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Opposite

von Yueliang
GeschichteDrama, Freundschaft / P18 / MaleSlash
Han / Han Jisung Lee Know / Lee Minho
03.05.2020
01.06.2020
10
16.757
9
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10.05.2020 2.097
 
Nervös steht Minho am nächsten Morgen vor der Eingangstür der Schule. Er wartet auf Jisung. Auch wenn der Unterricht bald beginnt, er muss einfach nochmal mit ihm sprechen. Natürlich wollte Changbin ihm diese Idee mit Vehemenz ausreden, doch Minho hat sich nicht beirren lassen. Chan hat ihn nur vielsagend angesehen und dann kurz mit den Schultern gezuckt, als würde er am liebsten sagen wollen: Mach was du willst, aber ich habe dich gewarnt. Unruhig tritt Minho von einem Bein aufs andere. Hin und wieder laufen einige seiner Klassenkameraden vorbei und nicken ihm kurz zu. „Kommst du nicht mit rein?“, fragt Park Jiwon, eine Mitschülerin und schaut ihn verwundert an. „Ich warte auf jemanden“, antwortet Minho und lächelt gezwungen. Die Blondhaarige legt den Kopf schief und folgt ihrer Freundin nach drinnen. Minho ist es egal, was seine Mitschüler denken. Wieder schaut er auf seine Armbanduhr.

Nur noch fünf Minuten, dann klingelt es zur ersten Stunde. Jisung, wo bleibst du? , denkt er ungeduldig und lässt den Blick über die Schüler schweifen, die zum Schultor herein hasten. Plötzlich erspäht er einen dunklen Haarschopf und erkennt die schwarze Lederjacke, die er gestern schon getragen hat. Ein erleichtertes Geräusch entfährt Minho. Er ist doch noch gekommen. Jisung nimmt keine Notiz von den Schülern um sich herum, mit gesenktem Kopf läuft er über den Schulhof und erklimmt die Treppenstufen zur Eingangstür. Erst als Minho sich ihm in den Weg stellt, schaut er abrupt auf. Sein verwunderter Blick schwingt in Abneigung um, als er ihn erkennt. Der Ältere versucht diesen Ausdruck zu ignorieren und räuspert sich. „Du kennst uns. Du kennst mich“, sagt er leise und schaut Jisung flehend an. „Natürlich kenne ich euch“, spuckt dieser förmlich aus und rümpft die Nase. „Wieso bist du dann so?“, will Minho wissen und schluckt. Er kann diesen abfälligen Blick von Jisung einfach nicht ertragen. Noch nie hat er ihn so voller Frustration und Wut angesehen. Minho hat sein Lächeln geliebt, dann ging immer buchstäblich die Sonne auf.

„Weil es halt so ist!“, faucht Jisung und will sich an dem Älteren vorbeidrängen. Mittlerweile sind sie die letzten hier draußen vor der Schule. Der Unterricht beginnt jede Minute, aber Minho lässt diese Tatsache jetzt kalt. Er hält den Jüngeren wieder zurück und wird darauf genervt angesehen. „Das ist keine richtige Antwort“, beharrt er stur und versucht ruhig zu bleiben. „Lass es einfach“, entgegnet Jisung und seine Stimme klingt mit einem mal völlig emotionslos. „Ihr seid für mich gestorben. Du bist für mich gestorben, Minho.“ Bewusst lässt er das „Hyung“ weg. „Und jetzt lass mich verdammt noch mal los!“, knurrt er und seine Stimme rutscht eine Oktave tiefer. Minho blickt in seine dunklen Augen und versucht vergeblich die Wärme von damals zu finden, aber sie ist verschwunden. Langsam lässt er Jisungs Arm los und dieser stößt die Eingangstür auf und verschwindet nach drinnen.

