Verliebt in einen Engel

GeschichteRomanze, Familie / P12 Slash
Castiel Dean Winchester Sam Winchester
27.04.2020
31.07.2020
6
21.404
20
Alle Kapitel
64 Reviews
Dieses Kapitel
13 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
27.04.2020 3.948
 
Hi, ihr Lieben,

ja, ihr seht richtig, es gibt eine neue, kleine Geschichte von mir. Und ich freue mich sehr, dass ihr hierher gefunden habt. :)

Ich hatte es schon angekündigt, ich habe mich dazu entschlossen, meinen Destiel-One-Shot »Er liebt mich, er liebt mich nicht…« nun auch aus Deans Sicht zu schreiben. Ich hatte euch im ersten One-Shot gefragt, was ihr davon haltet und ich hab sehr positive Rückmeldungen bekommen, per Review und per Mail (an dieser Stelle vielen Dank dafür :*). Von daher konnte ich natürlich gar nicht anders als das Vorhaben in die Tat umzusetzen. :)
Grund dafür ist, dass der erste One-Shot rein aus Castiels Sicht geschrieben ist und dadurch bei ein paar Lesern die eine oder andere Frage aufgekommen ist. Und ich hoffe, ich kann sie mit dieser Geschichte aus dem Weg räumen. :)
Eigentlich arbeite ich gerade noch an einer Monster of the Week Story, aber ich wollte das noch kurz dazwischenschieben, weil es wirklich eine kürzere Sache ist und durch die Vorlage ja auch schon einiges gegeben ist. :) Und ich wollte auch nicht, dass zwischen den beiden One-Shots so viel Zeit liegt.

So, genug davon, jetzt noch kurz zur Geschichte selbst. Die Geschichte ist tatsächlich etwas länger geworden als anfangs gedacht und da ich euch nicht gleich mit 20.000 Wörtern erschlagen wollte, habe ich mich nach langem Überlegen dazu entschieden, den One-Shot in ein paar Kapitel aufzuteilen. :) Es ist auch schon einiges fertig, von daher kommen die Kapitel regelmäßig. Ich schätze, es werden so um die fünf Kapitel.
Man muss »Er liebt mich, er liebt mich nicht…« nicht zwangsläufig gelesen haben, um das hier zu verstehen, von Vorteil wäre es aber natürlich trotzdem. Deshalb hier noch einmal der Link:

»Er liebt mich, er liebt mich nicht…«

Für alle, die jetzt fürchten, dieser One-Shot wäre lediglich eine 1:1 Kopie des Vorgängers, nur eben aus der Sicht von Dean, den kann ich gleich beruhigen. Es gibt hier einige neue Szenen und auch solche, die im anderen One-Shot nur angeschnitten wurden. Ich hab die »Wiederholung« wirklich nur auf das Wesentliche beschränkt. :)

Gewidmet ist die Geschichte der lieben Zoe Winchester. :* Ich freue mich, dass wir weiterhin Kontakt halten, auch wenn die Zeiten gerade etwas turbulent sind. Danke auch für die vielen, lieben Reviews, ich weiß das sehr zu schätzen, glaub mir! <3 Ich hoffe, ich kann dir mit dieser Geschichte eine Freude bereiten. :)

Warnungen gibt es keine, lediglich vor jede Menge Fluff. :D
Spoiler gibt es bis einschließlich Staffel 8, aber nur, weil der Bunker vorkommt.

Disclaimer: Die vorkommenden Charaktere und Schauplätze gehören nicht mir, sondern Eric Kripke und The CW. Ich verdiene mit der Veröffentlichung der Geschichte kein Geld.

Jetzt wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen und hoffe, euch gefällt die kleine Geschichte! <3 Über eure Rückmeldungen würde ich mich natürlich wie immer sehr freuen! :)

Liebe Grüße und bleibt gesund,
eure Phoenix :*



*** *** ***** *** ***


Verliebt in einen Engel


ERSTES KAPITEL

Gefühle im Chaos



Reno, Nevada


Verdammt, was war nur los mit ihm? Das war doch nicht mehr normal! Seit Wochen aß Dean nur noch wenig, nicht einmal ein saftiger Burger konnte ihn – sehr zu Sams offenkundiger Verwunderung – noch locken. Er schlief zu wenig und trank zu viel, meistens Whisky oder anderen hochprozentigen Alkohol, und inzwischen schlug sich das alles deutlich auf Deans Stimmung nieder. Er war ungeduldig, lustlos und viel zu leicht reizbar.

