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Plötzlich Märchen

von Mila Mond
GeschichteAbenteuer, Humor / P12 / Gen
01.05.2020
18.01.2021
8
4.932
5
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01.05.2020 679
 
Es war einmal eine Familie, die hatte zwei Kinder. Ihre Namen waren Henry und Greta. Da ihre Großmutter am Rand des Dorfes ganz allein in einem kleinen Häuschen wohnte, gingen die Kinder sie oft besuchen. Greta schnappte sich dann ihre Nike-Air, Henry zog seine rote Adidas-Kappe auf und ihr Vater packte einen Korb mit Lebensmitteln, die seine Kinder zu seiner Mutter bringen sollten. Einmal, als die beiden so ausgestattet durch das Dorf gingen, kam Henry eine Idee:

„Lass mal einen anderen Weg ganz außen am Wald entlang nehmen. Wenn wir halb ums Dorf rum sind, müssten wir Omas Haus locker finden.“

Obwohl Greta lieber ihren gewohnten Weg gelaufen wäre, um nicht so lange zu brauchen, folgte sie ihrem Bruder. Eine Weile gingen sie schweigend einen schmalen Pfad entlang, dann tauchte wie aus dem Nichts eine hübsche, kleine Backstube auf der Waldseite etwas abseits des Pfades auf. Ganz allein stand sie da, unter Kiefern und Tannen, mit Lebkuchen bemalt, mit rauchendem Steinofen und einer Auslage voll verlockendem Süßgebäck.

„Boah ich hab echt Hunger“, sagte da Henry. „Warum ist hier eigentlich keiner zu sehen, der auf die Sachen aufpasst?“

Da trat eine gebückte, alte Frau aus der Backstube und rief mit einer schauerlich krächzenden Stimme: „Knusper, knusper, Knäuschen! Wer knuspert an meinem Häuschen?“ Dann veränderte sich ihr Tonfall hin zu dem einer ganz normalen, freundlichen Frau: „Aber ihr zwei seid vielleicht schon ein wenig zu groß dafür.“ Die alte Frau lachte. Als sie die verständnislosen Blicke der Kinder sah, erklärte sie: „Wir haben eine Märchen-Erlebnisausstellung im ganzen Waldstück dieses Wochenende. Ich spiele die böse Hexe aus Hänsel und Gretel.“

„Ach so!“, riefen die Kinder und mussten nun auch lachen.

„Nehmt euch doch etwas Süßes, wenn ihr wollt, und macht ein Foto im Käfig hinterm Haus. Ich freue mich ja, wenn endlich jemand hier vorbeikommt.“

Das ließ Henry sich nicht zweimal sagen, er schnappte sich eine Zimtschnecke und folgte der Schauspielerin, seine Schwester im Schlepptau, hinters Haus.

Weil das ja irgendwie Teil der Absprache war und die Alte sich wirklich sehr über ihre Besucher zu freuen schien, überließ Henry ihr sein Smartphone für ein Bild und setzte sich in den Käfig, der tatsächlich auf der Rückseite der Backstube aufgebaut worden war.

In die Frau, die so sehr wie eine Hexe aussah, kam jedoch plötzlich Bewegung. Mit einem höhnischen Lachen sprang sie nach vorn und verschloss den Käfig, dann drehte sie sich um und warf das Handy in einen großen Ofen, in dem ein offenes Feuer loderte.

„Spinnen Sie denn? Was haben Sie nur getan?!“, schrie Henry wutentbrannt, doch die Hexe lachte noch lauter und sprang flink auf Greta zu. Diese drehte sich um, so schnell sie konnte, und rannte in den Wald hinein. Ihr Bruder aber schrie und rüttelte an den Gitterstäben und konnte sich nicht befreien. Entsetzt sah er zu, wie die Alte zu ihrem Hexenhaus zurückkehrte, während seine Schwester zwischen den Bäumen verschwand.

Ein irres funkeln lag in den Augen der Hexe, als sie vor dem Käfig zum Stehen kam. „Wusste ich doch, dass ein Häuschen in Dorf-Nähe mehr saftige kleine Kinder anlocken würde, als der alte Schuppen tief im Wald. Die Leute schicken ihre Bälger ja ohnehin kaum noch nach draußen…“ Scheinbar gedankenverloren, fing die Alte zu summen an und Henry sah ihr sprachlos dabei zu, wie sie einige Holzscheite in das große Feuer warf. Als der Junge seinen Mut endlich wiederfand, sagte er:

„Hören Sie mal, wenn Sie mich jetzt gehen lassen, werde ich niemandem von dieser Sache erzählen. Das mit dem Handy ist nicht so wild, das war eh alt. Sie haben es eben beim Schauspielern ein wenig zu weit getrieben, weiter ist ja noch nichts passiert, richtig?“

Da kam die Hexe ganz nah an das Gitter heran und rieb sich wie in großer Vorfreude ihre knorrigen Hände. „Weiter ist nichts passiert, weiter ist nichts passiert,“ wiederholte sie. „Aber sieh mal, kleiner Hänsel, wenn ich dich jetzt gehen ließe, so könnte ich dich morgen ja nicht mehr fressen!“ Und ehe Henry noch etwas erwidern konnte, war die Alte in ihrem Häuschen verschwunden.
 
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