Rippôtai no yogen

von Clavirie
GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P16
Allen Walker Linali Li OC (Own Character) Rabi Yu Kanda
04.05.2020
01.08.2020
6
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01.08.2020 10.521
 
~ D. Gray-Man ~

Ruhig und entspannt schaue ich aus dem Zugfenster, an welchem sich bereits unzählige Regentropfen angesammelt haben, mit einem Ohr immer auf Allen horchend, der, seitdem wir Martel verlassen haben, nur noch das Nötigste von sich gegeben hat. Stattdessen betrachtet er starr die grün leuchtende Innocence, für die ein zum Sterben verdammtes Liebespaar ihr Leben geben musste.

Kandas Abschied von Allen vor wenigen Tagen war ganz wie erwartet nicht so herzergreifend, wie man es sich vielleicht vorstellen würde, sofern man die beiden nicht kennt. Toma dagegen hat den Eindruck ehrlichen Bedauerns gemacht, fortan nicht mehr mit uns beiden zu reisen, worüber sich der junge Exorzist zumindest ein bisschen freuen konnte.

"Wissen wir nun, wann es weitergeht?"

Stumm sehe ich zu ihm hinüber, wie er dem goldenen Timcanpy ein wenig apathisch über den glatten Körper streicht, dem das sichtlich zu gefallen scheint, wie sein Schnurren verrät.

"Es dauert nicht mehr lange, meinte der Schaffner vorhin, also schau bitte nicht so betrübt.", erwidere ich und tippe ihm seufzend gegen die Stirn, was ihn nur müde eine Augenbraue heben lässt.

Daraufhin herrscht erneut Totenstille, die lediglich vom Prasseln des Regens an der Fensterscheibe unterbrochen wird, bis Allen unverhofft murmelt: "Warum hat diese Innocence ausgerechnet Lala innegewohnt?", ehe sich sein Blick auf seine Hand richtet.

Diese steckt nun wieder unter einem sauberen Handschuh, der sorgfältig verbirgt, was darunter liegt.

"Weshalb wurde ausgerechnet ich mit dieser Hand geboren? Warum hat sie mich als ihren Wirt auserwählt?"

Ratlos hebt sich sein helles Augenmerk und ein leicht fragender, hoffender Ausdruck legt sich in sie, worauf ich aber nur abermals seufzend den Kopf schüttle und mit den Schultern zucke.

"Tut mir leid...", merke ich an und unterdrücke ein Zusammenzucken, als mit einem Mal ein leuchtender Blitz das Abteil erhellt und tosender Donner dumpf zu uns durchdringt.

Harsch weise ich mich innerlich zurecht und fahre fort, während ich mir unwohl die Arme reibe.

"Keiner weiß, nach welchem Prinzip die Innocence ihren Träger auserwählt und manche schätzen, es ist reiner Zufall..."

"Du auch?"

Verneinend schüttle ich wieder meinen Haarschopf und fahre mir einmal durch die hinteren Locken, die von dem Haarband davon abgehalten werden, mir in die Stirn zu fallen.

"Das kann ich mir nicht vorstellen... Welche göttliche Macht entscheidet schon per Zufallsprinzip, wer für sie infrage kommt?"

Zögerlich nickt er auf meine Worte hin und sieht kurz aus dem Fenster, als ein weiteres Donnergrollen jeden von uns dreien zusammenfahren lässt. Als sich seine Augenbrauen leicht zusammenziehen und sich ein unschlüssiger Ausdruck in seine Seelenspiegel legt, lege ich auffordernd den Kopf schief.

"Nun...Du hast deine doch auch schon von Geburt an, nicht? Du bist wie ich... parasitär."

Schmunzelnd drehe ich meine Hand leicht und berühre behutsam die freiliegende Handfläche, auf der fein säuberlich das aufrecht stehende Pentagramm zu sehen ist, wie es sich in feinen Narben durch die Haut zieht. Ach, was hat mein Bruder nur für einen Aufstand gemacht, als sich Einestages unverhofft und ausgesprochen gut sichtbar diese Gewebsschäden durch meine Hand zogen?

"Als ich klein war, hat man nicht einmal etwas davon gemerkt, dass ich eine Kompatible bin.", meine ich und habe noch ganz genau seinen zornigen und verzweifelten Gesichtsausdruck im Geiste, den ich ihm weder damals noch heute verübeln kann.

"Darf ich fragen, wie du dann in den Schwarzen Orden gekommen bist, oder wie sich die Innocence bei dir bemerkbar gemacht hat?"

"Natürlich darfst du.", murmle ich und beäuge ihn erheitert, wie er scheinbar mit sich darum gerungen hat, diese Frage zu stellen.

"Bevor ich zum Orden kam, habe ich unwissend und glücklich mit meinem großen Bruder und meinen Eltern zusammengelebt, wie es sich halt gehört für ein neunjähriges Mädchen, das keinerlei Ahnung von der Welt da draußen hat.", spreche ich und greife reflexartig zu meinem Zauberwürfel, den ich nur selten abzulegen wage.

Immerhin ist dieser von niemand anderem als meinem klettenden Bruder höchstpersönlich, da kann ich es doch nicht übers Herz bringen, auch nur im Traum daran zu denken, ihn nicht zu tragen.

"Es hat mich zwar schon immer verwundert, dass ich aus Rangeleien oder kindischen Erkundungstouren entweder gar keine Verletzungen davongetragen habe, oder sie unnormal schnell abheilten, aber wirklich darum geschert habe ich mich damals nicht. Ich hätte misstrauisch werden sollen, wenn mein Bruder mich immer so besorgt angesehen hat, ja... aber gebracht hätte mir eine Einsicht auch nicht wirklich viel.

Auf jeden Fall kam es irgendwann dazu, dass mein kindlicher Leichtmut und Naivität mich in eine recht brenzlige Situation gebracht haben, aus der mein Bruder mich zwar befreien konnte, dabei allerdings einiges an Wunden hat davontragen müssen... Stundenlang hat er mich angeherrscht, ich solle ihm ja nicht zu nahe kommen, solange nichts verheilt ist und inzwischen weiß ich natürlich, dass er nur vermeiden wollte, das geschehen zu lassen, was er all die Zeit wohl schon ahnte."

"So, wie ich dich inzwischen kenne, würde ich sagen, du hast dich nachts ins Krankenzimmer geschlichen?", äußert er sich dazu nur und bringt ein schmales Lächeln zustande, als ich sicherlich puterrot anlaufe und mir mit einem verlegenden Grinsen an der Wange herum kratze.

"Auch ich war einst nicht mehr als ein trotziges Kind...", nuschle ich daher ausweichend und sehe, wie seine Iriden amüsiert aufblitzen, während er den schnarchenden Timcanpy behutsam mit einer seiner beiden Hände bedeckt.

"Also ja, ich habe mich hineingeschlichen...", fahre ich fort und ignoriere Allens spitzbübisches Grinsen.

"Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht mehr, was ich mir damals erhofft habe, als ich meine Hand auf seine Wunden legte. Vielleicht hat der Wille der Innocence selbst mich dazu handeln lassen- auch, wenn das doof klingt -, aber Fakt ist, dass seine Verletzungen sich binnen Minuten widerstandlos schlossen... Das war das erste Mal, dass meine Fähigkeit anderen Menschen geholfen hat und... es hat mir gefallen. Sehr sogar."

"Und weil du es als so fantastisch empfunden hast, jemandem helfen zu können, hast du es sicherlich dem halben Dorf erzählt, wie?"

Kopfschüttelnd lache ich gedämpft und wende meinen Blick wieder dem weißhaarigen Exorzisten zu, als ein weiterer Blitz die düstere Welt außerhalb des Zuges erhellt und somit kurz meine Augen reizt. Ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken. Allen grient ausgelassen, irgendwie ein wenig glücklich und schenkt der ehemaligen Innocence Lalas vorerst keine weitere Beachtung mehr, also läuft doch alles ganz wunderbar.

"Nein.", entgegne ich und greife mir an die Wange, während meine Gedanken zu meinen Erinnerungen abschweifen.

"Lediglich meinem Bruder, der mir ein wahres Donnerwetter beschert hat, und meinen Eltern musste ich es notgedrungen beichten, die fanden, es wäre eine unvergleichliche Ehre, dem Schwarzen Orden beitreten zu können... Hätte ich es damals einfach gelassen, wäre ich nun vielleicht gar keine Exorzistin."

"Wann bist du...?"

Sichtlich unangenehm scheint es ihm, das Thema weiter zu vertiefen, wie sein zögerlicher und allen voran unschlüssiger Tonfall beweist, aber um ihn zu beruhigen und zu verdeutlichen, dass alles in Ordnung ist, lächle ich schmal.

"Nur wenige Wochen später, da war ich zehn. Kaum zu fassen, dass ich nun schon seit langen, acht, fast neun Jahren im Schwarzen Orden lebe, hm? Ich alte, alte Frau..."

Ein leises Gefühl von Hunger verspürend spähe ich aus der gläsernen Kabinentür neben uns und frage mich, wann denn endlich die freundliche Dame mit dem Servierwagen von Abteil zu Abteil marschiert, um ihre unzähligen Süßigkeiten zu verkaufen. Genügend Geld und Hunger habe ich immerhin... Da ich die werte Dame aber noch nirgends entdecken kann, greife ich seufzend zu meiner kleinen Tasche und krame eifrig nach etwas Essbarem.

"Können die Exorzisten ihre Familien oft besuchen?"

"Das kommt ganz darauf an...", murmle ich und reiche dem Jüngeren, dessen Augen einen sehnsuchtsvollen Glanz annehmen, als ich einen Schokoriegel ans Tageslicht befördere, schmunzelnd eine kleine Packung Kekse.

