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⓷  THE THIRD RULE  ⓷ [JongTae]

von NamiAmae
GeschichteKrimi, Liebesgeschichte / P18 Slash
Bangtan Boys EXO SHINee
27.04.2020
23.11.2020
16
69.959
7
Alle Kapitel
16 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
03.08.2020 4.918
 
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Hallo meine Süßen :3

Es geht mal wieder weiter! Ich hoffe sehr, dass euch das Kapitel gefällt (diesmal ist es etwas länger geworden) und bedanke mich schon mal im Voraus für die Zeit, die ihr in meine Geschichte investiert!

Love
Eure Nami

Alters-Disclaimer: !P18Slash! Diese Geschichte kann (davon abhängig wie sensibel man ist) verstörende Szenen beinhalten. Das Rating P18Slash ist jedoch zum größten Teil dafür, um mich für sexuelle Szenen abzusichern.

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Instagram (Teaser, Umfragen, Lifestreams und mehr): NamiAmae

The Third Rule

Pairing: JongTae (weitere Pairings werden hier noch nicht gespoilert ^.^)

Kapitel: 8
Name: Eine Organisation
Wörter: 4.808
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Kapitel 8: Eine Organisation

Taemin gähnte. Er hatte nicht geglaubt so lange warten zu müssen und die Langweile machte ihm erst bewusst, wie wenig er in der letzten Nacht geschlafen hatte.

Seine Augen zuckten hin und her, während er sich in dem Großen Raum umsah, der fast wie ein richtiges Geschäftszimmer wirkte und ihn an die Hotel-Meetings erinnerte, die er damals mit seinem Vater und den hohen Angestellten der Kette geführt hatte.

Sie saßen an einem meterlangen, ovalförmigen Tisch aus dunklem Holz, um den 10 Stühle verteilt waren. Vor ihnen war eine Leinwand angebracht und über ihnen ein Beamer. In jeder Ecke des weiß Tapezierten Raums stand ein großer Blumentopf mit der ein und selben Pflanze. Er kannte sich nicht sonderlich mit Pflanzen aus, also interessierte es ihn auch nicht wirklich, was diese Baumartigen, voll grüner Blätter hängenden Deko-Elemente waren.

Der Boden war mit einem grauen Teppich ausgelegt, der sich recht weich anfühlte, selbst unter den Pantoffeln, die sich jeder am Eingang des ersten Stockwerks hatte anziehen müssen.

Taemin war bisher noch nie in einem Casino gewesen, um so erleichterter war er, als sie eigentlich nur durchgelaufen waren, um das Treppenhaus nach oben zu erreichen. Dort gab es zwar ein ähnliches Flair auf dem Flur, doch in diesem Konferenzraum hatte man das Gefühl, man befand sich auf der Arbeit in dreißig Stockwerken Höhe. Denn Fenster gab es keine, jedoch sorgten Spezielle Lampen an der Decke für ein außerordentlich authentisches Tageslicht.

Wieder gähnte er, nachdem er auf seinem Handy seine Nachrichten gecheckt hatte und zuckte zusammen als seine Mutter, welche rechts von ihm saß, ihm einen kleinen Stupser gegen den Arm gab.

„Du solltest dich nicht so verhalten, Taemin“, ermahnte sie ihn, „Immerhin hast du dafür gesorgt, dass wir jetzt alle hier sitzen müssen. Er hat nicht damit gerechnet, dass du kommst.“

Aus Taemin kam ein Laut aus einer Mischung von Wut, Verachtung, angespannter Nerven und Aufmüpfigkeit. „Ich hab‘ dafür gesorgt?! Wie wär’s mal mit der Wahrheit? Ihr habt mich angelogen!“

Jinki saß links von Taemin und hob zunächst eine Hand, mit der er die Schulter des Jüngeren berühren wollte. Taemin lehnte dies jedoch mit einem stechenden Blick ab, sodass Jinki seine Hand wieder zurückzog, bevor er sagte: „Wir haben dich angelogen, das stimmt. Und ich wünschte, wir könnten es immer noch tun.“

Jonghyun, welcher mit Minho ein paar Stühle entfernt saß und bis eben auch ziemlich gelangweilt ausgesehen hatte, lachte zynisch und brachte sich dann auch in die Unterhaltung mit ein. „Weil Lügen ja so viel besser sind als die Wahrheit.“

„Halt dich zurück, Jonghyun“, befahl Eunji und tippte wiederholt mit einem Zeigefinger auf die Tischplatte. „Du arbeitest hier und hast dich gefälligst nicht in unsere Familie einzumischen, verstanden?“

„Sicher, wie Ihr befiehlt, eure Hoheit“, säuselte Jonghyun, der sich nicht mal von den Worten der Mutter hatte abbringen lassen frech zu grinsen und dann Taemin mit demselben Blick zu beobachten.

