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El hijo pródigo- der verlorene Sohn

OneshotFamilie, Schmerz/Trost / P12 / Gen
Erik - das Phantom der Oper
28.04.2020
28.04.2020
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„Das Phantom“ von Susan Kay begleitet mich schon so lange; hier ist nun also endlich meine erste „Phantom der Oper“ Fanfic. Zeitlich ist der OS angesiedelt nachdem Erik Giovanni in Rom verlassen hat, also zwischen 1846-1850. Ich habe ihn durch Europa reisen lassen, unter anderem an den Cabo da Roca, den westlichsten Punkt Europas. Aber das macht nur einen kleinen Teil der Geschichte aus.. Schnappt euch ein Glas Wein oder eine Tasse Tee, macht es euch gemütlich und viel Spaß beim Lesen :)


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Die engen Gassen der Stadt stanken zum Gotterbarmen. Dicke Schmeißfliegen surrten durch die Luft, um sich an den Fäkalien zu laben, welche die Bewohner der Stadt achtlos auf den Weg gekippt hatten. Urin bahnte sich als dünnes Rinnsal seinen Weg durch die Pflastersteine, um dann im erdigen Straßenrand zu versickern.
In der gleißenden Mittagshitze war weit und breit keine Menschenseele zu sehen; es war zu heiß, um Arbeit zu verrichten. Die Sonne im Zenit hatte die Stadt träge und schläfrig gemacht. Wer klug war und es sich erlauben konnte, der hatte sich für eine Siesta in schattenspendende Gärten zurück gezogen. Still lagen die Gassen da und doch war es,  als läge Unruhe in der vibrierenden Mittagshitze. Ein Mann, hochgewachsen, der Gang geschmeidig, gleich dem einer Katze, glitt lautlos durch die Straßen.
Es brauchte keinen Bewohner dieser Stadt, um zu erkennen, dass dieser Mann nicht hierher gehörte. Leichtfüßig bewegte er sich über das Pflaster, den Fäkalien geschickt ausweichend. Sein bordeauxfarbener Reiseumhang tanzte geschmeidig hinter ihm her, seine rechte Hand drückte ein ledernes Reisebündel an sich, seine Linke, schwarz behandschuht, wie die Rechte, war fest gegen Mund und Nase gepresst- doch lag das Gesicht des Mannes verborgen unter einer Maske, die, bis auf die Augen- und Mundpartie, alles verdeckte. Die Augen des Mannes waren zusammengekniffen und ohne seiner kompletten Mimik gewahr zu werden, war deutlich, was er dachte.
Verfluchtes Mittelalter!
Man würde meinen, dass der Bau von Kanalisationssystemen im Begriff war, sich in den größten Teilen Europas durchzusetzen. In dieser gottverlassenen Stadt Kataloniens mit vorsintflutlichem Charakter hatte wohl noch nie jemand diesen Begriff gehört. So schnell und unauffällig, wie er nur konnte, bahnte sich der Mann seinen Weg durch die labyrinthischen Gassen dieser Stadt, auf der Flucht in die angrenzenden Wälder, welche feuchtkühlen, schützenden Schatten spendeten; über ihm thronte die Sonne als sein unbarmherziger Feind, der Bloßstellung und Enttarnung prophezeite.

„Socorro!“
Ein Schrei in unmittelbarer Nähe zerriss die träge Stille der Mittagshitze, in der bisher lediglich das Surren von Insekten zu hören gewesen war und ließ den Maskierten zusammenfahren und dann blitzschnell und reflexartig in eine Öffnung in der Mauer flüchten.
Ein weiterer Schrei, ein Geräusch, das sich anhörte, wie ein Körper, der auf Stein aufschlug, raues Gelächter, dann Stille.
Der Hilferuf kam von einer Frau. Der Mann zögerte für einen Augenblick. Obgleich es doch vornehmlich die Männer gewesen waren, die ihm physische Gewalt angetan hatten, so war der Maskierte nicht so töricht, anzunehmen, dass von einer Frau weniger Gefahr ausging was potenziellen seelischen Schmerz betraf. Doch diese Frau schien Hilfe zu benötigen.
