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⓷  THE THIRD RULE  ⓷ [JongTae]

von NamiAmae
GeschichteKrimi, Liebesgeschichte / P18 Slash
Bangtan Boys EXO SHINee
27.04.2020
23.11.2020
16
69.959
7
Alle Kapitel
16 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
14.09.2020 4.882
 
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Hallöchen meine Lieben :)

2 Wochen später. Diese Phasen kommen mir immer so lange vor.
Deswegen nerve ich nicht lange und wünsche euch viel Spaß mit dem Kapitel :3

Trigger Warung: Das Kapitel ist etwas "heftiger", je nachdem wie empfindlich man ist. Blut, Tod, etc. Lasst euch Zeit damit.

Es ist aber nicht durchgehend so. Gegen Ende wird es etwas softer. :*

Love
Eure Nami

Alters-Disclaimer: !P18Slash! Diese Geschichte kann (davon abhängig wie sensibel man ist) verstörende Szenen beinhalten. Das Rating P18Slash ist jedoch zum größten Teil dafür, um mich für sexuelle Szenen abzusichern.

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Instagram (Teaser, Umfragen, Lifestreams und mehr): NamiAmae

The Third Rule

Pairing: JongTae (weitere Pairings werden hier noch nicht gespoilert ^.^)

Kapitel: 11
Name: Vater und Sohn
Wörter: 4.750
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Kapitel 11: Vater und Sohn

Voll Erstaunen sah der Elfjährige aus dem Fenster des oberen Stockwerks und hüpfte auf der Stelle. „Das ist wirklich total cool.“

Von oben sah Seoul so groß und atemberaubend aus. Die Hochhäuser reichten bis zu den Wolken und die Lichter am Han-River funkelten regelrecht. Diese Stadt bei Nacht und mit dieser Aussicht war wohl das Schönste, was der Kleine in seinem Leben bisher gesehen hatte.

„Gefällt es dir?“, fragte sein Vater und setzte sich auf das lange Sofa der großen Suite. „Fürs erste werden wir diese Wohnung zwar an Gäste vermieten, aber irgendwann gehört sie dir.“

Überrascht drehte sich der Junge herum. Er hatte kaum glauben können, was sein Vater gesagt hatte. Aufgeregt fragte er: „Wirklich?“

„Du glaubst doch nicht, dass ich das Stockwerk für andere so schön hab herrichten lassen“, kicherte der Vater und winkte seinen Sohn zu sich. „Ich will, dass du dieses Haus irgendwann für mich weiterführst und ich möchte, dass es dir bis dahin an nichts fehlt.“

Das Kind eilte zu seinem Vater und fiel ihm um den Hals. „Das ist echt cool. Danke Papa!“

Er hatte nicht geglaubt, dass ihm diese Wohnung irgendwann selbst gehören würde, aber es erfüllte ihn mit unglaublicher Freude. Deswegen hatte sein Vater ihn also ständig gefragt was ihm gefallen würde, von der Wandfarbe bis hin zur Einrichtung. Er hatte mitbestimmen dürfen, damit er sich darin irgendwann wohlfühlen konnte.

„Wenn du glücklich bist ist das das Wichtigste für mich“, erklärte der Vater und zog den Sohn dann plötzlich auf seinen Schoß. Eigentlich mochte der Kleine das gar nicht mehr, dafür fühlte er sich mittlerweile schon zu alt, aber diesmal ließ er es zu, weil er sich so sehr freute. „Auch, wenn du bis dahin etwas Zeit hast, glaub mir: Du wirst ganz schnell erwachsen sein. Dann wirst du arbeiten können und selbst an meiner Stelle sein. Aber weißt du Taemin, deine Mutter und ich sind uns noch nicht ganz einig wie dein Leben so sein soll, wenn du mal erwachsen bist.“

Taemin legte seinen Kopf schief. Für ihn war noch nicht klar, was die Worte seines Vaters bedeuteten. „Was meinst du?“

„Ob du das Hotel und meine Firma übernimmst“, versuchte Jisung seinem Sohn etwas einfacher zu erklären. „Oder ob du etwas anderes tust.“

Etwas anderes? Taemin war verwirrt. Immerhin hatte er wirklich noch nie daran gedacht etwas anderes zu tun als irgendwann so zu arbeiten wie sein Vater und irgendwann mal ein Hotelier zu werden und auf große, wichtige Partys zu gehen.
Das hatte ihn schon immer fasziniert. Obwohl er jung war, interessierte er sich schon für das Geschäft und wollte wissen, wie das alles funktionierte. „Was denn anderes?“

