Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Der Sperling und das Rotkehlchen

von Hyggelig
GeschichteLiebesgeschichte / P18
Captain Jack Sparrow Gibbs OC (Own Character)
30.04.2020
19.07.2020
7
14.955
2
Alle Kapitel
14 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
19.07.2020 3.746
 
Ne Buddel voll Rum!


„Verdammte Widerlinge!“
Noch einige weitere Verwünschungen kamen ihr über die Lippen. Alle Köpfe drehten sich in Richtung der jungen Frau, die soeben aus dem Schiffgarten marschierte, ehe sie einen Lappen mit Schwung in den Eimer vor sich pfefferte. Einige der Männer wunderten sich über ihr derbes Vokabular, das selbst dem eines Piraten würdig war.
Gibbs wusste genau, was das arme Ding hinter sich hatte. Die Latrine des Schiffes zu säubern war das widerlichste, das man sich ausmalen konnte. Die Männer waren nicht gerade reinlich beim Verrichten ihres Geschäftes, doch da musste sie als neuer Kombüsenjunge durch. Margarete hatte keine Erfahrung mit Kanonen, an die Takelage ließ Jack nur auserwählte Crewmitglieder und auch Arbeiten, die Kraft erforderten, waren für sie ungeeignet. Da blieb wohl nichts anderes übrig als das Handlangen. Die Kapitänskajüte zu putzen und dem Schiffskoch zu helfen waren dabei noch die angenehmsten Dienste, doch selbst dabei hatte sie sich alles andere als geschickt angestellt. Ihre zarten Hände waren nicht für solche Dinge gemacht. Frauen allgemein waren aus seiner Sicht nicht für das Piratendasein geschaffen. Sich an das raue Leben auf See zu gewöhnen würde bei ihr wohl noch einige Wochen dauern. Trotz allem rechnete Gibbs dem Mädchen ihre Standhaftigkeit hoch an. Abgesehen vom Latrinendienst hatte sie sich kein einziges Mal beschwert. Nicht einmal, als Cottons Vogel ihr auf die Haare gemacht hatte. Sie war zäh, das musste man ihr lassen. Einige der Männer hatten bereits ein Auge auf sie geworfen, doch niemand wagte es, Hand an sie zu legen. Das hatte mehr als nur einen Grund. Zuallererst befürchteten sie, das Mädchen könne ihnen dafür die Hand abhacken, genügend Rückgrat dafür hätte sie. Der zweite Grund wiederum…
Margarete warf Jack im Vorbeigehen einen Blick zu, der töten könnte, so meinte Gibbs. Er beobachtete Jacks Reaktion auf das Mädchen genau. Das Schmunzeln auf dessen Lippen, seine wachsamen Augen, die ihr folgten, bis sie in der Kajüte verschwunden war. Jack hatte Interesse an ihr. Somit kam er nun auch schon zum zweiten Grund: Niemand würde es wagen, sich Captain Jack Sparrows Objekt der Begierde zu angeln. Sie würden stattdessen warten, bis Jack sein Bedürfnis nach ihr gestillt hatte und erst danach ihr Glück bei dem Mädchen versuchen.
Gibbs ließ seinen Blick über die Crew schweifen. Sie alle waren schlechter Laune, da seit wenigen Tagen das frische Fleisch ausgegangen war. Seitdem mussten sie wieder mit Gepökeltem zurechtkommen. Selbst das Wetter trug zur gedämpften Stimmung bei, der Himmel grau mit stetigem Nieselregen. Hie und da war dementsprechend ein Husten oder Niesen zu hören.
Jack hatte denselben Gedanken wie Gibbs. Eine unzufriedene Crew konnte schnell zu einer Meuterei führen. Die Crew brauchte Ablenkung. Und Jack wusste auch schon genau, wie diese aussah.

