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Der Feind in Mir

von Eisflamme
GeschichteAllgemein / P18 / Gen
Hank Anderson RK800-51-59 Connor
03.05.2020
27.12.2020
25
104.699
9
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Dieses Kapitel
1 Review
 
13.12.2020 3.854
 
20.07.2040

01:00 Uhr

Gästehaus

Es war vollkommen ruhig, nur hin und wieder war das leise Knacken oder Ächzen des alten Hauses zu hören, das Rauschen von Sauerstoff, das rhythmische Piepen des EKGs…

Schwaches Mondlicht das auf das einfache Bett fiel.

Er stand davor, reglos, zwischen dem herangezogenen Stuhl und dem Bett.

Er war fort…immer wieder…die Bilder…die Geräusche…

Kaum merklich biss er sich auf die Lippe, ließ sich auf den Stuhl sinken, von hier aus, sah es vollkommen normal aus…von diesem Winkel war es, als ob es nie geschehen wäre…

Er räusperte sich. Er war ein Idiot, ein Großkotz ein…das hatte er nicht verdient…

Die nächsten 24 Stunden werden es zeigen…tut mir leid Gavin, ich wünschte, ich könnte mehr machen…

Er gehörte in ein Krankenhaus…definitiv aber das wäre ebenso sein Todesurteil…

Akzeptiere es Gavin, dein großer Bruder ist ein gefühlskalter Mensch, der nur auf Profit aus ist. Wenn du mich dann jetzt weiter arbeiten lassen würdest? Du stiehlst mir meine wertvolle Zeit.

Du verdammter…

Hätte er da nur gewusst…hätte er da ihm geglaubt…das war doch alles krank. Er war so verwirrt, so oft hatte er sich gewünscht, sein Bruder würde bekommen, was er verdiente aber…doch nicht das.

Er…er hatte ihn all die Jahre verachtet dafür, dass er nicht da war, dafür, dass er gegangen war, dafür das sein Leben so scheiße war…und nun…fühlte er sich erneut wie ein riesengroßes Arschloch…wie er ihn dafür verfluchte…warum musste er sich jetzt schlecht fühlen?

„Du verdammter…“

Ein grelles Piepen setzte ein, die eben noch zackig verlaufende Linie auf dem EKG zeigte eine gerade Linie, kein Puls…ihm wurde ruckartig eiskalt…

„LILLI!“, er stürzte aus dem Raum…


Es war angenehem warm, eine sanfte Brise, goldene Sonnenstrahlen, grünes Gras, das Zwitschern von Vögeln, Kirschblüten, eine wunderschöne zarte Blütenpracht.

Das leise vertraute Quietschen, er schaute auf, die kastanien-braune Hollywoodschaukel schwang leicht hin und her, vor der prachtvollen Kulisse der alten Villa.

Leichter grüner Stoff, glänzendes langes braunes Haar…das sanfte Summen einer nur zu vertrauten Melodie…die schlanke Gestalt einer Frau.
Langsam trat er auf sie zu, ein Lächeln auf den vollen Lippen.

„Es ist lange her, Mutter…“

„Mein Großer…“, sie stand auf, der Duft nach Rosen, die beruhigende Wärme einer Umarmung, fest zog er sie an sich, verbarg sein Gesicht in ihrem Haar, „Elijah…mein lieber, schlauer Junge…“

„Das hier ist nur eine Ilusion aufgrund von Sauerstoffmangel in…“

„Selbst jetzt hast du noch eine wissenschaftliche Erklärung?“, sie schmunzelte, behutsam strich sie sein Oberteil an der Brust zurecht, „Du bist ein richtig stattlicher Mann geworden.“

„Es…tut mir leid…Mutter ich…“

„Elijah…“, sanft nahm sie sein Gesicht in beide Hände brachte ihn dazu, direkt in ihre blauen Augen zu schauen, „Mir muss es leid tun…ich…hätte ich gewusst…es tut mir so leid. Du musstest so viel durch machen wegen ihm…ich hätte nie gedacht…wenn ich es doch nur früher gewusst hätte. Es tut mir so leid.“

„Ich hab dir nicht die Wahrheit gesagt, weil ich es dir und Gavin es nicht noch schwerer machen wollte, nach seinem Tod, es war feige zu gehen, es war feige nicht wieder zu kommen…es tut mir leid dich so sehr entäuscht zu haben.“, kaum merkllich biss er sich auf die Lippe.
„Du könntest mich nie entäuschen, Elijah, ich bin sehr stolz darauf was du geschaffen hast und du hast eine ganz bezaubernde Tochter.“, da war es wieder dieses warme aufrichtige Lächeln mit den zwei Grübchen.

