Zerrüttete Erde

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P16
Marco der Phoenix Monkey D. Ruffy Nami OC (Own Character) Puma D. Ace / Gol D. Ace Trafalgar Law
05.05.2020
03.07.2020
17
35.930
3
Alle Kapitel
5 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
30.06.2020 2.252
 
„Ach, Coco.“ Cora packte mich an meinen Schultern, kurz berührte er meinen Kopf, bevor er wieder sagte: „Ach, Coco.“ Er zog mich hoch und dann saß ich wie ein kleines Kind auf seinem Schoß und heulte, ich jaulte in seine Brust hinein, krampfte mich mit meinen Fingern in seine Schultern und stieß alles hinaus, alles aus mir raus und gleichzeitig wollte ich alles behalten, verschluckte mich, ich konnte nicht loslassen. Ich konnte Law nicht auslassen, wenn ich ihn jetzt ausließ, wenn ich ihn jetzt losließ, wo sollte ich dann hin? Law hatte mich mitgerissen, Law hatte alles von mir ausgerissen und ich war nichts mehr, ich konnte mich nicht bewegen, alles war falsch.

„Soll ich jemanden anrufen? Oder einen Arzt holen?“ Gordon griff mir in den Nacken, seine Hand war eiskalt.

„Ich bin Arzt, Gordon.“ Coras Griff wurde stärker, ich hörte ihn schluchzen und kurz, nur kurz, fühlte ich einen Blitz in mir, dass ich mich nicht ausgerechnet bei seinen Eltern verlieren konnte, und gleichzeitig fühlte ich mich hier eingehüllt, vertraut, da war ein bisschen Law in der Luft.

„Können wir was für dich tun, Coco?“

Ich schüttelte den Kopf, die Leere klaffte in meiner Brust, ich bekam meine Augen nicht richtig auf und fühlte mich, als wäre ich endlose Strecken gelaufen und einmal durch die Weltmeere geschwommen.

Mit zitternden Knien löste ich mich aus Coras Umarmung und wollte gleichzeitig wieder zurück an seine Brust. „Darf ich eine Weile mit euch hier sein?“

„Natürlich.“

Ich kniete mich wieder vor das Grab, Gordon und Cora nahmen jeweils neben mir Platz. Cora legte seine Hand in meine, Gordon legte seinen Arm um meine Schultern.

Am Tag von Laws Beerdigung war es wunderschön, für den Nachmittag waren über 30 Grad angesagt. Ich hatte nicht das Gefühl, es verdient zu haben, dort zu sein, plötzlich erschien mir unsere Beziehung so blass und heute weiß ich, ich schlug jede Emotion zur Seite, das war meine Hülle, ich tat so, als hätte ich den jungen Mann, der dort begraben wurde, nicht gekannt. Ich tat so, als hätte es all diese Gespräche nicht gegeben.



„Ihr seid seltsam“, sagte Law ein gutes Jahr, nachdem er in unsere Nachbarschaft gezogen war.

„Ja, das hören wir öfter.“ Ich grinste, während ich ihm noch Wein einschenkte. „Wieso denkst du gerade jetzt dran?“

Laws Finger strich über den Griff des Glases, er blickte weiterhin geradeaus. „Hattet ihr die Party geplant?“

„Wir planen nie eine Party.“

Sein Mundwinkel zuckte. „Ich verstehe nicht, wie ihr uns so schnell vertrauen konntet. Ihr habt kein einziges Mal gefragt, warum wir hierher gezogen sind. Wir könnten gefährliche Schwerverbrecher sein.“

„Klar, der Literaturprofessor, der Kinderpsychologe und der Queen-Liebhaber, erinnere mich daran, ein Buch darüber zu schreiben.“ Law schüttelte den Kopf und nippte an seinem Wein, ich seufzte amüsiert und lehnte mich zurück. „Ruffy kann das. Und er interessiert sich nicht wirklich für die Vergangenheit eines Menschen. Er bringt Menschen, die er mag, einfach zusammen. Und wenn du einmal sein Freund bist, kommst du da nie wieder raus. Da kann er sehr eigensinnig sein.“

„Das klingt wie eine Sekte.“

„Ja. Das ist der Punkt, wo du darüber nachdenken solltest, wer hier wirklich gefährlich ist. Du entkommst uns nicht mehr. Nie wieder.“

„Ja, ihr seid echt seltsam.“ Doch er grinste.