„Rum für alle!“
Das Jubeln folgte auf dem Fuße. Jack hatte seine Männer abends in die Kapitänskajüte eingeladen und klopfte nun gönnerhaft auf ein Fass voll Rum, das er aus dem Keller in Tortuga mitgebracht hatte. Der Rum erfüllte viele Zwecke an Bord, auch medizinische. Doch am beliebtesten war er noch immer für das leibliche Wohl. Auch eine Vielzahl an Flaschen stand auf dem Tisch, wie Pilze im Wald hatten sie alle verschiedene Größen, Formen und sogar Farben. Im Handumdrehen war die Mehrheit der Flaschen bereits vergriffen, zahllose Becher und Krüge wurden bis zum Rand gefüllt und ein lautes, fröhliches Gegröle begann.
Maggie war nicht schnell genug gewesen, um eine der Flaschen zu erhaschen. Stattdessen klatschte nun ein Krug vor ihr auf den massiven Holztisch, sodass der Rum überschwappte und über die Hand floss, die ihn hielt. Jack blinzelte ihr belustigt zu und verschwand sogleich wieder in Richtung des Fasses, das von den Männern belagert wurde.
„Ein so kleines Frauenzimmer, aber ein so großer Durst“, grölte einer der Piraten neben ihr, Hopkins hieß er, soweit sie sich erinnern konnte, und stieß seinen Becher an ihren, „Deine Hände sind selbst für den Krug zu klein!“ Sein Lachen war schallend, sein Gesicht verzogen.
„Für die Latrine reichen sie!“, johlte ein anderer, wofür er schallendes Gelächter erntete. Selbst Jack grinste in seinen Becher hinein.
„Sie reichen auch um dir eine zu verpassen!“, schrie sie in die Ecke, aus der der Ausruf gekommen war. Kollektives Gelächter war erneut die Antwort. Gibbs bahnte sich seinen Weg zu dem Mädchen hindurch. Die Männer hatten Spaß daran, eine Frau unter sich zu haben, mit der man schäkern und die man ärgern konnte. Das meiste der Sticheleien war gut gemeint und üblich unter Piraten. Auch Margarete schien sich nicht daran zu stören. Sie ging auf die eine oder andere Bemerkung ein und ließ sich nichts gefallen. Immer wieder war ihr Latrinendienst das beliebteste Thema des Abends.
„Du bist eine Frau, Putzen liegt dir doch im Blut! Aber das Trinken solltest du lieber uns Männern überlassen!“ Hopkins hickste kurz, bevor er einen weiteren Schluck nahm.
„Dich trinke ich locker unter den Tisch!“, entgegnete sie ihm mit gerecktem Kinn. Nicht nur Hopkins gab ein belustigtes Grölen von sich.
„Von wegen!“, „Das will ich sehen, Mädchen!“, „Was glaubst du, warum wir Piraten geworden sind!“
Von überall her wurden ihr Einwände entgegen gerufen. Margarete war aufgestanden und hielt angriffslustig ihren Krug in die Höhe. Sie hatte die Aufmerksamkeit der ganzen Crew auf sich gezogen.
„Also schön, Männer, dann beweist es! Jeder füllt seinen Krug bis zum Rand und dann wird getrunken! Der erste, der umkippt, muss für den Rest des Monats meinen Latrinendienst übernehmen!“
Siegessicher hoben die Männer ebenfalls ihre Krüge und Flaschen und stimmten ein Piratenlied an. Die Stimmung war ausgelassen, die Mannschaft sprühte geradezu vor Lebensfreude. Rum und Frauen, gab es etwas Besseres?
Nur Gibbs hielt sich etwas zurück. Er machte sich Sorgen, ob das Mädchen da wusste, was es tat.
Als alle Krüge und Flaschen wieder so voll waren, dass sie überschwappten, begann bereits das Trinken.
Jack behielt Margarete über seinen Becherrand hinweg im Auge. Sie setzte ihre Lippen an den Krug und schluckte. Ihr kaum erkennbarer Adamsapfel bewegte sich rhythmisch auf und ab, ehe sie den Krug leise stöhnend auf den Tisch sausen ließ. Sie wischte sich mit dem Ärmel über den Mund und machte sich auf, um erneut nachzuschenken.
