stole it all for someone else

von xAnn
GeschichteRomanze / P16
Katie Gardner Travis Stoll
04.05.2020
23.09.2020
19
54.993
18
Alle Kapitel
58 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 Datenschutzinfo
16.09.2020 2.539
 
18

Diesmal war ihr Plan ausgefeilter. Wenn Katie an ihren letzten Fluchtversuch zurückdachte, musste sie beinahe schnaubend über sich selbst lachen, so wenig Planung war hineingegangen. Jetzt hingegen hatte sie einen richtigen Plan.
Den schlafenden Mohn von Will zu stehlen, hatte sich als nicht weiter schwer erwiesen. Eine kleine Lüge hier, ein verdeckter Handgriff da, und schon hatte sie genügend unter ihrer Tunika versteckt. Bevor sich das schlechte Gewissen melden konnte, verdrängte sie es und unterdrückte auch den Missmut, der in ihr aufstieg. Sie musste zurück, da konnten hier alle noch so nett sein. Keine Nettigkeit der Welt könnte Miranda ersetzen.
Nachdem sie sich für die Getränke gemeldet und den schlafenden Mohn untergemischt hatte, war sie am abendlichen Lagerfeuer ruhiger als sonst, vertieft in ihre Gedanken, was auch Hood auffiel. Heute saß er nicht wie sonst neben ihr, um ein Auge auf sie zu haben, sondern gegenüber, wodurch er sie im Endeffekt noch viel besser im Auge behalten konnte. Bereits seit geschlagenen fünf Minuten sah er sie durchgehend an, und sie musste sich eingestehen, dass sie seinen Blick auf ihr nicht unangenehm fand.
Seufzend stützte sie das Kinn in eine Hand und blinzelte ein paar Mal den Rauch aus ihren Augen. Sein Blick fragte sie, ob alles in Ordnung sei; ihr Nicken bejahte. Es sollte mehr als nur in Ordnung sein – schließlich wäre sie nun wirklich bald weg von hier … und zurück im Palast, wo man sie zum Training zwang, das ihr blaue Flecken und Prellungen verschaffte, wo man sie vorführte als wäre sie eine Attraktion, wo – wo Lou war. Lou, und auch Thalia. Wo sie sich ablenken und an Miranda schreiben konnte. Götter, sie musste sich jetzt wirklich auf die positiven Dinge konzentrieren, wenn sie nicht unsicher werden und das Zögern zum Gedeihen bringen wollte.
Sie tat ihr Bestes, Hood nicht anzustarren, doch weil er genau vor ihr saß, huschte ihr Blick immer wieder wie von selbst zu ihm, was er amüsiert bemerkte und mit einem Zwinkern quittierte. Wie alle anderen wirkte auch er müde, geschafft von den letzten Tagen. Das würde ihr zugute kommen, denn schon vor dem Essen hatte er verkündet, heute alle früh in die Betten zu schicken.
Eine seltsame Wärme hatte sich in Katies Brust ausgebreitet, während sie einfach nur dem üblichen Gebrabbel um sich herum lauschte, ohne sich selbst mit mehr als einem gelegentlichen Nicken oder „Mhm“ zu beteiligen. Und so sehr sie auch versuchte, diese Wärme, die nicht von dem Feuer kam, zu verdrängen, es gelang ihr einfach nicht.

