23:17 Uhr

OneshotAllgemein / P12 Slash
Chuya Nakahara Ryunosuke Akutagawa
04.05.2020
04.05.2020
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Stumm zog der Rotschopf seine Schuhe im Flur des Apartments aus und ging mit leisen Schritten über das helle Parkett, betätigte den  Lichtschalter, der hinter einer Plastikpflanze verborgen war und legte seinen Hut auf dem Wohnzimmertisch ab. Um das Sofa herum herrschte Chaos, überall lagen Papiere und mehrere Teller und Tassen balancierten wackelig auf der Armlehne der dunklen Ledercouch. Der Rotschopf hatte die letzten Nächte lange gearbeitet und bisher noch keine Zeit gefunden die Unordnung zu beseitigen. Das Aufräumen würde wohl auch heute wieder flachfallen.

Er betrachtete kurz den kunstvollen Stapel aus Ordnern und Zetteln und blickte dann durch die große Fensterfront, die ihm einen Blick bis zum Hafen bot. Menschen tummelten sich auf den Gehwegen und unzählige bunte Autos flitzen auf den ausgeleuchteten Straßen hin und her. Der Blick des Mafiosos glitt wieder über die Akten und er überlegte, ob es nicht sinnvoller wäre weiterzuarbeiten, doch er schüttelte leicht den Kopf, um den Gedanken zu vertreiben und trat an die Musikanlage, die unter einem großen Fernseher und neben einem Kaktus stand. Chuuya mochte Pflanzen, fand jedoch wegen seiner Arbeit nur wenig Zeit, um sich ausgiebig um diese zu kümmern und so gab er sich mit einer ganz passablen Sammlung Kakteen zufrieden.

Nachdem er eine CD gefunden hatte, die ihm gefiel, legte er sie in die Anlage und schritt in die Küche, die bloß durch einen Tresen vom Wohnzimmer getrennt wurde. Leise den Text des Liedes mitsingend holte Chuuya eine Flasche Rotwein aus einem der Schränke und goss die dunkle Flüssigkeit in ein bereits bereitstehendes Glas. Ein seliges Lächeln schlich sich auf seine Lippen, als er von dem Wein kostete.

Etwas besser gelaunt kramte er nach ein paar silbernen Schüsseln und nach dem Rührgerät, das Kouyou ihm geschenkt hatte, als er vor ca. vier Jahren hier einzog. Der Rotschopf hatte sich artig bedankt, das Küchengerät aber nie benutzt und irgendwann vergessen. Erst vor ein paar Wochen fand er es beim Aufräumen in einer Schublade wieder. Er nahm die hellbeige Schürze, die an einem Haken neben dem Schrank für Geschirr hing und band sie sich um, während er überlegte, wo er das Mehl hingeräumt hatte.

Plötzlich schellte es an der Tür und Chuuya sah verwundert von der Schublade voll mit Reis und Nudeln auf. Stirnrunzelnd blickte er auf die katzenförmige Uhr, die an der Wand neben einem Bild hing, dieses kindliche Design passte nicht in die Einrichtung der Wohnung, doch sie erfüllte ihren Zweck. 23:17 Uhr, zeigten die schmalen Zeiger. Es schellte ein zweites Mal und der Rotschopf setzte sich in Bewegung. Leise griff er nach dem Messer, das sich in einem der Schuhe im Schrank befand, verbarg es hinter seinem Rücken und öffnete dann die Tür. Graue Augen blickten ihn an und Chuuyas angespannte Muskeln lockerten sich ein wenig beim Anblick des bekannten Gesichts.
„Mit dir habe ich um diese Uhrzeit nicht mehr gerechnet, Akutagawa."
Der Jüngere schien nicht zu wissen, was er sagen sollte und so fuhr Chuuya fort.
„Wenn dich der aktuelle Job herführt, muss ich dir sagen, dass ich nicht mehr weiß als heute Morgen. Ich habe voraussichtlich die nächsten Tage frei und kümmere mich dann nächste Woche darum."
Sich räuspernd nestelte Akutagawa an seinem Kragen.
„Nein, das ist es nicht... ich bin aus privaten Gründen hier."
Es folgte eine Pause, in der Chuuya die feinen dunklen Haare seines Gegenübers beobachtete und sich fragte, wie dieser Haarschnitt zustande gekommen war, bevor Akutagawa fortfuhr: „Ich wollte dich besuchen."
„Was eine seltene Ehre", witzelte der Rotschopf und trat beiseite, um den Eingang nicht länger zu versperren.