Hopkins neben ihr allerdings klopfte ihr auf die Schulter und lachte schallend. Ohne Umschweife goss er ihr und sich selbst nach und begann ein Gespräch mit ihr. Jack verfolgte, wie dessen Arm den von Margarete wie zufällig streifte, wie er ihr immer wieder nahe kam, um ihr etwas ins Ohr zu rufen. In der Kajüte herrschte zwar reges Treiben, sodass man sich anschreien musste, um sich zu verstehen, doch etwas an dem Bild, das sich ihm bot, störte Jack ungemein.
Noch immer Hopkins im Fokus erhob er sich leicht schwankend und machte sich auf, um sich zwischen die beiden zu setzen. Doch kurz bevor er sie erreichte, hatte dies bereits Gibbs für ihn erledigt. Die Ellbogen ausgefahren quetschte er sich in die winzige Lücke zwischen Margaret und Hopkins. Jacks Schritte verlangsamten sich. Er gesellte sich stattdessen zu Cotton und ein paar seiner anderen Leute und trank. Der Rum schmeckte ihm jedoch nicht so gut wie sonst.
Allen anderen hingegen mundete er besser denn je. Ein Lied ums andere stimmten sie an, die Melodie riss nie ab. Das Wetttrinken ging munter weiter. Krüge stießen krachend aneinander, die ein oder andere Flasche zerbrach in tausend Teile und manch einer stolperte über seine eigenen Füße und fand sich auf dem Boden wieder. Doch alle standen sie wieder auf. In Maggies Kopf drehte es sich, auch Gibbs gab es plötzlich in doppelter Ausführung. Sie wusste aber, dass sie noch so lange durchhalten musste, bis jemand anderes vor ihr zusammenbrach. Gibbs hatte den Arm um sie gelegt und erzählte ihr eine alte Legende über eine Meerjungfrau und einen Seemann. Sie stimmte ausgelassen in sein Lachen mit ein und befand für sich, dass sie Gibbs mochte. Der grauhaarige und bärtige Pirat war auf seine Art liebenswert. Auch er mochte das Mädchen und beschloss, zukünftig den Mund zu halten und zu hoffen, dass eine Frau an Bord ihnen kein Pech bringen würde. Er hatte nichts mehr dagegen, weiterhin mit ihr zu reisen. Unbemerkt kippte er immer wieder etwas aus seinem eigenen Krug in den von Hopkins. Es würde diesem Großmaul nur recht geschehen, wenn er sich diese Blamage einheimste. Und Maggie gönnte er den Sieg.
Viele Lieder endeten und wurden neu angestimmt, das Fass war schon längst geleert, ein zweites war gebracht worden. Die Truppe trank als gäbe es kein Morgen.
Dann, endlich, als Maggie schon geglaubt hatte, sie müsste für immer den Latrinendienst behalten, ertönte plötzlich ein Krachen neben ihr.
Hopkins lag rücklings auf dem Boden, er war mitsamt seinem Stuhl umgekippt. Seine Hände griffen nach oben ins Nichts, ehe sie sich schlaff an einer Truhe nach oben zogen. Er stand auf den Beinen, torkelte etwas und versuchte, sich am Tisch gerade zu halten, doch stattdessen verlor er sein Gleichgewicht und fiel mit dem Gesicht voraus auf die Tischplatte, bevor er wie ein nasser Sack daran herab glitt und reglos auf dem Boden liegen blieb.
Eine endlose Sekunde lang verstummte der ganze Raum. Alle starrten nur auf den am Boden Liegenden.
Dann brach plötzlicher Jubel aus. Hände wurden in die Luft gerissen, Jubelschreie ausgerufen und mit Krügen angestoßen. Sie wusste nicht wie ihr geschah, als sie plötzlich nach oben gehoben und gefeiert wurde. Erst in diesem Moment wurde ihr klar, dass sie gewonnen hatte. Sie hatte ihre Drohung wahr gemacht und Hopkins unter den Tisch getrunken! Ihre Schultern spannten sich an als sie ungehemmt lachte und jauchzte. Das Gelächter der Besatzung übertönte jedes weitere Geräusch. Erst als ein paar Hände sie wieder auf den Boden stellten überreichte Gibbs ihr Hopkins Flasche.
