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Cahallin

von Valravn
GeschichteAbenteuer, Drama / P18
OC (Own Character)
29.04.2020
30.04.2020
17
74.631
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29.04.2020 4.552
 
Die Ruhe in den Höhlen weit unter dem Tempel der Lloth war einnehmend. Es war so leise, jedoch war es auch keine komplette Stille, die hier vorherrschte, sondern ein stetiges, kaum vernehmbares Gähnen der lauen Zugluft, die durch die Gänge nach oben strömte; gepaart mit dem hier und da leisen Tropfen der feuchten Wände, an dem der Schimmel dick wuchs. Manchmal war da das hohe Zirpen von Fledermäusen und das Flattern ihrer ledrigen Flügel. Und dann noch das Klacken von Spinnenbeinen auf dem harten Steinboden: Tack, tack, tack. Die besagten Insektoiden hausten hier und Illiam'shalee war eine von ihnen. In gewissem Maße jedenfalls, denn obwohl sie im Grunde keine war, fühlte sie sich den Riesenspinnen im Höhlenlabyrinth unter der Stadt verbunden. Sie war deren Schutzpatronin, eine Hüterin des Baus. Vor nunmehr siebzig Jahren hatte man die damals noch so junge Ilythiiri - die ‘Drow’, wie man sie an der Oberfläche genannt hätte -, hier herunter geschickt. Vielleicht hatten andere ja die Augen gerollt über sie, denn seit jeher hatte sie unter all den Novizinnen als die Schwächste gegolten und war dafür von Anfang an in den niederen Dienst im Lazarett abgestellt worden. Natürlich hatte es Illiam'shalee nie zugegeben, damals. Aber ja, sie war dumm gewesen. Schwach. Leichtsinnig sogar. Und obwohl sie sich gegen all den Hohn, die abwertenden Blicke und körperlichen Angriffe ihrer älteren Komparsinnen gewehrt hatte, wie ein wildes Tier, war sie ihnen stets unterlegen gewesen; allein gegen acht andere. Die anderen Frauen überlebt und ihren heutigen Posten bekommen hatte sie nur, weil man sie in die Spinnenhöhlen geschickt hatte. Der Befehl dafür war direkt von der Priesterin gekommen, der sie persönlich unterstellt gewesen war: Rauva. Dieses gewalttätige Biest hatte nur höhnisch gegrinst, als es seinem Mündel befohlen hatte in die Tunnel unter dem Göttinnenhaus zu gehen; Über Illiam'shalee, das kleine, dämliche Mädchen, das verletzte Fledermäuse insgeheim mit nach Hause genommen hatte, anstatt sie elend verrecken zu lassen. Den Tieren hatte sie sich nämlich immer näher gefühlt, als allen anderen, und daher war sie ohne zu viel Furcht in die tiefen Wege unter dem Tempel gegangen, in dem seit jeher riesige Spinnen für Rituale, die Fortbewegung oder den Kampf gezüchtet wurden. Erhobenen Hauptes hatte sie das getan, um nicht als verweichlicht zu gelten und ihre gespielte Arroganz dafür zu gebrauchen sich als privilegiert darzustellen. Als ‘auserkoren für eine wichtige Berufung’ und nicht als jemand, den man in den Keller verbannte. Shalee hatte es jedoch gehasst. Sie hatte sich irgendwo gefürchtet, tief in sich drin. Doch sie hatte all dies hinuntergeschluckt und den Kopf gezwungenermaßen oben gehalten. Und dies zuletzt nicht vergebens, denn Lloth hatte sie für ihren harten Einsatz gesegnet. Eine Vision hatte die Spinnengöttin Illiam’shalee gesandt, einen Traum. Und dass er von der Göttin selbst kam, dessen war sich die Hüterin sicher. Er hatte zu Anfang so grausig gewirkt: Da waren kleine, giftige Getiere gewesen. Sie hatten Shalee überrannt, die es nicht geschafft hatte vom Grund aufzustehen. Erst war sie wie paralysiert gewesen, mit dem Mund voller Käfer und einem Herzen, das so heftig gepocht hatte, dass sie geglaubt hatte, es springe ihr noch aus der zu engen Brust hervor. Geschrien hatte sie in blanker Panik, um sich geschlagen, sich gewunden.