„Weißt du dein Opa arbeitet in einer anderen Branche. Du wirst es jetzt noch nicht verstehen, aber er arbeitet im Sinne des Staats. Und deine Mutter und dein Opa wollen, dass du irgendwann zu ihnen gehst.“

Taemin wurde bange. Was sollte das überhaupt heißen, im Sinne des Staats arbeiten? Meinte er damit so etwas wie ein Politiker? Oder in irgendeiner Behörde?
So etwas Blödes hatte Taemin bisher noch nie gehört und ganz sicher wollte er das nicht tun. „Was? Aber ich will doch hierbleiben! Bitte Papa!“

„Es ist schön, dass du so denkst“, sagte Jisung mit einem Lächeln auf den Lippen. „Aber ich glaube eines Tages wirst du nicht um die Entscheidung drum herumkommen. Und ich möchte dir sagen, dass es nicht schlimm wäre. Egal für was du dich entscheidest ich werde immer hinter dir stehen und auf dich aufpassen.“

„Ich werde mich für das Hotel entscheiden Papa“, rief Taemin aus. Er wollte ganz sicher gehen, dass sein Vater auch verstand was er sagte. „Ich will nichts anderes machen. Ich will immer mit dir zusammenbleiben und dir helfen.“

Jisung kicherte. Kurz dachte Taemin sein Vater würde über ihn lachen, aber dann sah er, dass er plötzlich eine einzige Träne vergoss.

„Hab ich was falsches gesagt, Papa?“, fragte Taemin.

Jisung schüttelte jedoch den Kopf und rieb sich die Träne aus dem Gesicht: „Ich bin nur unfassbar stolz auf dich. Das ist alles, mein Großer. Ich bin so stolz. Und glücklich.“

Taemin wusste nicht genau, wie er seinen Vater nun stolz gemacht hatte, aber es war ein schönes Gefühl das zu hören. Es machte ihn stolz auf sich selbst.

„Also bleiben wir immer zusammen?“, wollte der Junge wissen und hielt sich an den starken Armen seines Vaters fest.

Dieser sah Taemin mit einem, für einen kleinen Moment, zweifelnden Blick an, lächelte aber dann wieder. „Egal wie lange du mich brauchst, so lange will ich versuchen bei dir zu sein, ja?“

„Ich werde dich immer brauchen!“, sagte Taemin entschlossen. „Dann wirst du also immer bei mir bleiben müssen.“

Jisung lachte. „Warten wir mal, ob du das noch genauso siehst, wenn du ein Teenager bist.“ Er tätschelte seinem Sohn über den Kopf. „So und jetzt: Lass uns nach unten gehen. Deine Mutter wartet sicher schon!“






Taemin erschrak als Jonghyun seine Augen abrupt aufriss und ihm anschließend direkt in die Augen blickte. Ertappt kippte der Jüngere nach hinten und landete dann etwas unsanft auf seinem Hintern. Jonghyuns Hand, die bis zu diesem Zeitpunkt an seinem Handgelenk festgehalten hatte, löste sich dabei.

Taemin schämte sich zwar über die Situation von Jonghyun erwischt worden zu sein, während er ihn beobachtet hatte, doch der Schrei seiner Mutter ließ seine Scham direkt in den Hintergrund rücken. Er hatte keine Zeit dafür, sich um Jonghyun Gedanken zu machen.

Seine Mutter war keine Person, die wegen irgendetwas schrie.
Sie hatte sich sogar einmal komplett mit heißem Wasser verbrüht, nachdem ihr ein Topf umgekippt war. Selbst da hatte sie nicht einen Ton herausgebracht. Was musste also passiert sein, dass sie so laut wurde?

Auch Jonghyun versuchte nicht Taemin darauf anzusprechen was passiert war, sondern zog sich die Decke vom Körper und sprang aus dem Bett. Er trug schwarze Jogginghosen und sein schwarzes Shirt, wohl als Ersatz für seinen Schlafanzug und trat auf nackten Füßen ein paar Schritte Richtung Tür.

Er war ganz leise, angespannt und lauschte für ein paar Sekunden. Dann kam er zu Taemin zurück, ging in die Hocke und hielt Taemin am Arm. „Hast du dir weh getan?“

„Nein“, antwortete Taemin knapp.

„Gut. Dann steh auf.“

Zusammen mit ihm rappelte sich Taemin wieder auf und spürte weiter den Druck von Jonghyuns Hand um seinen Unterarm. „Das war meine Mutter, da bin ich mir sicher. Wir müssen-“

„Bleib immer hinter mir, hast du verstanden?“, unterbrach der Ältere ihn und blickte ihm mit einem starken Blick in die Augen. „Tu immer nur das, was ich sage, ja? Versuche nichts auf eigene Faust zu tun!“

„Ja“, sagte Taemin und sah dann zur Tür.

