Von Zwergen und Raben

von Alex B
GeschichteAllgemein / P16
Bilbo Beutlin Lindir OC (Own Character) Thorin Eichenschild
05.05.2020
11.10.2020
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05.05.2020 1.352
 
Kapitel 1

Grün bewachsene Hügel, kleine Straßen und Wege, breit genug für einen Karren. Ein paar Kühe und Schweine. Kleine Gestalten, gerade so groß wie Kinder, mit großen behaarten Füßen und einer offensichtlichen Liebe zum Essen, zu Bier und zu Pfeifenkraut. Ein ruhiges Fleckchen Erde, das nie ein Schatten berührt zu haben scheint. Und ein Völkchen, so vergnügt und voller Lebensfreude, dass es unmöglich jemals einen Krieg erlebt haben kann. Gelächter und Gesang drangen aus der Schenke auf die Straße und zu dem Baum, in dem ich saß und die beiden Gestalten beobachtete, die nach einem Gelage eben dieses Wirtshaus verließen und sich auf dem Weg in ihre Höhlen gegenseitig stützten. Lachend, scherzend, lallend. Fröhlich und unbekümmert. Ein beneidenswertes Volk und ein beneidenswertes Zuhause.

Anders als das Volk, bei dem ich aufwuchs. Von Krieg und Verderben gezeichnet, ihres Königs, dessen Sohn und ihrer Heimat beraubt. Die Geschichte des Drachen Smaug, angelockt von den Schätzen im Innern des Berges, in dem sich das Königreich Erebor befand, war jedem Zwerg bekannt. Ebenso die Geschichte der Schlacht um Moria, bei der König Thror durch die Hand des bleichen Ork Azog fiel und sein Sohn Thrain spurlos verschwand. Verzweifelt und verloren waren die Zwerge des Erebor durch Mittelerde gewandert, auf der Suche nach Arbeit, einer neuen Heimat. Einem Leben, das dem eines so stolzen Volkes entsprach. Doch sie waren nicht völlig verloren, nein. Ein junger Zwergenprinz, Thrains Sohn, führte sie an und gab ihnen Hoffnung: Thorin Eichenschild, Erbe Durins und Thronerbe Erebors. Dem ich Treue geschworen hatte, ohne ein Wort von mir zu geben. Dessen Weg ich stets begleitete und der mir vertraute. Kein Gold und kein Edelstein in ganz Erebor hätte dies aufwiegen können.

Und so saß ich hier im Geäst einer Kastanie, kundschaftete die Umgebung aus und befand keinen Ort sicherer und friedlicher als das Auenland. Mit einem heiseren Schrei stieß ich mich vom Ast ab, breitete die Flügel aus und flog zurück zu meinem Herrn. Ich folgte dem Weg zurück zu der Höhle, dessen Tür der Zauberer zuvor gekennzeichnet hatte, und erblickte zwei junge Zwerge. Sie sahen auf als ich ihnen einen Gruß zurief, grüßten zurück und der Dunkelhaarige grinste. Sein älterer Bruder hingegen, weniger kühn und vorlaut, hatte wie so oft die Stirn in Falten gelegt. Er wirkte oft besorgt, in Gedanken. Angespannt, wütend. Er schien seinem Onkel manchmal gar nicht so unähnlich.
„Sein Rabe“, bemerkte er und wandte sich wieder der Tür zu als sie geöffnet wurde.
„Fíli.“
„Und Kíli.“
„Zu Euren Diensten“, sprachen beide und verbeugten sich vor dem Hobbit, der geöffnet hatte. Er starrte sie an, schien um Fassung zu ringen, dass vor seiner Tür Zwerge standen.