Kalter Schweiß, drückende Luft, Atemnot, Geraschel. Die krabbelnden, huschenden Spinnen, Skorpione und Hundertfüßer waren überall gewesen. Über der Ilythiiri, unter ihr, zuletzt gar in ihr.
Doch sie hatten ihr nichts getan. Ja, sie hatten Shalee in ihren Traumbildern kein Leid zugefügt. Und sie hatte dies als großes Zeichen angesehen, nachdem sie schweißgebadet aus der Trance hochgeschreckt war. Manch ein Außenstehender hätte sie damals womöglich als wahnsinnig bezeichnet. Aber war sie das denn geworden, in der Erde tief unter dem Tempel? Nein. Nein, ganz sicher nicht. In der Stille der Höhlen und im Eins mit sich und ihren achtbeinigen Schutzbefohlenen, war die Ilythiiri nur stärker geworden. Viel, viel stärker. Hatte sie Magietheorien früher nicht immer auf Anhieb verstanden und war deswegen einmal beinahe haushoch aus dem Tempel geworfen worden, so wusste sie nun, wie man die unsichtbaren Energien lenkte. Ja, sie WUSSTE. Besonders nach ihrer Vision war sie versiert und dies so sehr, dass jeder, der durch das verzweigte Labyrinth kam, das stellenweise nach draußen führte, es bereute auf sie zu treffen. Denn wenn sie jagte, dann gnadenlos und abseits der Blicke der Priesterinnen. Dabei machte sie nicht einmal vor anderen Ilythiiri Halt, die es tollkühn wagten sich über die Kavernen unter Ched Nasad einschleichen zu wollen. Bloß vor denen, die offenkundig zum hiesigen Adel gehörten, ließ sie die Finger, um sich keinen bösen Besuch eines wichtigen Hauses einzuhandeln. Denn sie achtete die Gesellschaft ihrer Heimat, deren Regeln und Stände. Doch verirrte sich jemand zu ihr, der nicht von Bedeutung war, starb derjenige eines grausamen Todes und wurde zum Futter für die gepflegten Insektoiden der Höhle. Ausnahmslos. Und genau das sollte der, den die Augen der genannten Ilythiiri just festhielten, gleich erfahren…
Hätte sich Illiam'shalee soeben in ihrer gewöhnlichen Form befunden, hätte sie das Gesicht abschätzig verzogen, während sie den Mann weiter vorne beobachtete. Die Arme locker vor der Brust verschränkt und mit den rubinfarbenen Augen gerollt hätte sie. Doch das tat sie nicht. Denn sie war vor ihrer heutigen Pirsch schon zu einer großen Spinne geworden, weil dieser Körper hier unten so viel praktischer war. In dieser Sekunde hielt sie sich noch weit im Schatten und fern des fahlen, bläulichen Lichtes der lumineszierenden Pilzarten, die hier unten wucherten. In einer breiten Nische im Gestein lauerte sie und ihre drei Augenpaare, die im Finstern gut sahen, hingen auf dem Tor, der es gewagt hatte in den breiten Gang nahe des Spinnenbaus zu stolpern. Von weit draußen musste er gekommen sein, aus der Wildnis vor der Stadt. Und womöglich hatte er in den Tempel gelangen wollen - weswegen auch immer. Er war ein unscheinbarer Ilythiiri in einem alten Mantel und abgetragenen Stiefeln, mit Schwert, Rucksack und in praktischer Kleidung, die ihn als Höhlenläufer beschrieb. Als er lautlos um die Ecke gebogen war, hatte er sich harmlos in vereinzelten Spinnweben verheddert, die er sich gerade entnervt brummend vom Arm schüttelte. Mit spitzen Fingern zupfte er sich die klebrigen Netze vom Ärmel und sah sich dabei mit übler Vorahnung im Blick über die Schulter um. Eine lange, helle Strähne fiel ihm dabei ins Sichtfeld, doch das war im Moment sein kleinstes Problem. Sein größtes, das schnappte im nächsten Moment nämlich schon zu: Blitzschnell kam Shalee auf ihren acht Beinen vor und warf sich mit vollem Gewicht auf den viel kleineren Ilythiiri. Um Köpfe überragte die verwandelte Frau ihn, war weit breiter, schwerer und in ihrer momentanen Erscheinung auch stärker, als er. Der Krieger indes, gab einen überwältigten Laut von sich und stürzte rücklings. Er fluchte. Hart fiel er und sein Hinterkopf und Kreuz kamen wuchtig am grauen Stein auf. Der dumpfe Aufprall schien ihm sämtliche