An diesem Abend hatte Deans eigenartiges Verhalten jedoch völlig neue Dimensionen angenommen. Nachdem die Brüder ein Vampirnest in der Nähe ausgeräuchert hatten, hatte Dean beschlossen, in eine Bar zu gehen… und zwar allein. Zu seiner Erleichterung war Sam ohnehin nicht daran interessiert gewesen, ihn zu begleiten. Schließlich wusste er ganz genau, wie solche Abende in der Regel endeten.

Dean hatte gehofft, es würde ihm guttun, mal rauszugehen und den Kopf freizubekommen, und Sam hatte ihn ohne Widerworte gehen lassen. Irgendwie hatte sein kleiner Bruder sogar erleichtert gewirkt, seine miese Laune nicht länger ertragen zu müssen… zumindest für ein paar Stunden. Wenn er ehrlich war, konnte Dean es ihm nicht einmal verübeln, schließlich ging seine Stimmung inzwischen sogar ihm selbst gewaltig auf die Nerven.

In dieser Bar, dem Old Bridge Pub, hatte es genügend Auswahl gegeben. Kaum hatte er an der Theke Platz genommen und ein Bier bestellt, war eine junge, rothaarige Frau namens Beth zu ihm gekommen. Hübsch, knapp gekleidet, schlank und trotzdem kurvig, mit grünen Augen, roten Lippen und einem bezaubernden Lächeln. Sie hatte heftig mit ihm geflirtet und ihn nach dem dritten Bier gefragt, ob er Lust hätte, die Unterhaltung etwas privater fortzuführen.

Mit diesem Vorhaben war Dean zumindest in die Bar gegangen, trotzdem hatte er nach diesem eindeutigen Angebot ihrerseits gezögert und sie für eine Weile einfach nur angesehen. Sie war verdammt heiß und definitiv eine Versuchung gewesen, dennoch hatte ihn irgendetwas an ihr gestört. Ihre Augen waren zu grün gewesen, die Lippen zu weich, die Haare zu lang, zu wallend und zu rot.

Während er Beth so angesehen hatte, hatte ihr Gesicht begonnen, vor seinen Augen zu verschwimmen, als hätte er zu viel Alkohol getrunken. Plötzlich hatte er nicht mehr in ihre Augen geblickt, sondern in ein schier unendliches Blau, das derart intensiv geleuchtet hatte, als hätte sich der Himmel darin verloren. Es waren die Augen von Castiel. Jenes Engels, der ihn schon vor Monaten in ein solches Gefühlschaos gestürzt hatte, dass er kaum noch klar denken konnte.

Es mochte nur wenige Sekunden angedauert haben, bis sich der Nebel um seinen Verstand gelichtet und er wieder Beth vor seinen Augen gesehen hatte, doch dieser kurze Moment hatte alles geändert. Plötzlich hatte er es nicht mehr gekonnt, mit ihr zu gehen… und ein anderer Teil hatte es auch nicht gewollt. Jener Teil, den er so krampfhaft unterdrückt hatte, dass er kaum noch daran gedacht hatte… bis zu diesem Augenblick.

Dean hatte schweren Herzens abgelehnt und nachdem sie beleidigt und empört davon gegangen war, hätte er sich insgeheim für seine Reaktion verfluchen können. Doch anstatt ihr hinterherzugehen, hatte er sein Bier geleert und den einen oder anderen Whisky bestellt… bis ihm der Kopf geschwirrt und er einfach nur noch in sein Bett gewollt hatte.

Jetzt befand er sich zu Fuß auf dem Weg zurück zu dem Motel, in das sich die Brüder vor ein paar Tagen einquartiert hatten. Den Impala hatte er in weiser Voraussicht dort stehen lassen und im Nachhinein betrachtet war es auch besser so. In seinem Zustand sollte er sich definitiv nicht mehr hinter das Lenkrad eines Autos setzen. Erst recht nicht hinter das seines geliebten Babys.

