Die Abenteuer des Lesedrachen Finn

GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P6
27.04.2020
12.10.2020
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27.04.2020 596
 
Prolog


Endlich löschte sich das letzte Licht in dem alten Gebäude. Das letzte Mal wurde der Schlüssel im Schloss umgedreht.
Stille senkte sich über die liebevoll gestalteten Regalreihen, auf denen Unmengen an Büchern darauf warteten ausgeliehen und gelesen zu werden.
Den ganzen Tag über hatten die unterschiedlichsten Menschen hier die Regale durchstöbert – Männer, Frauen, alte Menschen, junge Menschen, Eltern, Lehrer, Arbeiter, Studenten, Schüler oder einfach nur Wissbegierige, Neugierige und Leseratten.
Die Bücherei war ein Ort für jeden.     
Und sie war das Zuhause zweier ganz besonderer Brüder.
Die Lesedrachen Finn und Finndelius.      
Ihre Mutter war nicht wirklich kreativ bei der Namensvergabe gewesen, aber die beiden störten sich nicht an ihren relativ gleichen Namen.
Tagsüber schliefen beide, doch sobald der letzte Kunde gegangen war, sich der letzte Mitarbeiter sich von ihnen verabschiedet hatte und die letzte Reinigungskraft das Licht gelöscht hatte, schüttelten sie den Schlaf von sich ab.
Zuerst zuckte nur eine Schwanzspitze, dann eine Tatze und schließlich öffnete sich ein honigfarbenes Auge.
Es blinzelte kurz, dann öffnete sich auch das andere.
Mit einem kräftigen Gähnen öffnete sich die Schnauze des kleinen Drachens, zeigte seine spitzen Zähne.
Finn streckte sich, breitete seine ledernen Schwingen aus, schüttelte sich.
Beinahe wäre er dabei von den Bücherkisten gefallen, auf denen er geschlafen hatte.
Seine goldenen Augen suchten nach seinem älteren Bruder, fanden ihn noch immer schlafend zwischen den Sitzwürfeln der Bücherburg.
Sein Bruder war ungefähr so groß wie ein Hund und tagsüber liebten es die Kinder, sich an ihn zu kuscheln und zu lesen.
Finn visierte sein Ziel an, spreizte die Flügel und ließ sich dann mit einem lauten PLUMPS auf seinen größeren Bruder fallen.
Mit einem überraschten Aufschrei erwachte dieser aus seinen angenehmen Träumen, wandte sich in Erwartung eines Einbrechers oder anderen Angreifers um.
Dabei schleuderte er seinen kleinen Bruder mit einem seiner großen Flügel von seinem Rücken, woraufhin dieser über den Teppichboden rollte und dann schmerzhaft gegen den Ständer mit den Comics prallte.
„Aua…“, murmelte er leise, während sein älterer Bruder sich schnaubend schüttelte, ihm einen missbilligenden Blick zuwarf.
„Finn, wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du mich nicht wecken sollst!“, knurrte der große Drache und der Angesprochene duckte sich verlegen.
„Seit wir hier eingezogen sind…Aber du hast auch gesagt, dass du Ärger kriegst, solltest du deine Verabredung mit Gandalf dem Grauen verpassen“, rechtfertigte sich Finn und sein Bruder rappelte sich hastig auf.
„Das ist heute?“
Finn nickte nur.
Sein Bruder war immer so beschäftigt in den Büchern, die er besuchte.
Denn – und das ist ganz wichtig zu wissen – die beiden Brüder hatten die Fähigkeit die Bücher die sie lesen, direkt zu besuchen.
Sie schlüpften zwischen den Seiten und Buchstaben in die Welt und verschwanden. Jeden Abend aufs Neue.
„Nun, die üblichen Regeln, wenn du alleine bist, Finn…Du zeigst dich keinem Menschen, von dem du dir nicht hundertprozentig sicher bist, ob er freundlich ist. Du bleibst in der Kinderabteilung und spätestens zwei Stunden vor der Öffnung der Bücherei bist du wieder zurück – verstanden?“
Finn nickte nur wieder, kannte die Ermahnungen seines Bruders inzwischen auswendig.
Finndelius musterte ihn noch kurz misstrauisch, dann wandte er sich ab und tappte die alte Holztreppe in das nächst höhere Stockwerk hinauf.
Finn war sich sicher, irgendwann würde er seinen Bruder mit zu den Romanen für die Erwachsenen begleiten, aber bis dahin hatte er die ganze Vielfalt der Kinder- und Jugendbuchabteilung für sich alleine.
Mit einem breiten Grinsen wandte er sich den Regalreihen zu und ließ seinen goldenen Blick suchend über die Buchrücken gleiten.
Wo sollte er heute vorbeisehen…
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