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Der Feind in Mir

von Eisflamme
GeschichteAllgemein / P18 / Gen
Hank Anderson RK800-51-59 Connor
03.05.2020
27.12.2020
25
104.699
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Dieses Kapitel
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29.11.2020 4.371
 
19.07.2040

10:00 Uhr

Zellenblock A
Zelle 11

Aufrecht saß er auf dem harten, viel zu kleinen Bett, die Arme locker auf den Knien und die Hände umeinander gelegt. Unbewusst strich einer seiner Finger immer wieder über die Stelle, an der sich sonst sein Ehering befand. Nur ein hellerer Hautstreifen erinnerte daran.

Wo hatte er sie da nur mit reingerissen? Er hatte seit Wochen, Monaten keinen Kontakt mehr zu seiner Familie, er wusste nicht, wie es ihnen ging. Er wusste nicht, was Seven vorhatte…vielleicht war es schon zu spät.

Lil…es tut mir so leid…

Leises Fluchen. Sie war stark, sie war die stärkste Frau die er je kennengelernt hatte. Nichts brachte sie aus dem Konzept, immer wusste sie einen Weg, immer ging sie vorwärts, immer sorgte sie sich um alle…

Sie managte die Familie perfekt. Sie gab ihm immer Rückendeckung…sie war sein Leben…

Er war kein großer Gefühlsmensch, er konnte im Beruf ohne Probleme hart bleiben, sein breites Kreuz konnte viel aushalten. Doch wenn er nach Hause kam, zu ihr, sie mit einem breiten Lächeln in der Korridortür stand. Die wilden Locken, ihre strahlenden Augen, die leichten Lachfalten.

Na, hat sich mein Captain auch mal nach Hause verirrt?

Wenn er sie dann in den Armen hielt und am Abendbrottisch…seine Prinzessin Mia die ihn prompt ihren ganzen Tag in einer Geschwindigkeit erzählte, die ihm alles abverlangte. Kieran, den er wieder ermahnen musste, seine Kopfhörer aus den Ohren zu nehmen, bevor er ihm von einem neuen Lied erzählte, was er geschrieben hatte, wieder unterbrochen von Mia, dann einem folgenen Streit der Zwei und…trotz allen, es war schön…er liebte sie alle so sehr…sie waren sein Leben und nun konnte er sie nicht beschützen.

Seine Rose musste alles alleine durchstehen…wie konnte es soweit ko…

Die Zellentür öffnete sich, er schaute auf, ein dünner hochgewachsener Mann in einem weißen Arztkittel trat hinein, hinter ihm am Gitter bauten sich zwei Conn…KI-Einheiten auf.

Diese verdammte Ähnlichkeit zu Connor…

„Mister Fowler, ich bin Prof. Dr.Mikels, ich bin hier um sie zu einem Lügendetektortest abzuholen. Sie haben ja darauf bestanden. Bitte stehen sie auf ich muss ihnen für den Weg Handschellen anlegen. Sie verstehen sicher, warum.“
„Natürlich…“, langsam stand er auf, sein Knie schmerzte immer noch von der letzten Begegnung mit „Kamski“ und den sehr netten Wachmännern…

„Bitte strecken sie einmal die Hände aus. Ich belehre sie jetzt schon einmal, sie sollten die reine Wahrheit sagen, jede Lüge wird vermerkt und gegen sie verwendet.“
„Verstanden.“, er streckte beide Hände nach vorne, kalter Stahl legte sich erst um sein linkes Handgelenk, dann um sein rechtes, plötzlich ein brennender Stich in seinem rechten Handgelenk.

„Was?“, er zuckte zurück, ein loderndes Feuer schoss seinen Arm hinauf, seine Sicht begann zu schwanken, „Was haben sie gemacht? Was…“
Er wollte nach dem Arzt greifen, doch seine Hände gehorchten nicht, er taumelte.

„Ich sorge dafür, dass Sie die Wahrheit sagen…unsere Wahrheit.“, ein rotes Leuchten trat in die grünen Augen, ein fratzenhaftes Grinsen, er stürzte hielt sich am Bett fest.

„Seven…nein…“, es wurde dunkel um ihn….


19.07.2040

11:00 Uhr

Gästehaus

Es war ein Kampf gewesen, ein nervenzermürbender Kampf…

Mam, ich will nicht in den Urlaub fahren! Nine brauch mich!

Peinlich, meine kleine Schwester ist in einen Roboter verknallt…ich will aber auch nicht, solange Dad im Knast sitzt.

Ich bin nicht verknallt, Hornochse! Aber er braucht jemanden, der sich um ihn kümmert, jemanden mit meinen empathischen Fähigkeiten.

Empathisch…ja ne ist klar, eher problematisch meinst du wohl eh…AUA! Na warte!

MAM!

Müde fuhr sie sich übers Gesicht, sie hatte sie quasi zu ihrem wartenden Bruder und seiner Frau schleifen müssen, diese hatten dann natürlich auch noch blöde Fragen gestellt…

Ja, sie wusste das Mia hier bleiben wollte wegen Nine…und ihrem Vater…

Kieran war generell ein Stubenhocker und nie begeistert von Ausflügen oder einem Urlaub…besonders ohne Computer oder seine heißgeliebte Konsole…aber jetzt wo sein Vater im Gefagnis saß, wollte er natürlich umso weniger…

Sie waren jedes Jahr alle zusammen in den Urlaub gefahren, jedes verdammte Jahr…Jason war mitlerweile erwachsen und kam natürlich nicht mehr mit, mit Kieran wäre es sicher dies Mal auch der letzte gemeinsame Urlaub gewesen und Mia…vielleicht würde sie noch einmal mitfahren…es war alles anders geplant…aber immerhin waren die Beiden nun für drei Wochen in Sicherheit…sie hatte also drei Wochen Zeit was zu regeln…

Müde betrat sie den Hausflur, tätschelte den Kopf des großen Hundes der träge vor dem Schuhregal lag.

Gerade wollte sie sich ihre Turnschuhe abstreifen, da klingelte ihr Handy.

Stirnrunzelnd zog sie es hervor, Jeffs Anwalt Mike Dickson.

„Hallo Mike Gibt es etwas Neues?“

Ein schweres Seufzen war zu hören.

„Lilli…er hat gestanden…“
„WAS?“
„Der Lügendetektor hat aufgezeigt, dass er nicht lügt. Er hat sich in allen Punkten als schuldig gezeigt…in seinem Rang ist das Hochverat Lilli.“

Sie stolperte zurück gegen die Wand.

„Aber…nein. Das kann nicht sein er hat mir doch gesagt wie es war. Er war das nicht, da stimmt doch was nicht.“
„Lilli ich finde das auch sehr seltsam, aber mir sind die Hände gebunden, Mister Reed zählt wegen seinem diagnostizierten Trauma nicht als Zeuge, Mister Anderson ist leider verschieden und ansonsten gibt es keine Zeugen oder Beweise die es wiederlegen, zusätzlich konnte er alles genau beschreiben. Mir sind die Hände gebunden, die Verhandlung findet morgen um 9:00Uhr statt. Sie wurde extra vorgezogen, wird er verurteilt…steht lebenslänglich auf den Plan oder die Todesstrafe. Bei Hochverat wird teilweise noch auf diese zurückgegriffen.“

Ruckartig wich jede Farbe aus ihrem Gesicht.

„Nein…Mike bitte es muss doch…das kann nicht…bitte…“
„Es tut mir so leid Lilli…mir sind die Hände gebunden.“
„Kann ich mit ihm sprechen?“
„Ich versuche für dich unter diesen Umständen ein Besuchsrecht zu erwirken, ich melde mich schnellsmöglich. Ich muss leider los zu einer Verhandlung, es tut mir so leid. Ich melde mich.“

Zitternt ließ sie das Telefon sinken und sich an der Wand hinab gleiten, ihr gesamter Körper zitterte. Das konnte nicht wahr sein…das Telefon glitt ihr aus der Hand schlug dumpf auf dem alten Holzboden auf.

Dumpf starrte sie auf ihre Knie, Tränen rannen über das Gesicht der sonst so starken Powerfrau. Ihre kleine heile Welt brach vor ihren Augen zusammen…

„Lilli?“, eine zaghaft helle Stimme, hastig wischte sie sich über die Augen, „Alles in Ordnung?“

Sie schaute auf zu der jungen Frau die, in einem lockeren blauen Sommerkleid, mit besorgtem Ausdruck vor ihr stand.

„Alles in Ordnung, Lucy, Schätzchen.“, langsam stemmte sie sich hoch und griff nach ihrem Telefon, „Wie geht es deinem Freund?“
„Sein System ist noch am optimieren, aber er ist bald wieder aktiv. Lilli…ich hab den Anruf gehört…verzeih ich war in der Küche, ich wollte nicht lauschen.“
„Oh…hast du?“, sie räusperte sich, „Ich kriege das schon irgendwie geregelt…ich weiß nur nicht warum er…ich krieg das hin.“
„Ich befürchte, ich weiß, warum er gestanden hat Lilli.“

Überrascht schaute die ältere Frau sie an.

„Es gab eine Abteilung in CyberLife die dafür war mit Thirium zu forschen, für medizinische aber auch militärische Zwecke natürlich…das wurde aber geheimgehalten. Dabei haben sie eine Substanz entwickelt die Menschen dazu bringt gefügig zu werden, sie sagen das, was ihnen gesagt wird, sie tuen das was sie tuen sollen, selbst ein Lügendetektor kann so überlistet werden. Sie ist schon nach wenigen Stunden nicht mehr nachweisbar im Blut…“
„Ein Bluttest würde also auch nichts mehr bringen. Verfluchte Sche…Verzeih…“, aufgebracht fuhr sie sich durch die wilde Lockenpracht, „Irgendetwas muss doch…“
„Wenn Gavin und Nine es heute Nachtmittag schaffen…vielleicht kann Kamski dann aussagen und…“
„Wer weiß ob er überhaupt noch lebt oder in was für einen Zusta…“, sie bremste sich selbst ab, als sie sah wie Lucy sich kaum merklich anspannte, „Schätzchen, das tut mir leid…ich wollte nicht…“
„Schon gut bis jetzt spielte er keine große Rolle in meinem Leben…“, nachdenklich runzelte sie die Stirn, „Aber wenn Hank, Simon und ich zusammen aussagen würden, dann könnten wir es vielleicht richtig stellen.“
„Lucy das ist viel zu gefährlich und Simon werden sie nicht für Ernst nehmen weil…er ein Android ist, tut mir leid und du alleine ist viel zu gefährlich. Hank…ich weiß nicht ob Hank je wieder wach werden wird und ob er dann noch der Alte ist…Ich kann noch nicht mal sagen, warum er nicht wach wird…eigentlich müsste er ins Krankenhaus, seine Gehirnströme müssten überprüft werden und…“
„Ich kann vielleicht etwas versuchen…“

Überrascht schaute Lilli sie an.

„Ich habe auch einen Abschluss in Medizin…und vielleicht kann ich sein Unterbewusstsein erreichen und in sein aktives Bewusstsein gleiten lassen. Ich vermute nämlich, es gibt etwas, dass ihn daran hindert aufzuwachen…ich glaube es sind Nanobots in seinem Kreislauf.“, kurz rückte sie die viel zu große Brille zurecht.

„Woher sollten diese sein? Und wenn was hast du vor?“, skeptisch verschränkte Lilli die Arme vor der großen Brust.

„Ich will die Nanobots umprogrammieren…so dass sie ihn aufwecken und…“
„Nein! Lucy, Nein! Diese Dinger haben schon so viel Mist angestellt und ich werde sicher nicht erlauben, dass du...“
„Lilli…“, Lucy packte sie an beiden Schultern und schaute sie direkt an, „Was für andere Möglichkeiten gibt es sonst um die Unschuld deines Mannes zu beweisen? Ich glaube nicht, dass Hank will, dass ihm etwas passiert, besonders nicht, wenn er helfen könnte…“
„Und so rumvegetieren will der Alte sicher auch nicht.“

Verwundert schauten die beiden Frauen auf, Gavin stand oben am Geländer der Treppe und schaute zu ihnen hinab.

„Ich kann den alten Gockel nicht wirklich leiden, aber so einen Zustand wünsche ich niemanden und ich bin mir sicher hätte er die Wahl, würde der Sturkopf es ausprobieren.“

Lucy überraschte es sehr, solch fast schon herzlichen Wörter aus Gavins Mund zu hören, sie hätte nie damit gerechnet, dass er sich mal für jemand anderen einsetzen würde. Aber hier zwischen all diesen Androiden und Menschen, zeigte er doch immer wieder durchaus nette Züge…wohl gemerkt er war auch fast jeden Tag 24 Stunden da…obwohl er durchaus in seine Wohnung konnte…vielleicht wollte er nicht alleine sein? Vielleicht ging ihm das Ganze doch näher als gedacht? Vielleicht fühlte er sich auch dafür schuldig was mit Hank und Connor war? Alles nur Vermutungen, aber die Tatsache, dass er jeden Tag da war, deutete schon auf ein Bedürfnis nach menschlichen Beziehungen hin.

„Gavin hat recht Lilli…bitte lasse es mich versuchen.“

Ein schweres Seufzen.

„Na gut, aber bei der kleinsten Verschlechterung seiner Werte breche ich ab. Verstanden?“
„Ja.“


19.07.2040

Zeit Unbekannt

Ort Unbekant

Das surren des Motors, das quietschen der Bremsen, das Splittern, das Wimmern, das Flehen, das viele Blut…der LKW…die schneebedeckte Straße…sein lachender Sohn…wieder und wieder und wieder und wieder…

Eine Wiederholung nach der anderen, er konnte nichts tuen, immer und immer wieder sah er ihn…immer und immer wieder war er hilflos…immer und immer wieder starb er…

Seine Gedanken waren trübe geworden, abgestumpft…er konnte nichts tuen…würde es je enden?

Erneut stand er am Wrack, erneut sah er seinen weinenden Sohn…gleich würde es wieder von vorne beginnen, gleich würde er wieder auf dem Fahrersitz sitzen…


Konzentriert schob Lucy die lange Nadel tief in eine Ader hinein.

„War gar nicht so einfach, diesen kleinen Burschen umzuprogrammieren, aber wenn ich es schaffe, ihn wieder in den Schwarm einzuschleusen, dann kann ich sein Bewusstsein wieder in den Wachzustand holen.“
„Und wenn nicht?“, aufmerksam überachte Lilli die Werte, während ihr Blick immer wieder zu der klaren Flüssigkeit wanderte, die Lucy nach und nach in den Arm injizierte.

„Wäre das nicht so gut.“, umbehaglich räusperte sich die jüngere Frau.
„Du wirst das schon schaffen.“, ein sanftes Lächeln lag auf den Zügen des blonden Androiden.
„Wir haben noch eine Stunde bis Chris auf Streife geht…Lucy dann musst du bereit sein, um die Sicherheitsvorkehrungen…“
„Das kriege ich hin Lilli…aber wir brauchen Hank…“., langsam zog sie die Nadel heraus und griff nach ihrem Laptop, „So ich habe das Signal unseres kleinen Freundes, der Großteil der anderen scheint sich im Basalganglien aufzuhalten. Na dann bringen wir ihn doch mal da hin…“

Beiläufig schob sie ihre Brille zurecht. Wenn sie es nicht schaffen würde, die Programmierung auf die anderen Nanobots umzuschreiben, würden sie ihn zerstören und wer weiß, was sie dann noch zerstören würden…sie wusste nicht, ob sie einen Abwehrmechanismus besaßen…
Sie hatte es geschafft, 4 Stück aus seinem System zu filtern…drei hatten eine Selbszerstörung vollzogen, als sie den Körper entzogen wurden…CP14 schien also eine Fehlfunktion zu haben…

„Also quasi überzeugt unser kleiner Freund die anderen, Hank aufzuwecken?“, fragend zog Lilli Braue hoch, während ihr sie leicht die Sauerstoffzufuhr erhöhte, als es eine leichte Schwankung des Wertes gab.

„Er sendet einen Impuls, der dann durch den Schwarm natürlich viel stärker wäre.“
„Was für einen Impuls?“
„Das Connor Hilfe braucht.“, kurz trafen sich die Blicke der zwei Frauen.
„Gute Idee…“, kurz huschte Lillis Blick hinauf zu dem Antlitz ihres alten Freundes, „Er würde den Jungen nie hängenlassen.“
„Warum?“, fragend schaute Simon von Lucy zu Lilli.
„Aus demselben Grund, warum du nie Lucy hängen lassen würdest.“
„Sie…“, ein strafender Blick von Lilli, „Du…meinst der Lt…? Interessant...“
„Na da haben wir sie doch…jetzt wird es interessant…Ich initiere den Impuls auf 0,5% pro Sekunde…“


Ein seltsamer Wind fuhr über seinen Nacken entlang, er fröstelte, Coles Weinen wurde wieder lauter, flehend streckte er die Arme nach ihm aus…

Sein Körper setzte an, sich wieder wie von selbst zu bewegen, dann stoppte er, Coles Weinen verstummte…

Lt…

Er runzelte die Stirn, etwas schwerfällig drehte er den Kopf leicht nach Rechts…

Lt…bitte…

Wer?

Langsam, ganz langsam drehte er sich in die Richtung, eine Traube aus Menschen, ihre Münder bewegten sich, doch kein Ton verließ ihre Lippen. Verwirrt runzelte er die Stirn. Jemand rief ihn…

Hank…

Er kannte die Stimme…aber woher?

„PAPA!“, ein stechender Schmerz jagte durch seine Brust, „PAPA! WARUM GEHST DU?“


„Seine Herzfrequenz steigt schnell!“, hastig überprüfte Lilli die Werte und griff nach einer bereitliegenden Spritze, „Wir brechen ab ich…“
„Lilli warte! Ich hab´s gleich bitte…“
„Nein wir…“, erschrocken schaute sie auf als jemand ihre Hand ergriff und sie mit deutlichem Nachdruck von der Spritze fortzog.
„Sie schafft das Lilli.“, ein ernster Ausdruck lag in dem tiefblauen Auge.
„Was…wir hatten eine Abmachung!“

Schriller begannen die Instrumente zu piepsen, grelle rote Werte ploppten auf…

„KOMM ZURÜCK! WARUM LÄSST DU MICH STERBEN?! WARUM PAPA?“, dunkle Schleier begannnen sich durch die Umgebung zu ziehen, eine schmerzhafte Kälte breitete sich in seiner Brust aus, langsam, ganz langsam begann er sich zu seinem Jungen wieder umzuwenden, sein Hand steckte sich nach den ausgestreckten Händen seines Sohnes aus…


Der Körper begann zu zittern. Grelle Warntöne, sämtliche Werte waren im roten Bereich.

Lilli wollte vorschnellen, doch der Android hielt sie mit erstaunlicher Kraft zurück.

„Lass mich los! LUCY!“
„Ich hab´s gleich…“
„LUCY, DU BRINGST IHN UM!“, erneut versuchte sie sich los zu reißen, „LASS MICH LOS!“

Ein letzter Ruck ging durch den Körper, dann erschlaffte dieser und ein langezogener Ton erfüllte die Luft, als ein 0 auf dem Monitor aufblinkte…

„Komm schon…“
„LUCY!“

„Bleib bei mir Papa…bleib bei mir…für immer…“

Fast berührten sich ihre Fingerspitzen.

Ja er würde hierbleiben, er würde hier, bei seinem Sohn bleiben…für immer…

Langsam schloß er die Augen.

HANK!

Er zuckte leicht zusammen, verwirrt blinzelte er.

„Papa?“

HANK BITTE!

Diese Stimme…diese Stimme…ein Blitz schien durch seinen Geist zu jagen.

Wuscheliges braunes Haar, ordentlich zurecht gekämmt, markante Gesichtzüge, zwei braune Augen…

Mein Name ist Connor, ich bin der Android der von CyberLife geschickt wurde.

Connor…

Die Lippen des Jungen bewegten sich vor ihm, das Flehen, das Weinen…

Hank, ich brauche Hilfe!

Die weitaufgerissenden braunen Augen, die Angst, die Panik…

HANK!

„Cole…es tut mir so leid, dass ich nichts tuen konnte, dass ich dich nicht retten konnte…doch du hast keine Schmerzen mehr, da wo du bist und ich freu mich, dich dort eines Tages wieder zu sehen. Doch bis es soweit ist…da ist jemand der mich braucht, dem ich noch helfen kann. Ich kann noch nicht zu dir kommen, er braucht mich. Ich hab dich so lieb mein Kleiner…"

„NEIN PAPA! PAPA! KOMM ZU MIR PAPA!“
„Lebwohl Cole.“

Die Gestalt des Jungen bebte, kreischte, auch wenn kein Ton zu hören war, ein dämonisches rotes Leuchten, in den sonst so unschuldigen Augen.

Entschlossen wandte er sich ab, Schritt für Schritt wurde es leichter, Schritt für Schritt wurde es klarer.

Connor, halt durch, ich komme!

Die Dunkelheit begann sich zu lichten…


Das rhythmische Piepen eines kräftigen Herzschlages, ein erleichteres Seufzen, der Griff löste sich, Lilli schnellte nach vorne, hastig überprüfte sie die Werte, ein dumpfes Grummeln.

„Hank?“, vorsichtig griff sie nach seiner rechten Hand, seine Lider begannen zu flackern, „Hey…“

Ein grauer Schleier, er blinzelte, verschwommene Umrisse einer dunklen…Decke?

Etwas lag störend über seinem halben Gesicht, er wollte danach greifen, doch jemand hielt seine Hand offenbar fest, unbewusst erwiderte er den Griff.

„Guten Morgen…“, er blinzelte erneut und wandt seinen Blick zu der Seite von der aus er die Stimme hören konnte, eine schwarze Lockenpracht.

„Lill…“, seine Stimme hörte sich seltsam fremd an.

„Du verdammter…Ja ich bin hier.“, Freudentränen brannten in ihren Augen, hastig wischte sie sich mit der freien Hand über ihre Augen, „Hätte nie gedacht, mich mal so über dich zu freuen.“

Leise, ganz leise schlich sich die blondhaarige Frau aus dem Raum, gefolgt von dem blondhaarigen Android.

Mit der linken Hand griff der Lt. nach der Maske, die auf seinem Gesicht lag.

„Warte, ich helf dir.“, vorsichtig befreite seine alte Freundin ihn von dem störenden Teil, er blinzelte erneut, seine Sicht verbesserte sich merklich, er erkannte eine alte Holzdecke, langsam schaute er von links nach rechts, die Einrichtung erinnerte an ein altes Farmhaus, gepaart mit medizinischen Instrumenten, die so gar nicht ins Bild passten.

„Lil wo…?“
„Das Gästehaus, meines Bruders.“, ein seltsamer Ausdruck lag in dem sonst so heiteren Gesicht der Frau.

„Lil warum?...“, er räusperte sich, „Was ist passiert? Wo ist Connor?“
„Ganz langsam, erst einmal solltest du…“

Fest griff er ihre Hand.

„Lilli wo ist Connor?“


Hastig eilte sie den Flur entlang, vorbei an dem riesigen Hund, der neben der alten schweren Holzvitrine schlaftrunken den Kopf hob.

Lucy hör auf!

Hören sie auf!

Tränen brannten in ihren Augen, sie rannte zu ihrem Zimmer, riss die Tür auf.

Lucy, du bringst ihn um!

Sie bringen ihn um!

Schluchzend warf sie sich auf´s Bett, ein frustriertes Fauchen, empört sprangen zwei Fellknäule vom Bett.

„Lucy?!“, hastig schaute er sich im Raum um, ein Schluchzen, sie lag bäuchlings auf dem großen alten Holzbett, zwei Katzen huschten laut protestierend zwischen seinen Beinen hindurch, „Hey…“

Langsam trat er zum Bett, ließ sich auf dem Rand nieder und streichelte sanft über ihren erbebenden Rücken.

„Du hast es geschafft…“
„Aber ich habe sein Leben aufs Spiel gesetzt, Simon…ich war genau wie er…“, sie wimmerte.
„Du hast sein Leben risikiert, um es zu retten.“
„Und wenn er gestorben wäre?“, kam es gedämpft hinter dem weißen Kissen hervor, in dem sie ihr Gesicht verbarg.
„Ist er aber nicht. Ein gewisses Risiko gibt es immer…jetzt atme nicht die ganze Zeit ins Kissen, du kriegst so zuwenig Sauerstoff.“

Leicht stemmte sie sich hoch und drehte den Kopf leicht zur Seite.

„Die Brille ist viel schlimmer als das atmen…“, nuschelt sie leise als sie das klobige Gestell abnahm, „Ich will nicht skrupellos sein…“
„Du bist nicht skrupello…“
„Ich habe dich beinahe zu etwas gezwungen, was du nicht wolltest und eben habe ich beinah…“
„Lucinda…ja es war nicht richtig, aber du hast getan was du gedacht hast, am Besten ist, es war nicht aus Selbstsucht, du wolltest helfen. Das macht den Unterschied.“

Verwundert schaute sie ihn durch die blonden Strähnen hindurch an.

„Meinst du das wirklich?“
„Hab ich dich je angelogen?“, ein sanftes Lächeln lag auf den schmalen Lippen.

„Nein…“, sie richtet sich ganz auf und kuschelte sich an ihn, ließ zu, dass er den Arm um sie legte und an sich zog, „Danke…“
Ein kurzes Klopfen an der Tür, dann ging diese auf.

„Es geht jetzt lo…“, irritiert schaute Gavin die zwei an.

„Ist es schon so spät?“, fragend schaute Lucy auf, „Warte, ich geb euch den Sender und dann könnt ihr los.“


19.07.2040

14 Uhr

Straßen von Detroit

Altes Industriegebiet

„Damit ich das richtig verstehe, diese…Lucy? Hat sich in die Kamera unseres Streifenwagens gehackt? Damit keiner sieht das wir Gavin und…“, ihr Blick huschte kurz zum Rückspiegel in den sie die zwei Männer sehen konnten, „Connor 2.0 dabeihaben?“

Fragend warf sie Chris einen Blick zu, der auf dem Fahrersitz des Fahrzeuges saß.

„Korrekt.“, antworte er knapp, während sein Blick weiter auf die Straße vor ihm gerichtet war.

„Hm…könnte fast von mir sein, aber ihr habt eins vergessen.“, kurz wühlte sie in einer Tüte zwischen ihren Knien und zog etwas aus Stoff hervor. „Taaadaa!“
„Was zum Geier?“, leicht beugte sich Gavin nach vorne um das Gebilde besser zu sehen.

Nine saß volkommen unberührt hinter Tina, kerzengrade, den Blick starr gerade aus.

„Die Jacke von einer Uniform des RK800-Modells. Eine gute Schlussfolgerung Miss Chen.“
„Was laberst du da?“, kurz wanderte Gavins Blick hinüber zu der Blechbüchse, dann wieder zu der Jacke in Tinas Hand, „Was soll ´ne Jacke von der Blechbüchse bringen?“
„Gavin, jetzt schalte doch mal dein Hirn ein.“
„Für die RK800 Serie wurde ein sehr ähnliches Modell verwendet wie bei der RK900 Serie. Wenn ich die Jacke anziehe, könnte es zu 99,99 % sein das ich als RK800 durchgehen könnte.“
„Also wie diese seelenlosen Connors?“, leicht schüttelte sich Chris als er den Wagen in eine Seitengasse abbiegen ließ.
„Wie eine KI-RK8…“
„Jaja, wir haben es kapiert.“, unterbrach Gavin schroff, nahm die Jacke und schleuderte sie Nine entgegen, „Ist es nicht davorne gleich?“
„Ja, ihr solltet die Verbindung herstellen, hoffen wir, dass sie nicht die altmodische Verbindung des Funkens kennen…“, kurz rückte Tina ihre Mütze zurecht, bevor sie nach dem Übermitllungsgerät griff.

„Einheit CT85 beginnt nun mit der Streife im Bezirk Ia700.“
„Haben verstanden CT85, wir erwarten in 15 Minuten ihre erneute Meldung.“, war eine künstliche Stimme zu vernehmen.
„Verstanden.“, Tina beendete die Verbindung, als Chris am Ende der Gasse hielt.

Eine Betoneinöde, ein Stahlzaun mit Stacheldraht am Haupt, ein dunkler Betonklotz, umrahmt von alten rostigen Containern, wild wucherendes Unkraut…ein umgestürzter Kran…und doch kreisten dort so viele Drohnen.

Kaum merklich spannte sich Gavin an, überprüfte noch einmal die Waffe an seinem Gürtel.

„Dann los Blechbüchse, sag ihr, dass es losgeht.“
„Natürlich Detectiv…Lucy ist informiert und bereit, wir müssen nur den Sender in Position bringen, dann senden die Drohnen die falschen Informationen.“
„Ihr habt 45 Minuten, dann sind wir wieder genau an dieser Stelle, wir können 5 Minuten warten ohne vom Muster abzuweichen…“
„Verstanden.“, flink kletterte Nine, gefolgt von Gavin aus dem Wagen, kurz nickte Tina ihnen zu.

„Ihr kriegt das hin…Viel Glück und Gavin…“, sie schaute ihn direkt an, ein mitfühlender Ausdruck lag auf ihren Zügen.

„Passt ihr besser auf, pünklich zu sein.“, eine grimmige Miene, „Komm Blechbüchse.“

Schnelle hatte sich Nine die Uniformsjacke übergeworfen, die Ähnlichkeit zu Connor ließ einen bitteren Beigeschmack durch Gavins Geist jagen, hastig schüttelte er den Kopf und ging voraus.

Kurz darauf fuhr der Streifenwagen los.


„Ok Nine…ihr müsst noch 2 Meter ran, dann kann ich mich in die Drohne hacken die den äußeren Sektor umkreist…“, angespannt schaute Lucy auf ihren Bildschirm, mehrere Zahlencodes und Muster huschten über den Bildschirm.

Hinter ihr stand vollkommen ruhig Simon.

Sie würden ihn also retten…wenn er noch lebte…war das wirklich das beste? Ja sicher war es das Beste, er war ein Mensch und…ja es war das Beste.

„Verstanden. Nähern uns der Fabrik…0.5 Meter…1 Meter…1,5 Meter…2Meter…“

Flink huschten die schlanken Finger über die Tasten, als das Muster der Drohne auf ihrem Bildschirm erschien.

„Na komm schon…“, zackig rückte sie die Brille zu recht, kaum merklich lugte die Zunge am linken Mundwinkel hervor, „Hab´s…“
Leicht entspannte sie sich, bevor sie sich erneut an Nine wandte: „Nine ich habe jetzt eine Dauerschleife eingespielt, diese sollte für die Zeit reichen, dass keiner misstrauisch wird, aber ihr solltet euch trotzdem beeilen. Melde dich, wenn ich weiterhelfen kann.“
„Habe Verstanden.“
„Passt auf euch auf Nine…kommt Beide gesund zurück.“

Kurz stutzte er.

Gesund zurück? Er war eine Maschine, er konnte nur beschädigt werden und selbst wenn…

Nein er musste sich jetzt konzentrieren.

„Detectiv Reed es wäre sinnvoll, wenn sie mich vorlassen würden. Es würde aussehen, als würde ich sie gezielt führen.“
„Was laberst du ich...“, er stutzte und drehte sich kurz zu ihm um, „Vorwärts Blechbüchse, du hast die Jacke an.“

Ansepannt wanderte sein Blick durch die Luft, die kreisenden Drohnen schienen sie wirklich nicht zu erfassen.

Zügig traten sie auf eine rostige Tür zu, langsam wurde diese geöffnet ein „Connor“ trat aus der Tür.

„RK800 Einheit…nenne deinen Auftrag.“, die Stimme klang blechern und verzerrt, „Connors“ Züge wirkte ebenso verzerrt beim Sprechen.

Oh Scheiße…

Langsam wollte Gavin nach seiner Waffe greifen.

„Aufgabe…Detectiv Reed…in Gewahrsam bringen. Grund… Herumschnüffeln… RK700 wurde benachrichtig. Code785.“, Nines Stimme hörte sich ebenfalls verzerrt und abgehackt an.

„Verstanden…Zutritt gewährt…Zellenblock G…Code 785a.“, die KI trat zur Seite.

„Verstanden…:“, etwas unsanft schob Nine Gavin vorwärts, vorbei an der KI.

Es wurde dunkel, der Mensch musste mehrfach blinzeln, bis er sich an das Licht gewöhnte, mehrere gewaltige Kabelstränge verliefen über die Decke und Teile des Bodens, führten hinab in die tieferen Ebenen des Gebäudes…

Wo lang nun?


„Lucy Zutritt gelungen. Benötigen Unterstützung bei Ermittlung des Gebäudeplans.“
„In Ordnung…ich habe die alten Baupläne der Konservenfabrik…“, beiläufig nahm Simon ihr die Limonade ab, die er ihr eben erst gereicht hatte, „Sie ist vollkommen unterkellert…der alte Maschinenraum, da ist irgend….ich kann es nicht einordenen ein sehr schwaches Störsingnal würde ich sagen…Ich kann euch hin lotsen…Hör mir genau zu Nine.“

Was hatte das zu bedeuten?

„Hier lang Detectiv…“, kurzerhand stemmte er einen Luftschachtdeckel auf.

„Ich quetsche mich sicher nicht in diesen engen…“
„Möchten sie sich lieber durch die gesamte dunke Fabrik kämpfen?“, fragend schaute ihn der Android an.

Ein leises Fluchen.

„Entscheiden sie sich jetzt…dort kommen Einheiten.“

Leise knurrend verschwand er im Lüftungsschacht…
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