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The Things That Were

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16
Montgomery de la Cruz
01.05.2020
01.05.2020
1
2.080
1
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01.05.2020 2.080
 
Ihr Lieben,

vielen Dank für das Interesse an dieser Arbeit. Ich werde versuchen, hier alle Sachen noch einmal aufzugreifen, die mir persönlich wichtig sind und nicht genug Aufmerksamkeit von mir bekommen haben. Es geht vor allem um die Zeit vor Hannah Baker's Tapes, Montys Familienleben, die Beziehung zu Bryce und den anderen Athleten, und vielleicht schaffe ich es ab und zu, meinen Winston (d.h. meine Darstellung von ihm) einzubauen.
Es ist nicht notwendig, mein vorheriges Projekt gelesen zu haben.

Disclaimer: die dargestellten Figuren entstammen nicht meiner Feder und ich verdiene kein Geld damit, ihr Leben und Leiden hier neu aufzuwärmen.

Warnungen: expliziter Fokus auf Kindesmisshandlung und häusliche Gewalt; sexueller Missbrauch (aus Täter- und Opferperspektive) und dementsprechendes Trauma; Alkoholismus; frauenfeindliche, rassistische und homophobe Sprache; Sportsucht; ausbeuterische Freundschaftsbeziehungen, etc. Nur um ein paar Schlagworte zu nennen

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen, freue mich selbstverständlich immer über Feedback und hoffe, dass ihr alle gesund bleibt,

pumpkinspice~





The Things That Were



1. Mother, Father, Child

Der erste Schlag, an den er sich erinnern kann, war eigentlich kein richtiger Schlag. Monty ist vier, vielleicht etwas jünger, vielleicht etwas älter, und er hat sich das Knie beim Spielen aufgeschlagen. Er weiß nicht genau, warum er sich ausgerechnet daran erinnert; eigentlich sollte er viel zu jung sein, um das Ganze dreizehn Jahre später noch zu wissen. Seine Mum hatte ihn auf die Anrichte gesetzt, vorsichtig im Arm gewogen und mit leisen Worten versucht zu trösten, nachdem sie die Wunde gesäubert und ein dickes Pflaster darüber geklebt hatte. Sie ist eine beschissene Mutter und irgendwie hat sie bei der ganzen Prozedur mehr geweint als er, aber ein Teil von ihm erinnert sich daran, dass es gut getan hat. Irgendwie. Sie umarmt ihn selten, zuckt immer zurück, wenn er es anderen Kindern gleichtut und nach dem Kindergarten zur Begrüßen auf sie zu rennt, fast als hätte sie Angst vor ihm. Er hat es akzeptiert, achselzuckend und gespielt gleichgültig. Sie ist seine Mum, deswegen liebt sie ihn natürlich. Auch wenn er Betty Johnson auf die Schnauze gehauen und an ihren bescheuerten Zöpfen gezerrt hat, nachdem sie selbstgefällig behauptete, seine Eltern hätten ihn nicht lieb und kämen deshalb immer zu spät zum Abholen.

Als er jedenfalls auf der Anrichte sitzt, die Tränen langsam antrocknen und er die Arme zögerlich um die zitternden Schultern seine Mutter legt, kommt sein Vater herein, und diesmal ist Monty es, der zusammenzuckt. Er weiß nicht genau warum, schließlich ist das, was darauf folgt, das erste Mal an das er sich tatsächlich erinnern kann. Aber fuck. Er bebt am ganzen Körper, als sein Dad seine Mum anschreit Willst du, dass er ‘ne Schwuchtel wird, du Fotze? Gottverdammte Scheiße und Monty versucht sich zu entziehen, als sein Vater sie von ihm wegstößt und ihn mit bebenden Nasenflügeln anstarrt, aber es bringt nichts. Er bricht vor Angst in Tränen aus, kann es nicht zurückhalten und es beginnt damit, dass er in die Wand hinter sich geschubst wird, die aufgehängten Küchenutensilien in seinem Rücken, und sein weicher Kinderschädel nach dem plötzlichen Aufprall gegen die Wand so sehr wummert, dass ihm schlecht wird.