„Zum Glück kommt sie mehr nach Anne…wäre nicht das erste Familienmitglied, das mich hasst.“, er fuhr sich durchs Haar und ließ seinen Blick hinüber zur Villa wandern, „Vielleicht besser so für sie.“

„Du gehst zu hart mit dir ins Gericht Elijah. Sie ist verwirrt, ihre ganze Welt ist anders als sie gedacht hat. Gib ihr wenigstens die Chance, dich richtig kennenzulernen.“, leicht griff sie nach seiner Schulter, drückte diese leicht.

„Mich kennenlernen? Elijah Kamski, den egoistischen, kaltblütigen Geschäftsmann?“, mit einer sarkastischen Geste drehte er sich zu ihr um.
„Nicht den Geschäftsmann.“, leicht schüttelte sie den Kopf und zog etwas aus ihrer Tasche, „Aber vielleicht den liebevollen jungen Mann, der heimlich nachts seinem kleinen Bruder Geschichten von Robotern erzählt hat, der sympathische junge Mann der Anne am jeden ersten Tag des Monats eine einzelne Rose mit Brief geschenkt hat und dem wunderbaren Jungen der seiner Mutter schon mit 5 Jahren ihre geliebte Spieluhr repariert hat. Es gibt so viele Gründe dich zu mögen Elijah, wenn du sie nur wieder offen zeigen würdest.“

„Mutter selbst Gavin denkt so über mich…“

„Gavin ist einfach nur verletzt, er motzt, er meckert aber im Herzen ist er immer noch der kleine Junge, der alles versucht nachzumachen, was sein großer Bruder ihm vorlebt.“

Er runzelte die Stirn.

„Du hast ihn dir länger nicht mehr genau angeschaut oder? Ich glaube nicht, dass wir hier von demselben Gavin reden.“
„Mein lieber Elijah, du bist vielleicht ein Genie aber ich bin eure Mutter, ich weiß, was einer meiner Söhne ist und was nicht. Ihr müsst euch einfach nur daran erinnern, wie wichtig ihr euch seid…du bist die einzige Familie die er noch hat und ich weiß, dass du immer noch auf ihn aufpasst.“

Er schaute zu ihren ausgestreckten Händen, eine Brille, seine Brille.

„Irgendwie habe ich sie vermisst…“, er schmunzelte leicht, ein Frösteln lief über seine Haut als er nach der Brille griff, erschrocken schaute er auf, ein trauriger Ausdruck lag in den Augen seiner Mutter.

„Du musst jetzt weiter kämpfen Elijah…irgendwann sehen wir uns wieder, bitte drück Gavin fest von mir. Ich liebe euch beide so sehr, nichts davon ist eure Schuld. Gib deiner Tochter die Chance dich kennenzulernen. Ich wünsch euch alles Glück der Welt. Ich liebe dich so sehr…vergiss das nie.“

„Mutter?“, die so friedliche Welt um ihn herum begann zu wanken, die vertraute Gestalt seiner Mutter, der Garten, die Umrisse der Villa verschwanden, ein eisiger Wind kam auf, „MUTTER!“

Er fiel…

Die Welt wurde dunkel und kalt, er hatte das Gefühl zu ersticken, seine Lungen schienen in seiner Brust zu erfrieren, er versuchte zu atmen, doch es gelang ihm nicht…

ELIJAH!

Ein Ruck, ein kräftiger Atemzug er hustete, Licht und Schatten blitzten vor seinen Augen auf, seine Lungen brannten, ein Würgereflex
„Ruhig, ganz ruhig…“, etwas legte sich über Mund und Nase, das Brennen in seinen Lungen wurde schwächer, er blinzelte, dunkle Umrisse drehten sich vor seinen Augen, er zitterte, „Ruhig atmen…alles ist gut.“

Er kannte diese Stimme, woher kannte er die Stimme?

„Das war ganz schön knapp…gut reagiert Kleines.“, anerkennend drückte Lilli die Schulter der jungen Frau.