Jonghyun lief los und Taemin folgte ihm. Er hatte das Gefühl der Schrei seiner Mutter steckte immer noch in seinen Ohren und würde auch so schnell nicht mehr abklingen.
Er hatte selten solche Angst verspürt. Doch es war keine Angst um sich selbst. Er hatte unglaubliche Angst davor, dass seiner Mutter etwas zugestoßen war.
Hatte Minho nicht vor wenigen Minuten noch gesagt, dass hier oben nichts passierte? Wieso musste er dann jetzt eine solche Angst verspüren?

Langsam öffnete Jonghyun die Tür und sah hinaus. Taemin konnte Gemurmel und schluchzende Geräusche hören. Jonghyun bewegte sich jedoch nicht weiter, sondern wartete auf etwas.

Bis Minho auf einmal rief. „Scheiße. Wir haben sie verloren!“

Jonghyun trat nun auf den Flur und rief: „Minho?“ Taemin konnte ihm jedoch noch nicht hinaus folgen, da der Ältere ihm im Weg stand.

„Jonghyun, bleibt bitte im Zimmer. Er sollte das nicht sehen“, rief nun Jinki, dem man deutliche Angst in der Stimme heraushören könnte.

„Was ist passiert?“, fragte Taemin überfordert und quetschte sich an Jonghyun vorbei aus der Tür.

Dort sah er, am Ende des Flurs eine Ansammlung aller, die in diesem Haus lebten. Direkt vor der offenen Tür, die Minho ihn vorhin, während eines kleinen Rundgangs, gezeigt hatte. Das Büro seines Vaters.

„Taemin, stopp.“ Jonghyun hielt den Jüngeren am Ärmel fest und zog ihn wieder hinter sich. „Du sollst da bleiben, hast du verstanden?“

„Ich muss wissen was passiert ist“, schrie Taemin Jonghyun an und riss sich aus seinem Griff bevor er los sprintete.

Er hatte sich noch nie hilfloser gefühlt, als in diesem Moment, in dem er an der Tür angekommen war und sich an Jinki und dessen Eltern vorbei quetschte, die ebenso versucht hatten ihn zu stoppen. Doch Taemin hörte für einen Moment überhaupt nichts mehr. Er musste einfach nur weiter gehen!

Nur, um dann vor den größten Schock seines Lebens gestellt zu werden.

„Scheiße“, zischte Jonghyun, der wieder hinter Taemin aufgetaucht war und zog ihn am Ärmel zu sich. „Sieh dir das nicht an, Taemin!“

„Das kann nicht sein“, stammelte der Jüngere und wehrte sich dagegen, von Jonghyun vom Geschehen abgewandt zu werden.

„Lass ihn“, wisperte Eunji, die mit blutverschmierten Händen neben dem Schreibtisch kniete und mit leerem Blick auf den Boden sah.

Kurz zögerte der Ältere, ließ aber dann von Taemin ab. Dieser torkelte dann auf zittrigen Beinen zu dem Schreibtisch, damit er sich genau ansehen konnte was passiert war.

Sein Vater saß noch auf dem Schreibtischstuhl, war jedoch nach vorn gebeugt und lag mit dem Kopf auf der Tischplatte. Seine Augen waren verdreht, aber tief rot von geplatzten Adern. Das Blut war in einer Lache unter seinem Schädel, lief über sämtliche Papiere auf dem Schreibtisch und tropfte schon zu Boden.

„Nein...“, wimmerte Taemin, fiel vor seinem Vater auf die Knie und legte eine Hand auf dessen noch warme Wange. „Nein, nein, nein. Bitte nicht.“

Er war verzweifelt und überfordert, packte aber dennoch mit beiden Händen die Schultern seines Vaters, damit er ihn zurück gegen die Lehne des Stuhls drücken konnte, um ihn besser anzusehen. Dabei verschmierte er sich nun auch selbst mit dem Blut seines Vaters, doch das bekam er nicht mal mehr wirklich mit. Er sah nur noch seinen leblosen Vater wie eine leere, blutige Hülle. Mehr war nicht mehr da.

Die Seite des Gesichts, welche auf dem Tisch gelegen hatte war blutüberströmt und Taemin konnte sogar den Einschuss an der Schläfe erkennen, ebenso wie die kleinen Platzwunden über der gesamten Gesichtshälfte.

