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Kinder der Nacht 1 - Kindheit voller Geheimnisse

Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
27.04.2020
15.05.2022
47
292.639
41
Alle Kapitel
173 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
07.01.2022 6.384
 
Der Titel ist Programm.
Danke für eure lieben Reviews und ich wünsche euch noch ein gesundes neues Jahr.

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Kapitel 35: (K)eine wirkliche Überraschung

Saladin beäugte Harry ein wenig misstrauisch, als er am frühen Freitag Abend in den Stall kam, um ihn zu striegeln. Nicht bürsten. Er sah da zwar keinen Unterschied, aber Katie hatte sich furchtbar darüber aufgeregt, dass er gesagt hatte, er würde das Pferd bürsten gehen.
Nach einem Leckerli war er zumindest bereit, zu dem ihm noch recht unbekannten Jungen zu kommen und sich den Strick um den Kopf legen zu lassen. Natürlich blieb der an einem Ohr hängen und Harry hatte Mühe, ihn ruhig weiter bis auf den Hals zu schieben, ohne dass Saladin nervös wurde. Er öffnete die Tür der Box, zog vorsichtig an dem Strick und war erleichtert, dass das Pferd mitkam.
Nachdem er ihn angebunden hatte, nahm er sich die Bürste, die Snape schon beim letzten Mal benutzt hatte und fuhr damit über den Hals.
Saladin drehte den Kopf zu ihm herum und schaute ihm zu. “Ich tu dir nichts”, sagte Harry und streichelte darüber. “Ich will doch nur ein wenig mein Geld aufbessern.”
Nach einer Weile drehte das Tier den Kopf wieder nach vorn und ließ sich das Striegeln und Streicheln gefallen. Pferdehufe waren zu hören. Harry wandte den Kopf und sah Firenze in die Höhle treten. Der Zentaur hatte einen Speer in der Hand und ließ ihn jetzt sinken.
“Ah, Mister Potter”, sagte er und seine Stimme klang freundlich. “Ich wollte nur nachschauen, wer bei Saladin ist.”
“Nur ich. Professor Snape hat mir angeboten, mir ein wenig Geld zu verdienen.”
“Wie Ihre Mutter vor Jahren.” Der Pferdemensch trabte auf Saladin zu und strich ihm über die Mähne. “Wie geht es Ihnen, Mister Potter?”
“Gut. Danke der Nachfrage.” Worauf wollte Firenze hinaus?
“Severus Snape findet Ruhe bei der Pferdepflege. Wenn er sie einem anderen Menschen überlässt, will er diesem Menschen diese Ruhe schenken. Ihre Mutter hatte damals große Prüfungsangst, wobei sie das nicht nötig gehabt hätte. Sie war klug und wissbegierig, hat freiwillig viel gelernt. Aber sie hatte Angst. Und im Stall bei Zorro war sie ruhig. Dort hat sie oft stundenlang gesessen und gelernt. Warum sind Sie hier?”
Harry war erstaunt, verwirrt und spürte mal wieder diese Wärme in seiner Brust. Das fühlte er in letzter Zeit öfters, wenn er an seine Eltern dachte und etwas über sie erfuhr. Wollte Snape ihm wirklich helfen? Wieso? Ihm ging es doch gut. “Mir geht es wirklich gut. Ich war nur ein wenig einsam, weil Nick so viele Prüfungen hat im Moment und ich kann ihm da nicht helfen und Hermine lernt eifrig für die ZAGs.”
“Wie haben Sie sich da gefühlt?”
“Etwas unruhig.”
Firenze lächelte. “Pferde beruhigen, wenn man bereit ist, diese Ruhe aufzunehmen. Sie sind dazu breit. Mister Potter, ich weiß, dass Sie von Vorhersagen nicht viel halten. Und kann es verstehen bei dem, was solcherlei Dinge bisher in Ihrem Leben ausgelöst haben. Aber es gibt richtige und falsche Vorhersagen. Die von Professor Trelawney war falsch.”
Harry wusste, dass Zentauren nachgesagt wurde, durch die Beobachtung der Gestirne in die Zukunft sehen zu können. Aber er glaubte nicht daran. “Inwiefern?”
“Das kann ich nicht sagen”, gab Firenze zu. “Sie hat Ihnen zwei Dinge vorhergesagt. Die Prophezeiung, die zum Tod Ihrer Eltern führte und eine weitere in Ihrem Unterricht. Die erste stimmt nicht. Die zweite ist wichtiger, wenn auch weit weniger dramatisch als diese Frau es denkt.”
“Firenze, Sie sprechen in Rätseln.”
“Das liegt daran, dass die Zukunft immer ein Rätsel ist. Ich interpretiere sie nicht, ich gebe nur weiter, was ich sehe. Mister Potter, Sie sollten mehr auf die jüngere Prophezeiung hören als auf die alte. Damit fahren Sie besser.” Der Zentaur nahm sich einen Apfel und verließ die Höhle.
Die alte Prophezeiung kannte er nur zum Teil. Sie sagte, dass er Voldemorts Untergang war. Welche neue meinte Firenze? Trelawney hatte ihm nichts prophezeit. Er grübelte und ging die Stunden durch, die er bei ihr bisher hatte. Es war… lustig bis merkwürdig gewesen.
Gedankenverloren striegelte er Saladin, dem das offenbar sehr gefiel. Zumindest stand er reglos da. Als Snape in die Höhle trat, ruckte der Kopf kurz hoch und das Pferd wieherte leise.
“Mister Potter. Immer noch hier?”
“Immer noch?”
Snape glitt mit der Hand über das Fell seines Pferdes. “Meine Güte, der glänzt ja. Das reicht mit Bürsten.”
“Striegeln heißt das, sagt Katie.”
Der Mann lachte leise. “Mir egal. Und Saladin ist es auch egal. Hauptsache sauber und gestreichelt, nicht wahr?” Er kraulte das Pferd eine Weile und brachte es zurück in seine Box. “Ist alles klar mit Ihnen, Potter? Sie wirken ein wenig gedankenverloren.”