"Je nachdem, wie weit du von deiner eigentlichen Familie entfernt bist... Exorzisten, die in Frankreich beheimatet sind, sehen sie selbstverständlich häufiger als die, deren Liebsten sich in England oder meinetwegen sogar Asien befinden. Daher haben die meisten begonnen, den Schwarzen Orden als ihre Familie anzusehen."

Zufrieden mümmelnd nickt der Weißhaarige und klopft sich anschließend hustend auf den Brustkorb, als er sich an einem ganzen Keks verschluckt. Meine Augenbraue hebt sich ein wenig, als ich das sehe, und ein gedämpftes Glucksen kriecht meine Kehle hinauf. Elender Gierschlund, das hat man davon...

"Was ist mit dir? Wann hast du sie das letzte Mal gesehen?", fragt er krächzend und weckt unwillentlich seinen kleinen Golem auf, als er sich umständlich zu seinem Rucksack bückt, den er vorsorglich auf dem Boden abgestellt hat, und aus jenem eine Wasserflasche hervorzieht.

Timcanpy flattert empört mit den Flügeln und wirft sich dem Jungen zur Strafe hart gegen die Schläfe, ehe er aus reinem Protest flink in die Abenteuertasche Allens huscht und sich dort verbarrikadiert.

Nachdenklich greife ich zu einem weiteren Schokoriegel und antworte: "Das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe, war vor knapp vier Jahren. Wir halten den Kontakt natürlich über die Kommunikations-Funktion der Golem, jedoch ist es nicht dasselbe, wie wenn er höchstpersönlich vor mir steht und ich ihn sehen und mit ihm interagieren kann..."

Ein kleiner Hauch der Melancholie ergreift mein Denken und Fühlen. Ich weiß ja nicht einmal, wie sehr er sich in den Jahren verändert, geschweige denn in seinen Leistungen gesteigert hat. Überaus bedauerlich...

"Das... tut mir ehrlich leid für dich."

Hellhörig horche ich auf, als ehrliches Mitgefühl in den treuen Iriden Allens aufblitzt und er unbehaglich auf seinem Sitz herumrutscht, als wüsste er nicht, wohin mit sich.

"Weshalb denn?", frage ich und bemerke, wie sein Herumgerutschte mich irgendwie ganz hibbelig macht.

"Es ist nicht zu ändern, egal, was ich tue und außerdem... bezeichne ich den Orden nicht nur als Familie, damit ich eine vorweisen kann, Allen.", beschwichtige ich mit einem seichten Lächeln, fahre aber gleich darauf abermals zusammen, als der Donner diesmal direkt zu unseren Köpfen erschallt. Das Gewitter hat uns nun vollständig erreicht, wie ärgerlich...

"Siehst du den Orden als Ersatz?", fordert er zu wissen und legt grübelnd den weißen Haarschopf schief, worauf ihm vereinzelte Strähnen in die blasse Stirn fallen.

Mir die unwohle Gänsehaut reibend nicke ich und werfe einen argwöhnischen Blick aus dem triefnassen Fenster, hinter dem sich die Welt unverhofft in Bewegung setzt, als der Zug endlich anfährt und aus dem Bahnhof rollt.

"Gewissermaßen. Lenalee ist in all den Jahren beinahe zu einer kleinen Schwester für mich geworden... Komui ist der liebenswerte, wenn auch recht anstrengende Onkel, mein Marshall war immer eine Art Mutterersatz und Kanda der stets mürrische Vetter. He, du könntest mein neuer, kleiner Bruder werden, wie wäre das für dich?"

Amüsement schwingt in meiner Stimme mit, als ich sehe, wie ihm vor Überraschung kurz die Gesichtszüge entgleisen und gleich darauf versichere ich ihm, dass es nur ein Scherz gewesen ist.

Seine Verwunderung legt sich schnell wieder und ein ehrliches Schmunzeln legt sich auf seine schmalen Lippen, als er erwidert: "Das klingt wirklich schön... Ich hoffe, ich kann irgendwann genauso über diese Menschen reden wie du. Eine neue Familie...", und anschließend verstummt.

Meine Gedanken rattern, als ich ihn mustere. Wäre es sehr taktlos, ihn nach seiner Familie zu fragen? Wer weiß, ob er nach seinen Worten soeben überhaupt noch jemanden außer Marshall Cross aufweisen kann.

"Allen?"

Aufmerksam sieht er auf und zuckt kaum merklich zusammen, als ich mich doch dazu entscheide, ihm diese Frage zu stellen. Kurz herrscht Stille in unserem Abteil und nur das gleichmäßige Rattern und Tuckern des Zuges hallt in unseren Ohren wider, während ich den jungen Mann wachsam beäuge, wie er sich zögerlich durch die Mähne fährt.

"Naja...", beginnt er und legt ein gezwungenes, schiefes Lächeln auf, bevor er ergänzt: "Eine richtige Familie hatte ich wohl noch nie... Wäre es in Ordnung, wenn wir ein andermal darüber sprechen?"

Sachte nicke ich und betrachte ihn mitfühlend, während mir durch den Kopf geht, dass ich mir gerade wohl einen wahrlich recht schlechten Augenblick dazu herausgesucht habe.

>Mavis, ihr kennt euch immerhin kaum zwei Wochen...<, mahne ich mich und entschuldige mich gedämpft bei ihm, wollte ich doch keinesfalls, dass er sich unwohl fühlt.

"Nicht so schlimm.", wehrt er ab und fügt etwas hastig hinzu: "Erzähl mir lieber von den anderen Exorzisten. Wie sind unsere Kameraden so?"

Stumm seufzend lehne ich mich wieder zurück und vergrabe mein Gesicht ein bisschen im Kragen meines Mantels, als ein deutlich zu sehender Kugelblitz über die weite Landschaft außerhalb des Zuges fährt und sie für wenige Sekunden erhellt. Zu unserer Seite befinden sich trostlos wirkende Felder.

"Nun, ein paar kennst du ja schon. Lenalee ist der wohl warmherzigste Mensch, den ich jemals kennengelernt habe und sie wäre eine der letzten Personen, die es dir ankreiden, solltest du irgendwann einmal Fehler machen, aber... Versuche bitte nicht, sie gegen dich aufzubringen, das riskiert nicht einmal Kanda. Gegen die fixe Zunge dieser jungen Frau hätte niemand eine Chance..."

"Womit wir dann schon wieder bei meinem Kameraden Nummer eins wären..."

Ein leises Glucksen entrinnt mir, als sich ein minimaler Hauch Abneigung in Allens freundlichen Blick schleicht, als ich den schwarzhaarigen Schwertkämpfer erwähne.

"Sei nicht so. Kanda ist eigentlich ein recht freu-... ähm, angenehmer Zeitgenosse, sofern er einen nicht abgrundtief hasst, oder man ihn nervt."

"Also auf mich macht er eher den Eindruck, alles zu verachten, was atmet und zwei Beine hat.", entgegnet er trocken und greift sich seufzend an die Schläfe, die er mit einem leidlichen Gesichtsausdruck zu massieren beginnt.

Mit einem überlegenden Laut wiege ich meinen Kopf hin und her, grüble dabei ernsthaft über seine Worte, und schüttle ihn schlussendlich vorsichtig.

"Das stimmt auch wieder nicht. Es gibt tatsächlich Personen, wenn auch sehr vereinzelt, die akzeptiert er, ohne zu murren, in seiner Nähe und kann sich völlig normal mit ihnen unterhalten, wenn es nur wenige Sätze sind. Lenalee zum Beispiel oder Captain Reever."

"Hm... Weiter im Text?"

Nachdenklich zähle ich innerlich noch ein paar weitere Exorzisten auf und bleibe schlussendlich bei einem stehen, der ebenfalls zu der etwas angenehmeren Sorte gehört.

"Daisya Barry und seinen Freund Marie Noise gäbe es da noch, die beiden würdest du sicherlich mögen. Daisya ist vielleicht ein wenig kompliziert, aber ansonsten eine herzensgute Seele. Sorge nur dafür, dass du ihn nicht langweilst, sonst könnte es vorkommen, dass er dir plötzlich mitten im Gespräch den Rücken zukehrt und sich davonmacht."

Irritation schleicht sich in seinen Blick, als diese Worte nachdrücklich meine Kehle verlassen, und erst, als ich erheitert grinse, geht ihm auf, dass das nicht mein Ernst gewesen ist. Gespielt ergeben hebt er die Hände.

"In Ordnung, ich bin kurz drauf angesprungen. Wer noch? Dieser Kerl auf dem Foto in deinem Zimmer, was ist mit ihm? Er trug auch einen Exorzistenmantel."

Lavi.
Eine wohlige Wärme durchflutet meine Glieder, als ich sofort das neckische Grinsen des Rothaarigen vor Augen habe, das stets seine jadegrünen Seelenspiegel erreicht. Sehnsucht keimt in meinem Herzen auf. Ob er wohl schon seine Mission mit Bookman beendet hat und zum Schwarzen Orden zurückgekehrt ist? Oh, ich hoffe es so sehr, es ist so schrecklich eintönig ohne ihn... beinahe schon einsam. Ich hoffe nur, er hat sich keine großartigen Verletzungen zugezogen.

"Mavis?"

Irritiert hebt sich meine eine Augenbraue an, als sich das geistige Bild Lavis vor meinen Iriden auflöst und stattdessen einem besorgten Allen platzmacht, der fragend den weißen Haarschopf schieflegt.

"Alles in Ordnung? Du warst plötzlich so abwesend."

Trocken schlucke ich und lege ein peinlich berührtes Schmunzeln auf, während ich die Hände beschwichtigend vor mich halte und entgegne: "Tut... Tut mir leid, Allen. Ich bin gedanklich wohl etwas abgeschweift...", jedoch deutlich spüre, wie sich mein Gesicht erhitzt.

