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Der Sperling und das Rotkehlchen

von Hyggelig
GeschichteLiebesgeschichte / P18
Captain Jack Sparrow Gibbs OC (Own Character)
30.04.2020
19.07.2020
7
14.955
2
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14 Reviews
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22.06.2020 1.618
 
Captain Jack Sparrow


„Margarete ist also der Name, hm?“
„Maggie“, korrigierte sie ihn reflexartig zwischen zwei Atemzügen, sie war das Weglaufen gewöhnt, aber der Pirat war noch deutlich schneller als sie. Wie machte er das? Seine Dreadlocks flogen ihr ins Gesicht als er über eine Anhöhe sprang, während der Himmel bereits wieder heller wurde. Sie war sich sicher, dass sie die Navy abgehängt hatten, doch er bestand darauf, weiterzulaufen. Erst als er ein kleines Haus erreichte, das auf einem Hügel auf den Klippen stand, in das er ohne Umschweife eintrat, kam sie langsam wieder zu Atem. Er öffnete eine unscheinbare Tür im Holzboden und winkte ihr, voranzugehen. Sie tat wie befohlen und stieg die Stufen hinab. Fässer und Flaschen umgaben sie zu jeder Seite und der penetrante Geruch nach Spiritus drang in ihre Nase.
„Ist das… Rum?“ Ihr Mund klappte auf. Er stieg hinter ihr hinab und schloss die Luke über ihnen sorgfältig. Einige Lichtstrahlen, die sich durch den Fußboden über ihnen hindurchzwängten, tauchten die Kammer in ein angenehm schummriges Licht.
„Was denn sonst, Liebes? Sieht so aus als müssten wir es uns hier wohl ein, schlimmstens zwei Tage miteinander gemütlich machen. Jetzt würde ich gern nochmal auf euer Angebot von letzter Nacht zurückkommen. Dieses Mal werde ich es sicher nicht ausschlagen. Schließlich hat mich das ja erst in den ganzen Schlamassel hineingezogen.“
„Ihr seid aufgebracht, das verstehe ich.“
„Aufgebracht? Ich würde es eher fuchsteufelswild nennen!“, fuhr er sie an, ehe er tief durch seine Nase ein- und ausatmete. „Die gesamte Royal Navy ist hinter euch her, hinter mir her, und das, obwohl ich nicht einmal etwas getan habe, das man mir vorwerfen könnte! Hätte ich gestern einfach getan was ihr verlangt habt, schnell und blutig, wie ihr es so schön formuliert habt“, lächelt er sie kalt an, „hätte ich nicht nur meinen Spaß gehabt, sondern wäre auch so schnell wieder auf und davon gewesen, dass die Navy nicht einmal mein Heck gesehen hätte! Dann befände ich mich jetzt zufrieden schlafend in meiner Kajüte, nicht in einem alten Rumkeller versteckt!“
„Es fällt mir schwer, Mitleid für eure Unannehmlichkeiten zu heucheln. Anders als ihr wäre ich jetzt nämlich nicht friedlich schlafend in irgendeiner Kajüte, sondern auf dem Weg zu meiner Hinrichtung!“
„Eine Hochzeit ist keine Hinrichtung! Es gibt ein paar Gläschen Champagner, ein paar Tränchen hier und da, was wäre da schon dabei!“
„Verzeihung, habt ihr euch den Mann einmal angesehen? Was glaubt ihr wohl würde ich vorziehen, eine Hinrichtung oder eine Hochzeit mit diesem Dreckskerl?“, brüllte sie ihn an, der sich hingegen auf eins der Fässer niedergelassen hatte und bereits den Korken einer Flasche Rum mit den Zähnen herauszog. Ein lautes „Plopp“ ließ sie zusammenzucken. Achtlos spuckte er den Korken auf den Boden und setzte an.

Erst jetzt, da sie genug Zeit hatte, ihn anzusehen, fiel ihr der Riss in seinem rechten Ärmel auf, der sich rot gefärbt hatte. War das ihr Blut oder seins? Wann hatte er sich denn verletzt?
„Ihr blutet. Wie ist das passiert, die Soldaten haben euch doch gar nicht erwischt!“
Er verdrehte die Augen und vollführte eine wegwerfende Handbewegung.
„Lasst mich das sehen.“
Sie war zwar alles andere als ein Arzt, doch sie hatte durch ihre Mutter gelernt, wie man kleinere Wunden zu versorgen hatte. Sie ließ sich vor seinen Füßen nieder und nahm ohne um Erlaubnis zu bitten seinen Arm. Den Ärmel schob sie behutsam nach oben, sodass sie die Wunde begutachten konnte. Das Ausmaß war erheblich größer als erwartet.
Kurzerhand und wie selbstverständlich wollte sie nach dem Schwert greifen, aber der Pirat, dessen Namen sie noch immer nicht kannte, legte selbst Hand an den Schaft.
„Nach allem, was ihr mir heute eingebrockt habt, werdet ihr doch sicher verstehen, dass ich euch nicht unbedingt vertrauensselig gegenüberstehe, hm?“
Sein sarkastisch wohlwollendes Lächeln löste in ihr nur weiteren Zorn aus.
Mit zusammengebissenen Zähnen zischte sie ihn an: „Wie ihr wünscht, dann verbindet euren Arm eben allein!“
Ohne lange zu fackeln riss sie sich den Saum ihres Kleides ab. Mit dem Schwert wäre es vermutlich gerader geworden, aber letztlich spielte das keine Rolle. Einen Teil des Stoffes nutzte sie, indem sie ihn in Rum tränkte und sich mit dem Rücken dem Piraten zugewandt auf den Boden setzte. Sie spreizte ihre Beine und presste den benetzten Stofffetzen auf die Schnittwunde auf ihrem inneren Oberschenkel, die sie sich selbst zugefügt hatte. Ein unterdrückter Schmerzenslaut entrang sich ihrer Kehle, doch sie biss die Zähne zusammen und reinigte die Wunde so gut sie eben konnte.
„Wisst ihr, dabei  könnte ich euch durchaus behilflich sein“, schlug er scheinbar unschuldig vor.
„Das habt ihr in der vergangenen Nacht ja mehr als bewiesen, nicht wahr, ihr Schwerenöter.“ Sie verdrehte nur die Augen. „Verdammte Piraten. Immer ein großes Maul, doch wenn es darum geht, Taten walten zu lassen…“
Sollte dieser Mistkerl sich doch selbst verbinden, was kümmerte es sie. Den anderen Teil des Stoffes wickelte sie sich zweimal um den Schenkel, befestigte alles mit einem Doppelknoten und stand daraufhin wieder auf.
„Soll das bedeuten, es wäre euch lieber gewesen, ich hätte euch gestern wie eine Dirne in dieser Spelunke genommen?“ Etwas Warmes streichelte ihren Nacken bei diesen Worten, auf der Stelle drehte sie sich um. Der Pirat stand nun direkt vor ihr. Wann war er aufgestanden? Wie hatte er es geschafft, sich so lautlos an sie heranzuschleichen?
Er fuhr gemächlich fort: „In diesem schäbigen Bett? Ich bitte euch, das ist nicht euer Stil. Meiner vielleicht schon“, er zuckte grinsend mit den Achseln, seine Augen fixierten nun die ihren eindringlich, „aber nicht eurer.“
„Ihr kennt mich nicht. Ihr wisst nichts über mich“, sie hob ihr Gesicht an, um ihn anfunkeln zu können und bewegte sich noch näher an ihn heran. Nur wenige Zentimeter trennten sie. „Ich habe euch etwas angeboten, nämlich meinen Körper, und ihr habt dieses Angebot angenommen. Aber anstatt eure Pflicht zu tun, stehe ich nun da: Was nützt mir meine Jungfräulichkeit, wenn ich an Wundbrand sterbe!“
Ein lautes Lachen drang an ihre Ohren. Machte er sich etwa über sie lustig? Oder lachte er über ihre zugegeben etwas dramatische Bemerkung?
So oder so hielt er ihr aus heiterem Himmel doch den Griff seines Schwertes vor die Nase.
Ohne ein „Danke“ nahm sie es an sich und schnitt vorsichtig noch einen Teil ihres Kleides ab. Sie wiederholte das Spiel, tränkte ein Tuch in Rum und warf es ihm zu.
„Ich nehme an, ein großer Pirat wie ihr schafft das alleine.“
Noch immer schmunzelnd fing er den Stoff auf und säuberte seine Wunde am rechten Arm. Sie beobachtete ihn genau. Keinerlei Anzeichen für Schmerz zeichnete sich in seiner Mimik ab, nur seine Schultern spannten sich kurz an.
„So ungern ich das auch sage, aber ich würde eure Hilfe hier zu schätzen wissen. Eure Finger sind schmaler als die meinen“
Und sauberer.
Margarete besah sich die Wunde genau und zog verwundert die Augenbrauen hoch als sie die Glassplitter in der Wunde sah. Glas? Etwa von der Rumflasche? Nein, es musste beim Sprung aus dem Fenster passiert sein. Er hatte sich dabei mit dem rechten Arm auf den Scherben abgestützt, um ihr Gewicht mittragen zu können. Diese Feststellung ihrerseits versetzte ihrem Stolz einen herben Schlag. Sie hatte sich in den letzten Stunden eingeredet, dass sie allein sich zu ihrer Freiheit verholfen hatte, doch die Wahrheit war, dass sie ohne ihn vermutlich bereits für die Zeremonie geschmückt werden würde. Laut würde sie diese Erkenntnis jedoch sicher nicht äußern.

