Die Wachoffizierin

GeschichteKrimi, Romanze / P16
Benjamin Asmus Hermann Gruber Marten Feddersen OC (Own Character) Saskia Berg Thure Sander
25.04.2020
05.09.2020
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Schweigend liefen wir die Gänge entlang zum Aufzug, um auf das jeweilige Stockwerk zu gelangen. Je näher ich dem Büro des Chefs kam, desto unwohler fühlte ich mich. Thure hatte mich nicht so hart dran genommen, allerdings war er nur ein Chef der ebenfalls einem unterstellt war und zwar Herrn Gruber.
Ich wusste, dass mein Arbeitsverhältnis am seidenen Faden hing. Wenn Herr Gruber mir jetzt wegen meiner Geheimnistuerei kündigte, hatte ich wahrscheinlich die kürzeste Karriere in der ganzen Geschichte der Küstenwache hingelegt. Dementsprechend Angst bekam ich, als wir vor dem Büro von Herrn Gruber standen und Thure klopfte.
"Herein.", vernahmen wir kurz darauf und Thure öffnete die Tür. "Ich bringe ihnen Frau Thaler und Frau Berg.", meinte Thure. "Ich möchte zunächst mit Frau Thaler alleine sprechen, sie und Frau Berg warten solange draußen.", lautete die Antwort von unserem Chef. Thure trat zur Seite und ich ging ins Büro. "Schließen sie bitte die Tür.", bat Herr Gruber mich, der an seinem Schreibtisch saß. "Was mache ich eigentlich hier?", hörte ich Saskia gerade Thure fragen. "Das erklärt dir der Chef selbst.", erwiderte Thure und Saskias Antwort konnte ich nicht mehr hören, da ich die Tür  geschlossen hatte. Allerdings fragte ich mich nun ebenfalls, was Saskia hier sollte und Thure wusste mehr als er zu gab. Vielleicht sollte sie Herrn Gruber von der Befragung mit mir berichten, etwas anderes konnte ich mir zum jetzigen Zeitpunkt nicht vorstellen.
"Bitte, setzen sie sich doch.", meinte Herr Gruber nun und klang nicht annähernd wütend, aber dennoch bestimmt. Ich setzte mich auf den Stuhl, der ihm gegenüber am Schreibtisch stand. "Wollen sie etwas trinken?", fragte mich mein Chef, doch ich schüttelte nur den Kopf. "In Ordnung, dann kommen wir am besten gleich zum Wesentlichen. Sie wissen hoffentlich, warum ich sie hier sehen wollte?", fragte Herr Gruber mich. "Ja.", erwiderte ich und blickte auf meine Hände, die ich im Schoß gefaltet hatte und fest aneinander drückte. Aber das half nicht einmal annähernd gegen die innerliche Anspannung. "Ich möchte sie jetzt auch nicht noch fertiger machen, als sie sowieso schon sind, ich denke sie wissen ganz genau das sie sich falsch verhalten haben. Sie hätten mir erzählen müssen, was ihnen widerfahren ist. Hätte ich gewusst, dass es ihnen nicht gut geht, hätte ich reagieren können. Jedenfalls wäre alles besser gewesen, als das es jetzt so auffliegt. Kapitän Sander hat mir berichtet, dass er sie aufhalten musste, damit sie den Mann nicht noch ernsthaft verletzen. Es tut mir leid, was sie durchmachen mussten, wirklich. Aber sie sind Polizeibeamtin, Frau Thaler. So ein Verhalten im Dienst ist inakzeptabel."
Ich konnte Herrn Gruber nicht in die Augen sehen. "Ich weiß.", gab ich kleinlaut zu. "Und warum haben sie es verschwiegen?", wollte mein Chef nun von mir wissen. "Naja.. ich.. ich wusste nicht, wie.. wie ich es sagen soll.", antwortete ich. "Ich wollte ein neues Leben beginnen und habe mich deshalb hier als WO beworben. Als ich damals von hier weg bin, habe ich das nur meinem Ex-Freund zuliebe getan. Ich wollte damals schon bei der Küstenwache bleiben und da kam mir das Stellenangebot gelegen. Es war eine Nacht- und Nebelaktion. Ich dachte, dass ich es schaffen würde, das alleine durchzustehen.", erklärte ich und starrte immer noch auf meine Hände. "Aber das haben sie nicht geschafft.", meinte Herr Gruber. "Nicht ganz.", pflichtete ich ihm traurig bei. "Und es tut mir leid, dass ich all das was mir passiert ist verschwiegen habe. Sie haben Recht, ich bin Polizistin und hätte es besser wissen müssen. Geben sie mir bitte trotzdem noch eine Chance und ich beweise ihnen, dass ich das schaffe.", bat ich ihn und blickte auf. Herr Gruber saß mir gegenüber, die Hände vor sich auf der Tischplatte gefaltet. Unsere Blicke trafen sich und ich konnte seinem kaum standhalten, so viel Autorität strahlte dieser Mensch aus.
