Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Der Sperling und das Rotkehlchen

von Hyggelig
GeschichteLiebesgeschichte / P18
Captain Jack Sparrow Gibbs OC (Own Character)
30.04.2020
19.07.2020
7
14.955
2
Alle Kapitel
14 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
03.05.2020 1.974
 
Der Fremde


Weder die Dunkelheit der frühen Nacht, noch ihr Umhang können das strahlende Weiß ihres Kleides verbergen, obwohl sie sich größte Mühe dabei gibt. Es war wohl nicht ihre beste Idee gewesen, Hals über Kopf aufzubrechen. Ungeachtet dessen schreitet sie in schnellstmöglichem Tempo durch die dreckigen Gassen, um eine altbekannte Gaststätte zu erreichen. Wenn es auf dieser verdammten Insel von einer Sache mehr als genug gibt, dann sind dies wohl Tavernen. Immerhin ist dies verdammt nochmal Tortuga.
Ganz egal wer, ganz egal wer, ganz egal wer.
Meine Freiheit ist es wert.
Nach einem weiteren tiefen Atemzug ist es soweit. Mit einem Ruck und gerecktem Kinn stößt sie die Tür auf und tritt ein. Der Geruch von Alkohol erdrückt sie für einen Moment, ein paar Trunkenbolde starren sie unverhohlen an, doch davon lässt Margarete sich nicht weiter beeindrucken. Ihr Blick schnellt suchend von einer Person zur nächsten, bis sie endlich findet, was sie sich erhofft hatte.
Eine Frau in einem gelben Kleid mit großem Ausschnitt, der ihr Dekolleté kaum zu bedecken vermag, steht am Tresen der Bar und flüstert einem Mann etwas ins Ohr, der seinen Bierkrug nur noch locker umklammert hält, wodurch stetig mehr und mehr Bier auf den Boden schwappt. Eine kleine Lache benetzt den alten Holzboden.
Ohne zu Zögern setzt sie sich in Bewegung und fasst die Frau am Arm.
„Elise! Ich brauche deine Hilfe.“ Die Dame haucht dem Kerl noch einen letzten Kuss auf den Hals, säuselt ihm vor, sie müsse sich kurz entschuldigen, sei aber gleich wieder ganz die Seine, und widmet sich dann voll und ganz der jungen Braut.
„Maggie, du verscheuchst mir die Kundschaft! Was kann so“, sie stockt, als sie an dem Mädchen heruntersieht, „wichtig sein…“, führt sie den Satz fort, nur um daraufhin erneut von vorne zu beginnen, „Bei den Eiern des Allmächtigen, Maggie, was zur Hölle hast du da an?“ Ihre Stimme war nicht mehr als ein gedämpftes Zischen.
„Keine Zeit für Erklärungen, Elise! Du musst mir einen deiner Freier überlassen. Nur einen, nur heute, dann wars das. Glaub mir, ich habe keine andere Möglichkeit. Stell keine Fragen, hilf mir dieses eine Mal, dann sind wir quitt! Du wäschst meine Hand und ich deine!“
Elises Augen starren auf ihr Gesicht, zweifelsohne bemerkt sie den Schweiß auf Margaretes Stirn, das schnelle Heben und Senken ihrer Brust, die Dringlichkeit ihrer Worte. Nach nur wenigen Sekunden nickt sie resignierend, doch noch immer skeptisch der Bitte gegenüber.  
„Fein. Du hast damals meinen Hals aus der Schlinge gezogen, dafür schulde ich dir das wohl. Ich hoffe, dir ist klar, wie viel Kröten mir dadurch entgehen, Fräulein. Besonders in diesen Zeiten bin ich auf jeden Kunden angewiesen. Aber schön, wie du willst.“
Sie zuckt mit ihren Schultern, rollt theatralisch mit den Augen und macht eine lässige Handbewegung in eine der dunkleren Ecken der Taverne.
„Der Kerl da hinten ist vorher durch die Tür getorkelt. Der hatte schon ein paar Gläser Rum zu viel heute, da müsstest du leichtes Spiel haben. Hat irgendwas gefaselt von nem schlagenden Herzen in nem Glas oder so, keine Ahnung was das sollte. Vielleicht denkt er sowas sei romantisch, aber vielleicht ist er auch einfach einmal zu oft aus dem Krähennest gefallen.“ Sie grinst über ihren eigenen Scherz, bevor sie ihr einen Schlüssel in die Hand drückt. „ Schnapp ihn dir, ich überlass dir meinen Raum oben. Du hast eine halbe Stunde, Maggie, keine Minute mehr. Ich hab hier noch zu arbeiten, meine Tochter ernährt sich schließlich nicht von alleine. Alles klar, Schätzchen?“ Margaretes Nicken folgt auf dem Fuße, noch im selben Moment dreht sie sich weg von der Dirne und in Richtung des Fremden, schreitet auf die Ecke zu und hält irritiert einen Meter vor dem Mann inne.
Das was sie vor sich hatte war ein Pirat, da würde sie jede Wette eingehen.

Dieses Miststück! Den hat sie absichtlich mir überlassen!