Ein unwilliges Knurren entfuhr ihm. Es widerstrebte ihm, sich in die Konfrontation mit anderen seiner Spezies zu begeben, gerade jetzt, da es so gnadenlos heiß war und stank und er sich nichts sehnlicher wünschte, als an einem schattigen, einsamen Ort zu sein, an dem er ungestört seinen Gedanken nachhängen konnte. Sein ganzer Körper schien ihn wegziehen zu wollen von diesem Ort, doch Neugier, Pflichtbewusstsein oder Anstand- er konnte es nicht sagen- ließen seine Beine leichtfüßig die Gasse hinunter laufen.
Als er sich hinter einer der vielen heruntergekommenen, bröckelnden Sandsteinmauern auf einem kleinen Platz wiederfand, stolperte er beinahe über die Frau, die schluchzend und auf allen Vieren dabei war, die unzähligen, auf dem Boden verteilten Haselnüsse einzusammeln und in einen geflochtenen Korb zu werfen.
Als sie den Maskierten erblickte, stieß sie einen weiteren Schrei aus und wich, das Gesicht angstverzerrt, nach hinten, doch ihre Position ließ keine schnelle Flucht zu und ihre weit aufgerissenen Augen sagten, dass sie sich dessen bewusst war.
Der Maskierte verharrte für einen Moment, kurzzeitig erfasst und gelähmt vom Schmerz, der sich wie ein unerwartetes, gleißendes Messer in ihn gebohrt hatte, als er die Abscheu und Abwehr in den Augen seines Gegenüber gesehen hatte. Reflexartig suchten seine Finger die Maske und er atmete erleichtert auf. Die Reaktion dieser Frau hatte nichts mit dem bestialischen Gesicht zu tun, das er sorgsam unter der Maske verbarg und er entsann sich des rauen Männerlachens, welches er ebenfalls vernommen hatte.
Intuitiv tat er das einzig Richtige und hockte sich ebenfalls hin, machte sich klein und ungefährlich, schaute die Frau auf Augenhöhe an.
„Keine Sorge, Señora, Sie sind in Sicherheit.“
Einen Moment lang starrte die Frau ihn mit glasigen Augen unverwandt an, dann fuhr sie ohne Antwort fort, die Haselnüsse einzusammeln. Reglos verharrte Erik in kniender Position und beobachtete die Frau stumm. Sie musste über vierzig sein. Ihre Haut war gebräunt und übersät von Spuren, die das Leben hinterlassen hatte; Lachfalten um die Augen und Sorgenfalten auf der Stirn, verhornte und rissige Hände, Narben am Ansatz ihres Rückenausschnitts. Als hätten diese äußerlichen Merkmale die Frau für ihn greifbarer, nahbarer gemacht, als würde es einen Unterschied machen, griff Erik nach den ihm am nächsten am Boden liegenden Haselnüssen und warf sie ebenfalls in den Flechtkorb. Schweigend sammelten sie gemeinsam alle Haselnüsse ein und als keiner von beiden auch noch eine Nuss finden konnte, sah die Frau zu ihm auf.
„Danke, Señor. Das war sehr freundlich von Ihnen.“
Sie standen auf und klopften sich den Sand von den Knien.
„Keine Ursache, Señora.“ Seine Stimme hatte nun einen warmen Klang, beruhigend und ruhig und er sah, wie sich die Körpersprache der Frau schlagartig veränderte, sie sich entspannte und ihm zuwandte.
Wie die Schlange eines Schlangenbeschwörers, dachte er beinahe spöttisch und es lag etwas Bitteres ihn diesem Gedanken.
Unschlüssig trat die Frau von einem Bein auf das andere und sah ihn an.
„Ich werde dann nach Hause gehen.“ Und sie griff nach dem Korb mit den Nüssen.
„Wenn es Ihnen Recht ist, begleite ich Sie nach Hause."
Die Frau lächelte ihn plötzlich voller Wärme an.