"Ich habe keinen Zweifel an ihren Fähigkeiten als Wachoffizierin, Frau Thaler.", meinte er ruhig. "Kapitän Sander hat mir von ihren ersten Tagen bei uns erzählt und er ist von ihnen sehr beeindruckt. Sie sind gut und das, obwohl sie noch recht jung sind und ihr Lehrgang zur WO schon eine Weile her ist. Sie waren lange nicht auf See und dennoch verhalten sie sich, wie es sein muss. Das ist lobenswert." Ich freute mich über diese Worte, jedoch hatte ich im Gefühl, dass da noch etwas anderes von ihm kam.
Und so war es schließlich auch und mein kleiner Funken Hoffnung wurde mit einem Schlag zunichte gemacht. "Dennoch..", setzte Herr Gruber an. "..gibt es Vorschriften und gegen die kann nun mal auch ich nichts ausrichten. Sie sind, bis ihr Fall abgeschlossen ist und uns ein polizeipsychologisches Gutachten vorliegt, vom Polizeidienst suspendiert. Frau Berg wird bis auf weiteres ihre Vertretung als WO übernehmen."
Ich konnte nicht verhindern, dass mir alle Gesichtszüge entglitten. "Wie.. wie bitte?", fragte ich, da ich hoffte mich verhört zu haben. "Frau Berg wird ihre Vertretung übernehmen.", wiederholte Herr Gruber. "Sie hat ebenfalls die nötigen Qualifikationen und ist damit derzeit auch die einzige hier, weshalb es keine andere Möglichkeit gibt. Wieder eine neue Beamtin einzustellen wäre viel zu viel Aufwand.", erklärte mein Chef mir. "Aber.. Ich kann das!", widersprach ich. "Wenn sie mir noch eine Chance geben, dann könnte ich ihnen zeigen.." Herr Gruber fiel mir ins Wort. "Im Moment können sie keine Beamtin sein, Frau Thaler. Sie müssen erstmal das, was ihnen widerfahren ist, verarbeiten. Dafür bekommen sie so viel Zeit, wie sie brauchen. Aber bis dahin ist Frau Berg ab jetzt Wachhabende auf der Albartros 2."
Es war wie ein Schlag ins Gesicht und je öfter Herr Gruber das sagte, desto mehr tat es weh. "Wissen sie was ich nicht verstehe?", fragte ich. "Warum bekommt diese Frau, die eine Kollegin bei einem Einsatz absichtlich verletzt hat, meinen Posten? Warum wird sie nicht bestraft?! Warum arbeitet diese Frau eigentlich noch hier?!" Ich war vor Wut aufgesprungen, aber Herr Gruber blieb ruhig. "Setzen sie sich, Frau Thaler.", sagte er. "Aber..", setzte ich an, doch durfte auch jetzt nicht weiter reden. "Hinsetzen!", befahl er mir nun strenger und ich leistete dieser Aufforderung folge.
"Es ist nicht bewiesen, dass Frau Berg diese besagte Kollegin wirklich verletzt hat und ich persönlich glaube daran auch nicht. Allerdings wurde Frau Berg dennoch bestraft, indem sie nicht befördert wurde, denn ansonsten würden sie jetzt nicht hier sitzen.", stellte Herr Gruber klar. "Für den Job als WO war nämlich eigentlich Frau Berg vorgesehen und keine neue Mitarbeiterin. Und sie sollten froh sein, dass ich das bei der Obrigkeit durchbringen konnte, denn die wollten für die Stelle eine komplett neue neue Beamtin suchen und ihnen nicht die Möglichkeit geben zurück zu kommen. Wenn jedoch Frau Berg einspringt und zusätzlich zu ihren Diensten als Bootsfrau als Wachoffizierin tätig ist, können sie nach einer Therapie wieder zurück kommen."
Mir wurde langsam klar, dass es sich nicht mehr ändern ließ. Ich hatte Mist gebaut und bekam, die Konsequenzen zu spüren und ausgerechnet Saskia profitierte davon. Diejenige, die mich bei Thure angeschwärzt hatte, sollte meinen Posten bekommen. Plötzlich ergab für mich alles Sinn, jedenfalls vermeintlich.
"Ich werde Frau Berg und Kapitän Sander jetzt holen, dann können wir alles weitere besprechen.", meinte Herr Gruber und ging zur Tür. Ich hielt ihn nicht auf. "Dürfte ich sie ebenfalls herein bitten.", hörte ich meinen Chef sagen und anschließend kehrte er an den Schreibtisch zurück. "Frau Berg, setzen sie sich, Herr Sander sie können eigentlich auch gehen wenn sie wollen. Sie wissen ja worum es geht und wir haben soweit alles relevante geklärt."
Doch Thure blieb, auch wenn er stehen musste. Saskia ließ sich auf dem Stuhl neben mir nieder. "Worum geht's?", fragte sie mich, während Herr Gruber und der Kapitän sich noch unterhielten. "Tun sie doch nicht so scheinheilig!", blaffte ich, aber nur so laut das nur sie es hören konnte.
Daraufhin wandte sich Herr Gruber an uns, weshalb sie nichts erwidern konnte und ich meinen Blick nun wieder auf meine Hände in meinem Schoß richtete. Im Augenwinkel konnte ich aber noch sehen, wie Saskia zu Thure schaute und dieser ihrem Blick aus wich als hätte er irgendetwas verbrochen.
"Sie beide wissen ja, was vorgefallen ist.", begann Herr Gruber. "Sie waren bei dem Einsatz dabei und haben beide hervorragende Arbeit geleistet, das muss auch gesagt werden. Allerdings gibt es da diese eine Ausnahme und die dürfen wir leider nicht ignorieren. Frau Berg sie haben Frau Thaler ja vernommen und sie beide kennen die Regeln für einen Beamten oder für eine Beamtin in einem solch labilen Zustand.", führte der Chef weiter aus. "Frau Thaler geht es nicht gut und bis sie von unserem Polizeipsychologen wieder für diensttauglich erklärt wird, werden sie meine liebe Frau Berg, den Posten der Wachoffizierin auf der Albartros 2 übernehmen."
Ich konnte mir gerade noch so jegliches Kommentar verkneifen. Das der Chef Saskia jetzt als lieb bezeichnete, passte mir gar nicht. Denn nach wie vor war ich der Meinung, dass ich alleine nur wegen ihr hier saß. Und jetzt bekam sie meinen Posten, sie hatte also das erreicht, worauf sie wohl spekuliert hatte. Ihr überraschtes Getue, das sie nun an den Tag legte, nahm ich ihr deshalb überhaupt nicht ab. "Ich.. ich soll Frau Thalers Position übernehmen?", fragte Saskia ungläubig. "Ja, jedenfalls vorübergehend. Sie sind nun mal diejenige, die am qualifiziertesten ist und es würde uns einiges an Aufwand ersparen.", erklärte Herr Gruber. "Aber..", setzte Saskia an. "Kein aber, Frau Berg.", unterbrach unser Chef sie sofort. "Sie hätten den Posten sowieso bekommen, wenn gewisse Missverständnisse nicht entstanden wären und nachdem sie sich inzwischen bewährt haben sehe ich nichts was gegen diese Maßnahme sprechen würde. Ich habe bereits Rücksprache mit Kapitän Sander gehalten und er ist derselben Meinung."
Saskia blickte sofort zu Thure. "Du hast das gewusst und mir nichts gesagt?!", fragte sie ihn vorwurfsvoll. "Frau Berg, nicht jetzt!", ermahnte Thure sie sofort und Saskia blieb still. "Ich kann verstehen, dass das alles recht verwirrend für sie sein muss. Erst wollen wir ihnen den Posten nicht geben und jetzt sollen sie spontan einspringen. Aber ich denke, das werden sie mit Bravour meistern und Frau Thaler kann sich in der Zwischenzeit in Ruhe um ihre Angelegenheiten kümmern."
Das war für mich das Stichwort, dass ich nun gehen konnte. Jedenfalls hielt ich persönlich es nicht mehr länger hier drin aus und stand auf. "Dann mal herzlichen Glückwunsch, verehrte Frau Berg!" Meine Stimmte strotzte nur so vor Sarkasmus. "Frau Thaler..", setzte sie an, doch ich ignorierte sie. "Kann ich jetzt gehen?!", wollte ich von Herrn Gruber wissen und er nickte. Ich hatte mich bereits abgewandt, als er mich nochmal aufhielt. "Frau Thaler, da wäre noch etwas..", setzte Herr Gruber an und ich hielt inne.
"Und was?", fragte ich unfreundlicher als eigentlich gewollt. Aber irgendwie war es mir auch egal. "Da sie nun auf unbestimmte Zeit suspendiert sind, ist es ihnen nicht gestattet sich als Beamtin auszuweisen oder irgendwelche Privilegien von Beamten in Anspruch zu nehmen.", erklärte Herr Gruber mir. "Ich weiß.", meinte ich und war mir irgendwie sicher, dass er mir mehr damit hatte klar machen wollen. Doch ich verstand es erst, als er weiter sprach. "Es genügt leider nicht, dass sie das wissen.", meinte mein Chef seufzend und ich sah, dass Thure den Blick senkte. Auch Saskia schien zu wissen, worauf Gruber hinaus wollte.
"Ich möchte jetzt, dass sie mir bitte ihren Dienstausweis aushändigen.", fuhr Herr Gruber fort und offenbar fiel ihm das nicht leicht. Trotzdem konnte ich es nicht fassen, dass er das nun wirklich von mir verlangte. Angeblich glaubten sie alle an meine Unschuld und standen hinter mir, andererseits wurde mir nun wirklich mein Ausweis abgenommen. Eine Suspendierung ging damit einher, das hatte ich gewusst, aber nun fühlte es sich erst richtig offiziell an. Man nahm mir meinen Status als Polizeibeamtin weg, wenn auch vorerst nur für eine gewisse Zeit lang. Ob ich danach aber zurück kommen konnte, das stand noch in den Sternen und mit der Abgabe meines Ausweises steuerte ich in eine ungewisse Zukunft.
"Wenn's denn sein muss.", sagte ich schroff und versuchte meine Angst zu verbergen. Aber mir war klar, dass alle Anwesenden wussten, dass ich bei weitem nicht so selbstsicher war wie ich es vorgeben wollte zu sein. "Es muss sein.", meinte Herr Gruber und ich entfernte daraufhin meinen Dienstausweis von meiner Bluse. Wortlos legte ich ihn auf den Schreibtisch.
"Und ihre Dienstwaffe legen sie bitte auch ab.", bat mein Chef mich und auch das traf mich hart. Ich wurde bestraft, weil mich ein Mann psychisch zugrunde gerichtet hatte und mir bei diesem Typen, der ihm so ähnlich war und der ebenfalls gewalttätig mir gegenüber geworden war, die Nerven durchgegangen waren. Dabei hatte ich mich nur wehren wollen, ein einziges Mal seit Monaten, in denen man mich täglich misshandelt hatte. Warum konnte das niemand verstehen? Anscheinend nicht und mich, beziehungsweise mein Tun, zu verteidigen würde nichts bringen. Das hatte ich ja bereits probiert und das ohne Erfolg. Die Suspendierung war nicht mehr abwendbar und da war es egal, was ich alles versuchen würde. Ich musste abwarten, bis ich irgendwann wieder die Erlaubnis bekam zu arbeiten. Das konnte Tage oder Wochen dauern, aber auch Monate und sogar Jahre. In meinem Fall würde sich das wohl etwas länger hinziehen. Aber ich hatte keine Wahl und mich jetzt unkooperativ zu zeigen würde die Sache noch verschlimmern. Deshalb beugte ich mich auch diesem Willen meines Vorgesetzten.
"Meinetwegen, die Dienstwaffe also auch.", sagte ich und unterdrückte krampfhaft meine Tränen. Sie sollten mir nicht ansehen, wie sehr mich das gerade fertig machte. Obwohl sie es wahrscheinlich auch so schon merkten. Allein ihre Blicke sprachen Bände. Keiner sagte mehr etwas, während ich meine Dienstwaffe aus dem Holster nahm und mit geübten Handgriffen die Munition entfernte. Anschließend legte ich beides, sowohl Waffe als auch Munition, getrennt vor mir auf dem Schreibtisch ab. Genau neben meinen Dienstausweis.
"Sonst noch irgendwas?", fragte ich und Herr Gruber schüttelte den Kopf. "Nein, Frau Thaler. Das war erstmal alles, sie können jetzt gehen. Wir werden uns bei ihnen melden, wenn wir neue Informationen haben. Ich wünsche ihnen auf jeden Fall alles Gute und wir sehen uns bestimmt wieder.", meinte mein Chef und hielt mir die Hand zum Abschied hin. Diese Geste erwiderte ich jedoch nicht. "Tschüss, Herr Gruber.", sagte ich nur und wandte mich dann zur Tür um. Von Saskia und Thure verabschiedete ich mich nicht. Ich wollte einfach nur noch hier raus, weshalb ich mit schnellen Schritten das Büro durchquerte.
"Bea, jetzt warte mal!", hörte ich Saskia rufen. Doch es war mir egal. Ich trat hinaus auf den Gang und zog die Tür hinter mir mit einem solchen Schwung zu, dass sie knallend zu fiel. Eilig lief ich durch die Flure. Ich wollte wenigstens noch meine Sachen holen, ehe ich die Zentrale verließ.
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