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Opposite

von Yueliang
GeschichteDrama, Freundschaft / P18 / MaleSlash
Han / Han Jisung Lee Know / Lee Minho
03.05.2020
01.06.2020
10
16.757
9
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08.05.2020 1.693
 
Bis auf den Test am Anfang ist der restliche Schultag wirklich unspektakulär. Die Aufregung und Unruhe nehmen ab und alle verfallen wieder im üblichen Modus. Jeongin gratuliert seinen Freunden über Kakao Talk zu ihrem überstandenen Test. Wenn sie den jetzt noch alle bestehen, dann feiern sie wirklich, nimmt Changbin sich vor. Dabei dürfen sie sich immer noch nicht ausruhen. In Mathe und in den Naturwissenschaften sind in ebenfalls noch solche Tests in den kommenden Wochen angesetzt. Da kommt noch ein gehöriges Stück Arbeit auf sie zu. Wieso müssen alle auch die Ergebnisse so biederernst nehmen? , denkt Changbin verärgert. Klar, seinen Eltern ist es auch wichtig, dass er gute Noten hat, um dann leichter an einer guten Universität aufgenommen zu werden, aber sie würden ihn nie zu Bestleistungen drillen. Er weiß von einigen seiner Mitschüler aus dem Jahrgang, dass sie von ihren Eltern unter enormen Druck gesetzt werden, immer und überall die besten Ergebnisse zu erzielen. Changbin kann sich das bei seiner Familie nicht vorstellen.

Plötzlich lässt ihn ein harter Stoß in die Rippen aus seinen Gedanken fahren. Empört schaut er Hyunjin an. Das gibt sicher einen blauen Fleck, denkt Changbin und reibt sich die Seite. Er will den Jüngeren schon zurückstoßen, doch dieser nickt nur mit dem Kopf nach vorne, ein merkwürdiger Ausdruck liegt in seinen Augen. Changbin richtet den Blick auf die Tafel. Die letzten paar Minuten war er gedanklich nicht wirklich anwesend und jetzt runzelt er die Stirn über den Anblick, der sich ihm bietet. „Diese Klasse bekommt einen Neuzugang“, verkündet Frau Lee gerade und nickt dem schwarzhaarigen Jungen vor der Tafel zu. „Stell dich bitte vor.“ Auch ohne Vorstellung hätte Changbin gewusst, um wen es sich handelt. „Mein Name ist Han Jisung“, sagt der andere und verbeugt sich knapp. Hyunjin und Changbin sehen sich entgeistert an und scheinen beide das gleiche zu denken: Wie ist das möglich? Gemurmel bricht unter den Schülern aus, als es bei dieser kurzen Vorstellung bleibt. Allerdings werfen einige vielsagende Blicke in Richtung Changbin und Hyunjin. Offenbar ist ihnen auch eingefallen, um wen es sich handelt.

„Okay, setz dich bitte nach hinten zu Jeno“, sagt Frau Lee und Jisung geht durch die Bankreihen zu dem zugewiesenen Platz. Changbin betrachtet ihn eingehend. Seine ehemals braunen Haare sind wieder schwarz. Trotz der fast sommerlichen Temperaturen draußen trägt er eine schwarze Lederjacke, welche er jetzt auszieht und über die Stuhllehne hängt. Verblüfft stellt Changbin fest, dass Jisung die langärmlige Variante der Schuluniform anhat und ihm selbst ist es hier bereits in der kurzen viel zu heiß. Hyunjin schüttelt leicht den Kopf vor sich hin, offenbar hat ihn dieser Anblick auch aus dem Konzept gebracht. Heimlich holt Changbin sein Handy hervor und schreibt in ihre Gruppe: Jisung ist wieder da. Das ist natürlich dann das Thema Nummer eins, als sie sich zur Pause an ihrem angestammten Platz auf dem Schulhof versammeln. „Unser Jisungie ist wieder da?“, fragt Minho mit rauer Stimme. „Ich kenne nicht viele, die Han Jisung heißen“, meint Hyunjin, doch etwas am Klang seiner Stimme lässt die anderen aufhorchen.

„Was ist passiert?“, hakt Chan besorgt nach. „Wohl eher, was ist nicht passiert“, entgegnet Changbin verwirrt und kratzt sich ratlos am Hinterkopf. „Er muss uns gesehen haben, trotzdem hat er überhaupt kein Signal von sich gegeben, dass er uns kennt“, erklärt und kickt einen Stein am Boden weg. „Er war so anders“, murmelt Hyunjin, „so ernst und angespannt.“ „Ernst und angespannt? Unser Jisung?“, wiederholt Felix lachend. Minho dreht sich auf einmal um und will gehen. „Hyung, wo willst du hin?“, hält Changbin ihn zurück und der Ältere schaut ihn flehend an. „Ich muss zu ihm!“ „Das wäre keine gute Idee“, wirft Hyunjin ein und sieht Minho eindringlich an. Schlussendlich gibt Minho nach, doch seine Gedanken an Jisung lassen ihn nicht los. Als Changbin und Hyunjin wieder zurück in ihr Klassenzimmer kommen, schauen sie gleich zu Jisung. Dieser hat den Kopf auf die verschränkten Arme gebettet und scheint zu schlafen. Changbin kann nicht glauben, dass sein ältester Freund wieder hier ist.

Vor drei Jahren ist er mit seinen Eltern nach Malaysia gezogen. Wieso ist er auf einmal wieder in Seoul? Warum hat er damals den Kontakt zu ihnen abgebrochen? Stirnrunzelnd betrachtet Changbin von seinem Platz aus den schlafenden Jisung. „Er ist ein komplett anderer Mensch“, murmelt Hyunjin und Changbin kann ihm nur insgeheim Recht geben. Der damals dreizehnjährige Jisung war ganz anders. Er hat praktisch immer gelächelt und andere zum Lachen gebracht. Doch als er vor der Klasse stand, wirkte er komplett emotionslos, als würde er am liebsten gar nicht hier sein. Changbin versucht sich den Jisung von damals ins Gedächtnis zu rufen. Aufgedreht, voller Energie und verrückten Ideen. Sein Gesicht ist noch das Gleiche, nur seine braunen Augen haben ihre Wärme verloren. „Das ist echt komplett verrückt“, meint Hyunjin fassungslos. Der Schultag neigt sich gegen siebzehn Uhr endlich dem Ende. Als die letzte Hausaufgabe aufgeschrieben ist und das erlösende Klingeln ertönt, atmen alle Schüler auf.

Jisung beeilt sich seine Sachen zusammen zu packen. Er zieht sich seine Lederjacke über, schultert seinen Rucksack und verschwindet aus dem Klassenzimmer. Man könnte meinen, er flüchtet vor jemanden und irgendwie tut er das auch. Natürlich hat er sie gesehen. Ob es eine gute Idee war wieder an seine damalige Schule zu wechseln? Denn er ist auch noch hier. Natürlich wird er das sein. Immerhin ist das erst sein zweites Jahr an der Oberschule. „Jisung-ah!“, ertönt ein Ruf, als dieser gerade dabei ist den Schulhof zu überqueren. Sofort hält Jisung beim Klang dieser Stimme inne. Vor drei Jahren hat er ihn das letzte Mal real gesehen, dann nur noch per Skype oder über Telefon gehört. Trotzdem würde er den Klang dieser Stimme nie vergessen. Er könnte ihn nie vergessen. Außer Atem kommt Minho neben ihm zum Stehen. „Du bist wieder da“, stellt der Ältere fest und unterschiedliche Emotionen schwingen im Klang seiner Stimme mit. Jisung allerdings verzieht keine Miene.

„Kennen wir uns?“, fragt er nur. Minho blinzelt verwirrt und schaut den Schwarzhaarigen verletzt an. Dieser verzieht kurz verächtlich das Gesicht und geht davon. Völlig überfordert verharrt Minho an Ort und Stelle. Er würde Jisung überall wieder erkennen. Aber war er das gerade wirklich? Was ist aus seinem Jisungie geworden? „Minho, kommst du?“, reißt ihn Chans Stimme aus den Gedanken und Angesprochener kann nur stumm nicken. Changbin wartet bereits beim Schultor und während er sich mit Chan den Weg nach Hause unterhält, klinkt Minho sich aus. Die Begegnung mit Jisung spukt ihm noch durch den Kopf. Er hat überhaupt keine Reaktion gezeigt, als er ihn gesehen hat. Was hat er ihm getan, dass er so kühl reagiert? Changbin verabschiedet sich von ihnen, während Chan und Minho in ihre Straße einbiegen. „Du siehst aus, als hättest du Redebedarf“, macht Chan die nüchterne Feststellung. „Willst du rüber kommen?“ „Später vielleicht“, murmelt Minho und geht über die Straße zu seinem Wohnhaus.

Er schließt die Haustür auf und Dori kommt mit erhobenem Schwanz auf ihn zu gelaufen. Ein Lächeln bahnt sich auf Minhos Lippen, wenigstens hier ist alles noch normal. „Ich bin wieder zu Hause!“, ruft er und die Stimme seiner Mutter antwortet ihm aus der Küche. Hungrig geht er zu ihr. „Setz dich, Liebling. Ich bin schon fertig mit Kochen“, sagt sie lächelnd und füllt eine Schale mit dampfender Suppe. „Wo ist Papa?“, fragt Minho, während er sich am Reis bedient. „Er kommt später, weil er für einen Kollegen einspringen musste“, antwortet seine Mutter seufzend. „Was gibt es Neues in der Schule?“, fragt sie und setzt sich zu ihm. Kurz rührt Minho schweigend in seiner Schüssel herum. „Jisung ist wieder da“, sagt er schließlich und seine Mutter stutzt. „Euer Jisung? Han Jisung?“, hakt sie nach und als ihr Sohn nickt, wirkt sie genauso überrascht. „Ich dachte, sie sind nach Malaysia gezogen“, staunt sie und Minho lächelt bitter. „Jetzt sind sie wohl wieder hier“, antwortet er tonlos und seine Mutter spürt sofort, dass es etwas nicht stimmt. Glücklicherweise zügelt sie ihre Neugier, wofür Minho ihr dankbar ist.

Er wüsste sowieso nicht, mit was er die komische Situation nach der Schule erklären soll. „Kann ich rüber zu Chan-hyung?“, fragt Minho stattdessen. „Machst du bei ihm Hausaufgaben?“, kommt die Gegenfrage und er gibt sich geschlagen. Somit steht er wenig später vor dem Haus gegenüber und klingelt. Chan öffnet selbst die Tür und sie gehen hoch in sein Zimmer. Chans jüngere Schwester Hannah schaut aus ihrer Zimmertür und strahlt Minho begeistert an, als sie ihn die Treppe hochkommen sieht. „Denk nicht mal dran uns zu stören“, murrt Chan auf Englisch und sie verschwindet schmollend in ihr Zimmer. Minho redet gar nicht erst lange herum, sondern kommt gleich auf den Punkt: „Hast du ihn gesehen?“, fragt er angespannt und der Ältere hebt die Augenbrauen. „Jisung“, ergänzt Minho und der Groschen scheint zu fallen.

„Der Kerl mit dem du gesprochen hast, war Jisung?“, entfährt es Chan und seine Augen werden rund. Als Minho nickt, plustert er die Wangen auf. „Verdammt, ich hätte ihn echt nicht erkannt.“ „Ich erkenne ihn auch nicht mehr“, erwidert Minho bitter und berichtet von dem kurzen Gespräch. Darauf runzelt der Australier die Stirn. „Du bist dir ganz sicher, dass es unser Jisung ist?“, fragt er und erntet einen bösen Blick dafür. „Ich erkenne wohl meinen ältesten Freund, auch wenn ich ihn seit fast zwei Jahren nicht mehr gesehen habe!“, knurrt Minho verärgert. Sein Blick geht zu der Collage an Bildern, die über Chans Schreibtisch hängt. Die meisten zeigt ihn mit seinen Freunden. Minhos Blick bleibt an dem Bild hängen, welches als letztes mit Jisung gemacht wurde, bevor er Südkorea verlassen hat. Wehmütig lächelt er, als er an diesen Tag denkt.

Was ist in der Zwischenzeit aus ihm geworden? Auf einmal umfasst eine warme Hand seine und er blickt in Chans Gesicht. „Ich weiß, du hast ihn von uns am meisten vermisst. Aber hör auf dich in etwas rein zu steigern und gib ihm Zeit.“ Entschlossen zieht Chan Minho von seinem Bett. „Und bevor du mir in düstere Gedanken versinkst, machen wir lieber Hausaufgaben!“, ordnet er an und der Jüngere verdreht grinsend die Augen. Vielleicht hat Chan Recht und Jisung muss sich erstmal sammeln. Dennoch aber kommt in ihm das Gefühl auf, dass etwas nicht in Ordnung ist.
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