„Seemannstradition“, erklärte er ihr theatralisch und deutete mit dem Kinn zuerst auf die Flasche, dann auf Hopkins. Maggie verstand augenblicklich. Sie trat auf den Piraten zu und zögerte nicht.
Sie kippte langsam und genüsslich die komplette Flasche über ihm aus und das Gegröle begann von vorn.
„Jetzt bist du eine von uns!“, bestätigte ihr Gibbs grinsend und schloss sie in die Arme.

Jack nickte ihr anerkennend zu und hob leicht seinen Hut, um ihr dies zu verdeutlichen. Das Schmunzeln auf seinen Lippen blieb hartnäckig, auch als er versuchte, es abzuschütteln. So leicht hatte sie seine gesamte Crew um den Finger gewickelt. Nur etwas Rum war dazu nötig gewesen. Und Trinken konnte sie tatsächlich, das musste man ihr lassen. Maggies Hand schnellte plötzlich nach oben zu ihrem Mund. Augenblicklich machte sie kehrt und lief hinaus aus der Kajüte ins Freie. Ohne nachzudenken folgte er ihr nach draußen in die Dunkelheit, noch immer eine Flasche Rum in der Hand.

Sie lehnte sich über die Reling, eine Strähne ihres zurückgebundenen Haars löste sich und fiel ihr ins Gesicht. Er wartete darauf, dass sie würgte und sich übergab, doch nichts dergleichen geschah. Stattdessen sah sie hinaus aufs Meer und legte ihr Kinn auf der Brüstung ab.
„ Du hältst dich gut. Ich habe damit gerechnet, dich in einem anderen Zustand vorzufinden. Dir die Seele aus dem Leib würgend, um genau zu sein.“
Sein Schmunzeln übertrug sich auch auf ihre Lippen. Seit wann waren sie zum „Du“ übergegangen?
„Es ist seltsam“, sinnierte sie laut. Ohne ihn anzusehen fuhr sie fort: „Einerseits fühle ich mich furchtbar und alles was ich will ist mich zu übergeben… Andererseits…“, sie hob den Kopf und blickte ihn ernst an, „Andererseits habe ich mich nie lebendiger gefühlt.“
„Das macht die See, Liebes. Sie ruft nach dir.“ Er stellte sich neben sie und hielt ihr die Flasche hin. Sie beäugte diese einen Moment lang kritisch und deutete dann ein Kopfschütteln an.
„Man sagt nicht nein zu Rum. Oberste Piratenregel.“
„Oh? Ich dachte, die oberste Regel sei: ‚Während der eine schläft, hält der andere Wache‘?“
Er grübelte keinen Moment und antwortete: „Die Rangordnung ist je nach Situation und Ermessen… variabel.“
„Das bedeutet also es gibt keine Regeln und du erfindest, was auch immer dir gerade in den Kram passt, nicht wahr?“ Ihre Augenbrauen hoben sich gleichzeitig mit Jacks Mundwinkeln.
„Du lernst schnell“, er fuhr fort, „Hoffen wir, dass Hopkins genauso schnell lernt.“
„Vermutlich hat er morgen schon vergessen, dass er verloren hat. Aber den Latrinendienst, an den wird er sich sicherlich erinnern.“
„So bald wird er diese Blamage nicht vergessen, dafür werden die Männer schon sorgen.“
„Er hätte mich nicht unterschätzen sollen.“, erwiderte sie und stützte ihr Kinn auf ihre Hände, während Jack seinen Hut auf der Reling ablegte.
„Ich bezweifle, dass er das getan hat. Hopkins wollte dich betrunken machen.“
Mit großen Augen horchte sie auf: „Mich betrunken machen? Aber es waren doch hundert Augenpaare auf uns gerichtet, was hätte er denn davon gehabt?“
„Nun ja, Liebes. Es gibt Mittel und Wege, um eine Frau willig zu machen… sie hinaus zu locken“, er wedelte mit den Händen in der Dunkelheit herum, „Manchmal reicht schon genügend Rum für beides. Du und ich zum Beispiel. Hier. Jetzt. Allein. Wer sagt dir, dass ich diese Situation nicht ausnutze, sobald du vom Alkohol etwas benebelter bist?“ Seine schwarzen Augen bohrten sich intensiv in die ihren. Wollte er ihr Angst einjagen? War das ein Scherz? Sie lachte laut schallend auf.