Der Jüngere fühlte sich dadurch so unwohl, dass er seinen Kopf wegdrehen musste. Er tat so, als würde er zur Tür sehen und auf das Eintreffen seines Vaters warten. Doch die Blicke Jonghyuns, welche er immer noch auf sich spürte bohrten sich so sehr in seinen Körper, dass er immer flacher atmete.

Dieser Typ störte ihn einfach. Jedes Mal brachte er nur irgendwelche gehässigen Kommentare heraus oder beschimpfte Taemin. Aus diesem Grund wollte er eigentlich nichts mehr mit ihm zu tun haben. Sollte Jonghyun doch wieder rausgeworfen werden. Was kümmerte es ihn schon? Er kannte ihn doch kaum.

Weitere Minuten vergingen im unangenehmen Schweigen, bis Taemin es nicht mehr aushielt angestarrt und behandelt zu werden wie eine Beute also stand er von seinem Platz auf und zog damit die Aufmerksamkeit aller auf sich.

„Ist hier irgendwo eine Toilette?“, wollte er wissen und sah in die Runde.

Minho reagierte zuerst, erhob sich von seinem Platz und lächelte Taemin an. Der einzige in dieser Sekte, der Taemin immer noch wie einen normalen Menschen behandelte. Zumindest in solchen Dingen. „Ich bring dich hin.“

„Aber, wenn Jisung kommt“, begann Jinki, der sich wie immer darum sorgte, was passieren würde, wenn.

Doch Taemin kümmerte dies nicht. Er war nicht dazu aufgelegt diesen Regeln zu folgen, die dort herrschten. „Dann wird er warten müssen. Immerhin sitzen wir hier seit einer Stunde. Ich habe Monate gewartet, schon vergessen? So viel zu ‚er sorgt sich um mich‘.“

Damit war das letzte Wort gesprochen. Minho lief voraus und Taemin folgte ihm in den Flur, der um einiges dunkler, aber dafür viel bunter war, als der Konferenzraum.

Er fühlte sich in diesem Haus so, als wäre er in einer anderen Welt. Kein Zimmer war wie das nächste, nichts passte zusammen oder war vorhersehbar. Zumal es ein totales Klischee war, dass eine solche Gruppe ihren Stützpunkt über einem Casino hatte. Das war schon fast zu auffällig. Dass sie da noch nicht entdeckt wurden…

Schweigend führte Minho ihn durch den Flur und betrat dann einen ebenfalls sehr hellen Raum. Das Badezimmer. Es erinnerte Taemin sehr an alle öffentlichen Toiletten zum Bespiel in Kinos oder Einkaufszentren, doch dieses war noch um einiges luxuriöser und blitzblank sauber.

Die Böden waren strahlend weiß, die Wände weiß-grau marmoriert und im Vorraum gab es ein langes Waschbecken, aus dessen Wasserhähne das kristallklare Wasser wie ein kkleiner Wasserfall heraussprudelte.

Diese Art von Badezimmer hatte Taemin seit dem Auszug aus dem Hotel nicht mehr gesehen und er freute sich sehr darüber, weil es sich plötzlich anfühlte als wäre er wieder in seinem wohlbehüteten Leben gelandet, bevor sein Vater ihn verlassen hatte.

Langsam ging Taemin auf das große Waschbecken zu und sah in den darüber liegenden Spiegel, der mit einem blauen Mosaikrand verziert war. Es war für ihn immer noch sehr ungewohnt sich mit den schwarzen Haaren zu sehen, doch so langsam hatte er Gefallen daran gefunden. Er mochte es, dass es sein Gesicht etwas markanter wirken ließ und er brauchte nun nicht mal mehr wirklich Make-Up, um seine Augen etwas mehr zur Geltung zu bringen.
Nach ein paar Sekunden wandte er seinen Blick jedoch von sich selbst ab. In der Spiegelung konnte er Minho hinter sich erkennen, der ihn weiter sehr freundlich betrachtete.

