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Ausnahmezustand

von CUtopia
OneshotAngst, Schmerz/Trost / P12 / Het
Dirk Matthies Regina Küppers
01.05.2020
01.05.2020
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01.05.2020 3.794
 
Hui... ich habe schon ewig keine Fanfiction mehr geschrieben, vor allem nicht auf Deutsch, aber ich bin irgendwie in den Sumpf zurückgeraten... ich habe ein paar Folgen Großstadtrevier geschaut, weil ich mal wieder Regina und Dirk in Aktion sehen wollte, bin auf diese Seite zurückgekehrt... und was seh ich da, ich bin gar nicht die einzige, die die beiden gut zusammen findet!
Ich war also sehr ermutigt, nachdem ich alle Fanfictions verschlungen hatte, mich mal wieder an etwas heranzuwagen und nun... das ist das Ergebnis eines langen Abends, Weißwein und einem sehr genauen Blick auf eine Folge, aus der man als Shipper durchaus noch mehr rausholen kann.
Ich hoffe, es ist einigermaßen etwas geworden und ich kann dem ein oder anderen damit eine Freude machen :)

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Ausnahmezustand


Regina Küppers’ starrte aus dem Fenster während die Kollegen sich langsam in ihrem Büro einfanden, ihr Rücken unnatürlich gerade; ihre Rippen pochten noch immer dumpf, trotz des Schmerzmittels, das sie bekommen hatte, und sie passte ihre Haltung unbewusst an, um das unbehagliche Gefühl, dass ihre Verletzung ihr bereitete, nicht noch zu verschlimmern. Während sie die alte Dame vom Haus gegenüber beobachtete, wie sie ihren Dackel ausführte, fragte sie sich, warum sie unbedingt zur Wache hatte fahren müssen - ein Teil von ihr wollte nicht, dass ihre Kollegen sie so sahen. Sie konnte die große Sonnenbrille nicht ewig aufbehalten, vor allem da sowieso für alle klar war, was sie darunter verbarg, aber sie zweifelte nun, ob sie wirklich allen zeigen wollte, was man ihr angetan hatte.

War es falscher Stolz gewesen? Das Bedürfnis allen zu zeigen, dass sie nicht schwach war?
Solche Beweggründe hatten sie schon oft gesteuert, und mussten wohl auch der Grund sein, warum sie jetzt hier stand und die Kollegen zu einer Besprechung gebeten hatte. Jeder hätte es wohl verstanden, wenn sie im Krankenhaus geblieben oder zumindest nach Hause gefahren wäre, doch sie wollte es nicht so aussehen lassen, als hätte der Vorfall sie eingeschüchtert.
In ihr drin sah es natürlich anders aus, doch das ging keinen etwas an.

Hinter sich hörte Regina, wie Stühle gerückt wurden, eine ihrer Bürotüren schloss sich, und dann war es totenstill im Raum; keiner traute sich, etwas zu sagen. Es war zu spät, um ihre Entscheidung zu überdenken, um einen Rückzieher zu machen.

Ihre Finger schlossen sich fester um die Akte, die sie in der linken Hand hielt, während sie sich langsam umdrehte und mit der anderen Hand die Sonnenbrille abnahm, ihren Blick in die Runde schweifen ließ.

Die Anspannung im Raum war bereits zuvor spürbar gewesen, doch nun schien sie nur noch schlimmer zu werden; alle Augen waren auf sie gerichtet, die Kollegen schienen wie eingefroren als sie ihr blaues Auge und die Kratzer auf ihrer Wange anstarrten.

Sie hielt es nicht aus, irgendeinen Blick länger zu halten als für eine Sekunde, bis sie den letzten Kollegen in der Runde anschaute. Dirk Matthies war ihr am nächsten, gegen einen ihrer Aktenschränke gelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt.

Er schien genauso geschockt wie die anderen, doch überwiegte die Sorge in seinen braunen Augen. Regina ertappte sich dabei wie sie sich wünschte, nur er wäre in diesem Moment bei ihr im Büro, doch schob sie den Gedanken fort, bevor er in ihrem Kopf Wurzeln schlagen und wachsen konnte.

