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Opposite

von Yueliang
GeschichteDrama, Freundschaft / P18 / MaleSlash
Han / Han Jisung Lee Know / Lee Minho
03.05.2020
01.06.2020
10
16.757
9
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24.05.2020 1.211
 
Überfordert blickt Minho auf Jisung, der das Gesicht vor Schmerzen verzogen hat. So fest hat er eigentlich nicht zugedrückt. Jisung nutzt den Moment der Verwirrung und flüchtet nach draußen. Einen Augenblick verharrt Minho an Ort und Stelle, ehe er sich beeilt dem Jüngeren zu folgen und er sieht dessen schwarzen Haarschopf am Ende des Ganges. Das wird noch zum Ausdauertraining, so oft wie ich Jisung hinterher renne, denkt Minho bissig und drängelt sich durch die Schüler, was ihm einige empörte Ausrufe einfängt. Jisung läuft bis ins oberste Stockwerk, wo er die Tür zum Dach öffnet und nach draußen verschwindet. Da kann er wenigstens nicht wieder wegrennen, denkt Minho erleichtert und hält an, um kurz zu Atem zu kommen. Er tritt nach draußen und blinzelt aufgrund der plötzlichen Helligkeit. Jisung steht ein paar Meter vor ihm, seine Schultern heben und senken sich rasch.

Auf einmal sinkt er zu Boden und vergräbt das Gesicht hinter den Händen. Sein Oberkörper bebt und dann hört Minho ein Schluchzen. Doch er rührt sich nicht und bleibt in der Tür stehen. Zu gerne würde er Jisung trösten, aber ob der das zulässt? Plötzlich kommen Schritte die Treppe hoch und Minho dreht sich um. Chan ist ihm offenbar gefolgt und tritt neben ihn. Er sieht den weinenden Jisung draußen auf dem Dach sitzen und stößt Minho auffordernd an. „Na los, geh zu ihm. Zeig ihm, dass du da bist“, sagt er entschlossen und Minho nickt nur. Langsam geht er auf Jisung zu, aber der bemerkt ihn nicht. Mit ein wenig Abstand zueinander setzt Minho sich neben ihn und wartet geduldig ab. Der Jüngere hat die Beine an den Körper gezogen und den Kopf dazwischen vergraben. Irgendwann beruhigt er sich wieder und hebt den Kopf.

Schniefend fährt er sich über die nassen Wangen und erblickt Minho. „Wie lange bist du schon hier?“, ruft Jisung mit zitternder Stimme und springt auf die Füße. Langsam rappelt sich Minho ebenfalls auf, während Jisung hastig versucht seine Tränen wegzuwischen. Dennoch sprechen seine geröteten Augen für sich und er senkt den Kopf. „Jisungie, wir haben uns etwas versprochen. Das wir aufeinander aufpassen werden, weißt du nicht mehr?“, sagt Minho und schluckt hart. „Wir mussten dieses Versprechen beide brechen“, entgegnet Jisung mit erstickter Stimme. „Wir hätten es trotz deines Umzugs geschafft“, antwortet Minho leichthin und der Jüngere zieht die Nase hoch. Auf einmal ist sein kaltes, abweisendes Verhalten verschwunden und was bleibt, ist ein verunsicherter und still leidender Sechzehnjähriger.

Angestrengt versucht Minho das Bedürfnis zu unterdrücken den anderen in seine Arme zu nehmen, er hat langsam begriffen, dass Jisung keine Berührungen mehr mag. Somit bleibt er mit einem gewissen Abstand vor ihm stehen und wartet ab. Jisung läuft wieder eine Träne über die Wange, die er mürrisch wegwischt und sich dann auf die Unterlippe beißt. Minho will gerade zum Wort ansetzen, als etwas von Jisungs Hand zu Boden tropft. „Ist das Blut?“, entfährt es dem Älteren fassungslos, als er die Farbe erkennt. Fast schon ertappt, fährt Jisungs Kopf hoch und er schüttelt panisch den Kopf. Diese Reaktion sagt Minho schon alles. Der Jüngere will zur Tür, aber dieses Mal hat Minho das kommen gesehen und stellt sich ihm in den Weg. „Ist es nicht anstrengend, immer vor jedem wegzulaufen?“, fragt er ernst und Jisungs Augen füllen sich erneut mit Tränen.