Luft aus den Lungen zu pressen, denn er rang heiser nach Atem und blinzelte überfordert. Begraben unter der langgliedrigen Riesenspinne auf sich, weitete er die roten Augen keuchend und verfiel mit einem Mal in arge Hektik. Er wollte einen Dolch ziehen, doch die auf ihm biss wie in Rage zu und riss ihm mit einem Mal eine tiefe Wunde in die Seite. Der Mann, dem die Waffe entglitt, konnte sich kaum versehen. Er war schwach. Er war langsam. Erbärmlich war er. Da waren Hautfetzen, Fleisch, der metallen-süßliche Geschmack nach Blut, zerrissener Stoff und kaputtes Leder. Der versehrte Ilythiiri schrie gequält auf und Illiam'shalee hätte gern überheblich aufgelacht. Denn, ach, was jaulte der Kerl denn so? Er sollte froh sein, dass sie, anders als ihre hiesige Gesellschaft, nicht giftig war. Die Gestaltwandlerin hob mit ihren großen Kieferzangen nur Wunden und schlug mit den massigen Spinnenbeinen zu. Die anderen jedoch, pumpten ihren Opfern beißendes Toxin ins Blut, das einem die Innereien bei lebendigem Leibe auflöste. Ja, der Ilythiiri am Boden sollte also nicht johlen, denn das hier war noch nicht das Schlimmste und Peinigendste, das ihm heute geschehen sollte. Er, das Futter, würde sterben und das unsagbar langsam, bevor man ihn austrinken würde. Und nicht nur seinen Körper würde man verspeisen, sondern auch seine Seele - für Lloth. Und Illiam'shalee würde mit Genugtuung dabei zusehen.

Es dauerte nicht lange, da warf Shalee die frische Beute in den Spinnenhort. Die Achtbeinigen kamen daraufhin von allen Seiten, um zu sehen, was ihre Hüterin ihnen heute vorbeigebracht hatte. Natürlich jagten sie auch selbst. Sie fingen sich Echsen, kleinere Insektoiden, Riesenfledermäuse oder Goblins. Doch Ilythiiri und ähnliche, intelligentere Wesen, gab es selten. Schlussendlich wagten es wenige von ihnen sich hier durchzuschleichen. Die Spinnen hatten also Glück. Und während das Futter in gerade diesem Augenblick wieder aus seiner Ohnmacht erwachte, trat Illiam'shalee unbeteiligt vor ihm zurück. Ihr Werk war getan. Sie würde gleich nurmehr in aller Ruhe dabei zusehen, wie der Mann am Boden starb, und sich an dem Anblick ergötzen. Ob sie es mochte andere leiden zu sehen? Manchmal. Ab und an belächelte sie solche Situationen. Und dann, wenn sie ihre Dominanz dabei zum Ausdruck bringen konnte, mochte sie es sogar sehr.
Die Gestaltwandlerin duckte sich fort und so, wie sie das tat, verzerrte sich ihr monströses Äußeres. Es verschwamm, schrumpfte, wurde schemenhaft, schmaler. Und als sich die erste, echte Riesenspinne wenige Atemzüge später über den verwirrt seufzenden Ilythiiri-Krieger am Grund beugte, hatte die Frau nur noch zwei Beine, zwei Arme, zwei Augen. Silberweißes Haar fiel ihr über die nackten, schwarzen Schultern hinab und sie atmete einmal tief durch, als sie die Restmagie abschüttelte. Es war anstrengend gewesen die Spinnengestalt so viele Stunden lange aufrecht zu erhalten. Den Mundwinkel verzog die Frau genervt, als sie sich etwas verbliebene Spinnenhaut vom Oberarm kratzte und sich dabei nach den anderen Anwesenden umsah. Den Kopf wandte sie zum Geschehen im weitläufigen Gewölbe. Sie ließ den Blick abwartend auf ihre Beute und die fallen, denen sie eben jene überlassen hatte. Berechnend stierte sie und morbide Faszination erfüllte ihren Ausdruck. Der schwer verletzte Mann schrie abermals in haltloser Überforderung. Er war zwar erwacht, doch kraftlos geworden, denn er hatte viel Blut verloren. Dennoch rang er mit sich und dem hungrigen Insekt über sich. Die Spinne hob mit den Kieferzangen zu und er rollte sich zur Seite, um dem todbringenden Biss zu entkommen. Drei weitere Achtbeinige scharten sich um ihn und waren ganz aufgeregt. Der Weißhaarige kam auf die Knie und wollte eilig davonkrabbeln, haderte und knickte schmerzerfüllt ein. In seinem Überlebenskampf gab er sich keine