„Ha! Ich bitte euch“, wechselte sie wieder zur Höflichkeitsform, „ich bin halbnackt auf euch gesessen und ihr habt keine Regung von euch gegeben. Ich glaube, da habe ich nichts zu befürchten.“
„Keine Regung? So würde ich das nicht gerade nennen. Vermutlich würdet ihr mir jetzt nicht einmal in die Augen sehen können, wenn ich eurem Wunsch nachgekommen wäre.“ Er trat unmerklich näher an sie heran. Ihre sonst so grünen Augen schienen im Mondlicht geradezu gespenstisch hell, sie fixierten Jack unablässig.
„Ich hätte es nicht bereut.“ Ihr Blick in seine Augen war hartnäckig, ihre Haltung aufrecht. „Ich weiß, ihr glaubt mir nicht, aber es ist wahr. Vielleicht schickt es sich nicht für eine Dame, das zuzugeben, aber wem soll ich etwas vormachen, ich bin alles andere als eine Dame. Immerhin habe ich diese Nacht damit verbracht, mit einer Bande Piraten Rum zu kippen und Wetten abzuschließen“, sie schüttelte etwas ungläubig den Kopf, „Aber eines weiß ich. Diese Erfahrung wollte ich seit langer Zeit machen. Und zwar unkonventionell. Nicht im weißen Gewand bei Nacht in einem dunklen Zimmer. Ich wollte es nicht versteckt und züchtig unter einer Bettdecke über mich ergehen lassen, brav und zurückhaltend auf dem Rücken liegend. Nicht so, wie man es mir beibringen wollte, als man mich darauf vorbereitet hat. Ich will keine Vorbereitungen, ich will keinen Ehemann, der mich nur als Zuchtvieh seiner Kinder ansieht. Verdammt, ich will ja noch nicht einmal Kinder! Ich will nichts von alledem.“
Ihr Blick richtete sich zum Horizont in weiter Ferne. Jack war nicht sicher, ob sie zu sich selbst oder zu ihm sprach. Man hatte versucht, dem Vögelchen vor ihm die Flügel zu stutzen. Doch stattdessen konnte es sich aus seinem Käfig befreien und nun in den Himmel aufsteigen.
„Wieso ist es so verwerflich als Frau mehr zu wollen als das, was man uns anbietet. Wieso muss ich mein Temperament im Zaum halten und meinen Willen dem meines Ehemannes unterordnen? Wieso darf ich nicht einfach leben? Spaß daran haben?“
Er betrachtete sie eine Weile. Der Alkohol sprach aus ihr, das war ihm durchaus bewusst. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie kaum etwas über sich selbst preisgegeben, und nun offenbarte sie ihm ihre tiefsten Sehnsüchte und Wünsche. Jack breitete die Arme aus, die Handflächen gen Himmel, und sah sich bedeutungsschwer um.
„Niemand hindert euch daran. Nicht hier auf der Pearl. Hier seid ihr frei. Könnt tun und lassen, was auch immer ihr wollt“, sein ernster Blick verwandelte sich geschwind in ein Zwinkern, als er hinzufügte: „oder mit wem auch immer ihr wollt.“
Spielerisch wollte sie ihrem Captain einen leichten Fausthieb in die Seite versetzen, doch er fing ihre Hand geschickt ab und hielt ihr Handgelenk fest umklammert. Seine rauen Finger fühlten sich angenehm an auf ihrer weichen Haut. Die Gänsehaut, die ihren Körper überzog, verunsicherte Margarete.
Er hatte sich in ihre Richtung gedreht und stand ihr nun gegenüber. Sein Griff lockerte sich etwas, seine Finger streiften hinab bis zur Innenseite ihrer Handfläche, ehe sie von ihr abließen. Sie war ein hübsches Mädchen. Mehr als das, befand er. Sie war besonders. Vielleicht musste er von ihr kosten. Wenigstens ein einziges Mal. Vielleicht würde der Zauber dann verfliegen.