„Lass mich raten“, begann er und trat näher an Taemin heran, „Du musst gar nicht auf die Toilette.“

„Erraten, Sherlock“, sagte Taemin und ließ das kalte Wasser über seine warmen Finger laufen. „Wenn er uns warten lassen kann, dann kann ich das schon lange.“

Minho lehnte sich nun mit dem Rücken zum Waschbecken an und drehte seinen Kopf seitlich, damit er Taemin weiter ansehen konnte. „Ich denke du verstehst da vieles falsch. Dein Vater ist nicht der, auf den du sauer sein solltest. Zumindest meiner Meinung nach.“

„Ach nein?“, fragte Taemin überrascht und rieb sich mit seinen nassen Fingern über seine müden, angeschwollenen Augen. „Er ist doch daran schuld, dass ich mich jetzt so fremd fühle.“

„Fremd? Inwiefern?“, hakte Minho nach.

Taemin griff zur Seite, hielt seine Hand vor den Bewegungssensor und zog ein Papierhandtuch aus dem Spender. „Als wäre mein ganzes Leben nur eine große Show gewesen. Diese glückliche Familie... das war doch alles nur gespielt.“

„Ich denke nicht, dass das gespielt war“, versuchte Minho ihn nun vom Gegenteil zu überzeugen, „So wie ich deinem Vater kenne kann ich nur sagen, dass er ein herzlicher, freundlicher und gutmütiger Mann ist. Es ist nicht zu verkennen, dass er dich über alles liebt, sonst hätte er nicht all die Jahre gegen seinen Schwiegervater gehandelt, um dich zu schützen.“

Als Taemin an seinen Großvater mütterlicherseits erinnert wurde horchte er auf. Dieser war nämlich kurz bevor sein Vater verschwunden war auf sehr tragische Art in einem Autounfall ums Leben gekommen. „Was hat mein Opa damit zu tun?“

„Dein... Opa“, wiederholte Minho und Taemin bemerkte, dass es ihm sehr schwer fiel ihn so zu nennen, „stand auf der Position deines Vaters, bevor er starb. Glaub mir, der war alles andere als das, was dein Vater jetzt für uns ist.“

Taemin verzog seine Lippen. Er erinnerte sich nicht gern an seinen Großvater, denn Minho hatte wirklich recht. Denn sein Großvater war alles andere als ein herzlicher Mensch gewesen. Immer streng, abweisend und distanziert. Er erinnerte sich, dass er an seiner Beerdigung nicht eine Träne vergossen hatte. Ganz im Gegensatz zu seiner Mutter, die ein paar Charaktereigenschaften ihres Vaters geerbt hatte. Dafür hatte er sich lange schuldig gefühlt.

Doch nun verstand er sogar ein klein wenig warum sein Großvater so gewesen war. Er war Teil dieser Organisation gewesen, sogar an der Spitze. Da konnte er doch nur so garstig gewesen sein. Immerhin musste man, um Verbrechen zu begehen schon abgebrüht sein.

Doch stellte das nicht auch den Charakter seines Vaters in Frage? Laut Minho anscheinend nicht.

All diese Informationen brachten Taemins ganze Wahrnehmung durcheinander. Alles was er über seine Familie zu wissen glaubte war einfach nicht richtig. Aber zum Teil anscheinend schon. Doch was davon war Schein und was echt? Konnte er da auf seine Sinne vertrauen oder musste er ab jetzt alles hinterfragen? Würde er überhaupt irgendwann aufhören zu hinterfragen?

„Und was ist mein Vater für euch?“, fragte Taemin und warf das Papiertuch, welches er zu einer Kugel zusammengeknüllt hatte in eines der Löcher zwischen Waschbecken und Spiegel.

„Er... wie soll ich das beschreiben… Er ist so menschlich. Er macht kein Drama, nicht mal aus großen Fehlern. Er gibt uns immer wieder eine Chance, was du an Jonghyun sehen kannst. Egal wie sehr deine Mutter gegen Jonghyun ist, Jisung steht immer hinter ihm. Er hat ein zu großes Herz. Ich denke er sieht jeden von uns als Teil seiner Familie an. Das wird ihm bestimmt auch irgendwann zum Problem werden.“

So wie Minho es Taemin erklärte, so kannte Taemin seinen Vater auch.
Von je her war Jisung für Taemin immer der wichtigste Mensch in seinem Leben gewesen. Sein Vater hatte ihm alles gegeben, ihn beschützt und ihm auch die Zärtlichkeiten entgegengebracht, die er von seiner Mutter nie erhalten hatte: Umarmungen, liebevolle Worte, Unterstützung und Motivation.
Er war immer auf seine Meinung eingegangen und hatte ihn schon früh in Geschäftsdingen mitreden lassen. Er hatte ihm immer das Gefühl gegeben etwas Besonderes und talentiert zu sein. Er war ein Vater, der jede einzelne seine Entscheidungen unterstützte und ihn auf seinen Wegen begleitete.
Alles in allem war sein Vater der perfekte Vater gewesen. Bis vor ein paar Monaten als Taemin ihn zu hassen begonnen hatte.

