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Auf Sturm und Trank!

OneshotFreundschaft / P6
Friedrich Schiller Johann Wolfgang von Goethe
04.05.2020
04.05.2020
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Hey meine Lieben :)
Damit ich kurze einleitende Worte sagen und ihr den Titel dieses Onshoets nachvollziehen könnt, hier ein paar kurze Sätze. Die Geschichte entstand während meiner Abiturvorbereitung. Es ging um die Räuber und meine Leidenschaft für dieses Thema sollte nicht ungenutzt bleiben...
Ich hoffe, ihr teilt sie durch diesen OS mit mir
Viel Spaß beim Lesen, konstruktive Kritik und Diskurssionen sind immer willkommen♡


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„Mir ekelt vor diesem tintenklecksenden Säkulum, wenn ich in meinem Plutrach lese von großen Menschen.“
Voller Inbrunst rezitierte der junge Schiller zum ersten Mal die Verse seines Erstlingswerkes. Mit einer für ihn untypischen Kraft in der Stimme und im Auftreten, ließ er seine umstehenden Freunde in die aufbrausende Gefühlswelt des Räuberhauptmanns Karl Moor eintauchen. Theatralisch, wie es sich für einen glühenden Stürmer und Dränger gehörte, klagte er von dem kolossalen Unrecht, das sein eigener, liebster, bester Vater ihm, seinem teuersten Erstgeborenen durch die Intrigen seines gierigen Bruders angetan hatte. Oh, wie er fluchte, wie er Rache schwor, um dann vor Weltschmerz und Enttäuschung zu vergehen. Er war kein schlechter Mensch, die Gesellschaft habe ihn dazu gemacht! Wie sein Protagonist, so verlor auch Schiller den Blick für die Vernunft, stieg auf den Stein, welchen seine Zuhörer schleunigst freigaben und rief mit Pathos den Treueschwur seiner Räuber in den stillen Wald aus:„Tretet her und schwört mir Treu und Gehorsam zu bis in den Tod!“
Keiner reagierte. Sie waren zu perplex von der offenen Gesellschaftskritik, die ihr junger Dichterfreund seine Figuren äußern ließ. Nur Johann Klein, das sommersprossige Nesthäkchen der Gruppe, schwor fiebrig:„Treue und Gehorsam bis in den Tod, mein Hauptmann!“ Auf dem erhitzten Gesicht des Schauspielers wich ein fast brüderliches Lächeln der Nervosität vor der Reaktion seiner vier Freunde.

Gut fünfzehn Jahre später ergriff ihn erneut dieses bange Gefühl. Doch nun stand er nicht mehr als ein junger Mann vor seinen gleichaltrigen Freunden, sondern als gemachter Dichter und Familienvater vor Goethe. Jener war jedoch aufgrund seiner hohen literarischen Ansprüche und eigenen genialen Fähigkeiten eindeutig ein härter Kritiker als die Karlsschüler damals. Schiller wusste um die eher ablehnende Position des großen Dichterfürsten dem Sturm&Drang gegenüber. Seine "Leiden des jungen Werther" verachtete er mittlerweile ebenso wie die überemotionalen Romantiker. Friedrich hingegen, selbst aus diesen Kinderschuhen entwachsen, sah das anders. Natürlich, seine Räuber waren teilweise sehr aufbrausend und spitz formuliert und heute schriebe er einiges anders. Doch es hatte in die Zeit gepasst, sowohl in die allgemeine als auch in seine eigene. Das Stück war ein Teil von seinem heutigem Ich. Es als Schund oder gar lächerliche Jugendrebellion abzustempeln, hielt er für vollkommen unangebracht und für einen Verrat an sich selbst. Wenn das Goethe nur auch so sähe...

Mit wachsamen Blick, den ehrliche Beobachter als ein Starren betiteln würden, musterte Schiller seinen Gegenüber, welcher konzentriert die letzte Seite las. Stoisch.
Ihre mittlerweile enge Freundschaft hielt Goethe nie davon ab -oder erlaubte ihm gerade deshalb- seinem jüngeren Dichterkollegen die härteste Kritik und aufrichtigste Ehrlichkeit entgegen zu bringen.  Diese Besonderheit an ihrer eigentlich so paradoxen Freundschaft schätzte Friedrich für gewöhnlich sehr. Doch die Räuber waren sein allererstes Drama, sein literarischer Durchbruch als Dramatiker gewesen. Niemals hatte er sich damals träumen lassen, mit dem sagenhaften Shakespeare, dem honorierten Homer, dem legendären Lessing oder gar dem gottesähnlichem Goethe im selben Atemzug genannt zu werden.
Ein vernichtendes Wort aus dessen Mund und der Jugendtraum würde so schnell zerstört, wie Wilhelm Tell den Apfel vom Kopfe seines Sohnes schoss!