Jack war ihr so nahe, dass sie seine Wärme spüren konnte. Selbst sein Geruch nach frischem Schweiß und Rum wehte ihr um die Nase. Da war noch etwas an ihm, ein Duft, den sie nicht einordnen konnte, der sie aber anzog wie Licht eine Motte. Seine Lippen waren schön geschwungen, sein kantiges Gesicht attraktiv. Selbst sein Bart schien sie einzuladen.
Mit einem Schlag realisierte sie, dass sie kurz davor stand, Jack Sparrow zu küssen. Captain Jack Sparrow!  Er war ihr Captain. Sie brauchte dieses Schiff, sie konnte nirgendwo sonst hin. Das Risiko war zu hoch. Sie wollte zurücktreten, doch sie tat es nicht. Ablenkung! Das brauchte sie jetzt.

„Was für eine Geschichte steckt hinter diesem Anhänger?“ Sie hob die Hand und berührte mit ihren Fingerspitzen ein bläulich glänzendes Metallplättchen in seinen Haaren. Als sie es etwas im Mondschein bewegte, schimmerte es in allen möglichen Farben. Es war wunderschön.
„Ihr wollt, dass ich euch eine Geschichte erzähle?“ Sie nickte nur. „Dann macht euch bereit, die Geschichten von Captain Jack Sparrow sind weithin bekannt.“ Er drehte sich von ihr Weg und machte ein paar Schritte auf das Steuer zu, die Hände in die Seiten gestemmt.
„Es war damals, auf den Bahamas. Man hatte mir bei einem meiner Raubzüge berichtet, dass der Gouverneur des Landes mehr Schätze besaß als alle Kaufmannsschiffe zusammen. Außerdem sei dessen Frau eine wahre Augenweide“, zwinkerte er ihr zu, „Unbemerkt habe ich mir Zugang zu deren Schatzkammer verschafft und mich bereichert an den goldenen Dublonen und den mit Edelsteinen verzierten Schmuckstücken. Dieses Plättchen gehörte der Frau des Gouverneurs selbst, ich habe es aus ihrem Schmuckkästchen gestohlen während sie ahnungslos in ihrem Bett schlief. Eine Augenweide war sie in der Tat. Ja, die guten alten Zeiten.“
Als Maggie nicht antwortete, sah er ihr erneut ins Gesicht. Sie hatte ihre Arme verschränkt vor der Brust und eine ihrer dunklen Augenbrauen war hochgezogen.
„Und jetzt die wahre Geschichte“, forderte sie mit Nachdruck.
Ein lautes Glucksen entrang sich seiner Kehle und er fasste sich ans Herz als hätte sie gerade eine Kugel darauf abgefeuert.
„Dass ihr mir so wenig zutraut schmerzt mich, Milady“, doch er gab grinsend zu: „Die Wahrheit ist, dass dieser Anhänger meiner Mutter gehörte. Sie hat ihn mir geschenkt als ich noch ein kleiner Junge war. Wann immer ich ihn ansah, hat er mich an die See erinnert.“
Maggie überlegte kurz, akzeptierte diese Version aber als die Wahrheit. Er hatte Recht, das Plättchen schimmerte wie das Meer, wenn es von der Sonne beschienen wurde. Sie wollte gerade etwas erwidern, als sie plötzlich ein seltsames Grummeln in ihren Eingeweiden verspürte. Gerade noch rechtzeitig schaffte sie es, sich über die Reling zu beugen. Tränen stiegen wie von selbst in ihre Augen, während sich ihr Magen umzustülpen schien. Sie hatte das Gefühl, der ganze Rum käme rückwärts, so wurde ihr Körper durchgeschüttelt bei jeder neuen Welle des Würgens. Erst, als die Wellen langsam abebbten, bemerkte sie den Arm, der stützend um ihre Taille geschwungen war und die Hand, die ihr die Haarsträhnen aus dem Gesicht gehalten hatte. Sie befreite sich energisch davon.