Er hatte ihn und seine Mutter verlassen und deswegen hasste er seinen Vater! Er hasste ihn so sehr!

„Er ist ein gutherziger Idiot, das ist alles“, brummte Taemin und sah im Spiegel, dass sein Gesicht vor Wut und Enttäuschung ein wenig Farbe bekommen hatte, nachdem er über seinen Vater nachgedacht hatte. „Er hat es nicht verdient, dass ich ihm verzeihe.“

„Weißt du was interessant ist?“, kicherte Minho und sah Taemin immer noch von der Seite an. „Auch, wenn du schlecht über ihn sprichst, so merkt man doch wie sehr du ihn vermisst hast.“

Taemin schrak auf und sah nun Minho ins Gesicht. „Was? Spinnst du? Ich vermisse ihn nicht.“

„Doch. Daran sieht man, dass das Band zwischen Jisung und dir sehr stark ist. Er hat oft nach dir gefragt, weißt du. Immer, wenn ich ihm von deinem Tag erzähle lächelt er und fängt an über dich zu reden als gibt es kein Morgen. Er kennt jedes einzelne Detail über dich. Positive wie auch negative Seiten. Aber ihm würde nie etwas Negatives von dir über seine Lippen kommen.“ Minho machte eine Pause, doch Taemin konnte darauf nichts sagen. Er war viel zu verwundert darüber, was Minho sagte. „Ich muss schon sagen, es ist faszinierend wie sehr mich die Liebe deines Vaters beeinflusst hat. Denn auch, wenn ich es nicht sollte ich hab’ schnell angefangen dich zu mögen.“

Diese Worte lösten etwas in Taemin aus. Neben all dem Negativen, was er in der letzten Zeit über seine Person gehört hatte war das eine ungewohnte, aber doch willkommene Abwechslung. Es freute ihn sogar ein klein wenig, sodass er fast zu aufgeregt darauf reagierte. „Du was?“

Minho schien etwas durcheinander nach Taemins Frage, nahm einen Schritt Abstand und schüttelte dann kurz den Kopf. „Tut mir leid. Ich habe wieder gequatscht, ohne darüber nachzudenken. Das kommt davon, wenn man kaum mit anderen Leuten als denen in diesen Räumen kommuniziert.“

„Du magst mich? Dann bist du wohl das komplette Gegenteil zu Jonghyun“, meinte Taemin und erinnerte sich kurz an all die Worte, die Jonghyun ihm schon an den Kopf geworfen hatte.

„Jonghyun ist auch nicht gerade der sympathischste Mensch, wenn du mich fragst“, entgegnete Minho und lachte kurz, „Er würde jemandem nicht einmal etwas nettes sagen, selbst wenn er diese Person über alles lieben würde. Zumindest habe ich noch nicht einmal gehört, dass er jemandem ein Kompliment gemacht hat. Ob er überhaupt lieben oder auch nur Sympathie empfinden kann ist für mich fraglich.“

Jonghyun war also einer dieser kalten Machos, der keine Gefühle zeigte? Vielleicht konnte Eunji ihn deswegen nicht ausstehen, weil sie sich diesbezüglich zu ähnlich waren. Das war Taemins Theorie.

„Naja. Zumindest kannst du mir jetzt hoffentlich glauben, dass dein Vater alles andere als jemand ist, den du hassen solltest“, sagte Minho und lief dann zurück zur Tür. „Und du kannst dir sicher sein, dass ich immer hinter dir stehen werde.“

„Weil es dein Job ist?“, fragte Taemin.

„Nein“, verbesserte Minho ihn, „Weil du mir wichtig bist, obwohl ich in den letzten Monaten nur auf dich aufgepasst hab.“

Taemin spürte etwas ganz Merkwürdiges in seiner Brust. Es war eine Art Wärme, die er sonst nur von seinem Vater kannte, aber es war auch nicht ganz genau damit zu vergleichen. Es war ein schönes Gefühl. Dessen war er sich sicher.

„Pf“, kam es aus Taemin, der alles was er fühlte verdrängen wollte, „Als ob ich dir wichtig bin, obwohl du noch kaum mit mir geredet hast.“

„Laut deinem Vater sind solche Antworten nur eine Bekräftigung dafür, dass du alles andere als so kalt bist, wie du tust“, sagte Minho und kicherte anschließend, während er Taemin die Tür aufhielt.

„Und laut mir bist du ganz schön nervig“, entgegnete Taemin ihm und verließ, sich ein Lächeln verkneifend, mit Minho das Badezimmer.