“Firenze war hier und hat… nebulöse Andeutungen von sich gegeben.”
“Das macht er öfter.” Snape versorgte sein Pferd und deutete dann nach draußen. Harry packte die Bürste wieder ordentlich weg und folgte ihm in den dunklen Wald. “Professor, Sie kennen ja Professor Trelawney schon länger. War sie schon immer so?”
“So? Definieren Sie ‘so’.”
Er rang nach den richtigen Worten. Snape mochte Trelawney und er war der Schwager… Also durfte er nichts Falsches sagen. “Bunt und prophezeiungsfreudig.”
“Sie meinen verrückt und spleenig?” Er lachte leise. “Sybill hat sich in den 60igern sehr verändert. Sie mochte die Hippiezeit und hat davor viel verpasst. Sie kennen sie nicht von früher. Sie war immer ruhig, ernst, zurückhaltend.” Er lächelte, das sah Harry, als er den Mann kurz ansah. “Sie ist eine wunderschöne Frau, aber momentan versteckt sie es gut.”
“Versteckt?”
“Perücke, Brille. Sie würden sie nicht wiedererkennen, wenn sie normal herum liefe.”
“Das ist eine Perücke… Sie braucht die Brille nicht?”
Snape schüttelte mit dem Kopf. “Ja und nein. Ich würde sagen, es ist eine Phase und da Magier nun mal älter werden als normale Menschen, ist es eine etwas längere Phase. Ich freue mich schon darauf, wenn sie wieder normal wird. Momentan ist sie ein wenig anstrengend.”
“Definieren Sie ‘momentan’.”
Der Mann lachte leise. “Seit den 60igern.”
Harry lachte ebenfalls. “Was ist mit den Vorhersagen?”
“Sie hat niemals vor dieser einen Prophezeiung irgendwelches Interesse in diese Richtung gezeigt. Na gut, kurz vorher vielleicht schon. So ungefähr zwei Monate vorher. Da kam sie plötzlich mit dem Mist von wegen Zukunft vorhersagen, Karten legen und so. Ich dachte, ich höre nicht richtig. Wer immer sie auf den Trichter gebracht hat, dem würde ich gern…” Er räusperte sich leise.
“Firenze meinte, die Prophezeiung stimmt nicht.”
Snape blieb stehen. “Wie?”
“Er hat gesagt, die Prophezeiung, die zum Tod meiner Eltern geführt hat, stimmt nicht. Würde sie lügen?”
“Niemals”, sagte er sofort. “Sybill ist ein grundehrlicher Mensch. Ich habe nie eine aufrichtigere Frau kennen gelernt. Sie hat die Prophezeiung gesprochen, dafür gibt es mindestens zwei Zeugen. Und sie hat sie ausgesprochen, weil sie diese Eingebung hatte. Wenn sie nicht stimmt, liegt es nicht an ihr.” Er ging langsam weiter. “Es ist eh schwer, sie zu deuten. Ich kennen den Wortlaut auch nicht. Aber meist sind sie eher schwammig. Auslegungssache. Sie kann nichts dafür, wie Riddle sie ausgelegt hat”, verteidigte er die Frau.
Harry hob die Hände. “Ich mache ihr keine Vorwürfe. Nur Voldemort mache ich welche. Firenze meinte, dass Professor Trelawney mir noch eine Vorhersage gemacht hat und dass die wahr ist.”
“Und die wäre?”
“Ich weiß es nicht mehr. Das Einzige, was mir einfällt, ist etwas, was im Unterricht passiert ist. Wir haben Tee getrunken und sollten aus den Resten der Teeblätter die Zukunft voraussagen.” Er hörte Snape leise lachen. Offenbar hielt er nichts davon. “Und sie hat bei meiner Tasse ganz erschrocken aufgeschrieen.”
“Was hat sie gesehen?”
“Den Grimm.”
Snape verzog leicht das Gesicht. Er sah aus, als müsse er verzweifelt ein Lächeln verbergen. “Und was hat sie gesagt?”
“Irgendwas von böses Omen. Dunkle Zeiten. Und dass ich sie nur überleben kann, wenn ich mich auf den Grimm einlasse. Mit ihm verbünde. Aber sie hat auch gesagt, es sei ein böser, riesiger Gespensterhund.” Harry seufzte. “Sie hat da selbst ein wenig konfus gewirkt.”
“Nicht nur”, sagte Snape gedankenverloren. “Vielleicht kann sie ja doch hellsehen… Ein Grimm ist auch eine Art Fabelwesen für uns. Ein Ungeheuer, welches die Macht hat, uns unsere Kräfte zu rauben. Es ist sowas wie ein Geist für die normalen Menschen, die keine Ahnung von unserer Welt haben und von dem, was es alles wirklich gibt.”
“Und was heißt das für mich?”, fragte er verwirrt.
“Dass ein natürlicher Gegner manchmal der beste Freund und mächtigste Verbündete sein kann.” Snape lachte leise. “Würde ich sagen. Wie gesagt, es ist Auslegungssache. Wenn ich Ihnen einen Tipp geben darf, der auch ein wenig nach Orakel klingt… Bleiben Sie auf dem Weg, den Sie seit dem letzten Jahr beschritten haben. Er bekommt Ihnen und das kann nicht falsch sein.”
Harry lachte leise. “Das klingt nicht nach Orakel, sondern nach einer guten Idee.” Prophezeiungen, Vorhersagen, Grimm. Snape hatte vielleicht Recht. Er sollte einfach das weiter machen, was ihm gut bekam. “Ich habe am Sonntag nach dem Mittagessen ein Gespräch mit Dumbledore. Er wollte erst nicht, aber ich konnte ihn überzeugen, dass wir uns unterhalten sollten.”
“Gut. Versuchen Sie es. Und wenn es aus dem Ruder läuft, gehen Sie und versuchen Sie es eine Weile später noch mal. Nicht gleich aufgeben.” Snape blieb plötzlich stehen und blickte Richtung Wald.
Harry folgte dem Blick. “Was ist da?”