Oh, bitte, Herr im Himmel, lass mich nicht allzu rot werden.
Nicht ganz überzeugt klappt ihm kurz der Mund auf, bevor er sich aber besinnt und leicht den Kopf schüttelt.

"Ähm, schön, zurück zu dem Kerl auf dem Foto?"

"Sein Name ist Lavi.", murmle ich und hoffe doch inständig, dass ich jetzt kein wie festgeklebt wirkendes Grinsen sondern lediglich ein sanftes Lächeln aufweise, während ich mir etwas fahrig durch die Locken fahre.

"Er ist auch ein Exorzist, ja, und ganz nebenbei einer der wenigen angehenden Bookman, die du heutzutage noch findest. "

"B-bookman?"

Heilfroh, mich auf ein anderes Thema zu konzentrieren, nicke ich freudig und erkläre: "Der Clan der Bookman hat sich der Aufgabe gewidmet, sämtliche Aufzeichnungen des Krieges gegen den Millennium Earl zu erhalten, musst du wissen. Eigentlich agieren sie völlig neutral und sollten laut dem Vatikan aus dem Schatten heraus fungieren, was eigentlich recht bedauerlich ist, wie ich finde, aber Lavi selbst und sein Meister gehören fest dem Schwarzen Orden an."

"Weil sie auch eine Innocence besitzen?"

"Ganz genau.", komplimentiere ich und entsinne mich an das erste und letzte Mal, als ich doch tatsächlich einmal versucht habe, des Rothaarigen Anti-Akuma-Waffe anzuheben, dabei jedoch kläglich gescheitert bin.

Ein verstehender Laut entkommt der Kehle meines Gegenübers, während er sich gedanklich wahrscheinlich ein charakterliches Bild von den beiden zu machen scheint, wie sein grübelndes Antlitz andeutet.

"Ich nehme an, dieser Lavi ist vom Wesen her hoffentlich das komplette Gegenteil von Kanda?"

Amüsiert zucken meine Mundwinkel noch weiter in die Höhe. Also wirklich, denkt Allen denn, ich würde mich mit einer weiteren Person wie Kanda so gut verstehen, dass er sich sogar auf ein Foto bewegen lässt?

"Keine Sorge.", beruhige ich und fasse mir leicht an die warmen Wangen, um mein Grinsen etwas zu mildern.

"Lavi ist wunderbar. Er besitzt Humor, den vielleicht auch nicht jeder teilt, und ist eine der loyalsten Personen, die mir je begegnet sind... Er hat ein aufgeschlossenes, manchmal aber auch ein wenig ernstes Wesen und selten Vorurteile gegen andere. Außerdem liebt er es, Kanda aufzuziehen, demnach müsstest du dich eigentlich glatt in ihn verlieben."

"Wahnsinn, der klingt wirklich ganz sympathisch.", raunt der Weißhaarige und legt ein perfides Lächeln an seine schmalen Lippen.

Innerlich gluckse ich. Oh, sag bloß, da plant schon jemand gemeinsame Attentate auf unseren werten Yuu?

"Ich bezweifle aber irgendwie, dass Kanda das so leicht über sich ergehen lässt, hm?"

"Wie wahr...", seufze ich kopfschüttelnd und fahre aufgrund meiner derzeitigen Gedanken nicht einmal mehr zusammen, als ein weiterer tosender Donner über den ratternden Zug hinweg fährt.

"Glaube mir, wenn ich sage, dass ich es aufgegeben habe, mitzuzählen, wie oft er Mugen schon von Angesicht zu Schwertspitze betrachten durfte."

Mein Brustkorb kribbelt vorfreudig. Bitte, lass ihn wieder Zuhause sein, immerhin war er nun lange genug auf Mission. Ein ebenso beschwingtes Grinsen legt sich auch auf seine jungenhaften Züge.

"Ich nehme jetzt einfach mal an, dass ihr so etwas wie beste Freunde seid. Wie lange kennt ihr euch schon?"

"Knapp sechs Jahre... vielleicht sechseinhalb. So genau weiß ich es auch nicht mehr.", murmle ich und tippe mir gedankenverloren gegen die Lippen.

Herrje, und wie genau ich das noch weiß, nämlich exakt sechs Jahre, satte vier Monate und zwölf Tage, aber kommt es nicht ein klein wenig seltsam, wenn ich das nun lockerflockig heraus plappere? Innerlich seufze ich. Welche junge Frau merkt sich schon so akkurat die genaue Dauer der bestehenden Freundschaft? Lenalee hat recht, vielleicht bin ich wirklich etwas eigenartig.

"Autsch, Timcanpy!"

Hellhörig sehe ich wieder auf, als Allen sich leise fluchend den Zeigefinger hält und empört zu seinem Rucksack herabschaut, aus dem der besagte Golem herausschaut. Oha, scheinbar ist er immer noch zornig auf seinen Partner...

~ D. Gray-Man ~

Mit einem lauthalsen Gähnen strecke ich mich einige Stunden später und reibe mir leise grummelnd den inzwischen fürchterlich steifen Nacken, während ich mit einem versteckten Schniefen die Tür unseres Abteils aufschiebe, in dessen Glas ich unsere müden und leicht erschöpften Gesichter mustere.

"Bleib meinetwegen gleich dort drinnen.", raunt Allen seinem Golem zu, als er an mir vorbei durch die geöffnete Pforte schreitet und sich zeitgleich seinen vollen Rucksack auf den Rücken zieht.

Der Angesprochene lässt sich das nicht zweimal sagen und lunzt ein letztes Mal verstohlen aus dem Stoff heraus, der er sich fiepend in den Tiefen der Tasche vergräbt.

"Du hast keine Ahnung, wie sehr ich mich auf mein Bett freue.", murmelt er schmal grinsend und greift sich anschließend an den Kopf, als ich schwach grinse und entgegne: "Oh, und wie ich mir das vorstellen kann, immerhin war deine erste Mission ein wenig brenzliger, als von uns erwartet."

Seine Glieder knacksen lassend schlendert der junge Mann neben mir aus dem Zug, der sich geschützt unter dem steinernen Dach des Bahnhofs der Stadt eingefunden hat und somit zumindest nicht mehr dem Regen ausgesetzt ist. Anders als wir, als unsere Füße uns zielstrebig aus der Überdachung führen und kurz innehalten, um die kühle Regenluft einzuatmen. Fröstelnd sehe ich in die Ferne, wo uns das hohe Plateau des Schwarzen Ordens begrüßt, und reibe mir zitternd die Arme. Vereinzelte Regentropfen perlen an unseren Kapuzen ab, während ihre Gefährten laut prasselnd auf dem triefnassen Grund zu unseren Stiefeln einschlagen und bereits etliche Pfützen gebildet haben.

"Jetzt nur noch dort hinauf..."

Allens Motivation scheint um ein Vielfaches zu sinken, als er unser nahes Zuhause fokussiert. Ein Hauch von Wehleidigkeit schleicht sich in seine Gesichtszüge und halbherzig lege ich ihm eine Hand auf die Schulter, bevor ich leise lachend raune: "Ach, komm schon, so weit ist-...", mich allerdings eigens unterbreche, als ein dumpfer Ruf an mein Gehör dringt.

Die umliegenden Menschen, die sich bei diesem Wetter noch heraus trauen, horchen argwöhnisch auf, während sich vielerlei Köpfe zu einer schmalen Gasse umdrehen, aus welcher nun gut vernehmbar ein panischer Kinderschrei erklingt, der mir eine Gänsehaut beschert.

"A-AKUMA!"

"Was...?", entkommt es dem erstarrten Weißhaarigen und nach einem vielsagenden Blick setzt er sich blindlings in Bewegung, worauf ich ihm flink folge und dabei ausversehen einen armen Passanten anremple, der mir empört hinterherruft.

"Verzeihung!", entgegne ich hastig und beschleunige meine Geschwindigkeit, als die Rufe des Kindes lauter werden und wir Seite an Seite in die schmale Gasse einbiegen.

Lauthals hallen unsere Schritte von den grauen Mauern wieder und als wir wenige Augenblicke später wachsam um die nächste Ecke schlittern, kann ich Allen in letzter Sekunde daran hindern, in eine kunterbunte Menschentraube zu rennen, die sich inmitten des Weges versammelt hat.

"Was zum...?", keucht er irritiert und ballt unwillkürlich seine Hand zur Faust, während meine Iriden misstrauisch über die kleine Masse an Menschen gleiten, die augenblicklich verärgert ihre Köpfe zu uns wenden.

"Was... Was ist hier los? Wo ist der Akuma?"

Auf des Weißhaarigen beherrschte Worte hin verziehen sich einige der Gesichter zu reichlich genervt wirkenden Mienen und eine ältere Dame in schwarzem Kleid schnaubt missbilligend.

"Da, ich sagte doch, es kommen gleich alle hierher gerannt."

Ein undeutliches Knurren entkommt der Kehle eines jungen, glatzköpfigen Mannes, der mit äußerster Beherrschung zur Seite tritt und somit einen panischen Jungen offenbart, der flehentlich von einem Antlitz zum nächsten sieht, während ihm der Regen die Kleider durchnässt.

"Hier ist kein verdammter Akuma.", fügt der Ältere noch hinzu und verspannt unmerklich seinen Körper, als ich gedämpft schnaubend an ihm vorbeischreite und mich sorgenvoll zu dem Jungen knie, dessen Iriden sich fassungslos auf den richten, der soeben gesprochen hat.

Gleich darauf jault der Kleine schmerzerfüllt auf, als ein anderer ihm wütend eine gehörige Kopfnuss verpasst und erregt bellt: "Sieh nur, was du angerichtet hast!"

