Schneeflockentanz

KurzgeschichteAngst, Schmerz/Trost / P12
Jack Frost
03.05.2020
03.05.2020
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Hallo zusammen!

Hier kommt eine kleine Geschichte, die auf einem Bild basiert:https://www.quotev.com/story/10697370/A-Taste-of-Winter-Jack-Frost-x-Reader/60 .  Das Bild hat mir die liebe Shikua Heartnet genannt.
Sie und ich werden jeden Sonntag versuchen, eine neue Geschichte zu einem Bild zu posten.
Da ich ihr auch ein Bild gegeben habe, geht es hier zu ihrer Geschichte: https://www.fanfiktion.de/s/5eaef2900000707c2e31e673/1/Wenn-keine-Krankenschwester-zur-Verfuegung-steht-

Wie immer wünsche ich viel Spaß beim Lesen und Kommentare sind immer gerne gesehen.

Mir gehört nur die Idee der Story, sonst nichts.




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Jack war der Hüter der Freude. Er liebte es, Spaß zu machen und Kinder zu begeistern. Er konnte den Wind und das Eis kontrollieren. Über Jahre hatte er sich nie Gedanken darum gemacht, dass seine Fähigkeiten auch Schattenseiten beherbergten. Oder so dachten es die anderen Geister.

Eis und Schnee konnte Freude bringen. Aber auch Leid und Schmerzen.
Jack war sich dessen bewusst. Sehr bewusst. Er müsse die Augen verschließen, um es nicht zu wissen. Aber er hatte so getan, als ob er es nicht wusste und die anderen hatten es ihm abgekauft.
Ihm sei es egal, was seine Fähigkeiten auslösen können. So sagten es die anderen Geister.
Jack war es jedoch nicht egal. Aber seine Kräfte waren der einzige Weg, um sich mit der Welt in Verbindung zu setzen.


Keiner der anderen wusste es, wie es war, dass alle durch einen hindurch gingen. Erwachsene und Kinder. Alle.
Keiner glaubte an Jack. Sein Name war ein Mythos. Ein Synonym für die Kälte im Winter. Nichts weiter.
Und wann immer ein Kind durch Jack hindurchlief, tat es Jack weh. Sehr sogar.
Die Kinder sahen ihn nicht. Die anderen Geister sprachen nicht mit Jack und der Mond schwieg auch.


Und dann wurde er zum Hüter und alles schien sich verändert zu haben. Die Geister sprachen mit ihm. Kinder fingen an, an Jack zu glauben und er wusste endlich, dass sein Dasein einen Sinn hatte.
Aber je mehr die Zeit verging, desto mehr ließ das Gefühl der Freude auch nach.
Immer mehr wurde es ihm bewusst, dass die anderen Hüter sich schon seit sehr langer Zeit kannten. Sie waren ein eingespieltes Team und Jack war der Außenseiter. Ohne Pitch Black und ohne den Mond wäre er kein Hüter und er würde weiter ignoriert werden.

Die Hüter waren am Nordpol versammelt. Jeder saß irgendwo. Alle hatten ihren Stammplatz. Einen Platz, den sie immer wieder aufs neue aufsuchten.
Alle, bis auf Jack. Dieser stand daneben, sah die anderen Hüter an. Sie teilten Geschichten. Geschichten, die sie zusammen erlebt hatten. Geschichten, bei denen Jack nicht mit reden konnte.
Es wurde ihm dann immer wieder aufs neue bewusst, dass er nicht richtig dazu gehörte. Nie richtig dazu gehören würde.

Er war der Hüter der Freude und dennoch empfand er keine Freude als er den Geschichten lauschte. Stattdessen hatte sich ein kaltes Gefühl in seiner Magengegend ausgebreitet. Sein Herz hatte sich schmerzhaft zusammen gezogen und er wünschte sich, dass er dazu gehören würde. Dass sie zusammen scherzen konnten ohne bei jemanden einen wunden Punkt zu treffen.
In den Jahren, als Jack verzweifelt nach einer Verbindung zur anderen Welt gesucht hatte, hatte er vieles kaputt gemacht.
Niemand hatte jemals verstanden, warum er immer wieder Schneestürme erzeugt hatte. Niemand hatte sich jemals die Zeit genommen, um einfach mal zu fragen. Niemand verstand den Schmerz, wenn niemand an einem glaubte. Niemand verstand den Schmerz, komplett alleine zu sein.