Bei der Beerdigung trug ich eine Strumpfhose unter meinem schwarzen Kleid, ein paar von Laws Freunden und ich halfen Cora und Gordon dabei, die Blumensträuße und Kränze zu arrangieren und zu drapieren. Immer wieder schlich ich um Laws Sarg und tat so, als wäre es nicht seiner, als wäre es eine leere Holzbarke, da lag niemand drinnen, erst recht nicht er. Ich wich dem Ganzen aus und schaute dem Schauspiel zu, ich schlüpfte aus meiner Hülle, nur Cora und Gordon konnten in dem Moment alles von mir verlangen, ich streckte ihnen meine Hände entgegen und sie nahmen sie, ich war überall, ich leitete die Gäste umher, bat sie zu einem Gedenkbuch. Gordon schnappte mich irgendwann und stellte mich neben sich. Er löste seine Hand nicht von meiner Schulter und sein Griff wurde jedes Mal fester, wenn einer der Trauergäste kam, um sein Beileid auszusprechen. Über Coras Gesicht liefen durchgängig die Tränen, manchmal hörte ich ihn schluchzen. Gordon blieb gerade im Gesicht, seine Mundwinkel zuckten kaum, doch dann fragte er mich, ob ich kurz bei Cora bleiben könnte und er verschwand für fünf Minuten, die Schultern seltsam hochgezogen, den Nacken eingezogen wie bei einer Schildkröte, schlich er durch die Gruppen an Menschen.



„Law. Das …“ Ich atmete lange aus. „Sag es ihnen doch einfach, sie sind immerhin deine Eltern.“

„Coco, du bist nicht die Person, von der ich mir so etwas sagen lasse. Du verstehst das nicht.“

„Was, weil ich keine Eltern habe? Du kannst diese Karte an meinem Arsch vorbeischieben, Trafalgar, ich weiß das und ich kann damit leben.“

„Nein, weil du dich niemals outen musstest.“

„Ja, okay, damit hast du gewonnen.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Aber deine Eltern, die sind auch schwul.“

„Ich schmeiß dich beim Fenster raus.“

„Bitte.“

„Ich bin nicht so wie du, ich renne nicht nach jeder Kleinigkeit zu Gordon oder zu Cora, um ihnen alles aus meinem Leben erzählen. Ich kann damit leben, Geheimnisse vor meinen Eltern zu haben.“

„Oh, und du denkst, ich habe keine Geheimnisse vor meinen Brüdern, oder wie?“

Law schnaubte und schenkte mir einen bedeutungsvollen Blick, die Süffisanz in seinen Mundwinkeln machte mich wahnsinnig und gleichzeitig trafen mich seine grauen Augen direkt in die Brust. „Was denn für Geheimnisse?“

Ich wich einen Schritt zurück, meine gesamte Diskussionshaltung verpuffte mit einem Schlag, meine Stimme war leise. „Das kann ich dir nicht sagen.“

Nun kniff er tatsächlich einen Moment die Brauen zusammen und richtete sich von seiner Sitzposition auf. „Cäcilia…“

„Ich weiß. Es ist vermutlich auch das Feigste, was ich jemals getan habe, und ich erzähle das nicht gerade mit Stolz und das wäre auch dumm, immerhin ist es ein Geheimnis.“ Ich zuckte mit den Schultern, strich mir über mein Gesicht und holte tief Luft. „Du kennst doch den Dammsee.“

„Ja.“

Da war sie wieder, die geflochtene Achselhaare-Wahrheit, die „Ich heiße Cäcilia und nicht Coco“-Wahrheit. „Ich bin mit Aces Schiff vor sechs Jahren dort auf der Griechenstraße aufgelaufen und er glaubt nach wie vor, dass Ruffy es war. Ace ist nicht sauer oder so, also nicht mehr, aber …“ Ich zuckte mit den Schultern. „Ruffy hat gesagt, er wars, er deckt mich, nach wie vor. Und ich brings nicht über mich, Ace die Wahrheit zu sagen.“