Empört fahre ich wieder in die Höhe und ziehe den Jungen automatisch schützend hinter mich, während ich den Kerl fixiere, der soeben Hand an das Kind gelegt hat.

"Was soll das? Einfach ein kleines Kind zu schlagen...!", meine ich entrüstet und bin heilfroh, als hastige Schritte Allen ankündigen, der sich ebenso behütend vor den Jungen stellt und beschwichtigend die Hände hebt.

Zitternde Hände krallen sich in den nassen Stoff meines Mantels und reflexartig berühre ich vorsichtig die getroffene Stelle am Hinterkopf des Jungen, ehe ich stumm meine Innocence aktiviere, die gottseidank auch durch diese eiskalte Mütze heilt, welche er sich tiefer ins Gesicht zieht.

"Er ist selbst schuld, das kommt nun einmal dabei heraus, wenn man Zeter und Mordio schreit!", verteidigt sich der Erwachsene und nimmt den Jüngeren hinter uns drohend ins Visier.

"Jetzt beruhigen Sie sich doch alle.", fordert Allen und lässt nun deutlich entspannter seine Schultern erschlaffen, als die ältere Frau sich schwer seufzend durch die grauen Haare fährt und unwillig erwidert: "Ist ja gut... Bitte entschuldigt, falls wir einen seltsamen Eindruck auf euch machen, aber langsam reicht es mit dem Jungen. Tagein, tagaus dasselbe mit ihm."

"Immer wieder derselbe Streich von wegen, er hätte einen Akuma gesehen.", ergänzt der kahlköpfige Kerl und verschränkt schnaufend die Arme vor dem Brustkorb.

Meine Augenbrauen ziehen sich leicht zusammen, ehe ich den deutlich verängstigten Jungen hinter mir beäuge, dessen schlotternde und trotzige Gestalt nie und nimmer nur ein glanzvoller Akt von Schauspielerei sein kann.

"So langsam sind wir es alle leid, so ein Mist."

Ein gedämpftes Schnauben entrinnt mir, als diesmal der Kerl spricht, der seine Faust gegen unseren Hintermann erhoben und anschließend auch noch so dreist behauptet hat, er hätte es verdient.

"Das ist kein Mist, du Brüllaffe!", empört sich der brünette Junge und krallt sich mit der anderen Hand auch noch in Allens Umhang, der dem bis jetzt stillschweigend zuhört.

"Bitte?!"

"Du hast schon richtig gehört!", kräht er zurück und bleckt ärgerlich seine Zähne gegen jeden einzelnen der drei, während seine dunkelblauen Iriden überzeugt aufblitzen.

"Die Akuma gibt es wirklich und sie kriechen einer nach dem anderen in unsere Welt. Und der da-...", fügt er hinzu und deutet mit seinem kleinen Zeigfinger energisch auf einen weiteren Mann, der sich mit unwohlem Gesichtsausdruck hinter dem Glatzköpfigen versteckt hält. Unglauben spiegelt sich in seinen Seelenspiegeln wieder, während er offensichtlich sehr nervös seine Finger gegeneinander tippt.

"Der ist es! Der wurde gerade eben von irgendeinem dämonischen Ding umgebracht!"

Blitzschnell lenke ich meine Aufmerksamkeit auf Allen, der ja dazu in der Lage ist, diese formwandelnden Bestien zu enttarnen, während der Verdächtige dem Jungen schnell die Hände auf den Mund presst und seine nervösen Augen hin und her sausen lässt.

"Bitte verzeiht.", haspelt er und grinst ausweichend, was mich missbilligend schnauben lässt.

"Es ist wirklich nichts, dieser freche, kleine Knirps..."

Allens Pupille zieht sich zusammen, verfärbt sich scharlachrot und wirbelt anschließend wirr in seinem Auge herum, als er den zwielichtigen Mann fokussiert, der keine Ahnung hat, schon längst enttarnt worden zu sein. Ein gezwungenes Grinsen legt sich auf seine Lippen, als nun auch die alte Dame argwöhnisch bei seiner Reaktion die Augenbrauen zusammenzieht.  

"Wir haben gespielt, wissen Sie, und dieser Junge hier hat sich einfach zu sehr hineingesteigert... Kinder eben.", lacht er nervös und entspannt sich leicht, als zustimmendes Gemurmel unter den Erwachsenen erklingt.

Fassungslos über das Verhalten dieser Menschen bedeute ich dem Weißhaarigen, noch kurz zu warten und dränge mich leichtfüßig zwischen den zwei selten törichten Männern hindurch, die augenblicklich verstummen und mich mit abwartenden Blicken bedenken, als erwarten sie, ich würde das Kind nun ebenso zusammenstauchen. Der Mann, nein, der getarnte Akuma, schenkt mir ein letztes, zittriges Lächeln und lockert seinen Griff ein wenig. Schlurfende Schritte ertönen, als die umstehenden Personen sich grummelnd in die entgegengesetzte Richtung der schmalen Gasse aufmachen.

"Blödes Kind... Noch einmal und er kann etwas erleben.", höre ich sie noch murren, dann verhallen ihre Stimmen.

Der Häscher des Millennium Earls atmet auf.

"Sehen Sie? Jeder hier weiß doch, wie fantasievoll-..."

"Lass den Jungen los.", unterbreche ich ihn ruhig und aktiviere mit einer hauchzarten Berührung das Fairy Law auf den Jungen, den ich möglichst außer Reichweite Allens gefährlicher Geschosse wissen möchte.

"Du kannst uns nicht täuschen... Erst recht nicht mein Auge und mich.", spricht der Blaugrauäugige hinter uns, als der Dämon schmerzlich aufschreit und blitzschnell seine Hände von dem Kind reißt, das ich schützend hinter meinen Rücken ziehe.

Ein grüner Lichtblitz samt einer kleinen Explosion erschüttert die Gasse und kurz befürchte ich, die Bewohner der Stadt kommen zurück, um nachzusehen, was hier gerade geschieht. Hustend schlingt sich der Kleine seinen dünnen Schal vor den Mund, während der giftige Rauch genauso schnell verschwindet, wie er auftaucht. Seufzend streift Allen sich den weißen Handschuh wieder über und mustert kopfschüttelnd die Richtung, in der die Ungläubigen verschwunden sind.

"Ich kann ja verstehen, dass man Kindern nicht alles glauben darf, aber bei solch einer Situation...?"

"Gerade Kindern sollte man diesbezüglich vertrauen.", mahne ich und betrachte den Brünetten schmunzelnd, der seine großen Iriden fasziniert auf den nachdenklichen Exorzisten an meiner Seite richtet.

"Spüren sie die Anwesenheit dieser Biester?", grübelt dieser und bemerkt nicht einmal, dass er soeben fürchterlich angehimmelt wird. Stattdessen schweifen seine treuen Seelenspiegel wissbegierig zu mir und lächelnd deute ich auf das Kind, dessen zierliche Finger vor Aufregung schon ganz zittern.

"Indirekt schon. Die Zusammenarbeit von Bookman und Wissenschaftlern hat ergeben, dass sie sehr viel sensibilisierter für die Nähe der Akuma sind. Sie erkennen sie nicht, das versteht sich von selbst, aber sie beginnen in Sekundenschnelle damit, sich mehr als nur unwohl zu fühlen. Ihr Unterbewusstsein reagiert auf die düstere Ausstrahlung entsprechender Menschen in ihrer Nähe und gibt ihnen automatisch den Befehl, Abstand zu halten und Misstrauen zu erwecken."

"Demzufolge können wir es auch spüren, nicht? Nur nicht so ausgeprägt... Ich meine, manchmal merkt man ja ein wenig, ob eine fremde Person einem nicht ganz koscher erscheint."

Irritiert lege ich den Kopf schief und merke, wie meine Mundwinkel zucken, während der Junge neben mir nun endlich aus seiner Starre der Begeisterung erwacht und sich mit einem lauthalsen Jubelschrei dem perplexen Allen entgegenwirft, der ihn nur in letzter Sekunde noch halten kann.

"Nicht ganz koscher?", gluckse ich und erheitere mich über den schmerzenden Ausruf des Weißhaarigen, als sein kleiner Verehrer ihm beinahe schon ruppig am Mantel zieht.

"Na, das bedeutet doch, dass etwas nicht stimmt!", hustet er und versucht verzweifelt den flinken Kinderhänden zu entkommen, die nun seinen schweren Rucksack entdeckt haben.

"Ich weiß.", erwidere ich belustigt und eile ihm dann doch noch zur Hilfe, indem ich den Jungen vorsichtig von ihm fortziehe.

"Ich finde nur deine Wortwahl recht amüsant."

"Ihr seid Exorzisten!"

Triumphal ballt der Kleine seine Hände zu Fäusten und schmeißt sich Allen ein letztes Mal lachend um den Hals, woraufhin beide mit einem lauten Platschen in einer dreckigen Pfütze landen, deren Wasser mehrere Meter weit spritzt. Ein Stöhnen entfährt dem jungen Mann, als der Junge ihn grob am Kragen packt und zu sich auf Augenhöhe zieht, während er es sich auf dem inzwischen recht matschigen Mantel seines Opfers gemütlich macht.

"Das ist das erste Mal, dass ich einen sehe!"

"He, der blonde Gartengnom hinter dir ist genauso eine Exorzistin...! Wirf doch sie in eine Pfütze..."

Aufgrund seines aussichtslosen Gesichtsausdruckes sogar die höchst stichelnde Bezeichnung meinerseits übergehend verschränke ich munter die Arme und erfreue mich nur noch mehr an des Kindes Erwiderung: "Aber dich habe ich jetzt einmal hier unten, außerdem schmeißt man Mädchen nicht zu Boden."

"Wohl wahr, Allen.", gluckse ich und drehe mich leicht in die Richtung des Schwarzen Ordens.

"Dass du das nicht weißt..."

Sich ächzend das Kind vom Oberkörper zerrend richtet der Jugendliche sich wieder auf und starrt kurz missmutig und seufzend auf seinen triefenden Mantel, dessen einst schönes Weiß nun in einem erdigen Braun erstrahlt. Als sein Rucksack gleich darauf minimal zu vibrieren beginnt, schnalzt er resigniert mit der Zunge und ignoriert die Tatsache, dass selbst sein kleiner Golem sich derzeit herrlich über ihn zu amüsieren scheint.

"Das war doch ein Teil deiner Anti-Akuma-Waffe, oder? Bitte, ich will sie noch einmal sehen!"

Abwehrend reißt der Weißhaarige seine Hände hoch, als befürchte er eine weitere Sprungattacke des Brünetten und fährt sich anschließend müde durch die verklebten Strähnen.

"Später...", wimmelt er ab, kann sich ein Lächeln allerdings nicht verkneifen, als sein kleines Gegenüber übereifrig nickt und hastig in die Richtung deutet, in der auch die anderen Menschen vorhin verschwunden sind.

"Darf ich euch zwei ein wenig begleiten? Bitte...!"

"Warum nicht?"




Leichtfüßig voran hüpfend steigt die Laune des Jungen, der sich freudig als Jean vorstellt, ins Unermessliche des siebten Himmels, während er ab und zu einen prüfenden Blick über seine Schulter wirft, um zu schauen, ob sein neuer Held sich klammheimlich aus dem Staub gemacht hat. Eben dieser Held mustert ihn mit einem Schmunzeln, kann sich aber ein Kopfschütteln nicht verdrücken und bedenkt mich schlussendlich mit einem vorwurfsvollen Blick, als ich mir leicht fröstelnd die blanken Arme reibe.

"Er hätte auch meinen nehmen können.", murmelt er und macht erneut Anstalten, seinen schmutzigen Mantel auszuziehen, um ihn mit dem meinen auszutauschen, der nun behütend über den schmalen Schultern des Jungen liegt.

"Du meinst deinen klitschnassen? Da hätten wie ihn auch gleich nur in Pullover herumlaufen lassen können." Schon möchte der Jüngere ein Gegenargument aussprechen, schließt den Mund aber gleich darauf wieder und kratzt sich verlegen grinsend am Hinterkopf.

"Jaja, ich sehe es ein... Aber, he, dann nimm du ihn wenigstens."

"Träum weiter.", schmunzle ich und wehre den schmierigen Stoff ab, als er ihn mir entgegenhält.
Protestierend drängt er ihn mir wieder auf und als ich hastig an dem schleimigen Mantel vorbeilaufe, schnaubt er tadelnd.

"Mavis, du wirst noch krank."

Verneinend schüttle ich den Kopf und halte ihm gleichzeitig meine rechte Hand entgegen, die er skeptisch beäugt.

"Aber du kannst ganz offensichtlich nur Wunden damit behandeln...", nuschelt er wenig überzeugt. Lächelnd wedle ich mit meinem Zeigefinger vor seinem Antlitz hin und her.

"Vielleicht bei anderen, aber ihre Trägerin selbst schützt die Innocence auch vor vielen, schädlichen Erregern, beispielsweise dem Virus der Akuma."

"Ah, und was geschieht, sollte es deiner herausragenden und ach so schützenden Anti-Akuma-Waffe nicht gelingen, gefährliche Bakterien abzutöten?"

Nun zucke ich doch leicht zusammen und kratze mich peinlich berührt lächelnd an der Wange, ehe ich meinen Blick auf die allglatten Pflastersteine vor uns schweifen lasse.

"Sie... Ähm, sie legt sich für die Dauer des gesundheitlich eingeschränkten Zustandes vollkommen lahm. Aber das ist mir bisher nur-..."

Widerwillig entkommt meiner Kehle ein abstruser Laut, als mit einem Mal der nasse Mantel des Jüngeren inmitten meines Gesichts landet. Vorsichtig schiele ich über den Rand und lege mir anschließend schwer seufzend den Stoff um die Schultern. Allen Walker, der selbstlose Wohltäter, hach ja... Dass er selbst nun komplett schutzlos dem peitschenden Platzregen ausgesetzt ist, scheint ihn relativ wenig zu kümmern, wie sein tadelnder Blick verrät.

"Ihr müsst wissen...", lenkt die helle Stimme Jeans unsere Wachsamkeit wieder auf ihn.

"Mein Vater ist ein Forscher des Schwarzen Ordens."

Hellhörig schließt Allen zu ihm auf und verschränkt seine Arme hinter dem Kopf, während ich sie mir hinter dem Rücken positioniere und leicht kindisch um die weitflächigen Regenpfützen tänzle.

"Ach, wirklich?"

"Ja."

Stolz wie Bolle reckt er sein Kinn in die Luft und lunzt hochmütig zu uns hinter, ehe er sich wieder auf den unebenen Weg konzentriert, auf welchem er bereits ein paar Mal ins Stolpern geraten ist.

"Leider war er schon seit einer Ewigkeit nicht mehr Zuhause und als ich irgendwann einmal seine ganzen Notizen durchstöbert-... ich meine, sortiert habe, da habe ich von den Akuma erfahren."

Vergnüglich wandert meine Augenbraue in die Höhe, als ich das höre. Ah, sortiert, wie? Dasselbe habe ich doch auch immer behauptet, wenn ich als kleines Kind stetig in den Akten und Ordnern meines großen Bruders geblättert und gelesen habe, um mehr über die Innocence und ihre Träger an sich zu erfahren.

"Ich verstehe, aber weshalb bist du mutterseelenallein in den dunkelsten Gassen Paris' unterwegs?"

Elendig schwer, als hätte sein Idol gerade die dümmste Frage der Gezeiten gestellt, seufzt Jean auf und antwortet trocken und heldenhaft: "Na, was wohl? Ich patrouilliere durch die Stadt, um sie vor einer dämonischen Invasion zu beschützen."

"Dir ist aber schon bewusst, wie gefährlich das ist, oder, Jean?", mische ich mich mahnend ein, worauf er ertappt zusammenzuckt, gleich darauf aber mit der untergehenden Sonne, die nun hinter den Wolken hervor blitzt, um die Wette strahlt.

Das Geräusch des Regens nimmt leicht ab und durch die wenige Sonneneinstrahlung reflektieren die restlichen Tropfen das hereinbrechende Licht zu einem schleierhaften Regenbogen, dessen Erscheinung das Kind leise feixen lässt.

"Ich bin nicht allein. Ein Freund von mir ist mit von der Partie. Sein Name ist Leo und er ist beinahe so mutig und stark wie du, alter Mann."

Sich einerseits geehrt und andererseits leicht beleidigt fühlend ringt Allen sich zu einem schmalen Lächeln durch, während er auf seine weißen Haare schielt.

"Ich nehme an, er ist in deinem Alter?"

"Na, aber hallo, ich treibe mich doch nicht mit kleinen Kindern herum."

Schnell versuche ich, mein gedämpftes Lachen hinter meiner hervorgehaltener Hand zu ersticken, doch als der Blaugrauäugige mir einen gleichermaßen erheiterten Blick zuwirft, kann und möchte ich es gar nicht zurückhalten.

"Nicht lachen, bitte.", ertönt es von vorne und bringt nun auch Allen zum Glucksen.

Jean ist ein herrlicher, kleiner Zeitgenosse, wie ich finde. Möglicherweise ein wenig waghalsig und draufgängerisch, aber wirklich sehr angenehm. Welches andere Kind macht sich schon eigenhändig auf die Jagd nach bösartigen Akuma? Auch, wenn er es lieber lassen sollte, was ich ihm ruhig mitteile.

"Aber ich muss das machen.", protestiert er und stemmt die Hände in die Hüften, während seine blauen Iriden trotzig, fast schon rebellisch, funkeln und er sich halb zu uns herumdreht.
"Immerhin benötige ich noch mehr Informationen über diese Biester."

"Die kannst du dir auch in einer Bücherei beschaffen. Wenn du möchtest, besorge ich dir ein Buch, aber bitte..."

Schon möchte der Brünette sich von mir abwenden, da stoppt ihn Allen vorsichtig an der Schulter und legt den weißen Haarschopf schief. Ein Hauch von Verständnis glitzert in seinen Augen.

"Sie hat recht, Jean. Du hast doch gesehen, dass diese Monster nur mithilfe einer Anti-Akuma-Waffe besiegt werden können. Du bist mutig, ja, aber in einer Konfrontation mit einem dieser Akuma hast du keine Chance."

Mit einem leicht abwertenden Laut reißt der Kleine sich von Allen los und marschiert einfach weiter, wenn auch nicht mehr ganz so locker und leichtfüßig wie noch vor wenigen Sekunden. Hilfesuchend wendet mein Kamerad sich mir zu, die aber auch nur ratlos den Kopf schütteln kann. Natürlich kann ich verstehen, dass er helfen möchte, die Stadt vor diesen Monstern zu beschützen, aber doch nicht auf diese Art und Weise... Himmelherrgott, wie macht man einem trotzigen Kind denn nur begreiflich, dass man sich lediglich Sorgen um es macht? Er verfügt ja nicht einmal über die Fähigkeit, sich gegen die Häscher des Millennium Earls zur Wehr zu setzen.

"Sag mal...", erhebe ich zaghaft wieder das Wort und schließe ebenfalls zu ihm auf.

"Warum interessierst du dich so sehr dafür?"

Wenige Sekunden lang geht er gar nicht auf meine Frage ein, sondern konzentriert sich einzig und allein auf den Weg vor sich, sodass ich schon befürchte, er ist ernsthaft sauer auf uns, doch schlussendlich seufzt er nur gedämpft.