„Ich schaff das selbst“, brachte sie mit heiserer Stimme hervor und machte einen Schritt weg von ihm. Kaum eine Sekunde später knickten ihre Beine ein. Jack reagierte blitzschnell und fing sie auf. Er setzte sie aufrecht hin und marschierte in seine Kajüte. Er erklärte die Feier für beendet. Ein paar der Männer lachten über Maggies Zustand als sie in ihre eigenen Betten gingen, einige andere mussten hinausgetragen werden, Hopkins war einer von ihnen. Gibbs tätschelte ihr im Vorbeigehen kurz mitleidig auf die Schulter. Als Jacks Kajüte zwar leer, aber ein einziges Chaos war, hob er Maggie auf seine Arme. Sie protestierte schnaubend, doch er hörte nicht zu und steuerte stattdessen direkt auf sein Bett in der Kapitänskajüte zu.
„Was soll das werden? Ich schlafe mit Sicherheit nicht in eurem Bett! Wenn ihr mich schon tragen müsst, dann bringt mich wenigstens in mein eigenes oder lasst mich runter!“, verlangte sie.
„Euch in einen Raum mit hundert betrunkenen Männern zu stecken wäre natürlich eine faszinierende Idee, allerdings wollen wir doch nicht, dass euer Schnarchen sie vom Schlafen abhält. In wenigen Stunden geht die Sonne auf und da müssen sie auf ihren Posten sein. Klar soweit?“ Er legte sie auf seinem eigenen Bett ab und machte sich daran, ihr die Stiefel abzustreifen. Sie strampelte dagegen an und wand sich unter seinem Griff.
„Beruhigt euch, Maggie!“, lachte er über ihren Starrsinn.
„Ihr glaubt ja wohl nicht, dass ich mit euch im selben Bett schlafe!“ Ihre Stimme war noch immer brüchig und nicht annähernd so entschlossen, wie sie gehofft hatte. Auch ihr Hals brannte und das Zimmer schwankte leicht. Ob es nun von den Wellen oder dem Alkohol kam, vermochte sie nicht zu bestimmen.
„Führt mich nicht in Versuchung, Milady.“
Endlich hatte er es geschafft, ihr die Stiefel auszuziehen. Er sah auf sie hinab. Ihre Lider waren bereits halb geschlossen, auch wenn sie ihn noch immer ausschimpfte. Ihre Gliedmaßen waren bereits deutlich entspannter als zuvor, die Haare zerzaust in einem Knoten, der sich schon fast gelöst hatte. Mit einer geschickten Handbewegung befreite er ihr Haar von der kleinen Metallklammer und betrachtete, wie sich ihre braunen Wellen über sein Laken ergossen. Er würde es nicht riskieren, sie in ihrem Zustand und mit dem Anblick, den sie bot, zu seinen Männern zu legen. Er vertraute seinen Leuten, doch Rum vermochte selbst aus anständigen Männern Schurken zu machen. Eine andere junge Dame hatte ihm dies schließlich einmal an den Kopf geworfen. Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und verließ seine Kajüte.

Eine Nacht würde vermutlich reichen, dachte er. Eine Nacht mit ihr und dann wäre sein Kopf sicherlich wieder frei von den Gedanken, die ihn verfolgten. Von den Fantasien und der Sehnsucht, die sich in ihm ausbreitete. Dann wäre sie nur ein weiteres Mitglied seiner Crew. Es fehlten ihm nur mal wieder ein warmer Busen und sanfte Hände auf seinem Körper, dann könnte er wieder seinen Frieden finden. Vielleicht würde er es tun. Vielleicht würde er sie verführen, um endlich wieder frei von ihr zu sein.

Nur eine Nacht, dann wäre seine Begierde gestillt und ihr Bann sicherlich gebrochen.


AN: Hallo meine Lieben, weiter gehts mit unseren beiden Piraten! Eure Reviews sind mein Schmieröl, vielen Dank dafür und vielen Dank für das Interesse an dieser Story! :)
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast