Wie im Fall

GeschichteHumor, Romanze / P18 Slash
30.04.2020
23.05.2020
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23.05.2020 1.903
 
„Wie kam es zu Kai?“, fragte ich stattdessen. Ich wusste keine Antwort auf seine Frage. War innerlich total unentschlossen. Auf der einen Seite sehnte ich mich nach ihm, auf der anderen Seite war der Verrat viel zu groß, um je darüber hinweg zu sehen. Und dann war da auch noch Kai … was wollte ich mit einem Kind? Ich war 24! Ich wollte mein Leben genießen und kein Kind, was Verantwortung bedeutete.
„Lange Geschichte …“, seufzte Struppi schwer. „Macht nichts. Ich habe Zeit …“, auffordernd stieß ich ihn in die Seite. Ich hatte mich dazu entschlossen zu kommen, jetzt wollte ich auch die ganze Wahrheit wissen. „Na gut …“, er lehnte sich zurück und schloss die Augen. „Ich war 15 und total verknallt in unseren Torwart. Was ich mir natürlich nie und niemals, zu der Zeit, eingestanden hätte. Also um mir selbst zu beweisen, dass ich völlig normal war, flirtete ich mit dem schönsten Mädchen in der Klasse. Und das nicht, weil sie hübsch war …“, er lachte auf und sah zu mir rüber. „Sondern nur, weil ich wusste, der Torwart stand auf sie, und ab dem Tag tat ich alles, damit er sie nicht bekam. Kindisch nicht wahr?“ Struppi beugte sich nach vorne und fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar. Es schien ihm nicht leicht zu fallen, mir diese Geschichte zu erzählen. Oder vielleicht auch mir diese Seite von ihm zu zeigen.
„Du warst ja erst 15.“ Was Besseres fiel mir nicht ein, um ihm das Erzählen leichter zu machen. „Mag sein … aber hätte ich mich wirklich für sie interessiert, hätte vielleicht alles anders laufen können. Aber wie gesagt, ich hatte keinerlei Gefühle für sie, ich mochte sie ja nicht einmal wirklich. Sie war schon immer sehr anstrengend gewesen, aber richtig auffallen tat es mir erst, als sie mit Kai schwanger wurde. Davor war sie für mich ein normales Partygirl, das vielleicht etwas zu viel trank, etwas zu viel rauchte und kiffte, aber es konnte mir ja egal sein. Solang wir zusammen waren und mich die ganze Klasse, allen voran, natürlich er, um sie beneidete.“ Wieder traf mich sein Blick, als suche er, in meinem Gesicht, nach seinem Urteil.
„Wie lange ging es gut?“ „Nicht sonderlich lange …“ erneut ließ er sich schwer in die Sofakissen fallen. „Ich merkte bereits nach wenigen Wochen, dass es nicht das Wahre für mich war. Und sie bestimmt niemand, nach dem ich mich sehnte und verzehrte. Sex war okay, aber eben nicht mehr und ich war überaus enttäuscht. Schließlich hatten es alle in den Himmel gepriesen, was hieß, entweder es logen alle, oder Handarbeit und das Phantasieren von einem nassen unter der Dusche stehenden Torwart, war besser als aller Sex mit Celina zusammen. In dieser Zeit klammerte ich mich noch verzweifelt an die scheinbare Lüge, aber auch das währte nicht lang … Bier?“, fügte er nach einer kleinen Pause an und erhob sich, ohne auf meine Antwort zu warten.
„Gern …“, rief ich ihm trotzdem nach, bevor er in der Tür verschwand. Wenige Augenblicke später, war er auch schon mit zwei Flaschen zurück, die er auf dem Wohnzimmertisch abstellte. Zischend öffnete er beide nach einander und reichte mir Eine davon. „Prost …“ stießen wir im Chor aus und ließen die Böden der Flaschen aneinander klirren. Dann setzte sich Struppi wieder zu mir, nicht ohne den Abstand zu uns zu vergrößern. Was für ein komisches Gefühl, sich so nah zu sein und nicht mit einander in den Armen zu liegen, wie es bis jetzt immer der Fall war. Ich fühlte mich fremd hier und auch Struppi war mir nie ferner …

