I'll be here

OneshotAllgemein / P12
Craig Tucker Tweek Tweak
04.05.2020
04.05.2020
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OS: I‘ll be here
Music: DROELOE – A Moment In Time
Words: Gewitter – umklammern – heiß


Tweek:

Früher hatte ich sie gefürchtet, doch nun liebte ich die Nacht am allermeisten. Vor allem den Moment, wenn der alte Tag endete und ein neuer begann. Er dauerte nur einen einzigen Atemzug. Und doch hatte es eine gewaltige Auswirkung. Jeder dieser Momente bedeutete nämlich, dass ich meinem Lebensende wieder einen  kleinen Schritt näher gekommen war, denn allen Menschen stand nur eine bestimmte Zeitspanne auf diesem Planeten zu.
Wie sagte man so schön? „Deine Tage sind gezählt.“
Die Frage war nur: Wie viele noch?
Ich war gerade mal 17 Jahre alt. Daher war die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass noch mehr Tage vor mir lagen als ich bereits hinter mich gebracht hatte.
Aber ich wollte nicht mehr. Ich konnte nicht mehr. Wo lag der Sinn an der ganzen Sache? Ich schleppte mich durch meinen Therapieplan, schluckte brav Medikamente, führte Gespräche mit Psychologen und es vergingen erst Wochen, dann Monate, aber NICHTS veränderte sich.
Angst und Leere. Daraus bestand ich. Daraus bestand mein Leben hier in der Klinik. Niemand konnte etwas dagegen tun und niemand konnte mir helfen. Auch keine Therapie, das hatte ich schon nach meiner 4. Woche hier begriffen. Therapeuten würden es nie zugeben, aber ab einem gewissen Punkt waren sie genauso hilf- und ratlos wie der Patient selbst.
Die Anzeige meiner digitalen Armbanduhr sprang auf 23:59 Uhr um. In einer Minute würde mein 6. Monat anbrechen, den ich mich inzwischen in dieser Klinik befand. Ein halbes Jahr schon…
Ich hatte es versucht. Lange genug. Das war das Limit, was ich mir am Tag meiner Einweisung gesetzt hatte. Auch nur einen Tag länger hier zu sein würde ich nicht mehr akzeptieren.
Ich setze meinen Rucksack auf, der alles Nötige beinhaltete, was ich für mein Vorhaben brauchen würde, drückte leise die Türklinke herunter und trat hinaus in den Flur. Mir blieben nun genau 20 Minuten. So lange dauerte der Schichtwechsel des Pflegepersonals und es war (neben der Mittagspause, in der aber zu viele Therapeuten und Mitpatienten unterwegs waren) die einzige Zeit, in denen die Flure nicht überwacht wurden und der Tresen des Pflegestützpunktes unbesetzt war.
Mit einem weiteren Blick vergewisserte ich mich, dass sich wirklich niemand anderes außer mir auf dem Flur befand. Keiner da, dies war der perfekte Zeitpunkt, also los!
Ich setzte mich in Bewegung und nur nach wenigen Metern beschleunigte ich meine Schritte. Nicht einmal deswegen, weil ich es eilig hatte, sondern weil ich Angst hatte, dass ich es mir jeden Moment wieder anders überlegen und die Aktion hier abbrechen könnte.
Selten war mir der Weg von meinem Zimmer bis zum Pflegestützpunkt am anderen Ende des Ganges so lange vorgekommen. Allerdings war mein Ziel nicht der Stützpunkt, sondern die Balkontür, die sich nur wenige Schritte davon entfernt befand.
Doch endlich davor angekommen stutzte ich. Irgendwas… irgendwas stimmte hier nicht. Und dann fiel es mir auf: Die Tür zum Balkon war nur angelehnt. Die einzigen Male, wo das sonst der Fall gewesen war, waren die Mittagspausen des neuen Auszubildenden gewesen, der diese Zeit oft dazu nutzte, um heimlich eine zu Rauchen. Es war einfach nur reines Glück, dass er bisher von den anderen Pflegern dabei nicht erwischt worden war. Ansonsten wusste ich über ihn außer seinen Namen (Namensschilder waren hier für das Personal Pflicht) nur wenige Dinge, denn im Vergleich zu den anderen Pflegern war