„Das ist sehr freundlich von Ihnen. Aber ich hab es nicht mehr weit. Und ich möchte Sie nicht aufhalten, bestimmt haben Sie heute noch einen langen Weg vor sich.“
Er runzelte die Stirn.
„Hab ich das?“
„Nehmt es mir nicht übel, aber.. Sie wirken nicht wie jemand, der gern in Städten verweilt, die vor Menschen wimmeln. Sie sind einer der Unverwurzelten.“
Sie schenkte ihm noch einmal ihr warmes Lächeln. „Vielen Dank noch einmal, Señor. Sie haben ein gutes und achtsames Herz.“
Und bevor er etwas erwidern konnte, hatte sie sich abgewandt und war mit schwingendem Rock, den Flechtkorb an ihrer Seite tragend, in einer der Gassen verschwunden.

Der Maskierte stand da und starrte ihr nach, auch, als ihre Schritte schon längst verklungen waren blickte er noch in die Richtung, in die sie verschwunden war. Dann wandte er sich ebenfalls ab, sah hinauf zur Sonne um sich zu orientieren und schlug dann den, von dem er wusste, dass er der Richtige war.
Als er sich lautlos durch die Gassen bewegte, dachte er über die Worte der Frau nach.
„Sie sind einer der Unverwurzelten.“
Warum hatte sie das gesagt? Wieso war ihm dieser Begriff so fremd und gleichzeitig so vertraut, als hätte er ihn Zeit seines Lebens unausgesprochen begleitet? Er hatte ihn begleitet im Verhalten seiner eigenen Mutter, die ihm deutlich gezeigt hatte, dass er zwar unter ihrem Dach leben durfte, auf seelischer Ebene aber nicht zu ihr gehörte, im Verhalten der Zirkusleute, die ihn zwar respektierten, am Ende gar fürchteten, aber ihn niemals als einen der ihren anerkannt hätten. Giovanni.. ja.. Giovanni war Nährboden gewesen, in dem er vorsichtig und sehnsüchtig begonnen hatte, zarte Wurzeln zu schlagen. Doch auch zu Giovanni konnte er nicht zurück kehren.
Diese Welt war sein Käfig, in dem er einsam hin und her lief, auf der Suche nach den Gitterstäben, die zu brechen er suchte, um endlich frei zu sein von dieser Tortur.
Gefangen im düsteren Verlies seiner Gedanken wanderte er zielstrebig durch die Gassen und der dunkle Sog der Erinnerungen, der angefangen hatte, ihn mit sich zu reißen und zu verschlingen, kostete ihn seine Sinnesschärfe und wurde ihm zum Verhängnis.
Er hatte sie nicht kommen hören. Die finsteren Bilder in seinem Kopf hatten seine Wachsamkeit getrübt; das kehlige, raue Lachen der Männer schien ihn mit seinem brutalen, fast perversen Klang zu lähmen und machte seine Glieder schwer und träge. Er spürte grobe Hände, das Reißen von Stoff, Schläge, die voller Spannung und Lust waren; es war ihm, als könne er die Erregung der Männer, die durch diese Gewalttat befriedigt wurde, förmlich spüren. Ein kräftiger Stoß ließ ihn sein Gleichgewicht verlieren. Hart schlug er auf den steinernen Boden auf. Dunkelheit hüllte ihn ein.

Der westlichste Punkt Europas.
Wenn er nur noch einen einzigen Schritt weiter westwärts gehen könnte.. was wohl würde weiter westwärts auf ihn warten? Er wusste nicht, welch Sehnsucht ihn an diesen Ort getrieben hatte. Der Drang, zu fliehen, bis er nicht mehr weiter konnte? Die schroffen Klippen, die unter seinen Füßen steil hinab fielen und das Meer unbarmherzig weiß schäumend zerbersten ließen, Warnung und Einladung zugleich? Nur ein Schritt weiter westwärts.. Wie schon so oft in letzter Zeit tasteten seine langgliedrigen, schmalen Finger tief in seine Tasche, fanden den kleinen, silbernen Kompass.
Erik wandte seinen Kopf Richtung Hafen. Ein majestätischer Dampfer lag dort an der Kaimauer. Die Segel flatterten laut in der salzigen Meeresbrise und die Möwen schrieen wütend gegen den Lärm an, den der dicke Stoff im Wind verursachte. Bedienstete be- und entluden das Schiff, das bald aufbrechen würde in die neue Welt.
Erik ließ seinen Blick auf dem Schiff ruhen. Es war groß. Wie viele Menschen würden wohl Platz finden auf diesem Bezwinger der Meere? Wie lange er wohl brauchen würde für die Überfahrt?
Der Raddampfer war jung; Schiffe dieser Reederei legten die Strecke vermutlich in etwa 18 Tagen zurück. 18 Tage eingepfercht mit so vielen anderen Menschen..
Erik ließ seinen Blick zum Horizont wandern, der in der Mittagshitze gleißend und dunstig unerreichbar fern vor ihm lag. Es spielte keine Rolle. Dieses Schiff würde ohne ihn fahren. Und was würde westwärts auf ihn warten? Nichts. Nichts wartet jemals auf uns. Und auf den Mann mit der Maske wartet niemand.


Das Rauschen des azurblauen Atlantiks in den Ohren, die weichen Laken seiner Koje spürend schaukelte er dahin, tanzte auf dem Meer in die Ferne. Doch als er unter Mühe die Augen öffnete, ließ das Rauschen nach und er wusste, dass es nur das Blut in seinen Ohren war, doch die Laken waren immer noch da, frisch und einen ungewohnten Duft verströmend. Sein verschwommener Blick klärte sich; da hingen getrocknete Kräuter über ihm an grob gezimmerten Balken. Wo war er? Seine Hände tasteten an sein Gesicht.
Mit einem Schrei fuhr er auf als er nacktes Fleisch berührte und mit einem Mal waren seine Sinne wieder geschärft.
Die Frau, die an seinem Bettende saß, zuckte nur kurz zusammen. Dann reichte sie ihm wortlos seine Maske, an der sie bis zu dem Moment die Risse genäht hatte. Mit einer ruckartigen, ungeschickten Bewegung legte er sie an. Dann starrte er die Frau an, die dort saß und bei seinem Anblick nicht die Flucht ergriffen hatte.
„Sie!“ Stieß er erstaunt hervor.
Beinah mitleidig lächelte sie ihn an.
„Es scheint, als wären wir beide den gleichen Rüpeln zum Opfer gefallen. Ich habe das Getöse gehört und bin mit meinem ältesten Sohn los geeilt um zu schauen, ob jemand Hilfe benötigt.“
Gehetzt schaute er sich um, doch außer ihnen befand sich niemand in dem Raum.
"Wir sind allein.“ Entgegnete sie, als hätte sie seine Gedanken gelesen. Mittlerweile hatte sie das Nähzeug wieder aufgegriffen und machte sich daran, ein schweres, schmutziges,  bordeauxfarbenes Stück Stoff zu flicken, in dem der Maskierte seinen Reiseumhang erkannte.
"Wieso..“ Er stockte und starrte sie dann einfach an. Sein Kopf pochte schmerzhaft. Ihm war übel und schwindelig, doch seine Instinkte verbaten es ihm, sich in dieser fremden Umgebung wieder hinzulegen, um sich auszuruhen. Eine Weile war es still.
„Ich bin Viona.“ Sagte sie irgendwann schlicht.
Er musterte sie weiterhin. Sie sah ihn nicht an, sondern saß da, am Ende des Bettes, auf dem sie einem Fremden Platz gab; einem Fremden, der aussah, wie der Teufel, doch es hatte sie nicht gerührt.
„Erik.“ Sagt er und räusperte sich, als seine Stimme heiser aus seiner Kehle kam. „Mein Name ist Erik.“ Und es wunderte ihn, dass er diese Information so leichtfertig preis gab.
Sie sah kurz auf und lächelte.
„Das ist ein schöner Name.“
Sie wandte sich wieder der Näharbeit zu und er schaute ihr zu, versuchte dabei, seine Gedanken zu ordnen.
"Sie können bleiben, solang Sie wollen“ sagte Viona dann. „Ruhen Sie sich aus.“
Erstaunt und misstrauisch sah er sie an.
„Wieso sollten Sie das tun?“
Sie wandte ihren Blick zu einem schlichten, kleinen Kreuz, das über der Tür hing.
„Ich weiß, dass Gott es mir anrechnen wird. Und..“ Sie stockte, hielt inne, schüttelte dann den Kopf und nähte weiter. „Sie sollten sich wirklich ausruhen. Einen ordentlichen Schlag haben Sie da abbekommen!“
Und Erik gab nach; er ließ sich in die Laken sinken und verfiel in einen unruhigen Schlaf in stetiger Alarmbereitschaft. Diese Frau war ungefährlich, doch es lag in seiner Natur, misstrauisch zu bleiben. Schließlich wollte er überleben.

Als er wieder erwachte, war es dunkel. Viona saß nicht mehr an seiner Bettkante; aus dem Nebenraum hörte er sie leise summen.
Vorsichtig setzte er sich auf. Die Übelkeit war fast verschwunden und das heftige Pochen in seinem Kopf war einem gedämpften, drückenden Schmerz gewichen.
Er stand auf. Kurz meinte er, zurück in die Schwärze zu fallen, doch er fing sich, richtete sich auf, fand sein Gleichgewicht.
Er betrat den Nebenraum. Viona saß an einem rustikalen Tisch, vor sich ein Haufen Auberginen, die sie flink zurecht schnitt.
Als er den Raum betrat, sah sie auf.
"Geht es dir besser?“ Fragte sie und überging die Höflichkeitsform stillschweigend.
„Ja.“ Sagte er knapp. „Vielen Dank. Ich werde mich dann auf den Weg machen.“
„Setz dich.“ Entgegnete sie nur und Erik war so überrascht von der sanften Eindringlichkeit ihrer Stimme, dass er ihr Folge leistete.
Er zog einen dreibeinigen Hocker zu sich heran und nahm ihr gegenüber Platz, kam sich auf dem wackeligen Schemel vor, wie ein kleines Kind, das nun erwartungsvoll zu ihr aufblickte. Viona war nun fertig damit, die Auberginen in Streifen zu schneien und wandte sich den Knoblauchzehen zu die sie kurzerhand von den herabhängenden Knollen gepflückt hatte. In einem Topf auf der steinernen Kochstelle blubberte es, wie ein zufriedenes, gurgelndes Ungeheuer. Das Feuer prasste, von draußen drang ab und zu das Schreien der Nachtvögel zu ihnen herein.
Still saßen sie sich gegenüber und in Vionas geübten, alltäglichen Bewegungen fand Erik eine erleichternde Ruhe, als wäre die Welt in Ordnung so lange sie nur dort saß und den Knoblauch schnitt. Schweigend sah er ihr zu.
„Als ich vermutlich noch keine siebzehn Sommer zählte, wurde ich schwanger“, begann Viona unvermittelt an zu erzählen. Erik spürte, wie er unter der Maske errötete. Das Leben bei den Zigeunern hatte ihm jede Prüderie genommen, doch sich diese behäbige Frau mit den Falten als junges Mädchen vorzustellen, das soeben die Freuden des Fleisches entdeckt hatte, fand er beinahe anstößig.
„Ich war nicht verheiratet. Meine Mutter ist streng katholisch. Sie hätte mich wohl auf die Straße gesetzt, doch mein Vater hatte ein großes Herz. Er sah über die Schande hinweg, die ich über das Haus gebracht hatte und nach acht Monaten gebar ich meinen Sohn. Er kam zu früh und..“ Sie stockte, legte das Messer beiseite und sah Erik dann direkt in die Augen. In ihrem Blick erkannte Erik grenzenlosen Schmerz, Hilflosigkeit und Angst, resultierend aus einem Nicht-verstehen-können und sein Puls beschleunigte sich, als ihm dämmerte, was sie nun sagen würde.
"Es war ein Gesicht, nicht von dieser Welt“, flüsterte sie heiser. Sie hob die Hände, als würde sie hoffen, das Unbeschreibliche in Gesten fassen zu können.
„So etwas hatte ich noch nie gesehen. Die gesamte Gesichtshaut war wund und von gelbfiebriger Farbe, statt normaler Lippen waren da nur grotesk deformierte Ober- und Unterkiefer. Die Nase fehlte und die Schädeldecke lag offen, wie bei diesen Kindern, die beinah ohne Hirn geboren werden und meist bei der Geburt sterben. Auch Josue starb nach einigen Stunden auf dieser Welt in meinen Armen. Er war mein Sohn und ich liebte ihn von dem Moment an, als ich wusste, dass er in meinem Bauch heranwuchs. Nichts hatte das ändern können, auch nicht sein Gesicht. So eine Missbildung habe ich seither kein zweites Mal gesehen, bis..“ Sie stockte erneut und machte eine hilflose Geste zu Erik.
In seinen Ohren rauschte es und der Raum schien sich zu drehen. Taubheit und Erregung gleichzeitig breiteten sich in seinem Körper aus und ein Gefühl von Surrealität ergriff ihn.
Hilflos, fast entschuldigend, sah Viona ihn an und schien seine Reaktion abzuwarten.
„Es war, als hätte ich heute meinen Sohn auf der Straße gefunden.“ Flüsterte sie mit zitternder Stimme.
Erik vergrub das Gesicht in seinen Händen, stumme Tränen benetzten die Stoffmaske und Wellen lautloser Schluchzer ließen seinen Körper erbeben. Sie hatte ihn mit ihren Worten getroffen und er war unvorbereitet gewesen. Dennoch spürte er an Stelle von Verletzung und Wut plötzlich eine ihn überspülende Sehnsucht und einen seltsamen Frieden.
Viona saß dort. Sie ließ ihn weinen und war da.

Sie traten vor die Haustür. Die Nacht war klar und angenehm, in der Ferne war das Rauschen der Wälder zu hören, ein beruhigendes Schlaflied und die Grillen sangen ihre Strophen dazu.
Erik wandte sich Viona zu. Trotz seiner Maske fühlte er sich plötzlich verletzlich und nackt, unsicher, was nun zu sagen war.
"Ich danke dir.“ Seine Stimme war rau und belegt und zitterte. Es zog ihn in die Wälder, zurück in die Einsamkeit, dort, wo er nicht verletzt werden konnte. Doch bei Viona war es warm und behaglich, nicht nur in ihrem Haus. In ihrem Gesicht fand er Wärme und Frieden und Unerschütterlichkeit und etwas, nach dem er sich gesehnt hatte, mit einer Heftigkeit, die ihm erst bewusst geworden war, als er sie an seiner Bettkante hatte sitzen sehen, als sie von Josue und ihrer Liebe zu ihm erzählt hatte.
„Mutter“ fuhr es ihm in den Sinn und er wurde erfasst von jäher Sehnsucht und Verzweiflung.
Viona sah ihn an und trat dann einen Schritt auf ihn zu. Als er nicht zurück wich, berührte sie ihn sacht an der Schulter.
„El hijo pródigo“ flüsterte sie sanft und traurig zugleich.
Der verlorene Sohn.
Sie spürte, wie die Schulter unter ihrem leichten Händedruck anfing, zu zittern. Es war zu dunkel, um zu erkennen, was sich unter der Maske abspielte, doch sie meinte, ein kaum hörbares Schluchzen zu vernehmen. Er schien sich ihrer Berührung entgegen zu lehnen, zu prüfen, ob sie ihm Halt geben können würde. Doch bevor er sich fallen ließ, stolperte er blindlings zurück.
Für den Bruchteil einer Sekunde trafen sich ihre Blicke; zwei Augenpaare, das eine voller Angst und Sehnsucht, das andere voller Zuneigung und Traurigkeit, beide voller Bedauern.
Dann wandte Erik sich ab, straffte die Schultern und verschwand lautlos und geschmeidig in der Dunkelheit, seiner treuen Weggefährtin, und sie verschlang ihn und begrüßte ihn wie einen der ihren.
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