Vorsichtig zupfte sie mit ihren Nägeln einen Splitter nach dem anderen aus seinem Unterarm. Dabei fiel ihr ein ungewöhnliches Tattoo ins Auge.
„Ein Vogel über der See?“
„Ein Sperling“, spezifizierte er.
Verdattert unterbrach sie ihre Arbeit und trat einen Schritt zurück, um ihn ansehen zu können.
„Ein Sperling? Ihr seid Jack Sparrow!“
„Captain! Captain Jack Sparrow“ Er schüttelte gereizt seinen Kopf.
„Ihr seid der Freibeuter, der ganz Port Royal in Aufruhr versetzt hat?“ Ihre Ungläubigkeit beleidigte ihn nicht, stattdessen grinste er nur breit und hob seinen Hut an.
„Stets zu Diensten.“
Sie versuchte, sich ihren Schock auszutreiben, indem sie ihre Arbeit vollendete. Sie hatte viele Geschichten über ihn gehört, manche mehr Märchen als Realität, aber einige davon auch wahr, das wusste sie. Sie hätte sich beinahe von Captain Jack Sparrow entjungfern lassen. Diese Information musste sie wohl erst noch sacken lassen.
Eine ganze Weile tupfte sie stumm die Wunde ab, zog Splitter um Splitter aus seinem Fleisch, ohne dass er auch nur einen Schmerzenslaut von sich gab.
Jack musterte das Mädchen währenddessen aufmerksam. Einige Splitter später stellte er die Frage, die ihn von Anfang an neugierig gemacht hatte: „Ihr hättet es wirklich getan, nicht wahr?“
Sie schaute nicht auf, nickte nur.
„Weshalb? Manche Frauen würden töten, um gesellschaftlich derart aufzusteigen. Weshalb hättet ihr es getan?“
Einen langen Atemzug später sah sie zu ihm auf: „Was hätte ich schon von diesen Dingen. Ich brauche keinen Schmuck, keine teuren Kleider, keinen Status. Ich brauche nichts als die Weiten der See. Und ab und zu eine Flasche Rum.“
„Ihr klingt wie ein Pirat, Liebes.“ Er hielt ihr seine Flasche an die Lippen, ließ sie einen Schluck davon trinken und setzte sie selbst wieder an.
Sie pfriemelte den letzten Splitter heraus und wickelte ihren Kleiderrest mit leichtem Druck um seinen sehnigen Arm herum.
„Vielleicht wäre ich tatsächlich besser auf einem Schiff zur Welt gekommen als in einem Adelshaus.“
Sie zog den Knoten fest. Ein schweres Seufzen ertönte.
„Freiheit ist das Einzige, das man auch dann vermisst, wenn man es nie kannte.“
Beide starrten unruhig auf die Falltür, die nun den Weg zu ihrer Freiheit versperrte.


AN: Wie immer tausend Dank für eure Reviews, ihr versüßt mir den Tag mit euren Worten! :) Bitte scheut euch nicht davor,  Kritik zu äußern, ich freue mich sehr, wenn ich dazulernen kann! Vielen Dank!
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