er… um es nett auszudrücken ‚nicht gerade gesprächig‘. Überhaupt war er hier eine komplette Fehlbesetzung. Keine Ahnung, wer oder was ihn dazu verdonnert hatte, diesen Ausbildungsplatz anzunehmen, Hingabe sah jedenfalls anders aus. Ihm schienen andere Menschen eher lästig zu sein und ich wusste, dass einige meiner Mitpatienten sogar Angst vor ihm hatten, weil er irgendwie so eine düstere Ausstrahlung hatte. Mich hatte er auch einmal so komisch angestarrt und ich war danach wie paralysiert gewesen. Anscheinend gehörte ich also auch zu denen, die Schiss vor ihm hatten.
Ratlos verharrte ich an Ort und Stelle. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass Auszubildende auch Nachtschichten übernehmen durften. Sollte ich mich hier auf dem Flur verstecken und warten, bis er vom Rauchen zurück war? Aber was, wenn er die vollen 20 Minuten brauchen würde? Selbst, wenn er nur 10 Minuten brauchen würde… die Zeit war so schon knapp genug! Ich hatte keine Wahl. Vielleicht konnte ich den Überraschungsmoment nutzen und ihn überwältigen und lange genug außer Gefecht setzen, um meinen Plan zu Ende bringen zu können.
Mit zittriger Hand stieß ich die Balkontür auf und trat entschlossen in die Dunkelheit.
Für einen Moment mussten sich meine Augen den neuen Lichtverhältnissen anpassen, sodass mein einziger Orientierungspunkt seine glimmende Zigarette war. Dann konnte ich allmählich sein Gesicht erkennen, das sanft vom Mondlicht bestrahlt wurde. Zu meiner Irritation schien es ihn kein bisschen zu wundern, hier mitten in der Nacht plötzlich einen Patienten auf dem Balkon zu begegnen. Im Gegenteil, es wirkte sogar fast so, als hätte er meine Ankunft schon erwartet.
„Dann ist es heute also soweit?“, fragte er wie um meinen Verdacht zu bestätigen mit ruhiger Stimme, während er seine Zigarette auf den Boden fallen ließ und sie mit seinem Schuh austrat.
„WA-WAS?“, konnte ich nur entsetzt hervorbringen, da es zum einen überhaupt das erste Mal war, dass ich seine Stimme hörte und zum anderen, weil sie eine solche Wirkung auf mich hatte, dass ich einfach wie angewurzelt am Boden festklebte, „Was m-meinst du damit?“
„Ist es nicht offensichtlich, was ich damit meine?“, stellte er eine Gegenfrage und sah mich abwartend an. Was sollte denn jetzt dieses Psychospielchen? ICH war hier doch der verrückte Patient, verdammt! Nicht er!!
Als ich einfach nur schwieg, machte er einen Schritt auf mich zu.
„Bl-bleib wo du b-bist!“, warnte ich und verspannte mich augenblicklich.
„Okaaay“, meinte er gedehnt und hob beide Arme mit den Handflächen zu mir gewandt, als wäre er gerade mitten in einem Banküberfall gelandet und ich der Gangster, der eine Knarre auf ihn gerichtet hatte, „Ich bleib genau hier stehen. Siehst du? Aber lass uns reden, Tweek.“
Dies war der zweite Schock, den er mir diese Nacht schon bereitete. Er kannte meinen Namen?! Bei den anderen Pflegern war es natürlich eine Selbstverständlichkeit, die Namen aller Patienten zu wissen, aber bei ihm hätte ich alles darauf verwettet, dass er nicht mal EINEN Namen wusste – und am allerwenigsten meinen!
„Ich ha-hab‘ keine Lust zu r-reden!“, fuhr ich ihn an, doch dann siegte doch meine Neugier, „W-Warum weißt du meinen N-Namen?“
Er lächelte schief und nahm eine entspanntere Körperhaltung ein: „Ich weiß mehr über dich, als du wahrscheinlich denkst.“, dann wurde seine Mine wieder ernst, „Was glaubst du, warum ich hier JEDE Nacht 20 Minuten lang rumstehe und mir fast den Arsch abfriere? Ich wusste, dass du früher oder später hier auftauchen würdest.“
Mir klappte vor Fassungslosigkeit der Mund auf. Wie oft wollte er mich in dieser Nacht eigentlich noch schockieren?