“Wir haben einen Werwolf im Wald. Einen sehr gefährlichen. Er ist mit Leib und Seele Jäger und liebt das Töten. Er kann sich auch ohne den Vollmond verwandeln, weil er sich dem Tier in sich ergeben hat und er liebt es, sein inneres Tier raus zu lassen.”
Als er seinen Lehrer ansah, sah er wieder einmal dieses kurze rote Aufglühen in den Augen des Mannes, was sofort verschwand, als Snape ihn ansah. “Wie können Sie ihn wahr nehmen?”
“Ich habe gute Ohren.”
“Ja…” Harry musterte ihn. Irgendetwas stimmte mit Snape nicht. Er wirkte wie ein Raubtier auf dem Sprung. Wie ein Jäger, der seine Beute erspäht hatte. Nur war der Werwolf nicht in der Nähe, denn Snape zeigte keinerlei Reflex, ihn zu beschützen. Er schickte ihn nicht mal in die Schule. Merkwürdig, merkwürdig. “Ich gehe dann mal zurück zur Schule. Sie wollen sicher diesen Werwolf jagen.”
“Ja, machen Sie das.”
“Seien Sie vorsichtig, Professor.”
Snape nickte und lief zwischen die Bäume und Sträucher. Harry ging auch, drehte sich aber sofort wieder um. Er sah Snapes Schatten und im nächsten Augenblick war der Mann weg. Auf seine Lippen legte sich ein Lächeln. Snape war nicht disappariert. Er war irgendwie anders verschwunden.

Am nächsten Morgen saß er in der Bibliothek und wälzte Bücher über magische und andere Kreaturen der Welt. Er suchte die Wahrheit über seinen Lehrer. Sicher ging ihn das auch wieder mal nichts an, aber er tat nicht gern so, als sei er blind und dämlich.
Dummerweise fand er nichts. Weil er nicht richtig wusste, wie er bei seiner Suche vorgehen sollte. Er hatte nur ein paar Dinge, die er bemerkt hatte. Aber ihm fehlte das Bild, wobei er das Gefühl hatte, direkt davor zu stehen. Vielleicht war er zu nahe dran.
Marie Kessler gesellte sich nach einer Weile zu ihm und blickte auf den Stapel Bücher. “Harry, suchst du was Bestimmtes?”
“Ja.”
“Und was?”
“Ein magisches Wesen. Menschenähnlich. Was sehr alt werden kann ohne alt auszusehen. Es hat rote Augen, wenn… es aufgeregt ist, würde ich sagen, kann sehr gut hören und sich extrem schnell bewegen. Und es hat eine eher kühle Haut.”
Marie sah ihn eine Weile irritiert an, dann plötzlich wissend. Sie lief zwischen einige der Regale und kam mit einem eher dünnen Buch zurück. Dieses legte sie Harry auf den Tisch.
“Vampire im Wandel der Zeit”, las Harry leise. “Sehr witzig.”
“Alles, was du gesagt hast, trifft auf einen Vampir zu.”
Wollte die Frau ihn veralbern? “Es gibt keine Vampire.”
“Spricht der Magier, der mit einem Halbriesen befreundet ist, sein Geld von Kobolden hüten lässt, einen Werwolflehrer hatte, neben einem Wald mit Zentauren und Einhörnern lebt und schon mal gegen einen Drachen gekämpft hat…” Sie lachte leise. “Natürlich gibt es Vampire. Schon länger als es Menschen gibt. Nur halten die sich ziemlich versteckt und wollen nicht, dass das jeder weiß. So ähnlich wie die Magier, nur mit härteren Strafen. Immerhin brauchen sie Blut zum Überleben und die meisten von ihnen bevorzugen Menschenblut. Und das kommt bei den Menschen nicht so gut an.”
Das konnte unmöglich wahr sein. Aber andererseits… Er ließ sich noch mal einige Dinge durch den Kopf gehen und schloss die Augen. Ihm entfuhr ein leises Aufstöhnen. “Mein Gott, bin ich dämlich.”
Sie lachte leise. “Harry, behalte das bitte für dich. Seinetwegen. Er möchte nicht, dass alle es wissen. Es fällt auch unter privat.”
“Severus Snape ist ein Vampir?”, fragte er, um Klarheit zu haben. “Kann er Lupin deshalb nicht ausstehen? In Filmen haben Wölfe und Vampire immer so Problemchen.”
“Kann gut sein. Und ja, er ist ein Vampir. Ist es nicht offensichtlich? Und jetzt kannst du mal raten, wie alt er ist.”
“Das ist nicht heraus zu finden.” Bedauern stieg in ihm auf. Ein Rätsel war gelöst, ein weiteres würde er nie lösen können. “Er altert nicht, seit er einer wurde.”
“Richtig.”
Harry seufzte leise. “Mist. Und es gibt echt Vampire?”
“Ja. Seit Ewigkeiten.”
Er war ein Magier, von daher haute ihn diese Neuigkeit nicht so sehr um. Natürlich verwunderte sie ihn, eben weil er Vampire bisher für die Erfindung von Autoren und Filmemachern gehalten hatte, aber er konnte sich damit anfreunden. Marie hatte Recht. Wieso sollte es keine Vampire geben, wenn es Werwölfe gab und Magier und Riesen und Drachen und was auch immer.
Aber Snape… Wobei, sie hatte schon Recht. Eigentlich war es so offensichtlich. Es erklärte so viel.
Wie alt er wohl wirklich war? Er interessierte sich ja sehr für die Ritterzeit, für Ritter, für Pferde. Vielleicht, weil er damals geboren worden war und aufgewachsen. Er konnte sich das gut vorstellen. Vielleicht war er ja mal ein echter Ritter gewesen. Vielleicht für den Besitzer des Schlosses. Vielleicht wollte er es deshalb beschützen. Vielleicht kam daher auch der Drang, Kinder zu beschützen. Nick hatte ja erzählt, dass Ritter auf schwächere Bürger aufgepasst hatten. Es war ihr heilige Pflicht gewesen, zu beschützen. Vielleicht… war das alles auch nur Unsinn.