„Taemin.“ Der Vater sprang von seinem Stuhl auf und seine Augen waren so voller Freude, als Taemin mit Minho wieder das Besprechungszimmer betrat.

Doch Taemin war nicht gerade erfreut seinen Vater zu sehen. Eigentlich hatte er damit gerechnet weiter sauer auf ihn zu sein, auch wenn ihn das Gespräch mit Minho ein wenig beruhigt hatte, aber auch das war nicht der Fall.
Er war einfach nur schockiert.

Er kannte seinen Vater als großen, gutaussehenden, starken Mann. Selbstsicher, freundlich, gut gebaut und irgendwie mächtig.
Doch die wenigen Monate, in denen Taemin ihn nicht gesehen hatte, hatten so viel verändert.

Er war mager, sein Gesicht wirkte schlaff, eingefallen und müde. Seine Haut war recht hell, pergamentartig und rissig. Das einzige woran er seinen Vater wiedererkannte waren die leicht lockigen schwarzen Haare, die schon mindestens fünfzehn Zentimeter lang waren und die braunen, Augen, die momentan vor Freude strahlten.

Vor fünf Minuten wollte Taemin seinem Vater alles Mögliche an den Kopf werfen. Doch jetzt kümmerte ihn nur noch eines: Wie war das passiert?

Jisung eilte auf seinen Sohn zu, bevor dieser etwas sagen konnte und schloss ihn in seine Arme. Taemin ließ es über sich ergehen, vor allem der Schock hinderte ihn daran seinen Vater von sich fern zu halten. Er hatte nicht damit gerechnet, dass er in einem halben Jahr zu so einer verkümmerten, kränklichen Person werden würde. Irgendetwas musste ihn so zerstört haben und plötzlich wurde Taemin klar, dass Minho wohl recht hatte.

Sein Vater war ein guter Mensch. Ein viel zu guter Mensch. Deswegen war das aus ihm geworden.

„Wie lange hab ich mich danach gesehnt dich wieder umarmen zu können, Junge“, murmelte der Vater und seine Stimme klang dabei weinerlich. Danach hielt er Taemin an den Schultern fest und drückte ihn von sich, um ihn genauer betrachten zu können. „Deine Haare sind anders. Du siehst so erwachsen aus!“

„Ist doch nur Farbe.“ Das war das erste, was er nach all der Zeit zu seinem Vater hatte sagen können und er hasste sich dafür. Er hatte so viel mehr zu sagen gehabt.
Er wollte ihn fragen, warum er das getan hatte. Er wollte wissen, wieso er ihn und seine Mutter allein lassen musste. Er wollte sauer auf ihn sein und ihn anschreien. Doch er schaffte es nicht. Er konnte nicht sauer auf ihn sein.

Denn er hatte ihn unfassbar vermisst.

„Trotzdem siehst du gut aus. Richtig männlich und dennoch gutaussehend wie immer“, fuhr Jisung fort und zog Taemin wieder an seine Brust. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr du mir gefehlt hast.“

„Du bist doch daran schuld, dass es so weit gekommen ist“, hielt Taemin ihm nun vor und löste sich aus der Umarmung, wenn auch etwas ungern. Er wollte seinem Vater nicht zeigen, dass es ihm ebenfalls so ging. „Du hättest nicht gehen müssen.“

„Doch das musste ich“, erwiderte Jisung und zeigte auf den Stuhl, auf dem Taemin zuvor gesessen hatte. „Und wenn du mir nur ein paar Minuten schenkst, dann werde ich es dir erklären.“

Selbst, wenn er keine Lust darauf hatte sich noch einmal ein Gespräch anzutun, bei dem er viel mehr erfahren würde als er des Aufnehmens fähig war, so setzte er sich dennoch und versuchte aufmerksam zu sein. Denn in den nächsten Minuten würde sich entscheiden ob er seinem Vater verzeihen konnte oder nicht.

„Soweit ich von Jonghyun und Minho erfahren habe weißt du recht viel“, sagte der Vater und sah die beiden Plappermäuler etwas enttäuscht an, bevor er sich ebenfalls setzte, auf einen der freien Stühle neben Eunji. Sein Blick verharrte jedoch weiter auf seinem Sohn. „Um es dir etwas einfacher zu machen erkläre ich dir zunächst wer wir genau sind.“

„Ihr seid Kriminelle, ganz einfach“, zischte Taemin vorlaut.