Also folgte Dean mit den Händen in den Taschen seiner Jeans vergraben dem Gehweg zu dem etwa zehn Minuten entfernt gelegenen Motel, atmete tief ein und spürte, wie die Nachtluft seine Lungen flutete. Sie war frisch und klar und noch vom erdigen Geruch eines kurzen Regenschauers durchzogen. Die Luft fühlte sich kalt auf seinen nackten Unterarmen an und ließ ihn frösteln, aber es war nicht unangenehm. Der kurze Spaziergang half, um zumindest etwas munterer zu werden.

Gedankenverloren kickte der Winchester einen kleinen Stein vor sich her, während nur noch wenige Passanten seinen Weg kreuzten. Es war ruhig am Stadtrand von Reno, für seinen Geschmack sogar etwas zu ruhig. So konnte er nicht verhindern, dass seine Gedanken immer wieder zu jenem Moment in der Bar drifteten, in dem er für einen flüchtigen Augenblick statt Beth Castiel vor sich gesehen hatte.

Verdammt!, dachte Dean kopfschüttelnd und biss sich angespannt auf die Unterlippe.

Er verstand nicht, was mit ihm los war. Eigentlich hatte er lediglich eine schöne Nacht mit einer wildfremden Frau verbringen wollen, voll brennender Leidenschaft und Begierde, nur um am nächsten Morgen der Stadt und somit auch seiner Eroberung zusammen mit Sam den Rücken zu kehren. Genau wir er es bereits unzählige Male getan hatte. Stattdessen befand er sich auf dem Rückweg zum Motel, frustriert, genervt und mit den Gedanken ganz weit weg… bei Castiel.

In letzter Zeit kam es immer häufiger vor, dass sich der unbeholfene Engel einen Weg in seine Gedanken stahl. Nachts, wenn er im Bett lag und nicht einschlafen konnte, aber auch tagsüber, wenn er sich fragte, was sein bester Freund in diesem Augenblick gerade tat. Castiel verfolgte ihn sogar bis in seine Träume, aber zu seiner eigenen Verwunderung fand er das nicht so merkwürdig wie er es womöglich sollte.

Vielleicht lag es daran, dass Castiel ihm fehlte. Im Moment bekamen die Brüder ihn viel zu selten zu Gesicht. Irgendeine Engelsache, weder Sam noch Dean wussten, worum genau es ging. Castiel hatte sich in dieser Hinsicht sehr bedeckt gehalten. Wenn der Jäger ehrlich war, spielte es auch keine Rolle. Fakt war, er vermisste den Engel und womöglich war das der Grund, wieso er unentwegt an ihn dachte.

Ein Teil von ihm jedoch glaubte, dass das längst nicht alles war. Schließlich hatte sich Castiel schon früher für ein paar Wochen nicht oder nur spärlich gemeldet, aber dieses Mal war es anders. Zwischen ihnen war es anders, schon seit ein paar Monaten, aber vollkommen egal, wie lange er darüber nachdachte, er konnte nicht genau definieren, was es war. Es war zum Verrücktwerden!

Mit einem genervten Brummen schob er die verwirrenden Gedanken an Castiel so gut es ihm möglich war zur Seite und konzentrierte sich stattdessen auf die restliche Strecke. Der Spaziergang dauerte nur noch wenige Minuten, bis er weiter vorne das orange leuchtende Reklameschild ihres Motels ausmachen konnte, das die gesamte Umgebung in ein schummriges Licht tauchte.

Als er direkt vor ihrem Zimmer verharrte, stieß Dean ein tiefes Seufzen aus und fuhr sich mit fahrigen Bewegungen über das stoppelige Gesicht, dann zog er in seinem Zustand ein wenig unbeholfen den Schlüssel aus der Hosentasche. Als er ihn in das Schloss schieben wollte, entglitt er seinen Fingern und fiel leise klimpernd zu Boden. Mit einem gemurmelten Fluch auf den Lippen bückte er sich und hob den Schlüssel auf, ehe er die Tür aufsperrte.

Als er eintrat und sich in dem winzigen Zimmer mit den vergilbten Tapeten, dem obligatorischen Raumtrenner und den modisch fragwürdigen Gardinen umsah, entdeckte er Sam auf einem der Betten. Verdutzt sah er zu Dean herüber, mit dem Laptop auf seinem Schoß, während aus dem Fernseher leise Gesprächsfetzen an seine Ohren drangen. So, wie er Sam kannte – und er kannte ihn verdammt gut – surfte er nicht im Internet, um nach Pornos zu suchen, sondern vielmehr zu Recherchezwecken.

»Hey, Sammy«, begrüßte er seinen Bruder, schloss die Tür hinter sich und gab sich die größte Mühe, sich seinen angetrunkenen Zustand nicht anmerken zu lassen. Er wollte nicht schon wieder mit Sam darüber diskutieren, dass er in letzter Zeit zu viel trank.

»Dean?«, entwich es Sam sichtlich überrascht, während er dabei zusah, wie Dean den Schlüssel auf den kleinen Tisch zu seiner Rechten warf. »Mit dir hab ich gar nicht gerechnet… nicht vor morgen früh.«

»Witzig, Sammy«, brummte Dean, rollte mit den Augen und setzte sich schwerfällig auf das zweite Bett. Sam musterte ihn argwöhnisch, dann stellte er den Laptop auf das Bett. Genau so, dass Dean einen Blick auf den Bildschirm erhaschen konnte. Natürlich hatte Sam gerade irgendeinen Bericht durchgelesen. Manchmal war es fast unheimlich, wie gut sie einander kannten.

»Bist du betrunken?«, fragte Sam mit gekräuselter Stirn, griff nach der Fernbedienung und schaltete den Fernseher aus. Augenblicklich kehrte im Zimmer eine unangenehme Stille ein.

»Ein bisschen vielleicht?«, erwiderte Dean und zuckte gleichgültig mit den Schultern.

»War das eine Frage?«, hakte Sam zur Sicherheit noch einmal nach und beobachtete Dean mit zusammengezogenen Augenbrauen dabei, wie er sich mit der Hand über den Nacken strich.

»Mhm«, war alles, was Dean darauf erwiderte. Weil Sam aus dieser Antwort scheinbar nicht schlau wurde, beließ er es dabei und schlug stattdessen mit einem Grinsen auf den Lippen ein anderes Thema an.

»Was ist los mit dir? Wolltest du nicht eigentlich eine Frau aufreißen, um etwas Dampf abzulassen?«, neckte Sam ihn. Dean ließ die Hand in seinen Schoß fallen und beäugte seinen Bruder grimmig. »Sag bloß, du hast einen Korb gekriegt und dich aus Frust so volllaufen lassen?«

Wenn du wüsstest…, dachte Dean, als er sich die rothaarige Beth ins Gedächtnis rief, wie sie ihn mit ihren grünen Augen von oben bis unten betrachtet hatte, als hätte sie sich vorgestellt, wie er wohl ohne Kleidung aussah.

Er könnte jetzt bei ihr sein und zumindest für ein paar Stunden all die Dinge vergessen, die ihn nicht mehr loslassen wollten. Mit den Gedanken einzig und allein bei Beth, sein Blick so weit entrückt, bis alles andere in völlige Bedeutungslosigkeit überging… aber er hatte es nicht gekonnt. Nicht, nachdem sich Castiel zum wiederholten Male einen Weg in seine Gedanken geschlichen hatte, aber das musste er Sam nicht unbedingt auf die Nase binden.

»Nein, daran lags nicht. Da war eine echt heiße Braut, die hätte mich fast mit ihren Blicken ausgezogen, aber…«, setzte Dean zu einer Erklärung an, hielt jedoch inne und dachte angestrengt darüber nach, wie er diesen Satz beenden sollte.

»Was, aber?«, wollte Sam wissen und robbte ein Stück weiter nach vorne, bis er ihm gegenüber auf der Kante seines Bettes saß. Dean wich seinem fragenden Blick aus und sah stattdessen nachdenklich auf den dunkelbraunen Teppich, der ein paar undefinierbare Flecken aufwies.

»…aber ich konnte nicht. Also hab ich ihr einen Korb gegeben, nicht andersrum, und mich aus Frust volllaufen lassen«, fuhr Dean nach kurzem Zögern fort. Die Sache mit Castiel ließ er wohlweislich aus.

»Du konntest nicht?«, wiederholte Sam die Worte seines Bruders und beäugte ihn mit hochgezogenen Augenbrauen. Dean schnaubte und gab ihm die Antwort lediglich durch ein Nicken. »Warte mal, das muss ich erst einmal begreifen. Du, der Weiberheld schlechthin, der alles vögelt, was nicht bei drei auf einem Baum ist, konntest nicht?«

»Musst du auch noch drauf herumreiten?«, brummte Dean und sah genervt zu ihm auf. In diesem Moment wünschte er sich, er wäre doch mit Beth gegangen. Dann müsste er sich wenigstens nicht mit seinem neugierigen Bruder herumschlagen.

»Entschuldige, aber ich hätte nicht geglaubt, dass ich diesen Tag noch erleben darf«, erwiderte Sam und strich sich mit einem angedeuteten Grinsen ein paar der viel zu langen Haarsträhnen aus dem Gesicht. Dean rollte mit den Augen.

»Du musst grade den Mund aufmachen mit deinem Mönchdasein, also halt die Klappe, Sam«, knurrte er mit grimmiger Miene, wandte sich von Sam ab und streifte ein wenig umständlich die Schuhe von den Füßen. Danach lehnte er sich rücklings gegen die Wand in seinem Rücken und streckte die Beine auf der Matratze aus.

»Willst du drüber reden?«, fragte Sam vorsichtig nach. Dean spähte mit einem mürrischen Schnauben zu ihm herüber und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Seh ich so aus, als würde ich drüber reden wollen?«, konterte er und sowohl seine Haltung als auch seine Tonlage machten deutlich, dass er keine weiteren Nachfragen duldete. Sam hingegen dachte offenbar nicht daran, das Thema ruhen zu lassen.

»Nicht wirklich, aber… du bist in letzter Zeit echt mies drauf und ich werde das Gefühl nicht los, dass mit dir irgendwas nicht stimmt«, sprach Sam seine Gedanken aus und Dean entging nicht, wie sich eine anfängliche Besorgnis über die Züge des anderen legte. Als Dean keinerlei Regung zeigte, fuhr er fort. »Und mal ehrlich, dass du eine Frau abweist, ist wohl das wichtigste Indiz.«

»Indiz wofür?«, fragte Dean. Eigentlich wollte er nicht darüber reden, aber die Worte seines Bruders ließen ihn doch aufhorchen.

»Komm schon, Dean, du hast keinen Appetit, bist lustlos, trinkst zu viel und jetzt hast du auch noch diese heiße Braut abblitzen lassen«, zählte Sam auf und betrachtete seinen großen Bruder eingehend, als suchte er etwas auf seinen Zügen. Als er dem Blick nicht länger standhalten konnte, sah Dean mit hart aufeinander gekrampften Zähnen zur Seite. »Wenn ich’s nicht besser wüsste, würde ich sagen, du bist verliebt.«

»Was?«, kam es fassungslos über Deans Lippen und richtete die Aufmerksamkeit beinahe empört zurück auf seinen Bruder. Sam hingegen blieb ruhig und musterte ihn mit wachsamer und wissender Miene. »Red keinen Schwachsinn, das würde ich ja wohl wissen, oder?«

»Da bin ich mir nicht so sicher«, widersprach Sam nachdenklich. Wieder eine dieser Aussagen, die Dean nicht unkommentiert stehenlassen konnte.

»Wie meinst du das?«, wollte Dean wissen, dieses Mal nicht mehr derart grimmig wie noch vorhin.

»Wann warst du dir schon mal über deine Gefühle im Klaren?«

»Eigentlich immer«, kam Deans prompte Antwort. Sam lachte leise auf und schüttelte amüsiert den Kopf.

»Nie trifft es da wohl eher«, widersprach er seinem großen Bruder.

Dean stieß die Luft geräuschvoll durch die Nase aus, wandte den Blick ab und dachte über die Worte nach. Sam hatte recht, aber das wollte er nicht zugeben… schon gar nicht vor ihm. Dean hatte sich schon immer schwergetan, Gefühle zu akzeptieren oder sie gar zuzulassen. Er hatte es sich schlicht nicht leisten können, schließlich hatte er schon als Kind mehr Verantwortung getragen als die meisten Erwachsenen.

Er hatte nicht nur für Sammy da sein müssen, sondern auch oft genug für John, wenn er verwundet von einer Jagd zurückgekommen war. In solchen Momenten hatte er funktionieren müssen, vollkommen egal, wie es ihm dabei gegangen war. Da war schlicht und ergreifend kein Platz für Gefühle gewesen, auch nicht während der Jagd. Also hatte er schnell begreifen müssen, dass Gefühle nur hinderlich waren, und deshalb nie wirklich gelernt, damit umzugehen.

»Hat es was mit Cas zu tun?«, riss ihn Sams Frage jäh aus den Gedanken. Wie aus einem Traum geschreckt sah Dean zu seinem Bruder, der dem überraschten Blick standhielt. Ruhig, verständnisvoll und einfühlsam, genau wie immer.

Cas…, schoss der Gedanke an den Engel durch seinen Kopf. Genau wie bereits unzählige Male in den letzten Wochen.

Ja, es hatte mit Castiel zu tun, aber es fiel ihm schwer, sich genau das einzugestehen. Sogar verdammt schwer. Irgendetwas hatte der Engel an sich, das ihn nicht mehr loslassen wollte. Es war nicht immer so gewesen, zumindest nicht derart ausgeprägt, jetzt hingegen konnte er die Anziehung zwischen ihnen nicht mehr leugnen… selbst wenn er sich ständig etwas anderes einzureden versuchte.

Der Jäger konnte sich nicht einmal daran erinnern, wann genau sich ihre Beziehung geändert hatte. Welcher Moment dafür ausschlaggebend gewesen war, welche Worte oder welche Blicke ihn derart in den Bann gezogen hatten. Wenn er ehrlich war, spielte es jedoch nicht die geringste Rolle für ihn. Etwas zwischen ihnen hatte sich verändert, auch wenn er es nicht wahrhaben wollte.

»Wieso denn mit Cas?«, hielt Dean gespielt ahnungslos dagegen und gab sich die größte Mühe, so ruhig wie möglich zu klingen, doch es gelang ihm nicht. Das sagte ihm das wissende Lächeln seines Bruders mehr als deutlich. Sam hatte ihn ertappt und plötzlich fühlte sich Dean verdammt unwohl in seiner Haut.

»Ich weiß nicht, ich hab schon seit einer Weile das Gefühl, dass sich da irgendwas zwischen euch verändert hat«, überlegte Sam, fast so, als hätte er die Gedanken des anderen gelesen. »Ich weiß, ich lehne mich damit verdammt weit aus dem Fenster, aber… vielleicht hat deine miese Laune was mit Cas zu tun. Vielleicht bist du… in ihn verliebt.«

Deans Atmung stockte, als der Sinn dieser Worte bis zu seinem Verstand hindurchsickerte. Sam glaubte, er wäre in Castiel verliebt? Wie kam er denn darauf? Ja, er vermisste Castiel und ihm war durchaus bewusst, dass sie eine tiefe Verbundenheit teilten, aber deswegen war er doch noch lange nicht in ihn verliebt… oder? Ausgerechnet er, Dean Winchester, sollte sich in einen Engel in einer männlichen Hülle verliebt haben?

Schwachsinn!, dachte Dean, aber sogar er bemerkte, dass sein Widerstand nicht derart vehement war, wie er es vielleicht sein sollte.

Ein Teil von ihm wusste, dass Sam recht hatte. Jener Teil, den er seit Wochen tief in seinem Inneren begraben wollte, damit niemand diese Gedanken je wieder hervorholen konnte. Doch der Versuch war kläglich gescheitert, denn Castiel drängte sich trotzdem immer wieder einen Weg in seinen Verstand… und Sam war es endgültig gelungen, die Mauer einzureißen, hinter der er die Gefühle verborgen gehalten hatte.

Dean sehnte sich nach ihm und wenn der Engel nicht da war, vermisste er sogar die Momente, in denen Castiel wieder einmal ungefragt in seinen persönlichen Freiraum eingedrungen war. Deswegen hatte er so miese Laune, trank zu viel und aß zu wenig. Deswegen konnte er Castiel nicht loslassen, selbst wenn er krampfhaft versuchte, an etwas anderes zu denken. Weil sich Dean allen Widrigkeiten zum Trotz in ihn verliebt hatte.

