Die Staatsaffäre

GeschichteRomanze, Thriller / P18
27.04.2020
13.10.2020
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27.04.2020 2.592
 
Wien, 28. April 2019

Müde wie an jedem Morgen verließ ich ohne zu frühstücken schon um halb 5 Uhr meine WG. Um Reporterin beim ORF, meinem Traumjob, zu sein, nehme ich das aber gerne in Kauf. Ich stieg in die Ubahn, fuhr ein paar Stationen und ging das letzte Stück zum ORF-Studio zu Fuß. Ich bewege mich gerne am Morgen, denn ich habe oft zu wenig Zeit für Sport. An diesem Tag war ich außerdem aufgeregt, denn ich sollte bei der Pressekonferrnz über Pensionsreformen, dabei sein. Und dort sprach niemand geringeres als mein Schwarm: Bundeskanzler Sebastian Kurz. Seit acht Jahren vergötterte ich diesen engelsgleichen Mann mit Sinn für Umbruch und Gerechtigkeit. Beim Studio angekommen überarbeitete ich Berichte von Journalisten, die über Nacht eingegangen waren und sendete die brauchbaren Neuigkeiten an die Chefredaktion weiter. Danach kümmerte ich mich noch um Interviews von Passanten, die ich am Vortag mit meinem Team gemacht hatte. Kameramann Christoph, Journalistin Marija und ich sind das perfekte Team und wir bringen immer wieder super Beiträge. Während ich also die Interviews bearbeitete und selektiere, kam Christoph mit sieben Tassen Kaffee auf einem Tablett vorbei. "Guten Morgen, du Fleißige!", rief er gut gelaunt. "Guten Morgen! So viel Kaffee? Bist du so müde?" - "Nein, aber du! Hier. Außerdem hast du in drei Stunden diese Pressekonferrenz und mir kommt vor, immer wenn du ins Parlament gehst oder anderweitig mit Politikern zu tun hast, bist du super nervös. Und da hilft Kaffee". Wenn du wüsstest! Ich schnappte mir eine Tasse und trank sie ohne abzusetzen aus. Sofort griff ich zur nächsten. Mein Magen knurrte. "Ich hol dir noch was zu essen. Nicht dass dein Magen den Bundeskanzler übertönt", lachte Christoph, stellte mir noch eine dritte Tasse auf den Tisch und ging mit den restlichen Tassen weiter ins nächste Büro. Nach einer weiteren Stunde der intensiven Arbeit, zwei Sandwiches, einem Joghurt mit Müsli und einer kurzen Besprechung ging ich in die Maske um mich für die Pressekonferenz herrichten zu lassen. Während mich Gernotina schminkte und die langen, dunklen, lockigen Haare zu einem straffen Pferdeschwanz band, dachte ich an Sebastian. Ich bin ihm noch nie aufgefallen. Er hat noch nie eine meiner Fragen beantwortet, immer ein anderer Politiker! Für ihn existiere ich doch gar nicht! "Kannst du ein paar Strähnchen vorne raushängen lassen?", fragte ich Gernotina. "Wem willst du denn gefallen?", bohrte sie lächelnd nach. Als ich nicht antwortete, zupfte sie feine Strähnchen aus dem Zopf und zwirbelte sie zu Löckchen, die mein helles Gesicht umrahmten. Sie malte meine ohnehin wohlgeformten Augenbrauen nach und trug nudefarbene Liedschattentöne auf, die meine kastanienfarbenen Augen noch mehr zur Geltung brachten. Nach der Maske sah ich aus wie eine Porzellanpuppe. "Dankeschön", murmelte ich und sah Gernotina dankbar an. Die 54jährige Kosmetikerin und Friseuse war in den letzten Monaten zu einer meiner Lieblingskolleginnen geworden. Es war halb 11. Um 12 Uhr würde die Konferrenz beginnen. Ich hatte also noch Zeit die Interviews fertig zu sortieren und mit den neuen Berichten anzufangen. Vertieft in meine Arbeit bemerkte ich gar nicht, wie die Zeit verging. Erst um halb zwölf stürmte Armin Wolf zur Tür herein. "Helena! Du hättest vor zwanzig Minuten losfahren müssen!!" Ich zuckte zusammen. Verdammt! Während ich aufsprang und aus dem Zimmer lief, rief Armin mir hinterher, dass ein Fahrer schon vor der Tür stand und mich zur Konferrenz bringen würde. Ich lief mit der halb geschlossenen Mappe auf den hohen Schuhen aus dem Gebäude und setzte mich in den Wagen. Mit durchgedrehten Reifen startete mein Fahrer los. "Das Kamerateam hat dich wohl vergessen, was?"-"Was?", fragte ich außer Atem. "Na das ORF Kamerateam, das ich zuvor ins Parlament gebracht habe. Die haben gesagt, sie sind vollständig und dann sind wir schon los". Ich hielt inne. Das Kamerateam... Estelle! Estelle war meine Feindin beim ORF. Sie war sauer auf mich, weil ich anstatt ihr den besseren Posten bekommem habe. Und jetzt versucht sie mit allen Mitteln mich zu sabotieren. Währed ich mir Rache schwor fing es draußen an zu regnen. Nicht auch das noch! Ich wollte nach meiner Tasche greifen um einen Regenschirm rauszuholen, doch ich hatte sie in der Eile im Büro vergessen. So ein Mist! Es war dreiviertel 12, als wir ankamen. Ich bedankte mich bei meinem Fahrer, hielt die Mappe über meinen Kopf und lief zum Parlament, wo nur mehr wenige Menschen standen. Fuck, ich habe den Anfang verpasst! Ich überholte schnell laufend einen großen Mann mit Regenschirm, der sich ebenfalls zu sputen schiem. Was der wohl macht? Ob er auch zu spät ist. Die dünnen Absätze meiner Schuhe versanken oft im Kies und ich kam nicht schnell genug vorwärts. Kaum hatte ich aber den Aufstieg zum Parlament erreicht, rutschten Zettel aus meiner in der Eile nicht ordentlich geschlossenen Mappe und landeten im nassen Kies und im Gras. "Verdammt!", rief ich, klemmte die Mappe unter den Arm und versuchte die Zettel, die sich im Regen auflösten, zu retten. "Warten Sie, ich helfe Ihnen!" rief plötzlich jemand. Im Kies hockend sah ich nur aus dem Augenwinkel, dass der Mann mit dem Regenschirm von vorher nachgekommen war. Er drückte mir den Schirm in die Hand und hob meine Blätter auf. Regentropfen rannen mir von den Haaren übers Gesicht. Ich war vollkommen durchnässt. "So ein Scheisdreck! Meine Frisur, mein Make-up, mein Outfir UND meine Notizen sind im Arsch!", schimpfte ich und ließ mich auf den Kies sinken. Der Mann lachte leise, gab mir unter dem Regenschirm die nassen und verschmierten Blätter zurück und reichte mir seine Hand. "Das ist nicht witzig! Ich bin Reporterin und soll zur Pressefonferenz! Da muss ich gut aussehen!" Ich griff dennoch nach der Hand des Mannes und ließ mich hochziehen. "Danke", murmelte ich beschämt und blickte zu Boden. Als ich vom Boden aufsah um meinem Helfer ins Gesicht zu sehen, lief es mir heiß und kalt gleichzeitig den Rücken hinunter: Sebastian Kurz! Seine Haaren waren ebenfalls tropfnass und vom Wind zerzaust worden, doch die dunkelblauen Augen strahlten Selbstsicherheit aus. Ich starrte ihn mit offenem Mund an. "Ich muss da auch hin- und ohne mich dabei wichtig machen zu wollen: mein Aussehen ist dabei auch sehr wichtig" lachte er. Sofort gab ich ihm seinen Regenschirm zurück. "Oh, es tut mir so leid", stammelte ich. Sebastian hielt den Regenschirm so, dass wir darunter Platz hatten. "Zwölf Minuten haben wir noch, Fräulein", lachte er und deutete mir im zu folgen. Mein Herz pochte laut. Das ist doch wohl ein Traum! Oh Gott, wie sehe ich aus?! Sebastian sieht so gut aus, trotz Regen und Sturm und ich... hoffentlich ist mein Make-up nicht schlimm verschmiert. Als wir unter das Dach kamen schüttelte er den Regenschirm ab. "Sie... Sie sind ja auch spät", bemerkte ich plötzlich. "Ja", lachte er, ich habe meine Autoschlüssel nicht gefunden, jetzt musste ich öffentlich fahren. Und Sie?" - "Ich?", krächzte ich. Sebastian spricht mit mir und fragt mich etwas. Das kann nicht real sein. "Also ich bin vom ORF und das Kamerateam ist ohne mir losgefahren und jetzt musste ich selbst nachkommen" - "Ohne Schirm?" - "Den habe ich vergessen". Wie dumm. Oder wie gut, denn so habe ich nun mit Sebastian gesprochen! Als wir bei der Pforte angekommen waren deutete er mir vorzugehen. "Alle warten auf SIE, nicht auf mich!" - "Aber ich möchte nicht anfangen, ohne meine Haare in Ordnung gebracht zu haben. Außerdem möchten Sie doch sicher VOR mir da sein", lächelte er. Oh Gott, ja er hat ja sowwas von recht. "Sie sehen super aus, aber ich..." Sebastian strich die nassen Stähnen aus meinem Gesicht. Mein Herz setzte aus. Das kann nicht real sein. "Die vom ORF haben das mit dem wasserfesten Make-up schon drauf, keine Sorge", schmunzelte er. Ich nickt heftig und starrte ihn weiter an. Er ist so lieb. "Ich heiße übrigens Helena"- "Sebastian" -"Ich weiß".Wir schüttelten uns die Hände. "Helena, Sie sollten reingehen", meinte er lächelnd. "Oh, natürlich. Ähm... dankeschön noch mal für... für den Schirm und die Notizen. Wir sehen uns drinnen, ich habe... also ich hatte Fragen dabei....", meinte ich und sah auf die nassen Notizen. Er sah mich mitfühlend an. "Lassen Sie sich was einfallen, Sie scheinen klug zu sein, Helena". Hat er mir gerade ein Kompliment gemacht?! "Danke... ähm... ich geh jetzt. Bis gleich", stammelte ich, machte die große, schwere Tür auf und lief ins Parlament. Die Tür fiel wieder ins Schloss. Oh du meine Güte, das ist doch jetzt nicht wirklich passiert! Ich wischt mir alle Haare aus dem Gesicht, richtete mich grade und ging unverzüglich zur Pressekonferrenz. Als ich den Raum betrat, wurde ich von allen Seiten angestarrt. Peinlich berührt setzte ich mich auf einen freien Platz und sah mich nach Estelle um. Diese stand schelmisch grinsend hinter ORF Kameramann Ludwig, der schon seit einer Ewigkeit beim ORF arbeitete. Ich warf Estelle einen bösen Blick zu und widmete mich meinen Unterlagen... besser gesagt dem, was von ihnen übrig war. Ich markierte mir die noch entzifferbaren Fragen und versuchte dabei wieder runterzukommen. Sebastian war im echten Leben nicht nur hübsch und intelligent, sondern auch noch nett und humorvoll! Und ich habe ihn getroffen! Er kennt mich nun!! Unruhig saß ich da, zitternd, weil mich in meinen feuchten Klamotten fröstelte. Plötzlich betrat Sebastian den Raum. Sein Haar hatte er glatt nach hinten gekämmt. Man merkte gar nicht, dass er zuvor im Regen gewesen war und Blätter vom nassen Boden aufgehoben hatte. Die Konferrenz begann. Sebastian war mir plötzlich nicht mehr fremd. Ich konnte mich nicht richtig konzentrieren. "... und deshalb müssen wir nicht nur unsere Staatsgrenzen sondern auch die EU Außengrenzen sichern. Gibt es Fragen zur Grenzsicherung?" Meine Chance. Zögernd hob ich nach den meisten anderen Journalisten die Hand. Sebastian sah mich
an und deutete auf mich. "Ja?" Holy. "Ähm... also..." Wieder wurde ich von allen Seiten angestarrt. Sebastian lächelte gequält, ließ mir aber noch Zeit. "Werden die in der letzten Konferrenz angekündigten Schutz- und Versorgungspakete dann an die EU Außengrenzen geliefert?" - "Das passt eigentlich nicht...", wollte der Moderator einwerfen, doch Sebastian unterbrach ihn sofort. "Nein, die Hilfspakete für Flüchtlinge werden innerhalb österreichischer Grenzen eingesetzt" - "Die letzte Flüchtlingswelle ist 2016 abgeebbt, wie kommt es, dass wir die Schutzpakete nun dennoch innerlands verwenden und nicht dorthin schicken, wo die aktuell Geflüchteten sie brauchen" Sebastian starrte mich an. Upps "Also ehrlich gesagt geht es in dieser Konferrenz nicht um die Schutzpakete!", warf der Moderator nervös ein. "Österreich ist nicht verpflichtet Nicht-Staatsbürgern irgendetwas zukommen zu lassen", meinte Herbert Kickl und hoffte, dass meine Fragerei damit ein Ende hatte, doch ich wurde mutig. "Wollen Sie damit sagen, dass uns Menschen in Not nicht betreffen und dringend benötigte Hilfpakete innerlands zu horten ein akzeptabeler Zug ist?" Journalisten fingen an zu murmeln. Sebastian starrte mich immer noch an, fing aber an zu lächeln. "Die Hilfspakete betreffend haben wir noch nichts entschieden, aber ich denke, dass eine Soforthilfe an den Grenzen notwenig ist. Immerhin muss man Menschen, die im Regen stehen, wenigsten einen Regenschirm und eine helfende Hand geben". Ich lachte leise, Sebastian lachte auch. Wir wurden entgeistert angestarrt. "Zurück zum Thema: gibt es noch Fragen bezüglich der Sicherung der EU Außengrenzen?", fragte Sebastian und wirkte plötzlich wieder ganz besonnen. Ich hielt mich den Rest der Konferrenz zurück. Ich erntete ein paar strafende Blicke von HC Strache und Herbert Kickl. Nach der Konferrenz knüllte ich die immer noch feuchten und unbrauchbaren Zettel zusammen und steckte sie in die Jacke meines Blazers. "Du spinnst wohl?!", keifte Estelle mir ins rechte Ohr. "DU hast mich im Studio zurückgelassen!", zischte ich zurück. "Dass du unorganisiert bist und keine Termine nicht einhalten kannst, ist nicht meine Schuld" - "Das Team fährt immer gemeinsam! Und du hast den Fahrer gesagt, ihr wärt vollständig" - "Du hast auf der Pressekonferrenz sowieso nur gestört mit dieser unpassenden Fragerei! Und wie du aussiehst! Sowas repräsentiert den ORF?!" Im Augenwinkel sah ich Sebastian auf Estelle und mich zukommen. Oh Gott. Das Herz schlug mir bis zum Hals. Ist er sauer? "Sie sind mir ja eine", lachte er. "Erst lassen Sie mich im Regen Ihre Notizen aufsammeln, während Sie es sich unter meinem Regenschirm gemütlichen machen und dann machen Sie mich bei der Pressekonferrenz so fertig!" Estelle starrte uns mit offenem Mund an. Er ist so süß! "SIE haben mir ihren Schirm und Ihre Hilfe angeboten. Und das hier ist mein Job", gab ich schüchtern lächelnd zurück. "Da haben Sie leider recht. Dank Ihnen werden nun ein paar mehr Menschen nicht im Regen stehen müssen"- "Dank Ihnen, wenn Sie es so beschließen" Er lächelte mich an und wandte sich zu gehen. "Auf Wiedersehen, Herr Bundeskanzler", rief ich ihm nach. Er drehte sich um lächelte und ging weiter. Estelle neben mir kochte vor Wut. "Er mag dir das vielleicht durchgehen lassen, aber warte nur ab, was der Chef dazu sagen wird!" Ludwig baute die Technik ab, gab uns jeweils eine große Tasche und dann verließen wir gemeinsam stumm das Parlament. Es regnete immer noch. Ludwig ließ mich Schutz unter seinem Schirm finden und wir suchten unseren Wagen. Auf dem Weg ins Studio dachte ich darüber nach, welche Konsequenzen mein Auftreten haben würde und ich fing an mir Sorgen zu machen. Aber ich dachte auch über diese unglaubliche erste direkte Begegnung mit Sebastian nach. Unterwegs klingelte mein Handy. Armin Wolf. Fuck. "Hallo Armin, ich weiß, es tut mir leid, ich...", fing ich an, doch er unterbrach mich. "Das hast du ganz wunderbar gemacht! Wirklich, das war beeindruckend!" Was?? Estelle neben mir hörte das Gespräch mit und sie starrte mich entgeistert an. Ein Lächeln huschte über mein Gesicht. "Sobald du wieder da bist, möchte ich, dass du rauf ins Heute-Studio kommst. Okay?"- "Ja"- "Ciao"-"Ciao" Ich legte auf. Estelle kochte beinahe über. Perfekt. "Danke, dass du mich heute nicht mitgenommen hast", hauchte ich. Sie sagte nichts mehr, sondern starrte für den Rest der Fahrt nur mehr aus dem Fenster. Zurück im Studio ging ich sofort zu Armin ins Heute-Studio. "Sie ist der Wahnsinn!", hörte ich Armin sagen. Neben ihm standen die Chefredakteurin des ORF und zwei Männer, die ich nicht kannte. "Da ist sie schon", meintd einer der Männer. "Helena!", rief Armin erfreut. "Wir möchten dir ein unausschlagbares Angebot machen!"-"Unausschlagbar?", fragte ich. "Du bist schlagfertig und drückst dich sehr gut aus- was hältst du davon, wenn du ab jetzt auch im Fernsehen zu sehen ist? Wie du Gäste interviewst und Politikern auf den Zahn fühlst?" Meine Augen wurden groß. "Ich... ahm... ja... ja klar, aber ich..." - "Wundervoll!" Die nächsten zwei Wochen wirst du schon ab und an Interviews machen. Du bist Journalistin und Redakteurin, du machst das doch fast täglich! Das kannst du!", rief Armin. "Okay". Ich war einerseits glücklich, andererseits hatte ich Angst. Die Verantwortung war in diesem Job riesig. Aber darauf hatte ich doch hingearbeitet, oder?