Die Wachoffizierin

GeschichteKrimi, Romanze / P16
Benjamin Asmus Hermann Gruber Marten Feddersen OC (Own Character) Saskia Berg Thure Sander
25.04.2020
05.09.2020
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25.04.2020 2.468
 
Ich stellte den letzten Karton in den Kofferraum und verschloss dann die Heckklappe. Innerhalb kürzester Zeit hatte ich meine wichtigsten Sachen gepackt und ins Auto verfrachtet. Eigentlich müsste ich erst in gut zwei Wochen fahren, jedoch hielt ich es einfach nicht mehr aus. Nachdem es jetzt einmal mehr geschehen war, wusste ich das er mich nicht mehr liebte. Das hatte er die ganzen Monate über nicht mehr getan, aber ich war zu blöd gewesen und hatte immer gehofft er würde sich wieder beruhigen.
Aber es war immer schlimmer geworden und vor ein paar Wochen hatte ich dann den Entschluss gefasst ihn zu verlassen. Und das nur, weil mir eine freie Arbeitsstelle weit weg von hier den nötigen Anstoß gegeben hatte. Ich hatte mich beworben und letzte Woche wirklich die Zusage erhalten.
In zwei Wochen sollte mein erster Arbeitstag sein und obwohl es noch so viel zu regeln gab und ich dort noch keine Bleibe hatte würde ich jetzt schon fahren. Jetzt, wo er noch bewusstlos im Haus lag, das war meine Chance. Vermutlich meine einzige Chance. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen nochmal das Gespräch mit ihm zu suchen, nur musste ich mir einfach eingestehen das dies unmöglich gewesen wäre. Ich zitterte noch immer und mein ganzer Körper schmerzte, als ich in den Wagen stieg. Meine Hände und meine Kleidung waren voller Blut und dabei handelte es sich nicht nur um meins. Zum Glück war es dunkel und keiner war mehr auf den Straßen unterwegs, der das hätte sehen können. Das er zur Polizei ging bezweifelte ich stark, denn es würde nicht nur für mich sondern auch für ihn negative Folgen haben. Und so schwer verletzt das es lebensgefährlich war hatte ich ihn auch nicht, soweit ich das hatte beurteilen können. Aber es war nötig gewesen, denn wer weiß ob ich diese Nacht sonst überlebt hätte.
Ich steckte den Schlüssel ins Zündschloss und ließ den Motor an. "Jetzt oder nie!", flüsterte ich und spürte wie mir wieder Tränen über die Wangen liefen. Ich legte den Rückwärtsgang ein und fuhr aus der Einfahrt. Eine lange Autofahrt hatte ich nun zu bewältigen, aber die würde ich schon irgendwie durchhalten.
Den ungefähren Weg hatte ich zwar noch im Kopf, jedoch würde ich nicht ohne Navigation zurecht kommen. Deshalb stellte ich während ich fuhr gleichzeitig noch das Navi ein. "München nach Neustadt in Holstein, Route wird berechnet.", teilte mir die Computerstimme mit. Und gab mir dann die erste Richtungsanweisung. Da es Nacht war und wenig Verkehr herrschte, konnte ich immerhin ein wenig schneller als erlaubt fahren. Ich wollte dieses Haus, diese Stadt, diesen Mann einfach hinter mir lassen und in Neustadt neu anfangen. Eine neue Stadt, ein neuer Job, ein neues Leben. Dort konnte ich hoffentlich die Strapazen der letzten Wochen und Monate vergessen. Die körperlichen Wunden würden aber gewiss schneller heilen, als die seelischen.
'Du hättest dich eher wehren können!', dachte ich bitter. 'Du bist Polizistin, du hast eine Kampfausbildung! Du hättest dich wehren können, du hättest dich wehren müssen!' Doch ich hatte es einfach nicht gemacht. Denn ich hatte diesen Mann einmal geliebt und tat es noch immer, so verrückt es auch klingen mochte. Aber heute Nacht hatte ich mich gewehrt und gewonnen. Einige Verletzungen hatte ich aber davon getragen und ich überlegte, ob es nicht besser war ein Krankenhaus aufzusuchen. Nur würden die mich nur ausfragen, woher meine Verletzungen stammten und ich wollte keinesfalls darüber reden was gerade passiert war. Mit niemandem, niemals. Also versuchte ich nicht an die Schmerzen zu denken, die mich plagten. Und auch ignorierte ich den Schwindel und die Übelkeit. Ich musste diese acht Stunden einfach hinter mich bringen, durchhalten, das konnte ich doch. In meinem Beruf hatte ich schon oft Situationen erlebt, die an die Substanz gegangen waren. Ich musste nur den Fuß auf dem Gas lassen, ab und zu mal bremsen und mich vom Navi leiten lassen. Mehr war das nicht und ich würde das schaffen, denn nur so konnte ich dort wo es für mich hin ging neu anfangen.