Und dennoch gab es ihr Kraft zu wissen, dass er hier war, und sie klammerte sich fast an die Akte als sie ihre Gedanken sammelte, tief Luft holte und anfing zu reden. Sie versuchte so kontrolliert und gefasst wie möglich zu klingen, als sie über Manni Schwacke erzählte, doch sie schwankte innerlich, als sie sich zu Dirk wandte.

Seine Lippen zitterten seltsam, und es schien kurz so, als wäre seine Haltung verkrampft, wie jemand, der gerade mit aller Kraft versuchte, seine Gefühle im Zaum zu halten. Etwas funkelte in seinen braunen Augen… war das Wut?

Auf das Gespräch über die Kellnerin konnte sie sich kaum konzentrieren, ihre Gedanken kreisten um seinen Gesichtsausdruck…

Die Tür wurde plötzlich aufgerissen, holte Regina zurück in die Realität. Sie zuckte zusammen und es war, als würde ihr Herz stehen bleiben; die Akte segelte zu Boden und Blätter verteilten sich auf dem Teppich während sie realisierte, dass es nur Daniel Schirmer war…

Und dennoch hatte sich etwas in ihrer Brust vor Schreck zusammengezogen, wie in dem Moment, als die Faust ihr Gesicht getroffen hatte, und sie brauchte einen sehr tiefen Atemzug, um wieder Luft zu bekommen. Es war ein Moment der Schwäche, der sie unnötig heftig ärgerte, und sie wusste, dass sie viel zu laut wurde, als sie Herr Wellbrook anwies, die Akte liegen zu lassen, doch irgendwie musste sie den Schock kaschieren, der ihre Stimme zum zittern brachte.

Ihr wurde ein wenig schlecht als sie hörte, dass der 14/2 einen Unfall gehabt hatte, doch sie zwang sich, so ruhig zu bleiben wie sie in dieser Situation nur konnte - sie war noch immer die Chefin, sie musste die Fassung bewahren, die Truppe zusammenhalten.

Egal, wie schlecht sie sich in diesem Moment fühlte.

Egal, wie sehr ihr die Angst durch die Glieder fuhr und drohte, sie zu lähmen.

Ihr Blick glitt, beinahe automatisch, nach links, wo Dirk saß, und sie wusste selbst nicht, wieso. Alle hatten sich zu Herr Schirmer umgedreht, nur er nicht; sein Blick ruhte noch immer auf ihr, als ob die anderen nicht da wären, und sie hätte es niemals zugegeben, doch das Wissen, das er ein Auge auf sie hatte, gab ihr die Stärke, um diesen Moment durchzustehen und im nächsten die Befehle zu geben, die man von einer Kommissariatsleiterin in dieser Situation erwartete.

oOo


“Dirk, kannst du vielleicht nochmal mit Frau Küppers sprechen? Die gehört ins Krankenhaus, sie hat sich viel zu früh selbst entlassen, aber auf mich hört sie ja nicht,” flehte Hannes förmlich, und Dirk seufzte innerlich auf. Hannes Sorge in allen Ehren… doch müsste er selbst wissen, dass ihre Chefin eine sture Frau war, die sich kein bisschen Schwäche eingestehen konnte. Glaubte Hannes tatsächlich, dass sie auf ihn hören würde? Natürlich hätte er ihr zu gerne selbst gesagt, dass sie sich ein wenig Zeit nehmen und sich zu Hause ausruhen sollte, doch Regina Küppers war die Art von Person, die nach einem schweren Schlag sofort wieder zurück aufs Pferd stieg - im wahrsten Sinne des Wortes.