So war sie schließlich froh, als Hood in die Hände klatschte und rief: „So, alle Mann aufräumen und fertig machen!“ Zuerst kam nur brummender Protest, aber dann löste sich die Menge auf und die meisten schienen tatsächlich froh über den Schlaf zu sein. Tyson, der Jüngste hier und nach Katies Wissen ein Bastard von einem der Adelshäuser, musste sogar geweckt werden, weil er schon eine Weile lang vor sich hin geschnarcht hatte.
Katie folgte Lacy zum Wassertrog, wo sie ihre benutzte Schüssel und den Becher abstellte, und ließ sich eine Gute Nacht wünschen. Als Lacy sie in eine Umarmung zog, verspannte sie sich sofort. „Gute Nacht“, flüsterte Lacy nochmal. Katie konnte das Lächeln aus ihrer Stimme heraus hören. „Bis morgen dann …“ Lacy gähnte einmal, nicht wissend, was sie mit diesen Worten in Katie auslöste. Die verspannte sich noch mehr und verfluchte sich selbst über ihre dummen Gefühle, war froh, als Lacy die Umarmung löste und in die andere Richtung davon ging.
Als Katie die Strickleiter nach oben kletterte, war Hood bereits oben. Wie schon die letzten Nächte lag er zwar mit Abstand zu ihrem Platz, allerdings nicht mit so viel wie möglich wäre. Keiner von beiden hatte ein Wort darüber verloren, doch es hatte Katie unterbewusst so sehr beruhigt, dass keine Albträume mehr gekommen waren. Sie hatte in den letzten Nächten kaum etwas geträumt, anstatt Miranda hilflos sterben zu sehen.
Wie immer wünschten sie einander keine Gute Nacht, sondern lagen einfach schweigend nebeneinander. Seine Nähe war so greifbar, dass Katie unbewusst den Atem anhielt, und als sie die Luft schließlich ausstieß, tat Hood es ihr gleich. Es würde noch ein wenig dauern, bis der schlafende Mohn seine Wirkung entfaltet hatte, aber wenn es soweit war, würden alle schlafen wie die Babys – alle außer sie selbst. Am nächsten Morgen würden sie sich ein wenig benommen fühlen, ansonsten jedoch hatte dieses Schlafmittel keine Nebenwirkungen. Katie fragte sich, wie lange Will brauchen würde, um darauf zu kommen, dass Katie ihn bestohlen hatte. Wäre er dann sauer? – es sollte sie nicht kümmern. Es sollte ihr egal sein, ob Will sauer auf sie wäre, denn sie würde ihn nie wieder sehen … außer, wenn sie auf Streifzug waren und tatsächlich das Lager fanden.
Schließlich konnte sie sich endlich sicher sein, dass Hood eingeschlafen war. Sein Atem ging ruhig und gleichmäßig, und als sie ihn anstieß, rührte er sich nicht. Trotzdem bewegte sie sich so leise wie möglich, kletterte nahezu lautlos den Baum hinab, schlüpfte in ihre Stiefel und huschte vorsichtig durch das stille Lager, das beinahe wie ausgestorben wirkte. Nicht einmal auf die nächtlichen Wachen musste sie diesmal Rücksicht nehmen, denn auch die schliefen. Sie sah Hoods Bruder, der an seinem üblichen Posten saß, gegen einen Baum gelehnt und selig ruhend.
Wie bereits beim letzten Mal vertraute sie einfach ihrem Bauchgefühl, anstatt sich groß Gedanken über ihren Weg zu machen. Der Wald war ihr Führer, es war, als wisse er, wohin sie wollte, und als weise er ihr absichtlich den richtigen Weg: Einmal lag ein dicker Ast an einer Weggabelung und versperrte ihr die eine Richtung, dann huschte ein Eichhörnchen vor ihr über das Gras und führte sie nach links statt nach rechts, bis ein paar Blätter vom Wind getragen an einer weiteren Gabelung herabsanken.

Sie rannte nicht, aber sie nahm sich auch keine Zeit. Stattdessen eilte sie voran, geleitet vom Wald, genoss die frische Luft in ihren Lungen, die Freiheit, die sie lockte, und gab ihr Bestes, nicht zurückzudenken. Wenn sie die anderen das nächste Mal sah, würde sie sie jagen – ihnen auflauern, sie fassen, verhaften und dann – ja, was dann? Würden sie gehängt werden? Die Todesstrafe war kaum noch üblich; stattdessen sperrte man die Verbrecher ein, um sie so zu vergessen. Beim Gedanken daran, die blonde Lacy oder den blassen Nico tief in den Untergrund zu sperren, wurde ihr beinahe übel.
Doch das durfte es nicht. Sie durfte keine Übelkeit bei diesem Gedanken empfinden, sondern sollte vorfreudig darauf sein … schließlich war das ihre Aufgabe. Sie hatte sich mit fünfzehn Jahren dazu verpflichtet, alles mögliche zu tun, um das Reich zu schützen, womit insbesondere die Adeligen gemeint waren. Und ebenjene waren bedroht von der Diebesbande, die sogar einen der ihren umgebracht hatten. Katie konnte es noch immer nicht so recht fassen, konnte dieses Bild nicht mit dem Bild in Einklang machen, das sie sich selbst gemacht hatte.
Vielleicht hätte sie besser aufpassen sollen, mehr Acht geben, sich aufmerksamer umsehen. So jedoch bemerkte sie zu spät, dass sie nicht mehr alleine war. Als sie plötzlich Schritte hinter sich vernahm, zuckte sie zusammen und verfluchte sich innerlich, während sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen und gleichzeitig nach einem Fluchtweg zu suchen. Die Schritte kamen näher, es war deutlich zu hören, dass die zugehörige Person versuchte, zu schleichen. Katies Puls schoss in die Höhe, ihr Herz schlug schneller und ihr Blick huschte umher, nahezu verzweifelt. Es war so dunkel, dass sie nicht die geringste Ahnung hatte, wohin sie ausweichen sollte – überall Bäume, Bäume, Sträucher, Sträucher, Wald, Wald, überall gefangen, sie konnte nirgends hin, sie – ein harter Stoß an ihrem Hinterkopf brachte sie dazu, aufzuschreien, bevor sie spürte, wie ihr jemand einen Sack über den Kopf zog und sie das Bewusstsein verlor.