"Ich möchte alles über sie herausfinden, um Einestages ein großartiger Wissenschaftler zu werden und entwickle irgendwann eine Waffe, mit der man die Akuma einfach wegpusten kann... Wie einen Krümel. Auch wenn..."

Interessiert horchen wir wieder auf, als er einen skeptischen Blick über die Schulter wirft, sich aber gleich wieder abwendet.

"Naja, ich hätte nicht gedacht, dass die sagenumwobenen Exorzisten so schwächlich aussehen."

"Autsch.", seufze ich und betrachte Allen, dessen Antlitz binnen Sekundenbruchteilen dem eines getretenen Hundewelpen gleicht.

"Nimm es nicht so schwer.", murmle ich ihm halbherzig zu, habe allerdings selbst gerade mit den harten Worten des Jungen zu kämpfen, der uns ein schelmisches Grinsen schenkt.

Ein bisschen enttäuscht ziehen sich meine Augenbrauen zusammen, als Jean vergnügt hinzufügt: "Und wenn ein Winzling und eine Bohnenstange das können, dann ich sicherlich auch!"

"He, Mavis ist größer und ich bin wesentlich kräftiger als du...!"

Aber Allens Protest stößt auf taube Ohren und stahlharte Wände, wie das erfreute und nun wieder glückliche Summen des Jungen verrät. Resignation, Zorn und Enttäuschung zeichnen sich gleichermaßen stark in des Weißhaarigen Mimik ab, während er unverständliche Worte vor sich hinmurmelt, aus denen ich definitiv den Namen des schwarzhaarigen Schwertkämpfers heraushöre. Mitfühlend lege ich ihm eine Hand auf die Schulter. Der arme Kerl. Erst verdeutlicht Kanda, dass er in ihm nie mehr als nur eine dürre Bohnensprosse sehen wird und nun auch noch ein vorlautes Kind mit hoher Selbstgefährdung.

"Jetzt sei doch nicht gleich eingeschnappt.", feixt Jean und mustert den weißhaarigen Exorzisten gutgelaunt, während er zielsicher über eine lose Bodenplatte hinwegspringt.

"Wie bist du überhaupt an deine Anti-Akuma-Waffe gekommen? Wann hast du das erste Mal einen Akuma mit ihr getötet? Wie hat sich das angefühlt und wie viele dieser Monster hast du schon erledigt?"

Allens Mimik mildert sich wieder und ein sanftes, ehrlich erfreutes Schmunzeln zeichnet sich auf seinen Lippen ab, als er das Kind mit solch einer Euphorie und Wissbegierde sprechen hört. Bohnenstange hin oder her, Jeans kleiner Held bleibt er wohl dennoch, wie die funkelnden Seelenspiegel verraten. Und trotz dessen, dass der Junge ja eigentlich nur seine Neugierde befriedigen möchte, schüttelt der Größere sachte den Kopf und sieht anschließend tonlos seufzend zum sich inzwischen abdunkelnden Himmel hinauf, dessen düstere Regenwolken sich nun langsam, aber sicher verflüchtigen, um die letzten Strahlen der untergehenden Sonne hindurch zu lassen.

"Du solltest deine Nase nicht zu weit in diese ganze Sache hineinstecken, Jean.", murmelt er und ballt unmerklich die verfluchte Hand zur Faust.

"Und du sollest auf das hören, was Mavis dir gesagt hat, und es unterlassen, mit deinem Freund Leo auf Patrouille zu gehen, oder die Akuma zu jagen... Verhältst du dich zu auffällig, bemerkt dich nur noch der Millennium Earl und das wiederum ist das letzte, was du möchtest, glaube mir."

Jeans Mienenspiel wandelt sich während der mahnenden Worte seines Idols und schlussendlich gibt er ein leises, verächtliches Brummen von sich, ehe er beginnt, in seiner prallgefüllten Hosentasche zu wühlen. Allens Augenbraue wandert in die Höhe, als er den Jungen unschlüssig dabei beobachtet, der ihm gleich darauf etwas zuwirft und schlechtgelaunt schnauft: "Halte das bitte kurz."

Interessiert beuge ich mich zu meinem Kameraden heran und mustere das Objekt in seiner Handfläche ebenso verdattert wie auch er selbst, als es sich als eine metallene Zwiebel entpuppt, die sich augenscheinlich aufziehen lässt.

"Was zu-..."

Erschrockene Rufe hallen durch die Gasse, als das stählerne Artefakt unverhofft explodiert und dabei grauen Rauch freisetzt, der mir augenblicklich Tränen in die Augen treibt. Hustend strauchle ich zurück, als er mir in den Mund gelangt und dort meine Schleimhäute reizt, während ich gehetzt versuche, den penetranten Qualm mit der Hand fort zu wedeln.

"Meine Augen...!", vernehme ich klar und deutlich Allens fluchende Stimme und als die stickigen Schwaden sich schneller verziehen, als wir schauen können, sieht man ihn krächzend und sich die feuerroten Iriden reibend an der Hausmauer lehnen. Irgendwo in der Ferne höre ich stumpf die schadenfrohe Stimme Jeans und schniefend wische ich mir die Tränen aus den Augenwinkeln.

"Tja, das kommt wohl dabei heraus, wenn man sich in anderer Leute Angelegenheiten mischt... Ach, Mensch.", nuschle ich und niese anschließend gedämpft, ehe ich umständlich ein paar Taschentücher aus meiner Umhängetasche hervorziehe und eines davon dem Weißhaarigen reiche.

"Aber wir können ihn doch nicht einfach weiter nach Akuma suchen lassen...", protestiert er und sieht sich suchend nach dem Kleinen um, der allerdings schon längst die Flucht ergriffen hat.

"Naja...", erwidere ich mit krächzender Stimme und beäuge die Zwiebelbombe auf den Pflastersteinen resigniert. "Wir könnten höchstens dem Oberaufseher Bescheid sagen, damit er ein paar Sucher für dieses Gebiet hier verantwortlich macht. Somit könnten sie auch ein Auge auf Jean werfen..."

Nachdenklich, zumindest glaube ich das bei seinem verzogenem Gesichtsausdruck, erwidert er meinen glasigen Blick aus krebsroten Seelenspiegeln, die wir uns eventuell sorgfältig ausspülen sollten, sobald wir Zuhause sind, bringt aber schlussendlich ein schwaches Lächeln zustande.

Sich eine letzte Träne wegwischend setzt er sich wieder in Bewegung und raunt mit heiserer Stimme: "Ja, das wäre wahrscheinlich die beste Lösung. Da können die Sucher nur hoffen, nicht auch mit seinen Bomben Bekanntschaft zu schließen, hm?"

~ D. Gray-Man ~

"Sicher, dass wir hier richtig sind...?"

Fragend und unsicher beäugt der weißhaarige Exorzist neben mir die seufzenden und kraftlos in den Stühlen und Sesseln hängenden Wissenschaftler, die nicht einmal zu bemerken scheinen, dass zwei ihrer Exorzisten von einer Mission zurückgekehrt sind. Schniefend schweift mein Blick einmal durch den geräumigen Aufenthaltsraum des Schwarzen Ordens, an dessen hohen Wänden sich Bücherregale an Bücherregalen säumen und mich zu einem anderen Zeitpunkt sicherlich gelockt hätten, sie zu durchstöbern.

Nun jedoch fixiere ich den leblosen Johnny, der seine Arme baumelnd über der Sessellehne liegend hat und zur Zimmerdecke aufschaut, als wäre er seinem Ende nah. Sein lockiges, kräuselndes Haar steht ihm in allen Himmelsrichtungen vom Kopf ab und Müdigkeit sowie Erschöpfung zieren die Züge rund um seine kugelrunden Brillengläser. Unverständlich nuschelt er: "Es hört nicht auf..."

"Nein, wenn dem so wäre, käme es einem Wunder gleich.", dringt Captain Reevers Stimme murrend zu uns durch.

"Geht es wieder um den Oberaufseher?", schmunzle ich und reibe mir die Augen, während ich den großen Gemeinschaftstisch ansteuere, auf dem unser oberster Wissenschaftler halb sitzend, halb liegend Stellung genommen hat.

Darauf bedacht, niemandem der hier liegenden Personen auf Hände oder sonstige Körperteile zu treten, arbeite ich mich ruckzuck durch den Raum und stocke leicht alarmiert, als es hinter mir gedämpft knallt und ein unterdrücktes Murren erklingt. Gleich darauf gesellt sich ein weiterer schmerzlicher Laut dazu und ich kann förmlich dabei zusehen, wie der arme Johnny aus seinem weichen Sessel stürzt.

Keuchend ruckt sein Kopf vom Boden hoch und wendet sich in meine Richtung, woraufhin ich mitfühlend grinsend die Hand hebe und spreche: "Du musst dich doch nicht gleich zu Boden werfen..."

"Mav-...", möchte er ansetzen, wird jedoch von einem genauso missmutigen und erschöpften 65 unterbrochen, der soeben schweratmend an dem sich aufrappelnden Allen vorbeischwebt und dabei einen gehörigen Stapel Formulare auf den Händen balanciert, die bei jedem zurückgelegten Meter verdächtig schwanken.

"Nicht schwächeln, Leute, es gibt noch mehr zu erledigen.", spricht er aus und bestätigt damit meinen Verdacht bezüglich Komui.

So wie es aussieht, findet unser Abteilungsleiter wohl doch immer jemanden, der für ihn seine Zettellagen abarbeitet, die er eigentlich selbst tätigen sollte. Beinahe bin ich schon glücklich darüber, die letzten Tage nicht im Hauptquartier gewesen zu sein. Mein Blick fällt auf Allen, als ich mich vorsichtig an den großen Tisch lehne, und beobachte, wie er seufzend den geräumigen Raum mustert, anschließend aber nur schwermütig seufzt. Mild lächle ich.
Armer Allen...