“Ich… muss mit ihm reden.”
Er sprang auf, überließ der Frau das Einräumen der Bücher, lief aus dem Raum und rannte hoch in den Schlafraum seines Hauses. Dort suchte er Snape auf seiner Karte, fand ihn im dritten Stock in einem Raum und lief los. Er rannte durch die Schule, gelangte zu einer seltsamen Tür und hörte dahinter Stimmen.
Er klopfte, suchte eine Klinke. Aber es gab keine. Die Stimmen verstummten. Und Snape stand plötzlich hinter ihm. Er machte sich bemerkbar, indem er ihm auf die Schulter tippte.
“Mister Potter. Wir haben doch gesagt: Nachmittag.”
Harry wirbelte zu ihm herum. “Ich…” Er sah sich um, blickte Snape direkt an und fragte leise: “Sind Sie ein Vampir?”
Der Mann sah ihn kurz erstaunt an, für einen Moment so, als wolle er lachen, dann verschränkte er die Arme vor der Brust. “Und wenn?”
“Ich will es nur wissen, damit ich nicht weiter rätseln muss, warum Sie Dinge tun und können, die sie nicht können sollten. Denn eigentlich habe ich wichtigere Dinge zu tun. Für Prüfungen lernen und so. Aber mir sind ein paar Dinge aufgefallen. Sie hören… zu gut. Und dann ist da die Sache mit Ihrem Alter, was irgendwie nicht passt. Sie kommen älter rüber, als alle glauben und doch sehen Sie jünger aus. Ich möchte nur die Wahrheit wissen. Ich kann die für mich behalten, das verspreche ich.”
Snape schloss für einen Moment die Augen. Als er sie wieder öffnete, glühten sie in einem klaren Rubinrot.
“Da ist noch ein Punkt. Ihr Augen glühen rot, aber ich denke, dass wissen Sie...” Er verstummte.
“Ja, ich bin ein Vampir. Und jeder Vampir hat eine besondere Gabe. Meine ist mein exzellentes Hörvermögen. Wie ein Freund von mir mal sagte: Ich höre die Flöhe husten.”
“Ihhh, hier gibt es Flöhe?”
“Diese verdammten kleinen Blutsauger gibt es überall.” Er lachte jetzt leise. “Ich habe nicht immer in Hogwarts gelebt. Ich habe schon an vielen Orten gelebt.”
Okay, wenn Snape es sagte, glaubte er es wirklich. Solche Scherze machte der Mann nicht. Harry sah, wie die Augen wieder schwarz wurden. “Wow… Sie töten aber keine Menschen, oder?”
“Nicht mehr. Nur, wenn ich angegriffen werde, aber nicht, um mich zu ernähren.” Snape lächelte leicht. “Ich ernähre mich schon lange vegetarisch. Das heißt bei uns, von Tieren. Und ab und an von einem Werwolf, der nicht hören will und sich der Schule zu weit nähert.” Der Blick wurde finster. “Ich töte keine Menschen, um meinen Durst zu stillen oder weil sie mich nerven, Mister Potter, sonst wären Sie nicht auf der Welt. Und jetzt entschuldigen Sie mich.” Damit war er wieder verschwunden.
Harry blickte auf die Tür und ging langsam. Was für eine Neuigkeit. Vampire gab es wirklich. Hatte Quirrel also doch keinen Unsinn erzählt. Nur mit seinem Schutz hatte er daneben gelegen. Knoblauch im Turban. Vampire hatten definitiv keine Angst vor Knoblauch. Harry wusste, dass Snape Gerichte aß, wo Knoblauch dran oder drin war.
Er lachte leise vor sich hin, als er ging. Hogwarts war echt einmalig. Ein Werwolflehrer in der dritten Klasse und sein Lehrer für Zaubertränke war ein Vampir. Ein alter Vampir, der verdammt gute Ohren hatte. Wobei er Snape hier eher bedauerte. Er stellte sich das nervig vor, alles extrem laut zu hören. Die Stimme von Umbridge zum Beispiel. Gruselig. Für ihn war das keine Fähigkeit, die er gern hätte. Es musste grauenvoll sein, bei den vielen Menschen hier im Schloss. Kein Wunder, dass seine Privaträume so weit ab vom Schuss waren. Irgendwann brauchte er ja sicher auch mal Ruhe.
Wieder entfuhr ihm ein leises Lachen. Es war fast ein Auslachen seiner Selbst. Wieso hatte er es nie bemerkt? Sein Lehrer war ein Vampir. Vielleicht, weil er sich vor diesem Jahr nie mit Snape befasst hatte, außer dass er im ersten Jahr festgestellt hatte, dass er ihn nicht leiden konnte. Heute musste er mal wieder klar sagen: Er hatte ihn nie wirklich kennen gelernt.
Er lauschte in sich hinein. Spielte es für ihn eine Rolle, was sein Lehrer war? Eigentlich nicht. Snape war ein Vampir, na und? Für ihn war es gut. Er konnte beim Training also ruhig härter vorgehen. Sicher war so ein Vampir nicht so leicht zu verletzen. Und der Mann hatte schon viel gesehen und erlebt. Er konnte und wusste viel, war also ein prima Lehrer. Für ihn war es von Vorteil.
Ihm war wichtig, dass er einigermaßen wusste, was um ihn herum passierte. Er verstand jetzt ein paar Dinge besser. Ihm ging es damit gut. Mit der neuen Tatsache konnte er ohne Probleme leben, das fühlte er. Er lebte nun mal in einer magischen Welt. Hier gab es viele ungewöhnliche Dinge.
Ihm kam ein anderer Gedanke, der ihn ein wenig unsicher werden ließ. Hoffentlich war Snape nicht sauer, dass er sich da eingemischt hatte… oder besser gesagt, dass er es heraus gefunden hatte. Es war nicht seine Absicht gewesen, aber er konnte doch nicht so tun, als wäre er dämlich und würde gewisse Dinge nicht merken.
