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Walpurgistanz

von LadyAgi
OneshotFreundschaft, Übernatürlich / P6
01.05.2020
01.05.2020
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„NIK!“

Der laute Ruf tönte einmal quer durch den Wald, hallte von den Bäumen wieder und legte sich unheilvoll über die Lichtung. Der Druidenlehrling öffnete träge ein Auge. Er hatte den Morgen damit verbracht im Schneidersitz auf einer Wiese in der Nähe des Flusses zu meditieren. Die Blätter der Bäume raschelten in einem Windhauch, der so plötzlich aufkam, dass er nicht echt sein konnte.

„Schrei nicht so, Leshy“, murmelte er und schloss das Auge wieder. Seit den Vorfällen im Winter hatte sich das Verhältnis zwischen dem Menschen und dem Waldgeist ein bisschen gebessert. Immer öfter hatte Leshy ihn mehr oder weniger aus der Gefangenschaft (was wohl der beste Begriff für die zähen Lehrstunden mit dem alten Buch war) der Hütte befreit und ihn in die Welt der Pflanzen unterwiesen. Nicht die Kräuterkunde, die Fred ihm beibrachte, sondern die Sprache des Waldes. Im Winter war die Sprache des Waldes leise und so war es leichter gefallen die subtilen Zeichen der Bäume besser zu deuten. Jetzt im Frühling verwob sich das Stimmengewirr der blühenden Sträucher und Gräser sowie die Melodie der Blätter zu einer einzigen kontinuierlichen Hintergrundkomposition, die schwer zu differenzieren war.

Nik würde nie ein Freund von Leshy werden, dafür waren die Taten des Waldgeistes zu bösartig gewesen, aber er kam mit ihm aus und respektierte ihn als Lehrer. Jetzt jedoch materialisierte sich dieser in seiner menschlichen Form neben ihm und riss ihn so unsanft aus dem leicht schläfrigen Zustand der Meditation.

„Nik, wir haben Besuch! Du wirst in der Hütte erwartet!“, sagte Leshy. „Besuch?“, wiederholte er etwas perplex. Er war jetzt schon einige Monate hier draußen, hatte fast schon gelernt mit der Einsamkeit zu leben und jetzt das? „Wer ist es denn?“, er erhob sich von seinem Platz und musste kurz blinzeln, als sein Kreislauf vom langen Sitzen in derselben Position Sterne vor seinen Augen tanzen ließ.

„Was weiß ich? Der Hirsch redet doch nicht mit mir…“, meinte Leshy und schnaubte. Das stimmte allerdings. Vor zwei Wochen hatte der Waldgeist sich schon wieder irgendeinen Spaß mit ahnungslosen Spaziergängern erlaubt und seitdem ignorierte sein Bruder ihn konsequent. Es war nichts Schlimmes gewesen, er hatte sie wohl nur durch geschickte Neupositionierung der Wegweiser eine extra Runde laufen lassen, aber Fred hatte das nicht gutgeheißen. Tatsächlich fielen Leshys Streiche seit der Anwesenheit von Nik weitaus entspannter aus. Wahrscheinlich weil er mit dem Unterricht des Lehrlings eine neue Aufgabe hatte, die ihn beschäftigte.

„Hm“, machte Nik nur und folgte ihm in Richtung der kleinen Hütte, die er sein aktuelles Zuhause nannte.

Als er wenig später die Tür zu der Hütte öffnete, wehte ihm der Geruch von gekochtem Essen entgegen. Seit er hier wohnte hatte Fred noch kein einziges Mal gekocht. Von Zeit zu Zeit brachte er fertiges Essen aus der Stadt mit, dann gab es auch mal Thailändisch, aber meistens versorgte sich Nik selbst mit den Nahrungsmitteln, die er in der Hütte fand und für dessen Existenz wohl auch Fred verantwortlich war. Jetzt jedoch stand am Feuer eine ihm unbekannte Frau mit braunen Dreadlocks. Sie hatte ihm den Rücken zugewandt und rührte mit einem Kochlöffel in einem Topf, der für den, zugegebenermaßen sehr leckeren, Duft verantwortlich zu sein schien.

„Zima?“, fragte jetzt Leshy ein wenig überrascht, der hinter Nik die Hütte betreten hatte. Die Frau drehte sich um, Sommersprossen zierten ihr Gesicht und sie zeigte ein verschmitztes Lächeln. „Leshy!“, rief sie freudig und nickte auch Nik zu, der immer noch zu überrascht war, um die Situation richtig zu erfassen.