Craig:

Wahrscheinlich verstand Tweek gerade die Welt nicht mehr. Klar, würde ich an seiner Stelle wohl auch nicht. Immerhin hatte ich mir in der Klinik schnell den Ruf des unhöflichen Azubis gemacht, der sich allgemein nicht groß um das Wohl Anderer  zu scheren schien.
Und anfangs hatte das Ganze eigentlich auch eher als eine Art Detektiv-Spiel begonnen…

Es war an meinem 8. Arbeitstag passiert. Wie bereits an den Tagen zuvor, wollte ich während des Schichtwechsels in der Mittagspause nur mal kurz eine Rauchen gehen und fand den Balkon dafür den passendsten Platz. Ich wusste zwar, dass die Balkontür eigentlich immer verschlossen sein musste, damit den Patienten der Zutritt nicht ermöglicht werden konnte, aber wenn ich nur für ein paar Minuten mal kurz dort draußen rauchen würde, würde schon nichts passieren. Dachte ich zumindest. Und zugegeben, ich war auch einfach unachtsam gewesen. Denn ich hatte den Schlüssel außen im Schloß stecken lassen und als ich dann wieder zurückkehrte, war der Schlüssel plötzlich nicht mehr da gewesen. Glücklicherweise handelte es sich bei den Fenster-und Balkontürschlüsseln um Generalschlüssel. Die Klinik besaß also ein Dutzend davon. Daher war der Verlust meines Schlüssels bisher nicht mal aufgefallen und ich hatte mir einen der Ersatzschlüssel aus dem Personalraum ‚ausgeliehen‘, um die Balkontür wieder vorschriftsgemäß abzuschließen und ihn als den mir damals an meinen ersten Tag ausgehändigten Schlüssel auszugeben.
Mir war klar, dass nur einer der Patienten meinen ursprünglichen Schlüssel haben konnte. Seitdem nahm ich jeden von ihnen genau in Augenschein, vermied aber Gespräche oder Ähnliches. Denn durch zu viele Fragen würde ich womöglich Aufmerksamkeit erregen, vor allem nachdem ich eh schon als wortkarg bekannt war. Außerdem wollte ich viel lieber beobachten. Benahm sich jemand verdächtig? Wirkte jemand besonders nervös und unruhig? Allerdings wurde es schnell ernüchternd. Entweder war an einem Patienten überhaupt nichts verdächtiges festzustellen oder man bekam im Gegensatz dazu schon den fünften übernervösen Patienten innerhalb von nur einer Stunde zu sehen. Wir waren ja schließlich trotz allem in einer Klinik für psychisch gestörte, also wen wunderte es dann noch? Vielleicht fehlte mir doch das Fachwissen eines Detektivs. Doch als ich IHN dann gegen Nachmittag sah und zum ersten Mal wirklich in seine Augen blickte – da spürte ich es. Es schien durch meinen ganzen Körper zu rauschen und mir zuzuflüstern, das mit diesem Jungen eindeutig etwas schief lief. Es war sein leerer Blick, seine angespannte Aura, das Fehlen jeglicher Lebensfreude. Er verlieh dem Ausdruck ‚wandelnde Leiche‘ noch einmal eine ganz eigene Bedeutung. Ich wusste nicht, was mich mehr entsetzte: Sein Anblick oder die Tatsache, dass alle Pfleger und Therapeuten BLIND sein mussten, wenn sie nicht das sehen konnten, was ich in diesem Moment sah.
Ich war mir sicher, dass mir der Zugriff auf die Patientenakten als Auszubildender nicht zustand, aber ich war erschüttert genug, dass ich diese Regel missachtete und es doch tat. Aber ich wollte – nein, MUSSTE! - mir einfach einen Überblick über ihn verschaffen. Was soll ich sagen? Mein Impuls war richtig gewesen. Sein Leben war ein einziger Scherbenhaufen. Traumatische Ereignisse in der Kindheit, starke Verlustängste, schwere Angststörungen, unkontrolliertes Zittern…
Ich hätte ihn melden können. Aber wenn er in einer der Überwachungsräume für Suizidgefährdete kommen würde und somit sämtlicher Freiheiten innerhalb der Klinik beraubt wäre, ich befürchtete, dass er daran vollends zerbrechen würde. Und vielleicht… ganz vielleicht würde er ES auch gar nicht erst durchziehen. Daher wollte ich ihm auch keinen Unnötigen Ärger oder Stress bereiten. Nur, weil er den Schlüssel zum Balkon gemopst hatte, musste das nicht heißen, dass er ihn auch benutzen würde. Das hatte ich gehofft. Jeden Tag. Trotzdem hatte ich mich ab diesen Zeitpunkt dazu entschlossen, den Balkon absofort Nacht für Nacht zu überwachen, einfach sicherheitshalber (Gott sei Dank musste ich mir um das Fenster in seinem Zimmer wenigstens keine Gedanken machen, denn dieses ließ sich nur einen Spalt breit kippen) und hatte gewartet. Gewartet und gehofft, er würde NICHT kommen. Und so war es auch gewesen.
Bis heute.