„Warum nicht?“

Ich schüttelte den Kopf. „Weil ich … ich weiß nicht, es ist schon so lange her, aber das macht es irgendwie nicht besser, dass ich es so lange verschweige? Und andererseits, ich hab einfach das Gefühl in mir, dass ich dann endgültig für ihn gestorben bin. Das war kurz, nachdem ich das erste Mal nach England abgehauen bin, und … da hatte ich nicht gerade die beste Zeit und war sowieso super gemein zu ihm?“

Law war lange still, er beugte sich in seinem Schreibtischstuhl nach vorne und verkreuzte seine Finger ineinander. Seine grauen Augen fixierten mich und ich wusste, jetzt bekam ich eine ehrlich Trafalgar-Meinung, mein Körper spannte sich automatisch an. „Es gibt sicher Brüder, die behaupten, ihre Schwestern wären für sie gestorben. Aber selbst das halte ich nicht für überzeugend. Und Ace und Ruffy. Die beiden werden dich immer beschützen, Coco. Das ist eines der wenigen Dinge, worauf ich schwören würde. Dass sie dich immer lieben werden, egal, was du anstellst.“



Bei der Beerdigung kämpfte ich gegen meinen eigenen Körper und wich Marcos Händen aus, die nach mir greifen wollten. Ich schob ihn ständig zur Seite, schüttelte nur stumm den Kopf, flüsterte unverständliche Worte und huschte wieder davon. Wenn Marco mich zu lange angriff, drohte ich, zu zersprengen. Und dabei musste ich mich schon so gegen den Tod in meinem Nacken wehren, der mich immer wieder knicken wollte, doch ich blieb stehen, ich schaute stur geradeaus. Der Tag ist heute wie ein Sausen, wie ein Windhauch, von dem man wusste, er war schon da, ich habe ihn gespürt, aber was davor und danach und währenddessen passierte, war ganz blank. Ich erinnere mich an das Schieben zwischen Cora und Gordon, das ständige Hände- und Schulterndrücken und wie Cora mich umarmte, nachdem ich meine Rose in den Graben hinein geworfen hatte, wie fest er mich gedrückt hatte.



Wir saßen lange an seinem Grab, so lange, bis ich nicht mehr weinte. Gordon fragte mich wieder, ob er etwas für mich tun könnte, und ich fragte, ob die beiden mich nach Hause bringen könnten, zu meinen Brüdern.

Gordon bestand darauf, dass ich am Beifahrersitz Platz nehmen sollte und ich wusste nicht, wann die beiden miteinander über mich kommuniziert hatten, wann sie das mit ihren Augen oder leisen Worten ausgemacht hatten, aber Cora hielt mich fest, als ich wie Gordon aussteigen wollte.

„Heute ist Freitag“, sagte er und trommelte mit der anderen Hand auf sein Lenkrad. „Willst du mit uns einen Film schauen am Abend?“

„Ja.“ Ich schaute zu ihm. „Bitte.“

Sein Lächeln war halb und schief und wirkte nicht vollständig und so traurig, dass es mir schon wieder alles aufschnitt und ich wegsehen musste, weil ich wieder zu weinen begann.

„Ich bin froh, dass ihr beiden zusammengezogen seid. Ihr wart ein tolles Team.“

„Er war schwul.“ Da war es, raus aus meinem Mund, aber was wollte Law schon tun? Und trotzdem wartete ich darauf, dass er mich aus dem Auto zerrte und in die Wiese schubste und mich mit seinem kalten Blick zerteilte.

Cora wandte seine Augen kurz von mir ab, er schluckte hörbar und dann seufzte er lange und laut. „Ich verstehe nicht, warum Kinder immer denken, sie könnten so offensichtliche Geheimnisse vor ihren Eltern haben.“

„Ihr wusstet es.“

„Ich habe es mir gedacht, aber sicher war ich mir natürlich nie.“

Nun wandte ich meinen Blick ab und starrte auf meine Hände, ich strich mir über die Wange, weil ich irgendetwas tun wollte und fiel dann doch in den Sitz zurück. „Ich fühle mich, als hätte er mich im Stich gelassen. Und ich weiß, dass das nicht fair ist und … aber ich kann …“ Der Kloß zerbrach meine Worte, sie kamen krächzend aus mir raus. „Ich kann ihm das einfach nicht verzeihen. Dass er mich verlassen hat, dass er mir nicht mehr sagt“, ob ich etwas richtig mache, „das … ich krieg das einfach nicht hin und es … es tut mir leid, dass ich da mit dir, ich kann gar nicht, Entschuldigung.“

Cora legte wieder seine Hand auf meine.