Blöße. Selbst Ilythiiri zeigten ihre klammernde Angst, wenn sie wussten, dass sie sterben würden. Denn das Leben zu lassen war das Schrecklichste, das einem widerfahren konnte. Der gierige Tod war endlich. Und er nahm einem alles, was man besaß und hart erkämpft hatte: Hab und Gut, Stand, Ansehen, Macht. Einfach alles. Und Lloth belächelte das kühl. Genauso, wie Illiam'shalee in dieser Sekunde lächelte, denn die Seele ihres Opfers würde gleich der großen Spinnenkönigin gehören. Und für jene tat die Ilythiiri, die man die große Aufgabe hier unten zugesprochen hatte, alles, um sich die Gunst der Göttin - und damit Macht - zu verdienen. Ja, Macht. Denn irgendwann würde Shalee wieder nach oben gehen und dann… dann würde sie Rauva, die immer noch so abfällig über sie geschmunzelt hatte, töten. Diese Priesterin hatte die heutige Hüterin des Spinnenhortes viele Jahre lang begleitet. Unterrichtet und großgezogen hatte sie Illiam’shalee. Und? Sie würde es sich irgendwann wünschen dies niemals getan und nicht stets so höhnisch gegrinst zu haben.
Ein markerschütternder Schrei hallte durch das Gewölbe voller Spinnenester und leuchtender Pilze in Blau und Weiß. Da war ein kehliges, lautes Einatmen. Und dann war es still.
Da war sie wieder, die Ruhe, die nur begleitet wurde vom Gähnen der Zugluft und dem leisen Tropfen des Steins. Und es war wunderschön.

Shalee hatte sich in den letzten Jahrzehnten verändert. Sie war geduldiger geworden, vielleicht sogar weiser; vom Mädchen zur Frau. Das leicht naive Interesse, das sie oft zu unterdrücken versucht hatte, hatte sie jedoch nie losgelassen. Neugierig war sie schon immer gewesen. Leider. Und genau dieses Gefühl hatte sie in den vergangenen Stunden wachgehalten, befürchtete sie. An ihrem Platz im Hort, auf Fellen und Kissen - den sie ihrem Rückzugsort oben, im Tempel, in denen es vor Feindinnen wimmelte, vorzog - hatte sie keine Ruhe gefunden, denn ihr Kopf war demjenigen nachgehangen, den sie heute in den Gängen gefunden hatte. Der Ilythiiri in der schäbigen Kleidung war der erste seiner Art seit unzähligen Monaten gewesen, den Illiam'shalee erwischt hatte. Ein Spion vielleicht oder ein Meuchler. Vielleicht auch nur ein gedankenloser, verirrter Narr. Seit gut zwanzig Jahren hatte sie zudem nicht mehr wirklich mit jemandem gesprochen, der ihr nicht missgünstig war. Und obwohl sie es mittlerweile sehr mochte bei den Spinnen zu sein und in ihrer Aufgabe als Hüterin aufzugehen, so fehlte ihr schon lange etwas. ‘Echte’ Gesellschaft vielleicht. Nicht, dass ein dahergelaufener, unbedeutender Mann tatsächlich jemanden darstellte, mit dem man gerne Zeit verbrachte… aber so primitiv diese Leute auch waren, so besaßen sie doch ein wenig von dem Verständnis, das den Shalee friedlich gesinnten Arachniden des Labyrinths fehlte. Ein stupider Höhlenwanderer war besser, als nichts, nicht wahr? Und diese Annahme war Illiam'shalee in den letzten Stunden stetig durch den schmerzenden Kopf gehuscht. Sie hatte sich gefragt, ob sie den fremden Ilythiiri nicht lieber hätte ansprechen sollen, bevor sie ihn halbtot gebissen hatte. Ja, sie hätte sich vielleicht mit ihm unterhalten können; ihn verächtlich-amüsiert fragen, was er hier suchte und ihn dann erpressen. Ein erschreckend erfrischender Gedanke, der die ehemalige Novizin tatsächlich dazu gebracht hatte sich zu fragen, ob sie einsam sei und das sehr lange schon. Doch schnell hatte sie diese dumme, wehleidige Frage wieder beiseite geschoben und war stattdessen zum Entschluss gekommen, dass es eventuell einfach von Nutzen sein könnte einen Sklaven zu haben, der Lästiges für einen erledigte. Und zwar genau den potentiellen Laufburschen, der seinen letzten Atemzug vor Stunden schon getan hatte. Dass er verreckt war? Egal. Shalee war fähig. Und an einen anderen Diener käme sie nebenher nicht ganz so schnell.