Harry sprach seinen Gedanken aus, während Dirk aus dem Fenster blickte; es war bereits dunkel und es gab da draußen nicht viel zu sehen, aber es gab ihm die Zeit, seine eigenen Gedanken zu ordnen. Auch Stunden später war es noch immer schwer, die Wut im Zaum zu halten die in dem Moment in ihm aufgeflammt war, als sie ihre Sonnenbrille abgenommen und ihnen allen ihr blaues Auge gezeigt hatte. Er hatte gemerkt, wie steif sie sich gehalten hatte, um die Schmerzen von den Prellungen gering zu halten, wie sie eine Maske aufgesetzt hatte, um nicht durchblicken zu lassen, wie sehr der Angriff sie mitgenommen hatte.

Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er sie nach Hause gebracht und sichergestellt, dass nichts und niemand ihr weitere Schmerzen zufügen konnte. Er hätte auf sie eingeredet, wäre vielleicht auch zuvor schon ins Krankenhaus gefahren, um sie abzufangen…

Doch egal wie sehr er das alles wollte, er hatte es nicht getan, weil er genau wusste, dass sie es gebraucht hatte, wieder auf die Wache zu kommen.

Natürlich passte ihm das nicht, vor allem der Teil von ihm, der seit Jahren mehr für sie empfand als ihm als ihr Kollege zustand, aber mit der Zeit hatte er gelernt, dass er sie nicht aufhalten konnte. Selbst wenn es ein Fehler gewesen war, sich selbst aus dem Krankenhaus zu entlassen, es war ein Fehler, den sie machen musste.

Keiner sagte Regina Küppers, was sie zu tun hatte.

“Lass die Frau bitte in Frieden. Das ist das Beste, was du für sie tun kannst,” antwortete er schließlich, stark darauf bedacht seine eigene Sorge und Traurigkeit nicht zu sehr herauszulassen, auch wenn er sich sicher war, dass man seine Gefühle heraushören konnte.

Dirk konnte sich vorstellen, wie entnervt Regina schon sein musste; Krabbe hatte ihr Büro seit Stunden belagert, sie immer wieder angesprochen… es war Zeit, dass ihn jemand aufhielt, denn sie schien selbst keine Energie dafür gehabt zu haben, jedenfalls nicht genug, dass die Botschaft hängen blieb.

Hannes ging schließlich, ein wenig missmutig, und Dirk versuchte, sich auf die Besprechung mit Harry, Nina und Lukas zu konzentrieren, doch seine Gedanken schweiften immer wieder ab. Ja, Regina würde sich nicht bevormunden lassen oder den Kollegen zeigen, wie schlecht es ihr ging, doch das Verhältnis zwischen Dirk und ihr, so seltsam es auch war, würde es ihm erlauben, bei ihr nach dem Rechten zu sehen.

Da würde ihre Sturheit es mal wieder mit seiner Sturheit zu tun bekommen.

oOo


Regina atmete mehrmals tief durch und ihr Blick sprang beunruhigt von einem Schatten hinter dem Revierschild zum nächsten; ihr Herz raste in ihrer Brust, schien sich schmerzhaft gegen ihre geprellten Rippen zu pressen, und die Angst ließ die Autoschlüssel in ihrer Hand zittern. Der rationale Teil ihres Hirns wusste, dass es nur ein harmloses Geräusch gewesen war, wie es in der Großstadt vorkommen konnte, doch ihr Fluchtinstinkt war geweckt. Es lauerte niemand in der Dunkelheit, doch sie war trotzdem für einen quälend langen Moment wie gelähmt.

Sie fühlte sich beinahe hilflos, und fragte sich, was sie jetzt tun sollte. Der Parkplatz bei ihrem Hotel war auch dunkel, es gab genug Ecken, in denen sich jemand verstecken konnte…

Ein sanftes Klopfen gegen die Autoscheibe holte sie zurück in die Realität, und sie umklammerte die Autoschlüssel fester bevor sie erkannte, dass es nur Dirk Matthies war. Er lehnte an ihrem Auto, leicht vorgebeugt um zu ihr hereinsehen zu können, und sein ruhiger Gesichtsausdruck vertrieb einen Teil der Angst fast sofort. Er ruckte leicht mit dem Kopf und Regina fummelte in der Dunkelheit herum, dann schaffte sie es endlich, die Wagentür leicht zu öffnen.