„Menschen trauern unterschiedlich und Emotionen kann man nicht miteinander vergleichen.“

„Ich vermisse ihn so sehr, dass …“ Ich ruderte mit meinen Händen vor meiner Brust, um meine Gefühle zu verdeutlichen. „Ich weiß nicht, was ich tun soll. Law hat … Law hat mir mal gesagt, dass ich mich vom Tod nicht aus dem Leben schmeißen lassen soll, nur weil ich selbst solche Angst vor dem Sterben habe, und ich gebe mir Mühe, ich versuche, normal weiterzumachen, aber … ich kann einfach nicht, ich kann mich einfach nicht an das halten, was er mir gesagt hat.“

„Das passt zu ihm.“

„Dafür würde ich ihm gerne …“ Ich seufzte und fuhr mir über mein Gesicht. „Er hat einen Urlaub gebucht, nach Lissabon. Für ihn und mich, aber ich kann irgendwie nicht, ich …“

„Dein Geburtstagsgeschenk.“ Das passte zum Datum. Wir wären am Mittwoch geflogen, am Freitag hätte ich Geburtstag.

„Ja, das habe ich mir schon gedacht.“

„Das habe ich ganz vergessen.“

„Es ist schon alles gebucht, falls ihr … falls ihr vielleicht mal alles hinter euch lassen wollt.“

„Das ist lieb von dir, aber ich denke nicht, dass wir das annehmen können.“

Ich zuckte mit den Schultern und griff nach der Türklinke. „Ihr könnt es euch ja noch überlegen.“ Mit einem Bein war ich schon aus dem Wagen, als Cora noch einmal meinen Namen sagte.

Coras Stimme krächzte, ich wusste, dass er weinte, dafür musste ich ihn nicht ansehen. „Ich habe nicht aufgehört, ihn zu lieben, nur weil er … nicht mehr da ist.“ Meine Schultern bewegten sich nach oben. „Es tut sehr weh. Aber wenn du dich daran erinnerst, wie sehr du ihn liebst, kannst du dich daran festhalten. An all euren Momenten, an seinem Sturkopf, seiner Vernunft und an seinem Lächeln. Denn diese Liebe kann dir niemand wegnehmen. Nicht einmal der Tod.“

Ich sank zusammen und legte meinen Kopf auf meine Knie, drehte ihn leicht, sodass ich direkt zum Bordstein blickte und weiter zu unserem Hauseingang. Da, da hatte ich mein erstes Gespräch mit Law, da hatte ich angefangen, mich in ihn zu verhaken, da war der Startschuss gefallen, um irgendwann ein Team zu sein. Die Erde wog schwer auf meiner Brust, doch ich war plötzlich froh, dass sie da war, dass ich mich endlich in ihr verkriechen und verschwinden konnte, dass ich endlich anfangen konnte, mich aufzulösen, um herauszufinden, wie ich Law weiterlieben konnte, ohne dass es wehtat.

Und dann wusste ich es, es war so einfach und wie immer fühlte es sich an, als würde jemand meinen Kopf aus dem Wasser ziehen, die Luft in meinen Lungen war frisch. Ich musste weglaufen. Ich musste endlich damit beginnen, mir nachzulaufen.

-----------
Und ich freue mich total, verkünden zu dürfen, dass Semmel1989 ihre Reise mit Eve aus "The Rules of a Lady" wieder aufgenommen hat und nun das Prequel dazu schreibt: Finding the Rules. Ich kann euch das so sehr empfehlen, dass ich das gar nicht wirklich ausdrücken kann - es ist eine wundervolle Geschichte über Liebe in jeglicher Hinsicht und die Hauptfigur ist sowieso ungefragt eine der besten überhaupt :)
Review schreiben