Dafür kassierte er ein wenig Autorität von seiner Mutter: „Schluss jetzt. Hör ihm einfach erst mal zu.“

„Sei nicht so streng mit ihm, Eunji. Er ist sauer auf uns und er hat jedes Recht so bitter zu mir zu sein. Und außerdem liegt er nicht falsch. Wir sind auf jeden Fall keine Unschuldigen“, fuhr Jisung fort und lehnte sich dann in seinem Stuhl etwas zurück. Es war als würde er es sich bequem machen für das, was folgte. „Unsere Vorfahren, es ist noch nicht allzu lange her, waren tatsächlich kriminell. Selbst noch unter der Leitung deines Großvaters war das hier eine Vereinigung für geplante Kriminalität. Raubüberfälle, Drogenschmuggel, alles was du dir vorstellen kannst. Damit waren natürlich auch sehr viele Morde verbunden.“

Taemin fiel der Mund auf. Sie waren also tatsächliche Kriminelle gewesen. Sein eigener Großvater auch… „Aber, ihr habt doch gesagt...“, begann er, fand aber nicht die richtigen Worte.

„Dazu komm ich jetzt“, versicherte sein Vater ihm. Er verhakte seine Finger ineinander und legte diesen typischen Vaterblick auf. Der Blick, der einem vermittelte, dass es noch schlimmer werden würde als es ohnehin schon war. „Vor 15 Jahren wurden unsere Schmuggler an der Grenze erwischt und festgehalten. Die Polizei fand Stück für Stück heraus wo wir uns aufhielten und unsere Männer verstecken. Doch statt uns in den Knast zu werfen haben sie mit deinem Großvater einen Deal ausgehandelt. Er sollte damit helfen die Kriminalität in Seoul zu verringern. Das bedeutet, wir wurden zu denen, die nun heimlich die Schmuggler jagen und die Mörder verfolgen. Dem Staat ist in diesem Sinne alles recht.“

„Das bedeutet, dass ihr die Kriminellen zur Strecke bringen sollt. Egal wie“, schlussfolgerte Taemin und bekam eine Gänsehaut auf seinen Oberarmen.

„...Ja. Egal wie“, bestätigte sein Vater.

„Dann seid ihr damit eurer Strafe entgangen, indem ihr... weitere Verbrechen begeht?“ Taemin konnte kaum klar reden. Er fühlte sich unglaublich hintergangen und betrogen. Seine Familie bestand aus Mördern?

Er wollte es einfach nicht glauben. Vor allem bei Jinki, der sanftmütigen Seele. Nie im Leben hätte er ihm das auch nur ansatzweise zugetraut.

„Das kommt darauf an wie du es siehst“, sagte Jisung, „Immerhin begehen wir selbst keine kriminellen Handlungen mehr, die Unschuldigen schaden.“

„Aber auch Schuldige zu ermorden ist Mord.“ Taemins Stimme war viel zittriger als er es sonst von sich gewohnt war. Immerhin hatte ihn schon lange nichts mehr so verunsichert. „Habt ihr es alle getan? Leute umgebracht, meine ich.“

„Nicht jeder von uns hat einen Mord begangen, Tae“, brachte sich Jinki wieder in das Gespräch ein. „Es ist kein Muss, wenn man hier Mitglied ist.“

„Das beantwortet nicht meine Frage“, knurrte Taemin.

„Ich habe kein Menschenleben auf dem Gewissen, wenn du das wissen willst“, versicherte Jinki seinem Freund und lächelte. „Die meisten Jüngeren ebenfalls nicht.“ Er neigte seinen Kopf kurz zu Minho, doch als sein Blick zu Jonghyun schwankte ergänzte er: „Bei allen bin ich mir jedoch nicht sicher.“

Jonghyun verzog kurz seine Lippen, was Taemin nicht wirklich deuten konnte. Es war entweder eine Mischung aus Verachtung und Wut oder Unsicherheit und Enttäuschung. Vielleicht auch alles zusammen. Bedeutete das, dass er vielleicht wirklich schon gemordet hatte?

„Lassen wir das beiseite“, ging nun Taemins Vater dazwischen, wodurch die Aufmerksamkeit wieder bei ihm lag. „Seit wir für den Staat arbeiten, durften uns keine Mitglieder mehr verlassen, mittlerweile besteht unser Bündnis aus circa fünfzig Personen, verteilt auf drei Fraktionen in der ganzen Stadt. In der ersten befindest du dich, hier in Gangnam. Dann recht zentral die Gruppe in Jongno und im Norden die in Nowon.“

Nervös verschränkte Taemin die Arme vor der Brust. Er wusste schon gar nicht mehr was er sagen sollte. Das alles wirkte wie ein richtig schlechter Film auf ihn.
Eine Gruppe Krimineller, die für den Staat arbeiteten und sich in drei unterschiedlichen Stadtteilen verteilten. Das war doch verrückt.

