Blutrotes Funkeln

von Ferina
GeschichteDrama, Krimi / P16
03.05.2020
02.07.2020
23
42.813
6
Alle Kapitel
48 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 Datenschutzinfo
30.06.2020 1.702
 
Kapitel 21

Nachdem Jule gegangen war, trat der Arzt noch einmal kurz ins Zimmer. Er prüfte die Werte noch einmal und sprach kurz mit ihm, bevor er wieder ging. Denno war müde, aber hing seinen Gedanken nach. War nicht noch jemand hier gewesen heute? Ein groteskes Bild hatte sich nach dem ersten Aufwachen in seinen Kopf geschlichen. Ein Unfall und Polizisten. Und Irgendwas von Oliver und Franco. Er wusste, Oliver ihn verarztet hatte. Er war noch kurz wach im Rettungswagen, das wusste er ebenso. Sehr zu Olivers Freude. Aber dann war ihm schwindelig und er war wieder weggetreten. Der Arzt meinte nach seiner Operation, dass es reines Glück war. Der Helm hatte doch sehr viel Schaden abhalten können. Sein Bein war damit das schwerste Stück Arbeit. Ein wenig musste Denno grinsen. Solang er es überhaupt wieder nutzen konnte, würde ihn nichts an seinem Job hindern. Soviel stand fest. Ein wenig fahrig rieb er sich mit dem Handrücken über die Augen. Diverse Prellungen gab es wohl, und Rippen hatte er sich angeknackst. Gebrochen war wundersamerweise keine. Sah vor Ort wohl anders aus. So langsam fielen ihm die Augen zu, und er driftete wieder weg. In Gedanken bei einem Gespräch und einem seltsamen Traum mit dem Notarzt und seinem Assistenten, in einem NEF, das vor einem Baum hing. Als er noch einmal kurz erwachte, war die Sonne verzogen und machte der Dämmerung Platz. Müde gähnte Denno und suchte sich eine bequemere Position, bevor er wieder einschlief.
Der Arzt verließ das Zimmer des Feuerwehrmannes zufrieden. Anfangs sah das alles gar nicht danach aus, als ob es viel zu retten gab. Aber der Mann hatte scheinbar Knochen aus Stahl, denn so sehr sie auch teilweise gesplittert waren, hatten sie im OP alles wieder zusammen flicken können. Die Schienen, Platten und Schrauben hielten alles an Ort und Stelle, und für sicherlich einige Wochen würde er es gar nicht belasten können, bevor er sich überhaupt wieder bewegen durfte. Und dann zeigte sich, was der Unfall wirklich angerichtet hatte. Die moderne Sportmedizin war aber mittlerweile so gut, dass der Arzt selbst davon überzeugt war, dass es nur minimale Einschränkungen geben würde. Der Genesungsweg würde nur ziemlich lang werden. Die Polizisten hatten sich mit einem weiteren Patienten unterhalten, bevor er sie stören musste. Für diesen Patienten kam eine Untersuchung dazwischen, und die war wichtig. Sie würde über seinen weiteren Weg entscheiden.   Der Mann, auf den die beiden Polizisten gewartet hatten, war auf dem Weg auf seine Station. Die Unterlagen waren bereits über die internen Netzwerke hier, damit sie vorberietet waren. Es gab bei diesen Notfallpatienten sehr viel zu beachten. Die Zeit reichte aber noch aus, um die beiden Polizisten zu informieren. Kaum, dass sie zur Tür heraus waren, öffnete sich der Bettenaufzug. Zwei Schwestern brachten das Unfallopfer, und der Arzt selbst überflog noch einmal den Bericht, während er ihnen folgte. Dabei selbst erstaunt, dass der Mann noch lebte. Wie die Polizisten gesagt hatten. Nachdem der Patient verkabelt war und die Maschinen ihre Arbeit taten, blieb er noch einen Moment und beobachtete die Werte. Gedanklich bei den Verletzungen, die er davon getragen hatte. Neben diversen Quetschungen und Prellungen, kam ein Schleudertrauma dazu. Besonders den Kopf mussten sie beobachten. Das sie hier noch Probleme kriegen konnten, war nicht auszuschließen. Der junge Mann war im Kontrast zu seiner Hautfarbe sehr blass und eine Maschine atmete für ihn. Das er so schnell aufwachen würde, war unwahrscheinlich. Deshalb hatten sie ihn gleich mit Medikamenten schlafen lassen. Die Knochenbrüche wurden im OP gerichtet und versorgt. Allein der Unterarm des Mannes war komplett in Gips und ruhig gestellt. Innere Verletzungen waren ausgeblieben. Sein Glück. Die zahlreichen Schnitte und Kratzer wurden mit kleinen Tapes oder Pflastern verarztet. Der Stationsarzt seufzte tief und nickte zufrieden, bevor er sich abwand und wieder ging.

