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Des Rätsels Lösung

von Ririchiyo
GeschichteFamilie / P12
Elijah Kamski Gavin Reed RK900
30.04.2020
31.08.2020
15
17.807
4
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Dieses Kapitel
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30.04.2020 2.152
 
Ein Beitrag zu dem Wettbewerb „Die Suche nach der Lösung“ von Mufterling.



Rätsel 1


Gavin seufzt und greift nach seiner Kaffeetasse. Doch als er sie zum Mund führt, um zu trinken, ist sie leer. Schon wieder?! Er hat doch gerade eben erst Kaffee gekocht! Kann dieser Tag eigentlich noch schlimmer werden? Nicht nur, dass er jetzt schon den siebten Tag diese Woche Überstunden macht, weil Connor und Hank zu blöd sind, ihre Fälle alleine zu klären — ehrlich, die sind zuständig für Androiden-Fälle, nicht er, er hat Besseres zu tun, selbst wenn sein Partner auch ein Androide ist —, jetzt hat er auch noch Nachtschicht und darf Papierkram durchgehen. Könnte sein Alltag langweiliger sein?
     „Hey, Blechbüchse, waru-“ Er bricht ab, als er den Kopf in Richtung von Nines‘ Tisch dreht und sieht, dass der Androide gar nicht da ist. So viel dazu, dass sie diesen ganzen Papierkram gemeinsam erledigen würden. Wo ist der Typ denn jetzt schon wieder? Wenn irgendwer hier allein den Papierkram machen könnte, dann ja wohl Nines, immerhin braucht der nicht mal richtig Schlaf!
     Er verzieht das Gesicht und erhebt sich schließlich. Soll der Papierkram doch sehen, wo er bleibt. Ohne neuen Kaffee rührt er keinen Finger mehr! Wenn Nines der Meinung ist, verschwinden zu können, dann hat er sich die Pause erst recht verdient!
     An der Kaffeekanne angekommen, ist diese natürlich leer. Was hat er auch anderes erwartet? Kann in diesem Revier denn niemand jemals Kaffee so kochen, dass immer welcher da ist?!
     Er lehnt sich gegen die Arbeitsfläche, während die Kaffeemaschine ihre Arbeit macht, und schließt für einen Moment die Augen. Diese verdammte Woche soll endlich enden. Oder besser noch: der Monat. Ob sein Papierkram sich auflöst, wenn er einfach nicht zurückgeht? Schön wäre es auf jeden Fall. Aber so, wie er das einschätzt, wird es wohl nur mehr werden. So, wie es immer mehr Arbeit wird, wenn man sie liegen lässt.
     Neben ihm verkündet die Kaffeemaschine leise, dass sie jetzt fertig ist. Er denkt ehrlich darüber nach, einfach nicht die Augen zu öffnen. Vielleicht kann er sich einfach hier an den Tisch setzen, oder seinetwegen auch auf den Boden, und erst mal eine Runde schlafen. Und niemand wird mitbekommen, dass … aber ja, wem macht er eigentlich etwas vor? Vermutlich wäre das dann genau der Moment, in dem Nines auf magische Art und Weise wieder auftauchen würde und ihn über sein Verhalten belehrt. Darauf hat er nun wirklich keine Lust.
     Laut seufzt er und macht sich dann daran, frischen Kaffee in seine Tasse zu füllen. Der erste Schluck hilft nicht wirklich dabei, ihn wacher zu machen, aber was nicht ist, kann ja noch werden. Hoffentlich.
     Er schleppt sich zurück zu seinem Tisch, stellt seine Tasse wieder an ihren Platz und wendet sich erneut den ganzen Akten und seinem Rechner zu. Natürlich ist der Papierkram nicht weniger geworden. Im Gegenteil, wie er feststellt, als er ein kleines rotes Symbol am unteren Rand des Computer-Bildschirms sieht, das ihm eine neue Nachricht anzeigt. Noch mehr Zeug, das er bearbeiten soll? Gibt es denn niemand anderen hier, der auch irgendwas machen kann? Abgesehen von Nines natürlich, der ja eigentlich auch hier sein sollte. Wo ist der eigentlich? Warum ist der verdammte Roboter nicht längst zurück?! Wofür braucht er überhaupt eine Pause?
     Aber er hat wohl kaum die Möglichkeit, einfach nichts zu machen. Oder auf jeden Fall würde es ihm nicht helfen.
     Mit einem lauten Seufzen gibt er sich geschlagen und öffnet die Nachricht.
     Huh? Was ist das denn? Das ist bestimmt keine neue Information für irgendetwas. Es ist nicht einmal wirklich was, dass er irgendwo einsortieren oder abheften könnte. Was ist das? Und der Absender sagt ihm auch nichts. Es ist keine Mail aus dem Revier. Merkwürdig.
