Die Wachoffizierin

GeschichteKrimi, Romanze / P16
Benjamin Asmus Hermann Gruber Marten Feddersen OC (Own Character) Saskia Berg Thure Sander
25.04.2020
05.09.2020
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11.07.2020 1.677
 
Meine Kollegen gingen in der Zentrale angekommen gleich wieder ihren üblichen Aufgaben nach, während ich von Thure gleich in einen Verhörraum gebracht wurde. Er ließ mich dann erstmal alleine, da er von Herr Gruber erwartet wurde, meinte aber er würde ihm mitteilen das er zunächst die Befragung mit mir durchführen wollte.
Also wartete ich alleine in dem Raum, in dem sonst Täter oder Zeugen vernommen wurden.  Ich fühlte mich unwohl, denn sonst war ich diejenige gewesen die Fragen stellte und jetzt sollte ich diejenige sein die befragt wurde. Zu ganz privaten Dingen, die eigentlich niemanden etwas an gingen. Aber jetzt war es eigentlich schon zu spät, um einen Rückzieher zu machen. Die Minuten vergingen und es kam mir vor wie eine Ewigkeit, weshalb ich irgendwann anfing unruhig auf und ab zu laufen. Irgendwann ging die Tür auf, jedoch war es nicht Thure der herein kam.
"Ich hab ihnen Kaffee mitgebracht und vorsichtshalber was neues zum Kühlen fürs Gesicht." Es war Saskia, die eine Tasse auf den Tisch stellte und ein Kühlpack in einem Tuch eingewickelt daneben ablegte, nachdem sie die Tür wieder hinter sich geschlossen hatte. Mit dabei hatte sie außerdem Unterlagen.
"Ich warte eigentlich auf Kapitän Sander.", meinte ich. "Ich weiß.", antwortete Saskia und legte die Unterlagen ebenfalls ab. "Herr Gruber hat ihn gebeten, mich die Befragung machen zu lassen, damit die Beiden andere wichtige Dinge besprechen können. Das wird wohl eine Weile dauern."
Und tatsächlich setzte Saskia sich auf den Stuhl, der meinem gegenüber stand. "Ich kann mir denken, dass ihnen das nicht wirklich recht ist.", meinte Saskia und wollte anscheinend noch etwas hinzufügen, hatte jedoch keine Chance dazu. "Stimmt, damit bin ich überhaupt nicht einverstanden!", stellte ich klar. Das Thure ausgerechnet Saskia geschickt hatte, passte mir gar nicht. Jeder fremde Kollege wäre mir bei weitem lieber als Frau Berg, die dem Kapitän als Einzige den Hinweis auf die Blessuren auf meinem Körper gegeben haben konnte. Hätte sie das nicht getan, hätte ich mich vielleicht noch anders aus der Situation winden können. Jetzt war das unmöglich.
"Frau Thaler..", setzte Saskia an. "Ich weiß, dass wir einen schwierigen Start hatten und mein Verhalten ist mir inzwischen mehr als unangenehm.", meinte sie. "Dennoch hat mich Kapitän Sander gebeten, das Verhör mit ihnen zu machen. Und übrigens.. ich weiß, dass sie bei Frau Eckardt waren.", offenbarte meine Kollegin mir nun. "Jedoch kann ich ihnen versichern, dass das was sie ihnen vermutlich erzählt hat, nicht stimmt. Ich habe nicht vor ihnen zu schaden, falls sie das denken."
Thure musste ebenfalls mit ihr über das geredet haben, was er mitbekommen hatte. "Wäre auch irgendwie zu auffällig!", murmelte ich. "Bitte?", fragte Saskia, die mich offenbar nicht verstanden hatte oder sich nur noch mal vergewissern wollte das sie richtig gehört hatte. "Ich sagte.." Ich ließ mir schnell etwas anderes einfallen. "..dass ich jetzt halt mit ihnen reden werde, wenn der Kapitän es so wünscht!" An Saskias Blick erkannte ich, dass sie genau wusste das dies nicht das war was ich vorher von mir gegeben hatte. Jedoch sagte sie nichts. "In Ordnung.", meinte sie und öffnete die Mappe.
"Sie kennen das Prozedere ja ganz genau.", begann Saskia. "Zuerst werde ich mal ihre persönlichen Daten in Erfahrung bringen. Bereit?", wollte Saskia wissen und ich nickte einfach. "Gut.", antwortete die Beamtin mir gegenüber und befragte mich zunächst zu Name, Alter, Wohnort und Familie. Über meine Familie zu sprechen fiel mir nicht leicht. "Haben sie Geschwister?", fragte Saskia mich, nachdem ich ihr Auskunft über meine Eltern gegeben hatte. "Wollen sie vielleicht noch meine BH-Größe wissen?!", fragte ich genervt. Saskia seufzte. "Sie wissen wie das läuft. Es kann ja sein, dass jemand der ihnen Nahe steht etwas mitbekommen hat." Und das war wirklich so. Es gab jemanden und genau über diese Person sollte ich jetzt reden.
"Meine Eltern wissen nichts.", sagte ich. "Aber?", fragte Saskia. "Ich habe eine ältere Schwester, sie weiß etwas.", gab ich zu. "Nur will ich da niemanden mit rein ziehen!", stellte ich daraufhin klar. "Die Daten muss ich trotzdem aufnehmen.", beharrte Saskia. "Wie heißt ihre Schwester?" Ich zögerte. "Karin.", sagte ich schließlich kaum hörbar. "Wie bitte?", fragte Saskia. Es hätte mich auch wirklich gewundert, wenn sie mein Genuschel verstanden hätte. "Könnten sie den Namen nochmal wiederholen?"
Ich kämpfte mit den Tränen. "Beatrice." Beim Klang meines Vornamens zuckte ich zusammen. "Ich verspreche, dass ich ihre Schwester nur informieren werde, wenn es für die Ermittlungen zwingend notwendig ist. Darauf gebe ich ihnen mein Wort." Saskia sprach in einem sehr aufrichtigen Tonfall und sie würde es sowieso herausfinden, wenn sie wollte. Ich wischte mir mit den Fingern die Tränen aus den Augenwinkeln und blickte auf. "Karin.", sagte ich diesmal lauter und verständlicher. "Der Name meiner Schwester ist Doktor Karin Thaler.", führte ich das Ganze weiter aus. "Sie ist also Ärztin.", schlussfolgerte Saskia und ich nickte. "Notärztin, ja.", verbesserte ich Saskias Verallgemeinerung dennoch. "Sie ist 34 Jahre alt und lebt nach wie vor in Österreich, allerdings nicht mehr in unserer eigentlichen Heimat Wien sondern in St. Johann im Pongau." Ich nannte ihr die genaue Adresse, die ich auswendig kannte und außerdem ihre Telefonnummer.
"Danke, das reicht fürs erste aus. Und ich werde sie wirklich nur kontaktieren, wenn es dringend ist. Stehen sie sich nahe?", lautete Saskias nächste Frage. "Sehr.", antwortete ich. "Jedenfalls war das so, bevor ich nach Deutschland bin. Sie mochte meinen Freund.. Ex-Freund nie sonderlich. Bei meinem letzten Besuch, zu Hause bei meinen Eltern war sie auch da und hat ein paar der blauen Flecken gesehen die mir.. am Abend zuvor zugefügt worden waren. Und Naja.. ich hab versucht sie davon zu überzeugen, ich sei die Treppe hinunter gefallen. Aber meine Schwester ist Ärztin, die überzeugt man nicht so einfach. Vor allem nicht bei solchen charakteristischen Verletzungen." Was danach passiert war, daran wollte ich gar nicht denken. Jedoch kam es zwangsläufig anderes. Ich erinnerte mich plötzlich an alles, was danach geschehen war. An jedes Detail des daraufhin entstandenen Streits, an jedes böse Wort das zwischen uns gefallen war. Sie hatte unsere Eltern hinzugezogen und daraufhin war es eskaliert. Ich war abgehauen und seitdem herrschte Funkstille.
"Ich hab alles kaputt gemacht!", rief ich deshalb und legte verzweifelt den Kopf in die Hände. Meine Arme hatte ich auf dem Tisch abgestützt. Ich konnte nicht mehr an mich halten und weinte. All diese Erinnerungen, die jetzt in mir aufkamen, schmerzten so sehr. "Ich hab.. alles.. kaputt gemacht!", schluchzte ich erneut und hörte wie Saskia ihren Stuhl nach hinten rutschte und dann zu mir auf die andere Seite lief. Gleich darauf wurde ich in den Arm genommen. "Sie sind nicht schuld.", sagte Saskia. "Doch!" Es war mir gerade gleichgültig, dass ausgerechnet Saskia diesen Nervenzusammenbruch mitbekam. Ich konnte es nicht länger hinaus zögern, es ging einfach nicht mehr.
"Ich.. ich hätte die Wahrheit sagen müssen und.. und stattdessen versaue ich mir das Verhältnis.. zu meiner Familie! Ich bin.. ein grauenvoller Mensch!" Saskia war neben mir in die Knie gegangen und holte aus ihrer Hosentasche eine Packung Taschentücher. Als hätte sie es geahnt, dass ich heulen würde, wie zwangsläufig jedes Gewaltopfer tendenziell bei einer Aussage. Sie bot mir ein Taschentuch an, das ich tatsächlich an nahm. "Sie sind nicht diejenige, die sich Vorwürfe machen muss.", sagte Saskia ruhig. "Einzig und allein ihr Ex-Freund trägt die Verantwortung für alles, was ihnen widerfahren ist. Und das weiß auch ihre Familie, das ist sicher." Ich blickte Saskia an. In ihren Augen lag keine Spur von Verachtung oder ähnliches. Sie meinte es tatsächlich ernst.
"Wirklich?", fragte ich unsicher und Saskia nickte. "Natürlich. In einer Familie kann man noch so große Scheiße bauen und sie wird trotzdem immer hinter einem stehen. Ich kann mir denken, dass man sie zu Hause in Wien ziemlich vermisst." Ich glaubte einen Funken Traurigkeit in Saskias Stimme zu hören.
"Und wissen sie, was ihre Familie stolz machen würde? Wenn sie mir jetzt erzählen, was man die letzten Monate mit ihnen gemacht hat, damit wir den Kerl schnappen und zur Rechenschaft ziehen können. Einverstanden?" Ich sah ein, dass Saskia mir nur helfen wollte und nickte deshalb leicht.
Saskia begann dann mit der eigentlichen Befragung. Diese dauerte lange, da ich wirklich versuchte jedes Detail zu erzählen. Es war an der Zeit, dies zu tun. Die Beamtin mir gegenüber machte sich Notizen und versuchte professionell zu wirken, jedoch gelang ihr das nicht gänzlich. Ich war schließlich selbst Polizistin und wusste, wenn Menschen nervös waren. Saskia war es. Es kam mir vor, als hätte sie wirklich Mitleid mit mir.
"Das wär's.", sagte Saskia nach ungefähr eineinhalb Stunden. "Ich werde das jetzt an die Kollegen weiterleiten und dann sollten sie ihn bald geschnappt haben. Keine Sorge, ich denke es wird alles gut gehen." Ich zwang mich zu einem Lächeln. "Danke.", sagte ich und Saskia lächelte ebenfalls.
Dann klopfte es plötzlich und Thure trat ein. Wahrscheinlich hatte er schon länger zugesehen, weil er genau jetzt kam wo wir gerade fertig waren. "Wir sind durch.", meinte Saskia und Thure nickte. "Alles klar, dann kann ich Frau Thaler ja mitnehmen. Herr Gruber möchte sie sprechen, sofern sie sich bereit dazu fühlen. Ansonsten können sie gerne noch ein paar Minuten verschnaufen, bevor.." Ich schüttelte den Kopf. "Nein, ich möchte es hinter mich bringen.", meinte ich und stand auf.
"Saskia, du kannst auch gleich mitkommen. Auch dich möchte er sehen." Saskia schien überrascht zu sein, machte dann jedoch ihre Unterlagen zusammen und stand ebenfalls auf. Gemeinsam verließen wir den Verhörraum.
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