I’ll find my way to you

GeschichteDrama, Romanze / P12 Slash
DI Gregory Lestrade Dr. John Watson Mycroft Holmes Sherlock Holmes
01.05.2020
01.08.2020
11
8.762
4
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01.08.2020 904
 
An dieser Stelle beende ich meine Sammlung (vorläufig). Danke fürs Lesen. :-)

11 Cocktailparty

Nachdem sich die beiden jungen Männer eine halbe Stunde lang schweigend angestarrt hatten, versuchte es einer der beiden mit einem ersten Vorstoß. Zuvor kostete es die zuständige Krankenschwester Mrs. Hudson viel Kraft, ihr Augenrollen solange zu unterdrücken, bis sie den Raum nach getaner Arbeit wieder verlassen konnte. Fehlende Professionalität würde sie sich von zwei Halbwüchsigen sicher nicht nachsagen lassen.

Aus seiner rechten Hosentasche zog der ältere der beiden das Miniaturmodell eines Schiffes. Kommentarlos stellte er es auf dem kleinen Tisch ab, der eine Barriere zwischen ihren Liegestühlen kreierte und neben einem Kartenspiel einen menschlichen Schädel beherbergte. Bei genauerer Betrachtung entpuppte es sich als Eisbrecher, ein Schiff primär dafür konstruiert zugefrorene Gewässer frei zu brechen, um diese für sich selbst aber auch andere Wasserfahrzeuge passierbar zu machen. Außerdem ein geeigneter Gesprächseinstieg, eine Empfehlung seines Therapeuten, wenn ihm mal wieder die Worte fehlten.

„Kommst du oft hierher?“, fragte Chris Lee ungelenk, offenbar ähnlich unbeholfen in Sachen Smalltalk aber durchaus in der Lage die Bemühungen seines Gegenübers zu würdigen.

Der Namenssticker in Form einer Bärentatze, den zu Tragen man ihn gezwungen hatte, klebte kopfüber auf der Höhe seiner linken Brustwarze.

Da sein Taufname - Sherlock - ähnlich unecht klang, griff er des Öfteren auf Pseudonyme zurück, wenn er keine Lust verspürte, sich schon wieder für etwas zu rechtfertigen, für das er nichts konnte. In diesem Fall stellte es jedoch die Bestrebungen des Krankenhauspersonals dar, ein familiäres miteinander zu etablieren sowie die Kreativität aller Beteiligten zu Hochform auflaufen zu lassen. Die Kreation von Ablenkung in Form eines Wettbewerbs darin, wer mit dem besten Alias daherkam. Gleichzeitig wurden so alibimäßig Datenschutzverordnungen durchgesetzt.

Der Modellbaufan, erster Chemo-Zyklus und offenbar noch nicht vertraut mit den Gepflogenheiten hatte seinen echten Namen - John - notiert. Der dahinter platzierte Smiley verriet Sherlock derweil alles, was er nicht wissen wollte.

„Die Cocktails sind nicht zu verachten“, erwiderte John, dessen Gesichtsausdruck, dem des gezeichneten Emojis verblüffend ähnlich sah.

Ein willkommener Konter mit dem Sherlock nicht gerechnet hatte, auf dem er aber sogleich aufbaute.

„Ein bisschen teuer vielleicht“, überlegte er, der sich vermutlich weniger Sorgen bezüglich der Begleichung seiner Krankenhausrechnungen machen musste als viele andere in seiner Lage.

Die Sorgenfalten auf Johns Stirn glätteten sich, sobald dieser seine nächsten Worte kundtat.

„Der Service hier ist auch nicht zu unterschätzen. Man muss sich nicht mal die Mühe machen, seinen Drink selbst runter zu spülen“, fuhr er fort, deutete dabei auf den Venenzugang, über den kontinuierlich der Inhalt eines Infusionsbeutels in sein Blut floss.

