ich mir bei der blonden Elbenfrau nicht ganz sicher war, zu welcher Gruppe sie wirklich gehörte.
„Thorin Eichenschild und seine Gemeinschaft sind also weitergezogen, um den Berg zu erobern“, bemerkte Elrond das selbst für mich Offensichtliche. Ich hatte natürlich jedes Wort verstanden, aber die Tatsache, dass Thorin ohne mich aufgebrochen war, stürzte meine Gedanken und Gefühle ins Chaos. Und das obwohl er mich gewarnt hatte: Er würde wegen nichts und niemandem anhalten. Nicht einmal meinetwegen.
Und doch hatte meine unheilvolle (und vielleicht auch schicksalhafte) Begegnung mit einem gewissen vermaledeiten Brunnen für reichlich Verzögerung gesorgt. Womöglich war genau das der Grund für Thorins plötzliches heimliches Verschwinden.
Das schürte meine Wut allerdings nur noch mehr. Ich fühlte mich verraten, im Stich gelassen und dazu verdammt, in Bruchtal auf zwei Beinen umher zu wandeln.

Geschockt über diese Nachricht stand ich wie gelähmt noch immer an Ort und Stelle, als Elrond mich mit den üblichen Furchen auf der Stirn eines tadelnden Blickes bedachte ehe sein Blick zu Lindir glitt, der sich leicht verneigte und zu mir trat.
„Komm“, forderte er mich auf und schob mich sanft in die Richtung, aus der ich gekommen war. Doch ich dachte nicht daran, irgendwo hin zu gehen und machte mich von ihm los.
„Ja und nein“, sagte ich und sah die Elbenfrau fest an. Sie erwiderte meinen Blick ausdruckslos als würde sie durch mich hindurchsehen und meine Gedanken ergründen.
„Die Antwort auf Eure Fragen. Sie lautet ja und nein. Ja, ich stelle mein Wohl über das von Thorin Eichenschild, so wie er die Schätze Erebors über das meine stellt. Ich erinnere mich nur sehr bruchstückhaft an mein Leben unter dem Berge. Ich bin keine Zwergin, ich bin ein Rabe! Und als solcher möchte ich wieder über die Lande fliegen. Aber nein, ich kann ihm den Schmerz nicht erneut zufügen, weil ich keinerlei Schuld am Drachenfeuer habe und so nicht dafür verantwortlich bin, dass er all die Jahre drohte unter seinen Schuldgefühlen erdrückt zu werden. Auch wenn ich mir auf ewig Vorwürfe machen werde, sollte ich mich eines Tages daran erinnern, was ich ihm durch meinen Entschluss zugemutet habe.“
Ich atmete tief durch, ein wenig zitternd und kurz von Zweifeln gepackt, die ich mit einem kurzen Kopfschütteln schnell vertrieb und eisern niederrang.
„Ich bin ein Rabe. Wenn er mich als einen solchen nicht an seiner Seite akzeptiert, werde ich meiner Wege ziehen und ihn nicht bei jedem Blick, den er mir schenkt, an das erinnern, was er glaubte, wiedergefunden zu haben.“
Ich biss die Zähne zusammen, denn allein die Vorstellung, dass Thorin mich fortjagen und verfluchen würde, bereitete mir Kummer und Schmerz, die mir Tränen in die Augen trieben.
„Seid Ihr Euch Eurer Entscheidung sicher“, fragte die Elbin schließlich und kam langsam auf mich zu. Ihr Gewandt schien kaum den Boden zu berühren, kein Schritt hallte vom Stein wider, kein Tritt war zu spüren. Ich starrte sie (zugegeben, bewundernd) an.
„Ich“, begann ich und geriet prompt ins Stottern. „Ja. Ja, ich bin mir sicher.“
„Dann folgt mir“, sagte sie schließlich nachdem sie mich gefühlte Äonen gemustert und mir in die Augen gestarrt hatte. Es war geradezu unheimlich, denn ich konnte rein gar nichts aus ihrer Mimik oder Gestik ablesen, ihre Absichten nicht einschätzen. Nichts an dieser Elbenfrau schien in irgendeiner Weise natürlich.
„Bist du sicher, dass du das willst“, fragte Lindir leise und lief neben mir her.
„Wenn Thorin mich zurücklässt, weil ich auf diesen Beinen nicht mit ihm und den anderen Schritt halten kann und ihn ohnehin zu sehr von seiner Mission ablenke, ja. Abgesehen davon bin ich diesen Körper wirklich leid“, erklärte ich und stolperte prompt über meine eigenen Füße, murmelte ein paar Flüche und lächelte Lindir kurz dankbar an als er meinen Arm ergriff und mich weiterführte.