„D-Du bist… wegen M-MIR jede Nacht hi-hierher gekommen?“, fragte Tweek fassungslos, „Aber… WA-WARUM?“
„Weil ich dich heiß finde und dachte, das hier wäre der perfekte Ort für unser erstes Date.“, wollte ich die Situation etwas auflockern, bemerkte aber zu meiner eigenen Verwunderung, dass mein Herz verräterisch schnell zu schlagen begann, nachdem ich diese Worte ausgesprochen hatte.
What the Fuck…?
Jedenfalls schien meine unausgereifte Taktik irgendwie zu funktionieren, denn scheinbar hatte ich Tweek nun dermaßen überfordert, dass er sich immer noch nicht vom Fleck gerührt hatte. Oder er war einfach in eine Schockstarre verfallen. Mein nächster Schritt musste wohl überlegt sein. Als erstes sollte ich ihn auf jeden Fall von hier wegbekommen, aber wie? Aus Verzweiflung versuchte ich es mit dem ältesten Trick der Welt: Gespielt erschrocken riss ich die Augen auf, deutete vage in Richtung Himmel und rief dabei aus: „War das eben ein Blitz?!“
Sofort riss Tweek ängstlich den Kopf herum und diesen kleinen, unaufmerksamen Augenblick nutze ich aus, indem ich schnellen Schrittes unsere Distanz verringerte und mir sein Handgelenk schnappte.
„Argh!“, schrie er wütend auf, „L-Lass mich s-sofort los!“
Mit aller Kraft versuchte er, seine Hand aus meinem Griff zu bekommen, während ich zeitgleich versuchte, ihn noch näher in meine Richtung zu ziehen und dabei mein Körpergewicht immer weiter nach hinten verlagerte.
„Nein! L-Loslassen!“
„Vergiss es! ich lasse nicht zu, dass du-“, ich zog noch stärker und meine Stimme kam vor Anstrengung nur noch gepresst zwischen meinen Zähnen hervor, „-dass du dich... vom Balkon schmeißt!“
Und dann geschah das Wunder: Aller Widerstand wich aus Tweeks Körper hinaus und da ich immer noch wie verrückt an ihm herumzerrte, verloren wir beide das Gleichgewicht; ich fiel hart und schmerzlich auf meinem Rücken – mit Tweek auf mir landend - und mitten in diesem ganzen Vorgang, fing er auf einmal an, schallend zu lachen.