Dass er Hermine und Nick und den anderen nichts erzählen durfte, fand er schade. Aber gut, Snape hatte ein Recht auf seine Privatsphäre und offenbar war er nicht böse. Er tötete Tiere, um ihr Blut zu trinken. Und Harry wettete, dass der Rest der Tiere unten in der Küche landete. Vielleicht nicht unbedingt die Werwölfe. Er lachte wieder leise.
Die neue Erkenntnis amüsierte ihn. Er wusste nicht wieso. Vielleicht war es einfach das Wissen über ein paar Dinge, die ihm aufgefallen waren. Zum Beispiel, warum der Mann kein Problem damit hatte, ihn nachts herum zu apparieren. Vampire waren ja Nacht‘menschen‘. Sagten die Legenden.
Sein drittes Jahr kam ihm wieder in den Sinn. Vampir und Wolf, Feinde. Auch so eine Legende. Wenn es wirklich der Grund war, dass die zwei sich nicht verstanden, würde sich das in Lupins Leben wohl nicht mehr ändern. Wobei, wenn Harry es so bedachte, hatte Lupin noch Glück gehabt. Snape hätte ihn sicher töten können. Den Attacken hatte er ja gut stand gehalten. Und verletzt worden war er auch nicht.
Hätten die beiden richtig gekämpft, hätte es sicher mit einem toten Werwolf geendet. Snape war garantiert stärker als Lupin. Aber er hatte sich zurück gehalten und sich aufs Schützen konzentriert. Er war also beherrscht. Kein gewissenloses, blutdurstiges Monster, wie es in manchen Legenden hieß.
Und er war ein Magier, der eine sehr große Loyalität zu dem Schloss und den Schülern hatte. Harry zuckte leicht mit den Schultern. Gut für die Schule und die Schüler. Was wollte man mehr?
Ob Trelawney wusste, was ihr Schwager war? Hatte seine Ex-Frau es gewusst? Dumbledore wusste es sicher. McGonagall? Hatte sein Dad es gewusst? Eher nicht. Dann hätte er Snape sicher nicht so geärgert. Konnte man es verheimlichen, ein Vampir zu sein? Als Magier sicher besser als als Muggel. Immerhin alterten Magier eh sehr langsam. Aber so allgemein…
Harry war sich sicher, dass Snape diese Seite gut verstecken konnte, aber vor ihm hatte er sie nicht gut versteckt. Wieso nicht? Vertraute er ihm so sehr? Das wäre toll. Und Harry nahm sich vor, dieses Vertrauen, ob es nun da war oder nur seine Einbildung, nicht zu enttäuschen.

Sein Verstand sagte ihm, dass er mit dem neuen Wissen klar kam. Sein Gefühl hinkte hinterher. Es schwankte zwischen Begeisterung und Unsicherheit. Begeisterung, dass er etwas wusste, was wohl nicht viele Menschen wusste und Unsicherheit, ob es wirklich stimmte. Und ob es nicht doch schlecht war.
Das merkte er, als er beim Mittagessen saß und immer mal verstohlen nach vorn schaute. Snape aß normale Dinge, tat nicht nur so. Er aß wirklich. Dabei hatte er immer gedacht, Vampire lebten nur vom Blut. Märchen, Mythen und Legenden. Es gab sie über Magier und Harry hoffte, dass Magier sie nicht alle bestätigten. Und es gab sie über Vampire. Bis jetzt bestätigte Snape ihm nur eins. Er alterte nicht. Er war… unsterblich. Dieser Gedanke kam ihm jetzt zum ersten Mal bewusst.  
Nick war beeindruckt, weil Magier fast 500 Jahre alt werden konnten. Er war beeindruckt, weil Snape wer weiß wie alt war und niemals sterben würde. Konnte er sterben? Konnte er verletzt werden? Durch Zauber zum Beispiel.
“Harry?”, fragte Nick und stieß ihn leicht an. “Was ist los?”
“Nichts”, sagte er. “Ich grübele nur und bereite mich mental auf meinen Unterricht vor.”
Der Amerikaner lachte leise und aß weiter. “Iss was. Mentale Vorbereitung ist gut, aber hungrig solltest du nicht gegen Snape antreten. Sonst bist du zu schwach, um deinen Zauberstab zu halten.”
Der Hinweis war nicht ganz verkehrt, auch wenn es ein wenig übertrieben war. Aber Mittagessen sollte er. Er tat es, bemühte sich, Snape nicht dauernd anzustarren und konzentrierte sich mühsam auf das Gespräch seiner Mitschüler.
Ginny beklagte sich über den Unterricht bei Umbridge, Fred und George wiesen sie darauf hin, dass es doch egal sei, was die Frau machte. Seit dem Zeitungsartikel fehlte ihr der Rückhalt von Fudge. Allein, dass sie noch da war, war schon ein Wunder.
“Momentan legt die sich nur mit Dumbledore an”, sagte Dean. “Sie hat sich in den Kopf gesetzt, hier Direktorin zu werden. Ich habe das mal mitbekommen. Sie meinte, Fudge hätte ihr das zugesichert. Und sie hat ja immer noch ein paar Befugnisse.”
“Welche?”, fragte Hermine und schob ihren Teller weg.
“Sie kann immer noch über die Lehrer bestimmen”, sagte Ginny. “Trelawney gibt noch keinen Unterricht. Flitwick will sie wohl auch raus haben, aber da sperrt sich Dumbledore ein wenig, weil sein Fach ein Grundlagenfach für viele Berufe ist.”
“Stimmt”, murmelte Parvati. “Und der Ministeriumsfuzzi, der uns jetzt in Wahrsagen unterrichtet, hat keine Ahnung von dem Fach. Der interessiert sich nur für seine Tarotkarten und hat selbst keinen Durchblick. Er erzählt in jeder Stunde etwas Anderes.”
“Alles Unsinn. Ich glaube nicht an solchen Blödsinn. Wahrsagerei. Bringt einem nur Probleme.” Harry winkte ab. Einige seiner Mitschüler lachten.
Nach dem Essen gingen sie nach und nach runter in die Turnhalle. Einige durch den Geheimgang, andere durch den Keller. Snape kam zuletzt. Er kam in die Turnhalle appariert.