In dem Moment klingelt es auch schon zur ersten Stunde und das laute Geräusch lässt Minho zusammenfahren, aber er bleibt stehen. Du bist für mich gestorben, Minho, hallt ihm Jisungs Aussage durch den Kopf und in ihm zieht sich alles zusammen. Was hat er angestellt, dass er so schlecht auf ihn zu sprechen ist? Er versteht nichts mehr. Irgendwann kommt Regung in ihn, als er realisiert, dass er eigentlich im Unterricht sitzen sollte. Hastig läuft Minho ins Gebäude und kommt außer Atem vor seinem Klassenzimmer an. Er klopft vorsichtig gegen die Tür und tritt ein. Entschuldigend verbeugt er sich und Herr Kim dreht sich ihm zu. „Ach, Herr Lee! Schön das Sie den Weg doch noch gefunden haben!“, stellt er fest und seine Stimme trieft vor Sarkasmus. Minho huscht schnell zu seinem Platz. Er blickt auf die Uhr an der Wand und stellt fest, dass er nur fünf Minuten zu spät ist. Doch sein Lehrer scheint die Verspätung persönlich zu nehmen und ignoriert ihn die restliche Stunde völlig. Das kommt Minho gelegen, denn das Gespräch mit Jisung lässt ihm keine Ruhe und er kann sich kaum auf den Unterricht konzentrieren. Chan scheint zu merken, dass etwas vorgefallen sein muss, denn er formt lautlos: „Alles okay?“ Minho schüttelt den Kopf und deutet auf die Uhr. Er wird dem Älteren in der Pause den Vorfall schildern.

Und kaum ist die Klasse in die Pause entlassen, dreht Chan sich zu ihm und sieht ihn aufmerksam an. „Also, was ist los?“, fragt er ernst und Minho seufzt tief auf. Als er mit seiner Erzählung endet, wirkt der Ältere irgendwie beunruhigt. „Hast du eine Idee, was wir ihm getan haben?“, will Minho verzweifelt wissen, aber Chan schüttelt nur den Kopf. „Das klingt alles echt merkwürdig“, murmelt er. Minhos Blick wandert zum Fenster und er schaut nach draußen. Die Bäume bewegen sich im Wind und kurz schließt er die Augen. Er kennt Jisung seit sie Kinder waren. Sie haben zusammen mit Changbin denselben Kindergarten besucht und man traf sie immer nur zu dritt an. Auch wenn die beiden jünger sind, es hat Minho nie gekümmert. Natürlich sind sie dann auch in dieselbe Grundschule gegangen, da Minho allerdings ein Jahr eher eingeschult wurde, war er gezwungen sich für die Schulzeit einen neuen Freund zu suchen und zum Glück traf er auf Chan, welcher in seiner Klasse war.

Als dann Jisung und Changbin eingeschult wurden, hat Minho sie miteinander bekannt gemacht und Chan hat die beiden Jüngeren sofort gemocht und umgedreht war es genauso. Mit Jisung und Changbin kam Felix dazu, der wiederum ging in ihre Klasse. Die Tatsache, dass er halb Australier, halb Koreaner ist, hat Chan unglaublich gefreut. Noch heute haben die beiden eine Beziehung, die die anderen nur schwer verstehen. Es ist, als haben sie ihre eigene kleine Welt. Seungmin kam dazu, als Minho in der dritten Klasse und die Jüngeren folglich in der zweiten Klasse waren. Dieser ist umgezogen und hat die Schule gewechselt. Jisung ist gleich auf ihn zugegangen und hat gefragt, ob er sich zu ihnen setzen möchte. Wegen diesem Angebot hat Seungmin ihn noch Jahre später aufgezogen, da Jisungs Offenheit damals keine Grenzen gesetzt waren. Fast zur selben Zeit hat Minho in einer Tanzschule Hyunjin getroffen.