Sicherlich hat er sich erhofft, zumindest einiger der hier anwesenden Personen würde sich offensichtlich über seine Wiederkehr freuen und nun, wo hier nicht ein einziger auf ihn reagiert, sondern alle nur teilnahmslos am Boden liegen, zerplatzt seine Hoffnung auf ein freudig verlaufendes Ankommen im Orden. Und auch, wenn es mir im Herzen wehtut, ihn so zu sehen, wie seine hellen Augen diesen wehmütigen Schein annehmen, so überwiegt dennoch die Vorfreude auf das, was ihn heute Abend oder spätestens Morgen früh im Speisesaal erwarten wird. Schmunzelnd tippe ich Reever gegen die Stirn und ziehe erheitert eine Augenbraue hoch, als sich eines seiner Augen widerwillig öffnet.

"Ah, ihr seid es... Wie ist die Mission verlaufen?"

"Ganz gut.", entgegne ich und füge hinzu: "Wo ist unser Oberaufseher? Sein Büro war verschlossen..."

Als ich den dunkelhaarigen Brillenträger erwähne, zeichnet sich eine Ader reiner Aggression auf der Stirn des Hellhaarigen ab und als er tief Luft holt, ziehe ich automatisch den Kopf ein wenig ein. Bitte, brüll jetzt nicht los, ich frage auch niemals wieder nach...
Doch entgegen meiner Erwartung atmet er nur schwer aus und zischt leise: "Also hat er sich klammheimlich verkrümelt, dieser..."

Kopfschüttelnd wende ich mich ab und lieber einer anderen Stimme zu, die soeben hell und klar im Raum ertönt, während leise Schritte ihre Trägerin ankündigen.

"Möchte jemand von euch Kaffee oder Tee?"

Ruckartig wirbelt Allens Kopf herum und ein freudiges Lächeln zeichnet sich auf seinen Zügen ab, als die jüngere Schwester des Abteilungsleiters das Zimmer betritt und mit perfekter Balance ein reichlich beladenes Tablett voller Tassen auf ihren Händen trägt.

"Lenalee!", ruft er aus und hebt unschlüssig die Hand etwas empor, um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen. Perplex dreht sie sich zu ihm herum und geht für einen Augenblick gar nicht auf die vielen Hände ein, die in Sekundenschnelle in die Höhe schießen.

"Oh, Allen, was gibt es?", fragt sie, als wäre er niemals fort gewesen.

Ich unterdrücke ein Schmunzeln, als sie ihre Worte betont beiläufig klingen lässt. Dieses Mädchen kann ganz schön gemein werden. Aber bei Gott, sie ist eine bessere Schauspielerin, als ich es vermutlich jemals sein könnte.

"Was es gibt...?", echot der Jüngere und beäugt sie enttäuscht, da nicht einmal sie ihn ordentlich begrüßt.

Kurz zögert er noch, dann räuspert er sich und zieht unschlüssig das gläserne Gefäß der Innocence aus seiner Tasche hervor, um es ihr auffordernd entgegenzuhalten.

"Naja, wir haben die Innocence gefunden...", murmelt er und verliert beinahe die Fassung und seine beherrschten Gesichtszüge, als die violettäugige Lenalee nur lächelt und antwortet: "Ah, genau, bringe sie einfach zu Hevlaska, sie kümmert sie dann darum.", bevor sie sich abwendet, um das amüsierte Schmunzeln zu verstecken, das um ihre Mundwinkel zuckt.

Kopfschüttelnd beäuge ich den bitter enttäuschten Allen, der seufzend seine Schultern erschlaffen lässt und dann unsicher zu mir sieht.

Mit einem entschuldigenden Lächeln hebe ich beschwichtigend die Hände und meine: "Geh schon einmal vor, Allen. Ich schaue vielleicht später noch einmal nach dir, in Ordnung?", und mich dafür treten könnte, als er abermals den Anschein eines getretenen Hundewelpen vermittelt.

Für einen Moment verharrt er noch an Ort und Stelle, nickt danach aber und schlurft betrübt aus dem großen Gemeinschaftsraum, dessen große Flügeltüren er hinter sich schließt. Das Lächeln fällt mit dem Schließen der Tür und schwermütig seufzend lasse ich meine Schultern hängen.

"Muss das wirklich sein? Ihr habt doch gesehen, wie bedrückt er ist...", nuschle ich und reibe mir unwohl die Arme, als Reever sich mit einer fließenden Bewegung aufsetzt und sich am Hinterkopf kratzt, während er die Pforte des Saals fokussiert.

"Was muss, das muss.", ist das einzige, was er dazu zu sagen hat, sodass ich mich Lenalee zuwende, die nun ehrlich erfreut schmunzelt, das Tablett zur Seite stellt und mich kurzerhand in eine Umarmung schließt, die ich nur allzu gerne erwidere.

"Schön, dass es euch beiden gutgeht. So, und nun erzähl, wie er sich gemacht hat."

Leise gluckse ich und lasse mich von ihr bereitwillig zum Sofa ziehen, das schon zur Hälfte vom schnarchenden Tapp eingenommen wird, der sich sogleich einen heftigen Hieb von seinem besten Freund Johnny einfängt, allerdings nicht davon aufwacht.

"Man, Tapp, mach Platz!"

"Lass ihn.", rede ich amüsiert und nehme dankend den heißen Kaffee an, den sie mir hinhält.

Genussvoll schlürfe ich kurz daran und schließe wohlwollend die Iriden.
Oh, wie herrlich, nach knapp zwei Wochen endlich wieder Kaffee...

Kurz bin ich gewillt, einfach zu schweigen und zu genießen, meine auf die erwartungsvollen Blicke der anderen dann aber erheitert: "Allen ist hervorragend. Kanda hat euch ja über den Verlauf der Mission in Kenntnis gesetzt, also wisst ihr ja über den Level zwei Akuma Bescheid... Tja, was soll man groß sagen? Unser neuer Kamerad ist ein kleiner, selbstloser Held, der alles dafür getan hat, sowohl die Innocence als auch die unschuldigen Opfer zu beschützen... Er ist etwas hitzig, was den Kampf betrifft, handelt aber keineswegs unüberlegt. Ich schätze, dass wir ohne ihn erhebliche Probleme gehabt hätten..."

Ein Kichern Lenalees hallt durch den nun tuschelnden und lärmenden Raum, als sie mir spielerisch ihren Ellenbogen in die Seite stupst und raunt: "Selbst mit Kanda?"

"Selbst mit Kanda.", wiederhole ich lächelnd, verliere danach aber sogleich etwas an Farbe im Gesicht und füge bittend hinzu: "Lasst ihn das aber bitte nicht hören...", während ich mir vorstelle, was mir der schwarzhaarige Schwertkämpfer mit eisigem Blick sonst antut, sollte er Kenntnisnahme über das eben Gesprochene erlangen.

Wahrscheinlich habe ich dann die Ehre, Mugen ein letztes Mal von Nahem zu betrachten...
Das sind keine sehr schönen Aussichten, nein, das letzte, was ich in meinem Leben sehen möchte, sind dann doch eher meine Liebsten. Und Apropos Liebsten... Mein gesamter Kopf erhitzt sich und etwas unruhig beiße ich mir auf der Unterlippe herum, während ich meine Finger fahrig um meine Zauberwürfel schließe.

"Ähm...", mache ich geistreich und suche mit meinen Iriden den vollen Raum ab in der Hoffnung, ich würde einen fuchsroten Haarschopf erblicken, sehe dann aber ein, dass es Unsinn ist, ihn finden zu wollen. Wäre er hier, hätte ich ihn doch sofort gesehen...

"Wie... Wie geht es den anderen, die auf Mission sind?", frage ich betont beiläufig und spreche sehr gedämpft, um der unbeschreiblichen Neugierde von 65 zu entgehen, der sogleich auffällig unauffällig seinen Kopf zu mir lehnt.

Ein wissendes Lächeln zeichnet sich auf den kirschroten Lippen meiner Freundin ab, als ich halbherzig hinzufüge: "Zum Beispiel Suman oder Kanda...? Oder Daisya... ähem, und Lavi?", bei seinem Namen dann aber mit krächzender Stimme abbreche.

Glucksend legt mir die Schwarzhaarige ihren schlanken Arm um die Schulter und piekst mir mit dem Zeigfinger sanft in die Wange. Schon glaube ich bei ihrer Reaktion, meine Wünsche wurden erfüllt, doch als sie nur unmerklich den Kopf schüttelt, sinkt auch meine gute Laune bis ins Untergeschoss zu Hevlaska, wo sie dem ebenso missmutigen Allen Walker Gesellschaft leistet.

"Immer noch nicht...", murmle ich und lehne mich seufzend gegen sie, bevor ich enttäuscht meine Augen schließe.

Bookman und er sind also nach wie vor auf Mission. Herrje, wie lange denn noch? Ich muss nun schon fast einen ganzen Monat ohne ihn auskommen. Hat Lavi denn eine Ahnung, wie schwer es für mich ist, sein sonniges Gemüt nicht um mich herum zu haben? Augenblicklich schießen meine Augen wieder auf und mein Gesicht zu Lenalee herum, die auf meine gehetzte Miene eine Augenbraue hochzieht.

"H-haben die beiden Komplikationen? Ist ihnen etwas passiert? Oder-..."

Irritiert verstumme ich, als Lenalee mir kopfschüttelnd einfach die Hand auf den Mund legt und beruhigend erklärt: "Nein, ihnen geht es gut. Bookman hat uns gestern kontaktiert, also beruhige dich bitte. Er und Lavi sind bereits auf der Heimreise, aber die wird wahrscheinlich noch zwei bis drei Tage dauern."