Kurz darauf fand ich mich an einem mir nur allzu bekannten Brunnen wieder und blieb wie angewurzelt im Torbogen stehen, so dass Lindir fast mit mir zusammenstieß.
„Oh nein“, entfuhr es mir mit einer Spur Trotz (und Angst) in der Stimme.
„Der Brunnen hat Euer wahres Gesicht, Eure Seele offenbart. Eichenschilds Wunsch Euch wiederzusehen war größer als Euer Wille in Eurem Federkleid zu bleiben. Womöglich habt Ihr Euch auch gewünscht, dem Zwerg etwas näher sein zu können.“
Sie lächelte wissend als ich den Blick abwendete und merkte, dass ich errötete. Als ob meine Gefühle für irgendjemanden von Belangen wären. Als ob Thorin darauf Rücksicht genommen hätte, welche Angst mich überkommen hatte, als er mich unter die Wasseroberfläche getaucht hatte. Als ob irgendetwas, das auf Gefühlen beruhte, für mich je ein gutes Ende genommen hatte. Als ob ein Rabe sich je solche Gedanken über Gefühle machen müsste! Und doch hatte ich sie gehabt, sowohl die Gedanken als auch die Gefühle. Dachte ein gewöhnlicher Rabe an etwas anderes als Futter und einen Gefährten? Dachten sie überhaupt wie Menschen, Elben und Zwerge (und offenbar auch ich) es taten, oder war ihr Verhalten einzig und allein ihren Instinkten, Reflexen und Erfahrungen geschuldet?
„Tretet näher“, riss die Elbin mich schließlich aus meinen Gedanken, die so untypisch für einen Raben waren, mich verwirrten und mir Kopfschmerzen bereiteten. Ich war überfordert mit meinem Dasein in diesem Körper und allem, was dieser mit sich brachte. Ich wollte verdammt nochmal wieder ich sein! Ein Rabe an Thorins Seite.
Und so trat ich, wenn auch zögernd, näher zum Brunnen und sah die Elbenfrau fragend an als ich nur noch wenige Schritte vom Beckenrand entfernt war. Sie lächelte sanft, bedeutete mir, den Abstand zwischen mir und dem Wasser noch zu verringern.
„Der Zauber lässt sich umkehren, aber es wird weder leicht noch ungefährlich für Euch. Ihr müsst euch genau vorstellen können, was es heißt, ein Rabe zu sein. Von den leichten Knochen über das tiefschwarze Federkleid bis zu allem, was Ihr zum Überleben braucht. Alles, was Ihr seid Eurer Verwandlung erlebt hat, müsst Ihr aus Euren Gedanken verbannen. Es darf Euch nicht ablenken, die Folgen wären verheerend. Ihr werdet nichts davon mit in den Körper des Raben nehmen, keine Erinnerung behalten.“
Ich warf einen Blick zu Lindir, der sich stumm neben dem Bogen postiert hatte, der in den kleinen Hof führte. Sein Blick ruhte auf mir und ich glaubte, einen winzigen Moment Bedauern darin zu entdecken. Ob er wusste, welch große Hilfe und Unterstützung er mir in den letzten Tagen gewesen war? Wie sehr ich die Unterhaltungen und kleinen Spaziergänge genossen hatte, auf denen er mich begleitet hatte? Wie froh und stolz ich war, einen so pflichtbewussten und außer Hörweite offizieller Ohren humorvollen Elb meinen Freund nennen zu können? Und nun sollte ich die Erinnerung an ihn aufgeben, als sei das Leben nicht schon grausamen genug zu mir gewesen (beide Leben, um genau zu sein).
„An…gar nichts mehr“, vergewisserte ich mich und bangte vor der Antwort.
„Gar nichts“, bestätigte die Elbin. Ich seufzte leise als mich der Mut verließ. Mich nicht an mein früheres Leben zu erinnern, war ein fairer Preis, den ich ohnehin bereits gezahlt hatte. Mich nicht mehr an die Zeit in Bruchtal zu erinnern, nicht einmal an die vielen Stunden mit Thorin, bereitete mir durchaus Unbehagen. Nun, genau genommen hatte er mir so viel von meinem Dasein als Zwergin erzählt, dass man diesen Erinnerungsverlust vielleicht als Anteil meines früheren Lebens ansehen konnte, den ich ohnehin verlieren würde. Doch die Aussicht, mich nicht mehr an meinen Freund erinnern zu können…