“Herr Matthies?”

“Ich denke es ist besser, wenn ich sie nach Hause begleite.”

Es war beinahe erschreckend, wie schnell das Ja auf ihrer Zunge war, doch sie schluckte es gerade noch rechtzeitig herunter. Sie war keine Jungfrau in Nöten, die vom großen Dirk Matthies gerettet werden musste…

An einem normalen Tag hätte sie ihn schlagfertig abgewiesen, doch heute… heute war alles andere als normal, und sie fühlte sich nicht mal halb so stark wie sonst.

Er legte leicht den Kopf schief während sie auf ihrer Unterlippe kaute, und er schien genau zu wissen was sie dachte.

“Nur bis zu ihrem Zimmer. Für den Fall.”

Sie musste sich eingestehen dass der Gedanke, nicht alleine durch die dunkle Stadt zu müssen, sehr beruhigend wirkte. Verdammt, warum nicht? Er wäre der letzte, der ihre Schwäche den Kollegen auf die Nase binden würde. Und er machte sich nur Gedanken um sie… und sie wusste genau, dass er sich nicht würde abwimmeln lassen.

Regina versuchte zu lächeln als sie nickte, doch Tränen der Erleichterung brannten in ihren Augen und trübten ihre Sicht. Raue Finger glitten erstaunlich sanft über ihre Hand als er ihr den Autoschlüssel abnahm.

“Ich fahre.”

Sie warf einen schnellen Blick zu den erleuchteten Fenstern der Wache, doch durch den Tränenschleier konnte sie niemanden sehen, der sie beobachtete, und so schob sie sich mit zittrigen Beinen aus dem Auto.

“Ich… ich… danke,” murmelte sie, ein wenig peinlich berührt dass sie es nicht einmal schaffte ihm ordentlich zu danken, doch er schüttelte nur den Kopf und seine Lippen verzogen sich zu einem leichten, schiefen Lächeln.

“Einsteigen, Rübchen.”

So hatte sie eigentlich nur ihre Mutter nennen dürfen, das wusste er auch genau, und in jeder anderen Situation hätte sie ihn zurechtgewiesen, doch in diesem Moment fühlte sich diese Vertrautheit nicht unangenehm an. Ganz im Gegenteil - sie erinnerte sie daran, dass er sie besser kannte als beinahe jeder andere Mensch in ihrem Leben, und gab ihr in diesem Moment eine Sicherheit, die sie dringend gebraucht hatte.

Eine Mischung aus einem ganz leichten Lacher und einem Schniefen rutschte aus ihr heraus und seine Hand streifte ihre Schulter in einer flüchtigen, aber dennoch ungemein beruhigenden Geste.

Dirk startete bereits den Wagen als sie auf der Beifahrerseite einstieg, und als er ihren BMW aus der Parklücke heraus steuerte, schien eine Anspannung von ihr abzufallen, die den gesamten Tag über ihren Körper in höchster Alarmbereitschaft gehalten hatte. Es war plötzlich ganz einfach für sie, sich zurückzulehnen, ihn machen zu lassen - nicht, dass eine Diskussion sie weit gebracht hätte - und sich zu entspannen. Selbst in seiner Gegenwart erlaubte sie sich selten einen Moment der Schwäche, doch sie konnte die Fassade einfach nicht aufrecht erhalten, vor allem weil er wusste, wie es ihr darunter tatsächlich ging.

Die Fahrt zu ihrem Hotel verlief schweigend, doch die Stille war nicht unangenehm; Dirk schaute hin und wieder zu ihr rüber und wenn sich ihre Blicke dann mal trafen schien es ihr beinahe so, als würde eine wortlose Kommunikation zwischen ihnen stattfinden. Sie wussten beide, was der andere gesagt hätte, wenn sie sich über diese Situation unterhalten hätten, was Regina vielleicht zugegeben hätte, wenn auch nur ungern.