„Ich bekomme die Aufträge von Politikern und Militäroberhäuptern und gebe sie weiter. Vor ein paar Monaten war das noch die Aufgabe deines Großvaters. Ich konnte mich bis dahin immer gut aus all dem hier heraushalten. Bis er dann starb.“

Wieder eine kurze Pause, die Taemin wohl gegönnt wurde, um alles zu verarbeiten.

Nun mischte sich die Mutter ebenfalls mit ein, die eine Bombe der größten Art platzen ließ. „Doch auch der Tod deines Großvaters... Der Autounfall. Wir glauben nicht, dass dies ein Zufall war. Genauso wie dein Unfall vor ein paar Tagen.“

Das hatte Taemin nun mehr als überraschend getroffen, obwohl er gedacht hatte, dass ihn nichts mehr schocken konnte. „Was?! Dann wurde er umgebracht? Und bei mir... war es ein Versuch?“

Jisung nickte mit einem bedrückten Gesichtsausdruck. „Wir gehen davon aus, dass wir uns mit den Handlungen der letzten Jahre nicht gerade Freunde gemacht haben. Es sind sicher Drogenschmuggler oder andere Verbrecher, die sich an uns rächen wollen. Mit dem Tod deines Großvaters hat es begonnen. Als ich auf seinen Platz getreten bin habe ich unser Leben auf den Kopf gestellt, jedoch nur um deine Mutter und dich sicher zu wissen. Doch wie mir berichtet wurde hat dieser Schutz nicht lange gehalten. Ihr bekommt Drohbriefe und du wirst fast über den Haufen gefahren. Sie wollen uns zerstören. Weil deine Mutter, du und ich die nächsten in der Hierarchie sind.“

„Ist das ein Witz?“, fragte Taemin mit einem schrecklichen Gefühl im Bauch. „Das heißt die wollen uns umbringen, weil wir zur Familie von Großvater gehören? Dieser Raser auf der Straße hat das Auto an der Ampel gerammt, damit es mich erwischt? Obwohl ich mit dieser ganzen Scheiße nichts zu tun habe und noch nichts davon wusste?“

„Leider hast du seit deiner Geburt etwas damit zu tun, Jungchen“, brummte Jonghyun, der wohl das Gefühl verspürt hatte sich einfach mal wieder einbringen zu müssen.

Jisung fuhr jedoch fort, ohne auf Jonghyuns Kommentar einzugehen. „Deswegen habe ich dich von all dem ferngehalten, Taemin. Es erscheint dir jetzt unfair, aber irgendwann wirst du es verstehen. Meine Entscheidungen traf ich immer mit dem Willen dich zu schützen. Deswegen bin ich gegangen.“

Taemin konnte kaum etwas dagegen sagen, jetzt da er die Wahrheit kannte. Vielleicht hätte er an seiner Stelle auch genauso gehandelt. Doch war es das alles Wert? All die Lügen, um nun in diesem Zimmer zu sitzen und ihm doch alles erklären zu müssen. Machte das alles die letzten Monate wieder gut, in der Taemin geglaubt hatte die wichtigste Person in seinem Leben verloren zu haben?

Jisung atmete tief durch und sah Taemin weiter ernst an, wodurch dieser spürte, dass immer noch mehr folgen würde. „Doch das... war auch noch nicht alles.“

„Was denn noch?“, wollte Taemin verzweifelt wissen. Er kannte jetzt die Wahrheit über seine Herkunft, wusste warum er die Drohbriefe bekam und ihm wurde erklärt, weshalb sein Vater ihn verlassen hatte. Bis auf die Frage, warum er das all die Jahre nicht erfahren durfte, gab es zur Zeit nichts, was Taemin noch interessierte. Diese Informationen hätten ihm gereicht, um wochenlang darüber nachzudenken und sich darüber zu sorgen, wie es nun weitergehen sollte.

„Du weißt, dass du einen Bruder hast“, begann der Vater und Taemin konnte sehen wie ihm die Anspannung ins Gesicht geschrieben stand. „Taesuk, dein Zwilling.“

Natürlich wusste Taemin davon, doch dass sein Vater ihn jetzt ansprach war verwunderlich. Für Taemin war es immer mal wieder sehr wichtig über seinen Bruder nachzudenken. Immerhin war es nicht gerade leicht, ohne seine zweite Hälfte aufzuwachsen. Sein Leben lang hatte es sich so angefühlt, dass ein Teil von ihm fehlte. Alles war so unvollständig.