„War nur eine Vermutung mit Flüssigkeit im Brustkorb…“, kaum merklich drückte sie die langsam wieder wärmer werdende Hand des Mannes, bevor sie hinaufschaute, „Wir sollten verstärkt darauf achten, den Kreislauf stabil zu halten.“
„Normalerweise würde ich sagen, nichts leichter als das aber…“

Die Blicke der zwei Frauen trafen sich und ein unausgesprochenes Unheil legte sich zwischen sie.

„Bis Morgen sind es noch ein paar Stunden…ich sag Gavin Bescheid.“


Es war ein seltsames Gefühl, sein Mund war staubtrocken, fünf Mal hatte er nun schon die Hand nach dem Türgriff ausgestreckt und wieder zurückgezogen…

Morgen könnte es gefährlich werden, wenn wir hierbleiben…ich weiß nicht, ob er transportfähig ist…vielleicht schafft er es nicht…es tut mir so leid Junge…

Kaum merklich biss er sich auf die Lippe, ein kurzes leises Fluchen, dann schob er die Tür auf. Das durfte alles nicht wahr sein…
Leise schloss er die Tür hinter sich, trat wieder mals aufs Bett zu…

Ein angespannter Ausdruck lag auf dem bleichen Gesicht, die Augen waren geschlossen, Schweiß glänzte im silbernen Mondlicht, die Hand zuckte kaum merklich…

Hatte er Schmerzen? Träumte er? Lief wieder etwas schrecklich falsch?

„Elijah?“, aus Sorge, ohne groß nachzudenken griff er nach dem bandagierten Unterarm seines Bruders.

Der Angesprochene zuckte zusammen, ein kurzer Schmerzlaut, die Anspannung ließ wieder nach, die Augenlieder flackerten…

Verwirrt huschte der Blick über die dunkle Holzdecke, blieb schließlich an den dunklen verschwommenen Umrissen einer Gestalt hängen.

„Gav…?“, seine Stimme war ein leises Flüstern.

„Auf wen anders gehofft, Schlaukopf?“, ein schwaches zaghaftes Lächeln.

„Niemanden…“, kurz schloss er die Augen, kaum merklich verzogen sich seine Lippen.

„Hast du Schmerzen?“, besorgt mussterte er den gebrochen wirkenden Mann.

„Es tut…mir so leid…Gav…“

„Gut dir geht es richtig Scheiße…“, er zögerte, dann zog er sich wieder den Stuhl heran, „Das wird jetzt kein Abschied…“
„Hm…“, er blinzelte schwach, „Gav…“

„Schon gut…“, kurz überlegte er, ergriff dann aber doch seine Hand, die erschreckend kalt war, „Komm einfach wieder auf die Beine ok? Ich tu dir nicht den Gefallen, dass du wieder einfach so abhauen kannst Schlaukopf.“

Ein schwaches Schmunzeln.

„Danke…“
„Bedank dich nicht zu früh…das Gemotze kommt, wenn du dich wehren kannst, dann macht es mehr Spaß.“, leicht drückte er seine Hand.
„War…zu befürchten…bin so müde…"
„Dann penn, ich kann warten.“, er hielt kurz inne, „Nur pennen…nicht krepieren.“


20.07.2040

03:00

Eil Nachrichten Report

„James Daniel von Kanal 6 hier. Wir berichten gerade live vom Androidenbezirk aus, indem sich gerade eine Razzia ereignet. Auslöser hierfür soll ein Anschlagsversuch von niemand anders als dem Androidenführer Markus selbst, auf den Bürgermeister Tyson Milars während einer Besprechung der derzeitigen Gefahrenlage durch die immer mehr steigende Zahl von gefahrlichen Untergruppierungsgruppen. Zeugen berichten von einer Explosion innerhalb des Besprechungssaales. Milars wurde mit schweren Verletzungen in die naheliegende Klinik eingeliefert. Von dem Androiden Markus fehlt seit diesem Vorfall jegliche Spur. Zum derzeitigen Stand wird das Viertel nach ihm und den Oberhäuptern der Androiden von KI-Einheiten durchkämmt. Elijah Kamski selbst ließ dies veranstalten um Menschenleben zu schützen, der Gründer von CyberLife äußerte sich selbst sehr bestürzt über…“

Ein genervtes Knurren, der Bildschirm erschlosch. Eine Gestalt erhob sich aus einem dunklen Sessel.

