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Frühlingsblätterwind

GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P16 / Gen
Arwen Elladan Elrohir Gandalf Legolas OC (Own Character)
29.04.2020
24.02.2021
32
38.363
8
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29.04.2020 991
 
Ich hatte keine Chance gegen den Ideenreichtum des Schicksals.
„Guten Morgen“, grüßte der Busfahrer freundlich über das sanfte Zischen der Türen hinweg.
Ich stieg schweigend ein und gab ihm meine Schülerfahrkarte sowie ein unmotiviertes Nicken. Nein, es war kein guter Morgen und nicht einmal Gandalf hätte mich vom Gegenteil überzeugen können.
Besorgt beäugte mich der Fahrer. Auf dem Dorf kannte man sich; nicht mit Namen, sondern vom Sehen her. Das reichte. Aber er sagte nichts.
Vor der zweiten hinteren Tür bog ich schwungvoll um die Stange und ließ mich auf unseren üblichen Platz fallen. Meinen, meine ich. Nur meinen. Immer schön im Singular bleiben.
Der Bus fuhr an, als ich saß. Fern Winchester war unterwegs.
Unsere Straße zog sich schnurgerade den Hügel hinunter. Der Bus fuhr ihn auf jeder Runde hoch, drehte dort oben und kam auf dem Weg in die Stadt wieder zurück. Ich wohnte direkt hinter dem Wendepunkt und stieg deshalb als Erste ein.
Als der Fahrer beschleunigte und wir die leere Straße hinabsausten, erkannte ich bereits Talas gelbes Haus. Noch ein paar Meter, dann fiel dem Fahrer die Haltestelle ein und er bremste schwungvoll. Eine Gestalt in Jeansjacke stieg vorne ein und rechtzeitig sah ich weg.
Nein, sie war es nicht. Tala, meine beste Freundin. Ich hätte eine ganze Trilogie über unsere Freundschaft schreiben können, seit dem Kindergarten bis zur…nun ja, elften Klasse. Talas Jeansjackensammlung war immer weiter gewachsen. Ich kannte sie gar nicht mehr ohne. Und dieser Typ da vorne trug einfach auch eine. Das war nicht sehr freundlich meinem wild pochenden Herzen gegenüber!
Ich hielt meine Hände locker vor die Brust. Daumen und Zeigefinger berührten sich auf beiden Seiten und formten einen unsauberen Kreis. Nach einigen Sekunden atmete ich durch den Bauch ein. Die komplette Spannung floss von meinem Kopf, meinem Herzen und meinen unruhig tappenden Füßen in die Fingerspitzen.
Mit dem Ausatmen löste ich die Verbindung wieder. Davon flog die Spannung.
Jetzt atmete ich freier. Der Bus fuhr unbeeindruckt weiter durch die großzügig angelegten Dorfstraßen, bremste hier und da, um Fahrgäste aufzunehmen, und bog endlich auf die Schnellstraße ab.

Neunundzwanzig Minuten dauerte die Busfahrt. Tala und ich hatten in der siebten Klasse mal eine wissenschaftliche Untersuchung durchgeführt: Wir stoppten den ganzen April lang jeden Schulmorgen die Zeit. Am Ende kam ein Durchschnittswert von 29,08 Minuten raus.
Und wieder war es April. Ich verfolgte durch mein abgelegenes Fenster das Spiel der Blätter im Frühlingswind. Sie trugen bereits das tiefe, glänzende Grün der Hoffnung.
Jeden Morgen war Tala auf der anderen Straßenseite eingestiegen und mit dem Bus den Hügel hochgefahren. Wenn er meine Haltestelle erreichte, saß sie bereits auf unserem Platz und winkte mir zu.
Besagte Sitzreihe befand sich direkt hinter der Ziehharmonika. Sie wurde vorne durch eine Glaswand zum Schutz vor hustenden Fahrgästen und hinten durch eine zweite an der Tür abgegrenzt, sodass wir den Platz ganz für uns hatten. Gehabt hatten. Blödes Partizip.
Ich wusste genau, dass meine Gedanken zu häufig in die Vergangenheit äugten. Ich sollte mich auf die Oberstufe konzentrieren. Aber wie, wenn ständig am Rande meines Blickfeldes diese himmelblaue Umhängetasche mit den vielen bunten Pins stand und diese langen kastanienbraunen Haare, nur ein paar Töne dunkler als meine, umherwehten? Wenn der Schmerz jeden Morgen aufs Neue mit den Bustüren in meinem Herzen zischte?
– In Ordnung. Das war jetzt wirklich ein wenig zu dramatisch geraten.