Wie erwartet war wenigstens kaum Verkehr auf den Autobahnen und ich kam relativ gut durch. Nach ungefähr drei Stunden Fahrt konnte ich erstmal nicht mehr und ich brauchte unbedingt eine Pause.
Ich fuhr auf einen Rastplatz, wo es eine Toilette gab und stieg aus. Es war kühl und ich zog meine dünne Strickjacke enger um mich. Ich öffnete den Kofferraum und den darin befindlichen Koffer, aus dem ich mir frische Klamotten holte. Ich musste mich unbedingt waschen und umziehen, bevor ich in Neustadt ankam. Und hier war gerade keiner, aber ich blieb trotzdem wachsam. Am liebsten hätte ich meine Waffe bei mir, aber nun musste ich ohne klar kommen.
Schnell nahm ich die Klamotten an mich, packte mir zusätzlich noch den Verbandskasten und schloss dann meinen Wagen ab. Die Toiletten waren offen und nur fahl beleuchtet, aber es reichte aus. Hygienisch war was anderes, aber es blieb mir gerade keine andere Wahl. Man durfte mich auf keinen Fall so sehen. Die Sachen legte ich im Waschbecken ab, schaute in den Spiegel und erschrak. An meiner Stirn klaffte eine blutende Wunde und ich wusste schon jetzt das das blaue Auge Morgen noch intensiver zu sehen sein würde. Ich fing erneut an zu zittern und kämpfte mit den Tränen. Je länger ich mich ansah, desto schlechter wurde mir. Mir drehte es den Magen um und ich schaffte es noch rechtzeitig in die Kabine über die Toilette. Dort musste ich mich erstmal ordentlich übergeben. Ärztin war ich zwar nicht, aber ich hatte eine zusätzliche Ausbildung zur Sanitäterin gemacht und war mir sicher der ich eine Gehirnerschütterung haben musste.
"Scheiße!", schluchzte ich. "Scheiße, scheiße, scheiße!" Ich stützte verzweifelt den Kopf auf die Hände und begann abermals zu weinen. Das es mal so weit kommen würde hätte ich nie gedacht. Erneut spürte ich die Übelkeit hoch kommen und erbrach noch einmal. Und erst als ich mir sicher war das es fürs erste vorbei war, stand ich mit wackeligen Beinen auf und ging zurück zum Waschbecken. Eigentlich hätte ich mich lieber hingelegt und geschlafen, aber die Angst saß mir tief in den Knochen. Ich durfte nicht länger hier verweilen als nötig, ich musste unbedingt weiter. Denn ich traute ihm zu, dass er mir folgte. Obwohl er nicht wusste was mein Ziel war. Aber dieser Mensch war unberechenbar geworden und ich hoffte das er mich nicht auffinden würde. Aber sein bester Freund arbeitete auch dort wo ich eingesetzt gewesen war, das bedeutete er konnte es ihm sagen wenn sie erstmal von meiner Versetzung erfuhren.
Jedoch hatte mein Kollege natürlich mitbekommen das etwas nicht stimmte und vielleicht zählte er eins und eins zusammen und erzählte seinem Kumpel nichts von allem. Ich durfte in diesem Moment aber nicht daran denken, sondern musste erstmal meine Verletzungen versorgen. Ich fing im Gesicht an und arbeitete mich dann vor. Gleichzeitig machte ich mich sauber und zog mir dann die frischen Sachen an. Nun waren nur noch die Schrammen in meinem Gesicht zu sehen, der Rest wirkte normal.
Ich packte mein Zeug und ging wieder hinaus zum Auto. Ich bildete mir ein, dass es noch kühler geworden war in der kurzen Zeit und schnell stieg ich ein. Ich hätte genauso gut hier verweilen und schlafen können, wenigstens für ein paar Stunden. Jedoch war das Risiko einfach zu groß.
In Neustadt würde ich mir erstmal ein Hotel suchen müssen, denn eine Bleibe hatte ich noch nicht gefunden obwohl ich schon in zwei Wochen hätte dort sein müssen. Nun kam ich noch früher dort an und wusste nicht wohin. Aber es hatte damals einige schöne kleine Hotels gegeben, die bestimmt heute noch geöffnet waren und ich hatte genügend Geld um ein paar Tage in einem zu gastieren. Die Zeit bis zu meinem ersten Arbeitstag würde ich damit verbringen mir eine Bleibe zu suche. Eine kleine Wohnung oder vielleicht sogar ein gemütliches Haus. Es hatte schon damals viele in dieser Gegend gegeben. Mir gefiel dieser Gedanke und zum ersten Mal seit langem schöpfte ich neue Hoffnung. Ich hatte den Absprung jetzt geschafft, ich konnte tun und lassen was ich wollte, ich konnte neu beginnen. Und deshalb konnte ich es nun kaum noch erwarten in Neustadt anzukommen, in der Stadt die damals schon für zwei Jahre mein zu Hause gewesen war.
Und warum ich nach München zurückgekehrt war, zu ihm und meinen Traum den Rücken gekehrt hatte, es war mir jetzt nur noch ein großes Rätsel. Die verbliebenen fünf Stunden fuhr ich durch. Mein Körper stand so unter Adrenalin, dass ich meine Schmerzen vergaß und so hielt ich ohne erneute Pause durch.
Plötzlich kam mir die Gegend wieder bekannt vor und ich brauchte das Navi nicht mehr.  Lange war ich nicht mehr hier gewesen und trotzdem war mir diese Stadt sofort wieder vertraut. Es war bereits hell geworden und die Sonne ging langsam hinter der Ostsee auf. Ein Anblick, der mir zugegebenermaßen gefehlt hatte. Ich lächelte ein wenig bei dem Gedanken, dass ich nun nie wieder von hier weg musste wenn ich es nicht wollte. Und ich bezweifelte, dass ich je wieder von hier verschwinden würde.
'Du hättest damals schon hier bleiben sollen!", dachte ich wehmütig. 'Dann wäre das alles nie passiert.' Ich fuhr rechts ran, da ich etwas über ein Hotel hier in der Nähe recherchieren wollte. Ich wollte wissen ob es das noch gab, denn dort war ich damals bereits für ein paar Tage untergekommen. Ich nahm mein Handy zur Hand, dass ich vorhin einfach auf den Sitz neben mir geschmissen und seit dem nicht mehr angerührt hatte. Und als ich auf den Bildschirm sah, wusste ich sofort wieder warum.
Es war die ganze Zeit auf stumm gewesen, weshalb ich es nicht gehört hatte. Aber als ich die vielen Nachrichten und verpassten Anrufe sah, schnürte es mir die Kehle zu. Ich löschte alles einfach aus der Leiste ohne eine SMS zu lesen oder überhaupt darüber nach zu denken zurück zu rufen.
Schnell öffnete ich meinen Internetbrowser und gab den Namen des Hotels ein. Sofort wurden mir passende Ergebnisse angezeigt und tatsächlich existierte es heute noch. "Du tust so, als wärst du seit Jahrzehnten nicht mehr hier gewesen.", murmelte ich kopfschüttelnd und merkte wie absurd ich mich eigentlich verhielt. Denn es war deutlich weniger Zeit vergangen, jedoch kam es mir einfach so vor wie eine Ewigkeit. Da auf der Webseite des Hotels stand das es noch freie Zimmer gab, beschloss ich sofort dorthin zu fahren. Es war nun bald neun Uhr, einchecken sollte also möglich sein. Ich hoffte nur, dass man mich nicht allzu komisch anstarrte. Und wenn war ich keinem eine Erklärung schuldig, denn es ging keinem etwas an was passiert war. Nie wollte ich darüber reden, niemals mehr darüber nachdenken. Obwohl vergessen wohl schwer sein würde.
Ich musste nicht mehr lange fahren um zum Hotel zu kommen. Einen Parkplatz fand ich problemlos und ich stieg aus. Erneut öffnete ich den Kofferraum und suchte in meinem Koffer, on den ich alles einfach wahllos hinein geworfen hatte, nach meinen Papieren und meinem Geldbeutel. Danach zog ich den Reißverschluss wieder zu und hievte den schweren Koffer heraus. Mein Arm schmerzte sehr dabei, wahrscheinlich hatte der mehr abbekommen als gedacht. Die Kartons ließ ich selbstverständlich im Wagen und diesen schloss ich ab, ehe ich auf das Hotel zu ging.
Es war ein hübsches kleines Hotel, in dem man sich durchaus wohlfühlen konnte. Trotzdem wollte ich bald mein Eigenes Domizil hier finden. Aber bis es soweit war, würde ich hier erstmal ein wenig zur Ruhe kommen können. Jedenfalls hoffte ich das. Im Foyer war gerade keiner, aber an der Rezeption saß eine Frau hinter der Theke. Ich durchquerte das Foyer und machte mit einem kleinen Räuspern aus mich aufmerksam.
"Guten Morgen, was kann ich für sie tun?", fragte die Frau höflich und blickte auf. Als sie mich sah, konnte ich erkennen das sie erschrocken war. Aber sie sagte nichts. "Guten Morgen, ich bräuchte ein Zimmer.", erklärte ich ihr. "Wir haben noch ein paar frei.", antwortete die Rezeptionistin. "Ein Einzelzimmer, nehme ich an?" Ich nickte. "Dann würde ich sie bitten, mir ihren Ausweis und ihre Kreditkarte zu geben." Das tat ich und anschließend sollte ich ein Formular ausfüllen. Nachdem sie alles überprüft hatte, gab sie mir den Schlüssel für ein Zimmer. "Dann wünsche ich ihnen einen angenehmen Aufenthalt in Neustadt, Frau Thaler.", sagte die Frau dazu. "Danke.", erwiderte ich und begab mich dann zum Aufzug.
Der, der als erstes kam, war leer und das kam mir ganz gelegen. Ich ging hinein und drückte das Stockwerk, auf das ich musste. Es war ganz oben, ich würde also einen tollen Ausblick haben. Ein paar Augenblicke später konnte ich den Aufzug schon wieder verlassen und ich machte mich auf die Suche nach meinem Zimmer.
Das hatte ich schnell gefunden und ich schloss die Tür auf. Auf den ersten Blick wirkte es gemütlich, genau wie das andere damals. Ich trat ein und verschloss die Tür wieder hinter mir. Nun war ich allein.
Ich zog den Koffer mit mir und wollte ihn auf das säuberlich gemachte Bett heben. Jedoch tat es wieder höllisch weh und ich unterdrückte einen Aufschrei. Aber in Schonhaltung ließ der Schmerz schnell wieder nach und deshalb ließ ich den Arm erstmal in der eingenommen Position. Den Koffer zog ich mit der Hand des anderen Arms ein Stück vom Bett weg und stellte ihn an der einen Wand ab. Auspacken konnte ich immer noch, wenn ich ausgeschlafen hatte. Denn ob ich wollte oder nicht, ein paar Stunden Schlaf waren notwendig. Ich war seit fast 30 Stunden auf den Beinen, es wurde Zeit für ein wenig Ruhe. Und hier war keiner, der mich unsanft aus dem Schlaf riss oder herum schrie. Hier war nur ich, zumindest in diesem Zimmer und ich brauchte keine Angst vor dem Einschlafen haben.
Ich schaltete das Licht auf dem Nachtschränkchen ein und ging dann zum Fenster. Die Aussicht war wie erwartet wunderschön, aber diese konnte ich auch später noch genießen. Erstmal musste ich mich hinlegen, um nicht gleich aus den Latschen zu kippen.
Ich zog meine Jeans aus und ließ sie einfach auf den Boden fallen. Extra umziehen wollte ich mich jetzt nicht und ich hatte auch gar nicht mehr die Kraft dazu. Im T-Shirt schlief ich sowieso am liebsten. Ich legte mich in das gemütliche Bett und schaltete das Licht aus, merkte aber gleich wie die Panik in mir hoch stieg. Also musste es wohl an bleiben. Nachdem ich es wieder angeschaltet hatte, kuschelte ich mich in die Decke ein.
Ich begann wie so oft meine Atemzüge zu zählen. Das tat ich immer, wenn ich Angst hatte, es half mir mich zu beruhigen. 'Eins, zwei, drei..' Und irgendwann fielen mir einfach die Augen zu.
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