Tobias und sein Zwillingsbruder kamen gerade von ihrer Pause zurück, als der Rettungswagen einen weiteren Notfall brachte. Das sie heute beide in der Notaufnahme waren, hatten sie einem Planungspatzer zu verdanken. Aber darum waren sie nicht traurig. Die verwirrten Gesichter der Patienten waren den Spaß allemal wert. Und über den Kollegen des jungen Mannes, der mit seinen beiden Begleitern nach einem Sturz hier war, lachten sie in der Pause noch mal herzlich. Eben dieser saß nun aber auf einer Liege vor ihnen, mit schmerzverzerrtem Gesicht und einer besorgten Katja neben sich. „Was hast du denn nun angestellt?“ wollte Tobias verwundert wissen. „Schutzschild spielen“ entkam es ihm mit zusammengebissenen Zähnen. Freddy besah sich den Rücken, der schon halb freigelegt war, und Thomas trat zu ihm, verzog dann das Gesicht. „Autsch.“ Die junge Frau seufzte nur und nickte. „Allerdings. Aber hätte Michi nicht so reagiert, würd ich vermutlich jetzt hier liegen“ murmelte sie. Die Pfleger sahen sie an, dann sich kurz. Und Tobias fiel auf, dass sie blasser wirkte, als bei ihrem letzten Besuch. „Was ist denn passiert?“ fragte der Arzt dann noch einmal nach. Katja strich sich die Haare hinter die Ohren. „Wir waren bei dem Verhör. Der Täter hat die Ablenkung genutzt, und wollte mit einem Kuli auf mich los gehen. Michi ist dann dazwischen gegangen und hat ihn sich eingefangen.“ Der Arzt nickte und seufzte. „Das werden wir so nicht raus kriegen. Erst mal zum CT, um zu sehen was es alles erwischt hat. Dann meld ich schon mal eine OP an, der muss operativ entfernt werden“ erklärte der Arzt. „Und um eine Nacht bei uns werden Sie auch nicht herum kommen.“ – „Soll mir recht sein, Hauptsache ihr kriegt das Ding da bald raus“ presste der Verletzte wieder hervor. „Hey, alles klar bei dir?“ riss Tommys Stimme sie aus dem Gespräch. Als Frederik aufsah, hatte der Pfleger gerade eine Hand auf der Schulter der Polizistin und zog den Hocker heran, auf den er sie dirigierte. „Katja?“ fragte Michael besorgt nach. Sie war blass und zitterte, und das passte so gar nicht zu ihr. Die Polizistin sah auf und hatte die Lippen zusammengepresst. Dann atmete sie tief durch und versuchte, sich zu beruhigen. Sie schüttelte den Kopf und ließ ihn wieder hängen. „Tut mir leid“ murmelte sie. „Was tut dir leid? Du hast doch nichts gemacht“ wunderte ihr Kollege sich nun wieder. Tommy legte den Kopf schief. „Nein, das Problem ist ein anderes. Das war vermutlich alles einfach zu viel heute.“ Katja nickte nur matt und versuchte ihre zitternden Hände zur Ruhe zu bringen. „Tobias, bring ihn am besten erst mal zum CT.“ Der Pfleger nickte und platzierte Michael in einem Rollstuhl, immer auf die Verletzung bedacht, und brachte ihn aus dem Schockraum. Katja sah ihm nach. Die Hand auf ihrer Schulter ließ sie zusammen fahren. Doktor Seehauser hockte vor ihr und lächelte aufmunternd. „Das ist nichts, mit dem die Kollegen nicht umgehen könnten. Wie geht es Ihnen?“ Und darüber dachte Katja wirklich nach. Wie ging es ihr? Seit sie gestern Abend aus Duisburg losgefahren sind, hatten sich die Ereignisse überschlagen. Erst wurde Fabian fast überfahren, dann wurde Linus entführt und Bora lag schwer verletzt in einem anderen Krankenhaus. Schließlich wäre Fabian fast zusammen gebrochen, und dann hatte Michael sie vor einer hinterhältigen Attacke beschützt, weil sie selbst abgelenkt war. Wie ging es ihr dabei? Sie schüttelte nur leicht den Kopf. „Nicht gut“ murmelte sie dann. Freddy nickte. „Das glaub ich Ihnen gern.“ Er schien zu überlegen. „Möchten Sie ein Beruhigungsmittel?“ Katja sah auf. „Nein, bitte. Ich muss wissen, wie die OP verläuft. Sonst komm ich gar nicht mehr zur Ruhe“ gestand sie. Wieder nickte der Arzt und sah seinen Pfleger an. „Tommy, ruf auf Station an. Die sollen ein Zimmer fertig machen für die zwei.“ Während die Polizistin den Arzt verwirrt ansah, nickte der Pfleger und wählte bereits die Kurzwahl der Station. „Wenn das Zimmer fertig ist, beziehen Sie es schon mal. Ihr Freund kommt nach der OP nach. Ich will Sie in dem Zustand ungern gehen lassen.“ Das Zittern nahm zu, als sie nur nickte und sich mit dem Handrücken dann die heimtückisch brennenden Tränen aus den Augen wischte. „Die haben sogar eins fertig. Wir könnten direkt hoch.“ Freddy nickte zufrieden. „Dann bring sie gleich hoch. Ich gebe Tobias Bescheid, dass er dann die Kollegen informiert. Und sag Verena bitte Bescheid mit dem Beruhigungsmittel, wenn Frau Wolf es in Anspruch nehmen möchte.“

Als Frederik nach seinem Feierabend noch kurz bei seiner Kollegin Verena Fabius vorbeischaute, lächelte die ihm entgegen. „Kommst du wegen deinen beiden Polizisten?“ Freddy nickte. „Denen geht es soweit gut. Die OP ist gut gelaufen, ohne Komplikationen. Und Frau Wolf hat das Beruhigungsmittel auf Drängen ihres Kollegen doch angenommen.“ – „Das ist gut. Ist auch besser so. Ich weiß ja nicht, was da alles passiert ist, aber es muss wirklich nicht schön gewesen sein. Ich mach jetzt aber erst Mal Feierabend. Ruhige Schicht dir“ lächelte Frederik beruhigt, bevor er in den wohlverdienten Feierabend ging. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es inzwischen fast ein Uhr nachts war. Zeit, einen Haken an diesen Tag zu machen.

In der Uniklinik wurde Denno von einem Geräusch geweckt, was er nicht zuordnen konnte. Er war müde und die Schmerzmittel ließen langsam nach. Personen sprachen gerade, und er sah sich im Zimmer um. In dem Bett nebenan lag plötzlich jemand, was vorher nicht der Fall war. Durch das dämmrige Licht erkannte er nichts. Die Geräuschquelle wurde aber an anderer Stelle deutlich, denn eine Schwester brachte ein weiteres Bett ins Zimmer. Wie bei seinem Bettnachbarn wurden Kabel angeschlossen und augenblicklich erklangen nun drei asynchrone Pieptöne im Raum, wie er bemerkte. Der Feuerwehrmann versuchte durch das Dämmerlicht etwas zu erkennen, aber der Arzt stand plötzlich in seinem Blickfeld. „Herr Schmitz?“ fragte er leise. Denno sah auf. „Haben Sie Schmerzen?“ fragte er dann, und Denno nickte leicht. „Die Schmerzmittel lassen nach. Einen Moment.“ Er war verschwunden, und kam kurz darauf wieder. Eine Spritze in der Hand, die er in seinen Zugang injizierte. „So. Das sollte Ihnen noch etwas Ruhe geben. Wundern Sie sich nicht, das Mittel macht sehr schläfrig. Damit kriegen Sie hoffentlich einen erholsamen Schlaf.“ Denno nickte dankbar. Wie das Mittel wirkte, merkte er fast augenblicklich. Die dumpfen Schmerzen in seinem Kopf und seinem Bein nahmen ab und pulsierten zunächst nur noch unangenehm, während er selbst die Augen nicht mehr offenhalten konnte. Bevor er den Arzt nach seinen neuen Bettnachbarn fragen konnte, schlief er schon wieder ein.
Review schreiben