Ich setzte meinen Weg fort, flog in die Richtung, aus der Thorin das Auenland erreichen müsste, und hielt nach ihm Ausschau. Ich entdeckte ihn schließlich auf einem Pony, die Kapuze seines Mantels tief ins Gesicht gezogen. Froh ihn zu sehen beeilte ich mich zu ihm zu gelangen. Auch ihn begrüßte ich mit einem Schrei als ich in einen Sinkflug überging und seine Schulter anvisierte, auf der ich schließlich landete. Ich sah ihn an, versuchte aus seiner Miene abzulesen, wie das Treffen mit seinen Verwandten ausgegangen war. Er drehte den Kopf, um mich anzusehen, ein leises Lächeln auf den Lippen.
„Shamukh“, brummte er eine Begrüßung in Khuzdûl, der Sprache der Zwerge. Seine tiefe Stimme ließ mich die Federn aufstellen und mich schütteln. Sie schien eine Saite in mir anzuschlagen und in meinem Kopf wieder zu hallen. Ich hätte ihm ewig zuhören können, was ich durchaus des Öfteren tat. Ich lauschte seinen Selbstgesprächen, seinen Gedanken, die er mir gegenüber äußerte. Den gemurmelten Bruchstücken, die ich verstand, wenn er träumte und im Schlaf sprach.
Ich zupfte an einer der silbernen Perlen in seinem Haar, die die geflochtenen Strähnen zusammenhielten. Er lachte leise auf und strich über das Gefieder an meinem Bauch. Ganz sacht, kaum mehr als ein Windhauch. Als Antwort auf meine Neckerei zog er leicht an einer Schwungfeder. Dann seufzte er und richtete den Blick wieder auf die Straße vor uns.
„Sie werden nicht kommen“, murmelte er, „sie lassen uns im Stich. Lassen uns allein den Drachen bezwingen und den Berg zurückerobern. Und fordern dann einen Teil unseres Reichtums als wäre es ihr Recht!“
Sein Griff um die Zügel verstärkte sich, die Knöchel traten bald weiß hervor. Ich grub die Krallen in seinen Umhang, wollte ihm Trost spenden. Und ich hasste das Geschaukel des Ponys, das vor sich hin trottete und ab und an im Dunkeln über Steine und Grasbüschel stolperte. Er seufzte erneut, entspannte sich wieder ein wenig und warf mir einen Blick zu.
„Flieg voraus“, forderte er und trabte das Pony an, als ich mich in die Luft erhoben hatte.
Ich landete schließlich auf dem Gartenzaun vor der markierten Tür des Hobbits, krächzte heiser als Thorin das Tor durchschritt. Er blieb stehen, strich mir über die Flügel und sah mich an ehe er mir mit einem Lächeln zunickte.
„Ich danke dir.“
Ich zwinkerte ihm zu, erwiderte seine Geste mit dem üblichen leisen Gekrächze und Schnabelklicken, das ich von mir gab, um auf solche Zuneigungen seinerseits zu antworten, und wusste, dass er sowohl meine Erkundungsflüge als auch meine Gesellschaft meinte. Mit einem weiteren Krächzen verschwand ich im Geäst des nächsten Baumes und beobachtete ihn. Ich würde hier ausharren, bis sein Weg ihn weiterführte oder er mich rief. Sein Blick suchte noch einen Moment die Baumkrone ab, dann trat er an die Tür und klopfte.

Ich war bereits eingedöst als mich ein tiefes Summen aufhorchen ließ. Es kam aus der Höhle, in der Thorin, seine Neffen und ein paar andere Zwerge saßen. Ich streckte die Flügel, flog zum Kamin, der aus dem Erdhügel ragte, suchte einen Platz, an dem mir nicht der Rauch in die Augen stieg, und lauschte der mir so vertrauten Stimme. Und hielt inne.

„Über die Nebelberge weit,
zu Höhlen tief, aus alter Zeit.
Da zieh‘n wir hin, da lockt Gewinn
An Gold und Silber und Geschmeid.“


Ich rührte mich nicht, lauschte wie gebannt seiner Stimme als er sang. Die anderen Zwerge stimmten mit ein, sangen über den Einsamen Berg, das Nebelgebirge, den Angriff des Drachen und die Schätze ihres Volkes. Ich blinzelte als der Gesang verstummte, als erwachte ich aus einem Traum. Ihr Lied war voll Schmerz und Leid, ihr Gesang beinah ein Klagelied. Und doch schwang Hoffnung in den leisen Tönen mit. Eine Hoffnung, die Thorin ihnen gab. Ob er es wusste, kann ich nicht sagen. Doch ich wusste es, denn ich glaubte ebenso wie seine Gefährten an ihn und seine Pläne. Glaubte daran, dass sie den Berg und somit ihre Heimat zurückgewinnen würden.

Als ich gerade auf dem Briefkasten des Hobbit saß und wie jeden Morgen mein Gefieder putzte, traten die Zwerge aus der Tür. Polternd, sich gegenseitig schubsend und vorandrängend, wie sie nun einmal waren. Thorin schien dieses Geplänkel seiner Sippe nicht zu interessieren, er bedachte mich mit einem warmen Lächeln und sattelte sein Pony.
„Schluss damit“, rief er schließlich, „wir haben Wichtigeres zu tun. Sattelt die Ponys!“
Die Zwerge huschten umher wie eifrige Insekten, packten eilig Vorräte, Kleidung, Decken und Waffen zusammen und bereiteten sich auf die lange Reise vor. Thorin indessen lehnte am Gartenzaun und studierte die Karte während er wartete. Ich ließ mich neben ihm nieder und musterte ihn als er das Pergament in meine Richtung hielt, als könnte ich Karten lesen.
„Wenn wir nach Norden gehen, können wir hier das Gebirge passieren. Am verräterischen Elbenkönig vorbei…“, legte er mir seine geplante Route dar und verfolgte den Weg mit dem Finger auf der Karte. Ich trat auf den Zaunpfahl direkt neben ihm und reckte ihm den Kopf entgegen, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Er sah mich schließlich fragend an.
„Du hast keine Verwendung für eine Karte, habe ich Recht“, fragte er grinsend, „du kennst die Welt ohnehin von oben und würdest den Berg bereits Wochen vor uns erreichen.“
Er faltete die Karte zusammen, steckte sie in eine der Innentaschen seines Wamses und stieg auf sein Pony. Auf den Weg vor sich deutend schickte er mich los, zu erkunden was vor ihnen lag.
So begann die Reise der Zwerge zum Einsamen Berg.
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