Und dann konnte er es nicht mehr zurückhalten, als sich seine Augen mit Tränen füllten. Jahre voller Einsamkeit waren nicht einfach zu vergessen und deswegen drehte er sich um, presste sich den Handrücken gegen die Augen. Er konnte, er wollte, nicht vor den anderen Hütern weinen.
Jack nahm einen tiefen Atemzug, versuchte die Tränen unter Kontrolle zu halten und sein schnell hämmerndes Herz zu beruhigen.
Als er sich dann sicher war, dass er seinen Körper wieder unter Kontrolle hatte, drehte er sich wieder um. Die anderen Hüter sahen ihn an. Er meinte, dass ihre Blicke besorgt waren.

„Jack?“, fragte dann die Zahnfee vorsichtig. Ein Ohr von Bunny zuckte etwas.

Jack ließ ein Lächeln auf seinen Lippen erscheinen. Er hoffte, dass es echt wirkte und niemand dahinter blicken konnte. Er hatte sehr schnell gelernt, dass es einfach war, zu lächeln.
Er war immerhin der Geist der Freude und man erwartete es von ihm, dass er lächelte.

„Ich hatte nur etwas im Auge“, zuckte er leicht mit den Schultern. Seine Hand umklammerte etwas mehr seinen Stab, leichten Frost überzog diese Stelle. Aber Jack versuchte sich nichts anmerken zu lassen.


Als sie sich alle schließlich voneinander verabschieden, war Jack zwiegespalten. Auf der einen Seite wollte er gehen, damit er nicht mehr so gegen seine Gefühle und Gedanken ankämpfen musste. Aber auf der anderen Seite wollte er einfach nicht gehen.
Er liebte den See bei Burgess. Es war sein Zuhause für so viele Jahre und immer wann er den See sah, im Sommer sanft am Glitzern durch die Sonnenstrahlen und im Winter eine Fläche aus Eis, hatte sich ein warmes Gefühl in seiner Brust ausgebreitet. Hier war er vom Mond auserwählt worden. Hier hatte er damals seine kleine Schwester gerettet.
Aber der See war auch der Ort der Einsamkeit. Niemand war am See gewesen, der ihn sehen konnte. Er hatte zwar eine kleine Höhle gefunden, die er sich anfangen hatte, heimisch einzurichten. Aber es war nichts im Vergleich zu dem Gefühl, dass er im Hasenbau oder am Nordpol bekam.
Der See war vielleicht sein Zuhause, aber es war nie heimisch für ihn gewesen. Wie konnte es auch, wenn er immer alleine gewesen war, sich aber nach Gesellschaft gesehnt hatte? Jemand, der mit ihm redete, mit ihm Spaß hatte?


Und dann stand Jack wieder am See.
Es war Herbst. Die Bäume waren dabei, ihre Blätter zu verlieren. Mit jedem Windstoß, der sanft durch die Blätter raschelte, fielen weitere ab. Sanft landeten sie auf dem Boden. Der einst grüne Boden war von bunten Blättern bedeckt und der See lag selbst ruhig vor dem Geist.
Nie hatte jemand den See gefunden.
Es war sein Versteck, seine Zuflucht.

Vorsichtig trat er einen Schritt auf das Ufer zu, streckte sein Fuß aus und unter seinem Fuß breitete sich Eis aus. Der See wurde zugefroren.

Stille.

Dann konnte es Jack nicht mehr kontrollieren. Er konnte seine Gefühle nicht mehr kontrollieren. Schnee fing an vom Himmel zu fallen und die Knie gaben unter Jack nach. Er landete auf dem kalten Eis und er konnte de Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie liefen über seine Wangen. Heiß auf seiner kühlen Haut und ein Schluchzen brach aus ihm heraus.
Er zog sich seine Kapuze über den Kopf. Er tat es immer dann, wenn er nicht mehr konnte. Es war ein schwacher Versuch, sich zu verstecken. Sich in einer Welt zu verstecken, die nichts mit ihm zu tun haben wollte. Eine Welt, die eh nicht an ihn glaubte. Oder nicht genug.
Sein Körper zitterte und er wünschte sich eine Umarmung.
Jemand, der sich um ihn sorgte.
Aber da war niemand. Noch nicht einmal die anderen Hüter.
Nur der Wind, der langsam die Schneeflocken um ihn herum zum Tanzen brachte. Jack konnte zwar den Wind kontrollieren, aber es war mehr wie ein Freund als alles andere.

Jack lächelte leicht durch die Tränen durch als er den Schneeflocken bei ihrem Tanz zusah. Sie umrundeten ihn, bildeten ein kleines Meisterwerk und als er eine Hand austreckte, hörte eine Schneeflocke in ihrem Tanz auf. Sie schwebte über seine Handinnenfläche und er sah das Muster der Flocke an.
Keine Schneeflocke glich der anderen.  


Wie lange er da saß, wie lange er den Schneeflocken in ihrem Spiel zuguckte, wusste er nicht mehr. Er wusste nur, dass der Wind immer für ihn da sein würde.