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Der Sperling und das Rotkehlchen

von Hyggelig
GeschichteRomanze / P18
Captain Jack Sparrow Gibbs OC (Own Character)
30.04.2020
19.07.2020
7
14.955
2
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30.04.2020 464
 
Prolog



Traditionen sind etwas für Ignoranten. Nur jemand, der selbst keinen Funken Freiheitsliebe besitzt, kann sich gedankenlos den Worten der vorherigen Generationen fügen. Sich in eine Form pressen lassen, ohne dabei zu realisieren, dass nicht jeder Teil seines Selbst, nicht jeder Teil der Seele darin Platz finden kann. Es ist wie beim Backen eines Apfelkuchens: Der überstehende Rand wird gnadenlos abgeschnitten.
In solch einer Form befindet sie sich, als sie sich selbst im Spiegel betrachtet. Wo ist plötzlich das Seegrün ihrer Augen hin verschwunden? Wohin ist das Blut in ihren Wangen geflossen, das zuvor noch ihr Gesicht zum Strahlen gebracht hatte? Selbst ihre Lippen scheinen blass und rissig.
Alles an ihr wird überstrahl vom Weiß. Weiß. Überall nur weiß. Was für eine schreckliche Farbe. Ist es überhaupt eine Farbe? Wozu existiert dieses Weiß? Wer mag schon weiße Blumen, wenn man rote und blaue haben kann. Selbst jede weiße Leinwand erfüllt nur den Zweck, übermalt zu werden.
Schwarz erscheint ihr viel passender in diesem Moment der Trauer. Das Ende ihrer Freiheit. Das Ende ihrer Selbstbestimmtheit. Das Ende ihres Lebens.
Ihre Hand zuckt in Richtung der Kommode zu ihrer Rechten. Was erwartet sie noch von diesem Leben? Margarete Robin hatte sich selbst immer als Lebemenschen bezeichnet. Sie mochte es, barfuß über Wiesen zu laufen, unerlaubt in der ein oder anderen Kaschemme einen Rum zu kippen und sich des Nachts im Hafen unbemerkt ein Bad zu gönnen, das Gefühl der See auf ihrer nackten Haut genießend. Doch in diesem Kleid erscheint ihr das von ihr so sehr geliebte Leben, mit all seinen Gerüchen, Geschmäckern und Farben, plötzlich nicht mehr greifbar.
Die unterste Schublade ist ihr Ziel. Aufgeregte Hände schieben die Wäsche beiseite, um den doppelten Boden zu finden. Sie weiß genau, wonach sie sucht. Vorsichtig nimmt sie ein in Stoff gewickeltes Bündel hervor. Sie zögert, unschlüssig, ob sie es tatsächlich tun soll.
Die Pistole wiegt schwer in ihrer Hand, doch die Verzweiflung in ihrem Herzen wiegt schwerer.
Einen Schuss. Sie hätte nur einen einzigen Schuss. Wie in Trance starrt sie die Waffe an.
Erst als ihr Blick sich hebt und sie sich erneut im Spiegel sieht, das Schwarz der Pistole in krassem Kontrast zum Weiß ihres Hochzeitskleides, erwacht sie aus ihrer Trance.
Nein. Nicht so. Nicht sie.
Lange starrt sie auf ihr weißes Kleid. Weiß, die Farbe der Unschuld. Ein bitteres Lächeln schleicht sich auf ihre Lippen, während sich ein Plan in ihrem Kopf formt. So schnell würde sie nicht klein bei geben. Wenn sie schon untergeht, dann zumindest nicht kampflos.  


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AN: Hallo an alle FdK Fans, ich schreibe normalerweise nur in Ich-Perspektive und meist auch nur in gutem alten Präteritum. Hier habe ich versucht, mal etwas anderes auszuprobieren, um aus alten Mustern auszubrechen. Ich freue mich stets über konstruktive Kritik. Bis bald :)
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