„Lindir“, spach ich den Elb an und schüttelte in Ermangelung passender Worte den Kopf.
„Mach dir keine Sorgen“, bat er und trat zu mir. „Wir werden uns wiedersehen. Wir haben uns bereits einmal angefreundet, es wird uns auch ein zweites Mal gelingen.“
Ich versuchte sein aufmunterndes Lächeln zu erwidern, doch es wurde kaum mehr als eine schiefe Grimasse. Er nahm meine Hand, drückte sie sanft und stieg auf den Beckenrand, nahm auch meine andere Hand und zog mich sanft zu sich. Ich verzog unbehaglich das Gesicht, stieg aber auf den Rand des Brunnens und wagte einen flüchtigen Blick ins Wasser. Mein Spiegelbild sah ängstlich zu mir zurück, verschwamm jedoch als Lindir ins Wasser trat.
„Vertrau mir“, ermutigte er mich und nickte mir aufmunternd zu. Ich folgte ihm ins Wasser und atmete tief durch, denn mir war alles andere als wohl dabei, wieder hier zu sein, wo Thorin mich gepackt und unter Wasser gedrückt hatte.
„Ihr werdet Euch genauso in einen Raben verwandeln“, offenbarte die Elbin, die ich bereits fast vergessen hatte und nun sprachlos anstarrte. Das konnte sie nicht ernst meinen!
„Denkt an das, was ich Euch gesagt habe“, verlangte sie. „Begebt Euch ins Wasser, schließt die Augen und stellt Euch die Empfindungen eines Raben vor. Das Rascheln der Federn, die Luftströmung unter den Schwingen, das Flattern im Bauch, wenn Ihr in den Sturzflug geht. Die Unebenheiten der Baumrinde, wenn Ihr auf einem Ast sitzt. Der Anblick von Städten, Feldern, Wäldern, Hügeln und Flüssen aus der Luft.“

Ich tat wir mir geheißen und legte mich ins Wasser des flachen Brunnens, wechselte noch einen Blick mit Lindir, der sich neben mich kniete, mit einer Hand meinen Nacken stützte und mit der anderen noch immer meine hielt, und schloss die Augen. Ich konnte vor mir sehen, was die Elbin beschrieb, die Winde und die Baumrinde spüren, in die ich die Krallen grub und die daraufhin je nach Gehölz entsprechend duftete. Ich sah die Landschaften, entdeckte jemanden auf einem Pony und spürte das Flattern, als ich zum Sinkflug ansetzte und der Wind mir die Federn zerzauste. Und ich spürte das Fell am Kragen des Mantels, mit dem der Wind nun mein Gefieder kitzelte, und die Wärme, die von der Schulter ausging, auf der ich saß. Und erstrecht jene, die mich überkam, als mir der Besitzer des Mantels ein Lächeln schenkte und sanft über meine Brust strich. Ich hörte das besondere Schnabelklickern, spürte wie ich diese übliche Begrüßung von mir gab. Und ich hörte seine Stimme, als er mich begrüßte und mir berichtete, was ihm seit unserer letzten Zusammenkunft widerfahren war. Ich konnte selbst das mir allzu bekannte Schaudern spüren, das mich die Federn aufstellen ließ, sobald er sprach, und an denen er sanft zog als ich nach dem kleinen Stück Silber in seinem Haar schnappte.

Versunken in diese meine Welt schnappte ich erschrocken nach Luft als ich unter Wasser gedrückt wurde.
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