Während sich der Jüngere die Schuhe auszog und den Mantel ablegte, begab sich Chuuya wieder in die Küche, ließ das glänzende Messer in einer Schublade verschwinden und holte eine zweite Schürze hervor. Diese streckte er Akutagawa  entgegen, als er aus dem kleinen Flur vor den Küchentresen trat.
„Hier, kannst mir helfen, ich wollte backen." Perplex starrte der Dunkelhaarige auf das eigenartige Kleidungsstück in seinen Händen, es schien, als würde er für einen Augenblick nicht wissen, was er damit tun sollte und Chuuya drehte sich weg, um ihn nicht unter Druck zu setzen. Dazais ehemaliger Schützling war während der Arbeit ein gefürchteter Mörder, doch im Alltagsleben verhielt er sich wie ein kleines Kind.

Einen Laut der Erkenntnis ausstoßend griff Chuuya nach dem Mehl, das sich unter einer Packung Reis versteckt hatte und stellte es neben den Zucker.
„Hier, wieg das ab. 250 Gramm Mehl und 150 Gramm Zucker, die Waage steht auf dem Tresen."
Damit beschäftigt, die Eier aus dem Kühlschrank zu holen, erklärte der Ältere weiter.
„Einfach in die Schale kippen, die drauf steht. Wenn der rote Zeiger die gewünschte Zahl erreicht, kannst du aufhören und beides kommt dann in die silberne Schüssel da drüben."
Während Chuuya die Butter kleiner schnitt, damit sie besser weich wurde, beobachtete er Akutagawa aus dem Augenwinkel, wie dieser mit ernster Miene das Mehl wog und sich verärgert auf die Unterlippe biss, als ein bisschen des weißen Pulvers die Arbeitsfläche besudelte. Der Rotschopf drehte den Kopf weg, damit man sein Grinsen nicht erkennen konnte, das war einfach zu drollig.

Chuuya schlug die Eier in die Schüssel, in der sich bereits Mehl und Butter befanden und nickte dem Schwarzhaarigen aufmunternd zu, als ihn dieser, den abgewogenem Zucker in der Hand, fragend ansah. Vorsichtig ließ Akutagawa die hellen Körner in die Schüssel gleiten.
„Und daraus wird etwas essbares?"
Vermutlich war die Frage nicht für Chuuyas Ohren bestimmt gewesen, denn der Jüngere schien etwas peinlich berührt, als er eine Antwort bekam.
„Ts, natürlich. Dauert aber noch ein bisschen."
Der Rotschopf griff nach dem Handrührgerät und begann, die verschiedenen Zutaten zu vermischen.

Beide schwiegen eine Weile, bis Chuuya den scharfen Blick des Anderen nicht mehr aushielt und mit der linken Hand nach seinem Weinglas griff.
„Willst du nen Schluck? Der ist ziemlich gut." Akutagawa zögerte kurz, nahm dann aber an und nippte vorsichtig an der dunklen Flüssigkeit.
„Irgendwie passt das hier zu dir... es ist ungewohnt, aber es passt."
Die unerwartet ehrlichen Worte des Jüngeren überraschten Chuuya und er lächelte sanft, den Blick in die Schüssel gerichtet.
„Dies ist wohl meine menschlichere Seite... sie gehört genauso zu mir wie die des skrupellosen Mafiosos. Jeder hat diese Menschlichkeit in sich..."
Chuuya stellte das Rührgerät beiseite und blickte den Schwarzhaarigen an.
„Nur wo ist deine? Wo ist die Menschlichkeit in diesem Monster? Ich suche sie schon eine ganze Weile..."
Vorsichtig trat der Rotschopf näher, umfasste das schmale Kinn des Anderen und kam ihm prüfend näher.
„Wo ist es, wo hast du es vergraben? Ich will es sehen, deine sanfte Seite, du hast sie, du musst sie haben."
Chuuya schmunzelte, als Akutagawa seinem forschenden Blick auswich und versuchte, die Röte seiner sonst so blassen Wangen zu verbergen.
„Nakahara-san, hör auf damit. Ent..." Behutsam legte Chuuya dem Schwarzhaarigen die Hand in den Nacken, zog ihn näher an sich heran und blickte in die glasigen grauen Augen. Endlich konnte er den Sturm sehen, den sie sonst immer verbargen.
„Da ist sie...da ist deine Menschlichkeit, Ryunosuke."
Bedacht den Größeren nicht zu verschrecken, legte Chuuya nun auch seine zweite Hand vorsichtig in Akutagawas Nacken, streckte sich ein kleines Stück und legte seine Lippen auf die des Anderen.
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