„Schätze damit hatte die Story noch kein Ende …“, versuchte ich, etwas zu Scherzen und diese Grabesstimmung zwischen uns aufzulockern. „Nein, hier fängt die Story erst richtig an …“, seufzte er, nahm einen großzügigen Schluck und setzte die Flasche wieder ab, bevor er weiter zu erzählen begann. „Wir waren ein halbes Jahr zusammen, als ich mir endlich eingestand schwul zu sein. Also ging ich zu ihr und machte mit ihr Schluss, outete mich vor meinen Eltern und fühlte mich zum ersten Mal wirklich frei. Bloß leider hielt mein Glück, genau 5 Tage, den dann verkündete mir, meine bis dato eigentlich nicht wirklich traurige Ex, heulend, das sie schwanger war. Zuerst war ich geschockt, konnte nicht fassen, wie es passieren konnte, schließlich hatte sie die Pille genommen. Aber es war nun mal so. Dann, tags drauf verkündete sie mir, dass sie es abtreiben lassen würde, es passe nicht zu ihrem Leben, sie hatte sich entschieden. Um mich nicht komplett aus der Verantwortung zu ziehen, begleitete ich sie zum Frauenarzt, der uns mitteilte, für eine Abtreibung wäre es zu spät, da Celina bereits in der 14ten Woche war. Für uns beide ging die Welt unter, für sie, noch mehr wie für mich. Die nächsten Wochen und Monate, war ich damit beschäftigt sie vom Saufen und Rauchen abzuhalten und jeglichem Blödsinn, der ihr immer wieder einfiel. Meine Eltern halfen, in dem sie uns die Dachwohnung in unserem Haus anboten und so zogen wir zusammen. Ich verdrängte, dass ich schwul war, suchte mir eine Lehre, anstatt wie geplant Abi zu machen und Kunst zu studieren, und hoffte meine neu gewonnene Familie irgendwie über Wasser halten zu können. Celina hingegen sackte ab, verfiel in Depressionen, die nach der Geburt noch schlimmer wurden. Keine Tabletten, kein Arzt konnte ihr helfen und irgendwann hatte sie uns alle so überdrüssig, dass sie beschloss, von dieser Welt zu verschwinden. Ich fand sie nach der Arbeit, schlafend im Bett. Kai, der mittlerweile fast ein Jahr alt war, schrie sich die Seele aus dem Leib. Ich nahm ihn hoch und schrie sie an, doch sie rührte sich nicht, als ich an ihr rüttelte, ahnte ich bereits Böses. Ich verständigte den Notruf und verkroch mich mit Kai ins Wohnzimmer. Kein halbe Stunde später bestätigte mir der Notarzt, was ich die ganze Zeit schon befürchtet hatte. Sie hatte uns allein gelassen. Ab dem Zeitpunkt gab es nur noch uns zwei …“ Sein Blick haftete irgendwo in der Ferne, gefangen in der Vergangenheit, die ihn nach Jahren immer noch fest im Griff hatte und nicht losließ. Langsam, um ihn nicht zu erschrecken, fuhr ich ihm mitfühlend über den Schenkel. Worte konnten, in diesem Augenblick, das Geschehene auch nicht rückgängig machen.
„Na ja …“, räusperte Struppi sich. „Vor 1,5 Jahren, als ich die Ausbildung beendet hatte, zogen wir beide in diese Wohnung. Während ich in der Arbeit bin, ist er in der KiTa und am Wochenende haben ihn ihre Eltern, mit denen ich mittlerweile ganz gut auskomme.“ Ohne mich anzusehen, griff er nach seinem Bier und trank einen Schluck. „Jetzt kennst du die ganze Geschichte. Auch wenn es nicht das Leben ist, was ich mir gewünscht hatte, würde ich Kai nicht mehr hergeben. Er ist und bleibt mein Sohn und ich liebe ihn.“ Bei seinen letzten Worten lag sein Blick musternd auf mir.
„Okay …“, brachte ich hervor und versuchte immer noch das Gesagte zu verarbeiten. So was hatte ich gewiss nicht erwartet, aber wer hätte das an meiner Stelle auch?
„Und jetzt?“ Immer noch war sein Blick fragend.
„Keine Ahnung ...“, antwortete ich ehrlich, weil ich nun ganz leicht überfordert war. Was wollte er wissen? Es gab keine Antworten. In mir herrschte das Chaos und mein Herz und Verstand übten sich in Anarchie.
„Möchtest du es noch einmal mit mir, oder besser gesagt mit uns beiden, versuchen? Jetzt, da du alles weißt? Vor allem von Kai weißt?“, hoffnungsvoll ruhten seine Augen auf meinem Gesicht. Versuchte, keine Regung zu verpassen. Meine Gedanken fuhren Karussell. So viele Fragen, so viele Antworten. Dazwischen das perfekte Chaos. War ich bereit für so eine feste Beziehung? War ich bereit für ein Kind? Wollte ich mir das antun? Abwechselnd schrien Herz und Verstand um die Wette ja und nein und brachten mich zur Verzweiflung. Was hatte ich mit meiner Zukunft vor? Mag sein, dass Struppi keine Wahl hatte, aber ich hatte sie. Ich konnte frei entscheiden, wie mein zukünftiges Leben verlief. Noch hatte ich die Wahl …
„Es tut mir leid …“ langsam erhob ich mich von dem Sofa und trat einen Schritt zurück. Unverzüglich folgte mir Struppi. „Tom …“, verzweifelt streckte er den Arm nach mir aus und ich wich zurück. In mir tobte ein Kampf, den ich nur verlieren konnte. Also trat ich erneut zurück, einen Schritt nach dem Anderen. Weg von Struppi, der mich, allein mit seinem Anblick in meinem Entschluss wanken ließ. Es tat weh, ihn so zu sehen. All seine Gefühle, seine Fassungslosigkeit standen ihm ins Gesicht geschrieben. Kurz schien er nicht zu wissen, wie er reagieren sollte, doch dann ging ein Ruck durch seinen Körper. Bis ich schauen konnte, überbrückte er die wenigen Schritte zwischen uns und packte mich an den Schultern.
„Nein …“, wild schüttelte er den Kopf. „So einfach kannst du nicht gehen!“ Verzweifelt versuchte ich seine Arme abzuschütteln, doch er ließ nicht los. Schürte das Feuer in meinem Innern, das mich haltlos verbrannte und in Stücke riss. Ich sah weg, versuchte dabei immer noch seinen Griff, der sich immer fester in meinen Schultern bohrte, zu lösen.
„Sieh mich an!“, zischte er mich an. „Sieh mich an und sag, dass du mich nicht liebst! Dann …“, seine Stimme stockte. „Dann … aber nur dann … lass ich dich gehen!“ Das konnte ich nicht … Das, was er von mir Verlangte, war unmöglich. Ich konnte nicht in diese Augen sehen und … ja lügen … Also tat ich das, was ich konnte. Ich sah ihn an und schüttelte den Kopf. Es war vorbei … ab und an reichte Liebe alleine einfach nicht aus … Zuerst weiteten sich seine Augen. Dieses Grünbraun, das ich so liebte und darin die tanzenden, goldenen Punkte, füllten sich mit einem glitzernden See, schnürten mir die Kehle zu und zerrissen mich innerlich. Ungläubig schüttelte auch er den Kopf, verstand mich nicht. „Nein …“ nur gehaucht und ein Wunder, dass ich es bei meinem laut pochendem Herzen überhaupt vernahm. Schien es doch mich und den Raum auszufüllen. Zu erdrücken und zu ersticken. Ruckartig lösten sich seine Finger aus meinen Schultern, nur um im nächsten Augenblick meinen Nacken zu erobern und mich an sich zu ziehen. Ich hatte nicht die leiseste Chance zu reagieren, denn da pressten seine Lippen sich auch schon auf die meinen. Mein Herz setzte aus und blieb einfach stehen. Das Chaos hörte auf, nichts mehr schien zu existieren, außer seinen warmen Lippen auf den Meinen.

Mein Körper reagierte auf ihn, erwiderte seinen Kuss, auch wenn ich eigentlich gar nicht wollte. Es besser war, nicht zu wollen … Mein Herz reagierte auf ihn, schlug nun weiter hart und schnell in meiner Brust, nur wegen ihm … Und doch regte sich mein Verstand. Sagte mir ganz deutlich, dass dies nicht meine Zukunft war, nicht mein Leben. Nicht was ich wollte …
Wie in Trance löste ich den Kuss, griff nach seinen Händen und löste sie aus meinem Nacken. Und Struppi verstand, war ja nicht dumm. Taumelnd trat er einen Schritt nach hinten und noch einen, solange, bis er an die Lehne des Sofas stieß und sich darauf nieder sacken ließ. Ich, ebenfalls wie in Trance, sah ihm nach, konnte mich nicht vom Fleck rühren. Irgendwie schien die Zeit nicht recht voranrücken zu wollen. Amüsierte sich nur zu köstlich an unserem Leid und genoss jede sich dehnende Sekunde.
Ein Knarzen ließ uns beide zusammen zucken. „Papa …“ erklang da auch schon die weinerliche Stimme von Kai und ließ die Zeit wieder Zeit sein und verfliegen. Struppi drehte sich seinem Sohn zu und ich nutzte die Gelegenheit zu flüchten und endgültig aus seinem Leben zu verschwinden.

***

Ende
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