Nur allzu lebhaft erinnert sie sich daran, wie Elise und ihre Kollegin Minna sich neulich über ihre Piratenkundschaft ausgelassen haben. Wie grob und rücksichtslos diese seien, dass es einem Pirat egal sei, ob es für die Frauen schmerzhaft ist oder nicht. Dass sie sich nähmen was sie brauchten und sich dann davonmachten, manche sogar ohne zu bezahlen. Minna hatte ihr sogar eine feine, weißliche Narbe an deren Hals gezeigt, die von der Klinge eines Piraten stammte, der sie nicht hatte entlohnen wollen. Zweifel schleichen sich langsam in ihren Kopf. Ein schneller Blick Richtung Ausgang, dann wieder zurück zu dem fremden Piraten, und ein weiterer Blick an sich hinab, klären das Wirrwarr ihrer Gedanken jedoch schnell wieder.
Erneut reckt sie ihr Kinn, atmet tief ein und macht den letzten Schritt nach vorne.
Der Kopf des Mannes hebt sich und unter dem Hut, den er tief ins Gesicht gezogen hatte, kommt braungebrannte Haut zum Vorschein. Ein seltsamer Bart ziert sein Kinn und seine Wangen, auch zwischen Nase und Oberlippe kommt eine Art Schnurrbart zum Vorschein. Lange Dreadlocks, in die Perlen und Goldklümpchen eingewoben sind, umrahmen sein Gesicht, doch das Markanteste an diesem Mann sind mit Sicherheit seine Augen. Liegt es an dem Schummerlicht oder sind seine Augen wirklich durch und durch schwarz? So sehr sie sich bemüht, sie findet keinen Übergang von Iris zu Pupille in ihnen.
Durch ein Kopfschütteln zerstreut sie ihre Gedanken schnell wieder, sie muss sich jetzt auf das Wesentliche konzentrieren.
Der Blick des Fremden gleitet einmal an ihr hinab und wieder hinauf, ein interessiertes Schmunzeln auf den Lippen, die Brauen erwartungsvoll angehoben.
„Die Dame in Weiß“, er schnalzt amüsiert mit der Zunge, „ihr scheint euch im Lokal geirrt zu haben, Milady“ Er hebt lächelnd seinen Hut und täuscht eine Verbeugung vor, jedoch ohne sich von seinem Stuhl zu erheben.
„Ich bin ebenso wenig eine Lady wie ihr ein Gentleman“, beginnt sie und nähert sich ihm dabei, sodass sie jede Regung seines Gesichtes lesen kann, selbst sein Geruch nach frischem Schweiß, Rum und… etwas Undefinierbarem, wehen ihr in die Nase. „Ich habe keine Zeit für Spielchen, deshalb fasse ich mich kurz: Ihr folgt mir nach oben, ich entledige mich dieses Kleides und erlaube euch, mit meinem Körper zu tun, was immer ihr wollt. Und das ohne bezahlen zu müssen.“ Etwas flammt in seinen dunklen Augen auf, er dreht leicht seinen Kopf und lässt seinen Blick immer wieder von ihrem Mund zu ihren Augen gleiten.
„Wisst ihr, Liebes, ich erkenne eine Dirne wenn ich eine sehe. Ihr jedoch, seid keine. Dieses… Angebot, wenn ich es so nennen darf, erscheint mir wenig vorteilhaft für euch. Abgesehen von meinen herausragenden Künsten als Liebhaber, selbstredend. Was ist für euch dabei drin?“
Misstrauen spiegelt sich in seinen Zügen, vielleicht hätte sie einfach wie jede andere Hure sein Geld fordern sollen. Sie hatte nicht die Zeit, ihm ihre tragische Lebensgeschichte aufzutischen.
„Also gut, ihr werdet mir jetzt genau zuhören: Entweder ihr nehmt mein Angebot an und folgt mir, oder ich schmeiße mich dem Nächstbesten an den Hals, der durch diese Tür spaziert“, um ihren Worten mehr Nachdruck zu verleihen fuchtelt sie Richtung Tür, durch die im selben Moment ein untersetzter alter Mann die Kaschemme betritt, vermutlich dreimal so alt wie sie selbst. Der fremde Pirat verzieht angewidert das Gesicht beim Anblick des Stammkunden und entfernt sich melodramatisch ein Stück von ihm. „Ob du oder jemand anders ist mir völlig schnuppe.“
Ohne sich noch einmal umzudrehen stolziert sie die nahegelegene Treppe hinauf, zieht sich dabei langsam und so verführerisch wie möglich den Umhang von den Schultern und lässt ihn achtlos zu Boden sinken. Ihr Puls beschleunigt sich ungemein als sie die überraschend leichtfüßigen Schritte hinter sich vernimmt. So betrunken wie Elise geglaubt hat ist er anscheinend noch nicht.
Erst als er ebenso wie sie das Zimmer betreten hatte, schloss sie die Holztür ab, deren beste Zeiten sicherlich schon in der Vergangenheit lagen.
Einen Herzschlag lang übermannt sie das Bedürfnis nach Freiheit. Geschlossene Räume sind noch nie etwas für ihr Nervenkostüm gewesen, doch sie schluckt die aufkommende Panik quälend langsam herunter und dreht sich um.
Da steht er. Der Pirat mit dem schäbigen Hut und den schmutzigen Händen.
Wenigstens riecht er angenehm.
Sein abschätzender Blick und das offensichtliche Interesse an ihren Beweggründen helfen ihr nicht dabei, sich zu beruhigen. Er ist attraktiv. Das ist immerhin schon mehr als sie in ihrer Hochzeitsnacht mit Richard zu erwarten hätte.
„Nun gut. Ich… ich werde mich jetzt ausziehen. Wenn ihr so freundlich wärt, euch…“
Ein breites Grinsen entsteht seinerseits bei ihren Worten. „Wenn ihr wirklich vorhabt, das zu tun, was ihr vorhattet zu tun, dann werde ich wohl oder übel sehen müssen, was sich unter diesem hübschen Brautkleid verbirgt.“