„Bullshit…“


20.07.2040

04:00 Uhr

Gästehaus

Lautlos, schnell, wie ein ungesehener Schatten…

Ein leichter Windzug

Analysiere…Spuren…lokalisere Lucinda Magdalena Hanson…Gavin Reed…Elijah Kamski…PL600 #501 743 923…RK900 #313 248 317 - 87…Lilli-Marie Fowler… L…t….HHHH….Fehler…Lt….Fehler…System wird korrigiert… Status… verstorben… korrigiere…Lt. Hank Anderson…Status…lebendig…tendenzielle Bedrohnung erkannt…Ziele werden angepasst…Eliminieren….Primärziel finden Lucinda Magdalena Hanson…

Die Dunkelheit des Korridors, eine dunkle Hand streckte sich nach der Türklinke aus.

Lokalisierung erfolgt…Zugriff!

Die Tür flog aus den Angeln, mehrere schnelle Schüsse, eine reglose Gestalt stürzte aus dem Bett…

Fehler…Fehler…


20.07.2040

08:00 Uhr

Unbekanntes Gebäude

Kraftvoll, routiniert, effizient wurde eine Kiste nach der anderen aus dem alten Transporter gehoben und hinübergetragen zu den alten Feldposten.

Aufmerksam beobachtet er, wie der jung aussehende Mann immer wieder den Prozess wiederholte, unermüdlich ohne das geringste Anzeichen von Anstrengung. Fast schon manisch…

„Sie waren da.“, erklang eine ruhige Frauenstimme, „Die Sensoren haben Bewegung im Gästehaus gemeldet.“
„Konnten sie es wohl kaum abwarten. Hoffe sie haben das kleine Geschenk gefunden.“, knurrig wandte er sich vom Anblick des jungen Mannes ab und trat an ihr vorbei.

„Meinst du die Schaufensterpuppe an sich, oder die Tatsache, dass du sie einen Stinkefinger zeigen lässt?“, ein schwaches Schmunzeln lag auf den dunklen Lippen.

„Beides…was macht das Superhirn?“
„Ist stabil…“, der Blick der dunklen Augen wanderte hinüber zum Wagen, „Simon hat sich gemeldet…viele haben es rechtzeitig geschafft, dank der Warnung. Markus ist zu ihnen gestoßen. Sie bedanken sich für die Warnung, es war gut Nine zu glauben.“
„Hmpf…wahrscheinlich…trau ihm aber immer noch nicht, vielleicht ist das auch von Sev…“
„Hank bitte.“, Lilli unterbach ihn sanft aber direkt, „Ich weiß, du gibst ihm die Schuld an allem, aber glaub mir das tut er auch ohne dein Zutun. Er versucht auf seine Art, alles wiedergutzumachen, er ist…manchmal wie ein einsames Kind.“
„Einsames Kind? Er ist eine verdammte Killermaschine Lill. Glaub mir, der ist nicht so ein Kuschelrobbie wie Blondi.“
„Oder Connor?“

Kaum merklich zuckte der Lt. zusammen.

„Das ist kein Vergleich…“

„Nine ist sein Nachfolger, wenn er eine Killermschine ist, dann ist Con…“

„Lass es Lill.“, unterbach er sie knorrig, „Ich habe keinen Bock zu diskutieren. Kümmer dich lieber darum, dass du pünklich fertig bist. Sonst fahre ich ohne dich.“

„Zu Befehl Sturkopf…“, kopfschüttend schaute sie ihm nach, „Ich hoffe Georg kommt pünklich…“

Langsam wandte sie ihrem Blick dem Androiden zu und trat auf diesen zu.

„Nine, Schätzchen, du hättest doch auch nach Hilfe fragen können.“

Ein undeutsamer Ausdruck huschte über seine Züge als er sich zu ihr umwandte.

„Es gab keine Notwendigkeit für die Beteiligung einer weiteren Person.“
„Nötig nicht, aber hilfreich.“, sie schmunzelte leicht, „Danke jedenfalls fürs Auspacken und…Nine darf ich dich was fragen?“
„Natürlich.“

Aufmerksam musterte sie ihn, als sie sprach: „Woher wusstest du, dass das Treffen von Markus mit dem Bürgermeister so enden würde und wie, dass jemand uns angreifen würde?“

Er schaute sie direkt mit den kalten grauen Augen an.

„Mister Kamski.“

„Was?“, verwirrt schaute sie ihn an, „Mister Kamski hat kein einziges Wort mit dir wechseln können:“
„Implantat 444LC.“

Verständnislos starrte die Frau ihn an.

„Mister Kamski besitzt ein 444LC. Es reguliert die Zellbildung in seinem Körper, da sein Körper selbstständig nicht mehr in der Lage war, den Botenstoff für die Stammzellenbildung zu produzieren. Dies hätte in wenigen Wochen zum endgültigen Zerfall der…“, er stoppte als er den ungläubigen Blick der Frau sah, „Kurz, es ist offenbar in der Lage, eine Verbindung mit meiner Kommunikationseinheit herzustellen. Aus seinen Erinnerungen ergab sich dann RK700 nächster Schritt.“

„Wow…“, entgeistert starrte sie ihn an, „Das heißt Kamski wäre tot, wenn Seven ihn nicht zum Cyborg gemacht hätte? Um ihn dann…krank…das ist krank.“

„Es fehlt jegliche logische oder strategische Relevanz hinter RK700s Handlungen. Es hat ihm keinerlei Vorteil gebracht, Kamski am Leben zu erhalten. Das ist nicht effizient.“

Ein verwirrter Ausdruck huschte über das sonst so gefasste Gesicht des Androiden.

„Es soll einfach nur grausam sein, Schätzchen. Das ist der einzige Grund und Nutzen…“, ihr Blick wanderte an ihm vorbei, als das ferne Brummen eines Motors zu vernehmen war, „Endlich…“


Dumpfe Schmerzen pochten durch seine linke Schulter, eine fiebrige Hitze kroch durch seine Glieder, ein unangenhmer Druck herschte hinter seiner Stirn.

Er blinzelte, warmes Licht, verschwommene Umrisse, gehüllt in warmes Licht, langsam begann sein Gedächnis zu arbeiten…

Seven…die Falle…der Angriff…Lucy!

Ruckartig zuckte er in die Höhe.

„Wow!“

Seine Umgebung begann sich zu drehen, der Schmerz in seiner Schulter stieg ruckartig an.

„Was zum Geier machst du?!“, jemand packte ihn an der rechten Schulter, er zuckte zusammen, dies brachte ihm augenblicklich ein schmerzhaftes Stöhnen ein.

„Was ist denn hi…hey, er soll sich doch noch nicht aufsetzen!“
„Sag das nicht mir!“
„Ihr müsst euch wieder hinlegen.“, zwei verschwommene Gestalten, jemand wollte ihn zurückdrücken, doch er hielt die Hand fest.
„Brille…bitte…“, seine Stimme klang kratzig und fremd.

Stille, er konnte förmlich spüren, wie Blicke ausgetauscht wurden, zittrig ließ er die Hand los. Er hasste es…wann war er das letzte Mal so blind gewesen?

„Warte…hier.“, er zuckte zusammen, als die kalten Bügel der Brille ihn berührten und jemand ihm diese ziemlich unbeholfen aufsetzte.
Er blinzelte, langsam wurden die Umrisse klarer. Helle Licht fiel durch ein kleines viereckiges Fenster. Einfache grüne Wände, vereinzelte Risse, der Rahmen des Bettes bestand aus einem schlichten Metallgestell, es erinnerte schrecklich an die Krankenhausbetten aus den 90er Filmen. Die Brille saß schief, er hasste es, wenn die Brille schief hing, unbeholfen schob er sie mit der rechten Hand zurecht, dann fiel sein Blick auf die zwei Gestalten rechts und links neben dem Bett.

„Sie…du solltest dich wirklich wieder hinlegen. Auf die Wunde sollte noch nicht viel Druck ausgeübt werden und wenn du aufrecht sitzt dann sackt das Blut…“, sie brach ab, als ihr Blick sich mit den rot unterlaufenen blauen Augen hinter den Brillengläsern traf.
Ein ubehagliches Räuspern von der anderen Seite.

„Verdammt siehst du scheiße aus…“
„Danke…“, kaum merklich wandte er seinen Blick zu seiner schmerzenden Schulter.

Weißer Verband bedeckte den…Stumpf…sein linker Arm war knapp ab der Hälfte des Oberarmes fort…
Ihm wurde heiß und kalt zugleich, es war wahr…sein Arm war fort…er war ein Krüppel…ein kranker Krüppel…alles war wirklich passiert…alles…

Kaum merklich biss sie sich auf die Lippe. Eigentlich hatte sie vorgehabt, sauer zu sein, eigentlich hatte sie vorgehabt, den Mann mit Missachtung zu strafen, mit all ihrer Wut…für die ganzen Lügen…

Doch jetzt?