Sein Bruder Taesuk war leider nicht alt geworden. Er war kaum ein Jahr alt, als er ein einer Krankheit verstarb. So hatten es ihm seine Eltern zumindest erzählt und genau in diesem Moment, besonders da sein Vater Taesuk angesprochen hatte, kamen ihm Zweifel. War es wirklich so gewesen?

„Nein… Er ist nicht an einer Krankheit gestorben, oder?“, murmelte Taemin und krallte seine Finger in den Stoff seiner Ärmel.

„Nein“, sagte Eunji und hielt sich eine Hand an den Kopf. Besonders wenn es um Taesuk ging hatte Taemin das Gefühl, dass seine Mutter doch eine weiche, verletzliche Seite hatte. „Taesuk ist nicht an einer Krankheit gestorben.“

„Dein Bruder war nie krank“, erklärte Jisung, „Wir haben geglaubt, dass er ermordet wurde. Wir waren uns sicher. Wir haben das Blut gesehen. Er hätte es nicht überlebt haben können. Er war ja immerhin ein Kleinkind gewesen. Dann haben wir eine Nachricht bekommen. Es hieß, dass dein Bruder nie wieder zurückkommen würde. Sie haben ihn uns genommen, um uns leiden zu lassen. Seinen toten Körper irgendwo zu wissen war die schlimmste Qual unseres Lebens, doch darauf waren sie aus gewesen. Nach Jahren haben wir uns damit abgefunden ihn nie wieder zu sehen, zumal wir auch keine Spur auf seinen Mörder finden konnten. Das ging Jahre so. Wir glaubten, dass es ebenfalls ein Racheakt war.“

„Ihr habt es also hingenommen, dass das passiert ist? Ihr habt ein Grab mit einem leeren Sarg für ihn richten lassen und mir und der Öffentlichkeit etwas von einer Krankheit erzählt?“, fasste Taemin alles zusammen und stand von seinem Stuhl auf. „Das ist doch krank!“

Er konnte es einfach nicht fassen. Sein Bruder war also ermordet worden. Vielleicht auch von den gleichen Typen, die versucht hatten ihn umzubringen. Es war wütend. Er war traurig. Vor allem aber war er am Boden zerstört.

„Hör mir noch einen Moment zu. Du kannst uns beschimpfen, wenn ich fertig bin“, sagte Jisung.

Taemin wurde also wieder etwas ruhiger, konnte sich aber dennoch nicht erneut setzen. Er musste sich bewegen, also lief er zur hinteren Ecke des Raums und stellte sich neben die nicht identifizierte Pflanze.

Erst als Taemin stehen geblieben war sprach sein Vater weiter: „Dein Trauma. Der Grund, warum du bei zu viel Aufregung oder gewaltsamen Einfluss ohnmächtig wirst... Wir glauben es resultiert daraus, dass du als Kind dabei zugesehen hast, wie dein Bruder verletzt wurde. Deswegen konnte der Therapeut nie wirklich erklären, warum es keine Lösung für dein Problem gab. Er kannte den wahren Grund nicht.“

„Ich fass es nicht“, fauchte Taemin. Mit diesem psychischen Problem hatte er schon immer zu kämpfen gehabt und es war ihm auch in der Nacht zum Verhängnis geworden, in der er Jonghyun und Minho kennen gelernt hatte. Er hatte immer geglaubt mit ihm stimmte etwas nicht und seine Psyche war einfach nicht zu heilen. Doch tatsächlich gab es einen Grund. Ein Grund, den seine Eltern immer verheimlicht hatten.

„Jedenfalls haben wir geglaubt, dass Taesuk tot ist. Bis vor ein paar Monaten. Denn eine Woche nach dem Tod deines Großvaters haben deine Mutter und ich seine Sachen ausgeräumt und etwas in seinen Akten gefunden. Es waren Informationen über den Fall, in dem Taesuk verschwand. Dein Großvater war der Meinung, dass er entführt wurde und er hat seit seinem Verschwinden Beweise gesucht. Er hatte gute Gründe zu glauben, dass dein Bruder damals nicht ermordet wurde.“

„Du meinst doch nicht-?“, stammelte Taemin und lehnte sich gegen die Wand hinter sich.

„Dein Bruder lebt, Taemin. Zumindest bin ich dieser Meinung. Und ich glaube er ist bei denen, die versuchen uns zu schaden. Deswegen habe ich euch verlassen. Deswegen wollte ich euch schützen. Ich wollte und will immer noch deinen Bruder zurückholen. Selbst wenn die Hoffnung immer weniger wird. Ich werde nicht aufgeben, bis ich unsere Familie wieder repariert habe.“
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