Die ruhelose Frau schritt im schwachen Schein der kleinen Höhlenpilze also über den glatten Grund, der stellenweiße großzügig von Spinnennetzen überzogen war. Jene liefen weit aus, krochen manchmal am Boden entlang und bis hin zu den Nestern voller Eier, die stets von aufmerksamen Insektoiden bewacht wurden. Hinter ihnen, da ging es bald steil bergab und aus der Grotte tief unten konnte man das Wasser plätschern hören. Auf bloßen Füßen ging die Ilythiiri voran - begleitet von kleinen Insekten, die sich zu gern um sie scharten - und zog sich dabei den knappen Überwurf enger um die schmalen Schultern. Anders, als kurz nach ihrer Rückverwandlung früher, war sie nicht länger nackt. Ein dünnes, schlichtes Kleid in Schwarz hüllte ihren Körper ein und ein kurzer Mantel aus gefüttertem Leder hielt die lästige Zugluft fern. Die hellen, langen Haare standen der Frau offen; so, wie immer, wenn Illiam'shalee im Begriff war es sich gemütlich zu machen. Doch inmitten ihrer treuen Tiere friedlich in die Trance fallen oder beten, das konnte sie heute nicht. Sie hatte im Moment ganz anderes vor. Und so wandelte sie durch das klamme Gewölbe, in dessen Schatten dutzende Augenpaare reflektierten.
Tack, tack, tack, lange Spinnenbeine am Grund. Und daneben die Füße der Ilythiiri, die respektvoll darauf achtete die übrigen, viel kleineren, krabbelnden Kavernenbewohner nicht zu zertreten. Irgendwo tropfte das Gestein und die feuchte Luft roch nach Moder. Eine Spinne, vielleicht kniehoch, huschte vorbei und nahm dabei kaum Notiz von der Frau, die schon lange hier lebte und beizeiten selbst zum Rieseninsekt wurde. Illiam'shalee hatte hier unten, im Loch, das Recht alles zu tun, denn nicht nur sie selbst sah sich als Verbündete der Achtbeinigen an. Auch eben jene hatten sie längst anerkannt. Und demnach kam sie bald selbstbewusst vor den mannshohen Kokon, in dem sie die Leiche des dummen Mannes wusste, den sie heute eingefangen hatte. Sie zögerte ein paar Herzschläge lange, doch dann zog sie ihren Dolch, den sie stets bei sich trug, wenn sie keine zermalmenden Kieferzangen besaß. Nahezu gezielt setzte die Frau die Waffe an, die etwa eine Unterarmlänge maß, und drückte sie mit dem spitzen Ort voran in die faserige Kokonhülle aus Spinnenseide. Kleine Fliegen surrten aufgeregt. Shalee versenkte die Klinge, bis sie einen Atemzug lange keinen Widerstand mehr spürte und dann, endlich, auf harte Knochen stieß. Zufrieden lächelte sie. Und dann hebelte sie den scharf geschliffenen Dolch beherzt nach unten, um den Kokon vor sich aufzuschneiden. Sicherlich verletzte sie dabei auch den Körper darin, doch das war nicht von Belang. Denn jener war so und so schon vernichtet; aufgerissen, vergiftet, tot.