Ihr Blick glitt über die abgemagerte Gestalt in den viel zu groß wirkenden weißen T-Shirt, das nicht gerade dazu beitrug, dass seine Haut weniger blass aussah. Langes wirres braunes Haar, dunkle Augenringe unter den rotunterlaufenen Augen, eine schief sitzende Brille und…dieser entsetzte Blick.

Sie wollte wirklich sauer sein…

Doch desto mehr sie die totenschädelähnlichen Züge betrachtete, desto mehr sie sah wie…wie kaputt dieser Mensch war…so klein und zerbrechlich…auf seinen nicht vorhandenen linken Arm starrend…

Er tat ihr leid…ein Zittern jagte durch den geschundenen Körper…

Ein Impuls stieg in ihr auf und bevor sie überhaupt klar verstand was sie tat, war sie dichter an Bett getreten und hatte ihn in die Arme geschlossen.

Er spannte sich erschrocken an.

„Alles gut…“, behutsam strich sie über seinen Rücken, ein krampfhaftes Schlucken, „Alles ist gut.“
Ein ersticktes Schluchzen, dann wich die Anspannung aus dem Körper, Schmerz und Trauer ließen diesen erzittern…
Sie hielt ihn einfach nur fest, ihre Augen brannten…so viel Schmerz…wie konnte ein einziger Mensch so viel Schmerz ertragen?

Fuck…

Zitternd fuhr er sich durch die dunklen Haare, während er etwas hilflos die zwei Personen vor sich beobachtete. Er hatte ihn noch nie weinen gesehen, er hatte ihn noch nie so fertig gesehen. Wie oft hatte er auf ihn geflucht, wie oft hatte er gehofft jemand würde ihn von seinem hohen Ross hinabholen.

Das hier war nicht seine Vorstellung davon gewesen…das war grausam und er tat ihm schrecklich leid…
Ein kurzes Zögern, dann griff er nach der knöchigen blassen Hand und drückte diese.

„Es tut mir so leid…“

„Lil…bei allem Respekt…du weißt ich schätze dich und Jeffrey sehr hoch, aber das sind wirklich wirklich harte Vorwürfe, die du da äußerst. Kamski einen Strohppe, die in wirklichkeit ein Android ist der von ihm geschaffen wurde und versucht heimlich die Weltherrschaft an sich zu reißen…“, kurz räusperte sich der hochgewachsene Mann, der Blick der wachen grünen Augen wanderte von seiner ehemaligen Kameradin hinüber zu dem grimmig dreinschauenden Lt., der an der Wand nahe der Tür lehnte, „Und du hast den toterklärten Lt. Anderson versteckt um ihn zu retten? Genau wie die vermisst gemeldete Miss Hanson, weshalb Jeffrey dein Mann, im Gefängnis sitzt, weil er mehr in das Verschwinden hinein verstrickt sein soll? Bei allem Respekt Lil…das wirkt wirklich seltsam…“

„Jesus Christus Georg, ich glaube kaum, dass Lilli dich hierher eingeladen hätte, wenn sie zusammen mit Jeffrey sowas abgezogen hätte. Besonders, ich habe es dir doch nun schon zum 500en Mal bestätigt.“, knurrte Hank deutlich erbost.

Der General straffte sich ein, grimmiger Ausdruck trat auf die von der Zeit gezeichneten Züge, eine elegante Uniform zierte seinen muskulösen und breitschultrigen Körper, kurze graue Haare fein säuberlich gestutzt.

„Wir müssen nicht über die bekannte Alkoholproblematik reden, nicht wahr Hank?“, missbilligend wandte er seinen Blick ab und wandte sich mit einem freundlicheren an Lilli, „Ich weiß Lilli, du bist immer bemüht zu helfen aber ich denke, es ist dieses Mal keine gute Idee Hank zu decken wegen seiner…“

„Was wagst du da von dir zu geben?!“, bevor Lil auch nur reagieren konnte war Hank nach vorne geschnellt.
„Aufhören sofort!“


20.07.2040

10:00 Uhr

Feldweg nah Detroit

Das stetige Brummen des Motors, das leise Quietschen der Federung bei jeder kleinsten Unebenheit auf dem kaum befahrenem Feld-, Wiesen- und Waldweg…

Das Radio des alten Jeeps gab keinen Ton mehr von sich, was vielleicht besser gewesen war…

Warme Sonnenstrahlen tanzten über das Armaturenbrett, hin und wieder flackerte das rote Licht eines Fehlercodes auf…Gewohnheit…es war Gewohnheit geworden.