Gleißendes Feuer. Eiskaltes Wasser. Alles gleichzeitig – sie verbrannte, während sie ertrank und Mirandas Schreie in den Ohren hatte – warum starb diesmal sie? Warum –

Das Licht brannte unangenehm in ihren Augen und brachte sie dazu, unwirsch das Gesicht zu verziehen. Ihre Kehle fühlte sich noch rau an von den Schreien, die sie wohl unterbewusst ausgestoßen hatte. Für einen Moment hatte sie keine Ahnung wo sie war, während sie blinzelte und versuchte, Hood zu erkennen – doch das war nicht Hood, der da vor ihr kniete, und sie konnte auch gar nicht wissen, wo sie war … gequält stöhnte sie auf und wollte sich an den pochenden Kopf fassen, was ihr allerdings durch die gefesselten Hände nicht möglich war.
Warum?! Warum musste es immer sie treffen, wer hatte sie jetzt schon wieder entführt? Hoods Leute konnten es nicht sein, denn die fesselten sie nie, und der junge Mann, der vor ihr kauerte und sie musterte, gehörte auch nicht zu seinen Leuten. Langsam wurde ihre Sicht wieder klar und sie erkannte einen fremdländisch aussehenden Mann, dessen schwarze Haare in sein Gesicht hingen, jedoch nicht tief genug, um die Augenklappe zu verbergen. Augenklappe. Irgendetwas in ihr wurde wach bei dieser Erkenntnis, doch sie konnte dieses Etwas nicht greifen.
Ihr Herz pochte viel zu schnell und sie wand sich unter seinem Blick.
„Endlich“, sagte er knapp und äußerst unfreundlich. „Dachte schön, deine Schreie hören nie mehr auf.“ Wie oft hatte sie geschrien? Wie lange war sie so gewesen, ohnmächtig, gefangen in ihrem eigenen Unterbewusstsein? Zögerlich wagte sie es, den Blick schweifen zu lassen, um ihre Umgebung zu erkunden. Allerdings gab es da nicht sonderlich viel zu erkunden. Sie lag in einer Laubhütte, die ein Loch direkt über ihrem Kopf hatte, wodurch sie auch vorhin von der Sonne gestört worden war. Ansonsten konnte sie nichts sehen, da ein Tuch vor dem Eingang hing und ihr außerdem der junge Mann vor ihr die Sicht versperrte.
„Wer seid Ihr“, stieß sie hervor und fühlte sich unangenehm an ihre erste Begegnung mit Will erinnert. Nur, dass Will viel freundlicher gewesen war und sie nicht so grimmig angeschaut hatte. Viel lieber wäre sie wieder von ihm empfangen worden, anstatt von diesem Kerl, der sie immer noch musterte.
„Die Frage ist eher, wer Ihr seid“, entgegnete er kühl. Katie konnte sich das Augenrollen nicht verkneifen und murmelte genervt: „Warum entführen mich immer alle, ohne zu wissen, wer ich bin?“ Er überging ihre Anmerkung gekonnt und war mit einem Satz aufgestanden, wobei er sich nicht gänzlich aufrichten konnte, weil er sonst gegen das Dach gestoßen werde. „Warte“, wies er sie an, obwohl sie gar nichts anderes tun konnte: Ihre Hände waren hinter ihrem Rücken an einer Art Pfahl gefesselt, der die Hütte aufrecht erhielt und stützte. Auch ihre Fußknöchel hatte man aneinandergebunden, so dass sie, selbst wenn sie ihre Hände befreien könnte, nicht sonderlich weit kommen würde.