Illiam'shalee ließ ihre schöne Klinge sinken, nachdem sie jene wieder an sich gezogen hatte. Sie wischte sich den Dolch am Rock ab, ehe sie ihn zurück in die dazu passende Gürtelscheide aus schwarzem Leder steckte. Und dann fasste sie mit beiden Händen vor, um in den länglichen Spinnenkokon zu greifen. Ihre Finger tauchten tief in die kalte Feuchte und berührten etwas, das sich nach einer Schulter anfühlte. Daran hinunter glitten sie, erfassten einen kalten, starren Arm und zogen barsch daran. Der schale Gestank nach süßlicher Verwesung schlug der Langhaarigen derweil entgegen und zwang sie dazu die Luft anzuhalten. Die Lippen zusammenpressend, ruckte die Ilythiiri an dem miefenden Leib, einmal, zweimal. Und dann zerrte sie ihn mit aller Kraft aus dem gräulichen Seidenbehältnis vor sich. Es war verquer. Schleimige Fäden ziehendes Sekret schmatzte leise, als die Frau den halb ausgezehrten Toten aus dem großen Kokon zog und ihn darauf einfach achtlos zu Boden fallen ließ. Es platschte. Aus aufgerissenen, leeren Augen starrte er, als er dann mit halb aufgeschlitzter Brust dalag, und entnervt erwiderte Illiam'shalee diesen abwesenden Blick. Schockiert war sie keineswegs, denn sie hatte in ihrem Leben schon Schlimmeres gesehen, als von Spinnen malträtierte Leichen, denen die Zungen aus den aufgeklappten Mündern schwollen. Viel, viel Schlimmeres. Vielmehr störte sie der stechende Geruch nach altem Tod, der nun dick in der kühlen Luft hier unten lag und jene nahezu unerträglich machte.
“Ekelhaft…”, wisperte die Frau leise zischend und überlegte naserümpfend. Dann fischte sie schon nach einem Fuß des Toten, um eben jenen folglich daran hinter sich her zu schleifen.
Ja, die anwesende Ilythiiri hatte etwas vor. Womöglich war sie dabei seit langem sogar einmal wieder leichtfertig, übermütig, und begab sich Lloth gegenüber auf sehr, sehr dünnes Eis, doch… das hier ließ sie einfach nicht los. Unter den aufmerksamen Augen der Riesenspinnen ringsum, zerrte Shalee den Toten dem Platz entgegen, der der ihre war: Wenn die Ilythiiri hier ruhte, tat sie das leicht zurückgezogen in einer einfachen, leicht erhöhten Nische im großen Gewölbe, die Schutz vor der von ihr so sehr gehassten Zugluft bot. Davor erstreckte sich viel Steingrund, den die hier ebenso hausenden Insektoiden freigelassen hatten von Netzen, Nestern und den Knochen ihrer Beutetiere. Das Plätzchen hier gehörte nur der Hüterin. Und leise ächzend brachte sie die Leiche des Höhlenläufers jetzt her. Sie ließ ihn los und schob ihn mit dem Fuß noch einen halben Meter lieblos weiter. Erst dann ging sie vor ihm in die Hocke und betrachtete das hässliche Gesicht der ausgezehrten Leiche mit den hüftlangen, stumpfen Haaren. Ursprünglich schwarze Ilythiiri-Haut war gräulich geworden, volle Wangen zu eingefallenem Leder. Leblose Augen glotzten der finstren Höhlendecke entgegen, an der die Fledermäuse hingen, und die aus den Lippen hervorquellende Zunge war dunkel angelaufen. Angewidert verzog Shalee den Mund und ihre Aufmerksamkeit wanderte an dem Getöteten hinab; über vor Spinnensekret feuchten Stoff, der am nurmehr dürren Leib klebte und die verheerende Bisswunde an der rechten Seite des seelenlosen Ilythiiri, der penetrant nach Verwesung stank. Die Frau vor ihm fluchte leise in ihrer Muttersprache und schüttelte den Kopf, als betrachte sie jemanden, der gerade irgendetwas verdammt Dämliches anstellte. Dies galt ihr selbst. Dann erst atmete sie durch und straffte die Schultern. Schwer war der Mann hier verwundet worden; gebissen und angeschnitten von einem Dolch. Sein Inneres war verflüssigt, halb leergesaugt, und seine Leiche nurmehr ein Skelett, umspannt von fahler, schleimig glänzender Haut. Doch das machte nichts. Denn Illiam'shalee war nicht nur Gestaltwandlerin. Davor war sie Heilerin gewesen. Einst hatte sie diesen Umstand verflucht, denn anderweitige Formen der Magie waren so viel mächtiger, als die Kunst Wunden zu schließen. Nur heute, da käme es der Frau zugute, dass sie es beizeiten und mit viel Anstrengung gar schaffte Tote zurückzuholen.