“Ich dachte, in Hogwarts kann man nicht apparieren?”, fragte Ginny ihn empört.
“Man nicht, ich schon.” Die Schüler lachten über den arroganten Tonfall. “Es stimmt, über Hogwarts liegt ein Apparierschutz. Wie eine unsichtbare Käseglocke. Versucht man rein oder raus zu apparieren, prallt man dagegen und das ist ungesund bis tödlich. Dieser Schutz ist aber eben um das Schloss herum, damit niemand einfach rein und raus kommt. Es wäre sonst schlecht zu kontrollieren. Im Schloss kann man schon apparieren, sollte aber die festgelegten Apparierpunkte kennen. Die werden magisch erzeugt und man kann sie ansteuern und sicher dort landen. Ohne die Kenntnis der Apparierpunkte ist es hier drinnen schwer, dafür sorgen einige uralte Zauber. Es ist nicht gewünscht, dass kindische Jugendliche hier wild herumspringen.” Wieder ein mehrstimmiges Lachen.
Harry hatte das Bild vor Augen, wie Voldemort in die Schule apparieren wollte, schön weit oben, auf einen der Türme. Dann prallte er gegen den Schutz und rutschte mit einem leisen Quietschen langsam nach unten. Er grinste bei der Vorstellung.
Snape zog seinen Umhang aus und legte ihn auf die Bank. Er trug jetzt eine schwarze Stoffhose und ein etwas weiteres dunkelblaues Oberteil. An den Füßen hatte er leichte Stiefel. Der Aufzug erinnerte an sein Kostüm von Halloween. Einige der Schüler starrten ihn irritiert an, denn niemand von ihnen hatte Snape jemals in anderen Sachen gesehen als in langen, schwarzen Umhängen. Maximal noch mit einem langen, schwarzen Mantel darüber. Bis eben auf Halloween.
“Blau steht Ihnen”, sagte George und musterte seinen Lehrer.
“Mir stehen noch andere Farben, aber das würde wohl die Schüler hier noch mehr irritieren.”
“Grün ist seine Farbe”, sagte Fred und grinste.
“Auf jeden Fall.” Snape sah sich um. “Mein Lieblingspyjama ist grün.”
Wieder staunten die meisten Schüler, der Rest lachte. Auch Harry grinste. Es verblüffte offenbar wirklich ein paar, dass Snape nicht im Umhang schlief. Als der Mann auf ihn zu kam, wurde er ernst.
“Mister Potter. Sie haben sich ziemlich gut gemacht. Was den Sport angeht. Sie sind kräftiger geworden, wenn auch nicht sehr, beweglicher, schneller. Und darauf würde ich gern aufbauen. Sie sollten, falls es auf einen Kampf hinaus läuft, nicht ein Duell anstreben, wie Magier es normalerweise bevorzugen. Das hatte ich ja schon einmal gesagt.”
“Nicht herumstehen, sondern bewegen.”
“Exakt.” Snape legte seinen Zauberstab auf die Bank, hielt kurz beide Hände leicht zur Seite und hielt im nächsten Moment zwei Schwerter oder sowas. “Das sind leichte Degen.” Gut, keine Schwerter. Degen. “Wir werden damit üben. Ich werde Ihnen ein wenig das Kämpfen mit diesen Waffen beibringen, weil das, wie ich auch mal erwähnt hatte, sehr mit einem magischen Duell zu vergleichen ist. Es läuft in etwa so. Trifft die Spitze meines Degens Sie, hätte auch der Zauber Sie erwischt. Bei einem Duell gegen Riddle sollten Sie das dringend vermeiden. Denn der Mann nutzt Sprüche, die Sie wahrscheinlich nicht gut aushalten oder im schlimmsten Fall, nicht überleben.”
“Ist mir klar. Unverzeihliche Flüche und aufwärts.”
Snape verzog das Gesicht. “Richtig. Und Sie haben Recht. Es gibt weiß Gott schlimmere Zauber als einen Imperius-Fluch oder einen Cruciatus. Und es gibt mehr als einen Todesfluch. Sie heißen nur anders.”
“Übertreiben Sie nicht ein wenig”, fragte Katie unsicher.
Snape deutet mit der Hand auf eine der Sportmatten. “Sectumsempra”, zischte er und die Matte war von mehreren tiefen Schnitten durchzogen. Das Futter lag verstreut drum herum. “Miss Bell, stellen Sie sich vor, das wäre Ihr Körper und sagen Sie mir, dass Sie das überleben würden.” Ernst blickte er sie an. “Und im Gegensatz zu DEM Todesfluch tut der hier richtig weh.”
“Warum ist dann DER Todesfluch ein Unverzeihlicher Fluch und andere nicht?”, fragte Hermine.
“Weil es gegen die drei Unverzeihlichen keinen Gegenzauber gibt, um sie zu blocken.”
“Heilige Scheiße”, murmelten die Weasley-Zwillinge. Ginny nickte hastig.
“Der Zauber ist ja megaübel.” Colin schüttelte sich. “Wie kommt man darauf?”
“Wie auf alle Zauber. Man braucht sie gerade. Den Spruch habe ich entdeckt. Wie auch einige andere mehr.” Snape musterte Harry, der ein wenig bleich geworden war. “Lernen Sie ihn. Ich glaube, Riddle kennt ihn nicht. Er kann sowas blocken, aber wenn ein paar Schnitte ihn streifen, sollte ihn das irritieren. Er mag vielleicht momentan unsterblich sein, aber unverletzlich ist er glaube ich nicht. Üben Sie auf keinen Fall an Mitschülern. Wie gesagt, der Fluch ist tödlich. Er ist nicht darauf ausgelegt, zu verletzen.”
“Aber er tötet nicht sofort, oder, Sir?”
“Kommt drauf an. Erwischt man wichtige Blutgefäße, wird das Opfer fast augenblicklich bewusstlos. Wenn nicht, leidet es und verblutet langsam.”