Tweek:

Als ich mich aufrappelte und mir erschrocken die Hand vor dem Mund schlug (hoffentlich hatte mein Lachen niemand im Gebäude gehört!) fiel mein Blick auf Craigs verdatterten Gesichtsausdruck und ich musste mich gleich noch viel mehr beherrschen, um nicht erneut in Lachen auszubrechen.
„Du hast ge-gedacht, ich w-will mich vom Balkon st-stürzen?“, fragte ich atemlos und versuchte erfolglos, der Situation angemessen ernst zu werden.
„Was denn sonst?“, erwiderte er mit patzigem Unterton als wäre er wegen meiner Reaktion nun beleidigt mit mir.
Wortlos kletterte ich von ihm runter, nahm den Rucksack von meinen Schultern, den er anscheinend bis dahin noch gar nicht bemerkt hatte und präsentierte Craig dessen Inhalt: Zahlreiche Kleidungsstücke von mir hatte ich aneinander geknotet, die mir als eine Art Seil dienen sollten. Zugegeben, es war nicht gerade ein Masterplan, aber ich war mir dennoch sicher, dass es lang genug wäre und mein Gewicht aushalten würde und das alles auch reibungslos funktioniert hätte, wäre ER mir nicht in die Quere gekommen.
Er starrte schweigend meine Seil-Konstruktion an, richtete dann wieder den Blick auf mich und stellte dann mit seiner monotonen Stimme fest: „Ich hab die Situation… wohl etwas… falsch eingeschätzt.“
Ich konnte mir ein spöttisches „Ach. E-echt?“, nicht verkneifen, woraufhin er zurück zischte: „Na und?! Ich bin halt kein fucking Therapeut oder so, okay?! Kein Grund, mich auszulachen.“
Ich hob verwundert die Augenbrauen. Das war also sein Problem? Ich konnte mir gut vorstellen, dass es ihm nicht oft passierte, ‚ausgelacht‘ zu werden, wobei er sich auch damit ein weiteres Mal irrte. Ich hatte nicht über ihn gelacht, sondern darüber, dass diese gesamte Situation hier einfach komplett verrückt war.
Warte. Ich hatte GELACHT? Es war gefühlt Jahre her, seitdem ich das letzte Mal gelacht hatte! Aber für solche Gedanken oder Aufklärungen bezüglich meines Lachanfalls war jetzt keine Zeit! Es waren vielleicht nur noch 10 Minuten übrig, bis der Schichtwechsel vollzogen wäre. Verdammter Mist! Ich wusste, dass ich nun auf seine Gnade angewiesen war. Er hatte mein Schicksal sozusagen in seiner Hand.
„Bitte!“, flehte ich daher, „Bitte lass m-mich gehen. Ich ha-halte es keinen T-Tag länger in dieser Klinik a-aus. Wenn du j-jetzt von hier v-verschwindest, wird dich auch n-niemand mit meiner Fl-Flucht in Verbindung bringen.“
„Und wo genau willst du hin, sobald du da runter geklettert bist?“, er machte eine Kopfbewegung in Richtung Balkonbrüstung.
Ich zuckte mit den Schultern.
„Ehrlich ge-gesagt… so weit ging m-mein Plan noch g-gar nicht…“
Er blieb still, sein Blick auf mich gerichtet. Dann seufzte er.
„Komm mit.“
„Wo-wohin?“
Doch statt eine Antwort zu geben, stopfte er meine Klamotten zurück in meinen Rucksack, den er sich anschließend über seine Schulter warf und lief voraus.