„Hallo Nik“, grüßte nun auch Fred ruhig, der von ihm bisher unbemerkt auf dem Stuhl in der Ecke saß. „Hallo“, murmelte dieser und blickte dann zwischen Zima und seinen Lehrmeister fragend hin und her.

„Das ist Zima. Sie ist eine Hexe und lebt normalerweise in den Wäldern der Slowakei und ist gerade auf der Durchreise zum Brocken. Morgen ist Walpurgisnacht, da treffen sich alljährlich die europäischen Hexen zum feiern“, erklärte Fred schließlich und wandte sich dann an die Hexe. „Das ist Nik, mein Lehrling, von dem ich erzählt habe“. Das Lächeln auf ihrem Gesicht wurde breiter. „Schön dich kennenzulernen, Nik! Fred hat mir viel von dir erzählt“, begrüßte sie ihn.

Nik war noch nicht ganz sicher, was er von der Situation halten sollte. Hexen? Seit wann waren denn nun auch Hexen keine Märchengestalt mehr? „Hexe?“, wiederholte er seinen Gedanken also laut, „Was machen denn Hexen außerhalb von Sagen und Legenden?“. Zima lachte laut auf. „Frag mal Leshy, der ist im Prinzip auch eine Hexe. Der einzige Unterschied ist, dass ich eine buckelige alte Frau bin, die kleine Kinder isst und auf einem Besen zum Blocksberg fliegt“.

Nik stand das Entsetzen wohl ins Gesicht geschrieben, denn sie lachte wieder und fügte glucksend hinzu: „Natürlich bin ich das nicht. Meine Aufgabe ist die Gleiche wie die von Leshy. Ich kümmere mich um alles im Wald, was keinen direkten Herzschlag hat und sorge für energetisches Gleichgewicht im Wald. So eine Mischung aus dem, was die beiden machen“, sie wedelte mit dem Kochlöffel zu Fred und Leshy, „Manchmal reicht einem Wald eine Person, manchmal braucht es zwei oder mehr. So haben sich über die Jahrtausende verschiedene Zirkel gebildet. Es gibt uns Hexen, es gibt gottähnliche Wesen wie Cernunnos oder Waldgeister wie Leshy, es gibt Druiden und vieles, von dem ich den Namen auch nicht weiß“, erklärte sie und wandte sich wieder dem Topf zu.

„Wow“, machte Nik etwas überfordert mit der Situation. „Was kochst du da überhaupt?“, fragte er schließlich und deutete auf das kochende Gebräu. „Nichts besonderes, Gemüseeintopf. Die Jungs hier sind da immer total scharf drauf“, erklärte sie. „Hexen sind für ihre Kochkunst bekannt“, pflichtete Leshy ihr bei und machte es sich auf dem Tisch am Fenster bequem. Die Hütte war nur für eine Person ausgelegt und so war es mit allen vier Personen etwas eng, zumal es nur den einen Stuhl gab, auf dem es sich Fred gemütlich gemacht hatte.

„Nik“, meldete sich dieser schließlich zu Wort und der Angesprochene drehte ihm den Kopf zu: „Hm?“. „Wenn du magst, kannst du Zima morgen begleiten. Es wird zwar etwas wilder auf dem Berg, aber ich glaube ein bisschen soziale Kontakte schaden dir nicht“. Das war in der Tat wahr. Seit dem kurzen Ausflug im Winter hatte er bis auf Fred und Leshy niemanden mehr um sich gehabt. Es war ihm leichter gefallen die Zivilisation hinter sich zu lassen, nachdem er damals gemerkt hatte, dass sein feiner Druidenverstand nicht mit der Leblosigkeit der Stadt klarkam. Natürlich vermisste er seine Freunde immer noch und es gab kaum einen Tag, an dem er nicht an sie dachte, aber es war leichter geworden sein Schicksal hinzunehmen und zu akzeptieren. Inzwischen wusste er die Gesellschaft des Waldes, Freds und sogar die von Leshy zu genießen.

