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Madrid 2019

OneshotAllgemein / P16 / Gen
Berlin / Andrés Helsinki Palermo / Martín
01.05.2020
01.05.2020
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„Palermo! Status?“, sogar durch das Rauschen und Knacken des Funkgeräts klang die Anspannung und extreme Konzentration des Professors durch.
„Auf der Flucht!“, brüllte Palermo zurück. Er hatte jetzt keine Zeit für lange Antworten. Jetzt musste er die nächsten paar Minuten überleben ohne von der Polizei erschossen zu werden.

Sie waren durch die Fenster reingekommen, hatten sie vollkommen überrascht. Tokyo hatte sie nur Augenblicke, bevor Rauchgasgranaten die Fenster zersplittert hatten, gewarnt. Die Geiseln waren nicht vorbereitet, trugen alle keine Westen oder falsche Waffen. Sie konnte deren Leben nicht riskieren, sondern sie nur als Ablenkung gegen das SWAT-Team schicken, um ihnen ein bisschen Zeit zu erkaufen. Das Gold war schon draußen, durch die Rohre der Kanalisation nach draußen geschwemmt.
Sie mussten nur noch selbst hier raus.
Und da lag das Problem.
Das Maschinengewehr war nicht geladen, die Sandsäcke waren nicht gestapelt. Sie hatten sich von Anfang an hinter die nächste Verteidigungslinie zurückziehen müssen. Suarez schien sich aber fest vorgenommen zu haben, bei seinem sechsten Versuch nicht zu scheitern.
Er hatte seine Männer beinahe schon rücksichtslos gegen ihre Verteidigung geschickt und hatte damit Erfolg gehabt. Sie hatten Meter um Meter an Boden verloren, bis Palermo schließlich die schwierige Entscheidung getroffen hatte, die anderen schon wegzuschicken und zusammen mit Helsinki den Rückzug zu decken.
Sie hatten zwar alles gegeben, und sich verbissen gewehrt, waren aber trotzdem unaufhaltsam zurückgedrängt worden, bis Tokyos Funkspruch, dass sie alle draußen waren, sie endlich erlöst hatte. Helsinki hatte ihn aus dem Feuer gezerrt und sie waren durch die vorher festgelegten Gänge und Flure geflohen.
Sie hatten nur falsch kalkuliert, wie lange Suarez brauchen würde um sie zu verfolgen. Mit dem feindlichen Mündungsfeuer hinter ihnen und einer noch zu langen Strecke vor ihnen, blieb ihnen nichts anderes, als sich an einer Ecke zu verschanzen.

Palermo lehnte sich schwer atmend gegen die Wand und versuchte irgendwie Ordnung in seinem Kopf zu schaffen. Die schwarze Kevlar-Weste drückte auf seiner Brust und machte das Atmen schwer. Trotzdem war er froh, dass sie da war. Eine Patrone steckte schon darin.
Mit einer schnellen Handbewegung zog er das Magazin aus dem G36 und überprüfte die Ladung.
Wenn sie so weitermachten wie jetzt, dann hätten sie keine Chance. Das SWAT-Team war schneller und besser gepanzert, außerdem gingen ihm und Helsinki die Munition aus. Sie mussten die Strategie wechseln, wenn sie aus dieser Schlacht noch davonkommen wollten.
„Helsinki?“, Palermo keuchte immer noch, aber seine Stimme war erstaunlich ruhig und gefasst.
„Was ist?“
„Wir kommen hier nicht raus, wenn wir so weitermachen.“
„Was willst du machen? Aufgeben?“
„Nein.“, Palermo wandte sich Helsinki zu: „Ich hab dir versprochen, dass du hier lebend rauskommst. Dass ich alles was in meiner Macht steht, tun werde um dich zu retten. Und es soll mir keiner nachsagen, dass ich meine Versprechen breche.“, er schluckte trocken und schloss die Augen: „Ich war wohl ein ziemliches Arschloch bis jetzt, nicht?“
„Palermo, was soll das heißen? Was hast du vor?“, Helsinki war schwer beunruhigt. Er besaß ein feines Gespür dafür, wie Menschen um ihn herum fühlten und mit Palermo stimmte etwas ganz gewaltig nicht.
„Nichts.“, der Argentinier sah ihn wieder an und lächelte.
Es war nicht das sarkastische oder selbstgefällig Lächeln, dass er meistens aufsetzte, wenn er seine Maske aufgesetzt hatte. Es war ehrlich und echt.
„Versprich mir nur eine Sache.“, Palermo zerrte den Riemen seines Gewehrs von der Schulter: „Auf drei läufst du weg. Du achtest nicht auf mich, du bringst dich selbst in Sicherheit. Versprichst du mir das?“
„Ich lass dich nicht einfach hier. Ich verlier dich jetzt nicht. Nicht nach alledem.“
„Du verdammter, serbischer Wichser.“

Bevor sie weiter diskutieren konnten, krachte dröhnend das Sicherungsfeuer aus den Läufen der Polizei durch den Gang, wie ein brutales Stahlgewitter. Querschläger pfiffen um die Ecke, blieben in Wänden und dem Boden stecken. Eine überaus eindringliche Erinnerung an die Zeit, die ihnen rasend schnell davonlief.  
„Auf drei. Eins.“, Palermo zog ein kleines, stiftähnliches Objekt auf seinem Overall: „Zwei.“, er stand auf: „Drei.“

Helsinki konnte nicht schnell genug regieren, als Palermo direkt in die Schussbahn sprang, mit nichts in Händen als diesem seltsamen Stift.
Er stand aufrecht, geradezu stolz, die Zeit dehnte sich bis zur Zeitlupe, als sich die roten Laserstrahlen des SWAT-Teams aus dem Rauch der Nebelgranaten lösten und sich zitternd ihr Ziel suchten.