Den Versuch, die Arme hinter seinem Kopf zu verschränken, um es sich bequemer zu machen, hatte Sherlock das Legen eines neuen Zugangs und eine gehörige Schelte von Mrs. Hudson eingebracht. Er erinnerte sich nur zu gut an ihre Worte dahingehend, dass er hier um sein Leben rang und keinen Urlaub machte. Ihre Wut verstand er erst später, als er einen kurzen Blick auf die typische Ausbuchtung eines Portkatheters unterhalb ihres rechten Schlüsselbeins erhaschte.

„Statt einer lockeren Zunge bekommt man eine Glatze“, sinnierte Sherlock weiter.

„Eine haarige Angelegenheit“, erwiderte John bemüht ernst, wobei er sich auf die Lippe biss, um nicht laut loszulachen.

Sherlock verstand die Doppeldeutigkeit garniert mit einer Grizzly Anspielung und genoss das subtile unterschwellige Verständnis, was sie füreinander aufzubauen schienen.

„Du versuchst dem Ganzen also mit Stil entgegenzuwirken?“, hakte John nach, dem Sherlocks Aufzug, Anzughose und lila Hemd, das dazugehörige Sakko hing ordentlich auf einem Bügel, statt dem Gemeinschaftskleiderständer, zu gefallen schien.

„Ich dachte einfach, ich erspare dem Bestatter das Umziehen“, war Sherlocks nüchterne Erwiderung, wobei nicht die zu erwartende Verbitterung mitschwang.

John schien vorrangig interessiert, statt angewidert. Aber sollte er wirklich so pragmatisch denken? Er selbst wäre nicht abgeneigt, Sherlock beim Umziehen behilflich zu sein.

„Bei den langen Beinen würde dir sicher auch ein Cocktailkleid stehen“, antwortete er zahmer, als seine Gedanken ihm vorzuschreiben versuchten.

Sherlocks linker Mundwinkel zuckte verdächtig.

„Was ist mit dir und diesem schrecklichen Hemd?“, fragte Sherlock zurück.

„Fan von Magnum“, erklärte John, wobei er sich verlegen am Hals kratzte.

„Dem Eis oder der Waffe?“, fragte Sherlock, der es nicht schaffte, den korrekten Zusammenhang herzustellen.

John sah ihn zweifelnd an.

„Der Fernsehserie“, antwortete er schließlich wahrheitsgemäß.

John konnte förmlich dabei zusehen, wie Sherlocks Interesse diesbezüglich mit jeder ins Land gehenden Sekunde weiter nachließ.

„Wie weit bist du?“, fragte er deshalb das, was die ganze Zeit unausgesprochen zwischen ihnen gestanden hatte und noch sehr wichtig sein würde.

Unter anderen Umständen hätte er sich ein Kissen unter das zu groß gewordene Shirt gestopft und etwas vom 7. Monat gefaselt.

„Stage 2. Du?“

„3“, flüsterte John, wobei Erleichterung auf seinem Gesicht aufblitzte, die Sherlock zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu deuten wusste.

Sie blieben bei Zahlen und verzichteten darauf sich damit zu überbieten, bei wem der Krebs an der beschissensten Stelle zugeschnappt hatte.

„Das macht dich zum Sieger, oder wie?“, spottete Sherlock gutmütig.

„Näher am Ziel auf jeden Fall“, antwortete John, wobei er aufstand und den Tisch zwischen ihnen bei Seite schob, um seine Liege neben die von Sherlock zu manövrieren.

Sherlock zog weitere Worte in Erwägung, entschied sich dann jedoch für etwas anderes. Kurz darauf nahmen sie ihre Infusionsbeutel von den Gestellen und prosteten einander zu.

Während sie über die unterschiedlichen Geschmacksrichtungen ihrer Mixgetränke philosophierten, blieb ihnen das feine Lächeln der nach ihnen sehenden Mrs. Hudson verborgen, die ein Händchen dafür hatte, die richtigen Leute zusammenzubringen. In Zukunft würden sie gemeinsam kämpfen - für, mit und manchmal auch gegeneinander.
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