„Was verstehen denn die Hexen unter feiern?“, fragte er trotzdem sicherheitshalber nach. „Nicht viel Anderes als die Menschen. Es gibt jede Menge Essen, weil einige ihre neusten Rezepte präsentieren wollen, jede Menge Musik, ein wenig Zauberei und hauptsächlich wird um das große Walpurgisfeuer getanzt. Eine ganze Nacht lang bis zum Morgengrauen“, erklärte Zima. Das klang tatsächlich nach Spaß und als die Vorstellung einer ausgelassenen Feier vor seinem inneren Auge auftauchte durchströmte ihn ein Echo des Tanzgeist-Gefühls aus seiner Zeit in der Band. Er lächelte. „Da bin ich dabei“, bestätigte er.

„So, das Essen ist auch fertig, wer möchte alles?“, fragte die Hexe schließlich und noch ehe sich Nik bewegen konnte war Leshy aufgesprungen, hatte vier Teller aus dem Schrank geholt und hielt sie Zima hin. „Wir alle“, grinste er von einem Ohr zum Anderen. Der schelmische Ausdruck, der sich auf seinem Gesicht breit gemacht hatte verriet die Wechselhaftigkeit seines Charakters, die es Nik immer schwer machte, zu wissen, was der Waldgeist als nächstes plante. Jetzt jedoch, in der Gegenwart der Hexe, die auf ihn wohl einen mütterlichen Effekt hatte, war er der kleine Junge, der sich über das Essen genauso freute wie über die Spaziergänger, die sich durch sein Zutun verirrt hatten.

Und Leshy hatte nicht untertrieben. Die Hexe hatte wahrhaftig Talent im Kochen.

Wenig später hatten sie sich gesättigt auf den Weg zum Fluss gemacht, an dem Nik schon den Vormittag verbracht hatte. Die Sonne wärmte in einer angenehmen Temperatur, das Rauschen des Flusses untermalte ihre Unterhaltung und es war ein fast normales Bild von vier Spaziergängern, die auf diese Art und Weise menschlich wirkten. Sie hatten es sich bequem gemacht und Zima erzählte begeistert Geschichten von ihrem Wald. Hin und wieder warfen Fred und Leshy ebenfalls Anekdoten von ihren Erlebnissen ein und Nik realisierte schmunzelnd die Absurdität dieser Situation. Da saßen sie also, eine Hexe, ein Waldgeist, ein Gott und er, ein Mensch (wenn auch mit Druidenblut) und unterhielten sich wie normale Freunde. Ihm wurde schmerzlich bewusst, wie er diese Normalität vermisst hatte. Die Tatsache, dass er hier nicht mit seinen Freunden aus seiner Band saß, machte es nicht besser, aber die Geschichten, die Zima erzählte, lenkten davon ab. Und so lauschte er der Erzählung von verletzten und wieder geheilten Tieren, verirrten Menschen und absurden Begegnungen bis tief in die Nacht.

Am nächsten Morgen wurde er etwas unsanft von Fred geweckt. Seit Ewigkeiten wurde er nicht mehr geweckt, seine innere Uhr war eigentlich sehr pünktlich und normalerweise ließ sich sein Meister eh erst zum Nachmittag blicken. Heute jedoch hatte ihn dieser mit einem beherzten Griff an die Schulter aus dem Schlaf gerissen. Es war noch nicht ganz hell draußen, was hieß, dass die Nacht für ihn nicht besonders lang gewesen war. Stöhnend wollte er sich noch einmal umdrehen, doch Fred hielt ihn davon ab. „Zima will los, steh auf“, sagte er und Nik fügte sich murrend seinem Schicksal.

Als er mit den Resten des Eintopfs im Magen schließlich ausgehfertig vor der Tür stand, war von der Hexe jedoch keine Spur. Irritiert ließ er seinen Blick durch den Wald schweifen, aber von ihr war nichts zu sehen. „Fred?“, rief er in die Hütte, wo sein Lehrer gerade noch dabei gewesen war einige Notizen in das alte Buch zu schreiben. „Ist Zima schon los?“, rief er hinterher als er keine Antwort erhielt. „Nee, sie hatte ihr Haus etwas weiter entfernt geparkt und wollte dich hier abholen“, ertönte es plötzlich neben ihm. Erschrocken zuckte er zusammen. „Musst du dich immer anschleichen?“, wollte er wissen, doch er erhielt darauf keine Antwort. Stattdessen schob sich etwas in sein Blickfeld, was seinen Mund aufklappen ließ.

Vor ihm lief ein Haus.

Nik wusste nicht, ob er seinen Augen trauen sollte.