„Una mattina,“, murmelte er ganz leise nur für sich: „mi son svegliato.“
Andrés war genauso gestorben. Aufrecht und stolz, während er seine Kameraden deckte.
„Oh, bella ciao, bella ciao, bella ciao ciao ciao.“
Er würde es ihm gleichtun.
„Una mattina, mi son svegliato.“
Dann wäre dieses ganze Elend, das sein Leben seit Jahren war, endlich vorbei.
„E ho trovato l’invasor.“
Von dem Tod erwartete er sich nicht viel.
„O partigiano, portami via.“
Er glaubte nicht an ein Jenseits, eine unsterbliche Seele oder sonst eines der Dinge, die man in der Sonntagsschule beigebracht bekam.
„O bella, ciao! bella, ciao! bella, ciao, ciao, ciao!“
Eigentlich hatte er nie viel über den Tod nachgedacht.
„O partigiano, portami via.“
Über das Sterben, ja, über das hatte er sich Gedanken ohne Ende gemacht, vor allem in diesen dunkelsten Momenten seines Lebens, in denen es nur seine Feigheit gewesen war, die ihn davon abgehalten sich eine Kugel durch den Kopf zu jagen.
„Ché mi sento di morir.“
Ja, er würde sterben. Seltsam, wie wenig es ihn auf einmal kümmerte. Und was für Gedanken einem in den Sinn kamen, wenn es so weit war.  

Eine Patrone bohrte sich etwa einen Meter vor ihm in den Boden. Martín schloss die Augen und drückte den Auslöser.
Helsinki wollte Palermo wegreißen, bevor er von Kugeln durchsiebt werden konnte, als er das charakteristische Klicken eines Fernzünders hörte. Seine Instinkte übernahmen, er warf sich auf den Boden und schlug die Arme über den Kopf.

Eine große Explosion erlebt man nicht. Man erinnert sich nur im Nachhinein daran, an Hitze und Druck, an das Dröhnen und Krachen, an Feuer und Staub. Und dann wacht man auf und die Welt hat sich innerhalb von Bruchteil Sekunden gewandelt und auf den Kopf gestellt.
Helsinki hörte nichts, bis auf ein hochfrequentes Piepen, seine Sicht flackerte zwischen viel zu dunkel und viel zu hell. Seine Arme und Beine fühlte sich an wie aus Gas, absurd leicht und wabbelige. Er stützte seinen Arm auf, um aufzustehen. Der ehemals rote Overall war vollkommen mit Staub bedeckt, sodass er die Farbe mehr erahnte, als wirklich sehen konnte. Das konnte natürlich auch mit seinen beeinträchtigten Augen zusammenhängen, die ihm immer noch ein eher abstraktes Bild der Wirklichkeit vermittelten.
Er musste feststellen, dass es sich mit Gliedmaßen aus Gas nicht besonders gut gehen ließ, würde aber den Teufel tun sich der Schwerkraft zu ergeben und sich wieder hinzusetzen. Dicke Staubwolken hingen in der Luft und erschwerten die Sicht noch zusätzlich, aber Helsinki war sich fast sicher, dass der Korridor, der vor einer Sekunde noch zehn Meter lang gewesen war, jetzt durch einen massiven Schutthaufen halbiert wurde. Die Leuchtstoffröhren flackerten unregelmäßig und trugen so zur leicht apokalyptischen Atmosphäre bei.
Palermo hatte den Gang gesprengt.
Bei Durchrennen hatte er keine äußerlichen Sprengladungen gesehen, sie mussten durch Bohrlöcher oder ähnliches in den Wänden und der Decke versenkt worden sein. Palermo war ein begnadeter Ingenieur, viele der Maschinen, die sie verwendet hatten, hatte er selbst entworfen und gebaut, genauso wie die meisten der komplexen Sprengsätze, wie den, mit dem sie den Tresor der Staatgeheimnisse geknackt hatten. Einen massiven Gang aus Stahlbeton zu sprengen war da eine einfache Fingerübung.
Offenbar hatten er oder der Professor dieses Szenario vorausgesehen und Vorkehrungen getroffen. Es würde Stunden brauchen, bis sich die Spezialisten der Polizei durch die gewaltige Masse an Schutt gewühlt hatten.
Helsinki wischte sich mit den Handrücken über das Gesicht um sich den klebrigen Staub aus Augen und Bart zu wischen. Es war mehr eine Verteilungs-, als eine Beseitigungsmaßnahme, aber wenigstens klärte sich seine Sicht soweit, dass er richtig etwas erkennen konnte.
Und was er sah, ließ seine Lethargie mit einem Schlag verschwinden.