Dass sie jetzt nicht alleine sein wollte.

Dass sie dankbar war, dass er sie nicht wie ein rohes Ei behandelte, während er sie dazu brachte, sich ein wenig helfen zu lassen.

Dass er wusste, dass sie keinen Beschützer brauchte - wenn sie ein gutes Mädchen war, hatte sie seit ihrer Rückkehr auf die Wache ihre Dienstwaffe in der Handtasche - aber sichergehen wollte, dass sie gut nach Hause kam.

Dass er hier war, weil er sich Sorgen um sie gemacht hatte und er einen Weg brauchte, um ihr dies zu zeigen.

‘Muddel hätte jetzt wieder verschlagen gegrinst und mir einen ihrer Vorträge darüber gehalten, wie gut wir zusammengepasst hätten,’ dachte Regina bei sich mit einem leichten Kopfschütteln. Das Schlimme war auch noch, dass Renate Küppers immer Recht hatte. Dirk und sie waren sich ähnlicher als sie sich eingestehen wollten, und da war etwas… undefinierbares zwischen ihnen, seit Jahren.

Wieder schüttelte sie den Kopf, um die Gedanken zu vertreiben - sie hatte jetzt ganz andere Sorgen. Manni Schwacke’s Bett in Santa Fu war noch nicht ganz kalt und schon waren zwei Angriffe auf Beamte der Hamburger Polizei gestartet worden, die ganz und gar nicht wie Zufälle aussahen, und sie hatten noch nichts in der Hand.

“Brauchst du noch etwas von der Apotheke?”

Dirk’s ruhige Stimme und seine Hand an ihrem Arm holten sie zurück in die Realität; sie standen bereits auf dem Parkplatz ihres Hotels, der Motor lief aber noch.

“N-nein. Ich habe im Krankenhaus alles bekommen,” antwortete sie leise und löste ihren Gurt während ihr Blick über den Parkplatz glitt. Er war gut genug ausgeleuchtet, aber an jedem Ort gab es dunkle Ecken…

“Hintereingang?”

Er zog den Schlüssel ab und sie nickte schnell, öffnete die Beifahrertür und versuchte ihre Tasche nicht zu krampfhaft festzuhalten, als sie um das Auto herumlief. Es war frustrierend wie viel Angst schon wieder durch ihren Körper schoss, als hätte jemand einen Eimer mit kaltem Wasser über ihr ausgekippt. Das Gefühl kroch überall hin, ließ ihren Blick wandern…

Eine warme Hand legte sich auf ihren Rücken und sie drehte sich zu ihm, erwartete beinahe einen Kommentar von ihm, doch Dirk legte nur den Kopf leicht schief als er sie anblickte. Mit einem Mal war es wieder einfacher zu atmen, und sie ließ sich von ihm zum Hintereingang wenige Meter weiter führen - das Hotelpersonal musste sie nicht unbedingt so sehen.

Im Aufzug zog sie mit zittrigen Fingern ihre Schlüsselkarte aus ihrer Tasche, und als sie bei ihrem Zimmer angekommen waren, folgte Dirk ihr wie selbstverständlich nach drinnen und schloss die Tür hinter sich. Für einen Moment inspizierte er das Schloss, bis er sich sicher war, dass es wohl halten würde, falls sich jemand gewaltsam Zutritt verschaffen wollte, dann drehte er sich zu Regina, die etwas verloren mitten im Raum stand, die Fassade der starken Chefin endgültig verschwunden.

Etwas zog sich in ihm zusammen bei diesem Anblick und er wusste, dass er jetzt noch nicht gehen konnte. Er trat näher an sie heran, immer darauf bedacht in ihrem Blickfeld zu bleiben, und zog ihr sanft den Mantel von den Schultern. “Willst du vor dem schlafen gehen noch eine Schmerztablette nehmen?”

Sie nickte kaum merklich und Dirk hängte ihren Mantel auf bevor er zur Minibar ging und eine Flasche Wasser herausnahm; dann griff er sich ohne zu zögern ihre Handtasche und fischte eine Medikamentenpackung heraus. Regina stand noch immer da wie angewurzelt, alle Gefühle und Gedanken, die sie den Tag über unterdrückt hatte, kamen jetzt, da sie zu Hause war, an die Oberfläche.

“Nun komm, du musst ins Bett.”

Sie blinzelte, ein wenig verwirrt darüber, worauf er hinaus wollte, dann schaute sie an sich herunter - natürlich, sie konnte nicht in ihrem Anzug schlafen… Aber ihre Beine bewegten sich nicht, und Dirk unterdrückte einen schweren Seufzer. Vielleicht würde sie ihn für das, was er nun tat, in einigen Tagen oder Wochen mächtig zusammenscheißen, aber das würde auch der Moment sein in dem er wusste, dass sie wieder die Alte war.

Während sie ins Leere starrte, ihre Gedanken offensichtlich an einem dunklen Ort, öffnete er die Tür zu ihrem Kleiderschrank und versuchte so diskret wie möglich etwas zu finden, was sie zum schlafen anziehen konnte. Seine Augenbrauen hoben sich als er tatsächlich eine Jogginghose fand - wer hätte gedacht, dass Regina Küppers so ein Kleidungsstück besaß? Wenig später war auch ein ausgeleiertes, übergroßes T-Shirt mit einem Polizei-Schriftzug gefunden und er kehrte zu ihr zurück, drückte ihr die Kleidung in die Hand.

“Du weißt schon, dass du dich umziehen musst?”

“J-ja,” stammelte sie, doch noch immer schien sie keine Kontrolle über ihren Körper zu haben, und nun konnte Dirk einen Seufzer nicht zurückhalten. Sie würde ihn nicht nur zusammenscheißen, sie würde ihm eine reinhauen.

Er löste vorsichtig die Knöpfe an den Ärmeln ihrer schwarzen Bluse und zog sie ihr über den Kopf, darauf bedacht, nicht gegen ihr Gesicht zu kommen; Regina hob die Arme wie in Trance, als ob sie nicht wirklich wahrnahm, was gerade passierte. Ihr weißes Unterhemd hätte er ihr gelassen, doch nun kam doch ein wenig Leben in sie und sie zog es hoch während sie sich wegdrehte. Dennoch konnte Dirk die riesigen Prellungen auf ihrem Brustkorb sehen, die bereits in allen Farben des Regenbogens zu leuchten schienen, und sein Kiefer mahlte harsch für einen Moment. Wenn er diese Mistkerle in die Finger kriegte…

Sie räusperte sich leise und hastig reichte er ihr das T-Shirt, froh dass ihnen beiden größere Peinlichkeiten erspart bleiben würden. Er drehte ihr den Rücken zu als sie anfing, sich mit ihren Schuhen und ihrer Hose zu befassen, und ließ seinen Blick durch ihr Zimmer gleiten. Einige Kleidungsstücke lagen auf dem Boden, ihr Bett war ein halber Aktenschrank…

“Einfach unverbesserlich,” murmelte er mit einem leichten Lächeln und beugte sich vor, um die Aktenordner von der Decke zu fischen, gemeinsam mit ihrem Laptop und einem Roman. So aufgeräumt wie sie sich im Alltag gab, war Regina Küppers absolut nicht, und es war irgendwie besonders dass unter den Kollegen nur er das wusste.

Als er sich umdrehte, lag ihre Kleidung achtlos auf dem Boden und sie stand barfuß inmitten des Chaos, auf ihrer Unterlippe herum kauend, als wüsste sich nicht so recht, was sie jetzt mit sich anfangen sollte.

Dirk hätte alles gegeben, damit es ihr besser ging, doch er wusste, dass er nicht viel mehr tun konnte als das, was er bereits tat. Mit zwei langen Schritten war er neben ihr und nahm sanft ihren Arm, führte sie zum Bett und brachte sie dazu, sich auf die Kante zu setzen. Kurz darauf hatte legte er ihr eine der Schmerztabletten in die Hand, und während sie diese mit einem Schluck Wasser herunter spülte, sagte er bestimmt: “Morgen schonst du dich aber, verstanden?”

Ihre Augen verengten sich, ein kleines Zeichen des Widerstands, und Dirk lächelte leicht. “Ich habe nicht gesagt dass du gar nicht zur Arbeit kommen sollst. Ich möchte nur, dass du auf dich aufpasst.”

Die Kälte, die sie zuvor gelähmt hatte, verschwand langsam aus ihren Gliedern als Regina ihn ansah und sich wunderte wie er es schaffte, immer wieder bei ihr die richtigen Punkte zu treffen. Immer wieder schien er genau das zu tun oder zu sagen, was sie brauchte, ohne sie einzuschränken.

“Okay.”

Dirk nickte und hob die Decke an, damit Regina darunter schlüpfen konnte; sie kamen sich in dem Moment sehr nahe, und sie sog unbewusst den vertrauten, angenehmen Geruch seiner Lederjacke und seines Aftershaves ein. “Brauchst du noch was?”

Sie rollte sich unter der Decke zusammen und schüttelte den Kopf, ein seltsames Gefühl in der Magengrube als sie realisierte dass er bald gehen würde. Was, wenn die Angst sofort wiederkommen würde?

Der Gedanke daran, dass hier alleine liegen und auf jedes Geräusch lauschen würde, trieb ihr die Tränen in die Augen. Egal wie sehr sie blinzelte, sie wurde sie einfach nicht los.

“Ich… ich will heute Nacht nicht alleine sein,” flüsterte sie, ihre Stimme leicht zittrig, und Dirk nickte. Ohne zu zögern streifte er sich seine Schuhe und die Jacke ab und setzte sich auf die Matratze, den Rücken gegen das gepolsterte Kopfteil gelehnt.

“Dann bleib ich, bis du eingeschlafen bist.”

Die Antwort stellte sie nicht komplett zufrieden, doch sie wollte nicht zu verzweifelt wirken und ihn anflehen, wirklich die ganze Nacht zu bleiben. Irgendwo in ihr drin war noch die rationale Regina, die sie daran erinnerte, dass sie Kollegen waren und sich sowas nicht gehörte. Sie zog die Decke enger um sich, wie einen schützenden Kokon, während Dirk das große Licht im Raum ausschaltete und dafür die Nachttischlampe an machte. Ihre Blicke trafen sich einen Moment später im Halbdunkel, und er gab ihr ein sanftes Lächeln.

“Es wird alles gut. Ich bin hier.”

Ein paar Tränen rollten schließlich doch über ihre Wange; er war wirklich zu gut um wahr zu sein. Zaghaft streckte sie ihr Hand unter der Decke hervor und er nahm sie. “Gute Nacht, Rübchen.”

Sie schauten sich lange nur in die Augen, und wieder schienen beide zu wissen, was der andere sagen wollte. Ob es nur für Minuten war oder Stunden, keiner von beiden wusste es.

“Danke.”

Er nickte nur - er würde dies immer wieder für sie tun, doch das wusste sie schon - und streckte die Beine aus während ihre Hände, die Finger inzwischen miteinander verschränkt, im freien Raum zwischen ihren Körpern auf der Matratze ruhten. Egal wie vertraut sie miteinander waren in diesem Moment… es war dennoch eine Distanz zwischen ihnen, die keiner von beiden bisher gewagt hatte zu schließen.

Vielleicht würden sie den kleinen Schritt eines Tages tun… wer wusste das schon.

Alles was in diesem Moment zählte war, dass Regina sich mit ihm an ihrer Seite sicher genug fühlte, um ihre Augen zu schließen und einzuschlafen, während Dirk über sie wachte.

Er blieb die ganze Nacht, und ihre Hände trennten sich für keinen einzigen Augenblick.

ENDE
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