Kaum, dass der Mann weg war, schrie sie frustriert auf und hoffte im selben Moment, dass das niemand gehört hatte. Es war so verdammt, verdammt demütigend, so verdammt – warum bei allen Göttern konnte ihre Flucht nicht einmal gelingen? Was war sie denn für eine Soldatin, dass sie sich immer und immer wieder schnappen ließ? Sie war der Würde nicht mehr wert, sie sollte sich was schämen. Davor sollte sie sich allerdings wieder befreien. Nur, dass sie so das Gefühl hatte, hier viel sorgsamer bewacht zu werden als bei Hood.
Es dauerte nicht lange und das Tuch wurde zurückgeschoben. Diesmal kam nicht der fremdländische Mann von vorhin, sondern einer mit blasser Haut und Haaren, die die seltsame Farbe von Sand hatten. Zu ihrer Verwunderung lächelte er sie an, doch sein Lächeln kam dem von Hood in keinster Weise gleich. Es war charmanter, weniger spitzbübisch, und es jagte ihr einen unangenehmen Schauder über den Rücken.
Wie bereits der andere Mann kniete er sich zu ihr, wobei er immer noch überlegen wirkte. Etwas blitzte auf in seinen Augen – sie waren blau, wie Hoods, und doch ganz anders.
„Nun, Miss.“ Sein Lächeln wurde breiter und Katies Miene grimmiger. „Katie Gardner … oder sollte ich lieber sagen, Katherine Jardinier?“
Beim Klang dieses Namens wurde ihr sofort eiskalt und übel zugleich. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie ihn an, was ihn deutlich amüsierte. „Ich habe meine Nachforschungen betrieben.“
„Aber … woher …“ Mit einem Mal fühlte sie sich unheimlich schwach, dabei hatte er nur einen Namen ausgesprochen. Nein – nicht irgendeinen Namen, das war nicht nur ein Name gewesen.
Sie bemühte sich, den Kloß in ihrem Hals hinunterzuschlucken. Er durfte nicht sehen, wie sehr sie das getroffen hatte. „Was wollt Ihr?“, stellte sie eine Frage, um irgendwie ihre Würde zurückzugewinnen. Noch immer hatte sie Gänsehaut und die feinen Härchen in ihrem Nacken standen zu Berge, doch das musste er ja nicht wissen. Er sollte nicht erkennen, was er in ihr ausgelöst hatte.
„Schätzungsweise dasselbe wie die, die Euch zuerst gefangen haben … nur ein bisschen mehr und auf eine andere Weise.“

Sie wurde nicht schlau aus seinen Worten. Wollte er Informationen? Geld? Wollte er den Palast mit ihr erpressen – doch das wäre nicht möglich. Selbst wenn sie eine gute Soldatin war, war sie doch nur eine Soldatin, von denen es hunderte gab, auch wenn die meisten gerade im Nachbarreich waren. „Wer seid Ihr“, stellte sie die nächste Frage, fordernd und mit stolz gerecktem Kinn. „Wir sollten Chancengleichheit schaffen, findet Ihr nicht? Ihr wisst, wer ich bin – wer ich wirklich bin –, dann sollte ich auch wissen, wer Ihr seid.“
„Als Gefangene steht Euch kein Wissen zu, aber wenn es Euch so sehr interessiert – Luke.“ Der Name rief nichts in ihr hervor. Vermutlich war er nur ein einfacher Bauer gewesen, vielleicht auch ein Gerber, jedenfalls niemand von Bedeutung. Was auch logisch war, denn warum sollte jemand von Rang diesen aufgeben, um ein Dieb zu werden?
„Ich werde Euch keine Informationen geben, Luke.“ Sie spuckte seinen Namen beinahe aus. Seine Miene verriet keine Regung, nur sein Lächeln veränderte sich ein wenig. „Oh, ich schätze, das werdet Ihr sehr wohl. Mit ein wenig Geduld werdet Ihr zwitschern wie ein Vogel.“
Damit stand er auf und ging zurück zum Ausgang, ließ sie allein zurück, allein und verwirrt und voll Fragen und Frust.


----
Schlafmohn gibt es in echt, aber ich glaube nicht mit der Wirkung, wie ich es beschrieben habe. Hier ist es ein Schlafmittel, weil es eben Schlafmohn heißt und sich da gut angeboten hat, in echt kann man denke ich Öl daraus gewinnen, aber dazu hab ich nur kurz Wikipedia überflogen – ist ja im Endeffekt auch nicht wichtig :) Viel wichtiger ist, dass die Kapitel der nächsten Wochen nun endlich die sind, bei denen ich mir extrem unsicher bin. Sie sind wichtig für den Verlauf der Story, deshalb musste ich sie früher oder später schreiben, und ich finde sie nicht direkt schlecht. Das ist nur so ein Thema (wieder eine Entführung, wie man merkt, ich hoffe ihr haltet durch und seht, dass Luke ganz anders ist als Travis und dass es nicht immer dasselbe Gedöns ist ^^), das ich zwar schreiben kann und das dann auch so ausführlich wie ich will, aber sobald ich weiß, dass das jemand liest, komme ich ins Stocken und weiß nicht, wie sehr ins Detail ich gehen kann und was den Lesern gefällt? Keine Ahnung, ob man versteht, was ich meine xD das merkt man mit den folgenden Kapiteln wahrscheinlich mehr, oder vielleicht fällt euch gar nicht auf, dass mir die Kapitel schwergefallen sind, das würde mich natürlich freuen ^^ und wenn es euch nicht gefällt, dann brauchen wir eben alle ein bisschen Durchhaltevermögen, bis wieder (in meinen Augen) 'schöne' Kapitel kommen ;)
Review schreiben