Palermo lag, den Oberkörper an die Wand gelehnt, die Beine ausgestreckt, dem Schutthaufen gegenüber. Sein Kopf hing seitlich herunter, als hätte man ihn abgeknickt.
Helsinki hatte nur die peripheren Auswirkungen der Explosion mitbekommen, gedeckt durch die Ecke hinter der er gekauert hatte, aber Palermo hatte direkt in ihrem Weg gestanden. Die Druckwelle hatte ihn erfasst und wie eine Puppe gegen die Wand geschleudert, an der er jetzt reglos lag.
Der Staub hatte sich auf ihn gelegt, wie eine dicke Patina, ihn regelrecht mumifiziert. Palermo sah aus, wie die gipsernen Abgüsse der Toten von Pompei. Helsinki reagierte schnell und unmittelbar, als er sich neben dem Bewusstlosen hinkniete und mit einem Blick den Grad der Zerstörung maß.
Sie war erheblich.
Sein linkes Auge war nicht mehr sichtbar unter einer Schicht aus Blut-Staub-Gemisch. Er war sich nicht einmal sicher, ob das Auge überhaupt noch da war. Aber das war nicht das wirklich Schlimme. Die Konstruktion des Flurs bestand nicht aus Backstein, sondern aus Stahlbeton. Und eine der in den Beton eingegossenen Stahlstangen musste Palermo erwischt haben.
In seinem rechten Oberschenkel klaffte eine tiefe, stark blutenden Wunde, der Stoff der Overalls war zerrissen, die Ränder klebten an der blutverschmierten Haut.
Helsinki spürte Angst, aber seltsamerweise keine Panik. Im Krieg hatte er so etwas schon oft gesehen, sein eigener Körper war überzogen mit Narben, die er davongetragen hatte. Und ja, Palermo hatte eine lebensgefährliche Verletzung, aber Panik würde ihm nicht helfen.
Er brauchte einen Druckverband und möglichst schnell jemanden, der ihn zunähte. Dafür mussten sie hier raus, ohne dass der Blutverlust ihn vorher umbrachte.
Helsinki riss ohne zu zögern seinen eigenen Ärmel ab, schlang ihn um Palermos Bein und knotete die Enden so fest wie möglich zusammen.

„Ich hab mein Versprechen gehalten.“, Helsinki sah von seinem Verband-Kunstwerk auf. Der verrückte Hund blutete hier gerade sein Leben aus, besaß vielleicht noch ein Auge, aber brachte trotzdem genug Willen zusammen um zu lächeln.
Das Lächeln wirkte stolz und zufrieden, als wäre ihm gerade etwas Großartiges gelungen.
„Nicht sprechen.“, mahnte Helsinki: „Die Explosion hat dich mit voller Wucht erwischt.“
„Lustig. Ich spür gar nichts.“„Das ist der Blutverlust. Versuch ruhig zu atmen und dich möglichst nicht zu bewegen. Ich bring dich hier raus.“
„Nein.“, Palermo versucht ihn wegzuschieben, schaffte es aber nicht einmal richtig die Hand zu heben: „Geh. Die Polizei wird bald hier sein.“
„Was sagst du da? Ich lass dich hier nicht einfach liegen.“
„Du musst. Ich überlebe das hier sowieso nicht. Die anderen warten auf dich. Noch habt ihr einen ordentlichen Vorsprung.“, er schaffte es endlich seine Hand zu heben und die eiskalten Finger in Helsinkis Kragen zu krallen: „Bitte. Du kommst hier lebend raus. Das hab ich versprochen. Lass mich nicht als Lügner sterben.“
„Da hast du recht. Ich lass dich nicht sterben.“
„Bitte.“, Palermo zitterte vor Anstrengung, als er seinen Kopf ein Stück hob, um Helsinki ins Gesicht zu sehen. In seinem einzig sichtbaren Auge schien sich alles Leben, das noch in ihm steckte, zu konzentrieren. Die farblose Iris schien regelrecht zu glühen: „Bitte, geh.“
Sein Blick brach, die Pupille begann unstet hin und her zu zucken und sie willkürlich auf irgendwelche Dinge zu fokussieren:
„Ich… ich… mir ist so kalt. Warum wird alles so dunkel? Helsinki… ich… kann nichts mehr sehen. Es ist alles so dunkel. Ich hab Angst. Ich hab solche Angst.“, Palermo rannen Tränen aus der intakten Auge. Es sah irgendwie seltsam unpassend aus, eine so kindliche Sache wie Angsttränen in diesem martialischen Umfeld. Helsinki legte ihm die große Hand auf die Wange, er achtete nicht auf die roten Flecken, die sich beinahe sofort über seine Handfläche zogen:
„Hör mir zu. Du musst keine Angst haben. Ich werde dich nicht verlieren, Martín Berrotte. Wir kommen hier raus. Beide. Ich hab’s versprochen, oder?“
Martín hörte ihn nicht mehr. Um ihn herum war alles dunkel und taub. Ihm war so schrecklich kalt. Seine Hände und Füße, seine Glieder, seine Brust, sein Kopf, alles wurde eisig und taub. Er konnte regelrecht hören, wie das Eis aufsprang, als es sich durch sein Blut fraß.
Nur ein letzter Gedanke verfing sich in seinem Kopf und gelangte auf seinen scheinbar gefrorenen Lippen:
„Ich hab mein Versprechen gehalten.“, er lächelte wieder: „Ich hab dich vermisst… Andrés.“






Es war dunkel, aber nicht unangenehm und bedrückend, sondern eigentlich ganz angenehm. Warm, irgendwie kuschlig.
War er denn nicht tot?
Ja, war er. Musste er sein.
Vielleicht fühlte sich das tot sein einfach so an, woher sollte er das denn wissen. Warum dachte er darüber eigentlich nach? Konnte man denn nachdenken, wenn man tot war? Er besaß ja kein Gehirn mehr, das denken konnte. Aber vielleicht brauchte man keinen Kopf und kein Gehirn um zu denken.


E se io muoio da partigiano,o bella, ciao! bella, ciao! bella, ciao, ciao, ciao!E se io muoio da partigiano,tu mi devi seppellir.



Was war denn das? Eine Erinnerung? Warum eigentlich nicht? Er hatte Andrés dieses Lied mehr als einmal singen gehört, Sergio auch. Der hatte ihm erzählt, dass er es von seinem Großvater gelernt hatte, der mit diesem Lied auf den Lippen gegen den Faschismus gekämpft hatte und mehr als einmal fast gestorben war. Fast gestorben, eine passende Ironie.
Eigentlich sehr passend, dass er genau an dieses Lied dachte. Es ging darin um den Tod, dass es sich lohnte zu sterben für ein höheres Ziel. Es erfüllte ihn mit Stolz, dass ihm das gelungen war. Es war vielleicht kein Kampf gegen den Faschismus, aber trotzdem ein höheres Ziel. Vielleicht war es ihm damit gelungen seine Schuld zumindest ein bisschen auszugleichen. Denn Schuld hatte er mehr als genug auf seine Schultern geladen.