Schon im Grundschulalter hat Minho Interesse am Tanzen gehabt und somit haben seine Eltern ihn bei einem Tanzkurs angemeldet, wo auch Hyunjin dabei war. Dieser saß etwas abseits der anderen Kinder und deswegen hat Minho sich zu ihm gesellt. Sie haben angefangen sich zu unterhalten und dabei heraus kam, dass Hyunjin in die Parallelklasse von dem jüngeren Quartett geht. Anfangs war Jisung eifersüchtig auf Hyunjin, weil Minho sich viel um ihn gekümmert hat, da dieser in seiner Klasse keine Freunde hatte. Deswegen wollte er ihn gerne in ihre kleine Gruppe integrieren. Irgendwann aber haben Jisung und Hyunjin sich angefreundet und verstanden sich immer besser, sodass Minho kurz darauf eifersüchtig wurde. Jeongin, ihr Jüngster, kam als letzter dazu und auch nur aufgrund eines Zufalls. Als dieser in der Grundschule war, trug er eine ziemlich große Brille und deswegen haben ihn die anderen Kinder in den ersten Jahren immer geärgert. Als sie alle in einer Pause draußen gespielt haben, sind sie auf einen kleinen Jungen gestoßen, der versteckt hinter dem Klettergerüst saß und geweint hat.

Seine Brille wurde ihm von einigen älteren Schülern geklaut, die in Chans und Minhos Parallelklasse gingen. Während die beiden Ältesten der Gruppe die Jagd auf die Diebe eröffnet haben, blieben Felix, Seungmin und Hyunjin bei dem Jungen, der sich ihnen als Yang Jeongin vorgestellt hat. Chan, Minho, Changbin und Jisung haben schließlich Jeongins Brille zurückerobert. Minho lächelt, als er daran denkt, wie der damals zehnjährige Chan einen Rachefeldzug ausgedacht hat. Ihr Ältester hatte schon immer Führungsqualitäten und konnte innerhalb von Minuten Pläne entwickeln. „Was ist so witzig?“, befördert Chans Stimme ihn zurück in die Realität. „Weißt du noch, wie wir Jeongin kennen gelernt und seine Brille zurückbekommen haben?“, entgegnet Minho grinsend. „Da waren wir in der vierten Klasse. Wie könnte mir das entfallen?“, lacht Chan daraufhin. „Die Standpauke, die wir damals bekommen haben, werde ich nie vergessen. Aber es hat sich gelohnt, keiner hat Jeongin seitdem wieder geärgert.“ Zufrieden grinst der Ältere vor sich hin.

„Vielleicht weil sie wussten, dass hinter Jeongin sieben Freunde stehen“, erwidert Minho und versinkt wieder in seinen Gedanken. Sie haben sich alle in der Grundschule gefunden und das hielt bis zur Mittelschule, bis Jisung umziehen musste. Das war vor drei Jahren. Anfangs haben sie jeden Tag telefoniert und am Wochenende sich über Skype gesehen. Es war nicht das gleiche, aber es hat geholfen, um sich nicht zu sehr zu vermissen. Aber dann von einem Tag auf den anderen, hat Jisung nicht mehr reagiert. Auf niemanden mehr. Minho wollte allerdings nicht so schnell nachgeben und hat immer wieder probiert ihn zu erreichen. Irgendwann hat er den Faden aber auch abgerollt und es gelassen. Sein Umzug hat eine Lücke hinterlassen und das er jetzt plötzlich wieder in Seoul ist, kann Minho nicht so einfach ignorieren. Wie auch, wenn er immer noch- Er bricht den Gedankengang ab und beißt sich auf die Unterlippe. Er sollte nicht mehr so viel darüber nachdenken, aber leider ist das nicht so einfach.

Im nachfolgenden Matheunterricht sitzt Minho mal wieder ratlos da, was diesen ziemlich frustriert. Er hat gestern Abend sich die Lektion nochmal durchgelesen und einige Rechnungen geübt. Wieso versteht er jetzt wieder kein Wort? Verwirrt richtet er den Blick auf die Tafel, wo Frau Yoo gerade verschiedene Gleichungen hingeschrieben hat, die es gilt zu lösen. Eigentlich war Minho immer einer der Besten in Mathe, aber in letzter Zeit begreift er vieles erst zu spät oder macht Flüchtigkeitsfehler. Chan scheint keine Probleme zu haben, sein Stift fliegt über das Papier, als er eine Gleichung nach der anderen löst. Resignierend greift Minho nach seinem Stift und beginnt die Aufgaben in sein Heft zu übertragen. „Du wirkst irgendwie aufgebracht“, stellt Chan nach dem Unterricht fest und sieht den Jüngeren forschend an. Dieser fährt sich mit beiden Händen durch seine dunklen Haare und atmet tief durch. „Dieses Thema ist echt der Horror“, murrt er schließlich und der Ältere lächelt mitfühlend. „Mach dir nicht so einen Druck, du kannst das. Du weißt, dass ich es dir auch mitten in der Nacht erklären würde“, muntert er ihn auf und Minho lächelt müde. „Ich komme drauf zurück, Hyung“, seufzt er und steht auf.

„Gehen wir zu den anderen?“, fragt Chan unternehmungslustig, aber Minho schüttelt den Kopf. „Ich bin draußen, mir ein bisschen die Beine vertreten“, sagt er entschuldigend. Während Chan ihre jüngeren Freunde aufsucht, verschwindet Minho durch einen Seiteneingang auf den Schulhof. Blinzelnd tritt er in die Sonne. Viele Schüler sind wohl auf dieselbe Idee gekommen und sitzen in kleinen Gruppen auf dem Rasen und essen ihr Mittagessen. Ziellos läuft Minho über das Gelände, bis er glaubt Jisung hinter der Turnhalle zu sehen. Neugierig geht er näher heran und späht um die Ecke. Der Jüngere steht an der Wand gelehnt da und starrt auf den Boden, eine Zigarette in der Hand und wieder trägt er diese schwarze Lederjacke. Minho wundert sich, wie ihm das nicht zu warm sein kann. Jisung nimmt einen Zug und bläst dann den Rauch aus. Er hebt den Kopf und starrt nach oben in den blauen Himmel. Ein erschöpfter Ausdruck liegt auf seinem Gesicht und es wirkt, als würden seine Beine jeden Moment nachgeben. Minho geht um die Ecke und als Jisung seine Schritte hört, nimmt er sofort eine angespannte Haltung an.

„Was willst du hier?“, fragt er mit rauer Stimme und runzelt die Stirn, als er Minho erkennt. „Du rauchst?“, entgegnet der Ältere nur erstaunt. „Das geht dich nichts an“, brummt Jisung nur und nimmt wieder einen Zug. „Du bist sechzehn!“, hält Minho entsetzt dagegen und der Jüngere bläst provokant den Rauch in seine Richtung, sodass Minho das Gesicht verzieht und einen Schritt zurück macht. Höhnisch lächelt Jisung ihn an und will sich abwenden. „Jisung-ah, können wir bitte reden?“, versucht Minho es erneut. Der Jüngere schnippt den Zigarettenstummel weg und verschränkt die Arme vor der Brust. „Reden? Wieso sollten wir reden?“, entgegnet er kalt. Minho sieht in seine dunklen Augen und sein blasses Gesicht.

„Was ist aus dem alten Han Jisung geworden?“, fragt er schließlich traurig und diese Frage scheint den anderen kurz aus dem Konzept zu bringen. „Er ist verschwunden, gestorben und das schon lange“, antwortet er schließlich ohne jegliche Gefühlsregung und kurz braucht Minho einen Moment, um das zu verarbeiten. „Ich werde dich trotzdem nicht so einfach aufgeben“, sagt er entschlossen und kurz flackert über Jisungs Gesicht Unsicherheit, ehe er wieder verschlossen wirkt. „Viel Spaß, ich hoffe, du stehst auf Enttäuschungen“, knurrt er und drückt sich an Minho vorbei. Der Ältere lehnt sich gegen die raue Wand hinter ihm, wie Jisung erst und fühlt sich maßlos durcheinander.
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