Am Westbahnhof sprang ich aus dem Bus und streckte mich erst einmal. Französisch in der ersten Stunde. Und dank der Oberstufe gleich doppelt. Sacré bleu!
Dann fuhr mir auch noch die ideale Bahn vor der Nase weg. Sie nannten es Straßenbahn, ich nannte es unzuverlässiges Ärgernis. Vielen Dank, ÖPNV. Genervt überquerte ich die Schienen, wich einer flotten Rollstuhlfahrerin aus und setzte mich auf eine der Bänke.
Die Stadt sollte hier wirklich mal mehr Bäume pflanzen, ging es mir durch den Kopf, als ich mich umsah. In London hatten sie das ziemlich gut hinbekommen. Hier, in Kiefernwald, fehlten mir frische grüne Lebensquellen.
Und weil wir keine Großstadt waren, kam die nächste Bahn erst eine Viertelstunde später. Tja, auch dabei lag London vorne. In dieser Zeitspanne wären dort an einem Gleis fünf bis zehn Bahnen angekommen.
Die restliche Zeit vertrieb ich mir mit Französischvokabeln (quelle poubelle!) und Überlegen, was ich im Seminarfach morgen anbieten konnte. Wir sollten einen konkreten Plan für die kommenden Jahre erstellen. Schule, Freizeit, Persönlichkeit. Was wollten wir entwickeln? Wo lagen unsere Schwerpunkte?
„Leben wäre ganz cool“, sagte ich zu mir selbst und grinste.
Meine eigene Gesellschaft war einfach die beste. Tala hätte über den Spruch trotzdem gelacht.
Sie hatte schon längst eine große Reise geplant. Kanada war ihr erstes Ziel, erstens konnte man dort Französisch sprechen (eigentlich mochten wir es ja beide) und zweitens gab es mehr als genug Bäume. Wir schätzten die Natur über alles. Vermutlich eine Begleiterscheinung, wenn man den Großteil des Tages unter Jugendlichen in einem Steingebäude verbrachte. Und ganz ehrlich, die Gestaltung unseres Schulhofs war ein Witz.
„Und wohin soll ich reisen?“, fragte ich eine vorbeistaksende Taube. Sie gurrte mich verständnisvoll an.
„Ja, du hast Recht.“ Ich stand auf und lächelte ihr zu. Lächeln tat der Seele gut, egal, ob man es ernst meinte. „Eigentlich bin ich nicht so. Aber jetzt suche ich mir mein eigenes Abenteuer aus.“
Ausatmend trat ich einen großen Schritt nach vorne – und landete im weiten Nichts.


A/N: PS: Viele Grüße an Luna und Jojo, meine Mittelerde-Schreibfreundinnen, falls sie das lesen :D (Auf deren Konto geht mindestens 40% meiner Motivation für diese Geschichte...)
Und da ich, wie gesagt, nicht viel mehr Plan habe als ihr: noch ist ungewiss, wann Legolas (endlich^^) auftaucht...aber das soll ja keine Romanze werden (zumindest nicht primär als solche deklariert).
Falls ihr mich noch nicht kennt, 'ne kurze Vorwarnung: ich mag Kommata, ich mag Klammern und ich mag Autorennotizen. Weshalb ich meistens noch irgendwas zum Kapitel oder zur Geschichte allgemein quatsche. Wem das nicht so gefällt, einfach überlesen :D
Bis nächsten Mittwoch! :) (Und ich mag Smileys...XD)
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