“Gibt es einen Gegenspruch?”, fragte Cho. Auch sie wirkte entsetzt.
“Vulnera Sanentur. Man muss ihn mehrfach auf das Opfer wirken. Es ist kein Heilspruch in dem Sinne. Es schließt die Wunden und zieht das Blut in den Körper zurück. Blocken kann man ihn mit einem einfachen Protego. Aber auch das sollte man vorher lange geübt haben. Schild- und Heilzauber sind nicht so einfach, wie manche Leute glauben. Vor allem muss man sich sehr konzentrieren. Sowas kann man aber lernen und auf sich selbst aussprechen, auch in einem Kampf. Gerade die Heilzauber sind extrem nützlich, wenn man sie beherrscht. Auch das sollten Sie üben.” Snape sah sich um. “Jetzt lassen Sie mich mit Mister Potter üben und machen selbst irgendetwas Sinnvolles. Egal, wie ein Treffen der Todesser mit Ihnen allen aussieht, es wird wohl auf einen Mann gegen Mann - Kampf zwischen ihm und Riddle hinaus laufen. Er muss besser trainiert sein als Sie alle.”
Die Schüler zerstreuten sich. Einige machten Dehn- und Aufwärmübungen mit Nick, andere hatten Bücher dabei und lasen. Es waren nicht immer alle hier, um aktiv zu trainieren. Oft waren auch einzelne Schüler nur hier, um bei der Gruppe zu sein. Um zu fühlen, dass sie nicht allein waren.
Harry konzentrierte sich auf Snape, der ihm den Degen in die Hand drückte. Er schloss seine Finger um den Griff.
“Das, was Sie in der Hand haben, ist ein Sportdegen. Er ist dreikantig, wie Sie bei genauerem Hinsehen feststellen und die Klinge ist ein wenig elastisch. Weshalb es auch sinnlos ist, damit zuschlagen zu wollen. Es ist eine Stichwaffe und damit dem Zauberstab ähnlich. Schlagwaffen wären ein Schwert, ein Florett oder ein Säbel. Für einen echten Kampf sind Degen eher ungeeignet. Für Magier wurden sie jahrhundertelang zum Trainieren benutzt. In den letzten 200 Jahren ist es unmodern geworden. Meiner Meinung nach ein Fehler.”
Snape zeigte ihm, wie er stehen musste, wie er den Degen halten sollte. Locker, aber nicht zu locker. Elastisch, nannte er es. Flexibel. Beweglich. Er zeigte ihm Angriffs- und Abwehrattacken, die er Paraden nannte. Und er erklärte ihm, dass man, wie bei einem magischen Duell, mit Respekt kämpfte. Es gab einen Fechtergruß, den man vor und nach dem Kampf absolvieren musste und man schüttelte sich die unbewaffnete Hand nach einem Kampf.
Harry kam mit den Gedanken weg von den neuen Erkenntnissen über seinen Lehrer und tat stattdessen, was Snape verlangte. Er ließ sich auf den neuen Sport ein. Attackierte, parierte und kam richtig ins Schwitzen. Aber es machte ihm Spaß. Und er bemerkte nach einer guten Stunde des harten Trainings auch, dass es hier wirklich starke Parallelen gab zwischen magischem Duell und Degenfechten.
“Sehr gut”, lobte Snape ihn am Ende und hob den Degen. Er grüßte, wie er es Harry beigebracht hatte und reichte ihm die Hand.
Harry nahm sie und schüttelte sie leicht. Er war verblüfft, dass sie immer noch kühl war. Aber gut, die Erklärung dafür kannte er ja. Snape sah auch nicht im Mindesten angestrengt aus. Er schwitzte nicht.
“Das hat Spaß gemacht”, sagte er.
“Das freut mich. Mir auch. Das ist einer der Punkte, wo Lupin mir fehlt.”
“Wieso?”, fragte er irritiert.
“Er kann ziemlich gut kämpfen. Wir haben uns einige Duelle geliefert in der Zeit, wo er hier Lehrer war.”
Jetzt hörten wieder einige Schüler zu. Hermine sah Snape irritiert an. “Wir dachten, Sie hätten ihn verpfiffen. Weil Sie ihn nicht leiden konnten.”
“Ich halte einen Werwolf an einer Schule für gefährlich und so ganz Unrecht hatte ich ja nicht. Aber nein, ich habe ihn nicht verpfiffen. Ich weiß nicht, wer die Info über seinen Zustand an das Zaubereiministerium rausgegeben hat, aber meine Wenigkeit war es nicht.”
“Ich gehe jetzt duschen. Mein Gott, ist das anstrengend”, murmelte Harry. Er wischte sich über die Stirn. “Wann können wir wieder trainieren?”
“Wann immer Sie Zeit haben, Mister Potter.” Snape lächelte. “Gehen Sie. Sie sind völlig durchgeschwitzt und werden kalt.”
Fred musterte Snape. “Sie sehen aus, als wären Sie frisch aus dem Bett geklettert.”
“Woher wollen Sie wissen, wie ich aussehe, wenn ich aus dem Bett komme? Um Ihretwillen sollten Sie das nie erleben.” Er lachte leise. “Ich bin ein Morgenmuffel. Und mich da anzusprechen oder in irgendeiner anderen Weise bei meinem normalen Trott zu stören, ist tödlich.”
Der etwas ältere Zwilling nickte verstehend. “Kenne ich.”
Snape legte den Degen weg, der sofort von den Schülern in Augenschein genommen wurde und wandte sich an Nick. “Mister Burkhardt. Mister Potter ist fertig, ich habe noch Energie. Sie sind dran. Auf Sie warten Prüfungen, eine ist eine Sportprüfung. Wir sollten noch mal testen, ob Sie sie bestehen.”
“Ja, Sir”, sagte Nick.
Harry lächelte und verließ die Turnhalle durch den Geräteraum. Von hier war es viel kürzer zum Gemeinschaftsraum der Gryffindors, wo seine Tasche stand und damit auch kürzer zu den Duschen. Und Snape hatte Recht. Er fror leicht, weil seine Sachen nass waren. Und die Flure des Schlosses waren alles andere als gut geheizt.