Der Mann schrie, als man ihn wiedererweckte. Jetzt, wenige Momente, nachdem Shalee ihn einem Ritual gleich beschworen hatte, wand er sich am Grund wie eine sterbende Schlange. Und die besagte Ilythiiri wich abgekämpft einen Schritt vor ihm zurück, um abzuwarten. Ihre roten Augen hingen in der fahl erhellten Dunkelheit auf dem Kerl und ließen ihn nicht los, als sie wieder zu Atem kam. Und nicht nur sie starrte. Auch ihre achtbeinigen Gefährten taten das längst und klackerten nervös oder vorfreudig mit den Kieferzangen. Die Frau erhob eine blutverschmierte Hand einhalterbietend und sofort verstanden die klugen Arachniden. Sie würden sich im Hintergrund halten und bloß zusehen. Genauso, wie die Asseln, die sich einen warmen Platz in den Falten von Shalee’s Kleid gesucht hatten.
“Er gehört mir allein...”, flüsterte Illiam’shalee mit rauem Unterton und sie wusste, dass ihre Tiere verstanden. Keines von ihnen würde es wagen den Untoten anzufallen. Er gehörte jetzt hierher und war dazu verdammt auf ewig in dieser klammen Grotte zu verharren. Dankbar sollte er sein dafür, denn man hatte ihm neues Leben geschenkt, nicht wahr? Oh ja.
Stattdessen brüllte er sich die Kehle wund, als sterbe er ein zweites Mal und diesmal ohne vorher das Bewusstsein zu verlieren. Shalee schnaufte unschlüssig-belustigt und verschränkte die Arme vor der Brust. Viel mehr könnte sie gerade nicht tun. Der Mann warf sich zur Seite, krümmte sich und seine Finger wollten sich an den harten Steinboden krallen. Fingernägel splitterten und der gequälte Ilythiiri bekam Schnappatmung. Umgeben von Spinnen und der, die sich um jene kümmerte, kam er halb auf alle Viere, hustete und röchelte, sackte nieder und kam wieder hoch. Er spuckte dunkel aus, würgte und zitterte wie Espenlaub. Es war ein faszinierender Anblick, irgendwie. Bisher hatte Shalee nur Tiere zurück ins Leben geholt und die hatten nicht so viel geschrien und gezappelt, wie der Höhlenläufer. Es war ob dem spannend, wie sich das hier mit einem wiedererweckten Ilythiiri verhielt. Und Illiam’shalee fragte sich, ob er als Ghul genauso vergehen würde, wie die Fledermäuse, Eidechsen oder Olme, mit denen sie bis dato mühsam experimentiert hatte. Sie alle waren nach spätestens zwei, drei Wochen erneut in sich zusammengefallen und für immer leblos liegen geblieben. Weitere Versuche sie untot zu sprechen, hatten nicht funktioniert.

Es dauerte eine Weile, bis sich der Ilythiiri am feuchten Grund beruhigt hatte oder zumindest nicht mehr brüllte. Und Shalee hob die Brauen an dem Punkt, an dem er leise keuchend am Boden kniete und sich auf die fahrigen Hände starrte, an. Auch sie hatte wieder Kraft gefasst und ihre Hand, die sie sich für die vorige Beschwörung aufgeschlitzt hatte, blutete nicht mehr.
“Steh auf.”, wollte sie, doch der Ghul reagierte nicht. Ein entnervtes Seufzen ihrerseits folgte, ehe die Weißhaarige erneut zum Sprechen ansetzte.
“Steh auf… Cahallin.”, befahl sie harsch und gab ihrem Diener damit einen degradierenden Namen: Cahallin. Futter. Denn mehr war er nicht.
Shalee verzog den Mundwinkel unzufrieden und schnippte mit den Fingern, da hob der Untote plötzlich den Kopf. Er sah sich nach der um, die ihn zurückgeholt hatte, und seine Augen waren nicht länger leer. Seine Haut wirkte nach wie vor fahler als die gewöhnlicher Ilythiiri - gräulicher, und dies würde sich sicherlich nicht ändern. Doch abgesehen davon wirkte er wieder sehr lebendig. Sein Gesicht war voll und sein Ausdruck nahezu wild. Ungehalten, angriffslustig, rachsüchtig. Interessant. Und wäre in diesem Moment jeder andere alarmiert zurückgeschreckt, so beobachtete Shalee weiterhin ruhig. Denn hier, im Spinnenhort, war sie unantastbar.