Craig:

Ich konnte nicht fassen, was ich getan hatte. Doch ein Blick zum Beifahrersitz bestätigte mir, dass ich nichts davon bloß geträumt oder mir nur eingebildet hatte, Nein, denn Tweek Tweak, seit ungefähr einer viertel Stunde entflohener Patient einer Psychiatrie, saß neben mir in meinem Auto. Und wahrscheinlich war es Karma oder irgendetwas ähnliches, welches sich dafür an mir rächen wollte, dass ich die Information aus Tweeks Akte, wie sehr er sich vor Gewitter fürchtete, vorhin gegen ihn verwende hatte, denn vor ein paar Minuten war tatsächlich ein real existentes Gewitter aufgezogen und bei jedem Donnern zuckte Tweek heftig zusammen.
Vielleicht würde ein bisschen Musik helfen, um das Geräusch zu übertönen? Ich hatte schon auf der Hinfahrt das Album ‚A Moment In Time‘ laufen lassen und als ich die Auto-Stereoanlage anschaltete, schien der melodische Rhythmus des Liedes ‚Homebound’ das gesamte Wageninnere damit zu erfüllen. „I‘ll be here“ murmelte ich leise die Lyrics vor mich hin und trommelte mit meinem Zeigefinger den Takt auf meinem Lenkrad mit. Tatsächlich begann sich Tweek allmählich ein wenig zu entspannen, auch wenn er seinen Rucksack immer noch so fest umklammert hielt, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten.
„Wohin f-fahren wir ü-überhaupt?“, stellte er nach einiger Zeit die Frage, die ich eigentlich schon viel früher erwartet hätte.
„Zum Studentenwohnheim von zwei Freunden von mir. Dort ist noch ein unbewohntes Zimmer frei. Ist echt gemütlich da. Außerdem wird dir dort niemand Fragen stellen und du wirst gar nicht weiter auffallen. Ich hab dort selbst schon einige Male übernachtet. Allerdings…“, ich zog unbehaglich meine Schultern hoch, „Kann gut sein, dass die beiden dich anstarren werden wie das achte Weltwunder. Ich ähm… wie soll ich sagen… hab‘s eigentlich nicht so mit anderen Menschen und tauche dort sonst immer nur alleine auf. Vielleicht machen sie da jetzt also gleich ‘ne riesen Sache draus, dass ich DICH mitbringe…“
Und dann auch noch ausgerechnet zu solch einer Uhrzeit. Wenn er wenigstens ein Mädchen wäre… ich wollte mir gar nicht ausmalen, welche Spekulationen dadurch bei Token und Clyde entstehen würden…
Ich hielt meinen Blick fest nach vorne gerichtet, in der Hoffnung, dass Tweek mir meine Gefühle, nicht anmerken würde, denn ich selbst konnte diese gerade nicht mal richtig einordnen, aber ich spürte, dass er mich neugierig fixierte, als er nachhakte: „Wieso t-tust du das a-alles für m-mich?“
„Ich schätze, wir hatten beide heute einen festen Plan vor Augen, den wir nicht bereit waren, aufzugeben, egal unter welchen Umständen. Du wolltest aus der Klinik fliehen und ich… ich wollte dich retten. Ganz egal wie. So gesehen hatten wir wohl beide Erfolg, was?“
Dann traute ich mich doch, ihm ins Gesicht zu sehen und - sein Mund verformte sich zu einem herzlichen Lächeln; er schien geradezu von Innen und Außen heraus zu strahlen. Doch es war so viel mehr als das. Es war, als ob sich nach tiefster Dunkelheit erste, hell leuchtende Sterne am Nachthimmel bemerkbar machen würden.
Damit waren alle Zweifel, die ich zwischendurch immer mal wieder verspürt hatte, wie weggefegt. Ja, ich beging jetzt, in diesem Moment, eine Straftat – aber es war die richtige Entscheidung gewesen. Vielleicht sogar die richtigste und beste Entscheidung meines bisherigen Lebens.
Und ich würde es allein nur für dieses Lächeln wieder tun.
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