Er fühlte so vieles gleichzeitig. Trauer, Wut, Angst, Übelkeit. Diese Dinge bildeten einen Stein in seinem Bauch und hinderten ihn daran zu atmen. Er hatte nicht eine Sekunde daran gedacht, dass so etwas passieren konnte. Und nun war er von all dem so erschlagen, dass er nicht mal mehr wusste, wie weinen funktionierte.

„Taemin“, flüsterte Jonghyun, der nun wieder ganz nah war und von hinten seine Hände auf dessen Oberarme legte. „Bitte sieh dir das nicht länger an.“

„Du hast es mir versprochen, du Scheißkerl“, schrie Taemin seinen Vater an und krallte seine Finger in dessen Hose. „Warum hast du...?“ Seine Stimme brach und vor seinen Augen wurde es wieder schwummrig.

Er war ganz kurz davor in Ohnmacht zu fallen, dessen war er sich bewusst. Hätte Jonghyun nicht plötzlich gewaltvoll an dem Jüngeren gezogen und sein Gesicht an seinen Oberkörper gepresst. „Ganz ruhig. Du weißt was dir sonst passiert. Atme.“

Taemin schluchzte und wimmerte, sein Körper war für ihn kaum zu kontrollieren, als er sich nun aus Reflex an Jonghyun festhielt, welcher seine Arme noch etwas fester um Taemin drückte, bevor er zu den anderen sprach: „Minho, Jinki. Kümmert euch bitte um Eunji. Ich bring ihn hier raus.“

„Nein“, stammelte Taemin wiederholt vor sich hin, als er spürte, dass Jonghyun ihn packte und dann auf seine Arme nahm, um mit ihm aufzustehen.

„Sssssh“, versuchte Jonghyun ihn zu beruhigen. „Konzentrier dich aufs atmen, ja?“

Taemin konnte nichts sehen, sein Gesicht war immer noch auf Jonghyuns Brust gedrückt, während das Gemurmel und das Schluchzen sich immer weiter von ihm entfernte.

„Immer weiter atmen“, wisperte Jonghyun ihm mit tiefer Stimme zu.

„Er kann doch nicht....“, stotterte Taemin während die ersten Tränen aus seinen Augen liefen und von Jonghyuns Oberteil abgefangen wurden.

Langsam betraten sie ein Zimmer und Jonghyun fragte: „Kannst du stehen?“

Er setzte Taemin ab, welcher jedoch nicht mal versuchte die Kraft in seinen Beinen zu halten und sank auf die Knie. Durch seine von Tränen verschwommenen Augen konnte er erkennen, dass sie in einem der Badezimmer waren und er nun direkt neben einer Wanne saß.

Jonghyun griff nach Taemins Armen und zog sie über den Rand der Wanne. Danach stellte er das Wasser an und wartete einen Moment bis es warm war, bevor er den Wasserstrahl auf Taemins blutige Hände hielt. Das Wasser auf dem Boden der Wanne färbte sich rot und Taemin legte seinen Kopf auf einem seiner ausgestreckten Arme ab, während Jonghyun den Rest Blut mit etwas Seife entfernte und wiederholt über Taemins Finger rieb.

Nun fühlte sich Taemin unglaublich leer. Er konnte nichts mehr sagen, konnte auch wieder nicht mehr weinen. Er saß einfach nur da und starrte auf das rötliche Wasser in der Wanne bis es komplett abgelaufen war. Danach legte Jonghyun ein warmes Handtuch um Taemins Hände und Unterarme und zog sie aus der Wanne heraus. Taemins Hände mit samt dem Handtuch sanken auf seinen Schoß und er lehnte sich gegen die Außenwand der Badewanne.

Jonghyun kniete sich anschließend vor ihn und streifte ihm ein paar schweißnasse Strähnen aus der Stirn.

„Wer macht sowas?“, wollte Taemin nun wissen und sah auf das weiße Handtuch in seinen Händen.

Jonghyun atmete tief durch, seine Augen wirkten unglücklich, während er versuchte auf Taemins Frage zu antworten. „Jeder könnte es gewesen sein. Jeder einzelne, der Rache an uns üben will. Jisung hatte viele Feinde, vor allem nachdem er angefangen hat deinen Bruder zu suchen.“

Taemin zischte. Innerhalb weniger Tage hatte sich sein normales Leben in ein Leben voll Hass und Rachsucht entwickelt. Doch auf sein altes Leben kam es ihm nun nicht mehr an.

„Die werden es noch bereuen“, flüsterte er und rappelte sich auf.

„Was meinst du?“, fragte Jonghyun, der ebenfalls aufstand und Taemin festhielt, um ihn zu stützen.