>Ihm geht es also gut.<, ist das einzig wichtige an Informationen für mich, was ich aus ihren Worten herausfiltere.

Erleichtert entspanne ich mich wieder und spüre leichten Muskelkater, als sich meine Muskelpartien und Nerven dabei lockern. Selbstverständlich stimmt mich die Tatsache, dass es bis zu seiner Rückkehr noch dauert, etwas missmutig, aber wenn ihm nichts fehlt, bin ich nur allzu gerne gewillt, noch ein oder zwei Tage länger zu warten. Seufzend erhebe ich mich und stelle die leere Kaffeetasse ordentlich auf das Tablett zurück, bevor ich mich mit einem verhaltenem Gähnen genüsslich strecke.

"Du willst flüchten?", mutmaßt Lenalee amüsiert und überschlägt kichernd die langen Beine.

"Nein, nein.", entgegne ich, steuere aber trotz dessen die große Flügeltür an, ihren wissenden Blick deutlich in meinem Rücken spürend.

"Ich schaue nur noch kurz nach Komui und Allen und dann... dann schlafe ich den Schlaf der Gerechten. Ich bezweifle, dass ihr das heute Abend noch durchziehen wollt, oder?"

Schmunzelnd wirft meine beste Freundin einen Seitenblick auf die große Standuhr im hinteren Eck des weitläufigen Raumes und hat ganz nebenbei meinen Respekt, dass sie aus der Entfernung noch die Zeit ablesen kann. Schlussendlich macht sie aber nur flüchtige Handbewegung und ruft: "Schlaf gut, wir zählen morgen auf deine Mithilfe."

Halbherzig lächelnd winke ich ihr und den anderen noch zu, die allerdings schon wieder ihre lautstarken Gespräche aufgenommen haben, und verlasse danach den Aufenthaltsraum, hinter dessen zufallenden Türen ich mir nochmals ein Gähnen genehmige. Müde schlurfe ich die wenigen Meter des düsteren Ganges entlang, der lediglich von einzelnen Wandfackeln erleuchtet wird, und klopfe anschließend gedämpft an der Tür des Büros unseres Oberaufsehers, hinter der ein undeutlicher Laut ertönt.

"Ah, Mavis.", dringt die erschöpfte, aber freundliche Stimme Komuis an mein Gehör, während der Dunkelhaarige selbst sich bereits auf halbem Weg durch den Raum befindet.

"Komme ich ungelegen?", frage ich stirnrunzelnd, doch als er nur den Kopf schüttelt, trete ich näher und händige ihm lächelnd den schwarzen Wälzer aus, den er uns bei unserer Abreise vor zwei Wochen ohne große Worte in die Hand gedrückt hat.

"Er war bereits hier, nehme ich an?"

Ein triumphales Grinsen schleicht sich auf seine Züge und elegant schiebt er sich mit dem Zeigefinger die Brille ein Stück nach unten, sodass ich seine amüsiert funkelnden Seelenspiegel erkenne.

"In der Tat, ganz betrübt, der Kleine... Da wird er sich morgen umso mehr freuen. Ich habe ihn gebeten, sich schon einmal ins Untergeschoss zu begeben, wo ich ihn gleich treffe."

"Dann komme ich doch ungelegen?", erwidere ich schmunzelnd und reibe mir die nun wieder brennenden Augen, die deutlich Erholung benötigen. Bei Gott, wie sehr so eine stundenlange Zugfahrt doch anstrengen kann, kann ich immer wieder auf das Neue nicht fassen.

"Nein, wirklich nicht, es ist schön, dich unbeschadet zu sehen."

"Gleichfalls.", gluckse ich und verlagere mein Gleichgewicht von einem Bein auf das andere, um eine Beschäftigung zu haben, die mich nicht im Stehen einschlafen lässt.

"Ich wollte dir auch nur noch einmal Bescheid geben, dass er erstklassige Arbeit geleistet hat. Wenn ich ehrlich bin, hätte ich sogar Lust, ihn irgendwann ein weiteres Mal auf einen Auftrag zu begleiten, solange nicht... naja, solange du ihn nicht wieder mit Kanda zusammenwürfelst. Beste Freunde werden die beiden sicherlich nicht..."

"Und genau deswegen wollte ich noch mit dir sprechen."

Hellhörig horche ich auf, als er unschuldig den Haarschopf schieflegt und mir bei dieser harmlosen und scheinheiligen Geste augenblicklich Böses schwant. Hat... Hat er etwa schon eine weitere Mission mit uns dreien geplant...? Nicht, dass ich die Konstellation nicht mag, nein, aber anstrengend ist sie allemal.

"Es tut mir aufrichtig leid, dass ich dich nach eurer Ankunft nun damit überrumple, aber würdest du dich dafür bereiterklären, ihn quasi als deinen Schützling anzunehmen?"

"Ähm, inwiefern? Dass ich häufiger Missionen mit ihm erledige, oder ihn in den Orden integriere?", fordere zu wissen und bin ein wenig irritiert darüber, dass er ausgerechnet mich fragt.
Wäre Lenalee als seine Assistentin nicht-... Nein, ich merke, die Müdigkeit vernebelt meinen Verstand. Natürlich ist mir bewusst, warum ausgerechnet ich und nicht sie...

"Ein wenig von beidem.", grinst er belustigt und nimmt einen tiefen Schluck aus seiner blauen Tasse, sodass ich wissend eine Augenbraue in die Höhe ziehe und gedämpft räuspernd frage: "In Ordnung, aber warum denn ich? Wäre Lenalee nicht-..."

"Nein."

Ein heiseres Glucksen entrinnt meiner Kehle, als er mich so rüde unterbricht und vergnügt schüttle ich den Kopf. Ach, Komui, mit dir an ihrer Seite wird unsere gute Lenalee noch als eiserne Jungfrau dahinscheiden.

"Liegt es eventuell daran, dass die beiden im selben Alter sind und sich höchstwahrscheinlich gut verstehen könnten?"

"Nicht doch, nicht doch. Wo denkst du hin?"

Zweistimmiges Lachen hallt leise durch den Raum, als in unser beider Stimmen ein gehöriges Maß an Erheiterung mitschwingt und ein leichtes, angenehmes Kribbeln keimt in meinem Brustkorb auf, als die lockere, familiäre Atmosphäre mich einlullt.

"Also würdest du es tun?"

Freudig nicke ich. Weshalb sollte ich nicht? Allen ist eine angenehme, nette Gesellschaft und könnte mit seinem Hitzkopf die gemeinsamen Missionen sicherlich lustig und aufregend gestalten. Und zudem fühle ich mich in seiner Gegenwart nicht ganz so verfressen wie ohne ihn, was nur ein weiterer Pluspunkt ist.

"Vielen Dank, Mavis, und he, wenn du möchtest, müsst ihr ja nicht immer nur zu zweit reisen. Wie wäre es mit Unterstützung in Form von Daisya oder Lavi?"

"Ist gebongt.", meine ich gutgelaunt und verschränke reflexartig meine Hände ineinander, während meine Wangen zu Prickeln beginnen und sich das wohlige Kribbeln bis in all meine Glieder ausbreitet.

Lavi als Begleitung ist also eine Belohnung auf Komuis Art, hm? Ich bezweifle, dass er den letzten Namen nur rein zufällig erwähnt hat, so provokant, wie das gerade geklungen hat. Beschweren werde ich mich aber nie und nimmer.

"Sehr schön.", fügt er noch hinzu, klatscht euphorisch in die Hände und stellt seine Tasse ab, um seinen Schreibtisch zu verlassen und schnellen Schrittes die Tür anzusteuern.

"Wenn du mich nun entschuldigst? Ich muss zu unserem Neuling, dem sind sicherlich schon Wurzeln gewachsen bei der langen Wartezeit. Ich wünsche dir eine angenehme Nachtruhe."

Lächelnd bedanke und verabschiede ich mich, ehe ich nun endlich mein eigenes Zimmer ansteuere und mir lustlos vornehme, einfach morgen früh schnell ein Bad zu nehmen, bin ich doch jetzt viel zu müde dafür. Außerdem hat der Regen den meisten Dreck von mir herunter gewaschen, also was macht es, wenn ich morgen Früh einfach ein kleines Bisschen eher aufstehe, um ins Gemeinschaftsbad zu hechten? Es ist ja nicht so, als würde mich jetzt oder morgen jemand Wichtiges erwarten...

Allen vielleicht, aber der wird jetzt noch eine ganze Weile unten bei Hevlaska verbringen dürfen. Ich hoffe, er ist nicht noch enttäuschter, wenn ich heute Abend nicht mehr bei hm vorbeischaue. Herrje, allein, wenn ich mir seine traurigen Hundeaugen vorstelle, überkommt mich das schlechte Gewissen und der Drang, noch auf ihn zu warten. Leider weiß ich eigens, wie sehr sich so eine Audienz bei Hevlaska in die Länge ziehen kann. Mit einem sehnsuchtsvollen Lächeln auf den Lippen stoße ich meine Zimmertür auf und begutachte liebevoll das große Bett, das lockend vom hereinscheinenden Mondlicht angestrahlt wird.

So streife ich mir also hastig die Stiefel ab, meine beziehungsweise Allens Dienstkleidung ebenso, entferne das Haarband und krabble nur wenig später fröstelnd unter die dicke, warme Decke, die ich mir sogleich bis zum Kinn hinaufziehe. Tief atme ich durch. So, endlich wieder Zuhause und morgen... morgen wird Allen den Mund vor Staunen nicht mehr schließen können.

Hoffe ich zumindest.

~ D. Gray-Man ~
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