Cahallin erhob sich langsam und sah sich zwischen seinen verirrten Strähnen, die ihm ins Gesicht hingen, schleppend um. Es war, als lauere er. Leicht gebeugt stand er zuletzt am Platz und sein schwerer Atem ging merkbar ungleichmäßig. Dann, ohne jegliches Vorzeichen, drehte er durch. Ein Ruck ging durch seinen Leib, an dem die Kleidung voller Spinnensekret klebte, und er ging wahllos auf das Rieseninsekt los, das ihm am nächsten war. Mit bloßen Händen und völlig furios attackierte er das schwarze Tier, wollte nach ihm packen, doch wurde sofort mit einem Hieb der schwarzen Spinnenbeine fortgeworfen. Er schrie wütend auf, als er am Boden landete und wirkte mit seinen strähnigen Haaren und seinen Gebärden wie dreckiges Vieh. Der zischende Arachnid von eben wollte sich auf ihn stürzen, doch Shalee schritt mit einem verstimmten Schnalzen der Zunge ein.
“Nein.”, machte sie mit erhobener Stimme und die Spinne zog sich sofort zurück. Und während die Achtbeinige dies tat, wurde Cahallin auf Illiam’shalee aufmerksam. Noch einmal kam er hoch und knurrte böse. Voller Hass war er, unkontrolliert, und setzte los, als sähe er die anwesende Ilythiiri als seine Beute an, die er reißen müsste. Rasend kam er auf sie zu und sie bewegte sich nicht vom Fleck. Denn Shalee hatte keine Angst vor ihrem neuen Sklaven.
Oh, bei Lloth. Das hier war lächerlich.
Shalee lächelte abschätzend und neigte den Kopf, ohne dabei zu merken, wie sehr sie Rauva dabei ähnelte. Ihr eindringlicher Blick ging tief. Er haschte nach dem wenigen Verstand des Ghuls. Und sofort ging der stöhnende Narr zu Boden. Er schrie ärgerlich, doch sein Körper war plötzlich wie gelähmt. Seine Herrin hatte hier die Oberhand. Der Mann gehörte nicht länger sich selbst und das würde er noch früh genug erfahren. Spüren würde er es, der Idiot.
Impulsiv schritt Illiam’shalee über das ‘Futter’, das kraftlos und grantig schnaubend am Steinboden lag. Sie bückte sich danach und erwischte die Kreatur mit der zerrissenen Seite am Kragen, um sie ein kleines Stück weit hochzuziehen und ihr stechend in die Augen zu stieren. Magie kribbelte ihr in den Fingerspitzen.
“Sei brav, Cahallin.”, flüsterte die Frau dem Hellhaarigen zu, als spräche sie mit einem stupiden Blag, und lächelte verschlagen. In ihrem Rücken kamen die Spinnen näher, um zu beobachten, und der gepackte Ghul biss die Kiefer so fest aufeinander, dass seine Zähne knirschten. Purer Wahnsinn lag in seinem Blick, das erkannte Shalee jetzt. Und sie fragte sich, ob er sie überhaupt verstand.
“Sei schön brav oder leide.”, sagte sie und in der finsteren Miene des Anderen war darauf keinerlei Regung zu sehen. Womöglich war er durch die Wiedererweckung einfältig geworden. Beschränkt und zornig. Ja, Reden brächte wohl nichts. Also würde die Ilythiiri ihrem frischen Spielzeug einfach zeigen, was es bedeutete ihr dumm zu kommen.
Sie verengte die roten Augen und ließ Cahallin los, ruckte ihn dabei zurück zu Boden, dass er sich den Schädel anschlug. Er wollte sich aggressiv brummend herumdrehen, doch konnte nicht, denn der Zauber seiner Gebieterin hielt ihn eisern fest. Er schnarrte Unverständliches, doch ganz offensichtlich im Protest. Was folgte war Schmerz; nicht durch körperliche Gewalt, sondern durch Magie. Denn Shalee war einmal eine Heilerin gewesen. Und weil sie dies gewesen war, wusste sie heute nur zu gut, wie sie Anderen unglaubliche Pein zufügen konnte. Cahallin würde sich fügen und lernen, so stupide er auch geworden war. Und er würde am Ende ALLES tun, was die selbstbewusste Frau der Spinnenkavernen ihm befehlen würde. Er könnte doch nicht anders, oder? Denn Cahallin, der dumme, stinkende Cahallin von Nirgendwo, gehörte nun Illiam’shalee. Ihr allein.
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