„Ich werde Taesuk finden. Und auch die, die die meinen Vater das getan haben. Ich muss es einfach...“





2 Wochen später

Müde saß Taemin am Schreibtisch im Büro seines Vaters und sortierte Notizen, Akten und Dokumente, die sein Vater ihm zurückgelassen hatte. In den letzten Tagen hatte er sogar sein eigenes System entwickelt und eigentlich kam er auch gut voran, wäre sein Kopf nicht ständig abgelenkt von Gedanken, die er seit dem Mord an seinem Vater verdrängen wollte.

Egal wie er es sich betrachtete, die Hinweise darauf Taesuk zu finden waren zu ungenau. Selbst die Arbeit seines Vaters in den letzten Monaten hatte keine deutlichen Fortschritte gemacht. Taemin stand im Nichts zwischen unbeantworteten Fragen, wenigen Indizien und seiner Traurigkeit.

Nach mehreren Stunden sah er auf die kleine, altmodische Uhr aus Metall, die auf dem Schreibtisch, direkt neben einem Familienfoto mit ihm, und seinen Eltern stand. Mittlerweile war es schon ein Uhr nachts und er fragte sich, ob er doch schlafen gehen sollte. Doch das wollte er nicht. Er hatte die letzte Nacht schon kaum geschlafen, obwohl er sich dazu hatte zwingen wollen. Wieso sollte er es dann also wieder versuchen und scheitern?

Erst als es gegen die offene Tür klopfte sah Taemin auf. Minho war gekommen und hielt eine große Tasse und einen Teller mit Keksen in den Händen.

„Ich dachte mir, wenn du schon nicht schlafen willst, dann kann ich dir etwas zum Aufputschen bringen.“ Er trat in das Büro und kam zum Schreibtisch, um dort neben Taemin die Tasse Kaffee und die Schokoladenkekse abzustellen.

„Danke“, murmelte Taemin und blickte wieder auf die Kontoauszüge direkt vor ihm. „Ihr habt einen Haufen Kohle gemacht mit dieser Organisation, was?“

„Der Staat ist nicht gerade geizig, wenn es darum geht Kriminellen den Garaus zu machen.“ Minho zog einen der Holzstühle, auf dem Taemins Mutter am Nachmittag noch gesessen hatte, näher und setzte sich neben Taemin. „Kann ich dir damit helfen?“

„Ich weiß mir selbst nicht mehr zu helfen, ehrlich“, murmelte Taemin. „Er hat mir das alles hinterlassen und jetzt habe ich keine Ahnung was das überhaupt ist.“

Minho versuchte, wie immer in den letzten zwei Wochen, Taemin zu trösten und aufzubauen. Mit Worten und auch mit unterstützenden Taten. „Du wirst dich einleben. Und bis es soweit ist, hast du noch die Leiter der anderen Gruppen. Kommt der Mann von Jongno nicht in ein paar Stunden her? Ich habe gehört er kommt, um dir zu helfen und sein Sohn übernimmt für ihn dafür die Leitung in Jongno.“

Der Jüngere nickte. „Sein Name Seojun und er ist 55. Angeblich leitet er die Gruppe in Jongno seit 30 Jahren. Gut, dass meine Mutter ihn kontaktieren konnte. Ich glaube er wird uns eine Hilfe sein.“

„Wie ist eigentlich dein Plan?“, wollte Minho wissen und schob den Teller mit dem Gebäck näher an Taemin heran. „Willst du die Truppe übernehmen? Deine Mutter ist momentan ja nicht wirklich in der Lage.“

Taemin schüttelte den Kopf. Das letzte was er wollte war eine Gruppe lauter Ex-Krimineller zu leiten. Dafür war er einfach nicht gemacht. „Seojun kommt und er wird erstmal den Platz meines Vaters übernehmen. Mutter soll sich die Zeit nehmen, die sie braucht, um sich von dem Schock zu erholen.“

„Und du?“, hakte Minho nach. „Lässt du dir Zeit?“

Darauf hatte Taemin keine Antwort. Es ging ihm gut. Zumindest so lange er nicht an seinen Vater dachte oder daran, was diese Mörder mit ihm angestellt hatten.
Die Kugel, mit dem sie ihn in den Kopf getroffen hatten war wohl in ihm explodiert und hatte sein halbes Gesicht mit zerfetzt. Allein der Gedanke daran, wie sein Vater ausgesehen hatte, ließ seinen Magen umdrehen und die Kekse wieder von sich weg schieben, was Minho ganz und gar nicht gefiel.

„Tae, du musst was essen“, sagte er besorgt und rückte den Teller noch einmal zurück. „Du hast gestern überhaupt nichts gegessen. Du wirst noch dünner als eine Bohnenstange.“

„Könntest du in meiner Situation etwas runterbringen? Vielleicht frag ich dich wieder, wenn deinem Dad das halbe Gesicht weggesprengt wurde“, plärrte Taemin und die Wut, die ihn überkommen hatte führte dazu, dass er die Kekse, mit dem Teller vom Tisch stieß und das Porzellan auf dem Boden in kleine Stücke zerbrach.

„Entschuldige“, murmelte Minho und rutschte vom Stuhl, um auf die Knie zu gehen und die Scherben aufzuheben. „Ich wollte dich damit nicht aufregen. Nur, wenn deine Mutter sich nicht um dich kümmern kann, dann will ich es wenigstens versuchen.“

„Echt lächerlich, dass du dich von dem so unterbuttern lässt“, kam es von Jonghyun, der vor wenigen Sekunden erst am Büro angekommen war und Minho verhöhnte. „Egal ob er trauert, er sollte dich nicht wie einen Unterwürfigen behandeln.“

Taemin schnaufte. Auch, wenn Jonghyun mal wieder eiskalt war, hatte er trotzdem recht. Der Ältere war eigentlich der einzige, der Taemin noch dazu bringen konnte wieder etwas Kontrolle über sich zu bekommen, wenn er aus der Haut fuhr. Daher kam ihm seine Anwesenheit gerade recht.

„Lass ihn“, meinte Minho schnell. „Ich kann ihn ja verstehen.“

Etwas an Minhos Gutherzigkeit erinnerte Taemin oft an seinen Vater. Die beiden waren sich schon sehr ähnlich.
Taemin stand auf und ging neben Minho in die Knie, um ihm mit den Scherben zu helfen. „Jonghyun hat recht. Es tut mir leid, Minho. Ich hätte das nicht sagen dürfen.“

„Schon ok“, sagte der andere und lächelte. „Kann dein schlechtes Gewissen dich vielleicht jetzt dazu bringen etwas zu essen? Ich kann nochmal in die Küche gehen.“

Auch, wenn Taemin überhaupt nicht danach war, seinen Magen mit etwas zu füllen, was spätestens in der Nacht nach einem Albtraum sicherlich wieder auf unangenehmen Wege seinen Körper verlassen würde, so konnte er Minho nach dieser Aktion nichts mehr abschlagen. „Von mir aus. Aber mach dir nicht zu viel Arbeit. Instantnudeln genügen.“

Minho nahm Taemin die restlichen Scherben aus der Hand und sprang in die Höhe: „Ich werd dir die Nudeln etwas aufpeppen, dann schmeckst du nicht mehr, dass sie instant sind. Ich bin gleich wieder da!“

So hüpfte Minho mit guter Laune aus dem Raum, vorbei an Jonghyun, der ihm hinterher sah als würde er eine Komödie betrachten.

Taemin richtete sich, mit einer Hand auf seiner Seite gepresst, auch wieder auf und setzte sich zurück auf den großen Drehstuhl hinter dem Schreibtisch, um sich wieder seiner Arbeit zu widmen. Es war noch einiges an Schreibkram zu sortieren und durchzusuchen und das hätte er auch tun können, wäre Jonghyun nicht extra deswegen gekommen, um ihn vom Schreibtisch wegzuholen.

„Es ist schon nach eins“, bemerkte er und drehte Taemins Stuhl in seine Richtung, damit er ihn ansehen musste. „Du hältst dir die Seite. Wenn du die ganze Zeit gebückt sitzt ist das nicht gerade gut, um deine Prellungen abheilen zu lassen. Du solltest dich ab und an auch mal hinlegen und vor allen Dingen schlafen. Vielleicht sollte ich dich mal zum Arzt bringen.“ Er machte eine Pause, doch Taemin sah es gar nicht erst ein ihm zu antworten.

Also redete Jonghyun weiter auf ihn ein: „Du sitzt jetzt seit über sechzehn Stunden hier. Mach ne Pause.“

„Ich hab Pausen gemacht. Sogar drei.“

„Kotz-Pausen, weil du nichts im Magen behalten kannst, zählen nicht“, brummte der Ältere.

„Ich musste mich nicht drei Mal übergeben“, grummelte Taemin.

„Nein, nur zwei Mal und das dritte Mal hast du vor Magenkrämpfen einfach nur noch eingesperrt in der Kabine gesessen.“

„Du sollst aufhören mich ständig zu beschatten“, fauchte der Jüngere und hielt sich eine Hand an den Kopf. Vorsichtig rieb er über seine pulsierenden Schläfen und petzte seine Augen zusammen. Es ging ihm nicht gut, das war ihm selbst klar. Doch unter diesen Umständen nicht zu arbeiten war keine Option. Pausen erinnerten ihn nur weiter an das, was aus seinem Leben geworden war.

„Ich schlage vor, du kippst diesen Kaffee weg, Minho soll dir einen Kräutertee machen und das mit den Instantnudeln lassen wir, bevor du heute Nacht wieder deinen Magen nach außen stülpst.“ Jonghyun langte nun ebenfalls nach Taemins Kopf, jedoch nach seiner Stirn, damit er seine Temperatur checken konnte. „Es ist zwar kein Fieber, dafür bist du vor Müdigkeit aber ganz kalt. Taemin, du musst schlafen!“

„Ich kann nicht“, wisperte Taemin und senkte seinen Kopf. Er hatte es versucht. Zwei Wochen lang versuchte er es schon. Aber wie sollte er? Er konnte nicht schlafen mit dem Gedanken an seine todtraurige Mutter, seinen ermordeten Vater und seinen entführten Bruder. Es ging einfach nicht.

Doch Jonghyun sah das anders. „Und wenn ich dir dabei helfe?“

„Beim Schlafen?“

„Beim Einschlafen.“ Jonghyun lächelte. Seit Jisungs Tod lächelte er Taemin gegenüber öfter, was ihn immer wieder erstaunte. Es machte auf Taemin den Eindruck als würde das Mitleid, welches Jonghyun für Taemin empfand den Älteren zu einem sanfteren Menschen machen als zuvor. „Das Schlafen selbst kriegst du dann ganz ohne mich hin.“

„Und wie willst du mir damit helfen?“, wollte Taemin wissen, der seine Skepsis nicht unterdrücken konnte. Wenn er selbst es nicht schaffte, wie sollte Jonghyun es hinbekommen? „Willst du mir ne Nackenschelle geben, damit ich ohnmächtig werde?“

„Gute Idee“, rief Jonghyun aus und lachte anschließend frech. „Aber nein. Das heb ich mir für den Fall auf, wenn dich wirklich nichts anderes dazu bringt.“

„Sehr witzig“, grummelte Taemin.

„Na los“, sagte Jonghyun und packte nach Taemins Handgelenk. „Sag mir nicht, dass du nicht endlich mal eine ruhige Nacht haben willst? Vertrau mir einfach.“

Natürlich wollte er das. Er sehnte sich nach kaum etwas anderem als sich endlich mal wieder ein wenig entspannen zu können. Jeder Muskel seines Körpers tat weh und auch seine Augen brannten fürchterlich. Er wäre tatsächlich unendlich dankbar, wenn er etwas Schlaf bekäme.
Also nickte er und willigte ein. „Na schön. Aber wenn es nicht funktioniert, dann lässt du mich in Ruhe.“

„Abgemacht.“

Auf dem Weg ins Zimmer begegneten sie Minho, der von Jonghyun ein wenig überheblich dazu aufgefordert wurde die Nudeln wegzuwerfen und einen Tee zu kochen. Minho war lediglich deswegen darauf eingegangen, nachdem Taemin ihn nochmal darum gebeten und ihm klar gemacht hatte, dass es für seinen Magen wohl überhaupt nicht gut wäre, so ein Zeug zu essen.

Also verschwand Minho wieder in der Küche und war wenige Minuten später wieder zurück in dem Zimmer, dass sich Taemin mit den beiden teilte.

Der Jüngste hatte sich gerade erst umgezogen, da hatte Minho ihm seinen Tee auf der Ablage über dem Bett abgestellt und sich danach dann auf sein eigenes Bett gesetzt.

„Du kannst schlafen“, riet Jonghyun ihm und nickte dann mit dem Kopf in Taemins Richtung. „Ich werde wach bleiben.“

„Na schön“, meinte Minho, aber nicht ohne mit Neugier nachzufragen. „Was habt ihr vor? Weiterarbeiten?“

„Ganz sicher nicht“, äußerte Jonghyun und warf sich dann schwungvoll auf Taemins Bett. „Er wird jetzt schlafen.“

„Mit dir als sein Betthäschen, oder was?“, grummelte Minho mit genervtem Tonfall und sah dann zu Taemin. „Kannst du mir verraten, was der da vor hat?“

„Ich hab keine Ahnung“, gab Taemin zu und betrachtete Jonghyun, der es sich auf seinem Bett gerade etwas zu bequem machte. „Was soll das werden?“

„Ganz einfach. Du legst dich jetzt zu mir“, sagte Jonghyun, hörte dabei aber nicht auf, frech zu grinsen.

„Ganz sicher nicht“, beschwerte Taemin sich. „Wenn das deine grandiose Idee ist, mich zum Schlafen zu bringen, dann kannst du dir das sparen.“

„Jetzt lass dich doch einfach mal darauf ein. Ich hab einiges über Schlafprobleme gelesen und ich präsentiere dir hier die Resultate“, erklärte er und zeigte stolz auf das Bett.

„Sieht für mich nicht anders aus als sonst“, meinte Taemin, der nicht gerade beeindruckt war von Jonghyuns Art ihn zum Schlafen zu bewegen.

„Also die Temperatur im Zimmer liegt bei 21°, perfekt um einzuschlafen, das Licht mache ich gleich aus und ich habe in der Apotheke heute ein beruhigendes Lavendelöl besorgt, dass ich auf das Kissen geträufelt hab“, zählte Jonghyun auf als wäre das Ganze eine Wissenschaft. „Und zu guter letzt soll die körperliche Nähe einer vertrauten Person zusätzlich beruhigen und entspannen.“

„Eine vertraute Person? Sollte dann nicht besser ich an deiner Stelle sein? Immerhin bist du alles andere als vertrauenswürdig“, gluckste Minho, der Jonghyun überhaupt nicht ernst nahm.

Taemin war jedoch nicht abgeneigt von dem, was Jonghyun für ihn getan hatte. Diese Aktion passte eigentlich so gar nicht zu ihm und von daher war der Jüngere so überrascht, dass er sich sogar ein klein wenig gut damit fühlte. Denn er hatte nie erwartet, dass Jonghyun sich solche Mühe für ihn geben würde.

„Geh einfach schlafen und lass mich das regeln“, forderte Jonghyun. „Wenn du Taemin nah sein willst, dann kannst du es ihm einfach sagen, als dich mit solchen Aussagen an seine Seite zu drängen.“

„Wenn da mal nicht einer von sich auf andere schließt“, grummelte Minho und machte es sich auf seinem Bett etwas bequemer. „Dann macht jetzt auch das Licht aus. Wenn dieser Seojun morgen kommt wird es sicher ein anstrengender Tag.“

Jonghyun ignorierte Minho jedoch oder tat zumindest so, denn er antwortete ihm nicht, sondern klopfte neben sich auf das Bett. „Komm her, Taemin.“

Unsicher platzierte Taemin sich neben ihm und legte sich, wie eine starre Puppe mit etwas Abstand zu Jonghyun, der den Jüngeren amüsiert ansah.

„Also so wird das nichts“, sagte er, presste sich an den Jüngeren und fuhr mit einem Arm unter seinen Nacken, damit er ihn halten und etwas näher an seine Brust ziehen konnte. „Du musst schon kooperieren, Kleiner.“

„Das sagst du so einfach“, murmelte Taemin in sich hinein, während er sich so nah an Jonghyun ziemlich aufgeregt fühlte. Diese Methode würde doch sicher dazu führen, dass er ewig wach blieb. „Blödmann.“

„Und jetzt sei still und schlaf ein“, befahl Jonghyun und streckte sich, damit er den Lichtschalter an der Wand erreichte.

Der Raum wurde in komplette Dunkelheit und Stille gehüllt. In so einer Stille war er schon lang nicht mehr gewesen und das mit Absicht. Denn er wusste genau was passierte. Keine Sekunde war es ruhig, da schossen ihm die Gedanken in den Kopf. Schlimme, schreckliche Gedanken. So schrecklich, dass er keine Sekunde weiter liegen bleiben wollte.

Bis etwas an seine Ohren drang. Es war das Summen Jonghyuns, das er hörte. Eine Melodie eines Kinderlieds, dass er selbst schon sehr oft gehört hatte. Als er jung war hatte er es gern gesungen und seine Mutter hatte es ihm damals oft vor dem Schlafengehen vorsingen müssen.
Doch woher wusste Jonghyun das nur?

Es war verrückt. Plötzlich konzentrierte Taemin sich nur noch auf die sanfte, wohltuende Stimme des anderen und die leichte Vibration, die er an Jonghyuns Brust spüren konnte. Das und der angenehme Duft des Lavendelöls vermischten sich, bis Taemins Kopf nur noch damit gefüllt war.

Keine fünf Minuten hielt seine Aufmerksamkeit stand, da war er schon abgedriftet und schlief zum ersten Mal seit Tagen ruhig und gelassen ein.

Kurz bevor seine Wahrnehmung verblasste konnte er noch etwas hören.

„Schlaf gut, mein kleiner Prinz.“
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