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Der Sperling und das Rotkehlchen

von Hyggelig
GeschichteLiebesgeschichte / P18
Captain Jack Sparrow Gibbs OC (Own Character)
30.04.2020
19.07.2020
7
14.955
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08.07.2020 1.356
 
Freiheit oder Sicherheit


„Was soll das bedeuten, euer Tribut? Das ist Rum aus meinem Vorratskeller!“
„Der sich in meinen Händen befindet, nicht wahr? Ist das nicht eine Piratenregel, nimm was du kriegen kannst?“ Ihr theatralisch nachdenklicher Blick heftete sich auf Jack, wobei sie die volle Flasche Rum hin und her schwenkte. Die bräunliche Flüssigkeit darin schwappte.
Sie hatte ihn mit seinen eigenen Waffen geschlagen und das schien ihm gar nicht zu schmecken.
Jack rang sich widerwillig ein Nicken ab und machte eine Handbewegung, die sie als „Na dann geh schon an Bord“ verstand. Ohne zu zögern preschte das Mädchen auf sein geliebtes Schiff, seine schwarze Perle. Er sah ihr nach, als ihr kurzes Unterkleid vom Wind aufgeblasen wurde und noch mehr ihrer weißen Waden und Schenkel preisgab als ohnehin schon sichtbar war. Ihr erster Instinkt war es, die Nase in die Luft zu recken, ihre Augen geschlossen, und tief einzuatmen. Der Duft der See war hier nur zu erahnen, doch sobald sie sich wieder auf See befanden würde sie finden, wonach sie suchte, dessen war Jack sich sicher.
Jack wandte sich von dem Bild ab, das sich ihm bot, hielt jedoch abrupt inne.
Seine Männer standen nur wenige Schritte hinter ihm, die Augen starr auf das junge, halbnackte Mädchen gerichtet.
„Zurück an eure Posten!“, bellte er seine Leute an, die Hände in die Seiten gestemmt, bereit dazu, jedem, der sich seinem Befehl widersetzte, gehörig den Marsch zu blasen. Die Crew zuckte ertappt zusammen und sie wuselten wie Schiffsratten durcheinander, um zurück zu ihrer Arbeit zu gelangen. Einige davon, vor allem die jüngere Besatzung, liefen sogar rot an. Seit Anamaria ihr eigenes Schiff und Jacks Crew verlassen hatte, hatte keine andere Frau mehr die Pearl betreten. Ihm war durchaus bewusst, dass manch einer seiner Leute sich nur zu gern einmal wieder an den Busen einer Frau schmiegen würde, trotzdem war er überzeugt davon, ihnen vertrauen zu können. Margarete hatte immerhin genug Willensstärke, um sich auch bei den hartgesottenen Männern zu beweisen.

Das Hühnerbein, dessen weißes Fleisch sie gierig abnagte, bis nichts mehr übrig war als der blanke Knochen des Tieres, schmeckte besser als jegliche Delikatesse, die sie in ihrem Zuhause je gegessen hatte. Zum ersten Mal seit langer Zeit empfand sie einen so starken Hunger, dass ihr vermutlich selbst Pökelfleisch wie ein Festmahl vorgekommen wäre. Zwar war sie sich sehr wohl dessen bewusst, dass die Mahlzeiten auf See alles andere als schmackhaft sein würden, doch sie genoss trotzdem das frische Essen, das sie heute noch aufgetischt bekommen hatte. Sie hoffte, dass sie baldmöglichst wieder in einen Hafen einlaufen würden, um frische Nahrung zu kaufen.
Jack beobachtete Margarete schmunzelnd dabei, wie sie sich begierig über ihre Finger leckte, um selbst den letzten Rest nicht zu verschwenden. Sie saß zusammen mit den anderen Männern, wenn auch etwas abseits, an dem einzigen Tisch, den die Pearl zu bieten hatte. Abgesehen natürlich von dem in der Kapitänskajüte. Offensichtlich war es das Mädchen nicht gewöhnt, ein paar Tage ohne Essen zu überstehen. Auf der Pearl wurde die Nahrung nur selten knapp, doch bei Knappheit wurden die Essensrationen von Tag zu Tag geringer, bis man an einem sicheren Hafen anlegen konnte. Daran würde sie sich hier gewöhnen müssen. Doch wie lange würde jemand wie sie schon bleiben? Was würde sie beitragen können mit ihren zarten Fingern, weich wie Seide und ohne jegliche Schramme oder Hornhaut? Weder genug Kraft in den Armen, um das Segel zu hissen noch um den Anker auszuwerfen. Anamaria war anders gewesen als Margarete, sie hatte ihr komplettes Leben auf Schiffen zugebracht. Konnte Margarete wenigstens kochen? Er bezweifelte stark, dass feine Damen wie sie diese Fähigkeit je hätten erlernen müssen. Andererseits kam sie ihm nicht vor wie eine dieser Frauen, die sich nur mittags zu Tee und Gebäck trafen, um Tratsch und Klatsch auszutauschen. Etwas an ihr, doch konnte er nicht genau bestimmen was es war, erinnerte ihn an sich selbst.

