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Benzin im Blut - Gegen alle Vorurteile

von Yve
GeschichteFamilie, Freundschaft / P12
02.05.2020
17.05.2020
7
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02.05.2020 1.433
 
Das wars für heute. Kaida nahm den Ausgang der Kartbahn, als der Mann mit der McLaren Kappe ihr ein Zeichen gab. Sie fuhr auf die Freifläche hinter der Bande der Start-Ziel-Geraden.

«Das war gut», rief der Mann ihr zu.

Kaida klappte das Visier hoch. «Danke, ich wünschte nur, ich könnte etwas länger fahren.» Nur war da noch das Referat für morgen, das auf den letzten Schliff wartete.

«Bei der Hitze kann man leider erst abends fahren.» Er nahm die Kappe ab und fächelte sich etwas Luft zu. Die Sonne war schon so weit gesunken, dass die langen Schatten der Tannen auf dem Nachbarsgrundstück die Reifenbarriere der Streckenbegrenzung berührten und die Temperatur kratzte noch an der 30° Marke. Dieser Juni hatte alle Temperaturrekorde geknackt.

«Der Sommer ist echt heftig und dabei hat er erst angefangen.»

Er setzte die Kappe wieder auf. «Ich werde mir langsam Gedanken machen müssen, ob ich die Bahn überdachen sollte. Die jüngeren Gäste sind nach dem Abendessen oft schon zu unkonzentriert, um sie hier ihre Runden drehen zu lassen.»

«Es ist jetzt auch noch zu warm.» Kaida strich den herauswachsenden Pony hinter die Ohren, aber die Strähne war zu kurz. «Ich frage mich, wie die Profis das machen, die fahren bei höheren Temperaturen.»

«Dafür, dass es so heiß ist, hast du ein paar verdammt gute Runden hingelegt. Schade, dass ich die Zeit nicht genommen habe, das hätte ein neuer Streckenrekord werden können.»

«Oliver, wo oft soll ich dir noch sagen, dass mir die Zeiten nicht wichtig sind?»

«Ich weiß.» Er lächelte und hob den Zeigefinger. «Was nicht heißt, dass du dich nicht verbesserst, und meine Spaßbahn, keine Herausforderung mehr für dich ist.»

«Ich will keine Herausforderung, ich will meinen Kopf freibekommen und das klappt beim Kartfahren sehr gut.»

«Du machst dir ein bisschen viel Stress, hm?» Er schob das Kart an.

«Vielleicht.» Sie zuckte mit den Schultern. «Nachdem ich hier war, platzt zumindest immer den Knoten.» Kaida legte ihren Helm auf den Sitz und half ihm den Wagen in Richtung der Garage zu schieben.

«Der Körper baut unter Stress Adrenalin auf, das du beim Kartfahren abbaust. Deswegen fällt es dir danach auch leichter zu lernen.»

«Und wenn dein Vater nicht so blöd wäre, könntest du deinen Stress immer abbauen.»

Kaida schaute von dem Kart auf.

Ihre Freundin Tessa kam mit ihrem neongelben Helm unter dem Arm auf die beiden zu. «Sag mal Onkelchen …» Sie legte Oliver die Hände auf die Schulter und sah ihn mit einem Dackelblick an, «… können wir die Bahn noch ein wenig haben? Es wäre für Kaida an der Zeit für eine neue Herausforderung.»

Er sah auf die Uhr. «In einer halben Stunde fährt eine Gruppe, solange ist noch Zeit.»

«Sehr gut, Kaida, wir fahren ein Rennen.»

«Ein Rennen?»

«Ja, danach sitzen die Vokabeln noch besser.»

«Du fährst bald in einer offiziellen Serie, wie soll ich da mithalten?»

«Na los, trau dich.» Oliver gab Kaida einen leichten Schubs in den Rücken.

«Genau! Am PC bist du doch auch fast immer besser als ich.»

«Tessa, siehst du hier einen Bildschirm? Die Realität ist was anderes.»

Tessa hob herausfordernd das Kinn. «Sonst sagst du doch immer, dass dir die Zeit egal ist. Dann wäre es doch nicht so schlimm, wenn du abgehängt wirst.»

«So einfach hängst …» Kaida ließ die Schultern sinken und atmete tief durch, als sie in Tessas grinsendes Gesicht sah. «Warum falle ich immer wieder auf dich rein?»

«Weiß nicht.» Tessa legte ihr den Arm um die Schulter. «Hilfst du mir, ein Kart zu holen?»



**




Die Kartbahn war simpel aufgebaut. Die Schüler und andere Vereine, die hier ein paar Tage in der Jugendherberge verbrachten, sollten Spaß haben und nicht von schwierigen Kurvenkombinationen gefrustet werden. Sie war breit genug, dass zwei Karts gut Platz hatten und zur Not auch noch ein Drittes. Die Auslaufzonen waren großzügig gewählt, soweit es das Gelände zugelassen hatte.

Kaida und Tessa standen nebeneinander. Oliver hatte sich seine schwarzweißkarierte Flagge geholt und stand hinter der Reifenbande.

Warum bin ich so nervös? Kaida drückte das Lenkrad. Es geht hier um nichts.

Oliver schwenkte die Fahne. Kaida drückte auf das Gaspedal und ihre Räder drehten durch. Ihr Heck kam ins rutschen. Sofort nahm sie das Gas weg, um das Kart einzufangen und als sie es unter Kontrolle hatte, hatte Tessa die erste Kurve schon erreicht. Kaida setzte ihr nach, bremste etwas später ab, wie sie es auch in ihren Runden alleine auf der Bahn getan hatte. Als sie vor zwei Jahren ihre ersten unsicheren Meter gefahren war, hatte sie schon auf der Hälfte der Start und Ziel Geraden angefangen zu bremsen. Heute wusste sie ganz genau, wie weit sie in den Kurven gehen konnte.

Durch die folgende Schikane fuhr sie mit kleinsten Lenkbewegungen hindurch. Es hatte Wochen gedauert, bis sie hatte umsetzen können, was sie bei Tessa gesehen hatte. Aber es hatte sich gelohnt. Sie musste weniger Gas wegnehmen und ihre Rundenzeiten hatten sich katapultartig verbessert.

Tessa über die Bahn zu folgen, versetzte sie in einen Tunnelblick. Sie hatte nur noch den neongelben Helm mit den weißen Querstreifen ihrer Freundin im Blick und ihr Instinkt übernahm den Rest. Ihr Kart rutschte, als sie zu viel wagte und der mühsam abgeknabberte Abstand zu Tessa vergrößerte sich. Gleichzeitig verbreiterte sich Kaidas Grinsen und sie war froh, dass man es unter ihrem Helm nicht sehen konnte. Das Fahren hatte ihr schon einen doppelten Herzschlag beschert, das Rennen kam einer Explosion von Euphorie gleich.

Sie hatten ihre Zeit auf drei Runden festgelegt und am Ende der Zweiten hatte sie zu Tessa aufgeschlossen. Mit der Nase im Getriebe ihrer Freundin jagte Kaida über die Bahn.

Dann verbremste sich ihre Freundin vor der ersten Kurve. Es war nicht viel, aber es reicht, damit sie Tessa plötzlich sehr nah war und ihr Instinkt übernahm des Rest. Kaida setzte sich neben sie, wie sie es auch in ihrem Rennspiel auf dem Computer getan hätte und war auf der Ideallinie. Wollte Tessa an ihr vorbeiziehen, dann musste sie das außen herum tun. Kaida bremste ab, um den Scheitelpunkt der Kurve zu treffen. Ihr Plan ging auf und sie kam mit einer Nasenlänge Vorsprung aus der Kurve heraus.

«Komm schon, wir schaffen das!», feuerte sie ihr Kart an und drückte das Gaspedal komplett durch. Doch noch gab Tessa sich nicht geschlagen. In der letzten Kurve versuchte sie es ein weiteres Mal außen herum. Kaida sah ihre Freundin neben sich, sie wusste, dass sie gemeinsam durch die Kurve passten, und Tessa keine Kollision provozieren wollte. Trotzdem gab sie nach.

Warum habe ich zurückgezuckt? Zwei Stimmen stritten sich in ihrem Kopf. Eine lobte sie, weil es so gut geklappt hatte und es ihrer Unerfahrenheit im Umgang mit Überholmanövern geschuldet war, dass sie dieses Rennen nicht gewonnen hatte. Die Andere war die ermahnende Stimme ihres Vater, die sie sofort beiseite schob. Kaida wollte nicht auch noch in ihrem Kopf mit ihm diskutieren.

«Hey, du warst verdammt gut!», rief Tessa, als sie ihren Helm abgesetzt hatte. Die Balaklava darunter an aller Haarfarben, die Tessa in den letzten Jahren getragen hatte. In den letzten zwei Monaten war es grün in allen Schattierungen gewesen.

Kaida klappte das Visier hoch. «Ja, beim nächsten Mal werde ich nicht zurückziehen.»

«Das erwarte ich auch. Dann hättest du gewonnen.»

«Du hast dich doch zurückgehalten.» Sie zog ihren Helm ab.

«Ja, bis du zu mir aufgeschlossen hast, danach bin ich nicht anders gefahren, als in meinen Rennen auch.» Tessa legte den Helm auf Kaidas Kart ab. «Du hast echt was drauf.» Sie legte ihr die Hände auf die Schultern. «Wenn du auf der Bahn von deinem Vater fahren könntest, du würdest die Kerle in Grund und Boden fahren.»

«Das geht nicht.» Kaida schob die Hände von ihrer Freundin weg und strich über den chinesischen Drachen auf ihrem Helm. «Und darüber brauchen wir auch nicht weiter zu sprechen.»

Tessa senkte die Schultern. «Ja, ich weiß. Aber loben darf ich dich ja wohl.»

Kaida nickte und sah auf den Drachen. «Natürlich.»

Vom Eingang des Gebäudes kamen die Stimmen von Kindern in ihre Ohren. Die nächste Gruppe war dran und die beiden brachten die Karts, so schnell es ihnen möglich war, zurück in die Garage. Dann halfen sie Oliver, die 5 Kinderkarts zur Bahn zu schieben.

«Brauchst du noch Hilfe?», fragte Kaida.

«Nein, jetzt wo Tessa da ist, reicht mir das.»

«Dann sehen wir uns morgen.»

«Klar und wenn du das nächste Mal hier bist, fahren wir wieder gegeneinander. Da ist noch viel Luft nach oben.»

Kaida nickte und drehte sich um. Ihren Helm ließ sie wehmütig in einem Spind der Garage zurück. «Ich habe diese Heimlichkeit so satt», murmelte sie, als sie die Tür zuwarf.
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