Am Sonntag war Harry auf dem Weg zu Dumbledore. Er hätte sich lieber mit dem Mann an einem neutralen Ort getroffen. In seinem Büro fühlte er sich etwas ausgeliefert. Aber da Dumbledore gemeint hatte, er hätte keine Zeit für solche Albernheiten, hatte Harry sich bereit erklärt, dort zu reden.
Er klopfte an die Tür, trat ein und blickte sich um. Dumbledore stand am Fenster, den Rücken dem Raum zugewandt. Fawkes saß auf seiner Stange und blinzelte. Er krächzte leise. Das Tier beruhigte ihn.
“Professor.”
“Setz dich, Harry.”
Es war ihm nicht Recht, dass der Mann ihn duzte. Bei allen Lehrern wäre es ihm egal, bei Dumbledore war es ihm nicht mehr Recht. Einfach weil er das Gefühl hatte, dass dieser Mann ihm so vermitteln wollte, dass er weit über ihm stand und dass Harry in seinen Augen noch ein kleines Kind war.
Er tat es und setzte sich. Betont ruhig. Als der Mann sich ihm zuwandte, schluckte er leicht. “Worüber willst du reden? Ich habe keine Zeit.”
“Dann nehmen Sie sie sich. Wir zwei haben ein Problem. Ich werde älter, reifer und stärker. Ich habe eigene Ideen und eigene Ansichten. Und das passt Ihnen nicht.”
“Du…”
“Moment, Professor. Bitte lassen Sie mich aussprechen.” Dumbledore schwieg, funkelte ihn aber mit seinen blauen Augen an. “Es ist okay. Es muss Ihnen nicht gefallen. Und mir muss nicht gefallen, was Sie tun. Die Sache mit dem Brief war eine Unverschämtheit und das wissen Sie. Aber es ist jetzt auch egal. Ich habe den Brief und für mich ist die Sache abgeschlossen. Aber wir haben ein Problem. Alle Magier und eigentlich auch alle Muggel in diesem Land haben ein gemeinsames Problem. Und das ist Voldemort.”
Dumbledore atmete tief durch und setzte sich ebenfalls. “Das sehe ich auch so”, knurrte er.
“Ich muss wissen, ob wir noch auf derselben Seite stehen. Gegen Voldemort, oder ob Sie mich so hassen, dass Sie mich ihm überlassen und insgeheim an einem anderen Plan basteln.”
“Wie kommst du auf die Idee?”, brauste der Mann auf.
“Es ist einfach mein Gefühl. Ich trainiere, für den Kampf. Ich trainiere eifriger als je zuvor. Aber wenn Sie mich anschauen, liegt eine Verachtung und ein Spott in Ihrem Blick, dass ich den Eindruck habe, Sie haben einen Plan, der alle meine Bemühungen zunichte macht.”
Dumbledore starrte ihn für einen Moment an. “Ich kämpfe seit Jahrzehnten gegen diesen Mann.”
“Nein, Sir. Das tun Sie nicht. Sie schicken andere Leute vor, um für Sie zu kämpfen und sitzen hier und schmieden die Pläne. Ich will wissen, wo ich in diesen Plänen stehe und inwieweit ich mich auf Sie verlassen kann.”
“Offenbar glaubst du ja, alles allein zu schaffen.”
“Ganz sicher nicht. Darum lass ich mich trainieren und trainiere mit anderen.”
“Ohne meine Erlaubnis.”
Harry hatte Mühe, ruhig zu bleiben. “Sie lassen hier eine Lehrerin Verteidigung unterrichten, die nichts macht. Sie wissen, dass Voldemort zurück ist und tun nichts, um uns vorzubereiten. Sie trainieren mich nicht und die anderen Schüler auch nicht. Wie sollen wir uns denn wehren, wenn Voldemort angreift?”
“Ich habe einen Plan, aber den dürft ihr noch nicht wissen.”
“Und wie viele Tote haben Sie eingeplant? Und weiß Voldemort auch von dem Plan? Sonst könnte es ja passieren, dass er anders handelt, als Sie geplant haben.”
Der alte Mann lachte überheblich. “Ich kenne ihn. Ich weiß, wie er reagieren wird.”
Harry stand jetzt auf. “Sie glauben es zu wissen, Professor Dumbledore. Nur wir vertrauen Ihnen nicht mehr so.”
“Du wiegelst sie auf. Du machst ihnen Hoffnung und führst sie in den sicheren Tod. Es ist dir vorherbestimmt, dass du kämpfst. Nicht ihnen. Sie sind Soldaten. Sie sind nur dafür da, um an wichtigen Punkten platziert zu werden. Sie werden vor einer Armee von Todessern und Geschöpfen der Dunkelheit stehen und glauben, kämpfen zu können, aber sie werden zerquetscht werden. Bei meinem Plan würden nur ein paar sterben. Ein paar Menschen müssen immer geopfert werden.”
Schweigend stand Harry im Büro. Die Porträts an den Wänden blickten verwirrt und besorgt auf Dumbledore hinab. “Ich habe meine Antwort. Wir stehen nicht auf derselben Seite, auch wenn Professor Snape das glaubt. Für Sie sind wir keine Kinder, die beschützt werden müssen, sondern nur Bauern in einem Schachspiel, was Sie glauben zu kontrollieren. Professor Dumbledore, ich kündige. Sie glauben zu wissen, dass mir vorher bestimmt ist, in Ihrem genialen Plan zu kämpfen und zu sterben, damit Sie am Ende als brillanter Denker und Stratege dastehen, aber Sie irren sich. Ich bin ein fühlender, denkender Mensch und wenn ich kämpfe, dann nur, um mich und meine Freunde zu beschützen. Was mit Ihnen und diesem Land passiert, mit all den feigen Magiern, die Ihnen nachkriechen, in der Hoffnung, nur nicht selbst kämpfen zu müssen, ist mir vom heutigen Tag an egal.” Er ging zur Tür und warf sie hinter sich zu.
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