Goethe klappte das dünne Buch zu. Friedrichs Herz setzte kurz aus. Einen Augenblick lang hielten beide den Blick noch auf den roten Einband geheftet, ehe Goethe sich räusperte und den beinahe ängstlich drein schauenden Dichter erst mit einem wohlwollenden, dann mit einem verwunderten Gesichtsausdruck bedachte.
"Gesellschaftskritik und jugendlicher Übermut." Er nippte an seinem Wein und lächelte kurz spitz, ein wenig überheblich. Friedrich schluckte den Kloß in seinem Hals hinunter. Der Unterton in Goethes Stimme, ein Klang wie weit entferntes Donnergrollen an einem heißen Sommertag, beruhigte und verunsichte gleichsam. Ein seltsames Gefühl, als stünde er neben sich und könnte sich selbst sehen, überkam ihn.
"Sturm und Drang eben.",sagte Goethe beiläufig und nahm noch einen Schluck.
Der Schiller, der eben noch neben sich selbst stand, kehrte mit einem energiegeladenen Schwung in ihn zurück. Friedrich zog die Brauen zusammen, plötzlich gar nicht mehr eingeschüchtert. "Das ist es?",fragte er trocken: "Das ist das Einzige, was Sie gerade dazu denken?" Der großgewachsene Mann erhob sich. Fassungslosigkeit lag in seiner Rede :"Ich bedaure, dass Ihre Zeit als Stürmer und Dränger für Sie wohl nur eine lästige Übergangsphase zu höheren, genialeren Schöpfungen war. Aber im Gegensatz zu Ihnen liegt mir etwas an meinen Anfängen. Und auch wenn ich heute einiges von damals beschmunzle, so ist dem weder der Charakter noch der Wert abzusprechen!"
Goethe, der wohl kaum ahnen konnte, wie tief seinen Worte den sonst so kritikfähigen Freund in seinem Dichterstolz verletzen konnten, stand auf und hob beschwichtigend die Hände :"Aber, aber mein liebster Schiller, so beruhigen Sie sich doch. Himmel, Sie glühen ja schon wieder." Behutsam legte er dem Fiebernden eine Hand auf die bebende Schulter.

Ein Ruck ging durch Friedrichs Mark und die Hitze änderte sich. Intensivierend. Irgendwie die Gedanken vernebelnd. Statt seiner jugendlichen Gekränktheit trat nun eine andere Seite seiner abgeschlossen geglaubten Vergangenheit hervor. Seit Goethe, damals noch jünger als Schiller nun, der Karlsruher Militärsschule auf Befehl des Herzogs von Weimar einen Besuch abgestattet hatte, fand Friedrichs Bewunderung für diesen talentierten Poeten keine Grenzen mehr.
Seine Werke waren einfach genial!
Zumindest glaubte Friedrich, dass seine Begeisterung für Goethe von seiner Arbeit her rührte, bis er immer öfter nachts von einem verwirrenden Traum erwacht war...
Diese physischen Regungen ließen nach, je älter er wurde, doch sowohl die Träume als auch die Bewunderung blieb. Und womöglich noch einige andere Emotionen, welche Friedrich niemals der charmanten Art und dem galanten Aussehen Goethes freiwillig zuschreiben würde...

"Finden Sie es wirklich so...durchschnittlich?", fragte er mit soviel Fassung, wie es ihm in diesem hitzigen Zustand aus Enttäuschung und des Herzklopfens möglich war. Goethes dunkle Augen fixierten ihn. Eine gutmütige Klugheit und Aufrichtigkeit sprach aus ihnen.

"Schiller, wie könnte etwas aus Ihrer Feder jemals mittelmäßig sein?"

Jetzt musste Friedrich doch schmunzeln.

"Meine ersten Entwürfe zum Tell haben sie metaphorisch in der Luft zerrissen."

Um Goethes Mundwinkel zuckte es.

"Ich wusste, dass Sie mehr Potential haben. Ich gab Ihnen den nötigen Ansporn."

Beide setzten sich wieder auf die hölzerne Gartenbank.

"Aber, Ihre Amalia; sie scheint mir mehr Genie zu sein als Karl."

Schiller wurde hellhörig. Wollte Goethe wirklich über sein erstes Drama diskutieren? Dieser fuhr sich durchs leicht gelockte Haar, hob eine Braue und blickte seinen Freund an, dass diesem ganz leicht zumute wurde.

"Das kommt natürlich auf die Auffassung des 'Genies' an. Amalia bleibt ihren Gefühlen für Karl treu, immer und überall. Das ist eindeutig ein Geniekriterium!"

Goethe nickte.

"Das mag schon sein. Aber sie strebt nicht nach Höheren. Nutzt ihre Leidenschaft nicht. Sie stirbt sogar dafür! Also ist sie nicht viel mehr als ein naives, verliebtes Mädelchen."

Schiller verkniff sich ein Kommentar zum Werther.

"Nun ja. Ist es nicht genau das?"

"Was ist genau das?"

"Wonach sollte sie in dieser Gesellschaft höher streben? Als Frau?"

Goethe schaute, als hätte Schiller ihm soeben von seinen verfaulten Äpfeln in der Schublade erzählt.

"Sie haben utopische Vorstellungen von Gleichberechtigung, Herr Schiller."

"Und eben darum schreibe ich es!"

Ein freches Grinsen, das ihm außergewöhnlich gut zu Gesicht stand, breitete sich auf seinen Lippen aus.

"Ich strebte nach Höherem als dem Menschenmöglichen."

Goethe schenkte ihnen erneut ein.

"Ich sagte doch: Stürmer und Dränger eben."

Beide grinsten und stießen an.
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