Der Gedanke überrollte ihn wie eine Lawine, löste ein Dröhnen in seinem Kopf und ein Kribbeln in der unruhigen Magengegend aus. Die Gewissheit lag vor ihm, klar und deutlich, er müsste nur noch zugreifen, aber noch zögerte er… und als er Sams neugierigen Blick auf sich spürte, versuchte er, mit einem auffälligen Räuspern die Sicherheit von vorhin zurückzuerlangen.

»Das soll wohl ein schlechter Scherz sein?«, fragte Dean und schob die aufkommenden Gedanken beiseite, doch es gelang ihm nicht vollständig.

»Nein, das ist mein voller Ernst«, erwiderte sein Gegenüber entschieden, ohne Dean aus den Augen zu lassen. Weil der Blick seines Bruders und auch dieses Gespräch zunehmend unangenehmer für Dean wurden, beschloss er, das zu tun, was er in all den Jahren beinahe perfektioniert hatte: Abblocken.

»Hast du mal wieder zu viel Oregano geraucht, oder was?«, lenkte er die Unterhaltung von sich auf Sam und brachte trotz allem ein Grinsen zustande. Dabei war ihm zumindest im Moment nicht danach zumute. »Tu mir den Gefallen und erspar mit die Therapiesitzungen. Dafür hab ich heute echt keinen Nerv mehr...«

»Dean…«, wollte Sam etwas einwerfen, doch Dean fuhr ihm jäh dazwischen. Er wollte seine Worte nicht hören… zumindest nicht jetzt. Zuerst musste er den Gedanken akzeptieren, dass er sich in den unbeholfenen Engel im Trenchcoat verliebt hatte und das fiel ihm schon schwer genug.

»Okay, weißt du was? Denk, was du willst, aber ich hau mich jetzt aufs Ohr. Mein Schädel brummt und ich bin hundemüde. Also halt einfach deine verdammte Klappe und lass mich schlafen. Und wehe, du fängst noch einmal damit an, klar? Dann brech ich dir die Nase«, unterbrach er seinen Bruder schroff und ließ keine Zweifel offen, dass er seine Drohung in die Tat umsetzen würde, ohne zu zögern.

Dean bedachte sein Gegenüber mit einem letzten, grimmigen Blick, dann legte er sich mit dem Rücken zu ihm gewandt auf die Matratze und zog sich die Bettdecke über den Leib. Damit war zumindest für ihn das Gespräch beendet und er hoffte inständig, sein Bruder würde ihn nicht weiter provozieren. Sam dagegen stieß die Luft resigniert durch die Nase aus.

»Okay, wie du willst«, gab er sich widerwillig geschlagen. Dean atmete erleichtert auf und lauschte, wie sich Sam hinlegte und sich ebenfalls zudeckte. Ein leises Klicken ertönte, dann ging das Licht aus und das Zimmer versank im nächtlichen Dunkel. »Schlaf gut, Dean.«

Dean erwiderte nichts mehr darauf, stattdessen verhielt er sich ruhig und tat so, als wäre er längst eingeschlafen. Dabei ahnte Sam vermutlich, dass er jedes Wort gehört hatte, er ließ es jedoch sehr zu Deans Erleichterung darauf beruhen. Das war mehr als genug Gefühlskram für einen Tag und er konnte nicht leugnen, wie sehr ihn das alles überforderte.

Mit einem kaum hörbaren Seufzen richtete Dean den Blick auf das Fenster, wo der Halbmond die Wolken und den schwarzblauen Himmel hinter den alten Gardinen sacht erhellte. Seine Gedanken drehten sich im Kreis und obwohl er kaum dazu in der Lage war, sie zu begreifen oder gar zu ordnen, krallte sich einer davon in seinem Verstand fest wie ein Anker im Meeresboden.

Es war jener Gedanke, den Dean so lange von sich geschoben und unter Verschluss gehalten hatte, dass er es nicht für möglich gehalten hatte, er würde ihn je wieder einholen. Doch er hatte sich geirrt. Heute Nacht, in dieser Bar und während des Gesprächs mit Sam, waren die Gefühle für Castiel jäh zurückgekehrt und mit voller Wucht dort eingeschlagen, wo er am wenigsten damit gerechnet hatte.

Er war verliebt… verliebt in einen Engel.
Review schreiben