Er wird lernen, dass es nichts bringt. Er kann nichts tun. Es liegt an nichts, was er tatsächlich kontrollieren kann.

Auch wenn er alles ausprobiert, natürlich. Leise sein, früh zu Bett gehen, nicht weinen, nicht mit anderen Kindern spielen, keinen Nachschlag fordern, nicht mehr ausversehen ins Bett machen, seiner Mutter beim Abendessen helfen. Es bringt nichts.

Seine Schwester sagt, er soll ihn nicht wütend machen. Lucia ist schon vierzehn und so weit von ihm entfernt, wie es zwei Kinder in einem Haushalt eben sein können. Manchmal, wenn seine Mutter bei ihren eigenen Eltern ist, und ihr Vater spät von der Arbeit wiederkommt, weil er zuerst noch die Kneipe aufsucht, kauft sie Limonade für sie beide und sie schauen zusammen Die Simpsons, stundenlang, eng zusammengekuschelt, und sie nimmt ihn auf den Schoß, die dünnen Arme um seinen Leib geschlungen. Er lebt für diese Stunden, liebt den Duft von billigem Vanille-Deo an ihr und nichts schmerzt so sehr wie ihre Distanz, wenn der Alltag wieder einkehrt. Er kann es nicht verstehen, ist zu jung um die dunklen Flecken an ihrem Körper richtig einzuordnen.

Später, mit sieben etwa, beginnt Monty zu begreifen, dass er nie geschlagen wird, wenn sie da ist. Lucia ist siebzehn und so wenig zuhause, wie sie eben kann. Wenn sie doch kommt, riecht sie nicht mehr nach süßer, chemischer Vanille, sondern nach Zigarettenrauch und Schnaps, und manchmal sind ihre Pupillen so geweitet, dass ihre Augen fast schwarz wirken. Er bekommt Angst vor ihr. Sie ist unberechenbar, wenn sie so drauf ist, und Monty hat sich einmal zu oft eine Ohrfeige von ihr eingefangen, nachdem sie völlig besoffen und desorientiert um fünf Uhr morgens in ihr gemeinsames Zimmer gestolpert gekommen ist. Seine eigenen blauen Flecken nehmen zu, je weniger sie da ist, und sein Vater ist außer sich, wann immer sie für Tage verschwindet; es dauert auf diesem Weg nicht lange, bis Monty sie hasst, zumindest in den Momenten, wenn sein Schädel gegen die Wand gedonnert wird, nicht ihrer.

Vielleicht hätte er ihr von dem reißenden Schmerz zwischen seinen Schenkeln erzählt, den Alpträumen, dem Blut in seiner Unterhose und den Tränen voller Scham, aber sie ist nicht da, als Mr. Hartman sich an ihm vergeht, und als sie wiederkommt, ist ihr Körper zerkratzt und mit blauen Flecken übersäht und ihr Haar mit Kletten und Dornen gespickt, aber sie hat Geld, viel Geld. Monty hält die Klappe, während sie ölige Pulverklumpen über einem Feuerzeug schmilzt und ihm bedeutet, schlafen zu gehen.

Er ist von da an allein und soll es sein ganzes Leben bleiben.

An ihrem achtzehnten Geburtstag ist sie plötzlich weg. Nicht wie sonst für einige Tage, nein, sie hat gepackt und Geld aus dem Portemonnaie ihres Vaters geklaut, und Monty findet nicht mehr als einen Busfahrplan unter ihrem Bett, bevor er mit einer schweren Gehirnerschütterung, gequetschtem Arm und zwei gebrochenen Rippen zum ersten Mal im Krankenhaus landet.

Lucia ist gegangen, hat ihn zurückgelassen, und alles was folgt ist irgendwie ihre Schuld.

Je blasser und dünner seine Mutter wird, desto bösartiger scheint sein Vater zu werden, und er ist reizbarer als je zuvor. Ein Blinzeln, ein Nieser, manchmal nur das Zucken eines Mundwinkels, alles kann der Auslöser sein. Die Wut schläft immer unter der Oberfläche, siedet selbst dann still vor sich hin, wenn sein Dad gute Laune hat und – sehr, sehr selten – in der seltsamen Stimmung ist, in der er Eis mitbringt oder seinen Sohn auf dem Beifahrersitz mitfahren lässt. Die Situation kann in jedem Moment kippen, auch wenn er ruhig scheint und lacht, auch wenn Monty nicht viel mehr tut als zu existieren. Ein falscher Atemzug und er wird zu Boden gedrückt, gewürgt, getreten und beschimpft, und es braucht verdammt wenig.

Monty beobachtet die anderen Kinder in seiner Klasse – keines von ihnen hat Angst, nach Hause zu gehen, manche tun sogar manchmal so als ob sie krank wären, um daheim bleiben zu können. Er beginnt langsam zu begreifen, dass es falsch ist; oder zumindest falsch sein sollte. Eltern dürfen ihre Kinder nicht schlagen und es ist ein seltsam emotionales Thema für die meisten Erwachsenen. Er hört auf zu lügen, wenn er nach seinem blauen Auge und den Striemen auf seinem Rücken gefragt wird, wartet, hofft, betet sogar einmal mit bandagierten Fingern, nachdem sein Dad ihm die Hände in heißes Fett gedrückt hat, aber es ist ganz genauso wie mit Mr. Hartman. Seine Lehrerin guckt, runzelt die Stirn, guckt noch etwas mehr, und schweigt schließlich. Auch wenn sie Tränen in den Augen hat, als sein Blick etwas später hochzuckt und sie beim Starren erwischt.

Monty kann es nicht ganz verstehen; im Fernsehen schlagen sich die Leute ständig und niemand macht sonderlich viel Theater, wenn er sich mit irgendeinem Jungen auf dem Schulhof prügelt. Klar, er bekommt Ärger, manchmal ziemlich viel, aber niemand scheint das ganze als so schlimm zu empfinden, wie das, was ab und zu in den Nachrichten dargestellt wird. Natürlich versteht er nur die Hälfte, wenn von ‚Kindesmisshandlung‘ und ‚Vernachlässigung‘ gesprochen wird und er zeichnet nie den kompletten Bogen zu sich selbst, aber er begreift irgendwann, dass Gewalt gegenüber Kindern allgemein verurteilt wird.

Auch wenn ihm das Wissen um diesen gesellschaftlichen Standard genauso viel bringt wie die Streitschlichtungssitzungen, zu denen er mindestens alle zwei Wochen verdonnert wird.  

Es ist falsch, es reicht für Getuschel und fiese Gerüchte von den anderen Kindern, aber niemand tut etwas. Es ist sein Problem, nicht das der Ärzte im Krankenhaus, nicht das der Lehrer, nicht das der Nachbarn, die manchmal laut knallend die Fenster schließen, wenn er zu laut schreit. Und er selbst kann es nicht sagen. Monty ist sieben, acht, irgendwann neun Jahre alt, aber auch da schon ein stures, stolzes Kind. Vielleicht liegt es auch nur daran, dass er nicht weiß wie man um etwas bittet oder um Hilfe fragt. Alles in der Richtung wird mit Spott und der Faust belohnt, nicht mit ernsthafter Hilfe. Außerdem will er doch nicht, dass sein Dad ernsthafte Probleme bekommt, oder?

Monty beginnt irgendwann zu begreifen, dass es an ihm liegt; er sucht nach dem Fehler, kontrolliert obsessiv jeden seiner Schritte, versucht sich zu ändern, aber er findet nichts. Es stimmt, er bekommt viel Ärger in der Schule und muss häufig nachsitzen, weil er das Wirrwarr in seinem Inneren an den anderen Kindern auslässt, beißt, die Mädchen in die Büsche schubst, Ausrüstung kaputt macht und im Unterricht nicht stillsitzen kann, aber all das interessiert seinen Dad nicht; die Termine mit dem Rektor sind ausdrücklich Aufgabe seiner Mutter und er verbittet es sich, irgendetwas von dem Thema zu hören. Besser ‘n kleiner Mistkerl als ein Streber ist sein einziges Kommentar, als Monty einem anderen Jungen den Arm verdreht hat, und er geht an diesem Abend ohne eine einzige Ohrfeige zu Bett.

Mit zehn begreift er, was seine Aufgabe zu sein scheint: stark sein, unerschütterlich, die Art von Mann, die sein Vater ohne seine Trinkerei wäre. Denn obwohl er sich vor ihm fürchtet und ganz genau weiß, dass es nichts gibt was seinen Alten davon abhält, ihm in einem plötzlichen Wutanfall auf jede erdenkliche Art und Weise wehzutun, liebt Monty seinen Dad, so wie jedes Kind seine Eltern intuitiv und bedingungslos liebt, und er wirft sich in die neue Aufgabe.

Man kann nicht sagen, dass es einen Unterschied macht, aber Monty fühlt sich besser. Es ist einfacher, die beängstigenden Ausbrüche seines Dads als Prüfung anzusehen, etwas, dass ihn stärker macht, als Test, den er nur häufig genug bestehen muss, damit es besser wird.  

Tatsächlich wird es mit jedem kommenden Jahr einfach nur schlimmer. Wenn sein Vater zuschlägt, gibt es kein Entkommen. Er greift ihn ohne jegliche Zurückhaltung, so wie man vielleicht Gegenstände anfasst, wartet auf keine Reaktion, tut, was ihm in den Kopf kommt; aber es ist immerhin besser, als gar nicht angefasst zu werden. Nachdem seine Mum aufgehört hat, ihn ab zu in den Arm zu nehmen, und nachdem Lucia abgehauen ist, ist körperlicher Kontakt rar geworden, und obwohl es wehtut, ist es besser geschlagen zu werden und andere zu verprügeln, als ganz ohne das Alles zu leben.

Er will sich ihm so gerne beweisen, dass er es anstandslos erträgt, keine Gegenwehr leistet und nach Möglichkeit keinen Laut von sich gibt, wie um seinem Dad noch die Unannehmlichkeiten von einem plärrenden, gequältem Kind zu ersparen. Er gibt alles. Jammert nicht, heult nicht, petzt nicht. Es ist ja eh nicht so, als ob jemand zu seiner Rettung kommen würde.

Mit zwölf muss Monty erkennen, dass auch das falsch gedacht war. Sein Vater braucht ihn nicht, er will kein Abbild von sich selbst erschaffen, scheiße, er verschwendet nicht einen Gedanken an sein Kind, wenn er nicht gerade nach einem Ventil für seine überschäumende Wut braucht. Er ist seinem Dad scheißegal, er hat keine Pläne mit ihm und es interessiert niemanden, wenn er alles ohne einen Laut schluckt und die Tracht Prügel halb erstickt über sich ergehen lässt, und das ist beinahe das Schlimmste. Er ist ein präpubertärer Hungerhaken, der ein paar Schläge zu viel auf den Kopf bekommen hat, aber dass das ihm so ziemlich jede Existenzgrundlage nimmt, begreift auch er.

Wofür lebt er? Warum gibt es ihn? Wer zur Hölle hat ihn so sehr gewollt, dass er geboren wurde und nicht als Unfall aus dem Mutterleib entfernt worden ist, bevor er noch mehr Ärger als das bloße Empfängnis machen konnte?

Monty findet keine Antwort, und das ist, wenn man so will, der Anfang vom Ende.
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