Schnell senkt er den Blick zu Boden. Behutsam greift tippt Minho ihm ans Kinn und der Jüngere hebt wieder den Kopf. Für einen Moment passiert nichts, dann zieht Jisung plötzlich seine Lederjacke aus und schockiert stellt Minho fest, dass der weiße Ärmel der Schuluniform sich rot verfärbt hat. „Du hast offenbar zu viel Kraft gehabt und die Wunden sind aufgerissen“, sagt Jisung leise und seine Stimme bebt. „Wunden? Welche Wunden?“, fragt Minho zaghaft und eine dumpfe Vorahnung beschleicht ihn. Vorsichtig zieht Jisung den Hemdärmel hoch und Minho entweicht alle Luft. Unzählige Schnitte zeichnen sich auf dem Unterarm ab, einige wirken frisch, als würden sie erst einen Tag alt sein. Blut tropft herab und schnell schiebt Jisung den Ärmel wieder darüber. Sprachlos sieht Minho ihn an.

„Wie muss man sich fühlen, um sich sowas anzutun?“, bringt er schließlich mühsam über die Lippen und ganz offenbar hat Jisung nicht mit so einer Reaktion gerechnet. Seine Augen weiten sich überrascht, ehe plötzlich vom Dach stürmt. Jetzt hat Minho aber nicht die Kraft ihm zu folgen. Er setzt sich auf den Boden und atmet tief durch. Das muss er jetzt erstmal verarbeiten. Jisung, sein Jisung leidet wohl so sehr, dass er sich selbst verletzt. Tränen sammeln sich in seinen Augen, aber Minho kämpft diese zurück. Er darf jetzt nicht zusammenbrechen. Keine Ahnung, wie lange er alleine oben auf dem Dach bleibt. Irgendwann allerdings öffnet sich wieder die Tür. „Hier bist du“, ertönt Hyunjins erleichterte Stimme und Minho schaut auf, reagiert aber sonst nicht weiter. „Was ist denn passiert? Jisung kam gerade ins Klassenzimmer gestürmt, hat seine Sachen gepackt und ist verschwunden.“

Fragend schaut er auf den Älteren herab, der nur vor sich ins Leere starrt. „Hallo? Erde an Minho-hyung?“, ruft Hyunjin ungeduldig, aber er erhält keine Antwort. Minho fragt sich, was dieses „Erlebnis“ mit seinem Vater aus Jisung gemacht hat. Hilflosigkeit macht sich in ihm breit, da er nicht weiß, wie er seinem ehemaligen besten Freund helfen soll. Hyunjin legt ihm eine Hand auf die Schulter. „Hyung, komm mit rein. Der Unterricht geht gleich los“, sagt er leise und Minho kommt langsam wieder auf die Beine. Der Jüngere realisiert, dass wohl etwas vorgefallen sein muss, was den anderen ziemlich aus der Bahn gebracht hat. Auch Chan merkt das sofort, als Minho neben ihm sitzt. Teilnahmslos starrt dieser vor sich hin, ohne wirklich auf den Unterricht zu achten. Er weiß, dass Minho noch immer romantische Gefühle für Jisung empfindet.

Irgendwann wird Minho an Jisungs Verhalten kaputt gehen und das macht dem Australier Sorgen. Er will nicht gleich zwei seiner besten Freunde verlieren müssen. Plötzlich rollt Minho eine Träne über die Wange, die er sich unauffällig wegwischt. Aber Chan hat es bemerkt und greift unter dem Tisch nach seiner Hand. Er weiß nicht genau, was sich oben auf dem Dach abgespielt hat, aber gut scheint es nicht gewesen zu sein. Auch der weinende Jisung kommt ihm ins Gedächtnis und wie er da so zusammen gesunken gehockt hat. Etwas muss passiert sein, irgendwas, das ihn in diesen Zustand gebracht hat. Chan ist hin und her gerissen. Zum einen hält er es für klüger, Jisung in Ruhe zu lassen, aber umso mehr er darüber nachdenkt, desto dringender will er für Jisung eigentlich da sein und ihn aus seinem Loch herausholen. So wie sie es immer getan und geschafft haben.

„Bang Chan!“, holt ihn die strenge Stimme von Frau Ahn aus den Gedanken. „Lee Minho!“, trifft es den Dunkelhaarigen neben ihn. „Ihr kommt jetzt vor an die Tafel und löst die Aufgaben dort. Ihr beide sitzt seit fünf Minuten da und macht absolut nichts!“ Chan muss sich trotz allem ein Grinsen verkneifen, was Minho merkt und ihm ein Augenrollen schenkt. Dennoch kommen sie der Aufforderung nach. Unter den wachsamen Augen von Frau Ahn fangen sie an zu arbeiten. Als sie wieder auf ihre Plätze dürfen, muss Chan sich immer noch ein Lachen verkneifen und Minho scheint es wohl genauso zu gehen. Wenigstens hat er noch das Bedürfnis zu lachen, denkt Chan erleichtert.
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