Da lief ein Haus. Auf zwei Beinen die wie Hühnerfüße aussahen.

„Was zum Teufel…?“ Träumte er?

Das Fenster des Hauses ging auf und heraus schob sich der dunkelbraune Haarschopf von Zima. Als sie das fassungslose Gesicht des Druidenlehrlings sah musste sie lachen. „Darf ich dir Chata vorstellen?“, fragte sie und machte eine Handbewegung, die die gesamte Hütte auf ihren Hühnerbeinen einfassen sollte.

Nik war immer noch zu perplex um zu antworten.

Vor ihm setzte sich die Hütte auf den Boden und die Tür ging wie von selbst auf. „Du bist eingeladen, komm herein!“, rief Zima, immer noch aus dem Fenster lehnend. „Ich bin doch nicht lebensmüde“, murmelte er und starrte das Ding an. Die Tür knallte vor ihm wieder zu.

„Jetzt hast du sie beleidigt“, seufzte die Hexe, murmelte einige Worte in das Innere des Hauses und die Tür öffnete sich wieder einen Spalt breit. Fast argwöhnisch. „Du solltest dich entschuldigen, wer weiß, ob sie dich nicht sonst unterwegs rausschmeißt“, fügte sie hinzu.

„Ähhh… entschuldigung“, versuchte Nik sich wieder zu fassen, „Ich… ich habe noch nie so etwas wie… dich gesehen“. Die Tür öffnete sich wieder einladend, als wolle sie sich stolz auf ihre Einzigartigkeit präsentieren. Das Innere war chaotisch vollgestellt. Von der Decke hingen eine Vielzahl an verschiedenen Kräutern zum trocken, an den Wänden waren Bücher aller Größe und Farben unordentlich aufgestellt und auf dem, auf drei Beinen wackelnde, Tisch stand eine Vase mit orangenen Blumen. „Na los, sie tut dir echt nichts“, ermunterte ihn Zima grinsend und vorsichtig kam Nik nun doch näher. Probeweise setzte er einen Fuß in das Innere, machte jedoch sofort einen Sprung nach hinten, als die Hütte sich wohl bequemer hinsetzte und dadurch bedrohlich wackelte.

Erst als er sich sicher war, dass sie das nicht wiederholen würde, betrat er vorsichtig den Raum und sah sich um. Es gab noch einen Kamin, in dem ein kleines Feuer brannte, welches kuschelige Wärme verbreitete. Ansonsten lagen überall Bücher herum, getrocknete Kräuter, die es wie in einer Teestube riechen ließen, sowie lose Blätter, auf den irgendetwas gekritzelt stand.

„Bist du bereit?“, fragte die Hexe schließlich und bot ihm den einzigen Stuhl an. Dankbar setzte er sich, so ganz wohl war ihm in diesem kleinen Haus noch nicht. „Weiß ich nicht“, antwortete er also wahrheitsgemäß. „Ach, das wird schon. Das ist die bequemste Art zu reisen, du wirst sehen… Also dann, Fred, mach’s gut! Ich bringe ihn dir morgen oder übermorgen wieder!“, rief sie nach draußen und schloss die Tür. „Auf, Chata, du weißt wohin!“, sagte sie und die Hütte begann zu wackeln, als sie sich aufrichtete. Entsetzt klammerte sich Nik an seinem Stuhl fest. Es war wie ein Erdbeben, dass seine Umgebung erschütterte. Doch kaum setzte sie sich in Bewegung wurde es angenehmer. Wie auf einem Schiff schaukelten sie sanft durch die Bäume und es dauerte eine Weile, doch irgendwann traute er sich vorsichtig aufzustehen und an das Fenster zu gehen.

Zima hatte sich unterdessen in einer Ecke mit einem Buch beschäftigt und gab ihm den Freiraum, den er auf den Schreck wohl erst einmal brauchte. Draußen flog die Welt an ihm vorbei, sie waren schneller unterwegs, als er es der Hütte zugetraut hatte. Zielsicher suchte sich das Gebäude seinen Weg durch die Bäume und für das unwegsame Gelände, das sie gerade passierten, war es im Innenraum erstaunlich ruhig. Nur ein sanftes, vertrauenserweckendes Schaukeln. Es war durchaus faszinierend.

Nachdem er eine Weile gebannt nach draußen gesehen hatte, wandte er sich schließlich wieder Zima zu. „Warum eigentlich „die Kalte“?, fragte er. Baba Zima war ihm geläufig durch seine Recherchen für die Band damals und so wusste er, was der Name bedeutete. Den Zusammenhang zwischen Baba Zima und dem weitaus bekannteren Namen Baba Jaga hatte er erst reichlich spät geknüpft und war noch nicht dazu gekommen sie zu fragen.

„Ach, unsere Namen sind doch alle vom Menschen gegeben. Viele der Mythen und Legenden, die sich da draußen so erzählt werden haben einen wahren Ursprung, auch wenn sie oft zweckentfremdet werden. Meine Gestalt oder die meiner Schwestern, Jaga oder auch Roga, wird in der Region aus der ich komme, als Kinderschreck eingesetzt. Man musste den Kleinen ja irgendwie sagen, dass man nach der Dunkelheit nicht mehr draußen rumlaufen darf. Aber nicht nur das, viele Regeln oder Sitten wurden durch Sagen aufgestellt, damit man auch immer vorsichtig genug war damals, als es noch keine Navigation oder so ähnlich gab. Und so ist es, dass ich als böse Gestalt bekannt bin, obwohl ich wahrscheinlich das wärmste Herz des Waldes habe“. Ein freundliches Lächeln, welches sich auf ihrem Gesicht ausbreitete, untermalte dies. Sie schien generell eine Frohnatur zu sein, dass hatte Nik bereits am vergangenen Abend festgestellt.

„Was ist eigentlich mit dir? Fred hat mir erzählt, dass du früher in einer Band warst. Welches Instrument spielst du denn?“, erkundigte sie sich nun nach ihm. Ein wehmütiges Seufzen entwich Nik. „Ja, das stimmt. Ich habe die irische Bouzouki und manchmal auch die Nyckelharpa gespielt und gesungen. Aber wer weiß, ob ich jemals wieder mit dieser Band spielen darf…“

Zima war aufgesprungen. Sie war hinter ein Regel getreten und wühlte irgendwo herum. „Wo habe ich sie denn…“, murmelte sie zu sich selbst und verwundert blickte Nik in ihre Richtung, konnte jedoch nicht sehen, was sie tat. Plötzlich kam sie mit zwei Instrumenten wieder hervor und strahlte dabei über das ganze Gesicht. Tatsächlich hatte sie ein Instrument hervorgeholt, welches seiner Bühnenbouzouki gar nicht mal so unähnlich sah. In der anderen Hand hielt sie eine Drehleier. „Das trifft sich wunderbar!“, rief sie, „Dann kannst du dich sicher heute Abend auch der Musik zuwenden!“ Sie reichte ihm die Bouzouki und er nahm sie ehrfürchtig entgegen. Solange hatte er kein Instrument mehr in der Hand gehabt. Das Holz unter seinen Fingern fühlte sich angenehm glatt an, die Saiten gaben einen sanften Ton von sich, als er sie berührte. Auf einmal hatte er einen Kloß im Hals. So viele Erinnerungen an die gemeinsame Musik…

Vorsichtig ließ er seine Finger über das Stahl gleiten, entlockte dem Instrument eine zufällige Melodie. Sie war ein wenig verstimmt, doch das konnte er richten. Er strich sich eine seiner lockigen Haarsträhnen zurück hinter das Ohr, die nach vorne gefallen war, und begann dann zu spielen. Seine Hände erinnerten sich an die Musik und es fiel ihm nicht schwer die wunderschöne Melodie in den Raum schwingen zu lassen. Eine Weile hörte Zima ihm zu, dann setzte sie mit der Drehleier ein und als würde sie das Stück kennen, spielte sie genau die Melodie, die Raigan Dannsa komplett machte.

Vielleicht wollte Nik auch einfach, dass es so klang, so sehr hatte er die Musik vermisst. Er lächelte verträumt, ließ sich von den Tönen tragen. Weit hinfort, dorthin, wo er mit seiner Band gewesen war bevor das alles angefangen hatte. Als sie noch unbeschwert auf kleinen Mittelaltermärkten gespielt hatten. Als er noch nicht gewusst hatte, dass er Druidenblut in sich trug. Als die Welt noch in Ordnung war, er sich jede Woche auf das gemeinsame Musizieren am Wochenende freuen konnte. Eine Konstante im Leben. Auf die Fans, die vor der Bühne getanzt hatten, sich in den Armen gelegen hatten, verbunden durch eben diese Konstante, die so viel Freude bereitete.

Er zupfte die letzten Töne und lauschte, wie sie ein wenig nachhallten bis sie schließlich verschluckt wurden.

Zima schwieg, sie gab ihm diesen Moment bevor sie wieder anfing eine leise Melodie zu spielen. Nun war es an Nik, ihrem Spiel eine Weile zuzuhören. Es klang vertraut und schön. Bittersüße Erinnerung.

„Du würdest gut zu unserer Band passen…“, sagte er irgendwann. „Erzähl mir von dieser Band“, bat die Hexe daraufhin lächelnd. Das ließ sich Nik nicht zweimal sagen. Untermalt von einigen Tönen, die er auf dem Instrument verträumt vor sich hin zupfte, erzählte er von Nornea, Elrond, Calia und Pan, die jetzt irgendwo da draußen waren und wahrscheinlich ebenfalls Musik machten.

Und so zog der Tag an ihnen vorbei und sie kamen an dem Schauplatz für die Walpurgisnacht an.

Im ersten Moment war Nik überfordert. So viele Menschen, oder vielmehr Hexen, hatte er lange nicht mehr auf einem Haufen gesehen. Von überallher kamen sie angeströmt, manche tatsächlich dem Klischee entsprechend auf Besen, andere auf Hütten wie der ihren und wieder anderen kamen einfach zu Fuß an. Es herrschte ein reges Treiben, Stimmengewirr hing in der Luft, der aufgeregte Klang des Wiedersehens alter Freunde. Über allem hing der Duft von leckerem Essen gemischt mit dem Rauchgeruch der ersten Lagerfeuer, die entfacht wurden. Entfernt konnte er den Klang von Dudelsäcken und Trommeln hören.

Chata ließ sich auf den Boden nieder und ihre beiden Insassen verließen die Hütte. Nik hielt die Bouzouki fest in der Hand, Zima hatte sich die Hurdy Gurdy umgebunden, um sie nicht zu verlieren. Aufgeregt sah er sich um, war sofort gefangen von der guten, aufgeregten Stimmung, die sich verbreitet hatte. „Lass uns feiern, Nik. Lass einfach alle Sorgen hinter dir“, sagte die Hexe und das ließ er sich nicht zweimal sagen. Von den vielen Eindrücken die auf ihn einprasselten war auch gar kein Platz mehr in seinem Kopf für negative Gedanken. Er sah sich nach Zima um und versuchte sie in dem Getümmel nicht aus den Augen zu verlieren. Weit gegangen war sie noch nicht, sie hatte bereits wohl eine Freundin entdeckt, denn sie lag sich mit einer blonden Frau in den Armen. Wie sie besaß die Blonde Dreadlocks, war allerdings ein wenig größer. Sie trug, wie die meisten Hexen hier, ein Kleid in bunten Farben.

„Darf ich dir Ragana vorstellen?“, meinte Zima freudig, als Nik wieder aufgeschlossen hatte. „Eine meiner besten Freundinnen, sie hat eine wunderschöne Stimme und wir werden nachher ein bisschen zusammen auf einer Bühne musizieren“, erklärte sie. „Hi, ich bin Nik“, stellte er sich vor und ließ sich dann von dem breiten Lächeln der Anderen anstecken. Ja, die gute Laune, die hier über allem lag, steckte an.

„Machst du auch Musik?“, wollte Ragana wissen und deutete auf das Instrument in seiner Hand. Als Nik bestätigend nickte, leuchteten ihre Augen auf. „Das passt doch wunderbar zu unserer Musik, du kannst uns doch nachher begleiten!“, freute sie sich und Nik musste lachen. „Wir haben doch gar nicht zusammen geübt“, meinte er, doch sowohl Ragana als auch Zima schüttelten energisch den Kopf. „Das muss man hier nicht. Man macht hier einfach Musik. Lass dich von der Energie tragen und dann passt das schon. Aber jetzt lasst uns was zu Essen suchen, ich muss dringend das Essen von den norwegischen Hexen probieren. Hab gehört, die haben dieses Jahr ihr Geheimrezept öffentlich gemacht!“, erklärte die braunhaarige Hexe und lief eilig voraus.