„Frauen an Bord bringen Unglück, Jack“
Er bedachte Gibbs nur mit einer angehobenen Augenbraue.
„Seit Anamaria fort ist haben wir keine Schwierigkeiten mehr mit der Navy gehabt, Jack, nicht einmal mit anderen Piraten. Frauen haben an Bord nichts zu suchen“, raunte er erneut.
„Dann stecken wir sie eben in Männerkleider, mein Freund, dann wird das Schicksal sie gewiss übersehen.“
Er stand auf, winkte sie zu sich und marschierte zielstrebig in seine Kajüte. Zu seinem Erstaunen folgte sie ihm ohne Widerworte. Margarete sah sich interessiert um, als sie sein Reich betreten hatte. Während Jack in einer Truhe wühlte, berührte sie vorsichtig einen Säbel, der als Wandschmuck diente, allerdings sehr wohl einsatzbereit war, sollte Not am Mann sein. Sie zuckte leicht zusammen, als Jack ihr plötzlich ein Stoffbündel in die Arme drückte.
„Mit edleren Kleidern können wir leider nicht dienen“
Er deutete nur grinsend einen Knicks an ehe er die Kajüte verließ und die Tür schloss.
Sie war allein. Augenblicklich beruhigten sich ihre Gedanken, endlich konnte sie durchatmen. Doch erst, als sie ihr zerrissenes Unterkleid abgelegt hatte, fühlte sie sich vollkommen frei. Eine Weile stand sie so am Fenster und sah hinaus auf die Wellen, die kräftig gegen das Schiff schwappten. In gleichmäßigen Abständen kamen und gingen sie. Sie hatten bereits abgelegt, doch das leichte Schwanken machte ihr nichts aus. Im Gegenteil.
Sie machte sich daran, sich anzuziehen. Das Stoffbündel entpuppte sich als weißes Freibeuterhemd sowie Weste und Wildlederhose. Auch ein Paar Stiefel standen bereit. Sie schlüpfte in die lockeren Kleider, doch die Stiefel waren viel zu groß. Sie würde wohl weiterhin barfuß bleiben müssen.
Nach einem schweren Seufzen überwand sie sich schließlich dazu, wieder zur Crew zurückzukehren. Die Männer waren ihr gegenüber sehr reserviert gewesen, doch nicht unfreundlich. Vielleicht würde sie sie ja im Laufe der Zeit für sich einnehmen können. Doch wie viel Zeit hatte sie? Christopher würde auf sie warten, sobald sie Parrot’s Bay erreichten. Sollte sie mit ihm gehen? Würde dieses Leben sie glücklich machen? Was wäre die Alternative?
Mit einem Kopfschütteln vertrieb sie ihre Grübeleien und schritt hinaus an Deck.

Die Sonne war inzwischen untergegangen, doch auch deren Gegenspieler war nirgends zu sehen. Margarete sah sich in der Dunkelheit um, nur wenige der Männer waren noch an Deck. Einer hielt Ausschau im Krähennest, Captain Jack Sparrow stand am Steuerrad und hie und da sah man einen dösenden Piraten sitzen. Die meisten waren aber schon in ihren Betten. Ihr sollte es recht sein.
Sie lief an die Reling und legte ihre Hände entspannt auf deren Holz ab. Tiefe Atemzüge erfüllten ihre Lungen, das Salz des Meeres legte sich dabei auf ihre Zunge. Kaum wahrnehmbare Wassertropfen prasselten auf ihr Gesicht. Es hatte angefangen zu nieseln. Freiheit. So fühlte es sich also an.
Vollkommene Freiheit.

Jack hatte das Mädchen bereits bemerkt, als sie seine Kajüte verlassen hatte. Nur die langen Haare über ihren Schultern und die Wölbung ihrer Brüste ließen erkennen, dass sie kein Junge war. Vielleicht würde Gibbs das etwas beruhigen, was Jack jedoch eher bezweifelte. Gibbs Aberglauben würde ihr schaden, sollte er auch den anderen seine unsinnigen Geschichten erzählen. Zwar wusste niemand besser als Jack, dass man Legenden und Flüche niemals einfach abtun sollte, doch der Ausdruck „Seemannsgarn“ kam ebenfalls nicht von ungefähr.
Margaretes ganze Haltung strahlte Entspannung aus. Ihr Gesicht, das sie den Sternen entgegenstreckte, wirkte friedlich auf ihn. Die Art, wie ihr Brustkorb sich hob und senkte und wie ihre Finger über die Reling strichen, in sanften, streichelnden Bewegungen, ließen ihn schließlich erkennen, weshalb sie ihn an sich selbst erinnerte.
Sie empfand denselben Drang nach Unabhängigkeit wie er. Dieselbe Liebe für die See.
Und auch die See schien nach ihr zu rufen. Die Wellen brachen unter ihr, die Gischt schien nach ihr zu greifen und auch der Himmel schien sie berühren zu wollen, da der Regen ihre Wangen geradezu liebkoste.

Jack war kein romantischer Mann. Aber das Bild dieses Mädchens im Licht der Sterne, von den Gezeiten umspielt, prägte sich unwiderruflich in sein Gedächtnis ein.
Margarete war ihr Name.
Maggie.


AN: Wie immer vielen dank für euer Interesse an Maggies und Jacks Geschichte! Erzählt mir gern, was euch gefallen oder nicht gefallen hat und warum! Vielen Dank an jeden einzelnen, der reviewt, ich lese jede Review und freue mich immer wahnsinnig darüber!
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