Der Blick des blauen Auges wanderte aus dem Fenster der Beifahrerseite, ein großes Maisfeld, groß in einem saftigen Grün ragten die Pflanzen in die Höhe. So friedlich…dabei waren die letzten Tage, Stunden überhaupt nicht freidlich…

Sie waren geflüchtet, die die ihnen geglaubt hatten…die die es nicht glauben wollten waren nun…

Er schloss kurz das Auge. Es war ihre Entscheidung…

„Der…Tipp mit dem verlassenen Steinbruch war gut.“

Leicht überrascht ließ er seinen Blick hinüber zum Fahrer wandern.

„Ich meine, das mit den Mineralien die das Aufspüren erschweren…das war ein guter Tipp von Lucy.“, Markus Blick war weiter auf die Straße vor ihnen gerichtet während er sprach.

Es war seltsam, sie hatten seit Wochen, Monaten nicht mehr richtig gesprochen, außer über Katastrophen. Eigentlich gehörte Markus zu seinen engsten Vertrauten und er umgekehrt zu seinen aber es war so viel passiert…irgendwie wusste er nicht mehr genau welchen Stand er noch hatte…

„Ja, sie ist eine sehr schlaue Frau.“, ein schwaches Lächeln huschte über die Züge des Blondhaarigen.
„Und du liebst sie sehr.“
„Das tue ich. Das tue ich wirklich. Markus…es tut mir leid, was in der Vergangenheit passiert ist. Ich wollte euch, dich nie hängen lassen.“

Überrascht drehte Markus kurz seinen Kopf in seine Richtung, bevor er wieder auf die Straße schaute.

„Simon es gibt nichts, wofür du dich zu entschuldigen hast. Wärst du nicht gekommen und hättest uns gewarnt, wären die Verluste deutlich höher und bis jetzt konnte ich mich und werde ich mich immer auf dich verlassen können. Du bist schlau und sanftmütig und wir wären nicht soweit gekommen ohne dich.“

„Du hast unser Volk befreit Markus…ich bin dir nur gefolgt. Ohne dich wären wir nie soweit gekommen.“, er räusperte sich und ließ seinen Blick wieder aus dem Fenster wandern.

„Warum stellst du dich selbst immer so schwach da?“

Ein Ruckeln ging durch den Wagen als sie über ein Schlagloch fuhren, kaum merklich verzog sich die Miene des PL600.

„Verzeih…“
„Geht schon.“, fest schloss sich die rechte Hand um den linken zuckenden Arm mit der fehlenden Membran, „Wäre nur schön, nicht mehr ein laufender Schrotthaufen zu sein…weiß gar nicht wie Lucy mich überhaupt anfassen konnte…“
„Ich hoffe die Lage ist bald unter Kontrolle und wir können deinen Zustand verbessern, du hast das nicht…Moment Mal anfassen? Du meinst in den Arm nehmen usw. oder?“

„Ähm…ja…“, eine unangenehme Wärme stieg in seinen Wangen auf.
„Simon…du…ihr?“, Markus musste sich räuspern, „Nun ja…“
„Ja, hatten wir.“

Eine Stille breitete sich zwischen ihnen aus, eine ganze Weile starrten sie beide starr auf die staubige Straße vor sich.

„Und…ist es gut?“
„Sehr gut…hätte nicht gedacht, dass meine Einheit das kann…aber ja es ist gut.“
„Dann freut mich, dass ihr euch so gut vertraut. Es ist für mich eine seltsame Vorstellung, einem Menschen so nah zu sein, aber ihr beide wirktet von Anfang an schon so vertraut und sie macht dich glücklich, das ist die Hauptsache. Du hast es verdient Simon.“

„Das haben wir alle Markus. Ich hoffe das alles hier kommt zu einem guten Ende…ich hätte gerne die Chance auf ein gemeinsames Leben mit Lucy und euch allen.“
„Das kriegen wir hin.“, kurz drückte sein Freund ihm die Schulter bevor er den Wagen durch eine Kurve lenkte., „Versprochen.“
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