Überall leuchtete es. Die Lichter der Feuer als auch die Lichter der kleinen Bühnen erhellten den Platz und tauchten ihn in verschiedene Farben. Die Welle der ausgelassenen Stimmung, auf der sie schwebten ebbte nicht ab. Jede der anwesenden Personen hatte sich herausgeputzt, man sah fantasievolle Trachten, einfache Gewänder und Kleider, die so viele Details hatten, dass man sich daran nicht sattsehen konnte. Vor den Bühnen wurde getanzt, es wurden artistische Künste dargeboten, man sah Hexen die jonglierten oder komplizierte Akrobatik zeigten.

Als sie sich zu einem der vielen Essenstände durchgeschlagen hatten schlug Nik der angenehme Duft sofort entgegen und ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen. Es wurde eine Art Fladen gereicht, auf denen sich Gemüse und verschiedene Kräuter türmten. Sie stellten sich mitsamt dem Essen in die Nähe eines kleinen Feuers und lauschten einer Hexe, die auf einem Fass stand und witzige Geschichten erzählten.

Sie mussten lachen und sie lachten so lange, bis sie Bauchschmerzen hatten. Zu trinken gab es etwas, was entfernt an Honigwein erinnerte, Nik konnte das Getränk nicht zuordnen. Aber das war nicht wichtig, denn es war lecker und befeuchtete die trockenen Kehlen.

Schließlich fanden sie sich vor einer Bühne wieder, auf der eine Gruppe ein beschwingtes Lied spielte. Ein Geiger spielte eine Melodie begleitet von einer Trommel und einer Gitarre. Der Rhythmus zog mit und Nik konnte nicht stillstehen. Er nahm die Einladung von Zima gerne an, die im ihre Hände darbot. Begleitet von der Musik wirbelten sie über die Fläche und Nik lachte befreit auf. Er konnte sich tragen lassen von der Energie, die von der Bühne schallte und in die Menge geworfen wurde, wo sie von vielen aufgenommen und verstärkt wurden.

Und dann war es schließlich Zeit selber zu den Instrumenten zu greifen. Sie hatten sie irgendwann relativ schnell am Anfang hinter einer Bühne gelagert, sodass sie jetzt nur noch danach greifen mussten und auf die erhöhte Fläche stürmen konnten. Nik war so beschwingt von der überall vorherrschenden Energie, dass er alle Bedenken darüber, dass sie noch nie vorher zusammen geübt hatte, über Bord warf. Er spielte einfach. Und er spielte gut. Aber nicht nur er, auch Ragana hatte wirklich eine schöne Stimme. Sie harmonierte wunderbar mit der Bouzouki und der Drehleier.

Sein Blick wanderte zu dem großen Lagerfeuer, dass nicht weit entfernt von der Bühne entfacht worden war. Die Flammen schossen empor, als würden sie zu der Musik tanzen. Und plötzlich meinte er in den Funken menschliche Umrisse zu sehen. Als würden sie jemanden darstellen.

Er wusste nicht, wer damit angefangen hatte oder ob die Melodie einfach in der Luft lag. Aber auf einmal spielten sie Karneia. Wie von selbst hatte sich das Lied eingeschlichen. Doch ihn wunderte an diesem Tag gar nichts mehr. Er genoss es einfach dieses ihm vertraute Stück mal wieder für Publikum spielen zu dürfen zusammen mit den beiden Hexen an seiner Seite.

Sein Blick wanderte wieder zu dem Feuer und plötzlich war es ihm, als zeichneten sich dort in den Formen der Flammen seine Freunde ab. Nornea, die tanzte und sang, Elrond, der konzentriert seinen Bass spielte, Pan, der an den Trommeln den Rhythmus vorgab. Er lächelte verträumt. Sie waren hier. Vielleicht nicht physisch, aber in der Musik waren sie alle vereint.

Ihr Publikum klatschte begeistert im Takt mit, wiegte sich im Takt, tanzte. Die einen wild und andere nur vorsichtig. Er spürte die begeisterten Blicke der Zuschauer, spürte die Energie, die ihr Jubel auf die Bühne trug. Ja, das hier war sein Leben. Das war es, was ihn motivierte, Spaß machte und für das er sofort wieder sein Druidenleben eintauschen würde. Aber das konnte er nicht. Es blieb ihm nur dieser Moment, der ihn trug und erfüllte. Zusammen mit seinen Freunden, mit einer Band, die seine Musik spielte und den Menschen, die er mit seiner Musik so sehr begeistern konnte.

Für diesen einen Augenblick war einfach alles perfekt.
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