     Er sieht sich wieder um. Nines ist noch immer nirgendwo zu sehen. Er sieht nur Wilson am anderen Ende des Raumes, wo der in Ruhe seiner eigenen Arbeit nachgeht. Super. Aber gut, dann muss er die Mail eben einfach so öffnen. Und wehe, Nines hält ihm später Vorträge darüber, dass man nicht einfach so irgendwelche unbekannten Mails öffnen sollte! Wenn Nines hier wäre, könnte er ihn ja aufhalten oder die Mail wenigstens kurz untersuchen, also ist er selbst schuld!
     Wobei Gavin durchaus zugibt, dass er bei dem Betreff kurz zögert. ‚Ein kleines Spiel?‘ Was soll das denn heißen? Möchte sich jemand mit der Polizei anlegen? Irgendeine Herausforderung? Einer dieser Wahnsinnigen, die immer glauben, dass sie jedem einen Schritt voraus sind und das beweisen wollen? Was wohl ein weiterer Grund wäre, die Mail schnell zu öffnen, um Katastrophen zu verhindern. Er hofft wirklich, dass es das nicht ist. Die Energie hat er nicht. Aber wirklich sicher kann er erst sein, wenn die Mail endlich geöffnet ist. Also tut er genau das, auch trotz des schlechten Gefühls, und hofft einfach … wow. Okay. Was genau hat wer auch immer sich eigentlich dabei gedacht?! Soll das ein Witz sein?
     ‚Jedes Feld eines 5×5-Schachbrettes ist mit einem Springer besetzt. Alle 25 Springer sollen gleichzeitig einen für sie erlaubten Spielzug machen, sodass anschließend auf jedem Feld wieder eine Figur steht. Wie viele Möglichkeiten gibt es dafür?‘
     Was ist das überhaupt? Also auf jeden Fall sieht so keine übliche Nachricht von irgendeinem Psychopathen oder sowas in der Art aus. Das klingt weder nach einer Warnung noch nach einer Drohung noch … nach irgendwas anderem eben, mit dem er etwas anfangen könnte. Warum bekommt er so eine Mail? Was soll er damit? Für so einen Schwachsinn hat er jetzt wirklich keine Zeit. Er hat doch auch so schon genug damit zu tun, das ganze Zeug unter Kontrolle zu bekommen, das sich bei ihm angesammelt hat, und jetzt schickt ihm irgendwer noch Rätsel? Er kann sich nicht mit allem beschäftigen! Und dann ist es nicht mal ein wirklich interessantes Rätsel! Ehrlich, warum—
     „Ist alles okay bei Ihnen, Detective?“ Ah, natürlich, jetzt taucht Nines wieder auf und setzt sich an seinen Tisch. Warum auch nicht?
     „Wo warst du?“ Er versteht, warum er manchmal Pausen braucht oder er Kaffee mehr mag als Papierkram, aber welchen Grund hat Nines, sich vor der Arbeit zu drücken? Der ist doch normalerweise begeistert, wenn er sich nützlich machen kann, oder nicht?
     „Ich hatte etwas mit Connor zu besprechen.“ Natürlich. Was auch sonst? Um diese Uhrzeit? Wirklich? „Ist etwas vorgefallen, während ich weg war?“ Der Androide neigt den Kopf zur Seite.
     Gavin verdreht die Augen. „Nein.“ Was soll auch vorgefallen sein? Es ist mitten in der Nacht und er bringt nur die Akten auf den neusten Stand! „Nur eine komische Mail, mehr nicht.“
     Das LED an Nines‘ Stirn wechselt für einen kurzen Augenblick die Farbe. Warum ist er das Ding eigentlich immer noch nicht losgeworden? Inzwischen ist er dazu übergegangen, normale Kleidung zu tragen, nicht mehr diese komische Cyberlife-Uniform, aber das LED ist noch immer da. Connor hat seins auch noch. Es ist irgendwie merkwürdig, es immer noch vor sich zu haben, wo Nines abgesehen davon auf ein immer menschlicheres Auftreten zurückgreift, aber andererseits ist Gavin auch ganz glücklich darüber. Und das nicht nur, weil es meistens die einzige Sache ist, die ihm hilft, den Roboter etwas besser einschätzen zu können. Jetzt gerade hilft es rein gar nichts. Gavin hat keine Ahnung, was genau Nines da—
     „Keine.“ Nines blinzelt und das LED wird wieder blau.
     „Bitte?“ Wovon spricht er da? Was keine? Warum— Moment! „Hast du gerade meine Mails gelesen?“ Ist daher das Leuchten gekommen? Weil er sich in Gavins Mailkonto gehackt und dort herumgestöbert hat? Echt?
     „Sie hatten darauf hingewiesen, dass Ihnen eine merkwürdige Mail—“
     „Ja!“, unterbricht Gavin seinen Partner. „Aber das heißt nicht, dass du anfangen kannst, meine Mails zu durchsuchen! Schon mal was von Privatsphäre gehört?!“ Also echt!
     „Ich dachte nur, Sie hätten vielleicht gerne die Antwort zu Ihrem Rätsel.“
     Oh bitte. Als ob das die Sache jetzt besser machen würde, selbst wenn es so wäre. Was es nicht ist. „Ich kenne die Antwort zum Rätsel.“ Immerhin ist es offensichtlich, dass es keine Möglichkeiten dafür gibt! 25 Felder heißt je 13 schwarze und 12 weiße Felder, oder andersherum, und ein Springer muss nach seinem Zug immer auf der anderen Farbe langen. Für die dreizehnte schwarze Figur gibt es entsprechend kein Feld, also ist es unmöglich, die Figuren so zu ziehen, ist wirklich nicht so schwer, aber darum geht es ja auch überhaupt nicht!
     „Warum haben Sie sich dann über die Mail beschwert?“
     Oh Gott. Für einen Androiden ist Nines manchmal wirklich zu dumm. „Ich habe mich nicht beschwert, sondern dich lediglich auf die Mail hingewiesen, weil du gefragt hast.“ So schwer ist das doch wirklich nicht! „Und die Mail ist nicht wegen des Rätsels komisch“, wobei, doch, deshalb eventuell auch, es scheint ihm nur nicht das größte Problem daran zu sein, „sondern, weil ich nicht weiß, wer sie geschrieben hat.“ Wenn er wüsste, von wem die Mail käme, dann wäre es sicher um einiges leichter, das Ganze richtig einzuordnen …
     „Nun, in diesem Falle kann ich Ihnen eventuell dennoch behilflich sein.“ Nines scheint sogar sowas Ähnliches wie zu lächeln. Irgendwie. Was er noch nicht sehr lange tut, und es ist immer noch merkwürdig, es bei Nines zu sehen. Dann beginnt dessen LED wieder gelb zu leuchten. Gavin verdreht die Augen. Was genau hat er eigentlich vor? Als würde Nines wirklich so schnell … aber vielleicht passiert wirklich genau das.
     Nines blinzelt wieder. „Ich fürchte, ich bin nicht in der Lage, genau herauszufinden, woher die Mail kommt oder wer sie geschickt hat, aber ich konnte zurückverfolgen, dass sie über Cyberlife nach hier weitergeleitet worden ist, also—“ Der Androide bricht ab, sobald Gavin laut seufzt.
     „Also ist es ziemlich sicher anzunehmen, dass die Nachricht von Kamski kommt“, beendet er den Satz selbst. „Schon klar.“ Wer sollte ihm auch sonst so dämliche Rätsel schicken, wenn nicht sein Bruder. Dem er mehr oder weniger zugesagt hat, ihn wieder zu sehen, und sich dann nie wieder bei ihm gemeldet hat. Was eventuell erklärt, warum er sich jetzt von alleine meldet. Was wiederum nichts damit zu tun hat, dass Gavin nichts mit ihm zu tun haben möchte. Warum kann das alles nicht einfach vorbei sein?
     Er wendet sich wieder seinem Computer zu und schließt das Mailprogramm. Darauf antwortet er jetzt bestimmt nicht. Vielleicht morgen. Oder nächste Woche. Oder vielleicht auch nie, was sich gerade wirklich sehr verlockend anhört.
     „Haben Sie sich wieder mit ihm gestritten?“, wird er von Nines gefragt.
     Er schnaubt. „Nein.“ Als ob sie sich wirklich je hätten streiten müssen, um nicht miteinander klar zu kommen. „Und selbst wenn, wüsste ich nicht, was es dich angehen sollte.“ Er schüttelt den Kopf und wendet sich wieder einer der zahlreichen Akten zu, die noch immer darauf warten, dass sie vervollständigt werden. Wie soll er das denn jemals schaffen? Er greift nach seiner Kaffeetasse und nimmt einen großen Schluck. Trotzdem fühlt er sich auch weiterhin nicht viel wacher. Vermutlich braucht er wirklich einfach endlich mal wieder richtigen Schlaf. Den er bestimmt nicht bekommt, wenn das so weiter geht.
     Er sieht zu Nines hinüber, der ihn noch immer aufmerksam ansieht. Wofür jetzt wirklich nicht die richtige Zeit ist. „Wie wäre es, wenn du auch mal hilfst?“ Immerhin hat er sich doch jetzt lange genug gedrückt, oder nicht?
     Nines nicht nur einmal knapp. „Selbstverständlich.“ Er klingt erstaunlich gut gelaunt. Wie kommt es, dass er auch bei so viel Chaos noch Spaß daran hatte? Oder es ihn immerhin nicht störte? „Möchten Sie mir vielleicht einige Ihrer Fälle überlassen, damit es schneller geht?“
     Zu jedem anderen Zeitpunkt hätte er Nines jetzt dafür verflucht, dass dieser offenbar der Meinung ist, die Arbeit schneller machen zu können — Warum sonst will er noch mehr Fälle als ohnehin schon übernehmen? — und sich entsprechend alleine aus Protest schon geweigert, die Hilfe anzunehmen, aber nach so vielen Tagen, die er nur gerade so mit dem Nötigsten an Schlaf überstanden hat, ist er eigentlich hauptsächlich dankbar für die Unterstützung. Er will endlich ins Bett!
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