E seppellire lassù in montagna,o bella, ciao! bella, ciao! bella, ciao, ciao, ciao!E seppellire lassù in montagna,sotto l’ombra di un bel fior.



Wo würde er wohl begraben werden? Ob jemand seine Leiche mitgenommen hatte? Wahrscheinlich hatte die Polizei ihn geborgen, der Geheimdienst hatte Fotos von dem Kadaver gemacht, um einen Beweis zu haben, dass er tot war und dann hatten sie ihn einfach verbrannt. Vielleicht gab es von ihm ein Bild, ähnlich dem des toten Che Guevara. Eine Vorstellung, die seiner argentinischen Seele durchaus reizvoll erschien.
Er wäre gerne in Palermo begraben worden. Es gab diesen wunderschönen, verfallenden Orangenhain in der Nähe der ältesten Kirche von Sizilien, San Giovanni dei Lebbrosi. Er hatte es immer geliebt, in den heißen Sommern dort unter den duftenden Bäumen zu sitzen und zu zeichnen. Sein Block war gefüllt mit gezeichneten Blättern und Früchten, mit Landschaft und Meer. Alte Gemäuer und weiße Schiffe.
Er würde die Haine Siziliens nie wiedersehen. Genau wie die endlosen Pampas Argentiniens oder die Kirchen von Florenz. Nie wieder Musik hören, nie mehr tanzen. Keine einzige Tasse Mate mehr. Er würde nichts jemals wiedersehen.



Tutte le genti che passeranno,o bella, ciao! bella, ciao! bella, ciao, ciao, ciao!Tutte le genti che passeranno,Mi diranno «Che bel fior!»



Auf seinem Grab würde es keine Blumen geben. Niemand würde sein Grab besuchen. Er hätte ja nicht einmal eins. Sergio wäre wohl betrübt über seinen Tod. Helsinki wahrscheinlich auch. Mirko Dragic, so hieß Helsinki eigentlich. Aber für ihn würde er wohl immer Helsinki bleiben, der große, serbische Teddybär. Er hatte ihm so viel angetan, für das er sich eigentlich selbst hasste.
Dabei wusste er nicht einmal, wieso er sich so verhalten hatte.
Wahrscheinlich war es seine eigene Angst gewesen, jemanden näher an sich heranzulassen. Jedes einzelne Mal, als er zugelassen hatte, dass ein anderer Mensch in seine Gefühlswelt verwickelt wurde, hatte es ihm nichts als Schmerz gebracht. Er hatte Andrés jahre- und jahrzehntelang geliebt, so stark und hoffnungslos, dass es ihn zerstört hatte, als Andrés ihn für immer verlassen hatte. Es hatte ihn in tausend Teile zerschlagen und das Wesen, das aus dem Scherbenhaufen auferstanden war ein verbittertes Monster, das niemanden Glück und Freude gönnte. Das jeden hasste, der nicht so von Schmerz zerfressen war, wie es selbst.
Eigentlich wollte er weinen. Aber er war tot. Ein Toter konnte nicht mehr weinen.



«È questo il fiore del partigiano»,o bella, ciao! bella, ciao! bella, ciao, ciao, ciao!«È questo il fiore del partigiano,morto per la libertà!»



Was machte er sich hier vor? Er war nicht für die Freiheit gestorben. Nicht für große Ideale, nicht für die Liebe. Es war blanker Eigennutz gewesen. Der Egoismus eines Menschen, der einfach nur noch sterben wollte, aber zu feige war, es selbst zu tun. Er war erbärmlich. Selbst im Tod noch verachtenswert.
Und dann versuchte er dem allen auch noch eine Legitimierung zu geben. Sollte er doch für immer hierbleiben, hier im Dunkeln, wo er endlich niemanden mehr schaden konnte.
Das war nicht Himmel oder Hölle. Das war das perfekte Gefängnis, für ein widerliches Monster wie ihn.

Ein Kratzen drang durch seine Gedanken.

Moment, ein Kratzen? Woher konnte denn hier ein Geräusch kommen, wenn er keine Ohren mehr besaß? Und woher kam der Druck auf seinen Augen? Warum hatte er denn Augen?
Seine ganze Welt schien sich zu drehen, als plötzlich Sinneseindrücke auf ihn eingeprasselt kamen. Ein Geruch von gewaschenem Bettzeug und frischer Luft. Eine weiche Oberfläche, auf der er lag. Eine leichte Dumpfheit in seinem ganzen Körper. Ein ständiges „Ping“, das von irgendwo hinter ihm zu stammen schien. Dieses komische Kitzeln in seiner Nase.
Martín fuhr sich mit einer fahrigen, schwachen, unkontrollierten Bewegung ins Gesicht. Er fühlte seine kühlen Finger an seinem Kiefer und spürte an einer Stelle ein bisschen mehr Druck auf den Augen. Was drückte da auf seine Augen? Konnte er deshalb nichts sehen?
Er spürte die leicht raue Struktur von Stoff. Offenbar trug er eine Augenbinde.
Mit seinen schwachen Händen konnte er nicht einmal den Rand des Verbandes ertasten, bevor sie abrutschten und auf seiner Brust liegenblieben.

Gut, er war also blind, zumindest jetzt. Wieso?

Eine diffuse Erinnerung an enormen Druck und Schmerz in seinem Gesicht dämmerte in ihm herauf. An eine plötzliche Hitzewelle und einen gewaltigen Schlag auf den Rücken. Hatte es eine Explosion gegeben?  
An ein bärtiges Gesicht, das ihn nahezu flehend ansah und irgendetwas zu ihm sagte. Helsinki. An seine Angst im Dunkeln und starre Kälte in seinen Knochen.
Und dann, dann war er doch gestorben, oder nicht?
Offensichtlich doch nicht.

Martín tastete ganz vorsichtig seine Brust ab. Feiner Stoff, nicht mehr der Overall, eine dicke, weiche Schicht. Eine Bettdecke.
Hatte die Polizei ihn gefunden und gerettet? Wenn ja, dann würde wohl sehr bald jemand auftauchen, der ihn befragen und festnehmen sollte. Wahrscheinlich würden sie ihm dasselbe angedeihen lassen wie Rio. Denn auch wenn sie mit dem Veröffentlichen der Folter den wohl größten Skandal in der Geschichte Europas ausgelöst hatten, wenn die Behörden spitzkriegten, dass er sich den Plan ausgedacht hatte, dann würden sie wohl für ihn eine Ausnahme machen. Nicht Sierra, so dreist würde die Polizei wohl nicht sein, aber dann eben irgendjemand anderer, der sich damit auskannten Menschen zu brechen.
Sollten sie doch.
Er würde niemanden verraten. Eher ließ er sich in den Kopf schießen.

„Palermo? Bist du wach?“
Er wandte sich der Stimme zu. Sie war tief und hatte einen deutlich hörbaren serbischen Akzent. Und stammte mit Sicherheit nicht von der Polizei.
„Hels…“, beim Rest des Wortes verhaspelte sich seine Zunge und es entstand nur undeutliches Gemurmel.
Martín vernahm schwere Schritte, die sich auf ihn zubewegten und das Geräusch eines Stuhls, der über den Boden gezogen wurde. Er musste all seine Konzentration zusammennehmen, um einen Satz auf die Reihe zu kriegen:
„Wo bin… wo bin ich?“
Klang zwar noch völlig betrunken, aber besser als vorher.
„Palermo.“, die Stimme klang völlig überrascht, aber gleichzeitig hörte er ein ungläubiges Lachen in der Stimme: „Palermo! Du verdammter Spinner!“
„Nichts… sehen.“, Martín versuchte Helsinki nur über das Gehör zu orten, aber seine Wahrnehmung war immer noch schwer gestört. Er drehte den Kopf auf dem Kissen ein wenig hin und her, konnte aber trotzdem nicht bestimmen, wo Helsinki sich befand.  
„Du hast einiges verschlafen. Ich nehm dir erstmal den Verband ab, dann siehst du auch was.“
Eine kräftige Hand schob sich unter seinen Kopf und hob ihn ein kleines Stückchen an, bevor ganz langsam der Druck von seinen Augen verschwand. Es wurde heller und heller, nur seine linke Gesichtshälfte blieb dunkel.
Dann war der Druck komplett weg und er begann sofort zu blinzeln. Noch war alles ein wenig konturlos und immer wieder tanzten bunte Flecken durch die Gegend, aber er konnte die Welt um sich herum erkennen.

Der Raum war nicht besonders groß, seine Decke wurde von einem Kreuzrippengewölbe getragen. Ein Fenster stand offen, durch das ein stetiger frischer Luftstrom hereinwehte. Sein Bett stand etwa zwei Meter von dem Fenster weg. Das regelmäßige Geräusch, das er vorher schon gehört hatte, stammte von einer Maschine, die seine Vitalfunktionen in mehreren untereinander verlaufenden Linien anzeigte. Dahinter erkannte er einen Plattenspieler, auf dem sich gerade eine Schallplatte ausdrehte. Er hätte auch gerne nach links geblickt, nur blieb diese Seite undurchdringbar dunkel. Martín hatte schon eine dunkle Ahnung, was passiert war.
Helsinki beugte sich über ihn und ließ seine Hand langsam hin und her wandern:
„Siehst du das?“
„Ja… andere Seite ist… dunkel.“
„Dann hatte der Professor recht. Das könnte jetzt ein ziemlicher Schock werden.“, warnte Helsinki.
„Ein Schock?“
„Nach der Explosion hab ich dich gerade noch so rausbringen können und der Professor hat dein Bein gerettet. Dein Auge… das hatte nicht so viel Glück.“
„Was?“
„Du hattest einen Metallsplitter im Auge. Der Professor hat ihn rausbekommen, aber er… Er hat gesagt, dass die Linse und die Hornhaut irreparabel beschädigt sind.“
„Ich bin blind.“
„Vielleicht nicht ganz und es könnte auch ein bisschen besser werden, aber ja, dein linkes Auge ist blind.“
Martín wurde die Kehle eng und er bekam immer schlechter Luft. Sein gesundes Auge zuckte hin und her, das ständige „Ping“ wurde immer schneller, als seine Atmung flach und hastig wurde.
„Hey, hey, ganz ruhig.“, Helsinki legte ihm beruhigend die Hand auf das Brustbein: „Ein paar von deinen Rippen sind gebrochen.“
„Ich… ich bin blind.“
„Du hast noch ein Auge. Die Weste und die Stiefel haben dich vor dem Schlimmsten bewahrt. Du kannst gehen und dich richtig bewegen. Du lebst noch.“
Helsinki hatte recht. Er konnte sich nicht mehr richtig an die Explosion und das Danach erinnern, war sich aber sicher, dass er durchaus hätte sterben können. Er war frei und er lebte, er konnte selbst atmen und sogar sehen. Er hatte einen verdammten Schutzengel gehabt.

„Was ist passiert?“, fragte Martín, immer noch tonlos.
„Nachdem du mir weggesackt bist, hab ich kurz gedacht, dass du aufgehört hast zu atmen. Aber du hast noch gelebt und ich hab mich beeilt dich in Sicherheit zu bringen. Es war knapp, verdammt knapp. Das kann ich dir sagen.“
„Wo sind wir? Sizilien?“
„Fast. Wir sind zurück im Kloster. Weiter konnten wir dich nicht transportieren.“
„Oh. Das erklärt die Decke.“

Er schloss die Augen und lehnte sich in die Kissen zurück. Das Sprechen strengte ihn mehr an als gedacht, aber er zwang sich nicht wieder einzuschlafen, sondern wieder die Lider zu öffnen und versuchte sich aufzusetzen. Helsinki drückte ihn sanft wieder herunter:
„Bleib besser liegen. Mit dem Bein kannst du sowieso noch nicht gehen.“
„Lass mich aufstehen. Ich schaff das.“
„Dann kriegst du einen Rollstuhl.“
„Ich kann stehen. Bring mir einfach einen Stock und ich pilgere ins verfickte Santiago de Compostela.“, ein Satz, nicht gerade überzeugend von einem Mann, der fahl wie eine Leiche war und beim Sprechen vor Anstrengung zitterte. Er machte wieder Anstalten aufzustehen und Helsinki wollte ihm nicht wehtun, indem er ihn mit Gewalt zurück ins Bett zwang.
„Du bist bis oben hin voll mit Morphium.“
„Das erklärt, warum ich so high bin.“, Martín verzog das Gesicht vor Anstrengung, schaffte es aber trotzdem die Bettdecke beiseite zu schlagen und sich aufzusetzen.
Er sah an sich herunter und stellte fest, dass jemand ihn umgezogen haben musste. Statt dem blutbesudelten roten Overall, trug er seine Pyjamahose und ein einfaches weißes Shirt. Helsinki betrachtete ihn mit sorgenvoll hochgezogener Augenbraue, griff aber nicht ein, auch nicht, als Martín sich die Dioden vom Arm zupfte und das ständige Ping des Monitors erstarb.
Erst als er versuchte die Kanüle, die ihn mit seiner Infusion verband aus seiner Armbeuge zu ziehen, fuhr ihm Helsinki in die Parade:
„Die bleibt drin. Das hat der Professor klargemacht.“
„Soll ich mit dem Tropf herumwandern, wie ein Pflegefall?“
„Genau. Da kannst du dich auch draufstützen und brauchst keinen Stock mehr.“
Martín starrte ihn ein wenig entgeistert an, aber Helsinki meinte offenbar jedes Wort ernst. Aber er hatte es nicht so weit geschafft, um sich jetzt wieder hinzulegen:
„Gut, wo ist der Infusionsständer?“
„Du willst das wirklich selber machen?“
„Ja, hab ich doch gesagt.“, Martín zitterte wie Espenlaub, aber trotzdem gelang es ihm sein beschädigtes Bein aus dem Bett zu heben. Das dumpfe Pochen wurde stärker und ließ ihn nur erahnen, vor was für einem Schmerz ihn das Morphium gerade bewahrte. Es war nur seiner Sturheit zu verdanken, dass er es jetzt nicht einfach bleiben ließ.
„Ich stütz dich.“, Helsinki wartete nicht auf Erlaubnis oder Antwort, sondern legte sich den Rechten von Martíns Armen um die Schultern: „Du trägst nichts außer die Morphinpumpe.“
Der hatte zwar noch scharf protestieren wollte, musste aber feststellen, dass er sich ohne Helsinki nicht eine Sekunde aufrecht halten konnte.
„Und was jetzt? Legst du dich jetzt endlich wieder hin?“, es schien den Serben nicht zu stören, dass er de facto das Gewicht eines weiteren Menschen trug.
„Niemals.“, Martín schaffte es sogar zu grinsen, was aber dank seiner Blässe, der eingefallenen Wangen und der tiefen Schatten um die Augen ein bisschen etwas von einem Totenschädel hatte: „Wo sind die anderen?“
„Beim Essen, im Garten. Du bist rechtzeitig zum Abendessen aufgewacht.“
„Na dann, an die frische Luft.“


Es war ein warmer Spätsommerabend, eine Brise vertrieb die stehende Hitze, die sich über dem Gebäude gesammelt hatte. Das Kloster lag auf einem größeren, steilen Hügel über dem Tal des Arno, noch nah genug an Florenz, um von einem architektonischen Genie der Renaissance entworfen zu werden, aber gleichzeitig weit genug, damit man es einfach vergaß. Die wenigen Zisterzienser, die hier lebten, stellten keine Fragen über ihre kuriose Gästeschar, sie waren eigentlich sogar ganz froh über die Abwechslung und die zusätzlichen Hände.
Sie hatten sich rührend um Cincinnati gekümmert, den Denver und Stockholm vorgefunden hatten, als er mit dem Abt fangen spielte. Die Kirchenmänner hatten nicht einmal ein Problem mit den unverheirateten Paaren unter ihrem Dach, egal welcher sexuellen Orientierung.  
Der Professor, Bogota und Marseille hatten in den letzten zwei Wochen die meisten der alten, leckenden Leitungen ausgetauscht. Rio hatte den Mönchen sogar endlich einen Breitbandanschluss installiert, über was sich vor allem der Jüngste unter ihnen, der fußballbegeisterte Brasilianer, gefreut hatte. Manila machte sich immer wieder einen Spaß daraus mit ihm zu flirten.
Die letzten Tage war stürmisch und regnerisch gewesen, aber an diesem Morgen war die Wolkenschicht aufgerissen und die Sonne kam endlich durch. Sie konnten endlich wieder im Garten sitzen.

Tokyo saß auf einem umgedrehten Stuhl, die Arme auf der Lehne abgelegt, und kicherte glucksend. Cincinnati war zwar noch klein, aber schon so pfiffig, dass er es schaffte unter den Tisch zu krabbeln und Schnürsenkel solange miteinander zu verwickeln, bis durch Zufall unlösbare Knoten entstanden. Diesmal hatte es den Professor erwischt, als er aufstehen wollte, um ein Buch zu holen, von dem er Marseille erzählt hatte.
Es hatte ihn nicht hingeschmissen, aber der überraschte und unfreiwillig Stepptanz, den er meisterhaft hingelegt hatte, war köstlich gewesen. Sogar Raquel hatte ihr Lachen nicht zurückhalten können, war aber ihrem Liebsten dann doch zur Hilfe gekommen. Der Professor saß wieder auf seinem Platz und betrachtete etwas verschämt seine Hände.
Tokyo fragte sich immer wieder, wie ein Mann, der so schlau und charismatisch war, gleichzeitig so verdammt unsicher und schüchtern sein konnte, dass er jetzt hier saß, wie ein kleiner Schuljunge beim Direktor.
„Professor, Sie könnten mit Cincinnati zusammen zum Zirkus gehen.“, Bogota steckte sich grinsend eine Zigarette an: „Sie wären ein großartiger Clown.“
Der Professor sah aus, als wollte er hier und jetzt im Boden versinken. Stockholm hatte ihren Sohn auf den Schoss genommen, damit er nichts mehr anstellen konnte, aber Denvers stolzes Grinsen machte jeden Disziplinarversuch von vornherein vergeblich.
„Jetzt nimm’s nicht so schwer.“, Raquel strich dem Professor mit dem Daumen über den Handrücken.
„Ich nehm’s nicht schwer.“, der Professor schob sich die Brille hinauf.
Tokyo sah zu Rio, der sarkastisch nickte.

„Na schau mal, wer von den Toten auferstanden ist.“, Marseille lehnte sich zurück und nahm einen Schluck von seinem Bier. Tokyo folgte seinem Blick und zog überrascht die Augenbrauen hoch.

Vor etwa einer halben Stunde hatte der Pager zu fiepsen begonnen und Helsinki war aufgestanden, um nachzusehen, was los war.
Sie hatten nicht damit gerechnet, dass er Palermo mitnehmen würde. Aber der verrückte Kerl hatte genau das getan. Helsinki trug das zusätzliche Gewicht ohne sichtbare Anstrengung.  
Palermo sah tatsächlich aus, als wäre er direkt aus dem Grab gestiegen. Leichenblass, die Haut wächsern und kalter Schweiß auf der Stirn. Seine Finger waren um eine kleine weiße PVC-Box, die mit der Infusionsnadel in seinem Arm verbunden war, gekrallt, als würde er sich daran festhalten. Er ging gebeugt, ohne seine Stütze wäre er einfach ungebremst ins Gras gefallen, auf dem er vor drei Wochen noch einen Elfer gegen Tokyo verschossen hatte.

Am erschreckendsten war aber sein Auge. Es hatte zwei Wochen zum Heilen gehabt, aber offenbar war das hier schlimmer als ein paar Glassplitter. Vom Wangenknochen bis direkt zur Augenhöhle, zogen sich zwei schon halb verheilte Risse, die aber trotzdem noch mit Wundklebeband zusammengehalten wurden. Palermos Augen waren immer seltsam blass und gleichzeitig funkelnd gewesen, aber jetzt war die Hornhaut im linken Auge so vernarbt, dass es aussah, als hätte jemand eine Sturmwolke hineingestopft.    
Tokyo hatte ihn das letzte Mal gesehen, als Helsinki mit ihm auf den Armen in den Überlaufkanal gestürzt war.

Sie hatte nicht viel mitbekommen, nur dass der Professor plötzlich sehr hektisch geworden war, sie den blutverschmierten Palermo auf den hastig abgeräumten Schreibtisch abgelegt hatten und die chirurgischen Notfallpakete herangeholt hatten. Sie hatte die Operation nur aus der Ferne mitbekommen, weil Lissabon sie alle zum Transport des Goldes gescheucht hatte, damit der Professor seine Ruhe hatte.

Sie waren in mehreren unterschiedlichen Schiffen nach Italien geflohen und hatten sich erst im Kloster wieder getroffen, der Professor hatte ihnen nur gesagt, dass Palermo am Leben war. Als sie Helsinki gefragt hatte, was denn wirklich passiert war, hatte sie erfahren, dass es mehr als einmal verdammt knapp und Palermo eher tot als lebendig gewesen war. Bei der Operation hatte sein Herz mehrmals ausgesetzt, nur die eingefrorenen Blutkonserven hatten ihn gerettet.
Und trotzdem humpelte er hier mit bloßen Füßen durch das Gras des Klostergartens mit der Morphiumpumpe in der Hand.
Sie beide mochten sich nicht besonders. Tokyo hatte Palermo zwar die Splitter aus den Augen gezogen, und damit das Augenlicht gerettet, im Gegenzug hatte er die Operation zu ihrer Befreiung aus dem Panikraum geleitet, aber das war es dann schon mit der Freundschaft. Bei mehrfacher Gelegenheit hatten sie sich Waffen ins Gesicht gedrückt und als er zugegeben hatte Gandia befreit zu haben, wollte sie ihm wirklich die Kehle herausreißen.
Trotz ihrer gegenseitigen Abneigung, konnte sie sich einer gewissen Anerkennung nicht entziehen. Um direkt nach einer zweiwöchigen Bewusstseinspause aufzustehen und so etwas ähnliches wie „gehen“ zustanden zu bringen, musste man schon ein ziemlicher Sturschädel sein.

Helsinki bemerkte die plötzliche Ruhe und die verwunderten Blicke, die auf ihnen beiden ruhten.
„Warum ist er nicht im Bett?“, brach der Professor die Stille.
„Ich freu mich auch, dich zu sehen, Sergio.“, Palermo verzog das Gesicht zu einem grimassenartigen Lächeln, das aussah als würde ihm jemand Elektroschocks verpassen.
Der Professor kniff reflexartig die Lippen zusammen, als er seinen richtigen Namen hörte, beschloss dann aber, dass es eigentlich eh schon egal war, ob den jemand wusste oder nicht.
„Martín, dein Bein hält das nicht aus. Wenn die Naht aufreißt, dann wachst du das nächste Mal vielleicht nie mehr auf. Geh bitte zurück ins Bett.“
„Es ist jetzt weiter zurück, als bis zum Tisch. Lass mich hinsetzen und ich höre auf zu gehen. Komm, Helsinki, ich kann nicht mehr lange, mir ist schwindlig.“
Der Professor wollte eigentlich noch protestieren, spürte aber Raquels Hand auf dem Arm, die ihn sanft zurück zum Tisch zog. Martín hatte ja recht. Auf genau dieselbe, nervtötende Art wie er immer recht behielt.
Mit einem kritischen Blick setzte der Professor sich wieder auf seinen Platz am Kopfende des Tisches. Das vorher so muntere Gespräch war verstummt, sie alle beobachteten Helsinki samt Anhang den Tisch umrunden, weil dort der einzige Stuhl mit Armlehnen stand. Stockholm setzte ihren Sohn zu seinem Vater, stand auf und zog wortlos den Sessel heraus, bevor sie sich wieder hinsetzte. Helsinki nickte ihr kurz dankend zu, als er Palermo auf den Stuhl sinken ließ und zu seinem ursprünglichen Platz zurückkehrte.
Martín spürte alle Blicke auf sich zu ruhen, ihr Ausdruck reichte von überrascht über besorgt bis hin zu erfreut. Es lag nicht in seiner Natur, sich diesem Druck zu beugen, also senkte er den Blick nicht, sondern musterte seinerseits die Tischgesellschaft mit seinem neuen halben Blick.

Sie waren alle da.

Bogota saß neben Marseille und versuchte möglichst uninteressiert seine Zigarette zu rauchen, was seinem Tischnachbar aber wesentlich besser gelang. Manila hatte die Arme verschränkt und lugte über ihre Sonnenbrille hinweg. Die beiden Paare, Rio und Tokyo auf der einen Seite und Stockholm und Denver auf der anderen Seite, hatten ihre Krisen ganz offensichtlich hinter sich gebracht. Auch wenn er nicht viel (na ja, eigentlich nichts) für glückliche Pärchen und Familie übrighatte, war er doch froh, dass das ewige Gezanke (das spätnachts auf irgendwelchen Fluren ausgetragen wurde) ein vorläufiges Ende hatte.
Lissabon hatte immer noch ihre Hand auf dem Arm des Professors liegen, aber Martín kannte dessen Körpersprache gut genug, um zu wissen, dass er nicht mehr versuchen würde ihn ins Bett zu schicken wie ein unartiges Kind.

Hinter dem Professor führte der steinerne Treppenaufgang in den ersten Stock des Klosters. Auf den Stiegen saß Nairobi in ihrem roten Overall und den aufwendig geflochtenen Haaren. Sie lächelte auf ihre warme und freundliche Art, die ihr kleine Fältchen um die Augen zog.
Martín hatte sie immer schon gemocht. Sie war alles, was er nicht war.
Fröhlich und uneingeschränkt optimistisch, motivierend und positiv. Auch ihr hatte er wehgetan. Er war schuld, dass sie tot war. Er war an fast allem schuld, das schiefgelaufen war. Er sein scheiß Egoismus. Er würde alles versuchen, dass sie ihm vergeben konnte.

Neben ihr, lässig an das Geländer gelehnt, stand Andrés. Er trug den eleganten Samtanzug und den schwarzen Mantel, den er auch bei ihrem letzten Treffen angehabt hatte. Der Hut lag hinter ihm auf dem breiten Handlauf des Geländers.
Er sah aus, wie an dem Tag, an dem Martín ihn das letzte Mal gesehen hatte. Keine Spur von seiner Krankheit oder den Kugeln, die ihn in letzter Sekunde durchsiebt hatten. Kein Blut, kein Zittern, kein versteckter Schmerz. Nur Andrés, der grinsend, die Arme zwanglos verschränkt, zu ihm herübersah. Als er merkte, dass Martín seinen Blick bemerkt hatte, wurde sein Grinsen zum erfreuten Lächeln und er hob die Finger zu einem angedeuteten Winken. Martíns Herz begann schneller zu schlagen, was Andrés ein wenig zu amüsieren schien, denn seine Mundwinkel rutschten noch ein Stück weiter nach oben. Aber es war nicht spöttisch, wie er früher oft gegrinst hatte. Er wirkte fast schon stolz und warm.

Martín schüttelte sich und senkte den Blick auf die Tischplatte. Er hatte offenbar nicht nur ein Auge verloren und ein Loch im Bein, sondern auch eine ganz schöne Gehirnerschütterung davongetragen. Wahrscheinlich war es auch der momentane viel zu hohe Dosis Morphium zu verdanken, dass er sich irgendwelche Dinge einbildete

Wenn er diese Menschen jemals wiedersehen sollte, dann erst wenn er nicht mehr am Leben war. Nairobi und Andrés waren tot. Und er war lebendig, oder?



Oder?
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