Er hat Recht. Jetzt ist es wohl an mir.

„Fein!“ Der schnippische Unterton in ihrer Stimme scheint ihn nur noch mehr zu amüsieren. Mit aller Kraft zerrt sie am Einschub ihres Kleides, reißt es gewaltvoll auf und streift es schnaubend und umständlich ab. Ihre Nägel reißen dabei die empfindliche Haut ihres Dekolletés auf, wenige Blutstropfen verfärben ihr Unterkleid, doch Margarete nimmt es nicht einmal wahr. Ihre Augen beginnen zu brennen, die Tränen die sich zu sammeln versuchen wird sie aber um jeden Preis zurückhalten, koste es was es wolle. Wenn sie sich schon die Blöße geben muss, mit diesem Fremden ins Bett zu steigen, dann zumindest nicht auch noch die, verzweifelt in Tränen auszubrechen.
Als nächstes kommt ihr Korsett an die Reihe, doch noch bevor sie es berühren kann, legen sich zwei warme, raue Hände auf die ihren und stoppen sie in ihrer Bewegung.
Sie muss den Kopf heben, um ihn anzusehen. Er ist größer als sie zuvor gedacht hatte. Jegliche Belustigung ist von seinem Gesicht gefegt, so als wäre das verschmitzte Schmunzeln nie da gewesen. Er sieht ihr ernst in die Augen.
„Ich weiß nicht, wieso ihr glaubt, das tun zu müssen, Liebes. Aber ich bin sicher, dass es eine andere Lösung gibt.“ Sein einzigartiges, etwas überhebliches Schmunzeln kehrt zurück bei seinen nächsten Worten. „Versteht mich nicht falsch, eure Reize“ sein Blick wandert nach unten in Richtung ihrer spärlich verdeckten und durch das Korsett angehobenen Brüste, bevor er scheinbar unter großer Anstrengung wieder in ihre Augen blickt „sind durchaus nicht zu verachten, aber ich habe es nicht nötig, mir dies von einer Frau zu nehmen, die nicht bereit dazu ist, es zu geben“.
Sein Atem riecht nach Rum. Margaret mag den Geschmack von Rum, sie mochte ihn schon immer. Dieser Mann, dieser Pirat, bot ihr gerade an, umzukehren. Aber wohin wollte sie denn gehen? Sie hatte ihren Platz in dieser Gesellschaft bereits aufgegeben als sie an diesem Abend aus dem Haus geschlichen war. Es ist nur eine Frage der Zeit bis man sie findet und zurückbringen wird, dessen ist sie sich sicher.
Als sie auf einmal Geräusche von unterhalb des Fensters vernimmt, schnürt ihr mit einem Mal etwas die Kehle zu. Panik. Eine Welle der Panik, wie sie sie noch nie gefühlt hatte. Alles relativiert sich. Aufgeregte Stimmen dringen durch das Fenster von der Straße zu ihnen hinauf. Von einer auf die andere Sekunde ist die Angst vor dem, was dieser Fremde mit ihr anstellen könnte, gänzlich verflogen. Ganz egal was es sie kosten wird, sie muss dafür sorgen, dass kein Junggeselle dieser Insel sie jemals freiwillig heiraten würde, insbesondere nicht Richard. Mit einem kräftigen Ruck reißt sie am Korsett, bis die ersten Schnüre sich lösen und es sich unbrauchbar neben ihr Brautkleid auf den Boden gesellt.
Nur noch im Unterkleid steht sie nun vor ihm, geht kurzentschlossen auf ihn zu und schubst ihn auf das breite Himmelbett, das Herzstück dieses schmuddeligen Raums. Ihre Röcke raffend setzt sie sich rittlings auf ihn, eine Hand auf seiner Brust. Ihre Fingerspitzen berühren seine Haut, ihr Handballen nur sein weißes, weit ausgeschnittenes Hemd. Keinerlei Zweifel sind mehr in ihrem Blick erkennbar, kein Zittern ihrer Finger, die nun geschwind seine Hose zu öffnen versuchen.
„Bringen wir es hinter uns. So schnell wie möglich, versteht ihr? Und sorgt gefälligst dafür, dass es blutet, mehr brauche ich nicht!“
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast